Die Benediktsregel

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Die Regel des hl. Benedikt
10 Gebote der Gelassenheit Werkzeuge der geistlichen Kunst
Benediktsregel
Die Regel des hl. Benedikt (Regua Benedicti)

regel

Die Benediktsregel, Eine Anleitung zu christlichem Leben
Georg Holzherr, Abt von Einsiedeln

EINFÜHRUNG
1 Die Spiritualität der Regel
Die Regel ist eine Kurzfassung der Heiligen Schrift. Benedikt will Menschen der Seligpreisungen formen. Prototyp der Mönche ist Christus. Mönche sind Christen, die sich voll für die kirchliche Gemeinschaft engagieren. Die Apostelgeschichte bietet die Modellvorstellung dafür. Die frühen Mönchsväter und Benedikt setzen dieses biblische Leitbild in eine klösterliche Lebensordnung um, deren Institutionen freilich wandelbar bleiben. Jede Interpretation der Benediktsregel muß von diesem biblischen Hintergrund ausgehen. Die am Ende jedes Kapitels verzeichneten Belegstellen verweisen auf biblische Zitate, Anklänge und Anspielungen.
In seinem Schlußkapitel weist Benedikt über seine «kurze» Regel hinaus auf die «heiligen Väter» hin, aus denen er geschöpft hat. In seine Regel haben sich vor allem die Quellen der orientalischen Spiritualität ergossen. Die geistliche Lehre des Ostens hat sich im Westen weiterentwickelt. Benedikt stellt im 6. Jahrhundert eine Synthese zwischen der Spiritualität des Ostens und des Westens her. Der Kontakt mit diesen Wurzeln der christlichen Spiritualität ist auch heute unerläßlich.
Das II. Vatikanum hat nicht nur «Mönche» und nicht nur Ordensleute, sondern die Christen überhaupt auf die orientalischen Quellen hingewiesen, aus denen Benedikt schöpft: «Im Orient finden sich die Reichtümer jener geistlichen Traditionen, die besonders im Mönchtum ihre Ausprägung gefunden haben. Denn seit den glorreichen Zeiten der heiligen Väter blühte dort jene monastische Spiritualität, die sich von dorther auch in den Gegenden des Abendlandes ausbreitete und aus der das Ordenswesen der Lateiner als aus seiner Quelle seinen Ursprung nahm und immer wieder neue Kräfte erhielt. Deshalb wird mit Nachdruck empfohlen, daß die Katholiken sich mehr mit diesen geistlichen Reichtümern der orientalischen Väter vertraut machen, die den Menschen in seiner Ganzheit zur Betrachtung der göttlichen Dinge emporführen».
Hieronymus schrieb im Jahr 404: «Wer Freude hat am Studium des heiligen zönobitischen Lebens, trinke eher aus den Quellen als aus abgeleiteten Bächlein». In diesem Sinn illustriert mein Kommentar die Regel mit Texten, die ich aus jenen lateinischen Versionen neu übertrug, die Benedikt selber kennen konnte. Außerdem zitiere ich gelegentlich den für das Mönchtum so bedeutsamen Origenes (t 253) und die Lebensbeschreibung Benedikts aus der Feder Papst Gregors des Großen (t 604). Quellenverweise, die den Zugang zu Benedikts eigener geistiger Welt erschließen, finden sich in vielen Editionen der Regel. Ein wissenschaftlicher Apparat hilft aber wenigen Lesern, weil ihnen die entsprechenden Texte kaum zugänglich sind. Wenn aber die geistlichen Quellen der Benediktsregel nicht fließen, wirkt sie leicht wie ein längst versiegter Brunnen oder wird allzu «gesetzlich» ausgelegt. Diese Überlegungen haben mich zu einem Kommentar in der vorliegenden Form veranlaßt. Ich hoffe, daß aus den Wurzeln der Benediktsregel spirituelle Lebenskräfte der frühen, ungeteilten Christenheit in unsere Gegenwart hinein fließen. Ich versuche, die alten Texte in die Sprache und den Verständnishorizont unserer Zeit zu übersetzen. Auch wo wir uns nicht an den Buchstaben Benedikts oder seiner Quellen halten können, vermitteln diese Texte eine geistliche Botschaft. Gegenwartsfragen diskutiere ich nicht ausdrücklich; der Gegenwartsbezug der alten Texte ist meist offensichtlich. Im übrigen fehlt es nicht an neuen Arbeiten, die Benedikts Regel mit den Problemen der Gegenwart konfrontieren.

2 Eine meditative Lektüre der Regel
In den Benediktinerklöstern liest man die Regel täglich, doch nur einen ganz kurzen Abschnitt jeden Tag. Die Regel ist wie ein alter, schwerer Rotwein, den man in kleinen Schlücken genießt. Wer das Maß überschreitet oder nicht mit Verstand zu trinken weiß, ist zu bedauern. Kopf und Herz, Seele und Gemüt sollen die Worte der Regel kosten, wie sich das Auge an der Farbe des Weins erfreut, während Zunge, Nase und Gaumen auf ihre Art die köstliche Gabe Gottes gustieren. – Hat man einen Ausspruch Benedikts auf der Zunge gekostet, indem man ihn wiederholt vor sich hersprach, wird man weiter sinnen, vielleicht in Betrachtung biblischen Worten, Gleichnissen oder Gestalten nachgehen, die in uns anklingen, oder der Person, dem Geheimnis und der Lehre Jesu. Das ist die altkirchliche «Meditationsmethode» des Ostens und des Westens; sie wird immer wieder in ein spontanes Gebet münden.
Der Kommentar illustriert den Text der Regel mit Väterworten, die mithelfen können, Auge und Ohr des Herzens zu öffnen. Einen systematisch aufgebauten Kommentar habe ich bewußt vermieden. Benedikt selber schreibt nicht systematische Abhandlungen über theologische Probleme, etwa über die Gnade, über die damals aktuelle Frage des Monophysitismus, über die Eschatologie, über das Martyrium oder über die Kirche. Doch läßt die Regel überall ein bestimmtes biblisches und kirchliches Verständnis der christlichen und klösterlichen Lebensfragen erkennen. Der Kommentar sucht die geistige Welt Benedikts, seinen Ausführungen schrittweise folgend, herauszuschälen.
Einführung und Kommentar orientieren über den gegenwärtigen Stand der Forschung; doch ist nicht «Wissenschaft» das Ziel dieses Buches. Der Kommentar will nicht Wissensstoff anhäufen, sondern im Sinn der alten Spiritualität dazu helfen, daß die ganze Person aus ihrer Mitte heraus Auge und Ohr werden kann für Gott. Die ganze Askese der Regel will eine «Theologie (Gottesschau) des Herzens» vorbereiten.
Um zu verstehen, warum bestimmte Texte alter Väter und Mönchsschriftsteller für den Kommentar ausgewählt wurden, wird es gut sein, im folgenden einen Blick auf die Vorgeschichte der Benediktsregel und in Benedikts eigene geistliche Lektüre zu werfen.

3 Der südgallische und jurassische Mutterboden der Benediktsregel
Vor bald fünfzig Jahren wurde erstmals die Priorität der anonymen sogenannten «Regel des Magisters» vor der Regel Benedikts behauptet. Danach setzte ein intensives Regelstudium ein, das eine gewisse Klärung gebracht hat. Man akzeptiert heute allgemein die neue These: ein Viertel der Benediktsregel ist- vereinfachend gesagt – aus diesem «Magister» übernommen; zwei weitere Viertel sind stark von ihm beeinflußt; ein Viertel weist keine Beziehung zum »Magister» auf. Über diese erste Feststellung hinaus setzt sich immer mehr die Auffassung durch, daß Südgallien (Lerins, Jura) der Mutterboden der sogenannten «Magisterregel» ist.
Die wichtigste Pflanzstätte des südgallischen Mönchtums war das Inselkloster Lerins (vor Cannes), das um 410 gegründet wurde.

5 Treffpunkt westlicher und östlicher Spiritualität und Tor in die Zukunft
Bei Benedikt sammelt und verdichtet sich ein Traditionsstrom, der aus Ägypten, Syrien, aus dem griechischen Kleinasien, aus Nordafrika, Südgallien und aus dem Jura stammt. Ihre in alle Provinzen und weit in die Vergangenheit reichenden Wurzeln erklären die innere Kraft der Regel Benedikts. Man darf Benedikt keineswegs als Gegenspieler des orientalischen Mönchtums hinstellen, doch hat er Akzentverschiebungen von großer Tragweite vorgenommen; er mildert zum Beispiel frühere asketische Übungen, und er betont Wert und Ethos der Arbeit.
Die Verwurzelung Benedikts in der besten spirituellen Überlieferung der noch ungeteilten Christenheit erklärt zum großen Teil die kaum zu überschätzende Wirkung seiner Regel im Abendland. Sie ist das Basisdokument des westlichen Mönchtums und Ordenslebens. Sie ist auch die Lehrmeisterin der jungen germanischen Völker geworden. Die Regel hat diese «Sitte und Anstand» gelehrt, aber auch das «Bete und arbeite!», das «Ertrage!» und «Halte Frieden!». Benedikt brachte diesen Völkern ein christliches Verständnis von Gemeinschaft und Autorität und lehrte sie die Fürsorge für Kranke, Arme und Fremde.
Wenn auch der Geist Benedikts von den neuen Völkern nicht in allem rezipiert wurde, muß man sich doch wundern, wie seine Regel im Westen alle früheren Regeln zurücktreten ließ und sich einbürgern konnte.

 

VORWORT
Incipit Prologus
1 HÖRE, MEIN SOHN, auf DIE LEHREN des Meisters,
und NEIGE DAS OHR deines Herzens.
Nimm die MAHNUNG des gütigen VATERS willig an,
und erfülle sie in der Tat.
2 So wirst du durch mühevollen GEHORSAM
zu dem heimkehren,
von dem du dich in trägem UNGEHORSAM entfernt hast.
3 An dich richtet sich nun mein Wort, wer immer du bist,
wenn du dem Eigenwillen entsagst
und die starken, glänzenden WAFFEN des Gehorsams ergreifst,
um dem wahren König, Christus, dem Herrn, zu DIENEN.

4 Vor allem: flehe in inständigem Gebet,
er möge alles, was du Gutes zu tun beginnst,
zur Vollendung führen.
5 Nachdem er uns gnädig UNTER seine SÖHNE geZÄHLT hat,
soll er sich nie betrüben müssen, weil wir schlecht leben.
6 Mit seinen Gaben, die er in uns legte,
sollen wir ihm vielmehr stets so gehorchen,
daß er einst nicht wie ein erZÜRNTer Vater
seine Söhne entERBT;
7 noch weniger möge er uns als strenger Herr,
ergrimmt über unsere Missetaten,
wie NICHTSNUTZIGE KNECHTE der ewigen Strafe übergeben,
da wir ihm nicht zur Herrlichkeit folgen wollten.

8 Stehen wir also endlich einmal auf,
da uns die Schrift mit den Worten weckt:
DIE STUNDE IST GEKOMMEN, AUFZUSTEHEN VOM SCHLAF.
9 Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen LICHT,
und hören wir mit aufgeschreckten Ohren,
was uns die göttliche STIMME jeden Tag mahnend zuruft:
10 HEUTE, WENN IHR SEINE STIMME HÖRT,
VERHÄRTET EURE HERZEN NICHT!
11 Und ferner: WER OHREN HAT, ZU HÖREN, DER HÖRE,
WAS DER GEIST DEN GEMEINDEN SAGT.
12 Und was sagt er? KOMMT, IHR SÖHNE, HÖRT MIR zu!
DIE FURCHT DES HERRN WILL ICH EUCH LEHREN.
13 LAUFT, SOLANGE IHR DAS LICHT des Lebens HABT,
DAMIT EUCH NICHT DIE FINSTERNIS des Todes ÜBERFÄLLT!

14 Das ruft der Herr der Volksmenge zu,
in der er seinen ARBEITER sucht, und fährt weiter:
15 WER IST DER MENSCH, DER DAS LEBEN LIEBT
UND GUTE TAGE ZU SEHEN WÜNSCHT?
16 Wenn du das hörst und antwortest: «Ich»,
so sagt dir Gott:
17 Willst du das wahre und EWIGE LEBEN haben,
SO BEWAHRE DEINE ZUNGE VOR BÖSEM
UND DEINE LIPPEN VOR FALSCHER REDE!
MEIDE DAS BÖSE, UND TU DAS GUTE;
SUCHE FRIEDEN, UND JAGE IHM NACH!
18 Tut ihr das,
werden MEINE AUGEN AUF EUCH ruhen,
und meine Ohren werden eure Gebete hören,
und BEVOR IHR MICH ANRUFT, WERDE ICH SAGEN: HIER BIN ICH.
19 Was könnte angenehmer klingen, liebe Brüder,
als diese STIMME DES HERRN, der uns einlädt?
20 Seht, in seiner Güte zeigt uns der Herr den WEG ZUM LEBEN.
21 UMGÜRTEN wir uns also mit dem GLAUBEN,
erfüllen wir in allem treu unsere Pflicht,
und schreiten wir voran auf den Wegen des Herrn,
unter der Führung des EVANGELIUMS*,
damit wir ihn SCHAUEN dürfen
der uns IN SEIN REICH GERUFEN hat.
*ZIEHEN WIR ALS SCHUHE DIE BEREITSCHAFT AN,
FÜR DAS EVANGELIUM VOM FRIEDEN ZU KÄMPFEN.

22 Wenn wir IM ZELT seines Reiches WOHNEN wollen,
müssen wir mit guten Taten voraneilen;
sonst kommen wir nie dorthin.
23 Doch fragen wir mit dem Propheten den Herrn:
HERR, WER DARF GAST SEIN IN DEINEM ZELT,
WER DARF WEILEN AUF DEINEM HEILIGEN BERG?
24 Hören wir, Brüder, was der Herr auf diese Frage antwortet
und wie er uns den Weg zu seinem Zelte weist.
25 Er sagt: WER MAKELLOS LEBT UND DAS RECHTE TUT;
26 WER VON HERZEN DIE WAHRHEIT SAGT
UND MIT SEINER ZUNGE NICHT VERLEUMDET;
27 WER SEINEM FREUND NICHTS BÖSES ANTUT
UND SEINEN NÄCHSTEN NICHT SCHMÄHT;
28 wer den BÖSEN, den Teufel, der ihm etwas einflüstert,
samt den Einflüsterungen aus dem BLICKfeld seines HERZENS
vertreibt und ZUNICHTE MACHT;
wer solche TeufelsKINDER von Gedanken PACKT
und an CHRISTUS ZERSCHMETTERT;
29 wer DEN HERRN FÜRCHTET
und sich wegen seines treuen Dienstes nicht überhebt,
sondern glaubt, daß alles Gute, das ihm eigen ist,
eigenes KÖNNEN übersteigt und Werk des Herrn ist;
30 solche Menschen PREISEN DEN HERRN, der IN IHNEN WIRKT,
und sagen mit dem Propheten:
NICHT UNS, 0 HERR, BRING ZU EHREN,
NICHT UNS, SONDERN DEINEN NAMEN!
31 So hat auch der Apostel Paulus in seiner Verkündigung
nichts sich selber zugeschrieben;
er sagt: DURCH GOTTES GNADE BIN ICH, WAS ICH BIN.
32 Und weiter sagt er:
WER SICH RÜHMT, RÜHME SICH DES HERRN.
Ebenso sagt der Herr im Evangelium:
WER DIESE MEINE WORTE HÖRT UND DANACH HANDELT,
IST WIE EIN KLUGER MANN, DER SEIN HAUS AUF FELS BAUTE.
34 EIN WOLKENBRUCH KAM,
STÜRME TOBTEN UND RÜTTELTEN AM HAUS;
ABER ES STÜRZTE NICHT EIN, DENN ES WAR AUF FELS GEBAUT.

35 So SCHLIESST DER HERR.
Er erwartet nun Tag für Tag von uns,
daß wir diesen seinen heiligen Mahnungen
mit Taten antworten.
36 Deshalb werden uns die Tage dieses Lebens
als Gnadenfrist verlängert,
damit wir unsere schlechte Haltung bessern;
37 sagt doch der Apostel: WEISST DU NICHT,
DASS DIE LANGMUT GOTTES DICH ZUR UMKEHR TREIBT?
38 Denn in seiner Güte sagt der Herr:
ICH HABE KEIN GEFALLEN AM TOD DES SCHULDIGEN,
SONDERN DARAN, DASS ER UMKEHRT UND AM LEBEN BLEIBT.
39 Brüder, wir haben nun den Herrn gefragt,
wer in seinem Zelt wohnen darf,
und vernommen, was einem Bewohner geboten ist;
wenn wir nur die Pflichten eines Bewohners erfüllen!*
*werden wir Erben des Himmelreiches sein.
40 Wir müssen also Herz und Leib bereiten für den Dienst
im heiligen Gehorsam gegen diese Gebote.
41 Weil aber unsere NATUR nicht genug Kraft dazu besitzt,
wollen wir den Herrn bitten,
daß er uns die Hilfe seiner GNADE zukommen lasse.
42 Wenn wir der Strafe im Reich des Todes entfliehen
und zum ewigen Leben gelangen wollen,
43 müssen wir jetzt, solange unsere Frist läuft,
SOLANGE WIR IN diesem LEIB SIND
und IM LICHT dieses Lebens noch alles erfüllen können,
44 mit raschen Schritten EILEN
und tun, was uns für ewig helfen wird.

45 Wir wollen deshalb
eine SCHULE für den Dienst DES HERRN gründen.
46 Bei ihrer Einrichtung
möchten wir nichts Hartes, NICHTS SCHWERES anordnen.
47 Wird aber aus einem angemessenen Grund
zur Läuterung von Fehlern und zur Erhaltung der Liebe
eine etwas strengere Forderung gestellt,
48 sollst du nicht, von plötzlicher Angst verwirrt,
vor dem WEG DES HEILS zurückschrecken,
der am Anfang nicht anders als ENG sein kann.
49 Wer aber im religiösen Leben und im Glauben voranschreitet,
dem WEITET SICH DAS HERZ,
und mit der UNSAGBAREN FREUDE der LIEBE
EILT ER VORAN AUF DEM WEG DER GEBOTE Gottes.
50 So wollen wir nie von seinen Unterweisungen lassen,
sondern im Kloster BIS ZUM TOD IN seiner LEHRE VERHARREN
und in Geduld AM LEIDEN CHRISTI TEILNEHMEN,
DAMIT wir AUCH verdienen, an SEINEM Reiche teilzuhaben.
Amen.

KAPITEL 2
WIE DER ABT SEIN SOLL
Caput II: Qualis debeat esse abbas
1 Der Abt, der würdig ist, dem Kloster vorzustehen,
bleibe sich stets bewußt, wie er genannt wird;
als «Oberer» erwahre er diesen Namen durch Taten.
2 Man glaubt nämlich, daß er im Kloster
die Stelle Christi vertritt,
wird er doch mit dessen eigenem Namen angeredet,
3 wie der Apostel sagt:
IHR HABT DEN GEIST EMPFANGEN, DER EUCH ZU SÖHNEN MACHT,
DEN GEIST, IN DEM WIR RUFEN: ABBA, VATER.
4 Darum darf der Abt nichts lehren, anordnen oder befehlen,
was vom Gebot des Herrn abweicht,
5 sondern sein Befehl und seine Lehre sollen
wie ein SAUERTEIG der göttlichen HEILSGERECHTIGKEIT
die Herzen der Jünger durchdringen.
6 Er denke ständig daran, daß im furchtbaren Gericht Gottes
beides Gegenstand der Rechenschaft sein wird:
seine Lehre und der Gehorsam der Jünger.
7 Auch wisse der Abt,
daß die Verantwortung auf den Hirten fällt,
wenn der HAUSVATER
bei seinen Schafen einen Mißertrag feststellt.
8 Ganz gleich wird freilich auch gelten:
Hat der Hirt einer unruhigen und ungehorsamen Herde
alle Hirtensorge erwiesen,
und gegen ihr krankhaftes Verhalten
die ganze Heilkunst eingesetzt,
9 dann wird er im Gericht des Herrn freigesprochen,
und er darf mit dem Propheten zum Herrn sagen:
DEINE GERECHTIGKEIT HABE ICH NICHT IM HERZEN VERBORGEN;
ICH HABE VON DEINER TREUE UND HILFE GESPROCHEN;
SIE ABER HABEN MICH VERACHTET UND VERSCHMÄHT.
10 Dann wird schließlich über die Schafe,
die sich im Ungehorsam seiner Sorge widersetzten,
die Strafe kommen: der allgewaltige TOD.

11 Wer also den Namen «Abt» annimmt,
muß seine Jünger mit doppelter Lehre leiten;
12 das heißt: er zeige eher durch Taten als mit Worten,
was gut und heilig ist.
Den fähigen Jüngern lege er Gottes Gebote in Worten dar,
den HARTHERZIGEN aber und den einfältigeren
zeige er den Willen Gottes durch sein Beispiel.
13 Hat er seine Jünger gelehrt, daß etwas verboten ist,
zeige er auch durch sein Beispiel,
daß man es nicht tun darf.
Sonst könnte er ANDERN PREDIGEN
UND SELBST VERWORFEN WERDEN.
14 Und Gott soll ihm nicht eines Tages
um seiner Sünden willen sagen:
WAS ZÄHLST DU MEINE GEBOTE AUF
UND NIMMST MEINEN BUND IN DEINEN MUND?
DABEI IST ZUCHT DIR VERHASST
UND MEINE WORTE WIRFST DU HINTER DICH.
15 Und: DU SIEHST DEN SPLITTER IM AUGE DEINES BRUDERS,
ABER DEN BALKEN IN DEINEM AUGE BEMERKST DU NICHT.

16 Er mache im Kloster keinen Unterschied der Person.
17 Er liebe den einen nicht mehr als den andern,
außer er fände einen, der sich auszeichne
in einem guten Verhalten und im Gehorsam.
18 Wer frei geboren ist, darf nicht über den gestellt werden,
der aus dem Sklavenstand ins Kloster tritt,
wenn dafür nicht ein anderer, vernünftiger Grund besteht.
19 Auch sonst kann der Abt einen im Rang erhöhen,
wenn es ihm die Gerechtigkeit so zu fordern scheint.
Ist dies nicht der Fall,
soll jeder seinen Platz behalten;
20 denn OB SKLAVE ODER FREIER MANN,
IN CHRISTUS SIND WIR ALLE EINS,
und unter dem gleichen Herrn
TRAGEN wir die Last der gleichen Dienstpflichten;
BEI GOTT GIBT ES JA KEIN ANSEHEN DER PERSON.
21 Nur dann gelten wir bei ihm mehr,
wenn wir ein besseres Leben führen als andere
und demütig bleiben.
22 Der Abt bezeuge also allen die gleiche Liebe
und stelle an alle die gleichen Anforderungen,
wie es jeder einzelne verdient.

23 Wenn der Abt seine Lehre vorträgt,
richte er sich stets nach dem Beispiel des Apostels,
der sagt: WEISE ZURECHT, ERMUTIGE, TADLE!
24 Das heißt: Je nach ZEIT und Umständen
verbinde er Strenge mit Liebenswürdigkeit;
er zeige bald den Ernst des Meisters,
bald die liebevolle Güte des Vaters.
25 Die Ungezogenen und Unruhigen also
soll er sehr streng ZURECHTWEISEN,
die Gehorsamen aber, die FRIEDLICHEN und GEDULDIGEN
zum Fortschritt im Guten ERMUTIGEN.
Gleichgültige und Widerspenstige TADLE und strafe er;
das ist unsere Mahnung.

26 Er darf nicht ÜBER DIE SÜNDEN von Schuldigen HINWEGSEHEN,
sondern gleich am Anfang
schneide er diese Sünden mit der Wurzel aus,
so gut es ihm möglich ist.
Er bedenke, daß ihm sonst das gleiche droht
wie Eli, dem Priester von Schilo.
27 Die vornehmen und verständigen Gemüter mag er
bei der ersten und zweiten Mahnung
mit Worten zurechtweisen;
28 die Frechen und Harten, die Stolzen und Ungehorsamen
strafe er gleich beim Entstehen der Sünde
mit der Rute oder mit körperlicher Züchtigung.
Weiß er doch, daß geschrieben steht:
DER TOR WIRD DURCH WORTE NICHT GEBESSERT.
29 Und wiederum: SCHLAG DEINEN SOHN MIT DEM STOCK,
SO BEWAHRST DU SEIN LEBEN VOR DEM UNTERGANG.

30 Der Abt bedenke immer, was er ist;
er bedenke, was er für einen Namen trägt;
und er wisse: WEM MAN VIEL ANVERTRAUT HAT,
VON DEM WIRD MAN UM SO MEHR FORDERN.

31 Er wisse, wie schwer und mühevoll die Aufgabe ist,
die er übernommen hat:
Seelen zu leiten und der Eigenart vieler zu DIENEN,
dem einen mit freundlichen Worten,
einem andern mit Tadel, einem dritten mit gutem Rat.
32 Dem Charakter und der Fassungskraft jedes einzelnen
suche er zu entsprechen
und sich allen so verständnisvoll anzupassen,
daß er an der ihm anvertrauten Herde
nicht nur keinen Schaden leidet,
sondern sich am Gedeihen einer guten Herde freuen kann.
33 Vor allem darf er nicht hinwegsehen
über das Heil der ihm anvertrauten Seelen
oder es geringschätzen und sich größere Sorgen machen
um vergängliche, irdische und hinfällige Dinge.
34 Er sei sich vielmehr stets seiner Aufgabe bewußt:
Er hat SEELEN zu leiten,
FÜR DIE er einst auch RECHENSCHAFT ABLEGEN muß.
35 Die vielleicht zu geringen Einkünfte
seien ihm kein Entschuldigungsgrund;
er denke an das Schriftwort:
EUCH MUSS ES ZUERST UM DAS REICH GOTTES
UND UM SEINE GERECHTIGKEIT GEHEN;
DANN WIRD EUCH ALLES ANDERE DAZUGEGEBEN.
36 Und ferner: WER IHN FÜRCHTET, LEIDET KEINEN MANGEL.

37 Er wisse: Wer die Leitung von SEELEN übernimmt,
muß sich BEREITEN, RECHENSCHAFT ABZULEGEN.
38 FÜR so viele SEELEN, als er für Brüder verantwortlich ist,
für sie alle, das wisse er ganz sicher,
ist er am Tag des GERICHTS
dem Herrn RECHENSCHAFT schuldig,
dazu ohne Zweifel auch für seine eigene Seele.
39 Stets in Furcht vor der Untersuchung,
die ihm als Hirt der ihm anvertrauten Schafe bevorsteht,
wird die Verantwortung für andere ihm helfen,
die Verantwortung für sich selber ernst zu nehmen.
40 Und indem er mit seinen Mahnungen
andern zur Besserung verhilft,
wird er frei von den eigenen Fehlern.

2 Vgl. RB63,13 3 Röm8,15;Gal 4,6;Mk 14,36 5 Vgl. Mt 13,33;Mt5‚6. 20;6,1.33;
Röm 1,17; 3,22 7 Vgl. Job 21,15-16; Lk 14,21 8 Vgl. Mt 13,27; 21,33; 24,43 9 Ps 40,11; Jes 1,2; Ez 20,27 10 Vgl. Jes 25,8 (VL) 12 Vgl. Jes 46,12 (lat.) 13 Kor 9,27 14 Ps 50,16-17 15 Mt 7,3 20 Eph 6,8; Gal 3,28;Röm 2,11; vgl. Joh 19,7 23 2 Tim 4,2 24 Vgl. 2 Kor 3,1ff 25 Vgl. Mt 5,4.10 26 Vgl. Weish 11,24; 1 Sam 2,11-4,18 28 Vgl. Spr 18,2; 29,19 (VL) 29 Spr 23,13-14 (VL); vgl. 13,24 30 Vgl. Lk 12,48 31 Vgl. Mk 10,45 par; Lk 22,27 32 Vgl. Joh 17,12; 21,15-16 34 Hebr 13,17 35 Mt 6,33 36 Ps 34,10 37 Vgl. 1 Petr 3,15; Hebr 13,17 38 Vgl. Hebr 13,17; 1 Petr4,5

1-10 a. Der «Magister» legt auf Grund einer bereits allgemein gewordenen Tradition ein reflektiertes Abtsbild vor. Aussagen der Schrift über Christus und über die apostolischen Dienste werden unbefangen auf den Abt übertragen, weil er in Analogie zum Bischof Vorsteher einer kirchlichen Gemeinschaft ist, nämlich der «Schule Christi». Die hier entwickelte Theologie des Abtes läßt sich deshalb auf jeden kirchlichen Vorsteher übertragen wie überhaupt auf ein christliches Verständnis der Autorität.
b. Eigentlicher Abt und Hausherr des Klosters ist Christus. Der Abt ist im Licht des Glaubens sein «Stellvertreter». Ohne diesen religiösen Sinnzusammenhang wären Autorität und Gehorsam im Kloster Anmaßung oder ein unverantwortlicher Verzicht auf Personrechte.
Er ist «Oberer» (maior). Wie der Hausherr einen aus seinen Dienern als «maior-domus» bezeichnet und als seinen Stellvertreter über das übrige Gesinde setzt, so setzt Christus im «Haus Gottes», nämlich in der Kirche oder im Kloster, als seine Vertreter die Bischöfe und Kleriker oder den Abt und die Vorgesetzten ein. Für Benedikt ist das Kloster ein «Haus Gottes». Der Abt hat darin eine Dienst- und Vermittlungsfunktion zwischen Christus und den Mönchen.
c. Der Abt wird als geistlicher Vater verstanden, weil er wie Christus im Kreis der Jünger «den Vater offenbart». Der Abt muß in gewisser Weise auch von der Gemeinschaft her erklärt werden. Die einzelnen, die den Geist Christi in sich tragen, wünschen die Vaterschaft Gottes in ihrer Mitte konkret vergegenwärtigt zu sehen. Auf Grund des Geistempfangs nennen sie den Abt «Abba-Vater», dies im Blick auf Christus. Der Glaube, daß Gott, der uns den Geist verleiht, uns annimmt, schenkt die Kraft, uns selber anzunehmen, die andern anzunehmen und zu «tragen» und in der Autorität des Abtes die väterliche Güte des Herrn zu sehen. In der alten Kirche war man gewohnt, Christus als Vater zu sehen, weil er neues Leben vermittelt. Nach den Evangelien hat Jesus seine Jünger «Kinder» genannt. Wenn er Inder Urkirche «Vater» geheißen wird, äußert sich darin eine innige Christusliebe, die in den schriftlichen Dokumenten der Märtyrerzeit meist nur verhüllt angedeutet wird, aber ein auszeichnendes Moment besonders der Volksfrömmigkeit war. Beim «Magister» und bei Benedikt vernehmen wir ein Echo davon.
Sehr betont hat in früher Zeit z. B. Irenäus (t um 202) erklärt: «Der Vater des Menschengeschlechts ist das Wort Gottes.» Und: «Der Name des Vaters ist auch der des Sohnes». Daneben spiegelt die Christozentrik des «Magisters» und Benedikts auch eine anti-arianische Position. Weil Christus dem Vater «wesensgleich» ist, darf er mit dem Vaternamen angeredet werden. In der Folge geht dieser Name auch auf den Platzhalter Christi im Kloster über. – Basilius (t 379) empfiehlt, die als «Väter» zu betrachten, die «jemand durch das Evangelium gezeugt haben» und die als «Brüder», die den gleichen «Geist, der zu Söhnen macht», empfangen haben. Schon in den ägyptischen Klöstern nannte man z. B. Pachomius (t 346) «unsern heiligen Vater». Der «geistliche Vater», um den sich Schüler zu sammeln beginnen, ist der Prototyp des Abtes, wofür die «Lebensbeschreibungen der Väter» zahllose Beispiele bringen.
d. Der Abt ist Lehrer, aber nur wenn er gleichsam Christus die Stimme leiht. Daß er nichts lehren darf, was gegen Gottes Willen oder gegen die Schrift ist, sagt auch Basilius (t 379). Die Lehre Christi ist so vorzutragen, daß sie den Bereich des Herzens erreicht und sich dort entfalten kann. Die Bindung an den Herrn und die Mahnung zur Verantwortung des Hirten vor dem Gericht Gottes soll jedem falschen Absolutismus des Abtes vorbeugen.
e. In Analogie zu den Hirten der Kirche spielt der Verfasser an die Hirtenrede des Ezechiel an, wie es ähnlich viele Mönchsschriftsteller tun, um jeder Neigung zu einem autokratischen Herrschaftssystem einen Riegel zu schieben.
f. Auch die ärztliche Funktion des Hirten wird gern herausgestellt.
11-15 a. Der Abt ist Lehrer durch Wort und Beispiel. Als geistlicher Vater ahmt er die Pädagogik Christi nach. Davon sprach schon Klemens von Alexandrien (t vor 215). In Ägypten begann man, die Klöster als «Schulen» zu bezeichnen, vielleicht in Erinnerung an das «didaskaleion» oder die Katechetenschule. Ein «senior», also ein älterer, erfahrener Asket unterrichtet Jünger, die sich seiner Autorität unterstellen. Kassian (t430) suchte diese Vorstellung des Klosters als einer «Schule» im Westen zu fördern ». Tatsächlich wollte man in ägyptischen Klöstern durch Katechesen und durch eine beispielhafte Praxis alle fördern. Lerins hat den Begriff der «Schule» übernommen, Benedikt drängt ihn eher zurück, ohne die vorrangige Bedeutung der Schriftkenntnis zu schmälern.
b. Die Unterscheidung zwischen «fähigen» und «einfältigeren Schülern» (!) ist eingebettet in die Mahnung, der Abt müsse sich dem individuellen Charakter anpassen. Die Person und ihre Eigenart ist in einer Gemeinschaft zu akzeptieren und zu achten; nur so kann man sich in einer Gemeinschaft integrieren.
16-22 a. Das Gebot, allen die gleiche Liebe entgegenzubringen und das Verbot der Parteilichkeit wird mit der paulinischen Lehre von der Einheit und Gleichheit aller in Christus begründet. Das ist die Grundvoraussetzung eines echten Gemeinschaftslebens. Benedikt fügt in den Magistertext eine eigene Bemerkung über die ihn beschäftigende Frage der Rangordnung. Soziale Unterschiede läßt er nicht als Grund für eine Bevorzugung gelten, wohl aber nennt er eigens andere Motive. Eine Bemerkung des Magisters, daß Gott die Erde sowohl Guten wie Bösen dienen läßt, streicht er, weil sie ihm zu gleichmacherisch klingen mochte.
b. Das Wort vom «Tragen» der Dienstpflichten erinnert diskret an das «Tragen» des Kreuzes durch Jesus, der nicht nur für den Abt, sondern für alle und für jeden das Modell ist.
23-25 Das Thema von der Anpassung an die individuell verschiedenen Charaktere wird mit einem für viele Mönchsregeln wegleitenden Apostelwort begründet. Wieder wird eine Weisung für kirchliche Vorsteher auf den Abt übertragen, – Benedikt streicht einen Absatz des «Magisters», der Jesus vorstellt, wie er ein Kind an die Hand nimmt, um ein Beispiel der Demut zu geben. Ebenso streicht er des «Magisters» Forderung nach einer sowohl väterlichen wie mütterlichen Liebe zu allen. – Für ein ausgeglichenes Nebeneinander von Güte und Strenge hat sich schon Origenes (t 253) ausgesprochen.
26 Benedikt hat in den «Magistertext» diese Mahnung zum sofortigen Vorgehen gegen Fehler eingefügt. Der Hinweis auf Eli soll vor falscher Nachgiebigkeit warnen. Die Aufforderung zum sofortigen «Amputieren» eines Fehlers wird im späteren zweiten Abtskapitel ausdrücklich gemildert, denn es wird dort ein «kluges und liebevolles» Vorgehen nahegelegt. Basilius (t379) empfiehlt, so vorzugehen wie ein Vater oder wie ein Arzt gegenüber dem kranken Sohn.
27-29 Diese ebenfalls von Benedikt eingefügten Verse handeln wieder von der Anpassung an den individuellen Charakter. Der Tonfall gegenüber den «Hartherzigen» und Unverständigen wird streng. Für sie können Strafen heilsam sein, die für sensible Naturen untragbar wären.
30 Der «Magister» verweist wieder auf die Verantwortung des Abtes.
31-32 a. Dieser Zusatz Benedikts über die Anpassung an den Charakter der einzelnen verrät eine Hauptsorge Benedikts, die ihn ehrt. Im ganzen Kontext tritt der Abt als Geistträger und Seelsorger auf. Typisch für diese Seelsorge ist die Zuwendung zum einzelnen. Sie spielt von Person zu Person, ja sie setzt die «Herzenskenntnis» voraus. Wegweisend konnte das Bild des ersten Abtes von Lerins sein: Honoratus (t428) «durchschaute die Eigenart jedes einzelnen. Besserte sich einer, so paßte er auch die Zurechtweisung an. Diesem begegnet er streng, jenem freundlich … Er trug die Seelen der einzelnen gleichsam in der eigenen Seele». Er habe über einen «gottgeschenkten Instinkt» verfügt, so daß er «die Kräfte, die seelische Verfassung, selbst den Magen und den Schlaf» jedes einzelnen kannte, die Begeisterten zügelte, die Säumigen anspornte. Er wußte «Freundlichkeit mit Strenge zu mischen». Die Gabe der Herzenskenntnis macht zum charismatischen Seelsorger.
b. Für die Bemerkung über die Schwierigkeit des Seelsorge– und Hirtendienstes gibt es in den Mönchsregeln wenig direkte Parallelen. Augustinus (t430) mahnt die Brüder, spontan zu gehorchen und so sich selber eine Wohltat zu erweisen (!) und zugleich dem Vorgesetzten die Verantwortung zu erleichtern. – Das Bild von der «anvertrauten Herde» ist traditionell.
33-36 Zu dieser Mahnung Benedikts, den Vorrang des Spirituellen zu wahren, finden sich kaum Parallelen in andern Abtsspiegeln. Der Abt trägt auch die Verantwortung für das materielle Wohl aller. Die Mönche verzichten auf eigenen Besitz und übergeben sich einem «Mann Gottes», der die Vorsehung Gottes repräsentiert. Als geistlicher Mensch soll der Abt die Prioritäten richtig setzen. Er «soll die Seelen der Brüder von den irdischen Wirklichkeiten emporführen zu den himmlischen, kraft seiner übernatürlichen Gaben von Liebe und Wahrheit». Für die Verwaltung der Klostergüter wird besonders die Gabe der «Weisheit» vorausgesetzt. Da im Kloster alles einer sakralen Sphäre zugehört, ist es für Benedikt normal, daß sich der geistliche Lehrer auch mit «Weltlichem» beschäftigt.
37-40 Dieser «Magistertext» variiert nochmals die Themen Seelsorge, Hirtenpflicht und Verantwortung. Der Hirtendienst soll zur inneren Läuterung, also zur «Reinheit des Herzens» (apatheia) führen, die auch das Ziel des Demutsweges ist». Sie schafft der Gottesliebe Raum und ist Voraussetzung der Gottesschau.

KAPITEL 3
VON DER EINBERUFUNG DER BRÜDER ZUM RAT
Caput III: De adhibendis ad consilium fratribus
1 Sooft im Kloster wichtige Fragen zu behandeln sind,
rufe der Abt die ganze Gemeinschaft zusammen
und lege selber dar, um was es geht.
2 Hat er dann den Rat der Brüder gehört,
überlege er alles bei sich selbst
und tue, was er für zuträglicher hält.
3 Wir haben aber deshalb bestimmt,
daß alle zur Beratung einberufen werden,
weil der Herr oft einem JÜNGEREN OFFENBART,
was das Beste ist.
4 Doch sollen die Brüder ihren Rat
in aller Demut und Bescheidenheit geben
und sich nicht unterfangen,
ihre eigenen Ansichten hartnäckig zu verteidigen.
5 Der Entscheid HANGE vielmehr AB vom Ermessen des Abtes,
und wenn er etwas für heilsamer erachtet,
sollen ihm alle gehorchen.
6 Wie es aber den Jüngern zukommt,
dem Meister zu gehorchen,
so schickt es sich für den Meister,
alles weitsichtig und gerecht zu ordnen.

7 In allem sollen daher alle der Regel folgen
wie einer Lehrmeisterin,
und keiner darf sich anmaßen, von ihr abzuweichen.
8 Keiner folge im Kloster dem Willen des eigenen Herzens,
9 und niemand nehme sich heraus, gegen seinen Abt
frech oder außerhalb des Klosters
in Opposition zu treten.
10 Hat sich einer das angemaßt,
verfalle er den Strafen der Regel.
11 Der Abt selber jedoch handle immer in Gottesfurcht
und halte sich an die Regel im klaren Bewußtsein,
daß er für alle seine Entscheide
vor GOTT, dem gerechten Richter,
RECHENSCHAFT ABLEGEN muß.

12 Sind aber Geschäfte zu behandeln,
die für das Kloster weniger wichtig sind,
so ziehe er nur die Älteren zu Rate,
13 nach dem Schriftwort: TU ALLES MIT RAT,
DANN BRAUCHST DU NACH DER TAT NICHTS ZU BEREUEN.

3 Vgl. Mt 11,25 5 Vgl. Mt22,40 11 Vgl. Röm 14,12 13 Spr 31,3 (VL); 15,22; 24,6; Sir 32,24

1-3 a. Aus Ansätzen beim «Magister» entwickelt Benedikt ein eigenes Kapitel über den Brüderrat. Benedikt ist hier fortschrittlich. In früheren Mönchsregeln findet sich die Institution nirgends so klar umschrieben. Vielleicht muß man mit dem Einfluß des oströmischen Staatskirchenrechtes rechnen, vielleicht auch mit einer späteren Redaktion. Die Wendungen zu Beginn und am Schluß des Kapitels ähneln sich.
b. Das Gewicht, das Benedikt diesem Brüderrat gibt, zeigt, daß er die Solidarität und Mitverantwortung aller wichtig nimmt. Aussprachen in der Gemeinschaft sind dem Wohl des ganzen Klosters förderlich.
c. Wenn Benedikt die Einberufung des Brüderrats vorschreibt, hält er doch an der Leitungsfunktion des Abtes fest. Dieser ist zuständig und verantwortlich für die Vorlage von Traktanden und für die Information der Brüder, die ihre Mitverantwortung wahrnehmen sollen. Der Abt führt die Verhandlungen und trifft nach einem Prozeß umsichtiger und kollegialer Meinungsbildung die Entscheidung.
d. Der Abt hat den Rat aller Brüder zu hören. Gott teilt das Charisma des Rates zu, wie er will. Damit dieses Charisma fruchtbar werden und der Wille Gottes erkannt werden kann, sind alle zum Rat einzuberufen. Primär geht es nicht um «Bürgerrechte» oder demokratische Mehrheitsverhältnisse . Innerhalb der Kirche denkt man nicht in den Kategorien von Parteien und Mehrheiten, sondern sucht nach einem «Konsens», der aus dem Wirken des Geistes in allen Gliedern stammen soll. Origenes (t253) hat einmal von einem «geistbeseelten Konsens der gesamten Kirche» gesprochen.
e. Diese Überlegungen veranlassen Benedikt, auch die Jüngern zum Rat einzuladen. Benedikt erwähnt diese auch sonst häufig. So sehr das frühe Mönchtum Rat und Leitung der Ältern schätzte, war es doch bereit, das Wirken des Geistes in Jüngern anzuerkennen. Kassian (t43o) erzählt über Abt Paphnutius: «Von jungen Jahren an war er durch die Gnade eine besonders wertvolle Kraft. Die bekanntesten und erfahrensten unter den damaligen Ältern bewunderten seinen Ernst und seine unerschütterliche Standhaftigkeit. Seiner Jugend zum Trotz stellten sie ihn wegen seiner Tugend den Ältern gleich und führten ihn in ihren Kreis ein» . In einer religiösen Perspektive löst sich der Generationenkonflikt.
4-6 a. Von allen Ratgebern ist Anstand und Zurückhaltung erwartet. Sie wissen, daß guter Rat eine Gnadengabe ist, und sie kennen ihre eigenen Grenzen. Pointiert zeigt das folgende Erzählung: «In der Sketis wurde ein Bruder als schuldig erfunden. Die Ältern wollten eine Versammlung halten. Sie schickten zu Abt Moses und ließen ihm sagen, er möge kommen. Dieser aber wollte nicht kommen. Da schickte der Presbyter zu ihm und ließ sagen: <Komm! Die Schar der Brüder wartet auf dich!> Da stand er auf und kam. Er nahm aber einen alten, löcherigen Korb, füllte ihn mit Sand und schleppte ihn hinter sich her: Da ging man ihm entgegen und fragte: <Was soll das, Vater?> Der Greis antwortete: <Meine Sünden laufen hinter mir her, aber ich kann sie nicht sehen. Und da soll ich heute kommen, um über fremde Sünden zu richten?> Als sie das hörten, verzichteten sie auf einen Spruch über den Bruder und verziehen ihm».
b. Der Abt soll sich von der Gabe der Unterscheidung leiten lassen. Sein Verantwortungssinn muß auf das ausgerichtet sein, was «heilsamer» ist. Kassian (t430) erklärt zur «Unterscheidungsgabe»: Sie meidet jede Übertreibung nach rechts oder links und lehrt den Mönch, stets auf dem goldenen Weg voranzuschreiten; sie pflegt weder – rechts – exaltierte Tugendleistungen (durch Überschreitung der Grenzen einer rechten Askese aus übertriebenem Eifer oder aus Selbstüberschätzung), noch wird sie nach links abweichen und aus Laxheit alle Fehler grassieren lassen (also unter dem Vorwand, den Leib in guter Verfassung zu halten, geistig lau werden)». Ein Maßhalten, das nicht Minimalismus ist!
c. Benedikt ermahnt hier den Abt zu einem überlegten Verhalten, um dann den Mönchen einen ähnlichen Rat für ihr Verhalten gegenüber dem Abt zu geben.
7-11 a. Benedikt weiß, daß der Abt Fehler und Schwächen hat (was der «Magister» nirgends zugibt). Anderseits sucht Benedikt die Autorität des Abtes zu stützen. In der Mitte des als Chiasmus strukturierten Kapitels heißt es aber, daß sich der Abt an die Regel als Grundgesetz zu halten hat, ebenso wie alle andern. Unter dieser Voraussetzung vertraut Benedikt dem Abt mehr Ermessensfreiheit und Entscheidungsvollmacht an als der «Magister», der alle Fragen bis ins Detail zu regeln sucht. Die Benediktsregel stellt vieles der Unterscheidungsgabe des Abtes anheim. Man muß nicht am Buchstaben der Regel hängen bleiben. Die Regel ist so flexibel, daß sie neuen Situationen angepaßt werden kann. Sie bleibt jedoch ein verbindliches «Gesetz», weil sie als Kurzfassung der Schrift verstanden sein will und auf diese verweist wie auf die beste Tradition der Väter. Selbst der Buchstabe einer überholten Einzelvorschrift des 6. Jahrhunderts kann noch eine Aussagekraft besitzen, wenn man sich der Intention des Verfassers bewußt bleibt.
b. Benedikt verpönt nicht unterschiedliche Meinungen im Kloster wohl aber eine auf Konflikte angelegte Ichbezogenheit. Das Herz soll frei werden von Aggressivität und Stolz.
12-13 Dieser kleine «Rat der Ältern» scheint ganz eine Frucht der persönlichen Erfahrung Benedikts zu sein. Vielleicht war seine Gemeinschaft bedeutend größer als die des «Magisters» und konnte nicht häufig für «weniger wichtige Geschäfte» zusammengerufen werden. Dieser sachliche Grund mag zur Entwicklung einer neuen Institution geführt haben. Gesellschaftliche Strukturen sollen ja dem Wohl der Personen und der Gemeinschaft dienen. Ein kleiner Rat von erfahrenen und sachverständigen Brüdern ist rasch funktionsfähig, wenn sich die Probleme drängen.

KAPITEL 4
MIT WAS FÜR INSTRUMENTEN
DAS GUTE GETAN WIRD
Caput IV: Quae sunt instrumenta bonorum operum
1 Zuerst: DEN HERRN, GOTT, LIEBEN
VON GANZEM HERZEN, VON GANZER SEELE UND MIT GANZER KRAFT.
2 Dann: DEN NÄCHSTEN LIEBEN WIE SICH SELBST.
3 Sodann: NICHTTÖTEN.
4 NICHT DIE EHE BRECHEN.
5 NICHT STEHLEN.
6 NICHT BEGEHREN.
7 NICHT FALSCH AUSSAGEN.
8 ALLE Menschen EHREN.
9 Und KEINEM ANDERN ANTUN,
WAS MAN SELBST NICHT ERTRAGEN MÖCHTE.
10 SICH SELBST VERLEUGNEN, um Christus NACHZUFOLGEN.
11 DEN LEIB ZÜCHTIGEN.
12 Kein genießerisches Leben führen.
13 Das Fasten lieben.
14 Den Armen helfen.
15 Einen NACKTEN BEKLEIDEN.
16 Einen KRANKEN BESUCHEN.
17 Einen TOTEN BEGRABEN.
18 In der BEDRÄNGNIS Hilfe leisten.
19 Einen Trauernden TRÖSTEN.

20 Sich VOM Treiben DER WELT FERNHALTEN.
21 Nichts der LIEBE ZU Christus vorziehen.
22 Nicht im Zorn handeln.
23 Nie auf Rache sinnen.
24 Nicht FALSCHHEIT IM HERZEN tragen.
25 Nicht unaufrichtig FRIEDEN bieten.
26 Nie von der LIEBE lassen.
27 NICHT SCHWÖREN, um nicht etwa FALSCH ZU SCHWÖREN.
28 DIE WAHRHEIT MIT HERZ und MUND BEKENNEN.

29 NICHT BÖSES MIT BÖSEM VERGELTEN.
30 KEIN UNRECHT TUN,
aber ERLITTENES UNRECHT mit Geduld ERTRAGEN.
31 DIE FEINDE LIEBEN.
32 Wenn einer uns FLUCHT, NICHT ZURÜCKFLUCHEN,
SONDERN ihn vielmehr SEGNEN.
33 UM DER GERECHTIGKEIT WILLEN VERFOLGUNG LEIDEN.

34 NICHT STOLZ sein.
35 KEIN TRINKER sein.
36 Nicht UNMÄSSIG sein im Essen.
37 Nicht schlafsüchtig,
38 nicht TRÄGE,
39 nicht kritiksüchtig,
40 kein EHRABSCHNEIDER sein.
41 Seine HOFFNUNG auf Gott SETZEN.
42 Sieht man bei sich etwas Gutes,
es Gott zuschreiben, nicht sich selber;
43 vom Bösen aber immer wissen,
daß man es selber begangen hat,
und es sich selbst zuschreiben.

44 Den TAG DES GERICHTES fürchten.
45 Vor der Hölle zittern.
46 Mit der ganzen Sehnsucht des Geistes
nach dem ewigen Leben verlangen.
47 Sich täglich den drohenden Tod vor Augen halten.
48 Jederzeit das eigene Tun und Lassen überwachen.
49 Sicher wissen, daß uns GOTT überall IM AUGE BEHÄLT.
50 Schlechte Gedanken, die sich in unser Herz einschleichen,
sofort an Christus ZERSCHMETTERN
und dem geistlichen Vater eröffnen.
51 SEINE ZUNGE VOR SCHLECHTEN und unanständigen REDEN hüten.
52 Das VIELE REDEN nicht lieben.
53 LEERE oder zum LACHEN reizende WORTE meiden.
54 Nicht dauernd oder schallend lachen.

55 Die heiligen Lesungen gern hören.
56 Sich oft zum Gebet niederwerfen.
57 Täglich im Gebet, unter Tränen und Seufzen,
Gott die eigenen früheren SÜNDEN bekennen.
58 Von diesen Sünden sich in Zukunft bessern.

59 DAS BEGEHREN DES FLEISCHES NICHT ERFÜLLEN.
60 Den EIGENWILLEN hassen.
61 Den Vorschriften des Abtes in allem gehorchen,
selbst wenn er – was fern sei – anders handelt;
man denke an das Gebot des Herrn:
TUT, WAS SIE EUCH SAGEN;
ABER RICHTET EUCH NICHT NACH DEM, WAS SIE TUN.
62 Nicht heilig genannt werden wollen, bevor man es ist;
sondern es zuerst sein,
damit man mit mehr Grund so genannt werden kann.

63 Die Gebote Gottes täglich in die Tat umsetzen.
64 Die KEUSCHHEIT LIEBEN.
65 NIEMAND HASSEN.
66 Keine EIFERSUCHT hegen.
67 Nicht aus Neid handeln.
68 Den STREIT nicht lieben.
69 Die Überheblichkeit fliehen.
70 Die ÄLTEREN EHREN.
71 Die Jüngeren lieben.
72 Aus der Liebe zu Christus FÜR DIE FEINDE BETEN.
73 Hat man sich mit jemand entzweit,
VOR SONNENUNTERGANG wieder Frieden schließen.
74 Und nie an GOTTES BARMHERZIGKEIT verzweifeln.

75 Das sind die Instrumente der geistlichen Kunst!
76 Wenn wir sie Tag und Nacht unermüdlich handhaben
und sie am Tag des Gerichtes wieder abgeben,
werden wir vom Herrn jenen Lohn empfangen,
den er selber versprochen hat:
77 WAS KEIN AUGE GESEHEN UND KEIN OHR GEHÖRT HAT:
DAS GROSSE, DAS GOTT DENEN BEREITET HAT, DIE IHN LIEBEN.

78 Die Werkstätten aber
in der wir all dieser Arbeit eifrig obliegen,
ist die Abgeschlossenheit des Klosters
mit der Beständigkeit in der Gemeinschaft.

KAPITEL 5
VOM GEHORSAM
Caput V: De oboedientia
1 Ein erster Schritt zur Demut ist unverzüglicher Gehorsam.
2 Er kennzeichnet alle, die nichts höher schätzen
als ihre Liebe zu Christus.
3 Wegen des heiligen Dienstes, den sie gelobt haben,
oder aus Furcht vor der Hölle
oder wegen der Herrlichkeit des ewigen Lebens
4 dulden sie nach einem Befehl des Obern keinerlei Zögern,
sondern führen ihn aus, als wäre er Gottes Befehl.
5 Von ihnen sagt der Herr:
SOBALD SIE MICH NUR HÖREN, GEHORCHEN SIE.
6 Ebenso sagt er zu den Lehrern:
WER EUCH HÖRT, DER HÖRT MICH.
7 Die so gesinnt sind, geben EIGENE INTERESSEN sogleich auf
und gehen vom Eigenwillen ab;
8 sie legen SOFORT alles aus den Händen,
LASSEN ihre Arbeit unvollendet LIEGEN,
und mit den flinken Schritten des Gehorsams
FOLGEN sie in der Tat dem Ruf dessen, der befiehlt.
9 Mit einer Raschheit, wie sie der Gottesfurcht eigen ist,
wird dann beides miteinander verwirklicht,
wie in EINEM Augenblick:
der erwähnte Befehl des Meisters
und die eilig vollbrachte Tat des Jüngers.
10 Wen die Liebe drängt, zum ewigen Leben voranzuschreiten,
11 schlägt rasch den schmalen Weg ein, von dem der Herr sagt:
SCHMAL IST DER WEG, DER ZUM LEBEN FÜHRT.
12 Sie folgen nicht dem eigenen Gutdünken,
gehorchen nicht der EIGENEN LUST und Laune,
sondern gehen ihren Weg
unter der Führung und dem Befehl eines andern.
Sie verbleiben in den Klöstern
und verlangen, einen Abt als Vorgesetzten zu haben.
13 Wer so denkt, ahmt ohne Zweifel den Herrn nach, der sagt:
ICH BIN NICHT GEKOMMEN, MEINEN WILLEN ZU TUN,
SONDERN DEN WILLEN DESSEN, DER MICH GESANDT HAT.

14 Der Gehorsam, den wir meinen, ist nur dann Gott wohlgefällig
und den Menschen angenehm, wenn ein Befehl
nicht zaghaft, nicht saumselig, nicht lustlos
oder gar mit Murren und unter Widerspruch ausgeführt wird;
15 denn der Gehorsam, den man den Obern leistet,
wird Gott dargebracht;
er hat ja gesagt: WER EUCH HÖRT, HÖRT MICH.
16 Auch müssen ihn die Jünger mit frohem Herzen leisten,
denn: GOTT LIEBT EINEN FRÖHLICHEN GEBER.
17 Wenn nämlich ein Jünger nur mit Mißmut gehorcht
oder wenn er sich kritiksüchtig gibt,
sei es auch nur im Herzen, nicht mit dem Mund,
18 dann hat Gott kein Gefallen an ihm,
auch wenn der Befehl ausgeführt wird,
denn Gott sieht sein Herz murren.
19 Für solches Tun empfängt einer keinen Lohn,
er verfällt vielmehr der Strafe der Murrer,
wenn er nicht Genugtuung leistet und sich bessert.

5 Ps 18,45 6 Lk 10,16 7-8 Vgl. Mt4,22;1 Kor 13,5 11 Mt 7,14 12 Vgl. Jud 16; Gal 5,16-17; Mt 6,10; vgl. RB 4,59-61; 7,19-25 13 Joh 6,38; vgl. Mt 26,39 14 Vgl. Mt 21,29 15 Lk 10,16 16 2 Kor9,7; vgl. Sir 35,10-11 19 Vgl. 1 Kor 10,10; Num 14,2.36; 21,5

1-9 a. Der Gehorsam ist für Benedikt ein Grund-«Wert», der wesentlich im Aufeinander-Hören und in der gegenseitigen Dienstbereitschaft besteht. In diesem Kapitel begegnet aber der Gehorsam zunächst als «erste Stufe der Demut». Es handelt sich um die originale «erste Stufe der Demut» aus einem Traktat über die Demut, der noch vor Kassian (t430) und vor dem «Magister» in Südgallien zirkulierte und einem Abt Pinufius zugeschrieben war (Manning). «Gehorchen» ist hier fast identisch mit dem «Hören» auf Christus, eigentlich auf den österlichen Ruf zur Umkehr, zum Glauben und zur Taufe; solcher Gehorsam ist dem Ungehorsam Adams entgegengesetzt. Wer sich bekehrt, hört auf die Stimme des Herrn, will ihm folgen und Schüler dieses Lehrers werden.
b. Der Gehorsam hat also seinen Platz im Raum der Christusliebe. Sie war ein besonderes Anliegen des Honoratus (t428), des Gründers von Lerins: «Sein Ziel war stets, … liebend die Liebe zu Christus und zum Nächsten einzupflanzen, . . . die Freude zu erneuern und die Sehnsucht nach Christus immer so brennen zu lassen wie am ersten Tag der Bekehrung». Die von Honoratus beispielhaft vorgelebte Liebe hat sich auf seine Jünger übertragen: «In seinem Kloster ist die Gnade des heiligen Geistes verblieben und bestärkt worden durch Beispiel und Ermahnung eines so hervorragenden Lehrers. Das erweist sich in verschiedenen Charismen und Gnadengaben, in Demut und Milde, in ungeheuchelter Liebe». So äußert sich Hilarius von Arles (t449) über seinen Meister.
c. Wer der Stimme Christi folgen will, verläßt alles und sucht einen verläßlichen Lehrer auf, der die Gebote des Herrn zu verkünden vermag. Im Orient wie im Westen sammelten sich anfänglich «Schüler» oder «Jünger» um einen erfahrenen «Ältern» (senior) oder «Vater», der sie in der Lehre Christi durch Wort und Beispiel unterweisen sollte und dem sie ihre Fehler eröffnen konnten. Darum heißt das Leitmotiv dieses Kapitels: «Wer euch hört, der hört mich». Die den Aposteln gegebene, sonst von den Bischöfen verstandene Verheißung wird unbefangen auf die «Lehrer» im Kloster übertragen, weil sie für fähig gehalten werden, das Wort Gottes weiterzugeben.
d. Es ist verständlich, wenn der Gehorsam in dieser Sicht als Grund-«Wert» vorgestellt wird. Er ist die «Demut», oder der «Dienmut» im Bereich des Handelns. Aus Liebe zu Christus «gelobt» man ihm den «Dienst». Das eschatologische Furcht- und Lohnmotiv begleitet den Entschluß zur Bekehrung.
e. Ferner erklärt sich, wie der Inhalt eines im Gehorsam erteilten Auftrags einem «Befehl Gottes» gleichgesetzt werden kann. Auch der Psalmvers, in welchem der «Herr» spricht: «Sobald sie mich nur hören, gehorchen sie mir», weist in die Richtung eines «absteigenden» Gehorsamsverständnisses. Oben steht Christus. Als «Herr» befiehlt er durch die von ihm gesetzten «Lehrer». Die Jünger gehorchen.
f. Im Gehorsam gegenüber den «Lehrern» richtet man sich auf Gott aus und kommt ihm aufsteigend näher, ja wird seinem Bild gleichförmig und seines Wesens teilhaftig. In diesem theologischen Sinn verstehen die frühesten Kirchenschriftsteller den Gehorsam (hypakoe). Irenäus (t um 202) schreibt: «Das übrige also (was geschaffen ist) bleibt Gott untertan. Der Gehorsam gegenüber Gott bedeutet Fortdauer und Unvergänglichkeit; die Unvergänglichkeit aber ist der Ruhm des Unerschaffenen. Durch solche Ordnung, Harmonie und Führung wird der erschaffene Mensch zum Bild und zum Gleichnis des unerschaffenen Gottes, indem der Vater es will und beschließt, der Sohn es bewirkt und bildet, der Geist Nahrung und Wachstum gewährt, der Mensch aber allmählich vorwärts kommt und zu Vollkommenheit gelangt, das heißt dem Unerschaffenen ganz nahe kommt. Die Anschauung Gottes ist unser Ziel und die Ursache der Unvergänglichkeit». Hier erklärt Irenäus den Gehorsam als «Einordnung in Gott». An anderer Stelle begründet er die Angleichung an Gott mit der Aufnahme des Wortes Gottes: «Dazu nämlich ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das Wort Gottes in sich aufnehme und an Kindes Statt angenommen zum Sohn Gottes werde. Denn anders können wir nicht die Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit empfangen, als indem wir mit der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit vereint werden». Als Modell des menschlichen Gehorsams gegenüber dem Wort Gottes stellt Irenäus (t um 202) Maria vor: «Wie nämlich jene (Eva) durch die Rede eines Engels verführt wurde, sich Gott zu entziehen und sich seinem Wort zu verschließen, so empfing jene (Maria) durch das Wort des Engels die Kunde, daß sie Gott tragen sollte, weil sie seinem Wort gehorsam war. War jene (Eva) Gott ungehorsam, so folgte diese (Maria) Gott willig, damit die Jungfrau Maria der Anwalt der Jungfrau Eva wurde». In dieser frühen Theologie ist der Gehorsam wie bei Benedikt ein «Gut»‚ das den Menschen zu Gott hinführt, ihn Gott angleicht und seiner Unsterblichkeit teilhaftig macht. Diese auf Gott hin ausgerichtete Haltung des Gehorsams ist das tiefere Fundament und das sinngebende Motiv für die Bereitschaft, sich als freier Mensch in eine Gemeinschaft einzuordnen und Menschen zu gehorchen oder die Fügungen eines Lebensweges zu bejahen.
g. Wenn einer sich «bekehren» will, ist dieser «vertikale» Gehorsam, der später durch die «horizontale» Perspektive ergänzt wird, unerlässlich : Die Altväter «lehren, daß keiner von den Emotionen der Aggressivität, der depressiven Stimmungen oder der sexuellen Triebwünsche frei wird, und daß keiner zu wahrer Herzensdemut, zu dauerhafter Einheit mit den Brüdern oder zu fester und bleibender Einmütigkeit gelangt, ja daß keiner auf längere Zeit im Kloster verbleibt, wenn er nicht zuerst gelernt hat, seinen Eigenwillen zurückzustellen». Eine echte Bekehrung setzt eine wirkliche, seelische Änderung voraus, was jedoch nicht den Verlust der eigenen Individualität bedeutet. Den «Eigenwillen» aufgeben heißt, von jenen innern, sperrigen Widerständen und Egoismen abkommen, die viel seelische Energien absorbieren und Spannungen mit den Mitmenschen provozieren. Nicht der Verzicht auf die Individualität ist das Ziel, sondern das offene Eingehen auf die andern und die willige Einfügung in die Gemeinschaft, wie aus dem eben angeführten Text Kassians deutlich hervorgeht.
h. Die Aufgaben der Belehrung und Leitung sind nicht weniger anspruchsvoll als der Gehorsam selber: «Die Altväter erklären: Andere gut leiten oder sich gut leiten lassen ist Sache von Weisen. Sie erklären es als ein sehr hohes Gnadengeschenk und eine Gabe des Heiligen Geistes. Keiner kann den ihm Anvertrauten heilsame Weisungen geben, außer er sei in allen Fragen des Ethos selber gut unterrichtet. Keiner kann einem Altvater gehorchen, außer er sei wirklich von Gottesfurcht erfüllt und von vollkommener Demut». So ist der Gehorsam eine Offenheit gegenüber der Führung durch den Heiligen Geist. Solcher Gehorsam ist nur in der Perspektive des christlichen Glaubens verständlich. Er übersteigt weit den funktionalen Gehorsam, wie er in einer gut funktionierenden Organisation unerläßlich ist.
i. Der Herr selber, dessen Stimme wir lieben, erwartet die Antwort des Gehorsams. Dieser wird deshalb spontan, rasch und bereitwillig geleistet. Gern erzählen Mönchsschriften vom unverzüglichen Gehorsam eines Schreibers, der von seiner Arbeit weggerufen wird und den Buchstaben Omega mitten im Kreis abbricht, um unverzüglich zu gehorchen. – Ebenso häufig ist vom heroischen Gehorsam die Rede, der gelegentlich mit dem Glaubensgehorsam Abrahams verglichen wird, ferner vom «unmöglichen Gehorsam», dem Benedikt später ein eigenes Kapitel widmen wird.
10-13 a. Diese Verse handeln vom «engen Weg» der Zönobiten. Der Gehorsam erscheint jetzt als ein progressiver Vorgang, als ein Suchen, als ein von der Liebe beseeltes, eiliges Voranschreiten. Die Grenzen des Selbst sollen in einem Elan der Liebe durchbrochen werden. Gefragt ist nicht bloß nach zuverlässiger Orientierung oder nach der «richtigen» Weisung eines Lehrers. Der Gehorsame will sich vielmehr in die Selbsthingabe Christi und in seine «drängende Liebe» einlassen. Man gehorcht aus freier, innerer Spontaneität, nicht aus Zwang oder abwägender Berechnung. Vorbild sind der Glaubensgehorsam der Märtyrer, die Selbstentäußerung und der Gehorsam des Gekreuzigten, der Gehorsam des Gottesknechtes. Wir dürfen hier vom Liebesgehorsam sprechen. Christus hat ihn vorgelebt. Durch seine Selbstentäußerung ist er unser Bruder geworden und hat eine neue Gemeinschaft unter den Menschen begründet. In diese Dynamik will der Zönobit eintreten.
b. Die aufgeführten Motive finden sich bei Kassian (t430) an einer Stelle, die sich verschiedentlich mit unserem Text berührt: «Der Athlet Christi, der den geistlichen Kampf nach den Kampfregeln bestehen will und vom Herrn die Siegerehrung empfangen möchte, muß sich beeilen, zuerst dieses wilde Tier (der Arroganz) zu besiegen, das alle wertvollen Kräfte wegfrißt … Das Gebäude wertvoller seelischer Qualitäten kann in uns nicht errichtet werden, wenn nicht zuerst in unserem Herzen das Fundament echter Demut gelegt wird. Nur diese feste Basis vermag die zum First aufragende Vollkommenheit und Liebe <standhaft> zu tragen. So müssen wir also… tief aus dem Herzen heraus den Brüdern in der Gesinnung der Demut begegnen und dürfen nicht zulassen, dass sie gekränkt werden oder Schaden leiden. Soweit kommen wir aber nie, wenn wir nicht aus Liebe zu Christus in aufrichtiger Selbstentsagung leben, die im Verzicht auf eigenen Besitz und in der Entblößung (ähnlich der des Gekreuzigten) besteht, und wenn wir nicht mit schlichtem Herzen das Joch des Gehorsams annehmen und keinem andern Willen folgen als der Anordnung des Abtes, … die man für heilig und von Gott gegeben hält.»
14-19 a. Im eben zitierten Text Kassians (t430) ist vom Gehorsam gegenüber dem Abt, aber auch von einer demütigen Gehorsamsgesinnung gegenüber den Brüdern die Rede. Im Text der Regel kommt die Gemeinschaft wenigstens andeutungsweise ins Blickfeld, wenn von einem Gehorsam gesprochen wird, «der den Menschen angenehm ist». Die «Ausrichtung auf Gott» wird deswegen nicht zurückgenommen. Doch ist deutlich die subjektive Gehorsamshaltung im Blick, die ihre Auswirkungen im zwischenmenschlichen Bereich hat: Widerspruch, Mißmut oder frohe Willigkeit sind ja feststellbar. Sie belasten eine Gemeinschaft oder geben ihr Auftrieb. Man darf diesen gemeinschaftsbezogenen Charakter des Gehorsams nicht übersehen, obwohl unsere Regel beim Verhältnis «Lehrer —Jünger» ansetzt.
b. Manche Mönchsregeln setzen umgekehrt bei diesem Gemeinschaftsbezug des Gehorsams an. Bei Pachomius (t 346) gilt zwar auch der sofortige Gehorsam, aber er spricht nirgends vom Aufsuchen eines «Lehrers». Sein Leitgedanke ist die «Koinonia», das heißt die brüderliche Liebe und Gemeinschaft. Die Brüder, die sich zu einer Gemeinschaft zusammengefunden haben, unterwerfen sich «frei» und «in Freude» den Vorgesetzten: «Aber auch ihr Brüder alle, die ihr euch nach der Ordnung und in freier Dienstbarkeit unterworfen habt, sollt <eure Lenden umgürtet halten und brennende Lampen in euren Händen tragen>, nach dem Vorbild der <Knechte, die ihren Herrn erwarten.. . Selig sind die Knechte, die der Herr bei seinem Kommen wachend findet >… <Freut euch im Herrn!>. Seid dem Vater untertan in allem Gehorsam, <ohne Murren und Hintergedanken>, mit einfältigem Herzen, bereit zu jedem guten Werk». Gehorsam ist also hier «freie Dienstbereitschaft» zum Wohl der Brüder in der Gemeinschaft. Dieser Gemeinschaftsgehorsam ist dennoch auf Christus, den Herrn, bezogen, der sich zum Diener aller gemacht hat. Es ist ein froher, nicht ein murrender Gehorsam, der aus einem schlichten Herzen kommt. – Unsere Regel spricht alle diese Qualitäten an: Man gehorcht wie ein «freudiger Geber», ohne ein «murrendes Herz».
c. Der Christ trägt nicht ein «steinernes Herz» in sich, sondern «ein neues Herz» und einen «neuen Geist», so daß er «frei» in der «neuen Wirklichkeit des Geistes dienen» kann. Die positive innere Offenheit für die andern trägt eine Gemeinschaft und verbreitet Freude. Dieser Haltung ist das Murren entgegengesetzt. Eine konstruktive Gesinnung wird mit aller Entschiedenheit gefordert von Basilius, der unsern Text und seine Gedankenfolge beeinflußt zu haben scheint. Basilius (t379) wünscht einen «dem Nächsten angenehmen», nicht nur sich selber genehmen Gehorsam, einen Gehorsam ohne Widerrede und ohne Murren und ohne Kränkung eines Bruders. Basilius schreibt sogar: «Wer murrt, soll der Gemeinschaft der Brüder ein Fremder sein.»
Er «muß ganz offensichtlich an Unglauben kranken». In einer negativen Einstellung kann die Gemeinschaft ihren Geist, der ihr von Christus geschenkt ist, in keiner Weise wiedererkennen. Obwohl Pachomius (t346) und Basilius (t379) nicht beim Lehrer-Jünger-Verhältnis ansetzen, sondern bei der Gemeinschaft und ihren Bedürfnissen, wird die Pflicht zum Gehorsam klar festgehalten und mit dem Beispiel Jesu motiviert. So schreibt Basilius: «Es bringt Schaden, wenn man jeden in allen Dingen nach seiner Willkür handeln läßt… Man muß den Auftrag der Vorgesetzten annehmen, auch wenn er dem Willen der Beauftragten zuwider ist, und dies nach dem Beispiel des Herrn, der sagt: <Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!>
d. Für Benedikt muß die Bindung an die Gemeinschaft eine besondere «Beständigkeit» aufweisen. Dies legt den Willen zur Identifikation mit der Gemeinschaft im Gehorsam nahe. Ein «zaghafter, saumseliger, mißmutiger, lustloser Gehorsam» ist mit der Grundintention nicht vereinbar. Einen nur unter Druck geleisteten Gehorsam nennt Kassian (t430) «erzwungen». Die Identifikation mit der Gemeinschaft weckt die spontane Bereitschaft, einen Vorgesetzten anzuerkennen. Das ist die Sicht des Augustinus (t430): «Gehorcht dem Vorgesetzten, wie man einem Vater gehorcht, und erweist ihm die gebührende Ehre, um nicht über ihn Gott zu beleidigen …» Man fühlt sich in der Gemeinschaft einer Familie zugehörig, die einen «Vater» braucht. Dem klösterlichen Vorgesetzten gehorcht man, wie man in der Familie oder in der Kirche gehorcht.
e. Ein Spannungsfeld besteht zwischen dem unbedingten Gehorsam und der persönlichen Verantwortung. Benedikt legt nirgends nahe, diese Spannung durch die Aufhebung einer der beiden Komponenten zu beheben. Einerseits sieht er im Gehorsam mehr als eine bloß soziologische Ordnungsfunktion. Der Gehorsam muß auf Gott ausgerichtet sein wie der Gehorsam Christi. Die «Regel der vier Väter», die vom Gemeinschaftsgedanken ausgeht, sieht in der Angleichung an Christus das Ziel des Gehorsamsweges: «Die Spitze des Kreuzes ist erreicht, wenn man als erstes in allem den Gehorsam übt und nie nach dem Eigenwillen handelt, sondern dem Befehl des Obern folgt». Der Blick auf das Kreuz verstellt die christliche Freude nicht, denn dieselbe Regel spricht von einem in voller Ergebenheit, «wie einem Gebot des Herrn» geleisteten Gehorsam. – Dieser hohen Anforderung muß nach Benedikts Meinung der Obere entsprechen. Er darf nämlich «nichts lehren, anordnen oder befehlen, was vom Gebot des Herrn abweicht». So wird im Prinzip auf der andern Seite, beim Gehorchenden, keine Gewissensfrage entstehen. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, daß Benedikt einen «Magistertext» übergeht, der anrät, alle Verantwortung auf den Obern abzuschieben und so das Gewissen zu entlasten. Ganz im Gegenteil: Die Verantwortung muß im «Herzen», also in der Personmitte, im Gewissen wahrgenommen werden. Wenn der Obere sich an Gottes Gebot hält, ist ein Gewissenskonflikt nicht zu befürchten.
f. Der Schlußsatz des Kapitels, der von Benedikt stammt, nimmt nochmals das Lohnmotiv auf und fügt eine Strafdrohung hinzu, immerhin nicht ohne die Chance von Buße und Besserung zu erwähnen.

KAPITEL 33
OB DIE MÖNCHE EIGENTUM HABEN DÜRFEN
Caput XXXIII: Si quid debeant monachi proprium habere
1 Vor allem ist dieses Laster samt der Wurzel
aus dem Kloster herauszuschneiden.
2 Keiner nehme sich heraus, ohne Geheiß des Abtes
etwas wegzugeben oder zu empfangen
3 oder etwas zu eigen zu besitzen,
durchaus nichts, weder Buch, noch Täfelchen, noch Griffel,
nein, überhaupt nichts.
4 Sie dürfen ja auch nicht frei verfügen,
weder über ihren Leib noch über ihren Willen.
5 Alles aber, was sie brauchen,
dürfen sie mit Vertrauen vom Vater des Klosters erwarten;
und es ist nicht gestattet, etwas zu besitzen,
was der Abt nicht gegeben oder erlaubt hat.

6 ALLES SEI allen GEMEINSAM, wie geschrieben steht:
damit KEINER ETWAS SEIN EIGEN NENNT
oder sich das herausnimmt.

7 Wird einer für schuldig befunden,
diesem schlimmen Laster gefrönt zu haben,
werde er einmal und ein zweites Mal verwarnt;
8 bessert er sich nicht, verfalle er der Strafe.

6 Apg4,32

1-3 Nach dem Kapitel über den Besitz des Klosters hält Benedikt zunächst die Regel der vollkommenen Besitzlosigkeit der einzelnen fest, die im Mönchtum traditionell ist.
4 a. Als erstes Motiv nennt Benedikt den Verzicht auf das persönliche Verfügungsrecht, der im Verzicht auf «Eigenwillen» und auf die «Begierden des Fleisches» eingeschlossen ist. Inder Frage der Besitzlosigkeit geht es im Kern um die Bereitschaft zur Selbstentäußerung, also zur Angleichung an Christus in seiner Kenosis. Man will gänzlich zum Herrn gehören und darum seine Haltung übernehmen.
b. Kassians (t430) Formel dafür lautet: «Sie glauben nicht bloß, daß sie nicht mehr sich selber gehören, sondern auch, daß all das Ihre dem Herrn geweiht ist». Basilius (t379) weist auf das Beispiel Jesu hin, der «für seine Freunde das Leben hingegeben hat», und frägt, wie jemand in der Nachfolge Christi etwas «für sich als sein Eigentum vorbehalten kann, das nicht zum Leben gehört». Tatsächlich ist Jesus in seiner innern Gesinnung der Selbstentäußerung, in der er sich mit den Menschen solidarisiert hat, das Vorbild christlicher Anspruchslosigkeit. Die «Regel der vier Väter» verlangt deshalb: «Man darf überhaupt nichts für sich behalten, ausgenommen das Kreuz, an das man sich anschmiegen soll, um Christus nachzufolgen».
c. Das Ziel ist die innere Haltung der «anawim», die Jesus selig preist, weil sie «arm sind vor Gott». Die Armut ist zuerst eine Frage der inneren Haltung, bevor sie eine Frage des Besitzens ist. Kassian schreibt: «Es nützt nichts, kein Geld zu besitzen, wenn in uns der Besitzwille herrscht». Die materielle Armut ist kein Selbstzweck. Benedikt spricht nicht von «paupertas« (Armut), sondern von der Besitzlosigkeit der einzelnen. Jesus hat den Ärmsten aus ihrer materiellen Notlage heraushelfen wollen. Im Kloster wie außerhalb sind Elend und Bettelarmut ein Übelstand. Auch eine Mittellosigkeit, die effiziente und sozial wertvolle Arbeit ausschließt, ist nicht schon ein positiver Wert. Entscheidend ist vielmehr die Umorientierung im Selbstverständnis. Man will nichts mehr für-sich-selbst-haben und über nichts zum eigenen Nutzen verfügen. Die Liebe ist selbstlos.
d. Benedikt hält fest, daß der Verzicht auf eigene Rechte und Ansprüche im Mönchtum auch den Verzicht auf das Verfügungsrecht über den eigenen Leib einschließt. Der Mönch sucht nicht sich selber oder einen andern Menschen, er «sucht Gott». Die innere Erfüllung erwartet er von Gott. Benedikt hält konsequent am Primat des Spirituellen vor dem Materiellen fest. Das ist die Norm für den Abt wie für den Handwerker.
5 a. Als zweites Motiv erscheint in der Mitte des als Chiasmus strukturierten Kapitels das Vertrauen in die Vatersorge des Abtes. Man darf alles Notwendige «mit Vertrauen erwarten»
(sperare). Die Formulierung erinnert zum Teil an Pachomius (t346). Dieser erlaubt keinem mehr zu haben, «als was die allgemeine Regel des Klosters erlaubt», fügt aber hinzu, daß einer behalten kann, «was vom Vater des Klosters durch die Prioren verteilt wird». Benedikt läßt durchaus zu, daß man erbittet, was man braucht, wenn man es nur nicht zum Privatbesitz erklärt. Seine entsprechende Formulierung hat er bei Kassian abgelesen, ohne das von ihm zitierte «strenge» ägyptische Ideal der «Entblößung» (nuditas) von jedem Besitz mitzuübernehmen. Wenn man erbitten darf, was man «braucht», denkt Benedikt nicht an eine legalistische Armutspraxis, die jeden Luxus damit rechtfertigt, daß er vom Obern «erlaubt» sei. Damit würde man Benedikts erstes Motiv der Armut auf den Kopf stellen.
b. Der Abt, der Christi Stelle vertritt, ist der Vermittler der Vatersorge Gottes. Das «Bitten» des Mönchs richtet sich letztlich an Gott; es ist nicht ein Zeichen der Unmündigkeit, eher der Freiheit der Kinder Gottes. Der «Magister» betont, daß der einzelne Mönch frei von «ängstlichen Sorgen» um materielle Dinge das «Reich Gottes suchen» kann und sich nicht in «weltliche Geschäfte» verwickeln muß. Auch Benedikt ist ein ungebrochenes Vertrauen in die Vorsehung Gottes eigen, denn «Gott gehört die Erde und was sie erfüllt». Aus den Gaben seiner Schöpfung sollen alle leben können, besonders die Armen und die «Diener Gottes». Diese vom «Magister» ausführlich dargestellte Überzeugung ist im ersten Abtskapitel enthalten. Auch bei materiellen Schwierigkeiten soll der Abt im Vertrauen auf Gottes Vorsehung immer wissen, wie die Prioritäten zu setzen sind: «Das Reich Gottes» ist «zuerst zu suchen», «alles andere wird euch hinzugegeben»; denn «nichts fehlt denen, die Gott fürchten». Der Vorrang des Spirituellen vor den Zwängen von Produktion oder Konsum ist zu wahren.
c. Daß Benedikt bei dieser starken Betonung des Spirituellen nicht weltfremden Illusionen nachhängt, geht aus folgenden Beobachtungen hervor: 1. Benedikt hält auf Ordnung, Sauberkeit und Buchführung. 2. Anders als der «Magister» läßt Benedikt die Feldarbeit zu, auch wenn deswegen Gebetszeiten zu verschieben, Brüder von der Teilnahme zu dispensieren oder Fastenregeln zu ändern sind. 3. In Fragen des Verkaufs äußert er sich vorsichtig.
6 a. Als drittes Motiv führt Benedikt das Beispiel der apostolischen Urgemeinde an, wobei er die gleiche Stelle zitiert wie Augustin (t430) und Basilius (t373). Augustinus hat dieses Motiv besonders herausgearbeitet. Seine ganze Armutsauffassung geht von der Gesinnungsgemeinschaft der Urgemeinde aus. Daraus folgt der Wille zur Gütergemeinschaft mit einer durch Vorgesetzte geordneten Vorsorge für die individuellen Bedürfnisse.
Augustinus setzt bei der Gütergemeinschaft an. In dieser Tradition ruft das Leben in einer Gemeinschaft nach einem für diese sorgenden Vorsteher.
b. Perspektive und Gedankengang unserer Regel sind anders. Ihr Ansatz liegt beim «Suchen nach Gott» und nach einem von Gott autorisierten «Lehrer« und «Vater». Um diesen «Lehrer» bildet sich eine Gemeinschaft von Brüdern, die unter der Verantwortung des Abtes besitzlos lebt. Die Gemeinschaft ist bei Benedikt im Unterschied zu Augustinus gleichsam Schlußpunkt in der Entwicklung seines Armutsverständnisses (A. de Vogüe).
c. Daß Benedikt die Apostelgeschichte hier nicht bloß zufällig zitiert, sondern wirklich das Bild der Urgemeinde vor Augen hat, zeigt sich darin, daß er auch anschließend und später das Beispiel der Urgemeinde zitiert, um das Verhältnis zu den materiellen Gütern zu bestimmen. Auch bei Benedikt verzichtet man auf privaten Erwerb und Besitz – nicht anders als bei Augustinus (t430) – im Hinblick auf die Gemeinschaft und deren Aufgaben. Kassian (t430) hält als Norm fest: «Was der einzelne durch seine tägliche Arbeit und seinen Schweiß an Einkommen erarbeitet, läßt er der Gemeinschaft zukommen. Seine Genügsamkeit erlaubt ihm, sich selber zu erhalten und darüber hinaus auch die Bedürfnisse vieler reichlich zu decken, ohne deswegen irgendwie stolz zu werden.»
7-8 Das «schlimme Laster», das zu vermeiden ist, kann nur die «Habsucht« sein. Kassian (t430) warnte davor, «diesen schlimmen Geist, den Samen neuer Ansprüche ins Herz säen zu lassen». Der Ort wahrer Armut ist das Herz. Benedikt erwähnt nur das äußere Verfahren gegen Fehlende.

KAPITEL 34
OB ALLE IM GLEICHEN MASS
DAS NOTWENDIGE ERHALTEN SOLLEN
Caput XXXIV: Si omnes aequaliter debeant necessaria accipere
1 Es steht geschrieben:
JEDEM WURDE ZUGETEILT, WAS ER NÖTIG HATTE.
2 Damit sagen wir nicht,
daß ein ANSEHEN DER PERSON gelte, – das sei fern—,
aber man nehme Rücksicht auf Schwächen.
3 Wer darum wenig braucht,
danke Gott und sei nicht traurig;
4 wer aber mehr braucht,
demütige sich wegen seiner Armseligkeit
und überhebe sich nicht wegen einer Vergünstigung.
5 So werden alle GLIEDER im Frieden sein.

6 Vor allem zeige sich nie das Übel des Murrens,
aus keinem Grund, in keinem Wort und keiner Andeutung.
7 Wird einer dessen schuldig befunden,
So treffe ihn eine strenge Strafe.

1 Apg 4,35 2 Vgl. Röm 2,11 5 Vgl. 1 Kor 12,12.26

1-2 a. Beim «Magister» finden sich keine Parallelen zu diesem Kapitel, das typische Anliegen Benedikts zum Ausdruck bringt: Unparteilichkeit, Menschlichkeit, Rücksichtnahme auf individuelle Bedürfnisse. Der Einfluß des Augustinus (t430) und des Basilius (t379) ist deutlich spürbar.
b. Ausgangspunkt ist die in der Apostelgeschichte erwähnte Zuteilung des Nötigen nach den individuellen Bedürfnissen. Die entsprechende Stelle aus der Apostelgeschichte wird auch von Basilius (t373) zitiert. Während sich der «Magister» mehr um den gemeinsamen Klosterbesitz kümmert, ist Benedikt vornehmlich um diese Rücksichtnahme auf die einzelnen besorgt. Dieses individuelle Entgegenkommen ist die Antwort auf die persönliche Mittellosigkeit der einzelnen (A. de Vogüe).
3-5 a. Benedikts Mahnungen zielen in verschiedene Richtungen, zwischen denen ein Ausgleich hergestellt werden soll. Er scheint sich an Augustinus (t430) zu orientieren, der möglichen Differenzen zwischen Brüdern reicher und armer Herkunft begegnen wollte. Er schrieb: «Die ehemals Reichen sollen sich freuen, daß ihr Eigentum gemeinsamer Besitz wird. Die Armen dagegen sollen im Kloster nicht einen Komfort suchen, den sie draußen nie hatten. Auch diesen Armen soll alles Nötige, je nach ihren Bedürfnissen gegeben werden . . .‚ aber sie sollen ihre Freude nicht in besserer Kleidung oder Nahrung suchen. Die Armen sollen nun nicht den Kopf aufwerfen . . .‚ vielmehr sollen sie das Herz erheben und nicht gierig nach vergänglichem materiellen Besitz streben; sonst bringt das Kloster bloß den Reichen einen Vorteil, nicht auch den Armen, wenn sich nämlich die Reichen demütigen, während sich die Armen stolz aufblähen».
b. Wie Augustin (t430) wünscht Benedikt, daß jeder erhält, was er braucht. Auch Benedikt wendet sich an zwei Adressen, statt an die Reichen und die Armen, an die Genügsamen und die Anspruchsvollen. Wie Augustinus sorgt sich Benedikt um die Demut von anspruchsvollen Mönchen.
c. Benedikt fürchtet, daß Brüder der «Traurigkeit» verfallen könnten. Statt — wie sonst oft – sein Ideal nur in einem negativen Kontrastbild zu zeigen, nennt er hier ausdrücklich den innern Frieden der Klostergemeinschaft als ein Hauptanliegen. Dabei vergleicht Benedikt die Gemeinschaft mit einem Leib und seinen «Gliedern». Der Vergleich diente auch im profanen Bereich, um eine Körperschaft zu erklären. Basilius (t373) leitet aus ihm die Pflicht zur Harmonie unter den Gliedern ab. Bei Kassian (t430) taucht der Begriff »Leib der Brüderschaft» (corpus fraternitatis) auf, wenn er die «Katholizität« des Mönchtums, das heißt die «weltweit» gleich geübte monastische Lebensform des Mönchtums als Norm für alle Mönche erklärt.
6-7 Das mit der «Traurigkeit» verwandte, Frieden und Freude gegengesetzte «Murren» ist für Benedikt ein Schreckgespenst. Augustinus schreibt: «Wenn Kleiderfragen für euch ein Grund zum Streit und zum Murren sind, … dann fehlt euch das heilige Kleid des Herzens, nämlich die Demut».

KAPITEL 35
VOM WOCHENDIENST IN DER KÜCHE
Caput XXXV: De septimanariis coquinae
1 Die Brüder dienen einander gegenseitig;
keiner ist vom Küchendienst entschuldigt,
außer er sei krank
oder von einer wichtigen Aufgabe beansprucht;
2 denn dieser Dienst erwirkt mehr Lohn und GRÖSSERE LIEBE.
3 Den Schwachen jedoch gebe man Gehilfen,
damit sie dienen ohne traurig zu werden;
4 alle sollen Gehilfen erhalten,
je nach der Größe der Gemeinschaft
und nach der örtlichen Lage.
5 Wenn die Gemeinschaft größer ist,
ist der Cellerar vom Küchendienst entschuldigt,
ebenso, wie gesagt, andere,
die von wichtigeren Aufgaben beansprucht sind.
6 Die übrigen sollen EINANDER IN LIEBE DIENEN.

7 Wer den Wochendienst beendet,
besorgt am Samstag die Reinigungsarbeiten.
8 Sie waschen die Tücher,
mit denen sich die Brüder Hände und Füße abtrocknen.
9 Wer den Wochendienst beendet,
und wer ihn antritt, WÄSCHT ALLEN DIE FÜSSE.
10 Die Geräte seines DIENSTES gibt er dem Cellerar zurück
und zwar in sauberem und guten Zustand.
11 Ebenso übergibt sie der Cellerar dem,
der den Dienst antritt;
so weiß er, was er gibt und was er zurückerhält.

12 Wenn nur eine Mahlzeit stattfindet,
erhalten zuvor alle, die den Wochendienst besorgen,
über das festgesetzte Maß hinaus,
etwas zu trinken und ein Stück Brot,
13 damit sie ihren Brüdern bei der Mahlzeit
ohne Murren und ohne große Mühe dienen können.
14 An Festtagen aber gedulden sie sich bis zur Entlassung.

15 Wer den Wochendienst antritt oder beendet,
hat sich am Sonntag, sofort nach dem Ende der Laudes,
tief vor allen zu verbeugen
und um das Gebet für sich zu bitten.
16 Wer den Wochendienst beendet, spricht folgenden Vers:
GEPRIESEN BIST DU, HERR, UNSER GOTT,
DU HAST MIR GEHOLFEN UND MICH GETRÖSTET.
17 Hat er den Vers dreimal gesprochen,
erhält er den Segen zum Abschluß des Dienstes.
Wer den Dienst antritt, spricht anschließend:
O GOTT, KOMM MIR ZU HILFE,
HERR, EILE, MIR ZU HELFEN.
18 Alle wiederholen die gleichen Worte dreimal;
dann empfängt er den Segen und tritt den Dienst an.

 

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