Revolution der Moral

Leonhard Ragaz , Die Bergpredigt Jesu
Schaffet eine Welt der Gerechtigkeit des Reiches Gottes und die Menschen werden an Gott glauben.
DIE REVOLUTION DER MORAL
Die neue Gerechtigkeit und das Gesetz
F.Soll diese Revolution des Reiches Gottes, diese Umdrehung um hundertachtzig Grad, eine Auflösung aller bisherigen Religion und Moral sein?
A.Jesus antwortet zunächst:
Jesu Stellung zum Gesetz Mt 5,17-20
17 „Meinet nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen! Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen.
18 Wahrlich ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen von dem Gesetze vergehen, bevor alles erfüllt ist. (Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.)
19 Wer eines von diesen kleinsten Geboten auflöst, und so die Leute lehrt, wird der Kleinste im Reiche Gottes heißen ; wer sie aber tut und lehrt, wird Groß heißen im Reiche Gottes.
20 Ich sage euch aber: wenn eure Gerechtigkeit nicht weit über die der Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgeht, werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen.“
F.Was ist hier mit Gerechtigkeit gemeint?
A.Es ist damit mehr gemeint, als wir mit diesem Ausdruck zu verbinden pflegen. Er umfaßt alles, was vor Gott recht ist, nicht nur das Recht, sondern auch die Liebe, dazu die Reinheit, die Wahrheit, die Freiheit, die ganze sittliche Haltung der Menschen, wie wir sagen. Es ist das Grundwort der Bibel. Diese verkündet nichts anderes als das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde. Sie lehrt Moses, sie predigen und weissagen die Propheten, sie vertritt Christus.
F.Wer aber sind die Schriftgelehrten und Pharisäer?
A.Die Schriftgelehrten sind das, was wir Theologen nennen und zwar besonders soweit sie die Bibel auslegen, die Pharisäer aber das, was wir unter den Frommen verstehen. Beide halten das Gesetz mit äußerster Strenge. Sie sind gewöhnlich in einer Person vereinigt, wenn auch in verschiedenen Mischungen..
F.Inwiefern soll die Gerechtigkeit der Jünger Christi weit über die der Theologen und Frommen hinausgehen?
A.Weil diese eine des Gesetzes ist.
F.Was soll das heißen?
A.Dieses Gesetz ist die eine Hauptantwort auf die Frage, was recht ist, oder wie wir unser Leben sittlich ordnen sollen. Es ist ein System von Regeln für unser Verhalten. Bei den Juden war es das Gesetz Mosis, das in den zehn Geboten gipfelt, samt den autoritativen Erklärungen der Schriftgelehrten, bei uns ist es das, was wir Moral oder auch das Gute nennen. Jesus aber hebt die Moral auf.
F.Inwiefern soll diese nicht genügen?
A.Sie genügt nicht, weil sie dem Gebot des Guten Grenzen setzt. Die Schriftgelehrten redeten von einem „Zaun“ des Gesetzes. Einen solchen Zaun bedeutet das Gesetz immer, jedes Gesetz. Dieser Zaun soll das Böse abhalten, aber er hält auch das Gute ab.
F.Inwiefern?
A.Eben durch den Zaun selbst. Das Gesetz schließt auch das Gute in einen Zaun ein. Was jenseits dieses Zaunes liegt, gehört nicht mehr zum Bereiche des Guten oder der Forderung Gottes. Es wird vernachlässigt. Es wird sittlich neutral. Es wird Niemandsland. Es erhält, wie in einer gewissen Theologie das politische und soziale Leben, eine „Eigengesetzlichkeit“, das heißt: es wird dem Weltgeist und dem Fürsten dieser Welt überlassen. Wenn man befolgt, was im Zaun des Gesetzes eingeschlossen ist, sei’s christliche, sei’s bürgerliche Moral, dann ist man gerecht. Dadurch bekommt das Böse ein weites Feld. Dem kommt ein anderer Mangel des Gesetzes zu Hilfe: Das Gesetz kann sich seinem Wesen nach nicht nur mit den Hauptsachen oder der Hauptsache begnügen, sondern muß sich auch mit allerlei kleinen Dingen befassen. Dadurch geht leicht die rechte Proportion verloren. Die kleinen Dinge lenken von den großen ab; es entsteht die Gefahr, daß die großen klein werden und die kleinen groß. Es entsteht dann, nicht nur in der Religion, das, was Jesus den Schriftgelehrten und Pharisäern vorwirft: „Wehe Euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Minze, Dill und Kümmel verzehntet, aber das Schwerere im Gesetz auf der Seite lasset: Recht, Barmherzigkeit und Treue. Ihr blinden Führer, die ihr Mücken seihet (aussiebt) und Kamele verschlucket.“ Mt 23,23-24
Daraus entsteht ein weiterer Mangel des Gesetzes: Seine Regeln kann man, weil sie begrenzt sind, ganz erfüllen. Man kann sich wenigstens einbilden, es zu tun. Es ist das umso leichter möglich, als das Gesetz nur nach der Tat frägt, nicht nach der Gesinnung, aus der sie fließt – was eine besonders häufige Form der Heuchelei wird. Jesus sagt davon: „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer (ihr Theologen und Frommen), die ihr das Äußere des Bechers und der Schüssel rein haltet, inwendig aber seid ihr voll Raub und Unreinheit.“ Mt 23,25 Infolge dieser Meinung, man erfülle das Gesetz, tritt in der Seele eine Sattheit oder Verhärtung ein, welche fast immer die Folge des Besitzes ist: die Selbstgerechtigkeit, sei’s die der Frommen, sei’s die der Weltmenschen… Diese Selbstgerechtigkeit bekämpft Jesus vor allem. Sie ist ein Hauptfeind Gottes und der Menschen; denn sie hebt jene Armut auf, ohne die man Gott und sein Reich nicht haben kann, und verstopft damit die Quelle des Guten.
Das Gesetz leidet aber noch an einem andern Hauptmangel: Es macht unfrei. Denn es kommt mit seinem Gebot von Außen an den Menschen heran. Seine Maßstäbe sind konventionell oder bloß auf den Nutzen angelegt, nicht auf das wahrhaft Gute. Auch daraus entsteht Heuchelei. Jedenfalls arger Zwang. Und neben der Unfreiheit Freudlosigkeit. Denn man befolgt das Gesetz, weil man muß, aber ungern. Daraus entsteht eine sauerseherische, unfreundliche Art und Härte. Gerade weil man, bewußt oder unbewußt, das Gesetz als Zwang und Last empfindet, es aber doch übt, weil man muß, oder glaubt zu müssen, fordert man seine Befolgung mit doppelter Strenge, ja Schärfe, so recht mit Lust, von Andern. Das hat dann zur Folge, daß diese entweder selbst auch so werden: daß sie verkrüppeln, pedantisch, seelenängstlich werden, oder dann das Gesetz abwerfen, frech und zügellos werden. Aller Pharisäismus erzeugt entweder Moralismus oder Libertinismus. Damit hängt wieder ein Anderes zusammen. Wenn man den Menschen anmerkt, daß das, was sie die Moral oder die Frömmigkeit nennen, aus dieser Quelle kommt, dann macht es keinen Eindruck, oder bloß einen aufreizenden. Man spürt, daß das nicht wirklich das Gute ist, weder im göttlichen noch im weltlichen Sinne, sondern eben bloß das Gesetz, das harte, herzlose, schablonenhafte, kleinliche, ungerechte, unwahre, und man spürt vielleicht auch, wie dahinter nicht der Eifer für das Gute oder für Gott steckt, sondern ganz andere Dinge, menschliche, allzu- menschliche: Härte, Herrschsucht, Hochmut, Lust am Plagen und Quälen Anderer. Das ist ja das wuchernde Gift, das auf wahrhaft erschreckende Weise unser moralisches und religiöses Leben durchzieht und verderbt und die Menschen von Gott und dem Guten abstößt. Aber diese Last des Gesetzes kann auch andere Formen annehmen. Während die Selbstgerechtigkeit meint, es ganz zu erfüllen, weil es Grenzen hat, so können Andere dadurch zur Verzweiflung gebracht werden, weil sie die Grenzenlosigkeit des Guten erkennen und doch meinen, es könne erfüllt werden und es sei bloß ihre Schuld, daß sie es nicht erfüllten. Man denke an Paulus, Luther und so viele Andere. Aber auch damit ist der Mangel des Gesetzes noch nicht erschöpft. Das Gesetz ist auch Schablone. Es kann der Bewegung des Lebens nicht folgen; es vergewaltigt mit seinen Regeln die freie Regung des Guten und es erstickt das Herz in seinem Panzer. Wie der bloße Verstand das Individuelle und sein Recht nicht versteht, sondern bloß die Intuition dazu imstande ist, so ist auch das Gesetz, das stark ein Kind des Verstandes ist und jedenfalls leicht zur Verstandesmäßigkeit erstarrt, nicht imstande, der konkreten Situation, dem „Augenblick“, gerecht zu werden. Besonders die Liebe kommt dabei zu kurz. Denn gerade sie lebt nicht von der Regel, sondern vom Augenblick und von dem Blick des Herzens, das ihn versteht, so wie das Maria in Bethanien tut… Mit diesem Letzten ist auch ein weiterer Mangel des Gesetzes – allen Gesetzes! – ausgesprochen. Es ist ein Kind der Tradition. Man übernimmt es von Vätern und Vorvätern. Es wird dadurch geheiligt. Wehe dem, der es antastet! Aber darum veraltet es auch, paßt nicht mehr auf die neue Lage. So im Leben der Einzelnen, so im Leben der Gemeinschaften. Das gilt besonders auch von der Schriftgelehrsamkeit, soweit sie Bibelauslegung ist. Es wird Wahrheit und Sittlichkeit aus dem Bibelbuchstaben herausgeholt, nicht aus der lebendigen Bibel selbst. Man blickt, wenn man wissen will, was Gott verlangt, in die Bibel, die auf diese Weise ein Gesetzbuch wird, und geht an dem lebendigen Gott und seiner Gerechtigkeit vorbei. Das ist die verhängnisvolle Wirkung des Bibelgesetzes. Der Buchstabe tötet („Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ 2.Kor 3,6). Das ist die „Gerechtigkeit der Schriftgelehrten“… Auch das Dogma ist ein Gesetz und die Dogmatik ein Gesetzbuch. Es sind Erstarrungsprodukte und führen vom lebendigen Gott ab. Es sei betont, daß das damit von der Theologie Gesagte nicht gilt, soweit diese echte und bescheidene Wissenschaft, sondern nur soweit sie eine Geisteshaltung ist.
F.Und welches ist denn die „bessere Gerechtigkeit“, die Jesus will und die weit über die der Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgeht?
A.Es ist eine Revolution von unendlicher Kühnheit und Tragweite. Ihr Sinn ist einfach: Die neue Gerechtigkeit fließt aus Gott statt aus dem Gesetz. Sie ist das Leben aus Gott, dem Herrn und Vater, und zwar dem lebendigen Gott, dem Heiligen und Gütigen. Sein Gebot hat keine Grenze. Es ist unendlich und unbedingt. Es reicht bis zur Vollkommenheit Gottes hinauf und dringt bis in die letzten Tiefen des Herzens und Gewissens. Damit vertreibt es allen Hochmut und alle Selbstgerechtigkeit und treibt doch nicht zur Verzweiflung. Denn es fließt aus der Gnade des Vaters und wird weitergegebene Gnade. Weil es auf Gott gerichtet ist, den Einen Herrn und Vater, so ist es auf das Ganze gerichtet und verliert sich nicht in dem Netz von Kleinigkeiten wie das Gesetz. Auch damit ist eine Quelle der Heuchelei abgegraben. Denn die Unendlichkeit des Guten, der wir nie gesetzlich genug tun können, leuchtet damit in die Seele. „Wenn wir alles Gebotene getan haben, sind wir unnütze Knechte“ Lk 17,10. Auf diese Weise unmittelbar aus Gott strömend ist das Gesetz auch nicht Last, sondern Freude; denn es schöpft frei aus dem Quell des Lebens Gottes, des Heiligen und Guten, und der Gabe seines Reiches. Es ist nicht mehr ein unfreies, sondern ein freies Müssen, es ist ein Dürfen und ein Können, ein Ausströmen des Empfangenen. Es ist reichsunmittelbar. Es ist nicht an einen religiösen oder sittlichen Kodex gebunden, sondern entspricht dem Gebot des lebendigen Gottes, der durch Herz und Gewissen im Augenblick gebietet. Und weil es so aus der Quelle fließt, so wirkt es auch als wirklich Gutes und weist auf die Quelle hin. Es ist an keine Regel gebunden, sondern nur an Gott. Es durchbricht jede Schablone. „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbat willen.“ „Des Menschen Sohn ist ein Herr auch des Sabbats.“ Mk 2,27-28. Er ist durch keine Tradition geknechtet, sei sie so heilig wie sie wolle. Gott ist nicht der Gott der Toten, sondern der Lebendigen – er ist der da ist, der da war und der da kommt – vor allem der da kommt. Auch an den Bibelbuchstaben ist er nicht gebunden, geschweige denn an das Dogma oder ein theologisches System. (Astaratha Prabhu: Gott ist krumm). Die Bibel ist das Lehrbuch des lebendigen Gottes und seines Reiches. Die Religion fesselt, ja knechtet, Gott macht frei. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“.“ 2.Korinther 3,17 Kurz: Die neue Gerechtigkeit ist das Leben in der Freiheit und Herrlichkeit der Söhne und Töchter Gottes.
So ist es im individuellen Leben und so im politischen und sozialen. Die Orientierung an Gott und seinem Reiche bedeutet auch hier, daß in die Härte des Gesetzes von Gott aus der Mensch eindringt, daß er nicht um des Gesetzes willen da ist, sondern das Gesetz um seinetwillen. Sie wendet sich gegen Gewalt und gegen Gewaltstaat oder gar absoluten Staat. Gott schafft Freiheit und Menschenwürde. Gott fordert Gerechtigkeit. Gott strahlt Wahrheit aus, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Liberalismus, Demokratie, Sozialismus, Kommunismus – alle recht verstanden – sind solche Ausstrahlungen.
F.Ist damit das Gesetz aufgelöst?
A.Nein, es ist erfüllt.
F.Aber nicht auch aufgelöst?
A.Es ist in der Auflösung erfüllt und in der Erfüllung aufgelöst. Jesus stellt die große Regel auf: „Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen“. Nicht das Kleinste am Gesetz soll bloß aufgelöst werden. Wer bloß auflöst, ist im Reiche Gottes, welches das Reich der Gerechtigkeit ist, der Kleinste; groß sind bloß die Erfüller, die, welche durch Erfüllung auflösen. Alle Revolution und alle Revolutionäre müssen mit diesem Maße auf ihren Wert hin gemessen werden. Nicht geringer soll im Reiche Gottes der Eifer um Gott und der Ernst des Guten sein, sondern unendlich größer, anderer Art, aber weit über das hinausgehend, was das Gesetz fordert. Es darf nur das Neue wollen, wer damit das Alte erfüllen will und kann. Denn das Alte hat auch sein Recht. Die Tradition darf Ehrfurcht verlangen. Nur wer das tief empfindet, darf das Neue fordern, das eben die notwendige Fortsetzung des veralteten Alten ist; nur wer in Angst und Not der Seele mit der Tradition gerungen hat, darf Revolution machen. So hat es Jesus gehalten, so Paulus, so Luther, so Zwingli, so Calvin, so alle Andern. Nur der Konservativste darf und kann der Radikalste sein. Wer am weitesten vorwärtsgehen will, muß am weitesten zurückgehen. Das ist eine Grundordnung des Reiches Gottes.
F.Wäre also die neue Gerechtigkeit eine vorwiegend konservative Sache?
A.Sie ist jedenfalls eine sehr revolutionäre Sache. Diesen Charakter drückt ja die Losung aus: „Zu den Alten ist gesagt, ich aber sage euch.“ Das ist ein unerhört revolutionäres Wort. Bedenke, wer die „Alten“ sind!
F.Wer denn?
A.Nicht weniger als Moses und seine autoritativen Ausleger. Ihnen stellt sich Jesus frei gegenüber: “Mögen sie dieses oder jenes gesagt haben – ich sage euch“. Er stellt sich im Namen des lebendigen Gottes der Tradition gegenüber. Er gilt, der lebendige Gott gilt, nicht Moses, nicht die Bibel, nicht die Kirche. Es ist der ewige „Durchbrecher aller Bande“.
F.Hat aber Jesus diese Autorität nicht als der, der er ist – als der Christus? Haben auch wir sie?
A.Wir haben sie, soweit wir Er sind – ich meine, soweit wir seine echten Jünger und echte Söhne und Töchter des Reiches sind.
F.Ist das nicht die Linie der Auflösung?
A.Ja, aber als Erfüllung. Denn auch für diese Freiheit gilt diese Ordnung. Es ist die Freiheit aus Gott, dem Herrn und Vater, aber nur seine Freiheit, uns geschenkt, nicht die Luzifers. Sie ist Auflösung als Erfüllung. Überall!
F.Hat alles Gesetz als erfülltes keine Bedeutung mehr?
A.Wann ist es ganz erfüllt? Alles Gesetz behält Bedeutung als Mahner an die Erfüllung, der uns immer wieder vor die Augen treten soll. Es behält seine Bedeutung als Lehrer, der uns die Grundordnungen Gottes kundtut. Es behält seine Bedeutung als Richter, wenn wir diese Ordnungen übertreten haben. Das Gesetz bleibt sozusagen immer der Anzeiger für das Minimum der an uns gestellten Forderung. Es ist nicht die obere Grenze, wie alle Gesetzesdiener meinen, sondern die untere; es ist Ausgangspunkt, nicht Endpunkt. Wehe dem, der es vergessen wollte! Nur Gott oben und der Teufel unten sind ohne Gesetz: jener, weil er das Gesetz ist, dieser, weil er kein Gesetz will.
F.Gilt das von allem Gesetz, auch von seinen Einzelheiten und Kleinigkeiten, ja Kleinlichkeiten? Ist das der Sinn des Wortes Jesu vom Halten der kleinsten Gebote, vom „Jota“ und „Häkchen“?
A.Sicher nicht! Jesus meint damit offenbar bloß den heiligen Grundsinn des Gesetzes und betont das mit dem „Jota“ und „Häkchen“ auf die paradoxe Art, die ihm eigen ist. Und er will uns damit wohl auch mahnen, daß wir auch das Kleine nicht mißachten, weil Sinn darin ist, daß wir es in der Auflösung erfüllen und nur in der Erfüllung auflösen… Das was Jesus mit dem über das Gesetz Gesagten in göttlicher Klarheit ausspricht, ist das, was Nietzsche in viel Irrtum meint. Auch Jesus ist Gegner der Moral, aber er ist es von Gott aus, während Nietzsche es von der Natur aus ist. Jesus ist der Erfüller des Gesetzes, während Nietzsche bloß oder doch vorwiegend sein Zerstörer ist. Jesus führt in ein Jenseits von Gut und Böse, welches den vollkommenen Sieg des Guten bedeutet, Nietzsche in eines, das den Unterschied von Gut und Böse aufhebt. Aber Nietzsche bleibt ein Mahner an Jesus, der Antichrist eine Erinnerung an Christus.
F.Wie verhalten sich die Zehn Gebote zur Bergpredigt?
A.Die Bergpredigt ist die Erfüllung der Zehn Gebote und nur in ihrer Erfüllung ihre Auflösung.
Gottesdienst und Bruder
F.Wir haben nun das allgemeine Wesen der falschen und der wahren Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit des Reiches Gottes und der Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer erörtert; kann es uns an einigen Beispielen erläutert werden?
A.Das tut Jesus an einigen Hauptpunkten, an den Elementen des sittlichen Lebens.
Mt 5,21-26 Vom Töten
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist (2.Mose 20,13; 21,12): »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.
23 Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.
25 Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.
Wir haben in dieser ganzen Stelle die erste Anwendung der Wahrheit vom Charakter des Gesetzes vor uns. Das Gesetz errichtet einen Zaun. Es will die Heiligkeit des Lebens schützen und gebietet darum: „Du sollst nicht töten!“ Aber es setzt damit auch eine Grenze. Denn die Heiligkeit des Menschen muß viel tiefer verstanden und empfunden werden. Sie darf auf keine Weise angetastet werden, auch nicht durch den Haß. Dieser ist ja schon Tötung. Man kann auf allerlei Weise und noch auf schlimmere Art den Menschen töten als durch Schwert oder Kugel. Wir sollen von Gott, dem Herrn und Vater aus, in der Empfindung tiefster, unbedingter Verbundenheit mit dem Bruder und der Verpflichtung gegen ihn leben. Diese Verpflichtung gegen den Bruder, dieses Gefühl für das heilige Recht des Vaters, das mit ihm ist, diese Empfindung unserer Verbundenheit mit ihm und der daraus erwachsenden Verantwortlichkeit gegen ihn ist das Wesen dessen, was wir Liebe nennen. Die Gewalt dieser Verbundenheit und Verpflichtung wird durch das Bild vom Opfer und dem Altar eindringlich ausgedrückt.
F.Ist es ein Bild?
A.Ja. Und es hat eine gewaltige Bedeutung. Bedenke: Das Opfer war die heiligste Handlung, die es für einen frommen Israeliten gab… Und doch sagt Jesus: „Laß das Opfer vor dem Altar warten, wenn dir dort – erst dort, oder doch erst recht klar – in den Sinn kommt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat und zwar etwas Ernsthaftes. Gehe vom Abendmahl oder von der Messe (der Kommunion) weg, wenn schon der Pfarrer dir das Brot und den Wein oder der Priester die Hostie reicht, und bringe die Sache mit deinem Bruder in Ordnung.“ Darin ist bildhaft ein fundamentales Prinzip ausgesprochen: Zuerst die Gerechtigkeit, dann der Kultus! Gottesdienst ist Menschendienst, das rechte Opfer ist die Erfüllung der Verpflichtung gegen den Bruder. Dieses Prinzip ist schon im Alten Testament, bei Moses durch den ganzen Geist seines Gesetzes und bei den Propheten in ausdrücklichen Worten und flammenden Reden, ausgesprochen, Jesus aber spitzt es besonders auf die Liebe zu. Diese Verpflichtung und ihre Erfüllung ist das wesentliche Element aller Beziehung zu Gott und den Menschen. Wehe, wenn du sie nicht erkennst und erfüllst! Wehe, wenn du gegen die Liebe sündigst! Das wird zum schweren Gericht über dich. Das kann deine Seele nicht vergessen. „Du mußt den letzten Rappen bezahlen.“ Du wirst besonders an Gräbern deine Schuld furchtbar empfinden, wenn es zu spät ist – zu spät! …Denn man kann nicht vor den heiligen Gott treten, wenn man dem Nächsten Unrecht tut. Man kann nicht vor den Vater treten, wenn man die Pflicht gegen den Bruder nicht anerkennt und übt. „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit empfangen.“
Und was von dem Verhältnis des Einzelnen zum Einzelnen gilt, das gilt auch vom Verhältnis der Völker zueinander…Auch für die Völker wie für die Einzelnen gilt das Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25.31-46): Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan… Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.
Nicht Kultus, sondern Gerechtigkeit! Nicht Religion, sondern Gott und sein Reich! Nicht der Altar, sondern der Bruder!
Die Reinheit
Vom Ehebrechen Mt 5,27-28
27 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 20,14): »Du sollst nicht ehebrechen.« 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Wir haben vor uns eine zweite Anwendung des revolutionären Prinzips der neuen Gerechtigkeit. Eines der Zehn Gebote heißt: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Das ist eine Grundordnung Gottes. Aber in der gesetzlichen Auslegung wird es innerlich aufgehoben. Es verliert seine Unendlichkeit und Unbedingtheit. Wieder wird ein Zaun um eine sittliche Grundordnung gezogen. Nur was innerhalb des Zaunes ist, gilt als Gebot; was außerhalb ist, gilt als Freiland. Die Ehe soll, formell, nicht gebrochen werden, aber erlaubt ist, auf ein fremdes Weib begehrliche Blicke zu werfen. Die Ehe soll gehalten werden, formell, solange sie besteht, aber sie darf leichthin aufgelöst werden. Es genügt hierfür eine gesetzliche Form. Mit andern Worten: der Ehebruch wird erlaubt, wenn nur die gesetzliche Form gewahrt wird. Und das heißt: diese gesetzliche Form sanktioniert geradezu den Ehebruch.
F.Aber wie soll es denn sein?
A.Es ist auch hier wie im ersten Beispiel. Das Gesetz ist Menschenwerk; an seine Stelle soll das Leben aus Gott treten, die Orientierung an Gott, dem Herrn und Vater.
F.Was bedeutet das in diesem Falle?
A.Es bedeutet, daß Gott das Weib wie den Mann geschaffen hat, und daß es damit ein unantastbares Heiligtum wird. Es bedeutet, daß Gott die Ehe geschaffen hat, daß der Mensch aus Mann und Weib besteht. Es bedeutet, daß sie die Schöpfung fortsetzen sollen, daß daraus die Familie entsteht, welche die Zelle und Grundform des Reiches Gottes bildet. Es bedeutet, daß nur unter dieser Voraussetzung die Ehe geschlossen werden, Mann und Weib eine Einheit werden dürfen. Es bedeutet, daß sie es nur dürfen vor dem heiligen Gott, der unser Schöpfer und Vater ist. Von hier aus wird alles heilig. Auch Zeugung und Geburt. Darum ist die Ehe nur in Achtung und Liebe möglich und kann nur in der Furcht und Liebe Gottes recht geführt werden. Darum ist die Ehe ein Sakrament und nur als solches echte Ehe. Darum auch ist die Ehe etwas Ausschließliches. Die Einehe ist die Forderung des Einen Gottes. So sagt es Jesus im 19.Kapitel des Matthäus.
F.Woraus entsteht denn der Ehebruch?
A.Wie alle Sünde: aus der Entfernung von Gott. Die ursprüngliche Todesfrucht des Abfalles von Gott ist die Gier. Wer Gott hat, der hat Genüge. Sein Hunger und Durst nach dem ewigen Leben ist gestillt. Wer aber Gott nicht hat, begehrt die Welt. Er sucht nicht das Eine, sondern das Viele. Er bekommt nie genug. Er trachtet nach Glück, Ehre, Macht, Genuß. Er trachtet besonders nach Geld. Er trachtet vor allem auch nach dem Weibe… Vom Einen Gott geht die Eine Ehe aus. Das Weib ist heilig, ist Person. Und so der Mann. Das Weib kann nur in der Einehe heilig sein, Person sein, und ebenso der Mann; jede Form der geschlechtlichen Vereinigung von Frau und Mann außer der Ehe ist Entheiligung von Frau und Mann. Die Gerechtigkeit des Reiches Gottes muß über die bürgerliche Moral hinausgehen – ins Unendliche und Unbedingte. Sie darf nicht am Gesetz orientiert sein, sondern nur an Gott, dem Herrn und Vater. Aber selbstverständlich auch nicht an der Welt mit ihrer Sinnlichkeit und Leichtfertigkeit.
F.Aber ist das nicht schwer? Wie kann man es halten?
A.Der eine Gott wirft alle Götzen nieder, auch die, welchen die Unzucht dient. Er, der Allreiche, löscht die Gier aus, weil er den Hunger und Durst der Seele stillt. Er, der Heilige, macht Mann und Frau und Ehe heilig. Seine Furcht ist der rechte Zaun um sie herum. Die wahre Liebe, die Liebe Gottes zu uns und unsere Liebe zu ihm, vertreibt alle falsche Liebe. Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu dienen füllt die Seele aus und läßt keinen Raum für die Götzen und ihre Versuchung. Dem Trachten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit fällt auch die rechte Reinheit zu. In diesem Lichte werden Mann und Frau das, was sie sein sollen. Nicht der Zaun des Gesetzes hält von der Verführung der Schlange ab, sondern Gott allein, der Herr und Vater. Christus allein vertreibt die Dämonen. Das Reich allein erlöst Mann und Frau und ihre Ehe.

DIE REVOLUTION DER RELIGION
Das Almosen
Mt 6,1-4
1 Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,
4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
A.Es kommt zuerst das Wort vom Almosengeben. Schon das ist bedeutsam. Die Religion stellt, auf falsche Weise, das Verhältnis zu Gott in den Vordergrund, Jesus aber, wie alle Propheten, das Verhältnis zum Menschen.
F.Also Menschlichkeit, Humanität?
A.Ja, aber von Gott aus. Es ist die Gerechtigkeit des Reiches Gottes, wonach wir zunächst trachten sollen. Nicht Opfer, sondern Liebe. Nicht Kultus, sondern Gottesdienst am Bruder. Nicht Sonntag, sondern Alltag. Nicht Kirche, sondern Welt. Das wußte man im Judentum, und der Ausdruck dieses Wissens war das Almosen. Es spielte darin eine fundamentale Rolle. Man sagte sogar für Almosen einfach „Gerechtigkeit“.
F.Gibt es im Christentum etwas Entsprechendes?
A.Gewiß. Wir nennen es etwa Liebestätigkeit.
F.Ist das nicht etwas Köstliches?
A.Gewiß, das ist es. Besonders ihre Geschichte.
F.Aber warum denn der Vorwurf der Schaustellung und Heuchelei, der wohl auch dieser christlichen Liebestätigkeit gilt, nicht bloß dem jüdischen Almosen? Und woher kommt denn diese Schaustellung und Heuchelei?
A.Daß bei den jüdischen Frommen diese Schaustellung, die im Sinne Jesu Heuchelei, Schauspielertum, ist, vorhanden war, zeigen die Worte Jesu, die sicher offenkundigen Tatsachen entsprechen. Es kann aber nicht geleugnet werden, da diese Schaustellung in weitgehendem Maße auch ein Merkmal der christlich-bürgerlichen (so müssen wir uns wohl ausdrücken) Liebestätigkeit ist. Die Ursache dieser Entartung einer edlen und großen Sache ist die, welche wir in der allgemeinen Erörterung aufgedeckt haben. Das Almosen wird weitgehend auch ein Werk des Gesetzes. Man tut es nicht aus dem Drang des Herzens, sondern „bloß“ um Gottes und das heißt in diesem Falle um der Religion willen. Darum muß man es auch zeigen. Es fließt nicht aus dem Gott, der im Verborgenen ist, als freie Notwendigkeit. Dazu kommt noch ein Anderes, Wichtigeres, was das Almosen zu einer schlimmen Hechelei macht: Man muß es zeigen um des bösen Gewissens willen.
F.Wieso um des bösen Gewissens willen?
A.Weil man sich heimlich bewußt ist, daß eigentlich etwas anderes nötig wäre: eine Welt der Gerechtigkeit, eine Gesellschaftsordnung, die dem Willen Gottes entspräche. Aber die will man nicht, und das soll durch die Maske der Religion in Form des Almosens verdeckt werden. Es ist zu bedenken, daß auch hierin der Zaun des Gesetzes seinen Doppelcharakter zeigt. Dadurch wird ein Lebensgebiet geheiligt: die Pflicht gegenüber den Armen, im weitesten Sinne dieses Wortes. Aber es wird dafür die Unendlichkeit und Unbedingtheit der Verantwortung für den Nächsten ausgeschlossen. Man gibt dem Armen ein Stückchen vom eigenen Gut und behält das Übrige als absolutes Eigentum. Es gehört aber eigentlich alles Gott. Das ist die Meinung der Bibel. Und das sollte in der ganzen Gesellschaftsordnung zum Ausdruck kommen. Nur das wäre die wirkliche Hilfe. Das spüren die religiösen Kreise. Daher ein Teil des Eifers ihrer Liebestätigkeit – nur ein Teil! – daher das „Almosen“. „Man tut doch alles, was recht ist – es geschieht doch so viel!“ So kommt es zu der großen Schaustellung, zu der großen objektiven Heuchelei bei so viel subjektivem gutem Willen. So muß die linke Hand wissen, was die rechte tut. Das alles wird anders, wenn die Orientierung an Gott, dem Herrn und Vater, stattfindet. Dann wird der Zaun niedergerissen; dann dringt die Unbedingtheit und Unendlichkeit der Forderung Gottes in bezug auf den Bruder an das Gewissen heran. Dann wird aus bloßer Liebestätigkeit soziale Gerechtigkeit und soziale Umgestaltung. Und dann vergeht alle Selbstgerechtigkeit und bleibt übrig die unendliche Schuld. Das ist hierin die Revolution Christi.

DIE NEUEN MASSE UND MITTEL
Nicht-Richten (Mt 7,1-3)
Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit dem Gericht, womit ich richtet, werdet ihr gerichtet werden und mit dem Maße, womit ihr messet, wird euch zugemessen werden.
Was blickst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, aber bedenkst nicht den Balken im eigenen Auge?
F.Wie sollen wir uns von Gott aus zu den Menschen stellen? Wie soll man Gott und seine Sache gegenüber den Menschen vertreten?
A.Darauf antwortet Jesus im letzten Teil der Bergpredigt.
F.Meint er, daß wir über die Menschen, mit denen wir irgendwie zu tun haben, kein Urteil fällen sollen, namentlich kein scharfes? Sollen wir vielleicht gar, dieses Wort befolgend, entgegen der Weisung des Propheten nicht Gutes gut und Böses böse, nicht Süß süß und Bitter bitter, nicht Licht Licht und Finsternis Finsternis nennen? Sollen wir um der Liebe willen die Wahrheit verleugnen und um des Friedens willen den Kampf vermeiden?
A.So legt es jener unwahre Pazifismus und Neutralismus aus, zum großen Schaden für das Reich der Wahrheit, aber auch der Liebe und des Friedens, die selbst nicht ohne die Wahrheit sein können, und die ihrerseits gerade Wahrheit schaffen sollen. Aber das ist das Gegenteil des Geistes und der Haltung Jesu. Keiner, auch kein Prophet, hat so unerbittlich wie er die Wahrheit ausgesprochen, keiner mit solcher Schärfe zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge geschieden. Das zeigt ja gerade auch sein Kampf gegen die Heuchelei, die Schauspielerei, besonders der Frommen, und gegen den ganzen Trug der Religion. Hat er nicht gesagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden auf die Erde zu werfen sondern Schwert?“ Und ist er nicht um seines Kampfes für die Wahrheit willen von der Religion und von der Welt, von der Kirche wie vom Staate getötet worden? Als seine Jünger dürfen wir nicht bloß sondern sollen wir, wie er, urteilen, richten, das heißt zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge scheiden, sollen schärfer sein als die Weltleute mit ihrem laissez-faire, laissez-aller! Wir sollen Schwert sein, nicht Wedel, sollen nicht gegen das Wort des Propheten verstoßen: „Wehe denen, die Friede rufen, wo kein Friede ist!“, sollen Salz der Erde sein, nicht Zucker oder Butter.
F.Was bedeutet denn das Wort Jesu?
A.Es wendet sich gegen ein Grundübel der Religion und auch der Welt in der Beziehung der Menschen zueinander. Das Richten, das Jesus meint, ist das Urteilen der Menschen über den Menschen im Sinne einer Neigung zum Verurteilen, ja Verdammen, das Suchen nach Fehlern und Sünden am Andern, namentlich am Andersdenkenden, verbunden mit der Selbstgerechtigkeit des Urteils über sich selbst. Dieses Richten ist erfahrungsgemäß ein Krebsschaden aller Religion, Frömmigkeit, Kirchlichkeit. Es ist sozusagen die andere Seite der Schaustellung und ihrer Heuchelei und eine Parallelerscheinung zu der Verbindung von Religion und Mammonismus. Es vergiftet die Frömmigkeit und vergiftet die Welt. Es wächst sich aus zum religiösen Fanatismus, zur Verfolgung des Menschen um Gottes willen; es wird, in allen Formen, zum Index, welcher die Verbreitung der nicht offiziellen Wahrheit verhindert; es wird, auch in allerlei Formen, zur Inquisition, welche den Vertreter einer verbotenen Wahrheit quält, ja vernichtet, physisch oder moralisch; es wird Orthodoxie auf der einen und Verketzerung auf der andern Seite, wird Streit, Krieg, wird eine giftige Quelle alles Übels.. Wer seiner Sache sicher ist (so wie man das in Demut sein kann), der läßt den Andern Freiheit; wer aber selber schwankt und zweifelt, der ersetzt die eigene Festigkeit durch die Härte gegen die Andern.
F.Gibt es aber nicht auch eine weltliche Form dieses Übels?
A.Doch und wie! Auch die bürgerliche Moral hat diese Neigung zum Richten. Auch sie ist pharisäisch. Auch sie ist zum Verdammen bereit, wo jemand gegen ihr Gesetz verstößt. Wie furchtbar hart ist sie gegen den Sünder, das heißt gegen den, der die Regeln dieser bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Moral verletzt…
Gott der Herr, das bedeutet: Der Mensch – der andere Mensch – gehört Gott. Er ist heilig. Er steht unter dem Rechte Gottes, des Herrn. Also nicht unter deinem Rechte. Also darfst du nicht über ihn richten. Du hast nicht ein letztes Urteil über ihn abzugeben. Du darfst ihn nicht verdammen. Er gehört nicht dir, sondern Gott, dem Herrn. Eine heilige Scheu soll dich vor dem letzten Spruch über ihn abhalten: die Scheu vor Gott, dem Herrn, der allein Richter ist. Gott der Vater aber bedeutet: Der Andere ist doch dein Bruder. Du bleibst, was für Fehler er auch habe, aufs tiefste mit ihm verbunden. Wenn du ihn verdammst, verdammst du damit dich selbst; wenn du ihn – in diesem Sinne – richtest, verleugnest du den Vater. Der Vater ist auch dein Richter; Gott als Herr und Vater ist es. Bedenke doch einen Augenblick: Der du so rasch bereit bist, die Fehler und Sünden des Andern zu sehen – wer bist du denn selbst? Der du so schnellfertig bist, den Splitter im Auge des Andern zu sehen, siehst du denn den Balken im eigenen Auge nicht? Bedenke, wie sehr, wie gar sehr du selbst Gnade nötig hast, statt Gericht, von Seiten Gottes und von Seiten der Menschen. Lebe mit ihnen in der Gnade, statt im Gericht, und du trittst aus der Hölle der Gesellschaft in das Sonnenlicht Gottes, des Herrn und Vaters, der allein dein Richter ist, wie der Richter der Andern.
F.Wird mit alledem nicht doch der Ernst des Ringens um das Gute, um die Heiligung des ganzen Lebens, abgeschwächt?
A.Im Gegenteil. Gerade die Selbstgerechtigkeit ist ja das stärkste Hindernis der eigenen Heiligung. Wohl aber ist diese der beste Weg, der zum Nichtrichten führt. Denn wir stoßen hier auf einen wichtigen und bedeutsamen Sachverhalt: Wie wir erkannt haben, daß gerade die eigene Schwachheit und Fehlbarkeit uns zum Richten und Verdammen veranlassen kann, so beobachten wir umgekehrt, daß gerade das eigene Ernstnehmen des Guten mild gegen die Andern macht. Das überragende Beispiel dafür ist Jesus selbst. Die Pharisäer, die Unreinen, verachten die Zöllner und Sünder, Jesus, der Reine, geht zu ihnen; die Pharisäer, die Unheiligen, verdammen die Ehebrecherin, Jesus, der Heilige, spricht sie los. Gerade ein von Gott selbst kommendes Feuer des Guten, gerade ein heißes Streben nach der Heiligung sind das stärkste Gegengift gegen das weltverheerende Gift des Richtens.
Auch das gilt nicht bloß für das Verhalten des Einzelnen, sondern hat einen umfassenden Sinn. Auch die Völker, die Religionen, die Parteien sind in dem Maße geneigt, einander zu richten, als sie sich nicht selbst richten, als in ihrer Mitte die Selbstkritik fehlt, als es ihnen an dem Ringen nach der eigenen Heiligung mangelt, das heißt: als sie nicht nach hohen Zielen ihres Gemeinschaftslebens streben. Auch ihr Pharisäismus, der nationale, soziale, konfessionelle parteibestimmte Pharisäismus, entspringt aus einem unterbewußten Gefühl des eigenen Defizits.
F.Dürfen wir denn überhaupt irgend jemand richten?
A.Wir dürfen urteilen, sollen es, müssen es oft. Aber Urteilen ist nicht Verdammen. Verdammen – im Sinne der endgültigen Vernichtung – dürfen wir nie. Sachen wohl, aber nie Menschen und Menschengemeinschaften.

silence

 

 

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