Maria

Den Himmel spüren in tausend Bildern

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Novalis

In der Tat hat Maria etwas mit dem „unnennbar süßen Himmel“ zu tun, auf den viele unter uns, Frauen wie Männer, glauben verzichten zu können; in einer selbstzerstörerischen Übervernünftigkeit haben sie sich das Recht auf etwas, das – auch noch „ewig“! –
uns“ im Gemüte“ stehen könnte, genommen. Aber diesem Prozess der Selbstverarmung, den wir uns durch die Verdrängung unserer tiefsten Wünsche antun, können die tausend Bilder machtvoll entgegentreten. Die Bilder der Muttergottes erinnern uns an unsere
eigenen Sehnsüchte nach einem anderen Leben. Ihre Schönheit zieht uns zu ihrer Wahrheit. Sie können uns lehren, etwas von diesem „unnennbar süßen Himmel“
mit eigenen Augen zu sehen. Sie erinnern uns daran, wie innerhalb der religiösen
Tradition Ängste und Wünsche einfacher Leute benennbar und darum heilbar wurden, so dass die Welt nicht nur ein unbegreiflich wirres „Getümmel“ blieb, sondern ein Hinweis auf das Land der Freiheit, das wir Himmel nennen, wurde.

Unsere Beziehung zu den großen Traditionen, in die Maria hineingehört, wird steril, wenn wir die tausend Bilder ästhetisch an uns vorüberziehen lassen, ohne den religiösen Grund, auf dem sie gewachsen sind, in Betracht zu ziehen. Ein wirkliches Verständnis braucht vielleicht die Kraft der Hoffnung auf Heilung auch in unserer Welt, zumindest aber eine Ahnung von dem „unnennbar Süßen“, das sich immer wieder in den Bildern und Legenden aufgetan hat.

Mit der Familie hatte der Jesus der Evangelien nie viel im Sinn. „Wer ist schon meine Mutter, was soll das mit den Geschwistern?“, hat er ironisch genug gefragt (vgl. Matthäus 12,47-50). Das muss Maria wehgetan haben, weil sie es damals nicht verstand: diese Kritik an der Blutszusammengehörigkeit und erst recht nicht diesen Zusammenhalt unter denen, die mit ihrem Sohn herumzogen. Diese Bande nannte man später „familia Dei“ – die, die durch Glauben und eine andere Lebenspraxis zusammengehörten. Obdachlose, ledige Frauen, Fischer ohne Netz und Boot, alte Bettlerinnen – das waren die Leute, die sich mit dem Nazarener herumtrieben. Kein vernünftiger Mensch dabei! Ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Familie, ohne festen Wohnsitz. Es hat lange gedauert, bis Maria so geworden ist wie die Jüngerinnen und Jünger der Jesusbewegung. Bis sie wusste, wohin sie gehörte.

Tarija un lugar feliz