Paradiesische Lust

Stefan Blankertz: Thomas von Aquin – Lust auf Leben
PARADIESISCHE LUST

Um zu erfahren, was Thomas von Aquin zur Lust an der Sexualität meinte, beginne ich mit einer Passage, in der er einen möglichen paradiesischen Zustand mit der gegenwärtigen Realität menschlichen Daseins verglich.

Einige der frühen Kirchenlehrer sahen in der Sexualität vor allem das Schmutzige, was sich im jetzigen Zustand [der beschädigten Natur nach der Erbsünde] mit ihr verbindet. Darum meinten sie, daß im [paradiesischen] Zustande der Unschuld keine Zeugung durch Geschlechtsverkehr stattgefunden hätte. Gregor von Nyssa etwa schrieb in seinem Buch »Über den Menschen«, im Paradies hätten sich die Menschen nicht durch Beischlaf fortgepflanzt, sondern wie die Engel durch göttliche Kraft. { … ] So zu sprechen, ist jedoch nicht vernünftig. Das, was zur Natur des Menschen gehört, wird durch die Sünde weder weggenommen noch hinzugefügt. Es ist nun offensichtlich, daß der Mensch seiner Natur nach ein Sinnenwesen ist und dies auch vor dem Sündenfall war. Und für ein Sinnenwesen ist es nur natürlich, sich durch Sexualität zu vermehren, wie das auch für die übrigen höherentwickelten Sinnenwesen gilt. Dies beweist sich durch die Geschlechtsorgane, die der Mensch von Natur aus besitzt. [… ]
Bei der Bewertung der Sexualität im gegenwärtigen Stande [der Schuld] ist zweierlei zu bedenken. Zum einen ist es natürlich, daß Mann und Frau sich zur Zeugung vereinigen. [ … ] Zum anderen gibt es eine gleichsam deformierte, ungeordnete Begierde. Diese hatte es im Unschuldsstande nicht gegeben. […] Im Koitus wird der Mensch dann zum Tier, wenn er die sexuelle Lust und das Feuer der Begierde nicht durch die Vernunft zügeln kann. Im Unschuldsstande hat es jedoch nichts gegeben, über das die Vernunft nicht gewacht hätte. Daraus folgt nicht, wie einige meinen, daß die sinnliche Lust geringer gewesen wäre. Denn sie war im Gegenteil größer, weil die Körper reiner und empfindsamer gewesen sind. Vielmehr gab es keinen Widerspruch zwischen Sinnlichkeit und Vernunft. Dieser Widerspruch [zwischen Sinnlichkeit und Vernunft] löst sich nicht durch eine geringere Lust auf, sondern dadurch, daß sich das sinnliche Streben nicht unbeherrscht über die Vernunft hinwegsetzt. [ … ] So empfindet ja auch derjenige, der mit Maß ißt, keine geringere Lust als etwa der Gierige, aber sein Streben [nach Nahrung] wird nicht von der Gier beherrscht. [Summa theologica I, 98,2]

Diese Passage muß man vielleicht mehrfach lesen, um die ganze Tragweite der Provokation zu erfassen, die in ihr steckt. Zunächst einmal sagte Thomas hier, daß die sinnliche Lust am Geschlechtsverkehr im Paradies nicht geringer, sondern größer gewesen sei, als sie gegenwärtig ist. Dies war sehr konsequent gedacht. Denn durch das Gefühl der Lust zeigt sich bei einem Sinnenwesen, daß etwas gut ist. Wir verstehen diesen Gedanken sofort, wenn wir statt »Lust« das Wort »Befriedigung« und statt »Streben« das Wort »Bedürfnis« einsetzen: Das Gefühl der Befriedigung zeigt an, daß ein Bedürfnis gut erfüllt worden ist. Wenn der Begriff »Unschuldsstand« einen Sinn hat, welchen anderen könnte er haben als den, daß die Menschen durch keine Schuld daran gehindert werden, die volle Befriedigung oder Lust zu erfahren, die Sinnenwesen möglich ist?
In diese frohe Botschaft kommt jedoch ein Wermutstropfen – denn schließlich leben wir nicht im Unschuldsstande, sondern im Stande der Schuld. Und für diesen Stand gab Thomas von Aquin in der Tat zu, daß die Sexualität etwas »Schmutziges« haben könnte. Doch bevor wir daraus voreilige Schlüsse ziehen, die uns eine körperfeindliche Tradition nahelegen, sollten wir jene Aussagen genauer betrachten. Der Begriff der »Erbschuld« wird heute meist mißverstanden. Es geht dabei nicht um eine persönlich zu verantwortende Schuld. Dies zu behaupten, wäre für einen rationalen Denker wie Thomas unmöglich. Vielmehr sprach er an vielen Stellen von einer »beschädigten Natur«. Die Sünde der Stammeltern, Adam und Eva, hat die menschliche Natur verändert oder, genauer gesagt, beschädigt. Durch unsere Natur als Menschen tragen wir die Folge der Schuld, ohne jedoch persönlich für sie verantwortlich zu sein. Worin die Beschädigung besteht, machte Thomas im oben zitierten Abschnitt deutlich. Es entsteht nämlich ein möglicher Widerspruch von sinnlichem Bedürfnis und Vernunft. Das, was für den einen Menschen lustvoll – also gut – ist, könnte für einen anderen Menschen schädlich sein. Denken wir an Verbrechen, die von einer Begierde ausgelöst werden wie etwa Sexualmord, Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt gegen Kinder. In diesen Fällen geschieht genau das, was Thomas beschrieb: Die Begierde läßt sich durch die Vernunft, die sagt, daß wir unsere Bedürfnisse nicht auf Kosten der Mitmenschen befriedigen dürfen, nicht kontrollieren. Die Lust, die das Gute für den einen Menschen bedeutet, bedeutet das Übel für einen anderen Menschen und gerät so in einen Selbstwiderspruch. Nur die Vernunft könnte diesen Widerspruch auflösen, aber sie ist machtlos. Bei sexuell motivierten Verbrechen sprechen wir heute oft von »Krankheit«. Damit ist jedoch nichts grundsätzlich anderes ausgesagt als bei Thomas: Es handelt sich um die Wirkungen der beschädigten Natur. Der Unterschied zwischen der Auffassung des Thomas und unserer ist allerdings auch entscheidend: Gehen wir von der beschädigten Natur aller Menschen aus, so können wir uns nicht als »Gesunde« über die »Kranken« erheben. Wir alle stehen in der Gefahr, die von der beschädigten Natur ausgeht. Dieser Gedanke ist die Grundlage für die Möglichkeit von Gnade und Vergebung: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein« [Joh 8,7]. Die Auffassung des Thomas von Aquin über das »Schmutzige«, was ihm zufolge der Sexualität im gegenwärtigen Stande der Erbschuld anhaftet, war also in keiner Weise lust- oder leibfeindlich. Ganz im Gegenteil: Eine unschuldige Form der Sexualität – das ist eine Sexualität, die niemandem schadet – verspricht sogar größere Lust. Das muß auch so sein: Denn was besser ist, muß auch die größere Lust – also Befriedigung – nach sich ziehen. Das Beispiel des Essens, das Thomas anführte, zeigt uns, wie das zu verstehen ist: Der Gierige, der das Essen in sich hinein schlingt, hat ja erfahrungsgemäß gar kein so großes Lustempfinden. Wer mit dem richtigen Augenmaß ißt, hat viel mehr Gaumenfreuden. Die Gier jagt zwar der Lust hinterher, aber erreicht sie nur unvollkommen. Analog verhält es sich mit der Sexualität. Wir müßten ja am Menschsein irre werden, wenn wir annähmen, derjenige, der seine sexuelle Befriedigung aus der Gewalt gegen seine Mitmenschen zu ziehen versucht, würde echte und tiefe Lust empfinden. Unsere Hoffnung darauf, den Perversen zu heilen, liegt darin, ihm zu zeigen, daß seine Gier ihn fehlleitet – und daß er wahre Befriedigung in nur einer anderen Form der Sexualität finden kann.

LEBENSLUST

Die Interpretation des ersten Abschnittes bestätigt sich durch einen Text, in welchem es um die Unterdrückung der Lust geht. Thomas fragte sich, ob die Gefühl- oder Lustlosigkeit [insensibilitas] ein Laster sei und er bestätigte diese Hypothese nachhaltig:

Alles, was gegen die natürliche Ordnung geht, ist ein Laster. In der Natur ist die Ausführung dessen, was für das Leben der Menschen notwendig ist, mit Lustempfindung verbunden. Darum entspricht es der natürlichen Ordnung, wenn der Mensch sich so weit der Lust hingibt, wie es für das Wohlergehen notwendig ist – sei es das Wohlergehen des Individuums oder der Art. Wer also die Lust so weit meidet, daß er nicht mehr tut, was für die Erhaltung der Natur notwendig ist, versündigt sich gegen die natürliche Ordnung. Darin besteht das Laster der Lustlosigkeit.
Es kann allerdings lobenswert oder sogar notwendig sein, sich um bestimmter Ziele willen lustvolle Handlungen zu versagen. Manchmal ist es ratsam, sich aus gesundheitlichen Gründen der Eßlust oder der sexuellen Lust zu enthalten. Athleten oder Soldaten müssen auf viele Genüsse verzichten, um siegen zu können. Und die Büßer verzichten für die Gesundheit der Seele auf Lustvolles – gleichsam als Diät. [ … ] Dies gehört nicht zum Laster der Lustlosigkeit, denn es folgt der Vernunft.
[Summa theologica II-II, 142, 1]

Hinter diesen Sätzen können wir wieder die beschriebene paradiesische Utopie erkennen: Sinnlichkeit und Vernunft sollen keine Feinde sein. Der Gebrauch der Vernunft soll die Lust nicht unterdrücken oder unterbinden, sondern vor allem ermöglichen und steigern. Denn, wessen Gier es nicht zuläßt, in bestimmten Situationen auf Lust zu verzichten, der verspielt die Möglichkeit zur Lust. Ist jemand zum Beispiel krank, aber versagt sich nicht die Lust auf solche Speisen, die seine Heilung gefährden, so bereitet er sich Unlust. Und wer ein Ziel verfolgt, aber die Anstrengung und den mit ihr verbundenen Verzicht nicht leisten will, wird aufgrund seiner letztendlichen Niederlage Unlust verspüren. Sieht so aus, als hätten wir heute beides verspielt, die Vernunft und die Lust. Auf der einen Seite beklagen wir die Zunahme von ungezügelter Bedürfnisbefriedigung. Die Menschen scheinen die Hemmung verloren zu haben, sich auf Kosten anderer zu bereichern oder sich sexuelle Lust zu verschaffen. Sie nehmen aber auch auf ihren eigenen Körper keine Rücksicht mehr – sie vergiften ihn mit Chemikalien, die die Lust steigern sollen, oder sie stopfen Nahrungsmittel in sich hinein, die dem Körper schaden und ihn aufblähen. Auf der anderen Seite beklagen wir die »Verkopfung« unseres Lebens. Wir haben den Eindruck, alles müsse »vernünftig« sein. Das Gefühl hat keinen Platz mehr in unserem Leben. Dagegen sollten wir wieder lernen, »aus dem Bauch heraus« zu entscheiden. Dies ist ein Widerspruch, den wir solange nicht verstehen, wie wir nicht einsehen, was Thomas uns zu sagen versuchte: Das Gefühl ist blind ohne die Vernunft, aber die Vernunft ist leer ohne das Gefühl. Wenn Vernunft und Gefühl gegen einander gehetzt werden, kommt etwas heraus, das weder vernünftig ist noch befriedigend. Zwischen Arbeitshetze, Kaufrausch, stumpfem Fernsehkonsum und gelegentlichen Gewaltausbrüchen verspüren immer weniger Menschen die Lebenslust, die sie empfänglich macht für das Gefühl, in der Gnade Gottes zu leben. Die oft verhöhnte vernünftige Maßhaltung, die Thomas (hierin Aristoteles folgend) lehrte, bekommt, auf diese Weise verstanden, ihren guten Sinn.

Die körperlichen und sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen, ist für den Menschen nur in Maßen gut: Maßlosigkeit stört das Gleichgewicht der Bedürfnisbefriedigung. [ … ] So wird die Genußsucht zu den Lastern gezählt, denn sie ist für den Körper schädlich und behindert die Bedürfnisbefriedigung.
[Summe contra gentiles III, 27]

Maßhaltung ist kein asketisches Ideal und kein äußerer Standard wie etwa Anstand, sondern sie ist Teil der Sicherung des individuellen Wohlergehens. Die Grenze für die Befriedigung der Bedürfnisse wird von innen heraus vom persönlichen Gesamtzusammenhang gesetzt. Wer kennt nicht die Erfahrung, daß etwas, das an sich Lust bereitet, im Übermaß genossen zu Unlust führt? Die Vernunft, die dann das Maß gebietet, steht im Dienst der Lust – nicht im Dienst der Lustfeindlichkeit.
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