Gemeinde statt Kirche

commune

Eine zerstörte Kirche in der Nähe von Damaskus
Eine zerstörte Kirche in der Nähe
von Damaskus
verwaiste reich
Das verwaiste Reich Gottes findet nun in der Gemeinde eine neue, angemessenere Trägerin. Die Kirchentür muß aufgestoßen werden, denn Gott will in die Welt.

Manfred Böhm (Gottes Reich und Gesellschaftsveränderung. Traditionen einer befreienden Theologie im Spätwerk von Leonhard Ragaz) /Textsammlung 2:
http://familiadei.org/textsammlung-2/manfred-boehm/
Die dem Reich Gottes adäquate Sozialform ist nicht die Institution der Kirche, sondern die Gemeinde, die sich als ganzheitliche Lebensgemeinschaft inmitten der Welt versteht
und nicht bloß als sakraler Zusammenschluß um die beiden Elemente Kultus und Dogma. Reformiertes Erbe und anarchistischer Einfluß wirken hier zusammen.

Die Botschaft vom Reiche Gottes, 1942
J. Was verstehen Sie unter Gemeinde?
M. Wie gesagt: die besondere Gemeinschaft, welche die Aufgabe hat, das Reich Gottes zu wollen, das heisst, es auf sich zu nehmen und in die Welt zu tragen.
J. Darf ich sofort eine Frage stellen? Sie reden von der Gemeinde
– warum nicht von der K i r c h e ?
M. Von der Kirche weiss die Bibel nichts…
Die K i r c h e ist die Trägerin der R e l i g i o n, so wie wir sie nun kennen – nicht wahr? Sie ist, wie einer der grössten Theologen der neuen Zeit, Richard Rothe, formuliert hat, die Organisation der Sache Christi in der besonderen Form der Religion. Sie ist Trägerin der Lehre, des Kultus, der Sitte, der Frömmigkeit. Sie baut den Tempel und daneben auch die Synagoge, auch in christlicher Form. Sie schafft Theologie, Dogmatik und Ethik, vor allem das Dogma selbst. Sie kämpft für die Religion, das heisst, sie kämpft für sich selbst, für ihre eigene Geltung, ihre eigene Macht. Sie bindet in dieser oder jener Form, sei es direkt als Kirche oder als von ihr ausgelegte Bibel, das Heil an sich selbst, macht sich selbst zur Bedingung des Heils. Dieses Heil ist wesentlich p r i v a t e s und j e n s e i t i g e s Heil. Kurz: es ist Religion, es ist menschliche Sache und Mache; Die Kirche setzt sich an die Stelle Gottes; sie tut, als ob sie die Sache Gottes wäre, leitet damit aber von Gott weg und verfällt dem Gericht Gottes. Sie wird in der Bibel geschildert und auch gerichtet. Ihr gilt der Kampf Jesu und der Propheten.
J. Und was ist denn die G e m e i n d e ?
M. Ich habe die Antwort schon gegeben: Die Gemeinde ist die Gemeinschaft derer, welche – dazu b e r u f e n, wie ich nun noch ergänzen muss – das Reich Gottes auf sich nehmen, im Glauben seine Verheissung empfangen und im Gehorsam für seine Forderung einstehen. Von ihr redet die Bibel als der wirklichen Gemeinschaft, die Gottes Sache vertritt und dafür Vollmacht hat – von ihr allein.
J. Und sie also wäre es, welche in Form der Gemeinschaft das Reich Gottes trüge?
M. S i e, ja. S i e hat die Verheissung, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden. Aber sie hat eine noch grössere Verheissung, eine positive: Sie ist, möchte ich sagen, S t e l l v e r t r e t e r i n  G o t t e s  a u f  E r d e n. Sie hat V o l l m a c h t. Von ihr gilt, was an jener Stelle weiter gesagt ist: Sie hat die Schlüssel des Himmelreiches; was sie auf Erden bindet, wird auch im Himmel gebunden sein und was sie auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein, das heisst: sie hat Vollmacht zur Vergebung der Sünden; ihr Gebet hat Vollmacht; sie hat Vollmacht des Sieges. Das alles gilt von der kleinsten Gestalt der Gemeinde bis zur umfassendsten. Denken Sie in bezug auf das Erste an die Worte Christi: „Wo zwei oder drei von Euch beieinander sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ und „Wo zwei oder drei unter Euch miteinander übereinkommen, dass sie um eine Sache bitten wollen, soll es ihnen gegeben werden.“

Weltreich, Religion und Gottesherrschaft, 1922
S i e  s t e l l t  s i c h  G o t t  i n  d e n  W e g. Dies entspringt schon daraus, dass sie sich selbst sucht. Aber es lässt sich auch sonst als Folge ihres ganzen Grundwesens aufzeigen. Die Kirche hat eine feste Wahrheit, auf der sie ruht. Gott aber ist nicht der Ruhende, sondern rastlos Vorwärtsschreitende. Die Kirche ist Besitzerin der Wahrheit Gottes, aber aller Besitz in diesem Sinne trennt von dem Gott, den man immer nur in der „geistlichen Armut“ haben kann; die Kirche nimmt ihren Gliedern die Sorge um ihr Verhältnis zu Gott ab und setzt an Stelle des Gewissens die Autorität, aber der wirkliche Gott kann sich nur dem Gewissen offenbaren, das zunächst das Gewissen des E i n z e l n e n ist. Die Kirche weiht die Welt, so wie sie ist, mit ihrem Elend und Unrecht, und erschwert damit, dass sie w i r k-
l i c h Gottes Reich werde; die Kirche tritt jeder freien Regung neuer Wahrheit entgegen und hindert damit, dass Gotteserkenntnis unter den Menschen wachse; die Kirche erweckt den Schein, als ob mit ihr, mit ihrer Liebe, ihren Gottesdiensten, ihren Einrichtungen Gott und sein Reich schon vorhanden sei und erzeugt damit eine Augenblendung und Sinnestäuschung, die das Eintreten der Wirklichkeit stärker als alle Feindschaft der Welt versperrt. Sie wird damit zu einer großen Lüge, und wird als solche von allen wahren Menschen Gottes gehasst, die sie selbst dafür kreuzigt und verbrennt. Die Kirche wird die große Feindin Gottes. Weil dies so ist, so haben wir daraus die Folgerung zu ziehen: Wir können nicht bloß eine Verbesserung der Kirche fordern, sondern müssen ihre A u f h e b u n g verlangen. Es handelt sich nicht nur um Erkrankung, Erstarrung, Entartung einer an sich rechten Sache, die Wurzel selbst ist ungut, das Prinzip ist falsch.

Der Kultus ist ein Greuel vor Gott ohne die Gerechtigkeit seines Reiches.
Jeder Kultus, auch Messe und Abendmahl. Jedes Bild – auch das Kruzifix !

 

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