Das Fatum

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Fixing the World
Fixing the World

Die Lüge der Reinkarnation
Die Waffenrüstung Gottes
Prädestination (Vorherbestimmung)

Es gibt kein Fatum – auch kein fromm angestrichenes. Wenn irgend etwas, so gehört dies zum Wesenskern des Glaubens an den lebendigen Gott, der den Sinn der Bibel bildet. Die Geschichte ist nicht der Ablauf eines fertiggestellten Apparates. 1932

Leonhard Ragaz: Die Botschaft vom Reiche Gottes, 1942
Das Christentum hat wohl von der Bibel her das Wort vom lebendigen Gott. Aber es macht nicht Ernst damit. Es glaubt nicht an das Reich Gottes für die Erde. Es hat eine Hoffnung auf das Jenseits, aber nicht so für die Erde. Es stabilisiert den Zustand der Welt. Es gelangt, trotzdem die Bibel das Fatum leugnet, doch auch zu einer Art Fatum. Es sanktioniert oder verklärt gar die Welt. Es macht wieder, wie das Heidentum, Unrecht, Not, Krankheit und Tod zu Bestandteilen einer göttlichen Weltordnung. Es wird damit (..) zu einer Macht der Reaktion und der Verknechtung. Es wird Religion. Sein Blick ist rückwärts gerichtet, auf die einmalige Erlösung, die aber die Welt nicht wirklich erlöst. Nur am Horizonte der letzten Zukunft taucht, und zwar stark in negativer Form, als Erwartung des Weltgerichtes, etwas vom Reiche auf. Dem gegenüber ist das Reich Gottes eine Umdrehung des Denkens um hundertachtzig Grad. An Stelle des Blickes nach rückwärts tritt der nach vorwärts. (..) Das Reich Gottes wird zur H o f f n u n g – zur Hoffnung auf den Sieg Gottes über Welt und Götzen, zur Erwartung der Welt Gottes, worin Sünde, Not und Tod überwunden sind, zum Ausblick auf die n e u e Welt. Das eigentliche Schlusswort des Neuen Testamentes ist der Neue Himmel und die Neue Erde. „Wir warten“, sagt auch ein Apostel, „nach seinerVerheissung auf neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“.2 Petrusbrief 3,13

J. Dürfen wir noch einen Blick auf das G r i e c h e n t u m werfen? Mich beschäftigt die
T r a g ö d i e mit ihrem dunklen S c h i c k s a l. Ist Beides nicht doch auch eine Tatsache?
Man darf auch auf Shakespeare verweisen. Was denken Sie über die Rolle des Tragischen?
M. Man darf nicht von der Vorsehung Gottes reden, ohne auch vom S c h i c k s a l zu sprechen. Man kann Schicksal als „Schickung“ verstehen und dann ist es im Bereiche des Christusglaubens ein durchaus legitimer Begriff. Man kann darunter aber auch „Fatum“ verstehen, das heisst: zwingendes Walten einer fremden Macht, heisse sie Natur oder auch Gott. Darüber ist zu sagen, dass es zum eigentlichen Wesen des Reiches gehört, das Fatum aufzuheben, während die Religion freilich immer sehr zum Fatum neigt. Der lebendige Gott des Reiches kennt kein Fatum. Aber das Schicksal, im Fatum-Sinne verstanden, spielt freilich eine gewaltige Rolle. E s  h e r r s c h t  e i n f a c h  d a,  w o  G o t t  n i c h t  h e r r s c h t. Das bedeutet, dass es ein sehr großes Reich beherrscht.
A b e r  d a s  F a t u m  z e r b r i c h t  ü b e r a l l  v o r  G o t t.
M. Was aber im Besonderen das T r a g i s c h e betrifft, so brauche ich davon auch nur in Kürze zu reden. Auch das Tragische ist ein sehr großer Bestandteil der Wirklichkeit, aber nicht ein letztes Wort. Es hängt mit dem Fatum zusammen, das ein Grund –und Hauptelement alles H e i d e n t u m s ist. Aber gerade das Fatum ist ja die Macht, welche der lebendige Gott zerbricht. Die Bibel, auch das Alte Testament, kennt wie kein Fatum so auch keine Tragödie. Es gibt in diesem Sinne keine „christliche“ Tragödie. Shakespeare ist als Dramatiker kein Christ. Das Tragische kann im Reiche Gottes kein letztes Wort sein. Hier gibt es Vergebung der Schuld und Sieg über die Schuld. Vinet sagt in diesem Sinne mit Recht: „L’Evangile ne connait rien d’irreparable.“ (Das Evangelium kennt nichts Irreparables.) Die Tragödie kann und soll vielleicht bis zu diesem Punkt führen. Und das hat sicher auch für den an Christus Glaubenden einen hohen Wert. Es ist Wirklichkeit und Wahrheit. Aber es darf nicht das E n d e sein. Das Reich Gottes zerbricht Fatum und Tragik. Es löst sie in Licht, Freiheit und Sieg auf.
J. Was mir beim Problem der Vorsehung besonders zu schaffen macht, ist die Stelle, welche darin das spielt, was man so Z u f a l l nennt. Das ist oft ganz unerträglich. Ein junger Freund von mir, ein Jüngling von seltener Reinheit und Höhe der Seele, der Trost und die Hoffnung seiner Eltern, stürzt auf einem ihm vertrauten Bergweg ab und findet den Tod. Warum?
M. In einem solchen Zufall, sage ich, kommt eben der Tatbestand zum Ausdruck, dass die Welt nicht ein Kosmos, sondern, zum Teil wenigstens, ein Chaos ist, dass darin nicht einfach Gottes Hand regiert, sondern auch andere Hände.
J. Ist das aber nicht furchtbar?
M. Doch; und es wäre unerträglich, wenn es ein letztes Wort wäre. Ich sage aber:
A u c h  d e r  Z u f a l l  s t e h t, wie der Teufel, dessen Werkzeug er oft ist, in G o t t e s
H a n d. Sie umschliesst auch ihn. Er ist kein letztes Wort – in keiner Beziehung. Er ist bloss ein groteskes Kind des Chaos und mit diesem im Reiche Gottes a u f g e h o b e n. Inzwischen muss es auch Zufall geben, weil es eben Chaos gibt. Denn die Welt ist nicht fertig.
Ich möchte mit einem Bilde sagen: Der Zufall ist ein ausgestreckter Finger, der zeigt, dass diese Welt nicht die letzte Welt ist; er ist ein Warnungszeichen, das uns mahnt, die Welt auch im feinsten Sinne nicht zu mechanisch zu denken. Und bedenken Sie: es gibt auch Zufall als Werkzeug G o t t e s.
J. Ich bin mit einer kurzen Antwort zufrieden, die sich vielleicht aus diesem Zusammenhang ergibt. Ich meine solche Tatsachen, oder sagen wir Schicksale, die wirklich oder scheinbar mit S c h u l d zusammenhängen, wie z.B. von Geburt an blinde, kranke oder idiotische Kinder, die ganze Welt der Vererbung, des Milieus – kurz, d i e s e Art von Zufall.
M. Wir haben für die Lösung dieses Rätsels ein wunderbares Wort Christi. Sie erinnern sich an jenes für dieses Problem typische Beispiel von dem Blindgeborenen, den man zu Jesus bringt mit der Frage: „Wer ist schuld daran, dass dieser blind ist, er selbst (etwa in einer frühern Existenz) oder seine Eltern?“ Jesus antwortet: „Weder er noch seine Eltern, s o n –
d e r n  e s  s o l l e n  a n  i h m  d i e  W e r k e  G o t t e s  o f f e n b a r  w e r d en.“ Und er macht ihn sehend. Vgl. Johannes 9. Das ist das besondere Wort für dieses g a n z e Problem. Wir sollen das Leid und Rätsel der Welt nicht sowohl mit dem Denken zu erklären und damit vielleicht auch zu rechtfertigen versuchen, etwa als Werk der Vorsehung, als vielmehr es angreifen und besiegen mit der Kraft des Reiches Gottes. Denn es ist eine werdende Welt. Jenes ist die Haltung der Religion oder der Philosophie, dieses ist die Haltung des Reiches. Noch einmal: Nicht das Denken löst zuletzt das Problem der Vorsehung, sondern die Tat.

Das Christentum ist durch seine religiöse Botschaft von Anfang an die stärkste Kraft sozialer Umgestaltung gewesen. Es hat der Welt eine völlig neue Orientierung gegeben und ist ihre ewige Revolution geworden. Es hat vor allem jenen Fatalismus zerbrochen, der auf der antiken Welt lag und alle ihre Ordnungen zu göttlichen machte. Es hat den Ausblick auf ein kommendes Reich der Gerechtigkeit eröffnet und in seinem Namen dem Weltreich Cäsars den Kampf angesagt. Es hat den unendlichen Wert jeder Seele in den Mittelpunkt aller sittlichen Empfindung gerückt und damit ein geistiges Dynamit in die Welt gelegt,
das all ihre Ordnungen nach und nach zersprengen musste. 1929

 

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