Die Regel

burg hildegard

Serva ordinem et ordo servabit te.
Halte die Regel und die Regel hält dich.

hild stein

Die goldene Regel – Leonhard Ragaz
MEHR 2014 – Gabriele Kuby: Gender Mainstreaming
Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik
Die „Norm“ der sozialistischen Persönlichkeit
Ernesto Che Guevara und die Veränderung der Gesellschaft
Che Guevara und der Neue Mensch: Vortrag vom 14.8.2013
Selbstbeherrschung ist möglich (1) – Joyce Meyer
Selbstbeherrschung ist möglich (2) – Joyce Meyer – Persönlichkeit stärken
Entwickle eine gesunde Denkweise – Joyce Meyer
Schöne neue Welt – ZDF Doku 2016 HD mit Claus Kleber
A. V. Trehlebov – Wie man nicht rauchen sollte..
Bettina Wegner Gebote
Revolution der Moral

DER DUFT DER GUTEN WERKE: Entscheidet sich der Mensch am Kreuzweg seines Lebens den Heimweg zu seinem Schöpfer anzutreten, dann läuft er den Weg der Gebote Gottes, wie der Hirsch zur Quelle eilt. Gebote sind für ihn dann keine Gesetzesvorschriften, kein aszetischer Imperativ mehr, vielmehr empfindet er Freude daran, er kann sie verkosten. Im guten Wirken, im Werk der Tugend, wird er zum Mitarbeiter Gottes. Sr. Caecilia Bonn OSB

Hildegard von Bingen:
Die Gnade Gottes ist dir nahe, schenkt dir Freigebigkeit und will dich.
Vertreibe sie nicht von dir! Denn der finstere Vogel eilt von Mitternacht auf dich zu und treibt sein Spiel mit dir. Er entreißt deinem Herzen das Ganzopfer, das du Gott schuldest.

Wenn der Mensch das Rechte ergreift, verlässt er sich selbst, kostet die Tugend und trinkt. Er wird davon gestärkt, wie die Adern eines Trinkenden voll Wein werden.

Wie die Mühle mit Hilfe des Wassers das Korn zum Genusse zermahlt, will ich alle deine Gebote mitten im Sturzbach des Leibes meiner schwachen Menschennatur erforschen und eifrig erfüllen. HvB

Die Discretio – Das Maßhalten
„…. die Seele liebt in allen Dingen das diskrete Maß. Wann auch immer der Körper des Menschen ohne Discretio isst und trinkt oder etwas anderes dieser Art verrichtet, werden die Kräfte der Seele verletzt….“
Eine wichtige Tugend bei Hildegard ist die „Discretio“, das Maßhalten. Nach Hildegard soll sich der Mensch in allen Dingen das rechte Maß auferlegen.

Peter Seewald: Die Schule der Mönche
Der alte gebückte Mönch sah mich ein wenig traurig an und sagte: „Viele Menschen haben kein Rezept. Sie wissen nicht, an was man sich halten, an wen man sich wenden könnte. Und so missachten sie Gesetze des Lebens, die man nicht ungestraft missachten kann. Wissen Sie, unser Glaube ist ja gar keine von Menschen erdachte Verordnung. Manchmal könnte es so aussehen, ich weiß. Aber ich bin heute alt genug, um mir sicher zu sein, dass es nichts anderes ist als das, was Gott selbst in die Welt gebracht hat.” Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben. Edith Stein

UNUM NECESSARIUM – DAS EINZIG NOTWENDIGE
Die Bibel erfordert größere Aufmerksamkeit, weil in ihr größere Schätze verheißen werden als in anderen Büchern, Schätze der Erleuchtung, der Wahrheit und des Heils. Aber es empfängt sie nur der, der da bittet und anklopft (Matth.7:7). Der Herr spricht: Und laß das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß du haltest und tust alle Dinge nach dem, was darin geschrieben steht. Alsdann wird es dir gelingen in allem, was du tust, und wirst weise handeln können. (Jos.1:8). Darum sagt David: Wohl dem der… hat Lust zum Gesetz des Herrn (Ps1:2), und weiter: Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich rede ich davon. Ich bin gelehrter als alle meine Lehrer; denn meine Zeugnisse sind meine Rede. Ich bin klüger denn die Alten, denn ich halte deine Befehle (Ps.119:97, 99, 100).

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Heike Makatsch als Dr.Hope: Wenn ein ehrlicher Gedanke einen moralischen Mangel darstellt, so hat mein Vater in der Tat versagt, und ich danke ihm dafür. Und wenn meine Gedanken töricht sind, so bin es auch ich, und mit gutem Gewissen.

Wenn Gott über das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens hinaus unser Gott werden soll, dann muß es zur Entscheidung kommen, die das «Ärgernis» als Möglichkeit einschließt. So allein entsteht auch Glaube. Und im Glauben allein hat man einen wirklichen Gott. So allein wird Gott Gott, der heilige Gott, der doch die rettende Liebe ist. Das aber wird keiner Seele an der Natur, am bloßen Sittengesetz, an der bloßen Geschichte klar, sondern allein – ich drücke mich nun abkürzend aus – an Jesus Christus, allein an der Krippe und am Kreuz. Von hier aus kann man dann frei und weit in die Welt schauen. Ragaz Briefe 1937

Wir stoßen im Heidentum nirgends auf ihn, – es sei denn in Andeutungen, Ahnungen, Vorstufen. Vor allem eins: der Mensch, der Mensch in seinem unbedingten Wert – und nur das ist der Mensch-, ist nicht in Griechenland geboren, sondern in Erez Israel. Er wird nicht aus den Göttern oder der Gottheit geboren, sondern nur aus dem Einen, heiligen Gott: der Mensch als Persönlichkeit (und nur das ist der Mensch) ist nur möglich als Sohn Gottes, der selbst die Urpersönlichkeit ist, was nur der Eine sein kann. Daraus entsteht die ganze sittliche Welt, auf deren Boden Sie politisch so gut stehen als ich. So z. B. aller Sozialismus. Nie ist er auf einem andern Boden entstanden, nie kann er auf einem andern entstehen. Auf diesem Boden steht, ohne es recht zu wissen, auch Karl Marx. Platos «Sozialismus» ist keiner, ist eher Faschismus. Aus Natur und Philosophie steigt keine Unbedingtheit des Menschen auf, und wird keine Weltrevolution geboren.

Aber nun die bedeutungsvolle Wendung: diese sittliche Welt ist keine Ethik. Sie ist, wenn sie echt ist, ein unmittelbares Leben aus Gott (ja eben gerade ein unmittelbares!), ein alles «Gesetz», auch alle höchste Forderung der bloßen Ethik überbietendes Leben des Guten. Wir stoßen damit sofort auf die Geschichte von der Opferung Isaaks durch Abraham. Sollte es Ihnen wirklich so unzugänglich sein, daß es Fälle gibt und geben muß, wo man im Gehorsam gegen den Willen Gottes, der immer auch das Gute selbst ist, auch die scheinbar höchste Pflicht menschlicher Ethik verleugnen muß? Soll das:
«Und nehmen sie den Leib,
Gut, Ehre, Kind und Weib,
laß fahren dahin-» (Luther)
nicht gelten? Muß es nicht ein Loch geben in der Kuppel alles Höchsten Irdischen, durch welches das Absolute scheint? Besteht nicht darin die letzte Bürgschaft aller Freiheit? Muß aber dieses Loch sozusagen nicht immer wieder offen gehalten, offen gemacht werden durch eine Opferung Isaaks? Wie gut, daß dem so ist, daß nicht ein unpersönlicher Akt der «theoretischen Vernunft», sondern eine allerpersönlichste Tat des ganzen, innersten Menschen uns mit Gott und seiner Erkenntnis verbindet. Im Ringen des Glaubens und in der Erleuchtung des Glaubens bejaht der Mensch die Opferung Isaaks, und das ist das Größte, was je auf Erden geschieht. Welch ein Verlust, wenn nicht diese Geschichte in der Bibel stünde. Ragaz Briefe 1937

Von hier komme ich auf das allgemeine Problem von Bibel und Ethik. Ich bleibe dabei: Sie sind, lieber Freund, bei all Ihrer geistigen Freiheit mit Ihrer Beurteilung der Bibel im «Gesetz» befangen, d. h. in einer Schablone der Ethik, einer hohen, edlen Ethik selbstverständlich, aber doch einer Ethik, d. h. eines Ersatzes. Die Bibel aber kennt keine «Ethik», sie kennt nur ein unmittelbares Leben aus Gott. Gewiß, sie kennt das «Gesetz», aber sie lehrt auch seine Überwindung durch Überbietung. Sie lehrt auch auf dem Grunde des Glaubens die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Das verkennen Sie, nach meinem Urteil, ganz. Verstehen wir uns auch darin recht! Es ist nicht meine Absicht und Gesinnung, jede einzelne «moralische» Äußerung der Bibel als Muster für ein Handbuch der Moral zu erklären. Ich frage Sie aber eindringlich: Wäre die Bibel das, wäre sie da nicht unerträglich langweilig? Könnte sie dann den lebendigen, das heißt den wirklichen Gott offenbaren? Nein, sie ist ein Weltbuch, ein Weltspiegel, gottlob, mit allen Schatten, Schwächen und Sünden der Menschen, und so ein Gottesbuch, so die Offenbarung des wirklichen Gottes. Man darf nicht an den einzelnen Geschichten etwa des Alten Testamentes hängen bleiben. Das Alte Testament ist der Dekalog, Psalm 73 und Jesaja 53 (Sie verstehen gewiß, wie ich das meine?). Auch darf man nicht vergessen, daß für uns das Alte Testament im Neuen aufgehoben ist. Der Ausrottung ganzer Stadtbevölkerungen z. B. steht das Wort Jesu gegen diejenigen Jünger gegenüber, die auf die Dörfer der Samariter Feuer und Schwefel regnen lassen wollten: «Wisset Ihr nicht, wes Geistes Kinder Ihr seid? Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, Menschenleben zu zerstören, sondern zu retten.» Aber man muß verstehen, was jene Ausrottung bedeutet, und um das zu verstehen, muß man wissen, was für unsägliche Greuel in solchen Städten geschehen. Diesen gegenüber waltet für das Bewußtsein des Alten Bundes im Schwert Israels das verzehrende Feuer des heiligen Gottes. Dieses gilt auch heute – gilt gegen jeden falschen Humanismus, im Interesse des Menschen, wenn wir auch – selbstverständlich – heute andere Formen seines Waltens für recht halten. … haben wir nötig, darum hat auch dieses Geschehen – an seinem Orte – seinen guten Sinn. Man muß ihn nur recht verstehen. Man muß sich nur von der Vorstellung los machen, daß die Bibel eine moralische Kinderfibel und Mustersammlung sei.

Man kann auch sehr fehl greifen, wenn man in der Bibel gewisse Einzelheiten vermißt, die einem sittlich wichtig sind, z. B. die Rücksicht auf die Tiere. Im Gesetz Mosis finden wir die zarteste Rücksicht nicht nur auf die Tiere, sondern auch auf die Pflanzen, ja sogar auf die Stoffe. «Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes, das Herz des Gottlosen aber ist grausam». – «Du sollst das Zicklein nicht sieden in der Milch seiner Mutter» u. s. f. Das alles wird im Neuen Testament vorausgesetzt, und wenn es in einem Franziskus dann einseitig hervortritt, so nur, weil es in Jesus angelegt ist. Wenn Sie aber die Einseitigkeit des Buddhismus diesem scheinbaren Manko der Bibel entgegenstellen, dann vergessen Sie nicht: die indischen Parias wurden nicht durch Buddha erlöst und auch die chinesischen Kuli nicht, sondern beide durch Gandhi und Sun-Yatsen, die beide bekennen, daß sie die Kraft dieser Erlösung von Christus haben. Es ist gut, daß Christus nicht mehr an die Tiere als an die Menschen gedacht hat! Das Tier wird vom Menschen aus erlöst, nicht umgekehrt. Es ist in Christus miterlöst. Ich bin damit auf Christus gekommen, soweit er sittliches Vorbild ist, und erkläre hier erst recht: Sie gehen mit Ihrem Verständnis seines Wesens völlig an ihm vorbei, wenn Sie aus ihm eine anderswoher geholte Norm anwenden. Der Menschen- und Gottessohn lebt nicht aus einem Gesetz, auch nicht einer Ethik, sondern unmittelbar aus Gott, dem Heiligen und Gütigen, dem Herrn und Vater. Darum geht sein Tun in keine Schablone, weder in das Gesetz der Philosophen noch in das der Pharisäer. Darum erscheint er diesen fehlerhaft, aber darum ist er so unendlich befreiend, darum so menschlich, und darum so göttlich. Ja, darum ist er der Mensch- und Gottessohn.
Ragaz Briefe 1937

Natürlich ist auch hier nicht meine Absicht, daß es außer Jesus keine sittliche Vortrefflichkeit gebe, oder daß er eine Sammlung aller menschlichen Tugenden sei. Das ist er eben gerade nicht. Fast bin ich versucht zu sagen: er ist der Befreier von aller Tugendhaftigkeit. Er ist das lebendige Gute Gottes selbst, Mensch geworden. Als Beispiel … nicht mehr, aber das ist genug!

Endlich komme ich von diesem mehr mit dem Historischen zusammenhängenden Teil unseres Disputes auf das gewaltige Problem der Erklärung des Bösen, anders gesagt, des Verhältnisses zwischen Gott und dem Bösen zu sprechen. Sie erklären selbst, seiner nicht Herr zu sein, und ich erkläre, daß ich es auch nicht bin. Machen wir uns klar, was wir zu seiner Lösung allein tun können: wir können nicht – gnostisch – von den Tiefen Gottes aus sein Wollen konstruieren, aber wir können von den Tatsachen aus, die wir als Grundtatsachen empfinden und anerkennen, die besten Begriffssymbole zu finden versuchen, womit wir Gottes Wesen und Walten bezeichnen können. Das ist, was Kant das «kritische» Denken, im Gegensatz zum «dogmatischen», nennt. Als solche Grundtatsachen anerkennen wir beide zwei: die Heiligkeit des Guten und die Freiheit der Entscheidung. Beides gehört uns zusammen. In der Heiligkeit des Guten tritt uns der heilige Gott entgegen. Und nun meinen Sie, man müßte Gott sogar von der Möglichkeit des Bösen trennen. Daher schaffen Sie – gnostisch – Ihre Luziferlehre. Ich aber kann nach immer neuem Besinnen nicht anders, als mir an dem Gedanken genügen lassen: wenn dieser heilige Gott heilige Söhne und Töchter, d. h. sittlich geartete Söhne und Töchter schaffen wollte, nach seinem Bilde, dann mußte er ihnen Freiheit geben. Aus seiner Freiheit (a propos: diese Freiheit Gottes ist auch nicht mechanisch zu denken, sondern als beständige siegreiche Selbstbehauptung des Guten). Dazu aber gehörte die Möglichkeit des «Falles». Das ist für mich das Tiefste, das es gibt. Sie gestehen selbst, daß Sie auf dem Boden des Monotheismus doch nicht darüber hinauskommen, diese Möglichkeit in Gott zu setzen. Sie ist keine Befleckung Gottes, im Gegenteil: sie macht ihn erst zum völlig Guten, und so allein ist er auch der Lebendige. So bin ich mit Ihnen völlig einig, wenn Sie von Ihrer Lehre erklären: «sie erklärt die Freiheit als eigentlichen Schlüssel des Weltgeheimnisses und zugleich der wahren Gottesverehrung». Dabei unterstreiche ich, daß es sich um ein Geheimnis handelt. Es ist das Urgeheimnis – darum lassen wir es stehen und versuchen nicht, es gnostisch aufzulösen und dadurch
nur dunkler zu machen.

Was aber die Regierung Gottes betrifft, so scheinen sie mir, verehrter Freund, in einem
Mißverständnis befangen. Auch wir erklären nicht, Schlangen und Wanzen, Abessinien
und Guernica, Shanghai, Nanking als Gottes Willen, sondern als Willen eines andern.

Unser Glaube an das Reich Gottes für die Erde bedeutet ja die schroffe Opposition gegen diese Verwechslung des göttlichen Willens mit der Weltordnung. Der Weltzustand bedeutet die Illustrierung des sittlichen Zustandes, der Sünde. Wir glauben an eine Überwindung dieses Weltzustandes durch Gottes Kraft. Dieser Weltzustand durfte und darf so sein, gegen Gottes Willen, weil Gott keine Marionettenwelt will, sondern eine Welt des Kampfes, also der Freiheit, und umgekehrt, ja weil er selbst ein Kämpfer ist. Das hat alles großen, Gottes würdigen Sinn. Ich wollte es – trotz allem, nicht anders. Und ich für meine Person sehe viel Regierung Gottes gerade darin und darüber – trotz allem. Ragaz Briefe 1937

„Praemium virtutis ipsa virtus – der Lohn der Tugend ist die Tugend selbst.“ (Spinoza)
Praemium regni dei ipsum regnum. Der Lohn des Reiches Gottes, den man in der Nachfolge empfängt, ist das Reich Gottes selbst oder, wie wir auch sagen können: Gott selbst. Vielleicht am besten: Der Lohn der Nachfolge ist die Nachfolge selbst. Denn sie ist die größte und herrlichste der Gaben. „Wer das Reich Gottes annimmt, der gewinnt damit etwas, was unendlichen Ersatz bietet für alle verlorenen Güter der Welt. Wer in meiner Nachfolge sein Leben verliert, der wird es finden.“ Daß das Evangelium mit Lohnsucht nichts zu tun hat, wird auch dadurch bewiesen, daß Jesus seinen Gegnern, den Pharisäern, gerade die Lohnsucht vorwirft: die Lohnsucht, die zur Schaustellung ihrer frommen Leistungen veranlaßt, und daß er den Lohn in das Innere, nämlich in Gott selbst, verlegt (vgl. Matthäus 6,1 ff.). Und man bedenke doch, daß die Lohnethik und Lohnreligion nirgends so paradox und so gewaltig bekämpft wird, wie in den Gleichnissen von den Arbeitern im Weinberg und von dem Herrn und dem Knecht (Matthäus 20, 1-16 und Lukas 17, 7-10) mit dem großen Worte: „So werden die Ersten Letzte sein und die Letzten Erste“, und dem nicht minder großen: „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen war, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun verpflichtet waren.“ Der Lohn des Reiches Gottes und darum auch der Nachfolge ist das Reich selbst. Es ist die Freude des Reiches; es ist die Ehre des Reiches; es ist der, freilich durch das Leiden hindurch gewonnene, Sieg des Reiches. Leonhard Ragaz, Jesus

A U S N A H M E N
Und wenn irgendeinmal Not über sie kommt, soll es allen Brüdern, wo auch immer sie sein mögen, erlaubt sein sich aller Speisen zu bedienen, die Menschen essen können, wie der Herr von David sagt, der »die Schaubrote aß« (vgl. Mt 12,4), »welche niemand essen durfte als nur die Priester« (Mk 2,26). Ebenso dürfen auch alle Brüder mit dem für sie Notwendigen in Zeit offenkundiger Not verfahren, gleichwie ihnen der Herr die Gnade schenkt; denn Not hat kein Gebot.
AUS DER FRANZISKUSREGEL
Jede Religion kennt Gebote und Verbote, die eine Art Geländer sind, um ein gutes Leben zu führen. Zugleich kennt jede Religion die Gefahr, dieses Geländer zu verabsolutieren und nicht mehr zu sehen, dass dieses lediglich eine Stütze und nicht das eigentliche Ziel sein soll. Über die Geltung von Geboten gab und gibt es immer wieder Auseinandersetzungen. Auch vom Juden Jesus sind solche Konflikte bekannt, zum Beispiel als seine Jünger am Sabbat verbotenerweise Ähren abrissen und er zu ihrer Verteidigung deutlich machte, dass nicht der Mensch für den Sabbat, sprich für das Gesetz, sondern das Gesetz für den Menschen da sei (Mk2,27).
Die Regel des Franziskus ist geprägt durch Anleitungen für ein armes, anspruchsloses Leben. Dennoch macht Franziskus von seinem zentralen Gebot der Armut eine wesentliche Ausnahme, nämlich wenn Brüder in Not sind. Hier zitiert er womöglich ein schon zu seiner Zeit aus dem germanischen Recht übernommenes Sprichwort: »Not hat kein Gebot.« Es wird deutlich, dass religiöses Fasten eine gute Übung für jene ist, die dies aus freien Stücken tun können und nicht für solche, die zwangsweise zu wenig zu essen haben.
EXERZITIUM
Ich überlege mir ein Gebot, das mir für mein Leben sehr wichtig ist. Habe ich davon schon einmal Ausnahmen gemacht? Ich notiere die Kriterien, die im wahrsten Sinne des Wortes notwendig sind, dass ich davon eine Ausnahme mache.

LEBENDIGE STEINE Tradition ist nicht eine Sache der Vergangenheit, sondern etwas Lebendiges und Gegenwärtiges, das dynamisch in die Zukunft drängt und eine n e u e Verwirklichung fordert, die den neuen Gegebenheiten entspricht. Es muß also die innere Kraft der Tradition erweckt werden, die nur aus dem Studium und aus der lebendigen Beziehung zu ihr gewonnen werden kann. Daher darf die zisterziensische Tradition nicht auf ihre Anfänge eingeschränkt werden, wenn auch die ursprüngliche Inspiration sicherlich eine maßgebende Bedeutung hat. Abt von Wettingen-Mehrerau

Ohne starke Seelen keine rechte Gemeinschaft unter den Menschen. Starke Seelen haben wir nötig. Sie allein können das Gute tragen. Denn ein rechtes Gutsein gibt es nicht ohne Kraft. Starke Menschen, an Herz und Charakter starke Menschen müssen Mittelpunkte werden, an die andere sich angliedern, Kraftzentren, um die die Schwächeren sich sammeln können . 1907

Nichts ist unsicherer als wissenschaftliche Theorien, nichts gewisser, als die ewigen Tatsachen der sittlichen Welt. Der Glaube an sie ist der Fels, auf dem der Sozialismus bauen darf und muss. 1919

Hildegard von Bingen: Die Lebenskraft der Tugenden
Wenn der Mensch die Lebenskraft der Tugenden aufgibt und sich der Dürre seiner Nachlässigkeit überlässt, so dass ihm der Lebenssaft und die Kraft guter Werke fehlen, dann beginnen auch die Kräfte seiner Seele selbst zu schwinden. Wenn die Seele spürt, dass ihr Leib ohne alle Grünkraft der Tugenden (viriditas virtutum) ist und dahinwelkt, dann verfällt sie in Trauer und Klagen. Sie weiß nämlich, weil sie vernünftig ist, dass sie nicht richtig und gut handelt. Deshalb bedrängt sie ihren Leib im Geist der Zerknirschung, der Mensch fühlt sich elend, matt und krank. Auf diese Weise lässt sie den ausgedörrten Leib durch die Feuchtigkeit göttlicher Gnade wieder aufleben und ergrünen.

Tugenden sind wieder im Kommen. Mit der hl. Hildegard lernen wir, dass tugendsam sein nicht bedeutet, mit zäher Verbissenheit moralische Forderungen zu erfüllen. Solche Menschen sind ungeliebte Zeitgenossen. Tugenden sind Werthaltungen und positive Einstellungen; sie entspringen einer geistigen Freiheit, in der ich das tun kann, was ich als richtig und gut erkannt habe. Sie entscheiden über Gelingen oder Misslingen des Lebens, über Erfolg oder Scheitern, über Wohlbefinden oder Krankheit. Wenn wir das tun, was wir als richtig und gut erkannt haben, erfüllt es uns mit Freude, und Freude ist die wichtigste Lebenskraft.

Durch schlechte Taten
kann die Grünkraft welken
Hildegard hört die Elemente klagen: „Wir können nicht mehr laufen und unsere Bahn nach unseres Meisters Bestimmung vollenden, denn die Menschen kehren uns mit ihren bösen Taten wie in einer Mühle von unterst zu oberst.“
Gott antwortet: „Ich werde die Menschen so lange bedrängen, bis sie sich wieder zu mir wenden. Mit dem Besen der Ängste werde ich sie reinigen, bis sie sich wieder zu mir kehren.“ Doch nun speit die Luft Schmutz aus, so dass die Menschen kaum ihren Mund aufzumachen wagen, um zu atmen. Auch die grünende Lebenskraft welkte durch den gottlosen Irrwahn der verblendeten Menschenseelen. Nur ihrer eigenen Lust folgen sie und lärmen:,,Wo ist denn ihr Gott, den wir niemals zu sehen bekommen?“ Ihnen antworte ich: „Seht ihr Mich denn nicht, Tag und Nacht… wenn ihr sät und die Saat aufgeht, von Meinem Regen benetzt. „Alle Geschöpfe streben hin zu ihrem Schöpfer, nur der Mensch ist ein Rebell. (MV S. 133) In jener Zeit welkte die Grünkraft der Tugenden dahin, und alle Gerechtigkeit neigte sich dem Untergang zu. Dementsprechend ging auch die grünende Lebenskraft der Erde in allen Keimen zurück … (LDO X,1)

Dieser prophetische Text Hildegards mutet wie für unsere Zeit geschrieben an. Wir wissen, was Hildegard meint. „Die grüne Lebenskraft welkt„, Meere und Luft sind verseucht, die Menschen werden krank und depressiv. Die Elemente nehmen das „Unruhige und Kriegerische im Menschen auf und verhalten sich entsprechend„. Den Grund sieht Hildegard in der Rebellion des Menschen gegen die Ordnung des Schöpfers, in der Gottvergessenheit und in der Abkehr von Gerechtigkeit und Liebe. Gott bedrängt den Menschen, damit er sich wieder Gott zuwendet. Alle Geschöpfe leben entsprechend ihrer Bestimmung in der göttlichen Ordnung, nur der Mensch kann dagegen rebellieren.

Das Aufschauen zu Gott
Hildegard von Bingen schaute das Licht Gottes seit ihrer Kindheit mit den inneren Augen ihrer Seele: „Schon als ich im Schoß meiner Mutter heranwuchs, vom Hauch Gottes lebendig gemacht, hat er mir dieses Schauen eingeprägt … Als ich drei Jahre alt war, schaute ich ein so helles Licht, dass ich innerlich erzitterte.“ (Sc, Protestificatio)

Mit dem inneren Blick seiner Seele schaut der Mensch gläubig im Spiegel des Glaubens auf Gott und vertraut darauf, von ihm, der alles vermag, geheilt zu werden. Der Mensch soll Ihn, den Hohen, Lebendigen schauen ohne irgend eine Umschattung der Liebe. Der Mensch, der so auf Gott schaut, richtet wie ein Adler sein Auge auf die Sonne. (Sc)
Gott will dich, doch du verschließest deine Augen vor Ihm. Wenn du willens bist, zu Gott zu eilen, wird Er dir helfen. Erhebe deine Augen zu dem, der dich erschaffen hat und in seinem Blute reinigt. Zeige ihm deine Wunden und erbitte von ihm die Arznei.

Hildegard sagt über ihre Sehergabe, dass sie mit „den inneren Augen der Seele“ schaut, bei offenen äußeren Augen und Ohren, bei wachem Bewusstsein. Wir alle können das nachvollziehen, das ist keine pathologische, krankhafte Erscheinung. Wir sagen beispielsweise: „Ich sehe dieses Ereignis auf mich zukommen“ oder „Ich sehe diese Sache als wichtig für mein Leben an.“ Unsere Gedanken und geistige Ausrichtung bestimmen unsere Blickrichtung. Schaue ich vertrauensvoll auf Gott, der mich erschaffen hat und mich liebt? Oder verschließe ich meine Augen vor ihm? Sehe ich schwarz und habe nur noch Angst? Hildegard von Bingen erhält in ihrer Inneren Schau die sichere Zusage Gottes, dass er jedem helfen wird, der sich ihm vertrauensvoll zuwendet.

Das Riechen
Mit dem Hauch der Vernünftigkeit zieht der Mensch durch die Nasenlöcher die wohlriechendsten und edelsten Dinge an sich und verwirft die stinkenden und schmutzigen. Die Nase strebt aufwärts in die Länge nach den höheren Dingen … Durch die Nase werden auch das Gehirn und die Adern gereinigt. Auch der Hauch der Seele hat einen geraden Weg durch die Nase und durch den Mund.
Hildegard sieht einen Vergleich zwischen dem Menschen und dem vierten Monat, dem April: Der vierte Monat ist grün und voller Duft, auch wenn er manchmal wie mit Furcht donnert. Er weist auf die Nase hin, durch die der Hauch der Seele den Duft von all dem einzieht und wieder aussendet, was sich der Mensch mit Ehrfurcht auswählt. Diesem Monat wird jener Mensch verglichen, der durch den Hauch der Vernünftigkeit, gewissenhaft die Grünkraft der guten Werke weise ausgewählt hat. In einem solchen Menschen beginnen alle Früchte zu grünen, und er ist wirklich ein Duftbringer, weil in diesem süßesten Duft der Ruf der Rechtschaffenheit und Nützlichkeit zum Lobe Gottes überallhin ausgeströmt wird.

Mit der Nase ziehen wir die Luft, den Atem ein; ohne Atem können wir nur sehr kurz überleben. Atem ist Leben. In der Heiligen Schrift steht: „Und Gott hauchte den Menschen an und so richtete er sich auf als Lebendiger.“ Der Geist Gottes wird erfahren als Hauch, Luft, Wind, Sturm, als Beweger und Lebendigmacher. Die Nase ist das Organ, das dem Hauch dient: dem „Hauch der Seele“ und dem „Hauch der Vernünftigkeit“. Die Nase strebt ihrer Form nach aufwärts und weist so auf die höheren Dinge, auf den Geist hin. Sie ist das Organ, durch das der vernünftige Mensch alle wohlriechenden und edlen Düfte wahrnehmen kann. Wir kennen heute die heilende Wirkung der „Aromatherapie“. Im übertragenen Sinn spricht Hildegard vom „süßesten Duft der Rechtschaffenheit“. Ein rechtschaffener Mensch ist wirklich ein „Duftbringer“, in dem alle Früchte anfangen zu grünen.

Wenn der Mensch das Rechte ergreift, verlässt er sich selbst, kostet die Tugend und trinkt. Er wird davon gestärkt, wie die Adern eines Trinkenden voll Wein werden. (HVB)

Vision der hl. Hildegard von Bingen

“Und ich hörte, wie sich die vier Elemente mit einem wilden Geschrei bei Gott beklagten: ‘Wir können nicht mehr laufen und unsere Arbeit nach unserem Auftrag erfüllen, denn die Menschen kehren uns mit ihren schlechten Taten wie in einer Mühle von unten nach oben. Wir stinken schon wie die Pest und vergehen vor Hunger nach Gerechtigkeit. Der Mensch ist ein Rebell. Er liegt quer zur Schöpfung. Er zerreißt die Schöpfung in ihre Einzelteile und vergisst seinen Schöpfer und hat keine Freude mehr an der Schöpfung.’ Gott aber antwortet ihnen:

‘Mit meinem Besen will ich euch reinigen und die Menschen so lange heimsuchen, bis sie sich wieder zu mir wenden. Mit den Qualen derer, die euch verunreinigt haben, will ich euch reinigen, sooft ihr besudelt werdet. Doch nun stinken alle Winde wie Moder, und die Luft ist verschmutzt, sodass die Menschen nicht einmal mehr wagen, den Mund aufzumachen. Seht ihr mich denn nicht mehr bei Tag und bei Nacht? Seht ihr mich denn nicht, wenn ihr sät und die Saat aufgeht? Jedes andere Geschöpf erkennt seinen Schöpfer, nur der Mensch ist ein Rebell!’”

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Hildegard von Bingen Der Mensch in der Verantwortung
Das Buch der Lebensverdienste – Liber Vitae Meritorum
Die verkehrten Menschen behaupten, man könne Gott nicht zu Gesicht bekommen
35 Daher ist in diesen Menschen, in denen die Grünkraft herrschen sollte, keinerlei Leben, vielmehr nur noch dürre Trockenheit, und zwar wegen der durchaus nichtsnützigen Wahnhaftigkeit jener diabolischen Künste, die sich in der Verderbtheit der Menschen spiegelt. Alles, was sie tun, richten sie auf ihre Begehrlichkeit und Lüsternheit aus, wobei sie in ihren Herzen und mit ihren Zungen sprechen, wer wohl jener Gott sei, und was jener Gott könne, und welche Macht Er wohl habe, den man doch nie zu sehen kriege, der vielmehr immer im Verborgenen weile.
Die Menschen erblicken Gott in der Schöpfung
36 Ihnen gibt der Herr Antwort, wenn Er sie fragt: Ob sie Ihn denn nicht in der Erleuchtung des guten Gewissens gleicherweise gesehen hätten wie beim Leuchten der irdischen Sonne, als sie das Gute tun sollten? Ob sie Ihn nicht geschaut hätten in der Trübung des Herzens gleicherweise wie im Dunkel der Nacht, als sie Schlechtes zu meiden hatten? Ob sie Ihn denn nie erfahren hätten auf den Wegen der Gerechtigkeit, die im Heiligen Geiste zu immer größeren Fortschritten geleitet würde? Oder ob sie ihn nicht geschaut hätten, als der irdische Samen in die Erde fiel und mit Tau und Regen durchtränkt wurde, um auf diese Weise zum Wachstum zu kommen? Und ob das alles durch einen anderen geschehen könnte als durch den Schöpfer aller Dinge?

Sigmund Freud zitiert: „Der Verlust des Schamgefühls ist ein Zeichen von Schwachsinn.“

Jesus will nicht aus seinen Worten und Taten ein neues gesetzliches Joch machen. Es ist Aufgabe derer, die ihn verstanden haben, aus der Grundwahrheit des Gottesreiches sich selbst ihr „Gesetz“ für ihr Handeln zu schaffen, sowohl im allgemeinen als von Fall zu Fall. 1910

Es ist falsch, wenn man vom Evangelium erwartet, dass es alle möglichen Detailanweisungen gebe. Als ob wir dazu nicht selbst Verstand und Einsicht erhalten hätten! Aus Jesu Botschaft strömt uns die Erkenntnis der Wahrheit Gottes und des Menschen, hier öffnet sich uns die grosse Hoffnungsperspektive, aber in diesem Lichte sollen wir nun selbst an der Fortbildung der sittlichen Erkenntnis arbeiten. 1910

Gott will nicht eine heilige Institution, sondern ein lebendiges Volk, das Träger seines Willens ist, und dieser Wille soll mitten im Weltwesen geschehen. 1930

Es kommt nicht auf den Haufen von Tugenden und Fehlern an, die ein Mensch hat, sondern auf den Geist, der ihn regiert. 1918

Nur ein in sittlicher Zucht gesammeltes, seelenernstes Volk ist der Freiheit fähig. 1923

Die Freiheit bedarf der Autorität. Sie ist gebunden an eine an sich gültige, aller Subjektivität überlegene Welt sittlicher Werte. 1925

Frei sein kann nur, wer – geistig verstanden – einem Herrn dient. 1925

Freiheit ist Verpflichtung. Je strenger ein Mensch an eine Wahrheit gebunden ist, desto unbedingter wird er sie im Zusammenstoss mit der knechtenden Welt vertreten, desto grösser wird sein Freiheitsernst, seine Freiheitsleidenschaft sein. 1925

Die in Christus erschienene Wahrheit muß die Ordnung der Welt werden. 1929

Die Bergpredigt muss mit Geist verstanden werden. 1927

Es ist falsch, Feindesliebe einfach von jedem Menschen ohne weiteres zu fordern. Wo die Voraussetzung dazu fehlt, entsteht daraus nur Lüge. 1908

Die Bergpredigt ist nicht eine moralische Forderung von unerhörter und fast unmöglicher Schwere, sondern sie ist eine Gabe, eine Erlaubnis, eine Freiheit, die Erlösung von der Welt mit ihrem furchtbaren Druck. Sie ist uns nur echt, wenn sie eine Freude ist; nicht ein Müssen, sondern ein Dürfen (Können, Wollen), nicht ein Gesetz, sondern eine Erlösung. 1927

Nur der Gott, der richtet, kann auch aufrichten. 1908

freiheit

perfect

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