Jahve und Baal

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Leonhard Ragaz, Die Bibel eine Deutung
Die Geschichte Israels Die Propheten

IV. Die Königszeit Das Intermezzo der Theokratie

c) Jahve und Baal
Der Kampf zwischen Jahve und Baal kommt erst jetzt zur letzten und höchsten Offenbarung seines Sinnes. Zum letztenmal stellt sich uns die Frage: Was ist Baal? Erinnern wir uns zunächst des bisher über ihn Gesagten. Baal ist eine eigenartige und gewaltige Form des Prinzips, das wir Heidentum zu nennen pflegen. Er ist zunächst Vergottung der Natur. Besonders ihrer Fruchtbarkeit. Diese Seite Baals verkörpert besonders die Astarte des vorderen Orientes, die zur Aphrodite der Griechen wird. Dann aber auch ihrer Betäubungskraft, die sich vor allem im Weine kund tut. Aber er ist auch Vergottung der Kultur: der Familie, des Stammes, des Volkes (Baal ist sozusagen das Volk als Gott gesetzt), der Technik, der Wissenschaft, der Kunst. Darum sind auch die griechischen wie die römischen Götter von der Natur Baals, nur, zum Teil wenigstens, in reinerer und höherer Gestalt, mehr in der Nähe des Einen und heiligen Gottes und seines Menschen. So besonders in der griechischen Form, während Jupiter Capitolinus schon mehr in die Nähe des Moloch, des allverschlingenden, rückt. Denn der Molochdienst ist ja für Baal charakteristisch. Es erscheint in ihm das falsche Absolute, das besonders in der Natur hervortritt und ihr den Molochcharakter gibt, der in ihr neben dem Schöpfungscharakter waltet und sich hier besonders im Sexualismus kundtut, das aber auch in der Geschichte erscheint: als Nationalismus und Imperialismus, aber auch als Kapitalismus, Technizismus und in andern Gestalten. Dieser Molochdienst führt vor allem zum Menschenopfer, sei’s in roherer, sei’s in feinerer Form, sei’s als Verbrennung der Erstgeburt in den glühenden Armen des Molochbildes, sei’s als Opferung der Jugend im Dienste des Nationalismus, Imperialismus und Kapitalismus. Eine solche Form des Menschenopfers ist auch die Prostitution, sei’s als heilige, als Teil des anerkannten Kultus, sei’s als weltliche, die doch den Charakter des Götzendienstes behält. Hier wird der Mensch besonders als Weib zum Opfer gefordert. Eine andere Form ist der Alkoholismus, als wichtigste oder doch massivste Form der Betäubung. Der alte Baalskultus war immer mit Alkoholgenuß verbunden, und dieser ist auch in seiner weltlichen Form ebenfalls ausgesprochener Götzendienst, Auch die Kunst wird eine Betäubung ähnlicher Art – kann es wenigstens werden, besonders die Musik. Man darf wohl an die Rolle erinnern, welche die Wagnermusik in einer bestimmten Form des heutigen Baalsdienstes spielt. Der Rassekultus, die Religion von „Blut und Boden“, ist ja wieder ganz ausgesprochener Baalsdienst. Und immer endet der Baalsdienst in Tod und Nichts, gelegentlich sogar als Philosophie des Todes und des Nihilismus. Diese werden die letzte Betäubung und der Krieg deren letztes Wort. Daß dieser Gott, der als der unterschiedslose Eine zum alles verschlingenden Moloch wird, zugleich der, im falschen Sinne, Viele ist, liegt, wie wir in der Urgeschichte reichlich gezeigt haben, in der Natur des falschen Absoluten. In diesem Sinne hat jedes Volk, jede Stadt, jedes Dorf, jedes Lebensgebiet, jede Kultur einen eigenen Baal, der aber überall nur Äußerung jenes falschen Einen ist. Das ist, in wenigen Strichen angedeutet, die Bedeutung Baals bis auf diesen Tag. Dem Baal tritt Jahve entgegen, der Vergottung der Natur und Kultur (die man vereinfachend auch Vergottung der Natur, d. h. des Gegebenen nennen kann), der lebendige Gott, der Schöpfer und Richter, der Gott, der anders ist als Natur und Kultur, der heilige Gott und der Eine Gott, der Gott des wahrhaft Absoluten. Er ist es, der auch den Menschen verlangt, aber nicht als Moloch, sondern als Herr und Vater, der den Menschen nicht verlangt, um ihn zu verzehren, sondern um ihn zu schützen und zu heiligen. Vor ihm ist der Kultus des Baal ein Greuel. Er wird vor ihm zu Hurerei, Sklaverei und Entwürdigung, ja Schändung des Menschen. Sein Zorn entbrennt gegen jede Form des Baal- und Molochdienstes. Er wird zum ewigen Kampf gegen diesen, zur ewigen Revolution gegen alle diese Mächte des Baal, heißen sie Nationalismus, Imperialismus, Militarismus oder Kapitalismus, Alkoholismus und Prostitution und wie immer. Aber er tritt, als der Lebendige, auch in einen solchen Kampf gegen alles bloß Bestehende, das sich als solches vergottet, und nicht zuletzt gegen die Religion. Das ist der ewige Kampf zwischen Baal und Jahve. Er bildet den Grundgegensatz aller Geschichte. Erst wer ihn so versteht, blickt auf den Grund aller Kämpfe und Probleme derselben. Dieser Kampf wird in Israel urtypisch gekämpft. Und das ist wohl die letzte und höchste Berufung Israels, wie der letzte und höchste Sinn seiner Geschichte..
Dazu aber kommt noch etwas ganz Wesentliches, was dem Dienste Baals eine so große Kraft gibt – in Israel und überall. Es läßt sich so formulieren: Baal tritt nicht als Baal auf, sondern als Jahve. Baal tut, als ob er Jahve wäre, und zwar erst recht. Er verdrängt Jahve nicht einfach, sondern verschmilzt sich mit ihm. Er offenbart sich nicht als Abfall von Israel zu der Religion der Völker, sondern verschmilzt sich mit Israel. Um diese Formulierung zu antizipieren: Er gibt sich nicht als Heidentum, sondern als Christentum, wenn möglich sogar als „positives“. Der „deutsche Gott“ will der christliche Gott sein. Und so ganz allgemein. Die bestehende Gesellschaft, ihr Patriotismus, ihr Nationalismus, ihr Imperialismus, ihr Mammonismus stellt sich formell unter Christus; der Staat benützt die Kirche als Stütze; die Religion wird zur Sanktion der Welt. Jahve stärkt und trägt Baal. Er wird auf diese Art selbst Baal. Und daraus wird die große Verderbnis der Sache Gottes wie der Sache der Welt. Daraus entsteht jene „Heuchelei„, welche der Hauptgegenstand des Kampfes der Propheten aller Zeiten wird.

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d) Elias
In diesem Sinn und Geist geht Isabel ans Werk. Sie läßt aus ihrer Heimat nicht weniger als vierhundertundfünfzig Baalspriester („Baalspfaffen“, sagen gröbere Übersetzungen) holen, deren Hauptsitz Samaria wird. Darunter sind ohne Zweifel einige besonders glänzende und berühmte, die Isabel schon in Sidon bewundert und protegiert hatte, und die nun wieder ihre Beichtväter werden. Diese „Pfaffen” stellen wohl Isabel und Ahab, besonders Isabel, die Hoftheologen, die in einer solchen Atmosphäre nicht fehlen dürfen, die aber im eigentlichen Israel, unter Gott, undenkbar sind. Denn unter dem lebendigen Gott braucht man solche nicht. Diese Priesterschaft aber stellt Gott völlig in den Dienst des Königtums. Sie umgibt dieses mit allem Nimbus des Gottesgnadentums. Auf Grund davon darf der Herrscher den Satz wagen: „L’etat c’est moi.“ („Der Staat bin ich“.) Es ist auch selbstverständlich, daß diese Baals-Theologen die Politik Isabels und Ahabs stützen (das ist ihre Aufgabe bis auf diesen Tag), aber sie machen daneben immer auch eine eigene. In Samaria wird ein, jedenfalls besonders großer und prachtvoller, Tempel Baals mit einem entsprechenden Altar Baals gebaut. Es darf aber auch die Gemahlin Baals, die Astarte, nicht fehlen. Ihr wird nach dem biblischen Bericht (I. Könige 16, 29 ff.) eine Aschera (eine den Phallus darstellende Säule, gewöhnlich mit einer Zypresse dabei) errichtet. Vierhundert Priester dienen ihr allein, und auch an geweihten Dirnen fehlt es nicht. Alles wie in Sidon. Das alles bedeutet natürlich einen großen Aufwand. Diese Tempel, Altäre, Pfaffenscharen müssen unterhalten sein; sie „essen vom Tische der Isabel“ – und haben guten Appetit! Auch an Opfern darf es natürlich nicht fehlen. Diesen Aufwand aber muß, vielleicht neben Propaganda- Subsidien aus Sidon, das Volk bezahlen. Hand in Hand damit geht man gegen die Vertreter Jahves (die „Propheten Jahves“, die Hugenotten und Jansenisten) mit blutiger Verfolgung, bis zur Ausrottung, vor..