Mammon und falsche Frömmigkeit als Haupthindernisse des Gottesreiches

Der Mammon und sein Sklave, Sascha Schneider, 1896
Der Mammon und sein Sklave, Sascha Schneider, 1896
Anbetung des Mammon (Gemälde von Evelyn De Morgan)
Anbetung des Mammon (Gemälde von Evelyn De Morgan)

WIKIPEDIA Mammon
Bargeldverbot in Indien
Abba – Money, Money, Money

Ulrich von den Steinen: Agitation für das Reich Gottes
Zur religiös-sozialen Predigtpraxis und homiletischen Theorie
bei Leonhard Ragaz

Leonhard Ragaz: Wie soll ein Christ sich verhalten im großen sozialen Kampf der Gegenwart? Lassen Sie mich nun versuchen, auf Grund dieser Erkenntnis die Sachlage zu schildern, die wir mit dem Maßstab des Evangeliums Jesu zu beurteilen haben.. Ich möchte euch heute vor ein einziges Problem stellen, das Problem, das aus den Worten Jesu aufsteigt, die wir zum Texte gewählt haben.
Warum stellt Jesus Gott gerade den Mammon als seinen größten Feind gegenüber? Wir erinnern uns ja daran, daß dieser Gegensatz sich durch das ganze Evangelium zieht.. Ist dieser Zorn Jesu gegen das Geldwesen nicht merkwürdig? Warum hat er diese unerbitterlichen Worte nicht gegen andere Dinge geredet, zum Beispiel gegen den Unglauben? Oder gegen die Laster, zum Beispiel die Trunksucht oder Unzucht? So machen ja wir es, die Prediger des Evangeliums .. Aber anders Jesus; er hat eigentlich nur gegen zwei Dinge geredet: gegen die falsche Frömmigkeit und gegen den Mammon. Er hat von beiden in dem Sinne geredet, daß sie die eigentlichen Haupthindernisse des Gottesreiches seien ..
Denn sehet nun: der Inbegriff alles Äußerlichen, Fremden, aller bloßen Sache, ist das Geld. Es ist der bloße blinde Stoff; es ist das Seelenloseste, das es in der ganzen Welt gibt. Aber darum übt es auf die Seele eine so dämonische Verführungskraft aus. Es will die Seele überwältigen, knechten, sie selbst zur Sache, zum Stoff, zur bloßen Natur machen. Das Kapital beherrscht seine Diener wie mit einem bösen Zauber, es berauscht sie .. Es ist unser Kampf, daß wir diese Dinge, die Sachen, wie ich kurz sagen möchte, beherrschen; soweit wir das tun, sind wir Geist, Seele, Persönlichkeit, mit einem Worte: Mensch; sobald wir uns aber beherrschen lassen, sinken wir ins Untermenschliche oder ins Unmenschliche hinab ..

Die stärkste Kette aber, die den Menschen an die Welt bindet, ist der Mammon. Damit stoßen wir, wie jedermann zugeben wird, auf eine der entscheidensten Bestimmungen des Evangeliums. Der Mammon ist in den Augen Jesu der größte aller Feinde Gottes. Darüber darf man sich eigentlich wundern. Wir würden von uns aus meinen, daß Laster, Unglauben, weltlicher Leichtsinn doch viel gefährlicher seien und richten unseren Angriff vorwiegend gegen sie. Aber gerade das Nachdenken über dieses scheinbare Rätsel führt uns tiefer in die Gedanken Jesu ein. Warum ist der Mammon der Hauptfeind? Weil er die Seele knechtet, ja tötet, sie der brutalen Sache, dem was fremd und äußerlich ist, unterwirft und sie damit von Gott trennt.
Erfahrungsgemäß hat keine der Weltmächte eine so dämonische Gewalt über die Seele, sie zu versklaven, sie für alles höhere Geistesleben stumpf zu machen, sie sich selbst, dem Bruder, Gott zu entfremden, als der Mammon. Darum der Kampf Jesu gegen diesen größten Feind Gottes und des Menschen. Wir verstehen nun auch, welches Verständnis zwischen diesem Kampf Jesu und der Opposition gegen den Kapitalismus bei Menschen, die von Jesus ergriffen sind, besteht. Wir haben ja gesehen, daß es das Wesen des Kapitalismus ist, die Seele, das Persönliche, Menschliche, zugunsten der Sache zu unterdrücken, sie einer Fremdherrschaft zu unterwerfen.

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