Christ aus Leidenschaft

SÖREN KIERKEGAARD CHRIST AUS LEIDENSCHAFT

„Man kann Christ sein nur im Gegensatz“

Glaube und Existenz

Im Allgemeinen stellt man es so dar, daß man erst den Glauben haben muß, und dann muß ein Existieren nachfolgen. Auch dies hat zu der ungeheuren Verwirrung beigetragen, als wäre dies möglich, Glauben zu haben ohne Existieren. Und das hat man sich so in den Kopf gesetzt und die Existenz abgeschafft – da ja der Glaube das viel Wichtigere ist.
Die Sache ist ganz einfach. Um den Glauben zu bekommen, muß erst eine Existenz her, eine existentielle Bestimmung. Das ist es, was ich nie genug einschärfen kann. Um den Glauben zu bekommen, daß sogar nur die Rede davon sein kann, den Glauben zu bekommen, muß eine Situation her. Und diese Situation muß zuwege gebracht werden durch einen existentiellen Schritt des Individuums. Dieses Propädeutische hat man total abgeschafft. Man läßt das lndividuum in seiner gewöhnlichen mittelmäßigen Bahn gehen – und so bekommt es nach und nach den Glauben, ungefähr wie man, ohne einer Situation zu bedürfen, Lektionen auswendig lernen kann. Aber nimm ein Beispiel: der reiche Jüngling. Was fordert Christus als das Vorläufige? Er fordert eine solche Handlung, durch die der reiche Jüngling völlig in die Unendlichkeit gestürzt werden würde. Sieh, das ist es, was gefordert wird: hinaus sollst Du, hinaus auf die siebzigtausend Faden Wasser. Das ist die Situation. Jetzt kann die Frage gestellt werden, den Glauben zu bekommen oder zu verzweifeln. P. X4, 114

Von der Macht des Glaubens

Es wird gesagt, daß der Glaube das höchste Gut sei, das schönste, das teuerste, der Reichtum aller Seligkeit, nicht zu messen mit etwas anderem, nicht zu erstatten …
Er ist nicht nur das höchste Gut, sondern er ist das Gut, dessen alle teilhaftig werden können; und wer sich seines Besitzes erfreut, der freut sich zugleich über der Menschen zahlloses Geschlecht; „denn was ich besitze“, sagt er, „das besitzt jeder Mensch, oder er kann es besitzen“. Was er einem anderen Menschen wünscht, was er sich selbst wünscht, wünscht er jedem Menschen; denn das, wodurch ein anderer Mensch es hat, ist nicht das, wodurch er von ihm verschieden ist, sondern das, wodurch er eins mit ihm ist; das, wodurch er es besitzt, ist nicht das, wodurch er von anderen verschieden ist, sondern das, wodurch er völlig eins ist mit allen … Ein Mensch kann viel für einen anderen tun, aber ihm den Glauben geben, vermag er nicht … Die Erwartung des Glaubens ist Sieg. Wie sollten wir dem Zukünftigen entgegengehen? Wenn der Seemann draußen auf dem Meere liegt, wenn alles um ihn herum wechselt, wenn die Wogen geboren werden und sterben, dann stiert er nicht in diese hinunter; denn sie wechseln. Er blickt auf zu den Sternen: und warum? weil sie treu sind; wie sie jetzt stehen, so standen sie für die Väter und sollen stehen für die kommenden Geschlechter. Wodurch besiegt er das Wechselnde? Durch das Ewige. Durch das Ewige kann man das Zukünftige besiegen, weil das Ewige des Zukünftigen Grund ist, darum kann man mit diesem jenes ergründen. Welches ist nun die ewige Macht in einem Menschen? Es ist der Glaube. Welches ist die Erwartung des Glaubens? Sieg, oder wie die Schrift uns so ernst und bewegt lehrt, daß alle Dinge denen zum Besten dienen müssen, die Gott lieben. Aber eine Erwartung des Zukünftigen, die Sieg erwartet, sie hat ja
das Zukünftige besiegt. Der Glaube ist darum fertig mit dem Zukünftigen, ehe er an dem Gegenwärtigen beginnt; denn was man besiegt hat, das kann nicht mehr verstören, und dieser Sieg kann einen nur kraftvoller zum gegenwärtigen Werke machen …
Der Glaube sagt: ich erwarte Sieg … Sieg ist seine Erwartung, Sieg in allen Kämpfen, in
allen Anfechtungen;
denn daß vom Kampf die Rede sein könnte, das lehrt die Erfahrung. Doch durch des Glaubens Hilfe wartet der Sieg in ihnen allen … Nur eins ist not, und der Glaube erwartet Sieg … Jedesmal, wenn ich meine Seele dabei ertappe, daß sie nicht Sieg erwartet, weiß ich, daß ich nicht glaube; wenn ich es weiß, dann weiß ich auch, was ich zu tun habe; denn ist es auch keineswegs eine leichte Sache zu glauben; die erste Bedingung, daß ich dazu kommen kann, ist doch die, daß ich mir bewußt werde, ob ich es tue oder nicht … Der Glaube erwartet eine Ewigkeit. S. V. VIII, 17 ff.

Glaube gegen Sünde

Es ist oft genug übersehen worden, daß der Gegensatz zur Sünde keineswegs Tugend ist. Das ist eine zum Teil heidnische Betrachtung, die sich damit begnügt, einen nur menschlichen Maßstab anzulegen, der gerade nicht weiß, was Sünde ist: daß alle Sünde vor Gott ist. Nein, der Gegensatz zu Sünde ist Glaube, wie es daher Röm. 14, 23 heißt:
Alles, was nicht aus Glauben kommt, ist Sünde.
Und dies ist eine von den entscheidendsten Bestimmungen für das ganze Christentum: der Gegensatz zu Sünde ist nicht Tugend, sondern Glaube. Sünde ist: vor Gott verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder: vor Gott verzweifelt man selbst sein wollen. Aber ist diese Definition, wenn sie auch in anderer Hinsicht doch vielleicht ihre Vorteile haben wird (und darunter den wichtigsten von allen, die einzig schriftgemäße zu sein; denn die Schrift definiert Sünde immer als Ungehorsam), ist sie nicht zu geistig? Dazu muß zuallererst geantwortet werden: eine Definition von Sünde kann niemals zu geistig sein (es sei denn, daß sie so geistig wird, daß sie die Sünde abschafft); denn Sünde ist gerade eine Bestimmung von Geist. Und dann: warum sollte sie denn zu geistig‘ sein? Weil sie nicht von Mord, Diebstahl, Unzucht und dergleichen redet? Aber redet sie denn nicht davon? Ist es nicht auch eine Eigenwilligkeit gegen Gott, ein Ungehorsam, der seinen Geboten trotzt? Aber dawider: wenn man beim Reden von der Sünde nur von solchen Sünden redet, wird so leicht vergessen, daß solches alles bis zu einem gewissen Grade, menschlich geredet, in seiner Ordnung sein kann, und doch das ganze Leben Sünde ist … Die Definition umfaßt gewiß jede denkbare und jede wirkliche Form der Sünde; sie hebt doch gewiß richtig das Entscheidende hervor: daß Sünde Verzweiflung ist (denn Sünde ist nicht die Wildheit von Fleisch und Blut, sondern die Einwilligung des Geistes dazu), und ist: vor Gott. Als Definition ist sie Buchstabenrechnung … Die Hauptsache ist hier nur, daß die Definition wie ein Netz alle Formen umfaßt. Und das tut sie. Wie man auch sehen kann, wenn man darauf eine Probe macht: indem man sie durch die Definition des Gegensatzes der Sünde prüft, nämlich des Glaubens … Glaube ist: daß sich das Selbst, indem es es selbst ist, und indem es es selbst sein will, durchsichtig gründet in Gott. S. V. XI, 193 f.

Falsches Verständnis des Glaubens

Jeder christliche Begriff ist so verflüchtigt worden, so völlig in eine Nebelmasse aufgelöst worden, daß man ihn unmöglich wiedererkennen kann. Die Begriffe Glaube, Inkarnation, Tradition, Inspiration, die nach christlichem Verständnis auf ein bestimmtes historisches Faktum zurückzuführen sind, haben die Philosophen für gut befunden, ihnen eine ganz andere, allgemeine Bedeutung zu geben: wobei Glaube das unmittelbare Bewußtsein wird, das im Grunde nichts anderes ist, als das vitale Fluidum des geistigen Lebens, seine Atmosphäre; Tradition ist der Inbegriff einer gewissen Welt-Erfahrenheit geworden, wohingegen Inspiration nichts anderes geworden ist, als das Resultat von Gottes Einhauchen des Lebensodem in den Menschen, und Inkarnation wurde nichts anderes, als die Anwesenheit der einen oder anderen Idee in einem oder in mehreren Individuen. Wir wollen wünschen, daß kräftige, ausgebildete Männer hervortreten möchten, welche die verlorene Kraft und Bedeutung der Worte wiedergewönnen, so wie Luther für seine Zeit den Begriff Glaube wiedergewann … Erst wenn die Wiedergewinnung der verlorenen Söhne der Sprache eingetreten ist, kann man auf bessere Zeiten hoffen … Man fürchtet sich im Augenblick vor nichts mehr, als vor dem totalen Bankerott, dem ganz Europa entgegenzugehen scheint, und vergißt darüber den weit gefährlicheren, wie es scheint unentrinnbaren Zusammenbruch in geistiger Hinsicht, der vor der Tür steht – eine Sprachverwirrung, viel gefährlicher als jene babylonische (repräsentative), als jene auf den babylonischen Versuch des Mittelalters folgende National- und Dialektverwirrung, eine Verwirrung nämlich in den Sprachen selbst, ein Aufruhr, der gefährlichste von allen, nämlich der Worte, die losgerissen von des Menschen Herrschaft, gleichsam verzweifelt aufeinander losstürzen. und aus diesem Chaos greift der Mensch wie aus einer Glückstrommel die ersten besten Worte, um damit seine vermeintlichen Gedanken auszudrücken. P. I A, 328 (1837)

Luthers Lehre vom Glauben

Luthers Lehre vom Glauben entspricht eigentlich der Verwandlung, die vor sich geht, wenn einer Mann wird und nicht mehr Jüngling ist; seine Lehre vom Glauben ist die Religiosität des Mannesalters. Als Jüngling scheint es einem doch, als wäre es möglich, das Ideal zu erreichen, wenn man nur redlich mit äußerster Kraft strebt; es gibt ein kindliches, wenn ich so sagen darf, ein Gleichheits – Verhältnis zwischen mir und dem Vorbild, wenn ich nur mit äußerster Anstrengung will. Hier liegt die Wahrheit des Mittelalters. Man war fromm zuversichtlich, es wirklich erreichen zu können, wenn man alles den Armen gebe, wenn man ins Kloster ginge usw …. Die Religiosität des Mannesalters aber ist eine Potenz höher und gerade daran erkennbar, daß sie sich um ein Stadium weiter vom Ideal entfernt fühlt. Allmählich, wenn das Individuum entwickelt wird, wird Gott ihm unendlicher und unendlicher, fühlt er sich weiter und weiter von ihm entfernt. Die Lehre vom Vorbild vermag dann nicht mehr ohne weileres den ersten Platz einzunehmen. Zuerst kommt jetzt der Glaube, Christus als Gabe. Das Ideal wird so unendlich erhaben, daß sich vor mir selbst mein ganzes Streben in ein unsinniges Nichts verwandelt, wenn es dem Ideal ähnlich sein soll. Der Ausdruck dafür ist: ich ruhe einzig und allein im Glauben. Der Jüngling merkt nicht, wie ungeheuer die Aufgabe ist, er beginnt frischweg und in der frommen Illusion, daß es ihm schon gelingen werde. Der Ältere erfaßt unendlich tief den Abstand zwischen sich und dem Ideal – und jetzt muß der „Glaube“ erst dazwischen als das,
worin man eigentlich ruht, der Glaube, daß Genugtuung geleistet worden ist, der Glaube, daß ich allein durch den Glauben gerettet werde.
So hat Luther völlig recht;
er ist ein Wendepunkt in der Entwickung der Religiosität. Aber das Mißverständnis in der Religiosität unserer Zeit besteht darin, daß man den Glauben so sehr zu einer Innerlichkeit macht, daß er eigentlich ganz verschwindet, so daß das Leben das Recht bekommt, mir nichts, dir nichts sich ganz weltlich zu gestalten; und daß man an die
Stelle des Glaubens eine Versicherung um den Glauben setzt … P.
X2 A, 207

Don Juan

Das Mittelalter weiß viel zu erzählen von einem Berg, der auf keiner Karte zu finden ist, er heißt Venusberg. Dort hat die Sinnlichkeit ihr Heim, dort hat sie ihre wilden Freuden, denn sie ist ein Reich, ein Staat. ln diesem Reiche ist die Sprache nicht zu Hause, nicht die Besonnenheit des Gedankens, nicht das mühevolle Erwerben der Reflexion; dort erklingt nur der Leidenschaft urmächtige Stimme, der Lüste Spiel, des Rausches wilder Lärm, dort wird nur genossen in ewigem Taumel. Dieses Reiches Erstgeborener ist Don Juan. Daß es der Sünde Reich ist, ist damit noch nicht gesagt, denn es muß in dem Augenblick festgehalten werden, da es sich in ästhetischer Indifferenz zeigt. Erst wenn die Reflexion hinzutritt, zeigt es sich als das Reich der Sünde, aber da ist Don Juan getötet, da verstummt die Musik, da sieht man nur den verzweifelten Trotz, der sich ohnmächtig aufbäumt, aber der keine
Konsistenz zu finden vermag, auch nicht in Tönen. S. V. I, 71

Von der Ehe

Die Ehe ist des Lebens und des Daseins schöne Mitte, ein Zentrum, das ebenso, tief zurückspiegelt, wie das, was es verrät, hoch ist: eine Offenbarung, die in ihrer Verborgenheit das Himmlische verrät. Und das tut jede Ehe, genauso wie nicht nur das Meer, sondern auch der stille Binnensee dies tut, wenn anders das Wasser nicht aufgerührt ist. Ehemann zu sein ist die schönste und bedeutungsvollste Aufgabe. Wer es nicht wurde, ist ein Unglücklicher, dessen Leben es ihm nicht gestattete, oder den die Liebe nicht besuchte, oder er ist eine bedenkliche Person, die uns später noch beschäftigen wird. Die Ehe ist die Fülle der Zeit; wer nicht Ehemann wurde, ist immer entweder unglücklich für den Betrachter, oder er ist es auch für sich selbst: in seiner Exzentrizität wird er die Zeit als eine Bürde empfinden. So ist die Ehe: sie ist göttlich, denn die Liebe ist das Wunder; sie ist weltlich, denn die Liebe ist der tiefste Mythos der Natur. Die Liebe ist der unergründliche Grund, der im Dunkeln verborgen ist; der Entschluß aber ist der siegreiche Überwinder, der gleich Orpheus die Geliebte ans Licht holt; denn der Entschluß ist der Liebe wahre Gestalt, die wahre Erklärung; darum ist die Ehe heilig und von Gott gesegnet. Sie ist bürgerlich, denn durch sie gehören die Liebenden dem Staat und dem Vaterland und dem gemeinsamen Anliegen der Mitbürger. Sie ist poetisch, unaussprechlich, wie die Liebe es ist, aber der Entschluß ist der gewissenhafte Übersetzer, der die Schwärmerei in die Wirklichkeit übersetzt, und dieser Übersetzer ist so peinlich genau, oh,  so peinlich genau! Die Stimme der Liebe „klingt wie die der Feen aus den Grotten der Sommernacht“ , aber der Entschluß besitzt den Ernst der Ausdauer, der durch das Flüchtige und das Dahinschwindende klingt. Der Gang der Liebe ist leicht wie der des Tanzes über die Flur, der Entschluß aber ergreift den Müden, bis der Tanz wieder beginnt. So ist die Ehe: sie ist kindlich froh und doch feierlich, weil sie das Wunder immer vor Augen hat; sie ist bescheiden und im Heimlichen, doch wohnt darinnen die Festlichkeit; aber wie des Kaufmanns Tür während des Gottesdienstes nach der Straße hin geschlossen ist, so ist es der Ehe Tür immer, weil sie beständig Gottesdienst ist; sie ist bekümmert, aber diese Bekümmernis ist nicht unschön, weil sie im Verständnis und Mitgefühl ruht mit des ganzen Daseins tiefem Schmerz; wer diese Bekümmernis nicht kennt, ist unschön … , sie ist demütig und doch mutig, ja ein solcher Mut wird nur in der Ehe gefunden, denn sie ist gebildet aus des Mannes Kraft und des Weibes Schwachheit und verjüngt durch des Kindes Sorglosigkeit; sie ist treu; wahrlich, wenn die Ehe nicht treu wäre, wo wäre dann Treue! Sie ist sicher, beruhigt, im Dasein heimisch, keine Gefahr ist eine wirkliche Gefahr, sondern nur Anfechtung. Sie ist genügsam, sie weiß auch viel zu brauchen, aber sie weiß auch schön zu sein in dürftigen Verhältnissen und nicht minder schön zu sein im Überfluß; sie ist zufriedengesteIlt und doch erwartungsvoll, die Liebenden sind sich selbst genug, und doch nur um der anderen willen da. Sie ist alltäglich, ja was ist so alltäglich wie die Ehe, sie gehört ganz der Zeitlichkeit an, und doch horcht die Erinnerung der Ewigkeit zu und vergißt nichts. S. V. VI, 112ff.

In der Ehe kommt man nicht mit großen Leidenschaften vorwärts; man kann nichts vorausnehmen, man kann nicht dadurch, daß man nach einem großen Maßstab einen Monat liebevoll ist, für eine andere Zeit Genüge tun; hier gilt es, daß jeder Tag seine eigene Plage hat, aber auch seinen eigenen Segen. S. V. II, 63

Die Ehe gibt einem Menschen eigentlich erst seine positive Freiheit, weil dieses Verhältnis sich über sein ganzes Leben ausweiten kann, über das Geringste wie über das Größte. Sie macht ihn frei von einer gewissen unnatürlichen Verlegenheit in natürlichen Dingen, die man wohl auch leicht auf viele andere Weisen erwerben kann, dann aber auch leicht auf Kosten des Guten. Sie macht ihn frei vom Stagnieren in der Gewohnheit, indem sie eine frische Strömung unterhält; macht ihn frei von den Menschen gerade dadurch, daß sie ihn an einen Menschen bindet. Ich habe oft darauf geachtet, daß Menschen, die unverheiratet sind, besonders gebunden sind. Fürs erste frönen sie ihren Launen; gerade in ihrem täglichen Leben dürfen sie ihnen alles erlauben, schulden niemandem Rechenschaft und dann werden sie auch abhängig, ja Sklaven anderer Menschen. S. V. II, 61

Die irdische Liebe beginnt damit, mehrere zu lieben, das sind die vorläufigen Antizipationen; und sie endet damit, einen zu lieben; die geistige öffnet sich beständig mehr und mehr, liebt mehrere und mehrere, hat ihre Wahrheit darin, alle zu lieben. Die Ehe ist sinnlich, aber zugleich geistig, frei und zugleich notwendig, absolut in sich selbst und weist zugleich aus sich selbst über sich selbst hinaus. Indem die Ehe so eine innere Harmonie ist, hat sie natürlich ihre Teleologie in sich selbst; sie ist, indem sie sich beständig voraussetzt, und insofern wird jede Frage nach dem „warum“ ein Mißverständnis. S. V. II, 57

In der Ehe liegt das Gesetz der Bewegung. Die erste Liebe bleibt ein unwirkliches An-sich, das nie inneren Gehalt bekommt, weil es sich nur in einem äußeren Medium bewegt; in dem ethischen und religiösen Vorsatz hat die eheliche Liebe die Möglichkeit einer inneren Geschichte und scheidet sich von der ersten Liebe wie die historische von der unhistorischen. Diese ist stark, stärker als die ganze Welt, aber in dem Augenblick, in dem der Zweifel sie befällt, ist sie vernichtet; sie ist wie ein Schlafwandler, der mit unendlicher Sicherheit über die gefährlichsten Stellen dahingehen kann, nennt man aber seinen Namen, so stürzt er ab. Die eheliche Liebe ist gewappnet; denn in dem Vorsatz ist die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Umwelt gerichtet, sondern der Wille ist auf sich selbst gerichtet, auf das Inwendige. Und nun drehe ich alles um und sage: das Ästhetische liegt nicht in dem Unmittelbaren, sondern in dem Erworbenen; die Ehe aber ist gerade das Unmittelbare, welches das Mittelbare in sich hat, das Unendliche, welches das Endliche in sich hat, das Ewige, welches das Zeitliche in sich hat. S. V. 11, 86

Die experimentierende Liebe bekommt wohl auch eine Art Geschichte, aber sie ist doch, wie sie ohne wahre Apriorität ist, auch ohne Kontinuität, und liegt nur in der Wirklichkeit des experimentierenden Individuums, das zugleich seine eigene Welt und selbst das Schicksal in dieser ist.  S. V II, 90

Jedes Werden, gerade je gesünder es ist, hat immer etwas Polemisches an sich, und so hat jede eheliche Verbindung es auch, und Du weißt sehr gut um jene Familien-Schwäche, die fade communio bonorum, die einer Ehe das Aussehen geben kann, als verheirate man sich mit der ganzen Familie. Ist die eheliche Liebe eine wahre erste Liebe, so hat sie auch etwas Verborgenes an sich, sie wünscht nicht, sich zur Schau zu stellen … Außerdem hat die eheliche Liebe an so viel anderes zu denken, daß sie keine Zeit bekommt, sich in Polemik gegen das Einzelne festzurennen. Ihre Hauptbedingungen sind: Offenherzigkeit, Aufrichtigkeit, Offenbarsein nach dem größten denkbaren Maßstab, denn dies ist das Lebensprinzip der Liebe, und Heimlichkeit – hier ist ihr Tod.
S .V. II,95

Das ist indessen nicht so leicht getan, wie gesagt, und es gehört in Wahrheit Mut dazu, um es strikt durchzuführen; denn Du siehst wohl ein, daß ich hierbei an etwas mehr denke, als an die schwatzende Klatschmäuligkeit, die in den weitläufigen Familien-Ehen grassiert. Von Offenbarsein kann natürlich nur geredet werden, wo von Heimlichkeit die Rede sein kann; aber im selben Grad, wie von dieser die Rede sein kann, im selben Grad wird auch jenes schwieriger. Es gehört Mut dazu, sich so zeigen zu wollen, wie man in Wahrheit ist. Es gehört Mut dazu, sich nicht von einer kleinen Demütigung loskaufen zu wollen, wenn man dies durch eine gewisse Heimlichkeit könnte … Es gehört Mut dazu, gesund sein zu wollen, ganz ehrlich und aufrichtig das Wahre zu wollen. S. V.ll, 96

 Ritter der Liebe

Sieh, tief innen in meiner Brust, dort trage ich das Ordensband, der Liebe Rosenketten, wahrlich, diese Rosen sind nicht welk geworden, wahrlich, diese Rosen welken nicht, wandeln sie sich auch in der Jahre Lauf, so verfärben sie sich doch nicht, ist die Rose nicht mehr so rot, so liegt das daran, daß sie eine weiße Rose geworden ist, verfärbt ist sie nicht. Nur die göttliche Gerechtigkeit der Ehe vermag beständig Gleiches für Gleiches zu geben. Was ich durch sie bin, das ist sie durch mich, und keiner von uns beiden ist etwas durch sich selbst, sondern wir sind es in unserem Einssein. Durch sie bin ich Mann, denn allein der Ehemann (Aegtemanden) ist der echte Mann, jeder andere Titel ist nichts dagegen und setzt jenen erst eigentlich voraus; durch sie bin ich Vater, jede andere Würde ist nur eine menschliche Erfindung, ein Pfündlein, das in hundert Jahren vergessen ist; durch sie bin ich das Haupt der Familie, durch sie bin ich der Beschützer des Hauses, sein Ernährer, der Beschirmer der Kinder. Ich bin der Mann meiner Frau, durch den Ehestand … Ich bin der Freund meiner Frau, oh! daß ich es aufrichtigen Herzens sein möchte, oh! daß sie nie einen Freund, der aufrichtiger wäre, vermissen möchte; ich bin der Ratgeber meiner Frau, oh! daß meine Weisheit so sein möchte wie mein Wille; ich bin ihr Trost und ihre Aufmunterung, doch bis jetzt noch nicht dazu aufgerufen, oh! aber wenn ich einmal aufgerufen würde zu diesem Dienst, daß dann meine Kraft der meiner Herzensbereitschaft gleichkommen möge; ich bin ihr Schuldner, meine Rechenschaft ist redlich, und die Rechenschaft selbst ein gesegnetes Werk; und endlich, das weiß ich, werde ich eine Erinnerung an sie, wenn einst der Tod uns scheidet, oh! daß mein Gedächtnis treu sei, daß es mir alles, wenn es verlorenging, bewahre als eine Leibrente der Erinnerung für meine übrigen Tage.
S.
V. VI, 92

Im Heidentum gab es einen Gott für die Liebe, aber keinen für die Ehe; im Christentum gibt es, wenn ich so sagen darf, einen Gott für die Ehe, keinen für die Liebe. Die Ehe ist nämlich ein höherer Ausdruck für Liebe. Wird die Sache nicht so angesehen, verwirrt sich alles, und man wird entweder als Unverheirateter ein Spötter, ein Verführer, ein Eremit, oder die Ehe wird eine Gedankenlosigkeit.  Liebe oder Verliebtheit ist völlig unmittelbar, die Ehe ist ein Entschluß … Das Unmittelbarste von allem soll zugleich der allerfreieste Entschluß sein; was durch seine Unmittelbarkeit so unerklärlich ist, daß man es einer Gottheit zuschreiben muß; es soll zugleich in Kraft einer Überlegung geschehen und in einer so erschöpfenden Überlegung, daß aus ihr ein Entschluß hervorgeht … Der Entschluß darf nicht nachträglich angehinkt kommen, sondern er muß auf einmal geschehen, beide Teile müssen im Augenblick der Entscheidung beieinander sein. Hat die Überlegung den Gedanken nicht erschöpft, so fasse ich keinen Entschluß, ich handle entweder genial oder in Kraft eines Einfalles. S. V. VI, 97, 99

Die Ehe betrachte ich als höchstes Ziel für das individuelle Dasein, sie ist so sehr das höchste Ziel, daß der, welcher sie umgeht, mit einem einzigen Strich das ganze irdische Dasein ausstreicht und nur die Ewigkeit und die Interessen des Geistes behält, was wohl für den ersten Augenblick nicht wenig zu sein scheint, aber in der Länge der Zeit sehr anstrengend ist und auf die eine oder die andere Weise der Grund dafür, daß man eine unglückliche Existenz ist … Nein, die Idee der Ehe siegt. Demütig vor Gott, mich neigend unter die göttliche Majestät der Liebe, erhebe ich stolz mein Haupt über alle Scherze und beuge es nicht vor irgend einer Einwendung. S. V. VI, 98

Sokratischer Rat

Einer fragte Sokrates, ob man heiraten solle oder nicht. Da antwortete er: entweder Du tust das eine oder das andere, Du wirst es bereuen. Sokrates war ein Ironiker, der ironisch seine Weisheit und die Wahrheit verhüllte, vermutlich, daß sie nicht zum Stadtklatsch würde, mit dem jeder herumliefe, aber er war kein Spötter. Die Ironie ist vortrefflich. Die Dummheit des Fragers liegt nämlich darin, daß er einen Dritten nach etwas fragt, was man niemals von einem Dritten erfahren kann. Aber alle sind nicht so weise wie Sokrates und lassen sich oft ganz ernstlich mit einem ein, der eine dumme Frage stellt. Wenn Sokrates nicht so ironisch gewesen wäre, hätte er dies wohl so ausgedrückt: was Dich angeht, Du kannst machen was Du willst, Du bist und bleibst ein Dummkopf. S. V. VI,149

Thales bleibt unverheiratet

Von Thales wird erzählt: Als seine Mutter ihn drängte, sich zu verheiraten, antwortete er zuerst, daß er zu jung sei, daß es noch nicht an der Zeit sei; und als sie später die Aufforderung wiederholte, antwortete er, daß es jetzt nicht mehr an der Zeit sei. Auch in dieser Antwort liegt etwas Ironisches, das die weltliche Verständigkeit geißelt, die einen Ehestand zu einem Vorhaben ähnlich einem Hauskauf machen will. Es gibt nämlich nur ein Alter, in welchem es sinngemäß ist zu heiraten, das ist, wenn man verliebt ist, in jedem anderen Alter ist man entweder zu jung oder zu alt. S. V. VI,150

Adel der Arbeit

Die Frage, ob sich eine Welt denken ließe, in der es nicht nötig wäre, zu arbeiten, um zu leben, ist eigentlich eine müßige Frage, weil sie sich nicht mit der gegebenen Wirklichkeit befaßt, sondern mit einer fingierten. Doch sie ist stets ein Versuch, die ethische Auffassung zu schmälern. Wäre es nämlich eine Vollkommenheit am Dasein, daß man nicht zu arbeiten brauchte, so wäre ja dessen Leben am vollkommensten, der dies nicht nötig hat. Man könnte dann nur in dem Sinne sagen, es sei Pflicht zu arbeiten, wenn man bei diesem Wort eine traurige Wirklichkeit verstünde. Die Pflicht würde dann nicht das Allgemein – Menschliche ausdrücken, sondern das Allgemeine; und Pflicht wäre hier nicht der Ausdruck für das Vollkommene. Darum möchte ich auch ganz richtig antworten, daß es als eine Unvollkommenheit beim Dasein angesehen werden müßte, wenn der Mensch der Arbeit nicht bedürfte. Auf je niedrigerer Stufe das Menschenleben steht, um so weniger zeigt sich die Notwendigkeit zu arbeiten; je höher es steht, um so mehr tritt sie hervor. Die Pflicht zu arbeiten, um zu leben, drückt das Allgemein – Menschliche aus, und sie drückt auch in einem anderen Sinne das Allgemeine aus, weil sie Ausdruck der Freiheit ist. Eben durch Arbeit macht der Mensch sich frei, durch Arbeit wird er Herr über die Natur, durch Arbeit zeigt er, daß er höher steht als die Natur. Oder sollte das Leben dadurch, daß ein Mensch arbeiten muß, um zu leben, seine Schönheit verlieren? Ich stehe hier bei dem alten Punkt, bei dem es darum geht, was man unter Schönheit versteht. Es ist schön, die Lilien auf dem Felde zu sehen, die weder spinnen noch nähen, die so gekleidet sind, daß auch Salomo in allem seinem Glanz nicht so prächtig war; es ist schön, die Vögel sorglos ihre Nahrung finden zu sehen; es ist schön, Adam und Eva im Paradiese zu sehen, wo sie alles bekommen konnten, worauf sie zeigten; aber es ist doch noch schöner, einen Mann bei seiner Arbeit das erwerben zu sehen, was er braucht; es ist schön, eine Vorsehung zu sehen, die alles sättigt und für alle sorgt; aber es ist noch schöner, einen Mann zu sehen, der gleichsam seine eigene Vorsehung ist. Dadurch ist der Mensch groß, größer als irgend ein anderes Geschöpf, daß er für sich selbst sorgen kann …. Es ist schön, einen Mann Überfluß haben zu sehen, den er selbst erworben hat; aber es ist auch schön, einen Mann ein noch größeres Kunstwerk vollbringen zu sehen, nämlich wenig in viel zu verwandeln. Das ist ein Ausdruck für des Menschen Vollkommenheit, daß er arbeiten kann; es ist ein noch größerer Ausdruck dafür, daß er es soll. S. V. II, 252 f.

Wessen der Mensch am meisten bedarf

So wird dann nach und nach, denn die Gnade Gottes wird niemals mit Gewalt genommen, das menschliche Herz in schönem Sinne mehr und mehr ungenügsam werden, das heißt, mehr und mehr verlangen, mehr und mehr mit Sehnsucht erfüllt, der Gnade sich sicher zu wissen. Und sieh, nun ist alles neu geworden, alles wurde verändert. Im Verhältnis zu dem Irdischen gilt es, wenig zu bedürfen; und in demselben Grad, wie man weniger bedarf, in demselben Grad ist man vollkommener; wie ein Heide, der ja nur vom Irdischen zu sprechen wußte, es gesagt hat: daß die Gottheit selig sei, weil sie nichts bedürfe, nächst ihm der Weise, weil er wenig bedarf. Im Verhältnis des Menschen zu Gott ist es umgekehrt: Je mehr er Gottes bedarf, je tiefer er erfaßt, daß er Gottes bedarf und nun in seinem Verlangen sich hindrängt zu Gott, desto vollkommener ist er. Das Wort, sich an Gottes Gnade genügen zu lassen, will daher nicht nur einen Menschen trösten, und dann wieder trösten, jedesmal, wenn irdischer Mangel und Not, weltlich gesprochen, den Trost nötig machen; wenn er aber recht auf dieses Wort aufmerksam geworden ist, dann ruft es ihn beiseite, wo er nicht mehr den weltlichen Sinn irdischer Muttersprache hört, nicht die Reden der Menschen; nicht den Lärm der Tätigen, sondern wo das Wort sich ihm verklärt, ihm das Geheimnis der Vollkommenheit anvertraut: daß Gottes bedürfen nicht etwas ist, bei dem man sich schämen müßte, sondern gerade die Vollkommenheit, und daß dies das Traurigste ist: wenn ein Mensch durchs Leben ginge ohne zu entdecken, daß er Gottes bedarf. Gottes bedürfen, ist des Menschen höchste Vollkommenheit. S. V. V, 86

Die Liebe dient

Der Christ dient nur einem Herrn, „dem Herrn“; und er dient ihm nicht nur, sondern er liebt ihn, er liebt den Herrn, seinen Gott, von ganzer Seele und von ganzem Herzen und aus aller seiner Macht. Eben darum dient er ihm ganz; denn nur die Liebe eint ganz, eint das Verschiedene in Liebe, eint hier den Menschen ganz in Gott, der Liebe ist. Liebe ist das Festeste aller Bande, denn sie macht den Liebenden eins mit dem, was er liebt; fester kann kein Band binden, oder so fest kann kein Band binden. Und die Liebe, die Gott liebt, ist das Band der Vollkommenheit, das in vollkommenem Gehorsam den Menschen eins macht mit
dem Gott, den er liebt. Und die Liebe, die Gott liebt, ist das nützlichste Band, welches dadurch, daß es einen Menschen allein im Dienste Gottes hält, ihn rettet von der Bekümmernis. Diese Liebe eint einen Menschen, sie macht ihn ewig eins mit sich selbst und mit dem Herrn, der Eines ist; und sie eint den Menschen in Gleichzeitigkeit mit Gott. Oh, seliger Dienst, so Gott allein zu dienen! Darum klingt es auch so festlich, wenn wir in einem Wort es aussprechen; denn dieser Dienst ist ja „Gottes-Dienst“, des Christen Leben lauter Gottes-Dienst. S. V. X, 87

Was Trübsal vermag

Denke Dir verborgen in einer einfacheren Einfassung ein Geheimfach, worin ein kostbarer Schatz niedergelegt ist – da ist eine Feder, auf die man drücken muß, aber die Feder ist versteckt, und der Druck bedarf einer gewissen Kraft, so daß ein zufälliger Druck nicht genügt: so ist die Hoffnung der Ewigkeit im Innersten des Menschen verborgen, und die Trübsal ist der Druck. Wenn auf die verborgene Feder gedrückt wird, und stark genug, dann zeigt sich der Inhalt in aller seiner Herrlichkeit. Denke Dir ein Korn, niedergelegt in die Erde; wenn es aufsprießen soll, was braucht es? Zuerst Platz, es muß Platz haben, dann Druck, es muß Druck hinzu – sprießen ist gerade dies: sich Platz schaffen gegen einen Widerstand. So ist die Hoffnung der Ewigkeit im Innersten eines Menschen niedergelegt.
Die Trübsal aber schafft Platz, indem sie alles andere beiseite schafft, alles Vorläufige, das zur Verzweiflung gebracht wird; so ist der Druck der Trübsal das Hervorlockende! Denke Dir, was es ja gibt, ein Tier, das eine Waffe hat, womit es sich verteidigt, die es aber nur in Lebensgefahr anwendet: so ist die Hoffnung der Ewigkeit im Innersten des Menschen, die Trübsal ist die Lebensgefahr! Denke Dir ein kriechendes Tier, das Flügel hat, die es brauchen kann, wenn es zum Äußersten gebracht wird (zum täglichen Gebrauch findet das Tier es der Mühe nicht wert, sie zu gebrauchen): so ist die Hoffnung der Ewigkeit im Innersten des Menschen; er hat Flügel, aber er muß zum Äußersten gebracht werden, um sie zu entdecken, oder um sie zu bekommen, oder um sie zu gebrauchen. S. V. X, 116 f.

Schaff Schweigen

Oh, wenn man (wozu einer christlich sicher berechtigt ist) im Blick auf den gegenwärtigen Zustand der Welt, des ganzen Lebens, christlich sagen müßte: es ist eine Krankheit – und wenn ich ein Arzt wäre: wenn jemand fragte: „Was meinst Du, was müßte getan werden?“, ich würde antworten: „Das Erste, die unbedingte Forderung, die es zu erfüllen gilt, damit etwas getan werden kann, also das erste, das getan werden muß, ist: schaff Schweigen, bring Schweigen an, Gottes Wort kann nicht gehört werden; und soll es, unterstützt durch lärmende Mittel, lärmend ausgerufen werden, um bei dem Spektakel gehört zu werden, dann bleibt es nicht Gottes Wort; schaff Schweigen!“ Oh, alles lärmt, und wie man von einem hitzigen Trank sagt, er rege das Blut auf, so ist in unserer Zeit jedes, selbst das unbedeutendste Unternehmen, jede, selbst die nichtssagendste Mitteilung, nur darauf berechnet, die Sinne zu erregen, oder die Masse, die Menge, das Publikum, den Lärm zu erregen. Und der Mensch, dieser pfiffige Kopf, er ist wie schlaflos geworden, um neue, immer neue Mittel ausfindig zu machen, um den Lärm zu vermehren, um ihn auszubreiten mit größtmöglicher Hast und nach dem größtmöglichen Maßstabe, den Lärm und das Nichtssagende … Oh, schaff Schweigen! Und dies kann die Frau. Es erfordert eine ganz außerordentliche Überlegenheit, wenn ein Mann durch seine Gegenwart Männern Schweigen gebieten soll: hingegen kann es jede Frau; innerhalb ihrer Grenzen, in ihrem Kreis, wenn sie nicht selbstsüchtig, sondern demütig einem Höheren dienend, es will. Wahrlich, die Natur hat die Frau nicht benachteiligt, das Christentum wahrlich auch nicht. Nun, und es ist menschlich, und so auch weiblich, innerhalb seiner Grenzen, geziemend seine Bedeutung haben zu wollen, eine – nun ja! – Macht sein zu wollen. So kann eine Frau auf verschiedene Weise Macht üben: durch ihre Schönheit, durch ihren Liebreiz, durch ihre Gaben, durch ihre kühne Einbildungskraft, durch ihren glücklichen Sinn – sie kann auch versuchen, auf eine lärmende Weise Macht zu werden: dies letzte ist unschön und unwahr, das erste ist doch gebrechlich und unsicher. Willst Du aber eine Macht werden, o Frau, so laß mich Dir anvertrauen, wie dies geschieht. Lerne Schweigen; und lehre Schweigen!… Schweigen! Schweigen! Schweigen; das ist nicht ein bestimmtes Etwas, denn es besteht nicht darin, das nicht gesprochen wird. Nein, Schweigen ist wie das milde Licht in einem traulichen Zimmer, wie die Freundlichkeit in einer ärmlichen Stube; es ist nicht das, worüber man spricht, aber es ist da und übt seine wohltuende Macht. Schweigen ist wie die Stimmung, die Grund-Stimmung, die nicht hervorgezogen wird, darum heißt sie eben Grund-Stimmung, weil sie zugrunde liegt … Aber dieses Schweigen kannst Du nicht so anbringen, wie Du eine Nachricht an jemanden schickst, der Gardinen aufhängt; nein, soll Schweigen angebracht werden, dann verhält es sich zu Deiner Gegenwart, oder wie Du in Deinem Hause, Deinem Heim lebst. Und wenn Du so, durch Deine Anwesenheit, Jahr um Jahr in Deinem Hause stetig Schweigen angebracht hast, so wird zuletzt dieses Schweigen auch in Deiner Abwesenheit da sein, ein Zeugnis von Dir, und endlich, ach, eine Erinnerung an Dich! Es gibt ein Beiwort, das bezeichnet die entscheidende Eigenschaft der Frau; wie groß der Unterschied auch in mannigfaltiger Hinsicht zwischen Frau und Frau sein mag, dies wird von jeder Frau gefordert … diese Eigenschaft ist: Häuslichkeit, der Charakter der Frau, wie es des Mannes Charakter sein soll, Charakter zu sein; die zahllose Schar von Frauen mit all diesen mannigfaltigen und mannigfaltig verschiedenen Verschiedenheiten, eines sollen sie alle gemeinsam haben, wie sie alle das gemeinsam haben, Frau zu sein: Häuslichkeit. Nimm eine arme, bürgerliche Frau; wenn in Wahrheit von ihr gesagt werden kann, daß sie häuslich ist: Ehre sei ihr; ich neige mich ebenso tief vor ihr wie vor einer Königin! Und auf der anderen Seite: wenn die Königin nicht Häuslichkeit hat, so ist sie doch nur eine mäßige Madam.
Nimm ein junges Mädchen, von dem es heißt, es wäre Sünde zu sagen, daß es eine Schönheit sei – wenn sie, wie das junge Mädchen es sein kann, häuslich ist: Ehre sei ihr! Und auf der anderen Seite, eine strahlende Schönheit, meinetwegen, gib ihr als Zugabe noch allerlei Talente, und, meinetwegen, laß sie eine Berühmtheit sein – aber sie ist nicht häuslich, ja, sie hat nicht einmal Ehrerbietung für die Häuslichkeit: sie ist doch mitsamt ihren Talenten, ihrer Schönheit und Berühmtheit ein mäßiges Frauenzimmer.
Häuslichkeit! Damit machen wir der Frau das größte Zugeständnis: daß sie es eigentlich ist, die das Haus schafft; das junge Mädchen, selbst wenn es sich nie verheiratet, wir bestimmen dennoch seinen Rang nach der fraulichen Würde: Häuslichkeit. Schweigen aber in einem Hause angebracht, es ist die Häuslichkeit der Ewigkeit. Doch wenn Du, o Frau, das Schweigen anbringen sollst, es lehren sollst, dann mußt Du selbst in die Schule gehen. Du mußt achtgeben, schaffe Dir Zeit, wo Du selbst, jeden Tag, Dich sammelst unter dem Eindruck des Göttlichen. Du mußt Dir Zeit schaffen; und hast du auch noch so viel zu schaffen, oh, Du bist ja – hier kommt es wieder – Du bist ja häuslich; und wenn man häuslich mit der Zeit umgeht, so bekommt man schon Zeit. Darauf mußt Du achten. Der Mann hat so viel zu schaffen, so viel mit dem Lärmenden zu tun, und nur allzu viel: wenn Du nicht achtgibst, daß alles in Ordnung ist, daß Schweigen da ist, so kommt wohl niemals Schweigen in Dein Haus. Gib acht darauf! Denn in dieser Zeit lernt ein Mädchen  so viel … Die Frage ist, ob sie in dieser Zeit das lernt, was das Wichtigste ist, das, was sie später lehren soll, ob sie: Schweigen lernt. Ich weiß es nicht; aber Du, Du sei aufmerksam in dieser Hinsicht, es ist ja Deine Aufgabe, Schweigen anzubringen. S. V. XII, 334 ff.

Nüchtern werden

Nüchtern werden heißt: in Selbsterkenntnis zu sich selber kommen und vor Gott,
als ein Nichts vor ihm, doch unbedingt, unbedingt verpflichtet sein. Und so ist es doch wohl auch, daß eben das Unbedingte das Einzige ist, das einen Menschen ganz nüchtern machen kann.
Laß mich in einer bildlichen Rede Dir dies darstellen, und laß Dich nicht stören, wenn die Rede vielleicht nicht feierlich genug erscheint; es geschieht mit Fleiß, damit Du einen desto wahreren Eindruck des Dargestellten bekommst. Wenn Du einen Torfbauern, einen Droschkenkutscher. einen Postillion, einen Pferde – Ausleiher fragst: wozu braucht der Kutscher die Peitsche? Du wirst hören, sie werden alle antworten: „Natürlich, um die Pferde in Gang zu bringen.“ Frage aber den Kutscher des Königs, wozu braucht der Kutscher die Peitsche, und Du wirst hören, er antwortet: „Hauptsächlich wird sie gebraucht, um die Pferde zum Stehen zu bringen.“ Das ist der Unterschied zwischen gewöhnlich fahren und gut fahren. Nun weiter. Hast Du gesehen, wie sich der Kutscher des Königs verhält; oder wenn Du es nicht gesehen hast, dann laß mich es Dir beschreiben. Er sitzt auf seinem Bock; und eben weil er so hoch sitzt, hat er die Pferde desto mehr in seiner Macht. Doch zuweilen, bei einer solchen Gelegenheit, sieht er dies nicht für genügend an. Er erhebt sich im Sitz, er sammelt seine ganze Macht des Körpers in seinem muskelstarken Arm, der die Peitsche hebt – nun fällt da ein Schlag; es war fürchterlich. Im allgemeinen genügt ein Schlag; doch manchmal macht das Pferd vielleicht einen verzweifelten Sprung – noch ein Schlag. Das genügt. Er setzt sich nieder, aber das Pferd? Zuerst geht ein Zittern durch seinen ganzen Leib, es sieht wirklich aus, als könnte dieses feurige, kraftstrotzende Geschöpf nicht mehr auf den Beinen stehen; das ist das Erste; es ist nicht so sehr der Schmerz, der es zittern macht, sondern es ist dies, daß der Kutscher – solches vermag auch nur der Kutscher des Königs – sich ganz gesammelt hat, um dem Schlag Nachdruck zu geben, ganz im Schlage drin ist, so daß das Pferd nicht so sehr am Schmerz als an etwas anderem spürt, wer der ist, der da schlägt… Nun ist es überstanden – nun steht das Pferd still, unbedingt still. Was war das? Es bekam den Eindruck des Unbedingten, darum ist es unbedingt still. Wenn ein Pferd, das der königliche Kutscher fährt, stillsteht, das ist etwas ganz anderes, als wenn ein Droschkengaul stillsteht; denn im Blick auf das letztere bedeutet das eigentlich nur, was keine Kunst ist, daß es nicht läuft; im Blick auf das erstere bedeutet das Stillstehen eine Handlung, eine Anstrengung, die größte, die des Pferdes höchste Kunst ist, und es steht unbedingt still. Unbedingt still! Wie soll ich das beschreiben? Laß mich ein anderes Bild nehmen, das zu dem Gleichen führt. Im täglichen Gebrauch sprechen wir so davon, daß stilles Wetter ist, dabei kann es ruhig ein bißchen wehen, oder doch luftig sein, es ist eben nur das, was wir stilles Wetter nennen. Aber bist Du nicht auf eine andere Art Stille aufmerksam geworden? Vor einem Gewitter tritt zuweilen eine solche Stille ein, sie ist von ganz anderer Art; nicht ein Blatt rührt sich, nicht ein Lüftchen, es ist, als stünde die ganze Natur still, während doch ein fast unmerkliches leises Zittern durch alles geht: was bedeutet diese unbedingte Stille des unmerklichen Zitterns? Sie bedeutet, daß das Unbedingte erwartet wird – das Gewitter – und des Pferdes unbedingte Stille, sie war da, nachdem es den Eindruck von dem Unbedingten erhalten hatte. Aber das war es ja, worüber wir sprachen: daß der Eindruck des Unbedingten nüchtern macht, ganz nüchtern und zugleich wach – ist jenes Pferd nicht ein Sinnbild dafür? Es erhielt den Eindruck des Unbedingten, und es wurde unbedingt still gleichsam ganz nüchtern und wach. Vielleicht war es ein ganz junges Pferd, das den Eindruck des Unbedingten nötig hatte; vielleicht war es ein altes Pferd, das aber jetzt auf seine alten Tage klug geworden war, in eigenen Gedanken nüchtern und darum der Meinung, daß alles bis zu einem gewissen Grade sein soll, so auch das Stillestehn, so daß man nicht eben unbedingt stille steht, oder man macht es sich ein bißchen bequem, weil es so anstrengend ist, in diesem unbedingten Sinne stillezustehn. In jedem Falle, der königliche Kutscher war anderer Meinung als das Pferd, er brachte ihm den Eindruck des Unbedingten bei. Und das tut der königliche Kutscher immer.  Wenn man nur gewöhnlich fährt, knallt man nicht mit der Peitsche; ein Droschkenkutscher, ein Torfbauer hat keine Schmitze an der Peitsche, wozu auch solcher Luxus, eher schlägt er wohl mit dem Schaft zu. Aber der Kutscher der Herrschaft knallt, besonders wenn er für die Herrschaft fährt; und wenn er stillehält, sitzt er und muntert die Pferde auf, indem er mit der Peitsche knallt. Er drückt aus, daß er gut fährt, aber er drückt nicht das Unbedingte aus. Der Kutscher des Königs dagegen knallt nicht mit der Peitsche, er drückt das Unbedingte aus … Er hält – unbedingt still. Dann kommt er nach Hause; er wirft die Zügel fort – im gleichen Augenblick wissen die Pferde, jetzt fährt. „er“ nicht mehr. Darauf kommen einige Stallknechte – und sieh, so ist das Unbedingte für dieses Mal vorbei; so kühlt man sich ab, oder man macht es sich den Umständen gemäß bequem, man ist nicht mehr; in hochgemutem Sinne, ganz man selbst, ganz nüchtern, das Unbedingte ist für dieses Mal vorbei. Nur das Unbedingte macht ganz nüchtern. Aber das sind wir wohl alle, wir haben wohl den Eindruck des Unbedingten, den unbedingten Eindruck von ihm? Denn was ist Christentum? Christentum ist das Unbedingte – und wir sind ja alle Christen! Und was ist die Verkündigung des Christentums? Es ist die Verkündigung von dem Unbedingten – und wir haben ja tausend Pfarrer. S. XII, 386, 388, 391

Pädagogischer Rat

Wenn es einem in Wahrheit gelingen soll, einen Menschen an eine bestimmte Stelle zu führen, muß man zuerst vor allem darauf achten, daß man ihn da findet, wo er ist, und da beginnt. Das ist das Geheimnis in aller Kunst des Helfens. Wer das nicht kann, der steckt selbst in einer Einbildung, wenn er meint, einem anderen helfen zu können.
Um in Wahrheit einem anderen helfen zu können, muß ich mehr verstehen als er – aber doch wohl zuerst und hauptsächlich, was er versteht. Wenn ich das nicht tue, dann hilft ihm mein Mehr-Verstehen gar nichts. Will ich dennoch mein Mehr-Verstehen geltend machen, dann darum, weil ich eitel oder stolz bin, so daß ich im Grunde, anstatt ihm zu nützen, eigentlich von ihm bewundert sein will. Aber alle wahre Hilfe beginnt mit einer Demütigung; der Helfende muß sich zuerst unter den demütigen, dem er helfen will, und muß dadurch verstehen, daß Helfen nicht Herrschen ist, sondern Dienen, daß helfen nicht heißt, der Herrschsüchtige zu sein, sondern der Geduldigste; daß helfen heißt, bis auf weiteres in die Bereitwilligkeit einwilligen, unrecht zu haben und nicht zu verstehen, was der andere versteht. Nimm einen Menschen, von Leidenschaft erregt, nimm an, daß er wirklich Unrecht hat – wenn Du bei ihm nicht damit beginnen kannst, daß es aussieht, als wäre er es, der Dich belehren könnte, und wenn Du es nicht so machen kannst, daß er, der ungeduldig nicht ein Wort von Dir hören will, mit Zufriedenheit in Dir einen wohlwollenden und aufmerksamen Zuhörer findet: kannst Du das nicht, dann kannst Du ihm auch nicht helfen. Nimm einen Verliebten, der in der Liebe unglücklich wurde, nimm an, daß es wirklich unverantwortlich ist, unfromm, unchristlich, wie er sich seiner Leidenschaft hingibt – wenn Du nicht so mit ihm anfangen kannst, daß er eine wahre Linderung darin findet, mit Dir über sein Leiden zu reden, so, daß Du ihn fast mit einer dichterischen Auffassung bereicherst mit dem, was Du, seine Leiden betreffend, hinzufügst, Du, der Du doch nicht in dieser Leidenschaft steckst und ihn gerade aus ihr befreien willst: vermagst Du das nicht, so vermagst Du ihm auch nicht zu helfen; er verschließt sich vor Dir, er schließt sich in sein Innerstes ein – und predige dann nur für ihn … So ist es auch in dem Verhältnis zu dem: ein Christ zu werden, angenommen, es sei eine Einbildung mit den vielen in der Christenheit, die sich Christen nennen. Verdamme den Zauber des Ästhetischen – nun, es hat Zeiten gegeben, wo es Dir damit gelungen wäre, die Menschen zu zwingen – ja wozu? dazu, in ihrem stillen Sinn mit heimlicher Leidenschaft jenen Zauber noch schwärmerischer zu lieben. Nein, laß es herauskommen – und Du ernster, strenger Mann – denke daran, wenn Du Dich nicht demütigen kannst, so bist Du auch nicht der Ernsthafte – sei Du der verwunderte Zuhörer, der dasitzt und zuhört, was jenen anderen Menschen freut, den es noch mehr freut, daß Du so zuhörst; aber vergiß dann vor allem eins nicht, die Absicht, die Du hast, daß es das Religiöse ist, dem Du dienen sollst. Oder wenn Du das kannst, gut, dann stelle Du das Ästhetische mit all seinem Zauber dar, fessele womöglich den anderen Menschen, stelle es ihm in der Art Leidenschaft dar, womit es gerade ihn anspricht, ausgelassen für den Ausgelassenen, schwermütig für den Schwermütigen, witzig für den Witzigen usw. – aber vergiß vor allem nicht eins, die Absicht, die Du hast, daß es das Religiöse ist, dem Du dienen sollst; tue es nur, fürchte Dich nicht, es zu tun, denn wahrlich, es läßt sich nur in viel Furcht und Beben tun. S. V. XIII, 533 f.

Was heißt schwatzen?

Es ist die Aufhebung der leidenschaftlichen Scheidung zwischen reden und schweigen. Nur wer wesentlich schweigen kann, kann wesentlich reden; nur wer wesentlich schweigen kann, kann wesentlich handeln. Das Schweigen ist die Innerlichkeit. Schwatzen nimmt das wesentliche Reden vorweg, und die Äußerung der Reflexion schwächt durch Vorkauf die Handlung. Aber wer wesentlich reden kann, weil er zu schweigen vermag, er wird nicht das Mannigfaltige haben, darüber zu reden, sondern das Eine, und er wird Zeit finden zu reden und zu schweigen. Die Geschwätzigkeit gewinnt extensiv, sie bekommt alle Möglichkeiten, darüber zu schwatzen, und bleibt dabei in einem fort. Wenn in einer Zeit die Individuen nicht in stiller Genügsamkeit, in sinniger Zufriedenheit, in religiöser Innerlichkeit nach innen gerichtet sind, sondern im Reflexionsverhältnis nach außen und einander suchen, wenn kein großes Ereignis die Fadenenden in Eintracht einer Katastrophe verknüpft: so entsteht das Geschwätz. Das große Ereignis gibt der leidenschaftlichen Zeit (denn das eine entspricht da dem anderen) etwas, darüber zu reden; alle wollen von dem gleichen Einen reden, die Dichter nur davon singen, die Gespräche nur davon widerhallen, die Grüße der Vorübergehenden werden Andeutungen auf dies Eine enthalten. Es ist Eines und das Gleiche. Das Geschwätz dagegen hat, ganz anders, viel darüber zu schwätzen. Und wenn dann das große Ereignis vorüber war, wenn das Schweigen eintrat, so war da doch etwas, sich daran zu erinnern, etwas, daran zu denken, während man schweigt, während ein neues Geschlecht von ganz anderen Dingen redet. Aber dem Geschwätz graut vor dem Augenblick des Schweigens, der die Leere offenbar machen würde. S. V. VllI, 91

Die „Christenheit“ ist ein ungeheurer Sinnesbetrug

Das Unglück der Christenheit besteht darin, daß man das Christentum zu einer bloßen
Lehre gemacht hat. Als das Christentum bloße Lehre wurde, wurde die Prüfung, um Lehrer darin zu werden: gelehrte Examina – die Frage nach der Existenz wurde überhaupt nicht mehr gestellt. P. X3, 496

Was das Christentum ganz verwirrt hat, und was zum großen Teil den Anlaß zu der Einbildung einer triumphierenden Kirche gegeben hat, ist dies: daß man das Christentum als Wahrheit im Sinne von Resultat betrachtet hat anstatt daß es Wahrheit im Sinne von „Weg“ ist. S. V. XII, 191

Das sind überhaupt im Verhältnis zum Christentum die beiden entscheidenden Mißverständnisse: 1. Das Christentum ist keine Lehre (so entstand alles Unwesen der Orthodoxie mit dem Streit um dies und das, während die Existenz ganz unverändert blieb, so daß man darüber, was das Christliche sei, ebenso streitet wie darüber, was platonische Philosophie sei und dgl.), sondern eine Existenz – Mitteilung. Es muß darum mit jeder Generation von vorn angefangen werden; alle diese Gelehrsamkeit über die früheren Generationen ist wesentlich überflüssig, aber nicht zu verachten, wenn sie sich selbst versteht und ihre Grenzen kennt, äußerst gefährlich, wenn sie das nicht tut. 2. Da das Christentum keine Lehre ist, ist es im Verhältnis zu ihm nicht gleichgültig wie bei einer Lehre, wer es vorträgt, wenn er nur objektiv das Richtige sagt. Nein, Christus hat keine Dozenten angestellt – sondern Nachfolger. Wenn das Christentum (eben weil es keine Lehre ist) sich nicht im Darsteller redupliziert, so stellt er nicht das Christentum dar; denn das Christentum ist eine Existenz-Mitteilung und kann nur dargestellt werden – durch Existieren. Überhaupt: in ihm existieren, existierend es ausdrücken usw.: das heißt es reduplizieren. P. IX A, 207

Die sogenannten Heiligen

Die sogenannten Heiligen pflegen oft Gegenstand des Spottes für die Welt zu sein. Selbst erklären sie dies daraus, daß die Welt böse ist. Das ist indessen nicht ganz wahr. Wenn der „Heilige“ unfrei ist im Verhältnis zu seiner Frömmigkeit, das heißt, wenn ihm Innerlichkeit fehlt, so ist er, rein ästhetisch gesehen, komisch. Insofern hat die Welt recht, über ihn zu lachen. Wenn ein O-beiniger Mann als Tanzmeister auftreten würde, ohne daß er imstande wäre, auch nur eine Stellung einzunehmen, so ist er komisch. So auch mit dem Religiösen. Man hört einen solchen Heiligen gleichsam vor sich hin zählen, gleich einem, der nicht tanzen kann, und der doch so viel weiß, daß er den Takt zählen kann, obwohl er selbst nie so glücklich ist, in den Takt zu kommen. So weiß der „Heilige“, daß das Religiöse absolut kommensurabel ist, daß das Religiöse nicht etwas ist, das gewissen Gelegenheiten und Augenblicken angehört, sondern daß man es immer bei sich haben kann. Aber indem er es kommensurabel machen soll, ist er nicht frei, und man merkt, wie er ganz sachte bei sich selbst zählt, und man sieht, wie er trotzdem verkehrt läuft und schlecht geht mit seinem himmlischen Augenaufschlag, seinen gefalteten Händen usw. Darum ist einer solchen Individualität so angst vor jedem, der nicht diese Dressur hat, so daß sie, um sich zu stärken, zu diesen großartigen Betrachtungen greifen muß, daß die Welt den Frommen hasse. S. V. IV, 407

In der prächtigen Schlosskirche tritt der staatliche Hofprediger auf, der auserwählte des
gebildeten Publikums und predigt gerührt vor einem Kreis von Vornehmen und Gebildeten über das Wort des Apostels: «Gott hat die Geringen und Verachteten auserwählt.»
– und keiner lacht.

Je weniger die Menschen existieren, um so größeres Verlangen haben sie nach
schönem Geschwätz. P. X4, 5

Eines wollen

Wer das Gute will um des Lohnes willen, der will nicht Eines, sondern ist zwiespältig.
Das Gute ist Eines, der Lohn ein Anderes. Er kann wohl kommen, und er kann ausbleiben, bis auf weiteres und bis aufs Letzte. Wenn er um des Lohnes willen das Gute will, so will er nicht Eines, sondern ein Doppeltes … Das Gute wollen um des Lohnes willen ist Zwiespältigkeit; Eines wollen heißt also das Gute wollen ohne Blick auf den Lohn; in Wahrheit Eines wollen heißt das Gute wollen, aber dafür nicht in der Welt den Lohn wollen.
S. V. VIII, 144, 146

Der Stein der Weisen

Der Stein, der vor Christi Grab gelegt wurde, meine ich, könnte mit Recht der Stein der Weisen genannt werden, insofern dessen Fortwälzung nicht nur den Pharisäern, sondern jetzt durch achtzehnhundert Jahre hindurch den Weisen so viel zu schaffen macht. P. I A, 35

„… wenn die Forderung ist, Wahrheit zu sein, ist Wissen eine Unwahrheit. Denn Wahrheit wissen folgt ganz von selbst aus Wahrheit sein, nicht umgekehrt“. S. Kierkegaard

Vater im Himmel, die Sehnsucht ist Deine Gabe; niemand kann sie sich selber geben,
niemand kann sie kaufen, wenn sie nicht gegeben wird, auch wenn er alles dafür hergeben wollte – aber, wenn Du sie gibst dann kann er doch alles für sie verkaufen um sie zu kaufen. So bitten wir denn, daß jeder mit herzlicher Sehnsucht zum Tisch des Herrn gehen möge, und daß sie, wenn sie von dort weggehen, von dort weggehen möchten, mit immer größerer Sehnsucht nach Ihm unserm Erlöser und Versöhner. Sören Kierkegaard