Unum Necessarium

unum
Unum Necessarium – English

JOHANN AMOS COMENIUS: UNUM NECESSARIUM – DAS EINZIG NOTWENDIGE
Alle Verwicklungen in der Welt werden nur dadurch verursacht, daß die Menschen nicht zwischen dem Nötigen und dem Unnötigen unterscheiden können, das übersehen, was für sie nötig ist, und sich fortwährend mit dem Unnötigen beschäftigen, sich darin verwickeln und verstricken.

Wir danken der Güte Gottes, daß er uns mit dem geheimen Ariadnefaden Seiner Weisheit durch die Irrgänge unserer eigenen Labyrinthe schließlich zu sich zieht, dem Quell und dem Meer alles Guten.

Plato: Alle Kenntnisse schaden mehr, als sie nützen,
wenn die Kenntnis des Besseren fehlt.

Demokritos: Die fehlende Erkenntnis des Besseren ist die Ursache der Sünde.
Gott sagt in Hosea 4/6: Mein Volk ist dahin, darum, daß es nicht lernen will.
Christus sagt (Lukas 10/42): Eins ist not. Maria hat das gute Teil erwählt,
das soll nicht von ihr genommen werden.

Varro: Kaufe nicht, was Du brauchen könntest, sondern was Du wirklich nötig brauchst.
M. Porcius Cato, 234-149 v.Chr.: Meide alles, was zuviel ist und lerne, dich mit wenigem zu begnügen. Der Honig schmeckt bitter, wenn man zuviel davon ißt.

DAS EINZIG NOTWENDIGE
das ist
ZU WISSEN, WAS DER MENSCH
WÄHREND SEINES LEBENS, BEI SEINEM STERBEN
UND NACH DEM TOD NÖTIG HAT

WAS DER VON DEN EITELKEITEN DER
WELT ERMÜDETE UND NACH DEM EINZIG
NOTWENDIGEN STREBENDE, BETAGTE
J.A. COMENIUS
im 77. Jahr seines Lebens
der Welt zum Überdenken vorlegt

Terentius:
Wir verstehen alles besser, je älter wir werden.
Titelblatt der ersten Ausgabe, Amsterdam 1668

AUFTRAG AN GRAF RUPRECHT* VON DER PFALZ
Dem erhabenen Fürsten und Herrn,
HERRN RUPRECHT,
Graf von der Pfalz am Rhein
Durchlauchtigster Fürst!
Die ganze Welt sündigt gegen den Rat des Varro, den er einem klugen Familienvater oder jedem Marktbesucher gab: »Kaufe nicht, was Du brauchen könntest, sondern was Du wirklich nötig brauchst.« Die ganze Welt ist ein Markt voller Waren und jenen, die diese Waren verkaufen, kaufen und betrachten; aber die wenigsten von ihnen allen wissen das Nötige vom Unnötigen zu unterscheiden. Da ist bunt durcheinander Gutes und Schlechtes, Notwendiges und Überflüssiges, Nützliches und Schädliches, Kostbares und Wertloses ausgestellt und wird angepriesen, verkauft und gekauft. Und was noch seltsamer und beklagenswert ist: Man bringt mehr überflüssige Dinge zum Markt als nötige, mehr schädliche als nützliche, mehr schlechte als gute, und man preist sie an, verkauft und kauft sie. Daher das Sprichwort: mundus vult decipi, die Welt will betrogen sein. Und tatsächlich, überall ist die Welt erfüllt von Betrug und Täuschung. Sogar der weise Salomo konnte ihrem Lug und Trug, ihrem Blendwerk nicht entgehen und fiel ihrer Eitelkeit und Nichtigkeit, ihrer Torheit und daher bitterer Reue zum Opfer.
* Ruprecht, Kurfürst von der Pfalz, war der Sohn des »Winterkönigs« Friedrich V. von der Pfalz; er kam im Jahr 1668 an die Regierung.

KAPITEL 1
Die ganze Welt wird von Überflüssigkeiten erdrückt, von Schwierigkeiten ermüdet,
in ihren Absichten getäuscht, wie unzählige Beispiele beweisen.
3 Alles Irdisch-Menschliche ist vergänglich. Unsere Arbeit ist oft mühevoll und doch fruchtlos, Schmerzen und schwere Seelenkämpfe sind an die Stelle des paradiesischen Lebens und Friedens im Herzen getreten. Das sind die so oft gehörten Klagen frommer und weiser Männer. Davon sind auch die Bücher des weisen Salomo voll. Sein eigenes Leben bietet genug Beispiele für Irrtümer, Mühsal und Reue. Allein schau das: Ich habe gefunden, daß Gott den Menschen hat aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste (Pred.7:29).
Und er klagt: Da ich aber ansah alle meine Werke, die meine Hand getan hatte – und sie waren wirklich bedeutender als die anderer Sterblicher -‚ siehe, da war es alles eitel und Haschen nach Wind und kein Gewinn unter der Sonne (Pred.2:11). Was hilft’s ihm denn, daß er in den Wind gearbeitet hat (Pred.5:15)?
Schließlich erhebt er die Klage, daß kein Genuß Sättigung gewährt (Pred.1:8). Alle nur denkbaren Genüsse hat er sich erlaubt und seinem Herzen keine Freude versagt. Aber dennoch hat er gefunden, daß alles unter der Sonne eitel ist. Da verdroß es ihn zu leben, und er verwünschte alle seine Güter (Pred.2:1-11). Er hielt sogar die unzeitig Geborenen und die Ungeborenen (Pred.6:3), die noch nicht all das Böse unter der Sonne gesehen hatten, für glücklicher als sich selbst (Pred.4:3). Die ganze Heilige Schrift ist erfüllt von solchen Klagen.
4 In gleicher Weise und in demselben Sinn haben auch die Weisen Griechenlands ebenso wahr wie geistreich ihre Ansichten den Zeitgenossen dargestellt, und zwar in der Gestalt von Fabeln, wie die über das Labyrinth oder über den Stein des Sisyphus und über die Qualen des Tantalus. Wir wollen deshalb ein wenig bei diesen Sagen verweilen und durch ihre Betrachtung unsere eigenen Leiden und die Heilmittel dafür besser erkennen.
5 Die Sage vom Labyrinth berichtet: Minos, der mächtige König von Kreta, hatte Pasiphae zur Gattin, ein Weib mit ungezügelter sinnlicher Leidenschaft. Aus einer ehebrecherischen Verbindung mit einem Stier gebar sie ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, den Minotaurus, für den der König von dem klugen Baumeister Dädalus ein Labyrinth erbauen ließ. Es war ein Bauwerk mit unendlich verschlungenen Gängen, unzähligen Hallen, Gemächern und Treppen. Keiner, der sich einmal da hinein verirrt hatte, konnte den Ausgang wiederfinden. Dort sperrte Minos seinen Bastardsohn ein und ließ auch zum Tode verurteilte Verbrecher hineinstoßen, die dann entweder eine Beute des wilden Minotaurus oder des Hungers wurden. Nur Theseus, der Sohn des Königs von Athen, fand wieder hinaus mit Hilfe eines Garnknäuels, das ihm Ariadne, Minos‘ mitleidige Tochter, auf den Rat des Dädalus heimlich zugesteckt hatte.
6 Das ist die alte Sage vom Labyrinth. Die Mythologen deuten das Labyrinth als Bild für das menschliche Leben, das so unergründlich, so voller unlösbarer Rätsel ist, daß sich kein Sterblicher darin zurechtfinden kann, es sei denn, Gott hat ihn mit Weisheit ausgerüstet. Noch mehr Licht dringt in das Dunkel dieser geheimnisvollen Geschichte, wenn wir Minos, den König von Kreta, als den Herrscher des Alls sehen und in Pasiphae sein Ebenbild, den Menschen. Als der höllische Stier, der Satan, sie zum Ehebruch verführte, gebar sie jenes Ungeheuer, den Minotaurus, das ist die irdische Weisheit, ein Produkt göttlichen und teuflischen Samens. Äußerlich ist diese Weisheit wohlgestaltet, himmlisch und ähnelt der Gottheit, innerlich ist sie mißgestaltet, irdisch und trägt den Stempel des Teuflischen. Denn wir wollten sein wie Gott, aber in teuflischer Gestalt. Gott wollten wir ähnlich werden durch den Besitz der Allwissenheit, des Teufels Genossen aber wurden wir durch die Verweigerung des Gehorsams. Um uns zu strafen, verwandelte der König des Weltalls den Schauplatz seiner Weisheit, diese für uns geschaffene Welt, in ein Labyrinth. Dort hineingestoßen, irren wir alle endlos umher. Das bestätigt uns nicht nur Salomo und das Zeugnis anderer Weisen, sondern das ist auch unsere fortwährende, eigene, traurige Erfahrung. Die ganze Welt ist ein großes Labyrinth, in dem sich wieder unzählige kleinere befinden. Und es gibt niemanden, der nicht in einem oder mehreren umherirrt. Wenn es uns möglich wäre, in jedem Menschenherzen zu lesen, würden wir fast unlösbar ineinander verschlungene Wege und Umwege der Gedanken und der Phantasie sehen. Die Kenntnis aller Sprachen würde uns nur ein wildes Chaos aus verworrenen Tönen und Geräuschen übermitteln. Und wenn wir alle Arbeiten kennen würden, mit denen sich die Menschen beschäftigen, müßte uns das an einen Ameisenhaufen erinnern. Unser Auge würde ein blindes Durcheinanderrennen aufwärts, abwärts, vorwärts, rückwärts, nach links und nach rechts wahrnehmen. Wenn sogar Salomo, der doch der weiseste und hervorragendste Mann in seinem Reich war, all seine Arbeit nur als ein Labyrinth erschien – was er erkennt und oft schmerzlich beklagt und was seine Nachkommen genügend erfahren haben—, welcher König oder Fürst, welcher vornehme oder auch gewöhnliche Mann kann dann hoffen, vom ewigen Irrtum und Verdruß verschont zu bleiben?
7 Und was ist mit der Sisyphussage? Es wird berichtet, daß Sisyphus wegen einiger verwegener Taten, welche die Götter herausforderten, von ihnen dazu verurteilt wurde, in der Unterwelt einen gewaltigen Stein bergaufwärts zu wälzen. Sobald er ihn heraufgebracht hatte, rollte er wieder hinab, und er mußte ihn erneut wieder nach oben wälzen, unaufhörlich. Was bedeutet diese Geschichte?
Ändert man die Namen, dann erzählt sie uns etwas über uns selbst. Fortwährend mühen sich die Menschen mit den schwierigsten Arbeiten ab und erreichen doch kaum jemals ihr Ziel. Denn das Ende einer Arbeit ist immer der Anfang einer neuen. Die Sonne geht unter, um wieder aufzugehen. Die Ströme fließen ins Meer, das scheinbar ihr Ziel ist, um wieder zu ihrem Ursprung zurückzukehren. Der Mensch legt sich täglich zur Ruhe und erhebt sich täglich wieder zur Arbeit. Jahr für Jahr erntet der Landmann, und Jahr für Jahr muß er säen. Wer glaubt, eine Arbeit wie erwünscht zu Ende gebracht zu haben, sieht sich bald um die Früchte gebracht, mag nun ein anderer kommen und sein Bauwerk zerstören, oder der Baumeister selbst ein neues bauen, weil ihm das erste nicht mehr gefällt. Auch kann das Werk selbst zu Grunde gehen und so ein neues notwendig werden. Wieviele Feindschaften und Streitigkeiten, wieviele Kriege, die scheinbar glücklich beendet sind, werden zu neuen Fehden und Kriegen! Die gewaltigsten Werke, die vor den staunenden Augen der Welt vollendet wurden, bezeugen diese Tatsache durch ihr schnelles Ende. Wo sind die vielen Reiche geblieben, die hervorragende Männer wie für die Ewigkeit gegründet hatten? Sie sanken ins Nichts zurück, und man gedenkt ihrer kaum noch. So sind wir alle Sisyphusmenschen und unsere sämtlichen Arbeiten sind Sisyphussteine!
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8 Von Tantalus wird erzählt, daß er wegen seiner Naschhaftigkeit oder – wie andere sagen – wegen seiner Schwatzhaftigkeit zu ewigem Hunger und Durst verdammt wurde, und zwar so, daß er sich zwischen lockenden Früchten befand und kristallklares Wasser ihm bis an die Lippen stand. Und doch konnte er weder Früchte noch Wasser erreichen, sie flohen von seinem Mund fort. Ovid sagt von ihm: Wasser sucht im Wasser, nach Früchten, die entweichen, hascht Tantalus, also bestraft für seiner Zunge Geschwätz. Das ist ein wahrheitsgetreues Bild für das Schicksal des Menschen. Wer am gierigsten nach Reichtum und Ehre, nach Vergnügen oder anderen Dingen trachtet, die im Leben wünschenswert erscheinen, leidet den größten Hunger und Durst. Wollust und Begierde kennen keine Sättigung. Man ißt, um zu essen, man trinkt, um wieder zu trinken. Wie der Wollüstige nicht der Wollust entsagen kann, so kann auch der Vergnügungssüchtige nicht auf Vergnügen, der Ehrgeizige nicht auf Haschen nach Ehre und der Reiche nicht auf Zusammenscharren neuer Reichtümer verzichten. Begierde läßt sich nicht sättigen, sie leidet immer Hunger. Es ist, wie Salomo in seinen Sprüchen sagt: Die Erde wird nicht des Wassers satt, und das Feuer spricht nicht: Es ist genug (30:16). So geht es auch dem Menschen bei allen Dingen, nach denen er verlangt. Sie alle, die Lüstlinge, die Ehrgeizigen, die Habsüchtigen, soviele die Erde trägt, sind zu ewigem Hunger und Durst wie Tantalus verdammt. Und weil wir alle ohne Ausnahme mit Begierden zu kämpfen haben – der eine mehr, der andere weniger—, sind wir alle Tantalusmenschen.
9 Diese drei Sagen lassen sich auch noch in besonderer Weise anwenden: die Geschichte vom Labyrinth auf das gegenwärtige Leben, die Erzählung von der Sisyphusarbeit auf den Tod und die Mythe von der Tantalusmahlzeit auf den Zustand nach dem Tod. Solange wir leben, hat tatsächlich jeder sein eigenes Labyrinth, seine verschiedenen, sich aus sich selbst ergebenden Schwierigkeiten und Beschäftigungen. Im Augenblick des Todes ist es sehr wichtig, ob man die Last des Gewissens ablegen kann oder nicht, um die ewige Ruhe zu finden oder auch nicht. Und was haben wir nach dem Tod zu erwarten? Entweder eine Sättigung an den ewigen Freuden im göttlichen Paradies oder ewigen Hunger und Durst, wenn das Paradies uns verschlossen bleibt. Wehe dem, der sich nicht vor dem Ende seines Lebens aus dem Labyrinth der Welt befreit hat! Wehe dem, der es in der Todesstunde nicht verstanden hat, sich der drückenden Last seiner Sünden zu entledigen! Wehe dem, der in der Ewigkeit zur Tantalusmahlzeit verdammt ist!
10 Wenn ich zu den Mühen des gegenwärtigen Lebens zurückkehre, behaupte ich: Wer die Menschen in den verschiedenen Lebensaltern, in den beiden Geschlechtern, in den unterschiedlichen Ständen und Rängen betrachtet, der wird nichts als Labyrinthe, Steine und enttäuschte Verlangen finden. Bereits der Jüngling hat seine Labyrinthe wie der Greis. Weder Mann noch Frau bleiben davon verschont. Der Landmann hat seine Mühe wie der Handwerker, der Kaufmann und der Soldat. Wer hätte sie nicht in seinem Leben?
11 Philosophen und andere, die sich gelehrten Studien widmen, forschen nach Mitteln und Wegen gegen die Irrtümer des Geistes und die Schwierigkeiten des Lebens. Wie wenig sie jedoch finden, zeigen ihre eigenen Klagen genauso wie ihre fortwährenden, weltbekannten Zänkereien. Aristoteles* widerlegte die Ansichten aller Philosophen vor ihm und hoffte, eine sichere Philosophie gefunden zu haben, in die sich alles systematisch eingliedern ließe. Aber bis heute widerspricht man ihm. Die einen wollten so, die anderen so alles zusammenfassen, in unserer Zeit Männer wie Patricius, Telesius, Campanella, Baco von Verulam und Cartesius.** Und was wurde schließlich erreicht? Der Streit dauert immer noch an, und keiner vermag, ihn zu entscheiden.
* Aristoteles aus Stagira, mit Plato der bedeutendste Philosoph Griechenlands (384-322 v.Chr.), der Lehrer Alexanders des Großen. Seine Philosophie hat die Theologie des Mittelalters stark beeinflußt.
** Franciscus Patricius aus Clissa in Dalmatien (1529-1597), Lehrer der Philosophie in Ferrara, Italien. Bernhard Telesius, italienischer Naturphilosoph (1508-1588), nach dessen Lehre die sinnliche Wahrnehmung die einzige Quelle der wahren Naturkenntnis ist, Begründer der neueren Naturforschung. Thomas Campanella (1568-1649) aus Kalabrien, als Philosoph berühmter Dominikanermönch. Wurde von der spanischen Regierung wegen seiner freien theologischen Ansichten 27 Jahre gefangen gehalten, bis er endlich durch List vom Papst Urban VIII. befreit wurde. 1634 nach Frankreich geflohen. Dort starb er 1639. Er war ein Mann mit umfassendem Wissen. Durch seinen Versuch, eine systematisch-enzyklopädische Gliederung alles Wissens durchzuführen, stand er in gewisser Weise Comenius nahe. Baco von Verulam oder Francis Bacon, eine zeitlang Kanzler von England, gestorben 1626. Er trennte die Gebiete des Wissens, die nur durch Erfahrung zu erreichen sind, streng von denen des Glaubens, deren Erkenntnisquelle allein göttliche Offenbarung ist. Renatus Cartesius oder Rene Descartes (1596-1650), katholischer Philosoph. Geht in seiner Philosophie vom Zweifel aus (nicht von der Erfahrung wie Bacon). Das einzig Gewisse sei das Denken. Cogito, ergo sum.
* Anm.d.Verl.: Comenius hatte bereits 1659 die Philosophie des Cartesius verworfen in der Schrift: Cartesius cum sua naturali philosophica a mechanicis eversus.
Cartesius* schien einen Ausweg gefunden zuhaben. Er stellte die Forderung auf, das Vorurteil, daß man die Wahrheit schon wisse, zurückzustellen, alles erneut zu prüfen und dann nur das unumstößlich und erfahrungsgemäß Wahre gelten zu lassen. Das brachte ihm viel Beifall ein. Aber es scheint gefährlich zu sein, alles, Göttliches und Menschliches, zu bezweifeln. Außerdem ist es eine ungeheure Arbeit, alles prüfen zu wollen. Darum klagen die meisten auch nur über ein neues Labyrinth, das er aufgebaut hat. Es ist so verworren, daß sogar ein Dädalus sich nicht herauswinden und auch ein Ariadnefaden ihm nicht helfen könnte. Cartesius konstruiert sein System der körperlichen Welt aus dem—angenommenen – Vorhandensein bestimmter Wirbelbewegungen. Aber Anfang und Ende, Gestalt, Zahl und Zweck dieser Erscheinungen kann er nicht nachweisen. Schließlich behauptet er nicht mehr ein wirkliches, sondern nur ein scheinbares Sein. Die Materie der Welt soll aus größerer oder geringerer Dichtigkeit bestehen. Darin folgt er einer bestimmten, metaphysischen Spekulation, aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Auch die natürliche Beschaffenheit der Elemente, die man in verschiedenen Experimenten untersucht hat, steht dazu im Gegensatz. Künstliche Elemente verschiedener Art beweisen ebenfalls, daß sein neues Weltbild ein Trugbild ist.
12 Die Schlüsselträgerin der Philosophie, die Führerin der alle Gebiete durchschweifenden menschlichen Vernunft, ist die Dialektik. Sie ist soviel gepflegt und hoch gepriesen worden, daß man geglaubt hat, ohne sie nichts richtig verstehen zu können, als wenn sie der Ariadnefaden wäre, der allein den Ausgang aus all den Labyrinthen des schweifenden Geistes zeigen könnte. Wer aber gesehen hat, in welchen Kleinigkeiten sich die Dialektiker verlieren, wie sie streiten und darüber zanken, der findet nur wieder ein Labyrinth.
13 Wer kann all die Labyrinthe zählen, die Astronomie und Geographie, Geschichte und Chronologie, Medizin, Chemie, Alchymie usw in sich bergen? Wer sich mit einer dieser Wissenschaften einläßt, betritt Irrgänge, aus denen er nicht wieder herausfindet.
14 Politik ist die Kunst, die menschliche Gesellschaft zu beherrschen. Sie wird von der Rechtswissenschaft beraten. Ihr Zweck ist, die Menschen und ihre Angelegenheiten in Ordnung, Frieden und Ruhe zu halten. Ein Zeugnis ihrer Wirksamkeit sind die Gerichtsstätten, Tribunale und Rathäuser, die niemals leer werden und stets von Zank und Streit widerhallen. Leider noch mehr Unruhe verursachen die unseligen Kriege zwischen Völkern und Ländern, mit denen sich die Welt in wahrhaft entsetzlicher Weise zerfleischt.
15 Die Religion ist das Band, das den geschaffenen Geist mit dem ungeschaffenen verbindet. Sie hat die Bestimmung, in den irdischen Dingen Trost zu bringen, bei den Stürmen des Erdenlebens den sicheren Hafen nicht nur zu zeigen, sondern auch hineinzugeleiten. Aber entspricht sie denn dieser Bestimmung? Nein, sie ist selbst zu einem Labyrinth geworden, und zwar komplizierter als alle anderen in der ganzen Welt. Statt einer einzigen Religion gibt es unzählige. Und jede einzelne spaltet sich wieder in besondere Labyrinthe, wo man hinsieht. Diese Tatsache ist so offensichtlich – besonders für kluge politische Köpfe -‚ daß viele überhaupt die Wahrheit jeder Religion leugnen, sie für eine Fabel erklären, das Dasein einer Gottheit und die Furcht vor ihr verwerfen und dem Atheismus in die Arme fallen. Dann aber suchen sie dort Licht, wo Finsternis herrscht, Sicherheit in der Betäubung des Gewissens und Leben da, wo nur der Tod ist. Wehe uns!
16 Die Religion des Heidentums war tatsächlich eine Fabel mit der unvernünftigen Menge der Götter und Götzen. Das Judentum steht ebenfalls nicht viel höher, wenn es auch auf den einen wahren Gott, unser aller Schöpfer, zurückzuführen ist. Verderbnis schlich sich ein, und so artete es zum Pharisäertum, dem Chaos des Aberglaubens, aus. Ebenso ist der Mohammedanismus, eine Mischung aus Judentum und Christentum, nur eine dunkle Höhle der Irrtümer.
17 Allein die christliche Religion, die den zum Führer hat, der »der
Weg, die Wahrheit und das Leben ist« (Joh.14:6), sollte und müßte der »heilige«, von den Propheten verheißene Weg nach Zion sein, der so gerade ist, »daß auch die Toren nicht irren können« (Jes.25:8). Aber ist es so? Leider nein! Auf der ganzen Erde gibt es kaum ein komplizierteres Labyrinth als die christliche Religion. Soweit ist es schon gekommen! Die Auffassung und das Verständnis des Christentums ist vielfältig und verschieden. In tausend Sekten ist es zerrissen, in tausend Glaubensfragen und ebensoviele Meinungen und Kämpfe über einzelne Fragen gespalten. Wirklich, die Welt kennt nichts ähnlich Verwickeltes. Noch seltsamer ist es, daß nirgendwo sonst auf der ganzen Welt als ausgerechnet auf dem Boden des Christentums wegen religiöser Meinungsverschiedenheiten so bitterer Haß und hartnäckiger Streit herrschen, so blutige Verfolgungen und grausame Blutgerichte stattfinden, so wilde Kriege geführt werden. Ein Teil des Christentums ist davon überzeugt, außerhalb dieses Labyrinths zu stehen, und rühmt sich damit, daß Streitigkeiten, wie sie überall bei den Sekten zu finden sind, bei einer gegenseitigen Unterordnung aller unter ein Haupt nicht leicht möglich seien. Wenn man jedoch die Grundlagen dieser Einigkeit näher betrachtet, erkennt man ein meisterhaft und kunstvoll erbautes Labyrinth, aber eben nur ein Labyrinth, und zwar ein ausgedehnteres als irgendein anderes. Daher hat nicht zu Unrecht einer jener Christen – sei es im Ernst, sei es im Scherz – gesagt, man könne seinem schlimmsten Feind nichts Ärgeres wünschen, als Papst zu werden. So erschreckend groß ist die Verwirrung der kirchlichen Angelegenheiten, die Masse der zu bewegenden Steine und so vergeblich die Hoffnung auf Erquickung.
19 Wo gibt es etwas unter der Sonne, das frei wäre von Labyrinthen, Sisyphussteinen und der Tantalusqual enttäuschter Hoffnungen? Bis jetzt nichts und nirgendwo! So alt wie die Welt und treue Begleiter des Menschengeschlechts sind diese drei Übel: das ständige Irren des Verstandes, die unaufhörliche, nutzlose Anspannung der Kräfte, die fast fortwährenden Enttäuschungen der Wünsche. Stets sucht die Ungeduld und der Fleiß der Menschen nach Mitteln, sie aufzuheben. Sie müssen danach suchen unter Gottes Beistand, bis das Ende gefunden ist. Nicht umsonst ist dem Geist – nicht nur dem Salomos, sondern auch dem von uns allen – jenes Sehnen nach etwas Besserem eingepflanzt, jenes Sehnen, endlich aus den Labyrinthen des Lebens herauszufinden, den Sisyphusstein zu bewältigen und endlich, endlich die Erfüllung der Wünsche zu erleben, ein Sehnen, dem nur der Tod ein Ziel setzt.
20 Wenn wir die Gedanken aller frommen und weisen Männer, die je gelebt haben, nachdenken, ihre Gespräche und Reden hören, ihre Schriften lesen und ihre Taten prüfend betrachten könnten, würden wir feststellen, daß es nur Versuche sind, den Ausgang aus dem Labyrinth zu finden, ihre Aufgaben und Arbeiten zu beenden und schließlich in Ruhe die erworbenen Güter zu genießen. Ebenso ist es bei der großen Masse der Menschen. Aber nur die wenigsten verstehen, um was es eigentlich geht. Zwar will sich keiner mit Bewußtsein täuschen und betrügen lassen, keiner will nutzlos seine Kraft vergeuden und sich die Wünsche seines Herzens nehmen lassen. Und doch muß jeder bald erfahren, daß es nicht anders ist. Dennoch kommen alle Menschen beständig auf ihre Wünsche und Vorsätze zurück. Sie wollen sich nicht irren, sie wollen nach der Anstrengung Ruhe finden, sie wollen ihre Wünsche endlich einmal erfüllt sehen.
21 Wenn uns Sterblichen das Verlangen nach etwas Besserem und das fortwährende Streben, es zu erreichen, angeboren ist, warum zweifeln wir dann daran, einmal doch am Ziel zu stehen? Wenn Gott und die Natur nichts vergeblich tun – und das ist ein auf Erfahrung beruhender philosophischer Lehrsatz -‚ warum sollte Gott Gefallen daran haben, in das Menschenherz eine so tief wurzelnde Sehnsucht zu pflanzen, wenn er sie nie stillen will? Das wäre widersinnig! Dann müßte man annehmen, daß Gott entweder unsere Sehnsucht und ihr Ziel nicht kennt oder weder Macht und Einsicht noch den Willen hat, uns an dieses Ziel zu bringen. Das ist jedoch undenkbar, es sei denn, man müßte Gott die Allmacht, Allwissenheit und Allgüte absprechen. Oder trauen wir dem ewigen Gott nicht zu, was wir einem vergänglichen Menschen zutrauen?
Wenn Dädalus ein Mittel nennen konnte, um sich in dem Labyrinth, dessen Baumeister, er war, nicht zu verirren – er wollte damit nach beiden Seiten hin eine Probe seines Geistes ablegen -‚ wie sollte es da nicht in Gottes Macht und Willen stehen, an uns durch Beseitigung der Irrtümer ein herrliches Beispiel seiner ewigen Weisheit zu geben? Dädalus fiel es leicht, zum Schutz gegen die Irrwege seines Labyrinths dem Theseus ein so einfaches Mittel, nämlich einen Faden, in die Hand zu geben. Und Gott sollte es schwerfallen, dem Menschen, den er einfach und aufrecht erschaffen hat, der aber viele Künste sucht, wie der Prediger sich ausdrückt (Pred.7:29), einen starken Antrieb zu geben und ihm einen ebenen Weg zu zeigen, auf dem er wieder zu seiner ursprünglichen Aufrechtheit und Einfalt zurückkehren kann? Einen Weg, so sage ich, auf dem jeder, der ihn betritt, ebenso schnell wie Theseus aus dem ewigen Labyrinth der Welt hinausfinden kann?
Archimedes*, ein sterblicher Mensch, war imstande, König Hiero**einen Kunstgriff zu zeigen, durch den man mit einer Hand ein Schiff ins Meer lassen konnte, was bisher der Kraft von tausend Männern nicht möglich erschien. Sollten wir da annehmen, daß es unser Gott nicht versteht, unsere Sisyphussteine festzulegen? Oder fehlt es ihm etwa an Weisheit, Barmherzigkeit und gutem Willen, uns in sein Paradies zurück-zuführen, wo Freudenbäche fließen und wo wir gesättigt werden können an allem Guten in Ewigkeit? Ein solcher Gedanke sei uns ferne!
22 Gott hat es nie unterlassen, dem menschlichen Geschlecht die Erfüllung dieser Hoffnung im Lauf der Zeiten auf feierlichste Weise immer wieder zu geloben und einzuprägen. Je mehr wir uns dem Ende der Zeiten und der Erfüllung aller Verheißungen zu nähern glauben, um so freudiger dürfen wir unser Haupt erheben und hoffen, daß wir einen Ausgang aus dem Lebenslabyrinth finden werden. Dazu müssen wir jedoch auch fleißig nach Ariadnefaden suchen.
* Archimedes (287-212 v.Chr.), einer der größten Mathematiker des Altertums, starb in Syrakus bei der Eroberung der Stadt durch die Römer.
** Anm.dVerl.: Hiero II., (269-215 v.Chr.) Fürst von Syrakus.

KAPITEL 3
Die Kunst, zwischen dem Nötigen und Unnötigen unterscheiden zu können, ist notwendig. Es wird erläutert, worin das Wesen des Nötigen besteht und gezeigt, warum man bei jeder Sache nach dem Einen, was nötig ist, suchen muß und wie man es zu suchen hat.
1 Aus dem Gesagten ergibt sich:
a. daß die Welt tatsächlich ein Labyrinth voller Irrtümer, vergeblicher Mühe und Enttäuschungen ist;
b. daß die Menschen selbst ihres Unglücks Schmied sind;
c. daß sie es in ihrer Ungeschicklichkeit nicht verstehen, sich
das zu erhalten, was für sie notwendig und nützlich ist, und
sich stattdessen in Unnötiges und Schädliches verstricken.
Es kommt also darauf an, das Nötige zu wählen und nicht das Unnötige, das Nützliche und nicht das Schädliche, und diese Kunst aller Künste, dieses A und O aller menschlichen Klugheit, zu kennen. Bei der Betrachtung dieser Kunst in diesem Kapitel will ich drei Punkte hervorheben:
a. Sie ist jetzt, da die Welt ihrem Ende entgegengeht, nötiger denn je;
b. sie ist bei dem sich nähernden Ende der Welt nötiger und schwerer denn je.
c. Diese Schwierigkeiten sind aber trotzdem überwindbar, denn es gibt ein Mittel, das Irrtümer und vergebliche Mühen verhindert, so daß man nicht mehr umsonst auf die Früchte der Arbeit warten muß.
2 Die Notwendigkeit dieser Kunst leuchtet ein. Denn das Leben ist eine langsame Reise aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft. Sie führt in immer neue, bisher unbekannte Gegenden und verbindet mit stets anderen Dingen und Personen. Wer also in dieses unbekannte Land reist, braucht einen treuen Begleiter und erfahrenen Führer, einen zuverlässigen Ratgeber, der ihm sagt, wie er sich verhalten muß, ihn vor Abwegen warnt, besonders bei Kreuzungen, von denen es im Leben so viele gibt.
Schon der erste Mensch im Paradies stand vor einem Kreuzweg, vor den beiden Bäumen, vor einem Gebot und einem Verbot. Da mußte er klug entscheiden, welcher Weg für ihn der rechte war. Seine Nachkommen brauchten schon eine weit längere Überlegung, da sie weit mehr zu tun oder zu lassen hatten und ihnen so viele Beispiele warnend und zur Vorsicht mahnend vor Augen standen. Das alles hat sich im Lauf der Zeit bis ins Unendliche vermehrt, und die Welt ist überall erfüllt von komplizierten Labyrinthen. Wohin der Mensch sich auch wendet, er steht vor tausend Wegen, die ihm tausendfach zeigen, wie man gedacht, geredet und gehandelt, sich entschieden, geschwankt und geirrt hat. Darum ist für den Menschen nichts anderes so wichtig, als zu wissen, was für ihn nötig ist.
3 Diese Erkenntnis ist um so schwieriger geworden, je mehr das Überflüssige und Schädliche zugenommen hat. Für den ersten Menschen war das nicht so schwer, weil er außer der Möglichkeit, von der verbotenen Frucht zu essen, keine Gelegenheit erhielt, irre zu gehen. In der Zeit Salomos hatte sich das Tun und Treiben der Menschen sowie ihre Wißbegierde schon stark vervielfacht. Vielfältig wurden nun auch die Labyrinthe und mit ihnen die Verirrungen, und zwar nicht nur für das gewöhnliche Volk, sondern auch für Weise wie Salomo. Was sollen wir dann von unserer Zeit sagen, in der alles tausendmal größer und verwirrter ist als in Salomos Tagen? Da scheint es für den Menschen unmöglich zu sein, einen Ausweg zu finden. Aber Christi Wort tröstet uns: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Luk.18:27). Und so wie bei Vollendung der Schöpfung alles »sehr gut« war, so wird auch gemäß Gottes wiederholten Verheißungen am Ende der göttlichen Regierung alles »sehr gut« sein.
4 Der menschliche Fleiß, der schon so vieles, was früher unerklärlich erschien, ergründet und eine Wissenschaft daraus gemacht hat, berechtigt zu der Hoffnung, daß einmal auch das Wissen, wie man sich aus den tausend Labyrinthen des Lebens befreien kann, erlernbar sein wird. Diese Hoffnung ist dreifach begründet:
a. Wir haben das Beispiel vieler vor Augen, die sich irrten und uns daher sagen können, wie es nicht geschehen sollte. Denn wenn man einen anderen fallen sieht, so braucht man selbst doch nicht zu fallen, weil man die Gefahr erkennt und sie vermeiden kann, sonst wäre man doch dümmer als dumm. Daher auch das Sprichwort: »Wohl dem, der durch fremden Schaden klug wird.«
b. Salomo hat uns den Grund des menschlichen Irrtums aufgedeckt und gleichzeitig ein Mittel dagegen genannt. Er sagt: Ich habe gefunden, daß Gott die Menschen hat aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste (Pred.7:29). Oder mit anderen Worten: Die Geschäftigkeit, in die das Verlangen nach Neuem sie treibt und verstrickt, ist ihr Verderben. Darum müssen sie zur Einfachheit zurück, wenn sie dem Verderben entkommen wollen.
c. Aber ein noch besseres Mittel gibt uns der himmlische Salomo. Er ruft uns von der Beschäftigung mit vielen Dingen zurück zu den wenigen, und von den wenigen zu
einem einzigen, mit dem wahrhaft göttlichen Wort: Eins aber ist not (Luk.10:42).
O welch ein Beispiel! Eines nur ist notwendig und genügt für Unzähliges. Wenn wir dieses Eine überall zu finden wissen, dann haben wir das einzige, wahre Mittel, um alle Dädaluslabyrinthe, Sisyphusarbeiten und Enttäuschungen zu vermeiden.
5 Ich weiß, daß vielbeschäftigte Leute die Kunst suchen, bei ihrer vielen Arbeit nicht irre zu gehen, nicht zu unterliegen, in ihren Erwartungen nicht getäuscht zu werden, und im stolzen Selbstvertrauen meinen, diese Kunst gefunden zu haben. Aber sie werden doch betrogen. Denn wie sagt das Sprichwort: »Auch die besten Schwimmer ertrinken, die besten Kletterer stürzen in den Tod, die besten Fechter werden erstochen.« In einem zu großen Vertrauen auf ihre Kunst setzen sie sich tollkühn vielen Gefahren aus. Und einmal trifft das Unglück sie doch, wenn es auch oft an ihnen vorübergeht. Da ist es sicherer, die Größe der Gefahr zu fürchten und sich vor zu starkem Selbstvertrauen zu hüten, das heißt, sich an das Eine zu halten, das nötig ist.
6 Um besser verstanden zu werden, will ich lieber sagen: Es gibt eine zweifache Art der Geschäftigkeit:
a. Der eine Mensch fängt vieles an und hat dadurch auch zahlreiche Sorgen.
b. Der andere beginnt nur mit dem Notwendigen, erledigt das aber mit Eifer und Sorgfalt.
Die erste Art könnte man mit dem Fleiß der biblischen Martha vergleichen, die sich um vieles kümmerte; die andere Art mit dem Fleiß der Maria, die sich nur mit dem Einen beschäftigte. Martha hatte im Haus viel zu schaffen, um es jedem Gast recht zu machen. Maria aber achtete nur auf den Einen, auf den Herrn, um aus seinem Mund die Worte des Lebens zu hören. Sie setzte sich zu seinen Füßen und erntete vom Christus mehr Lob als ihre Schwester.
Diese beiden Arten der Geschäftigkeit könnte man auch salomonisch und christlich nennen. Salomo wollte alles erproben, Gutes und Schlechtes (Pred.I:I,3,I0). Christus verwarf jedoch für immer alles Böse und hielt sich allein an das Gute (Jes.7:15). Das ist die Kunst der Maria, die christliche Kunst, die das beste Teil erwählt, das nicht von uns genommen wird, die Kunst, das Wertvolle vom Wertlosen, oder das, was nötig ist, vom Unnötigen zu trennen.

KAPITEL 4
Die Regel Christi über das Eine, das notwendig ist, muß dringend
beachtet werden. Sie allein ist imstande, den Ausgang aus den
Labyrinthen der Welt zu zeigen, die Lasten, die sie auferlegt, zu
erleichtern, ihrem Heißhunger Sättigung zu verschaffen. Diese
Regel hat Christus selbst durch Wort und Tat bestätigt.
1 Es ist, wie der Herr sagt: Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, … welches das kleinste ist unter allen Samen; wenn es aber wächst, so ist es das größte unter den Gewächsen und wird ein Baum, daß die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen unter seinen Zweigen (Matth.13:31,32). Dieses Bild paßt auch auf die Regel Christi über das Eine, das notwendig ist. In den Augen der Menschen erscheint sie unbedeutend, ihre Früchte aber reichen in den Himmel und bis in die Ewigkeit.
7 Einem Menschen, der erst noch viele Dinge erledigen wollte, bevor er Ihm nachfolgte, rief Er zu: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes (Luk.9:62). Das bedeutet, tue, was du tun mußt, ohne Aufschub und dränge die Hindernisse beiseite. Als Er selbst das Erlösungswerk auf sich nahm, ließ Er sich weder von Mühen noch von Leiden zurückhalten, bis Er sterbend sagen konnte: Es ist vollbracht! (Joh.19:30).
8.Und wie lehrte der Herr schließlich Seine Regel vom einzig Notwendigen, um ersehnte Güter zu erlangen und zu genießen? Zunächst lehrte Er, die Hand nicht nach Unnötigem auszustrecken. Er selbst wollte zum Beispiel kein irdischer König werden, denn dazu war Er nicht gesandt (Joh.6:15). Auch wollte Er kein Erbe teilen, da Er nicht zum Richter oder Schlichter von Erbstreitigkeiten bestellt war (Luk.12:14).Was den Lebensunterhalt betrifft, so lehrte Er, daß man vom himmlischen Vater nur das tägliche Brot erbitten müsse, also keine Leckerbissen, die lediglich den Gaumen kitzeln, sondern allein das Einfachste, das Brot. Über den Genuß irdischer Güter lehrte der Herr weiter: Was Gottes Vatergüte darreicht, das soll man bescheiden und dankbar genießen, was es auch sei. So lebte Er und so lehrte Er Seine Jünger. Daher konnte Paulus sagen: … denn ich habe gelernt, worin ich bin, mir genügen zu lassen. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allem geschickt, beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus (Phil.4:II-13). Sich schließlich an Mangel und Entbehrung von Genüssen zu gewöhnen, ist besser, als immer reichlich zu haben. So wollte auch Christus, obwohl Er reich war, um unseretwillen arm werden (2. Kor.8, 9), um uns ein Vorbild zu geben. Oft fastete Er bis zu 40 Tagen, obwohl Er die Macht hatte, Brot zu schaffen, wie Er es bei der Speisung des hungrigen Volkes öfter bewies.

KAPITEL 5
Christi Regel kann jeder für sich selbst vernünftig anwenden, um in
seinem ganzen Leben, im Tod und nach dem Tod selig zu werden,
was an einigen Beispielen erläutert wird.
2 Was braucht der Mensch zuerst und am nötigsten? Die Antwort lautet: Sich selbst. Er muß lernen, sich selbst zu erkennen und zu beherrschen und die eigenen Kräfte anzuwenden.
3 Schließlich muß der Mensch die eigenen Kräfte nutzen und anwenden. Er muß sich mehr auf sich selbst verlassen als auf andere Geschöpfe. Er muß die Freude mehr in sich selbst suchen als bei anderen. »In dir selbst ruht eine Welt, suche sie daher nicht außer dir«, sagt ein Sprichwort.
22 Was braucht die Jugend notwendig? Eine gute Erziehung! Schon sehr früh muß man sie über das belehren, was im Leben nötig ist, und sie vor Unnötigem bewahren. Das ist die Grundlage für das Lebensglück, denn jung gewohnt, ist alt getan. Wenn man einen Baum pflegt und begießt, dann wächst er und wird groß und stark, gerade oder krumm und trägt Früchte. Wie man einen Knaben gewöhnt, so läßt er nicht davon, wenn er alt wird, sagt Salomo (Spr. 22:6). Gott selbst aber spricht: Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Parder seine Flecken? So wenig könnt ihr auch Gutes tun, die ihr des Bösen gewohnt seid (Jer.13:23). Besser ist, den Willen des Kindes schnell zu brechen als ihn langsam zu bessern, weil dann das Böse in ihm stärker wird. Es ist einfacher, gläserne und irdene Gefäße vor dem Zerbrechen zu hüten, als zerbrochene zu kitten. So ist es auch mit der körperlichen Gesundheit und überhaupt mit allem.
23 Den Jüngling muß man früh auf denTod hinweisen, damit er lernt, so zu leben, als hätte er nur wenige Tage vor sich, als wäre die kurze Zeitspanne bald vorüber. Er muß lernen, nicht zu große Hoffnungen auf dieses vergängliche Leben zu setzen, sondern sich auf das künftige Leben vorzubereiten. So sollen wir die Jugend also mehr über den Tod als über das Leben belehren, könnte jemand einwenden. Ganz gewiß! Denn wenn wir Menschen vor den größten Gefahren behüten wollen, müssen wir sie davor schützen, unvorbereitet zu sterben, ob sie nun jung oder alt sind. Wir sterben von unserer Geburt an, mit dem Anfang beginnt schon das Ende, so lautet ein weiser Spruch. Daher ist es nicht unvernünftig, die Sterblichen schon früh an ihr Ende zu erinnern, damit sie es rechtzeitig ins Auge fassen und lernen, sich danach zu richten. Sonst bleiben sie unwissend über das, was sie brauchen, weil sie das Unnötige lernen. Sie verschmähen dann das Nötige, weil sie sich mit dem Unnötigen abgeben. Wenn sie dann das Nötige brauchen, wird es sie im Stich lassen, weil sie sich mit dem Unnötigen beschäftigt haben. Daher kann man das Leben nicht besser beginnen als mit einer Betrachtung über den Tod und mit dem Vorsatz, ein gottesfürchtiges Leben zu führen, damit es nicht böse gewesen ist, wenn der Tod es beendet.
26 Was ist unvermeidlich für den, der einen solchen Entschluß gefaßt hat? Beginnen muß er, und zwar bald und ernsthaft. Wer nie anfängt, dem wird die Theorie allein nichts nützen. Wer heute nicht zu etwas aufgelegt ist, wird es morgen noch weniger sein. Wer einmal angefangen hat, muß fortfahren, bis die ersten Schwierigkeiten überwunden sind. Dann aber heißt es: Ausharren! Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig (Matth.10:22). Um das alles aber mit reiner Gesinnung, ernsthaft und ohne Heuchelei, Verstellung oder Scheinheiligkeit auszuführen, muß man von Jugend auf daran gewöhnt sein. Denn der Gott der Wahrheit will ein wahrhaftiges Herz. Wer vor den Menschen ebenso erscheint wie vor Gott und seinem Gewissen, wird immer bestehen können! Sonst ist alles Verstellung. Und was dann? Wie der Wind die Spreu, so weht die öffentliche Meinung die scheinheiligen Lügner hinweg.

KAPITEL 6
Mit Hilfe der Regel Christi kann der Gelehrte und der Wissenschaftler seine eigenen Labyrinthe wie auch die der Schulen sowie seine Sisyphuswerke und Tantalusenttäuschungen erkennen und aufheben.
1 Was ist für den Menschen selbst notwendig?
Der Mensch braucht Weisheit, das heißt, er muß zu den unpersönlichen Dingen der Erscheinungswelt, zu den Menschen und zu Gott das rechte Verhältnis haben. Das erste nennt man Philosophie, das zweite Politik und das dritte Religion. Ohne diese drei wäre der Mensch kein Mensch, sondern ein unvernünftiges Geschöpf, wenn er auch mit Reichtum, Ehre und allen Bequemlichkeiten des Lebens überladen wäre. So wenig wie dem Kranken ein goldenes Bett hilft, so wenig hilft dem Toren eine glänzende Position. Salomo sagt, daß dem Weisen seine Augen im Haupt stehen, aber die Narren in die Finsternis gehen (Pred.2:14). Denn es ist doch nicht der Zweck der Weisheit und Bildung, daß der Mensch wie ein Tier mit der Herde läuft, sondern daß er seinen Lebensweg klar vor sich sieht und auch darauf bleibt. Er muß aus der Vergangenheit lernen, die Gegenwart bewußt erkennen und den Blick auf die Zukunft richten.
2 Sind viele Mittel nötig, um dieses Licht der Weisheit anzuzünden?
Wenn die Menschen sich der Führung Gottes anvertrauen, dann sind nur Gottesfurcht, Gebet und drei Bücher nötig. Gottesfurcht ist nötig, damit niemand mutwillig und leichtsinnig, von Unbesonnenheit und purer Neugier getrieben, an eine so heilige Sache herangeht wie die, Gott gleich zu werden, sondern mit demütiger Ehrfurcht. Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis (Spr.I:7).
Das innige Gebet ist nötig, um zu erkennen, daß wir nicht im Vertrauen auf uns selbst, sondern allein in der Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit zu den Quellen des Lichtes und des Heils gelangen können. Da Daniel und Salomo sich statt aller Güter nur Weisheit erbeten haben, handelten sie weiser als die meisten Menschen. Dennoch ist die Weisheit allen verheißen, die Gott darum bitten (Jak.1,5). Die Quelle der Weisheit, das Wort Gottes, des Allerhöchsten, offenbart sich auf dreifache Weise:
a. als das Licht des Verstandes, das den vernünftigen Geschöpfen, also Engeln und Menschen, verliehen ist;
b. als Stempel, die sie allen stofflichen Geschöpfen, welche die Welt erfüllen, aufgeprägt hat;
c. als Wort, das zu den Auserwählten Gottes gesprochen und auf Gottes Befehl in prophetischen Schriften aufgezeichnet wurde.
Infolgedessen führen auch drei Wege zur Weisheit:
a. ein gesunder Sinn mit natürlichem Erkenntnisvermögen ausgestattet, der von der Vernunft erleuchtet werden muß;
b. die Welt mit ihren Geschöpfen, die der Mensch sich mit Hilfe seiner Sinne unterwerfen kann;
c. die Bibel voller enthüllter Geheimnisse, die der Glaube erforscht.
In diesen drei Büchern Gottes ist alles enthalten, was der Mensch wissen muß. Sie sind das Eine, das notwendig ist, um Weisheit zu erlangen.
15 Kann man das göttliche Wort, die Bibel, auf eine befriedigende und hilfreiche Weise betrachten? Ja, das ist in der festen Überzeugung möglich, daß dieses Buch der Brief Gottes an die Menschheit ist, mit dem Er sie von den vergänglichen Dingen voller Mühsal zu Seiner ewigen Freude einlädt. Gott schenkt den Menschen darin Seine Offenbarung, verlangt jedoch dafür von ihnen Gehorsam und verheißt ihnen mehr, als diese Welt geben kann. Daher unterscheidet sich das Studium dieses Buches grundsätzlich von dem gewöhnlicher menschlicher Bücher.
16 Vor allem muß ein Bibelleser davon überzeugt sein, daß dieses Buch uns, den aus dem Paradies Vertriebenen, von Gott als eine energische Mahnung an unsere Torheit geschenkt wurde. Denn wir haben Gott, unseren Lebensquell, verlassen und uns dadurch ins Unglück gestürzt. Schließlich erinnert uns dieses Buch an die Barmherzigkeit Gottes, die den Bußfertigen angeboten wird. Daher ist die Bibel ein so dringend notwendiges Buch wie kein anderes unter der Sonne. Sie zeigt uns den Weg, wie das ewige Verderben zu vermeiden und ewiges Leben zu erwerben ist.
17 Um den tiefsten Kern der Bibel zu ergründen, kann man sie in Offenbarungen, Gebote und Verheißungen unterteilen. Auf der Seite des Menschen stehen dem dann Glaube, Gehorsam und Hoffnung gegenüber. Es wird uns geoffenbart, was kein Auge je gesehen, kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist (2. Kor.2:9, 10). Keines Menschen Vernunft noch Verstand hätte es aufgedeckt, wenn Gott selbst es uns nicht enthüllt hätte. Man bedenke zum Beispiel, was vor der Schöpfung der Welt war, was nach dieser Welt sein wird, was außerhalb dieser Welt geschieht, was in Gottes Herzen ist und welche Gedanken Er über uns hat. Was Gott Seinen Gläubigen durch den Heiligen Geist offenbart, das ergreifen wir mit dem Glauben, der sicherer ist als alle sichtbaren
Beweise (Hebr.11:1). Die Gebote der Heiligen Schrift sind von der Art, daß die natürliche Kraft des Menschen sie ohne Hilfe des Heiligen Geistes nicht erfüllen kann. Wiedergeburt wird gefordert. Neue, himmlisch gesinnte Menschen nach Gottes Ebenbild sollen wir werden. Das können wir aber nur durch eine vollkommene, demütige Unterordnung unseres ganzen Wesens unter den Willen Gottes erreichen.
Und schließlich verspricht uns die Heilige Schrift, was kein Mensch, kein Engel, keine Welt uns versprechen kann, nämlich ewiges Leben mit all seinen Strömen der Freude, mit dem Quell der Seligkeit selbst, mit Gott, der sich denen als Lohn verheißt, die mit reinem Herzen vor Ihm wandeln (1.Mose 15:1). Was für jede menschliche Hoffnung unerreichbar ist, das ergreifen die Gläubigen in der Hoffnung auf Gott. Sie sind tausendmal eher bereit, auf alle Sinne zu verzichten und alle Erwägungen der Vernunft zu verwerfen, sogar das ganze irdische Leben mit allem, was es bietet, hinzugeben, als dem Ewigen und Unvergänglichen nicht entgegenzueilen. Das bezeugt uns auch der Apostel, wenn er die Glaubenstaten der Heiligen der alten Zeit preist (Hebr.11).
18 Wer aus dem Wort Gottes göttliches Licht, göttliche Wahrheit und die übermenschliche Kraft des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung schöpfen will, der muß es mehr und ernsthafter studieren als alle menschlichen Bücher. Außerdem muß er umsichtiger damit umgehen und diese Studie nicht nur theoretisch, sondern auch fortwährend praktisch betreiben.
19 Die Bibel erfordert größere Aufmerksamkeit, weil in ihr größere Schätze verheißen werden als in anderen Büchern, Schätze der Erleuchtung, der Wahrheit und des Heils. Aber es empfängt sie nur der, der da bittet und anklopft (Matth.7:7). Der Herr spricht: Und laß das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß du haltest und tust alle Dinge nach dem, was darin geschrieben steht. Alsdann wird es dir gelingen in allem, was du tust, und wirst weise handeln können. (Jos.1:8). Darum sagt David: Wohl dem der… hat Lust zum Gesetz des Herrn (Ps1:2), und weiter: Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich rede ich davon. Ich bin gelehrter als alle meine Lehrer; denn meine Zeugnisse sind meine Rede. Ich bin klüger denn die Alten, denn ich halte deine Befehle (Ps.119:97, 99, 100).
20 Dennoch muß man in der Bibel vorsichtiger als in anderen Büchern forschen, weil in ihr Licht und Finsternis, Weisheit und Torheit, Wahrhaftigkeit und Lüge, Treue und Treulosigkeit, Liebe und Haß, Hoffnung und Verzweiflung, Heil und Verderben gemischt sind. So wie im irdischen Paradies nicht nur der Baum des Lebens wuchs, sondern auch der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, an dessen verbotener Frucht man sich den Tod essen konnte, so ist es auch in diesem geistigen Paradies. Hier repräsentieren die Offenbarungen, Gebote und Verheißungen mit den Beispielen der Heiligen, die danach lebten, den Baum des Lebens. Die Geheimnisse, Verbote und Drohungen mit den Beispielen jener, die sie übertraten und sich nicht darum kümmerten, stellen den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen dar, aber gleichzeitig auch die Unbesonnenen, die weder Furcht noch Vorsicht kennen.
Wer also das Gottesparadies der Bibel betritt, sollte sich fest vornehmen, unter dem Baum des Lebens zu bleiben, den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen aber zu meiden. Das bedeutet, man muß die Bibel nicht studieren, um gelehrter, sondern um heiliger zu werden. Wer sich ohne diesen Vorsatz der Bibel nähert, kann schnell in Fallstricke geraten. Wer aber danach strebt, Besseres zu finden, also den Weg zum Leben, der wird nicht nur ihn, sondern auch das Leben selbst entdecken. Und das, was er nicht zu suchen wagt, wird ihm noch dazu gegeben, und zwar vor jenen, die nur aus Neugier suchen, nämlich die Erkenntnis der Geheimnisse Gottes. Da jeder Sucher diese praktische Methode kennen muß, soll sie noch näher erläutert werden.
21 Die Heilige Schrift ist durchaus ein praktisches Buch, in dem Gott mit Seinen rebellischen Geschöpfen rechtet und in dem Er die Gerechtigkeit Seines Urteils mit zahlreichen Beispielen und in immer neuer Weise beschreibt. Er zeigt den Menschen, was sie wissen müssen, Er gebietet ihnen, was sie tun sollen. Er verheißt den Gehorsamen, was sie zu erwarten haben, und führt Beispiele dafür an, wie Er die Frommen segnet und den Gottlosen mit gerechter Härte begegnet. Wenn man diesen ganzen Prozeß mit den Menschen und ihrem Verführer, dem Satan, kennenlernen und sich durch fremdes Unglück belehren lassen will, muß man folgendes beachten: In erster Linie muß man von der festen Überzeugung ausgehen, daß die Situation des Menschen heute nicht anders ist als ehedem. Denn nach Gottes unerforschlichem Ratschluß hat jeder Mensch die Wahl zwischen dem Höchsten und Tiefsten, zwischen Gerechtigkeit und Sünde, zwischen Leben und Tod. Der Sieger erhält die Krone des ewigen Lebens, der Besiegte aber versinkt in Tod und Verdammnis. Zweitens muß beachtet werden, daß auch der Satan heute noch derselbe ist wie damals, nämlich unser Feind, der uns um die verheißene Seligkeit beneidet. Unablässig und auf tausendfache Weise versucht er, uns zu überlisten, so daß niemand vor ihm sicher ist. Denke daran, daß Gott fortwährend unseren Streit mit dem Satan beobachtet. Er verläßt uns nicht, wenn wir Ihn nicht verlassen. Dafür bietet die Heilige Schrift genug Beispiele. Sie deckt die mannigfaltigen Listen des Satans auf, mit denen er die Menschen fängt, aber sie hält auch die vielen Mahnungen und den Beistand vor Augen, mit denen Gott uns helfen will. Das geschieht teils mit sanften Worten und heilsamen Lehren, aber auch mit Schelten und Drohen, mit Zeichen und Wundern sowie mit Züchtigungen und Schlägen. Und auch was Gott außerdem im Lauf der Jahrhunderte für die Menschen getan hat, das alles berichtet uns die Heilige Schrift. Daraus ergibt sich, daß jeder Mensch zwei Sorten Keime in sich trägt, Keime des Guten vom Geber aller guten Gaben, von Gott, und Keime des Bösen vom bösen Sämann, dem Satan. So wie jeder Mensch eine Welt im Kleinen ist, seinen Himmel und seine Erde besitzt, Wasser und Feuer, Materie und Geist, Licht und Finsternis, Bewegung und Ruhe in sich trägt, so spiegelt sich auch die gesamte von Gott beschriebene Geschichte der Menschheit in jedem einzelnen Individuum wider. Jeder Mensch hat seinen Gott und seinen Teufel, sein Paradies und seine Hölle, seinen Baum des Lebens und des Todes, seine Versuchungen und Kämpfe, seine Siege und seine Niederlagen, seinen Kain und seinen Abel. Mit einem Wort, jeder trägt die Saat des Weibes und die Saat der Schlange in sich, die sich gegenseitig bekämpfen und besiegen wollen.
22 Sooft also ein Christ die Heilige Schrift liest, ist es für ihn äußerst wichtig, daß er sie nicht als ein Buch betrachtet, das ihn nichts angeht, sondern sich selbst im Spiegel der ähnlichen Lebenssituationen wiedererkennt. Stets muß er sich an die Stelle dessen versetzen, über den berichtet wird, sei er nun fromm oder gottlos. Rede und Handlung muß er immer auf sich selbst beziehen. Denn Gott überblickt von der Ewigkeit her alle Jahrhunderte und weiß alles, was geschieht. Er ist immer und ewig derselbe, unveränderliche Gott. Daraus folgt, daß Er das, was Er einmal zu einem Menschen gesagt hat, immer wieder und zu allen sagt, die sich in der gleichen Lage befinden. Er handelt an ihnen, wie Er einmal gehandelt hat, und vergilt nach der Norm Seiner ewigen Gerechtigkeit Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem. Probiere es nur, frommer Christ, wenn du es noch nicht versucht hast. Beginne einmal, deine Bibel so zu lesen, strebe mit allem Eifer dem nach, was Gott gefällt, und wende dich voller Abscheu von dem ab, was Gott mißfällt. Dann wirst du von Kraft zu Kraft und von Licht zu Licht und zum rechten Gott Zions gelangen (Ps.84:8).
23 Aber man darf nicht verzagen, wenn nicht gleich bei der ersten Anwendung dieser Methode reiche Früchte reifen. Alles hat seine Entwicklungsstufen, und es fällt kein Meister vom Himmel. So wie die vernünftig eingerichteten christlichen Schulen in Klassen eingeteilt sind, so kann man auch diese höchste Schule der Gottesweisheit in Klassen unterteilen. Ihr Ziel ist dasselbe wie das eines Apostels: Jeden Menschen in aller Weisheit zu unterrichten und vollkommen in Christus darzustellen (Kol.1:28). Ihr Lehrbuch ist das Gottesbuch, die Bibel.

Hört, ihr Christen! Ein einziges Leben nur gibt es, aber in tausendfacher Gestalt tritt der Tod an uns heran. Eine Wahrheit nur gibt es, aber tausendfach ist der Irrtum.
Einen einzigen Christus nur gibt es, aber tausend Antichristen. Wer nicht mit Christus ist, der ist ein Antichrist.

devil

KAPITEL 11
Schlußbetrachtung über das einzig Notwendige. Wie kann es am besten angewandt werden?
Die letzte leere Seite veranlaßt mich, noch einige Worte über den besten Gebrauch der Regel Christi hinzuzufügen. Gib dich nicht zufrieden mit einer Person, einigen Menschen oder einer Sache außer dir. Du mußt dich und deine inneren Güter finden, die dir nicht genommen werden können. Christus sagt dazu:
Und welchen Nutzen hätte der Mensch, ob er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst oder beschädige sich selbst? (Luk.9:25). Dieser Satz läßt sich auch umkehren: »Was schadet es dem Menschen, wenn er alles verliert, aber seine Seele gewinnt?« Nichts! Denn wenn er eine Seele besitzt, hat er alles! Das erinnert mich an den berühmten Ausspruch des Bias von Priene*. Er hatte sein Reich verloren. Die Menschen flohen mit ihren Kostbarkeiten, nur er hatte nichts von seinen Schätzen mitgenommen. Als man ihn fragte, warum er nichts retten wolle, antwortete er: »Was mir gehört, habe ich auch mitgenommen.« Aber er trug es im Herzen, nicht auf der Schulter, und es war nur für den Geist sichtbar, nicht für die Augen, wie Valerius Maximus** sagt.
* Anm.d.Verl.: Bias von Priene, einer der sieben griechischen Weisen.
** Anm.d.Verl.: Römischer Geschichtsschreiber aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.
Diese Haltung bewundern wir. Aber sollten wir nicht tausendmal mehr den Sohn Gottes loben, der für uns Mensch wurde und keine irdischen Güter besitzen wollte? Während Er starb, riß man Ihm die Kleider vom Leib und verloste sie vor Seinen Augen. Auch erhielt Er kein Grab, obwohl Er Herr des Himmels und der Erde war. An dieses Beispiel wollte Er die Seinen mit den Worten erinnern: Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und nach Seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen (Matth.6:33). Als ein reicher Jüngling zu Ihm kam und nach dem Weg des Lebens fragte, wies Er ihm den Weg der Gebote Gottes. Der Jüngling antwortete, daß er sie stets beachtet habe, und wollte wissen, was ihm noch zu tun übrig bleibe. Da antwortete der Herr: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach (Matth.19:21). Das erklärt auch die paradox klingenden Worte, die alle Christen verstehen müssen: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr hier hungert, denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr hier weinet, denn ihr werdet lachen (Luk.6:20.21). Und: Aber dagegen, weh euch Reichen, denn ihr habt euren Trost dahin. Weh euch, die ihr satt seid, denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr hier lachet, denn ihr werdet weinen (Luk.6:24, 25).
So lehrten auch die Apostel und mahnten die Christen, nach einem anderen Glück, einem anderen Reichtum und nach einer anderen Sättigung zu streben, welche die Welt nicht kennt: Als die Verführer, und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben… als die Traurigen, aber doch allzeit fröhlich; als die Armen, die aber doch viele reich machen; als die nichts innehaben, und doch alles haben (2.Kor.6:8-10). Wer diese scheinbar so widersprüchlichen Worte versteht, wird erkennen, was er in Wahrheit nötig hat und das beste Teil erwählen, das ihm nicht genommen werden kann. Diese geistige Weisheit kann so zusammengefaßt werden:
Belaste dich nicht mit Dingen, die du im Leben nicht durchaus brauchst! Begnüge dich mit Wenigem, das zur Bequemlichkeit dient, und lobe Gott. Kannst du keine Bequemlichkeiten haben, so sei allein zufrieden mit dem, was du notwendig brauchst. Wird dir auch das genommen, so denke daran, dich selbst zu erhalten. Kannst du auch das nicht, so laß deinen Leib fahren; nur Gott darfst du nicht verlieren. Wer Gott hat, kann alles entbehren. Mit Gott hat er das höchste Gut und das ewige Leben und besitzt es in Ewigkeit. Das ist alles, was man wünschen kann, das Ziel und das Ende.

 

 

 

 

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