Mammonismus

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Der Mammon und sein Sklave, Sascha Schneider, 1896
Der Mammon und sein Sklave, Sascha Schneider, 1896

Anbetung des Mammon (Gemälde von Evelyn De Morgan)
Anbetung des Mammon (Gemälde von Evelyn De Morgan)

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Erklärung des Welttreffens sozialer Bewegungen und Rede von Franziskus
3. Welttreffen der sozialen Bewegungen
Land, Arbeit, Wohnung – der Schrei der Unterdrückten
Die VWL „erklärt“, wozu Geld alles gut ist
Jeremy Irons Has An Important Message About Corporate Greed You Need To Hear!
11 Popular Brands Of Today That Worked With Hitler & The Nazi Party
Richard David Precht zu Kapitalismus im digitalen Zeitalter
Die Spur des Geldes (1/2) – „Münzen und Mächte“
Terra X – Die Spur des Geldes: Die Macht der Millionen
Staatsanwaltschaft Schwerin schickt Mütter mit Babys in Erzwingungshaft
Nordkorea -TV zeigt was westliche Medien verschweigen
Die 99 Prozent bezahlen den Reichtum des Einen Prozent
Aboriginal Elder Shares His Wisdom
Pink Floyd – Money (Official Music Video)
Pink Floyd – Money – Pulse
Marilyn Monroe One Silver Dollar
Abba – Money, Money, Money
Cabaret- Money

WIKIPEDIA Mammon
Mammon ist ursprünglich ein unredlich erworbener Gewinn oder unmoralisch eingesetzter Reichtum, wenn er etwa zur lebensbestimmenden Maxime wird. Heute wird mit dem Begriff abschätzig das Geld im Allgemeinen bezeichnet (schnöder Mammon). Im weiteren Sinn bedeutet Mammon: „das, worauf man vertraut“. Das Wort Mammon leitet sich ursprünglich vom aramäischen Wort mamona (Vermögen, Besitz) ab. (Einer anderen Quelle zufolge stammt es von dem aramäischen Wort aman ab und bedeutet das, worauf man sich verlässt.)[1] Das Wort gelangte über seine griechische Schreibweise in die Bibel, in der Vulgata wird daraus lateinisch mam[m]ona. Martin Luther übersetzte das Wort nicht und so gelangte es als Mammon ab dem 16. Jahrhundert ins Deutsche. Daraus resultierte, dass Mammon in Volksglaube und Literatur als personifizierter Reichtum zu einem Dämon wurde, der den Menschen zu Geiz und Habgier verführt.

Kassensturz
Jetzt gehts ans Konto, an das Eingemachte.
Ich krieg die Krise, weil der Weltkreis krachte.
Wo ist nun unser Mut? das Aufbegehren?
Ihr zogt zuhauf und ließt die Seele reisen
Und wart das Volk. Jetzt soll ich Volker heißen
Und meinen Witz von unsrer Schwachheit nähren
Und Widerstand im Warenhaus bewähren.
Das ganze Leben warfen wir inn Handel
Wir glauben gerne, daß es sich verwandel
Die Seelenarbeit für den Mindestlohn.
Was sind wir noch zum Schein, was sind wir schon?
Ein Bettelvolk. Ich sags auch mir zum Hohn.

Märchen aus einer Zeit lange vor der industriellen Revolution können Aufschluss über die Ökonomie unserer Tage geben. Sie führen ganz gegenwärtig vor Augen, was Armut, Hunger und Elend bedeuten. Denn Globalisierung hebt nicht allgemein den Lebensstandard, und was bedingungslose Gewinnmaximierung in der menschlichen Seele anrichtet, auch darin geben sie Einblick: Rumpelstilzchen präsentiert eine Müllerstochter, die unter höchsten Leistungsanforderungen in den Club der Reichen und Schönen aufsteigt, aber in ihrer völligen Entfremdung beinahe unfähig wird, ein Kind großziehen zu können. Der gestiefelte
Kater lässt mit klug kalkulierten Betrugsstrategien seinen Herrn zum König aufsteigen und wird selbst Minister. Was sind das für Leute, deren Unmoral und Zynismus mit Händen zu greifen sind, die uns gleichwohl regieren, dirigieren und regulieren?
Die Bremer Stadtmusikanten zeigen die vom kapitalistischen System vor die Tür gesetzten vermeintlichen Unproduktiven, Alten und Verbrauchten. Die tun sich zusammen, erklären die Großeigentümer für Räuber und Diebe und schließen keinen Hilfsbedürftigen aus ihren Reihen aus ? markiert das den Beginn eines neuen Wirtschaftens aus humanerem Geist?
Eugen Drewermann – Von der Macht des Geldes 2011
„Geld, Gesellschaft und Gewalt“ – Vortrag von Dr. Eugen Drewermann

Wilhelm Weitling
Warum lügt der Zeitungsschreiber, warum stiehlt der Dieb, warum betrügt der Kaufmann und warum verteidigt der Advokat eine schlechte Sache? – Alles des Geldes wegen… Warum verfälscht der Wirt das Getränk, der Bauer die Milch und Butter, warum bäckt der Bäcker das Brot zu klein? – Alles des Geldes wegen … Warum gibt es Leute, die gegen ihre Pflicht, ihr Gewissen und ihre Überzeugung lehren, schreiben und handeln? – Des Geldes wegen. Wenigstens die Hälfte unserer heutigen Ehen sind Geldspekulationen, worin Mitgift, Erbschaft, Hoffnung auf Ämter und frühen Todesfall eine Hauptrolle spielen. Die Liebe ist ein Nusskern, die Ehe sind die Schalen. Das Geldsystem ist der Wurm, welcher sich in den Kern frißt und ihn verdirbt. Schafft den Eheleuten in der gesellschaftlichen Ordnung eine freie, unabhängige, sorgenlose Stellung …dann wird der widrige Skandal aufhören, der heute euren Gerichten alle Hände voll zu tun gibt. Jede gesellschaftliche Verbesserung, die man durch Kapitalienverteilung bezweckt und worin das Geld die Hauptrolle spielt, kann keine vollkommene sein. Je ärmer der Arbeiter ist, für desto mehr Händler und Krämer muß er arbeiten, welche sich alle auf seine Unkosten zu bereichern suchen; nicht immer aus eigenem bösen Willen, sondern weil die ganze Gesellschaft nach dem Wuchersystem organisiert ist. Um die Grausamkeiten der Todesstrafen zu mildern, bedienten sich die Alten des Giftes, die Neuen der Guillotine; um uns nicht fühlbar zu machen, dass wir für andere arbeiten müssen, dazu bediente man sich des Geldes. So war denn mit dem Eigentum auch der Diebstahl und der Raubmord erfunden worden. Beide Erfindungen waren voneinander unzertrennlich. Das Eigentum war die Mutter des Diebstahls und des Raubmordes! Die Kühnsten und Stärksten griffen zu den Waffen und machten aus der Kunst, sie zu führen, ein Handwerk. Der Raub wurde jetzt im Großen getrieben, wie der Handel. Von der Zeit an nannte man alles gestohlene Gut Eigentum, und den Austausch
der gestohlenen Güter Handel. Früher machte man den Menschen mit Gewalt zum Sklaven; jetzt verkauft er sich selber, seine Gesundheit, seine Jugend und sein Blut für das,
was man ihm Vaterland zu nennen gelehrt hat …



Pepe Mujica: „Lebenszeit könnt ihr nicht kaufen“

Wenn du etwas mit Geld kaufst, bezahlst du nicht mit Geld, du bezahlst mit der Zeit deines Lebens, die du aufwenden musstest, um dieses Geld zu bekommen. Aber die Lebenszeit könnt ihr nicht kaufen. Es gibt so viel Dinge, die uns nichts nutzen. Viel mehr nutzt es uns, Zeit zurück zu gewinnen. …Wenn sich die Kultur nicht ändert, dann ändert sich gar nichts. Der Strukturwandel verändert nicht die Haltung der Menschen. Man kann auf den kapitalistischen Werten keine Kultur der Solidarität aufbauen. Der Aufbau einer neuen Kultur ist genauso wichtig wie der Aufbau einer solidarischen Ökonomie.

JESAJA 55,1
Auf, ihr Durstigen, kommt alle zum Wasser! Auch wer kein Geld hat, soll kommen. Kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld, kauft Wein und Milch ohne Bezahlung!
Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen.
Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben. Ich will einen ewigen Bund mit euch schließen gemäß der beständigen Huld, die ich David erwies.

Geld verändert die Menschen nicht – aber Geld potenziert, wer und was du bist! Bist du gut, macht Geld dich besser. Bist du ein großes Arschloch, wirst du ein Riesen-Arschloch!

Will Smith US-Schauspieler, Filmproduzent

Leonhard Ragaz, Die Bergpredigt Jesu
Gott und Mammon
F. Warum stellt Jesus gerade Gott und Mammon einander so gegenüber, daß man sich zwischen ihnen entscheiden muß? Warum nicht etwa Gott und Gewalt, oder Gott und
Ehre, Gott und Genuß?
A. Es ist eine uralte, tiefe Weisheit, der Jesus den letzten Ausdruck gibt. Gewiß, es gibt auch andere Gegenmächte Gottes, aber der Mammon, oder sagen wir das Geld (das Geld nicht als Tauschmittel, sondern als «Macht» verstanden!) ist erstens die greifbarste dieser Mächte; es ist «auf Erden der irdisch Gott»; es ist zweitens der Verbündete der andern, und es ist drittens ihr Symbol. Das Reich Gottes kämpft gegen die Religion, die Gewalt und den Mammon; der Mammon aber ist mit den andern im Bunde, erzeugt sie, stützt sie, trägt sie.
F. Warum ist gerade er besonders gegen Gott?
A. Aus zwei Gründen. Einmal: Weniges scheidet den Menschen stärker von Gott und damit vom Menschen als Geld und Gut, oder kürzer gesagt, als das Geld. Das ist einfach eine menschliche Grundtatsache. Man kann die Stellung eines Menschen zu Gott am besten nach seiner Stellung zum Gelde beurteilen: hängt er am Gelde, so ist er gottfern, möge er noch so «fromm» sein; ist er frei vom Bann des Geldes, so ist er in der Nähe Gottes, möge er noch so «gottlos» heißen oder selbst meinen, es zu sein. Denn man kann nicht Gott dienen und dem Mammon, und man kann nicht vom Mammon frei sein, ohne irgendwie Gott zu dienen.
F. Woher hat der Mammon, hat das Geld diese Kraft, von Gott und von den Menschen zu scheiden?
A. Das hängt einmal mit der Grundwahrheit zusammen, die am Anfang der Bergpredigt steht und das ganze Evangelium trägt: Man kann Gott und sein Reich nicht anders haben als in der Haltung und Gesinnung der Armut, als im Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit. Besitz aber macht satt. Besitz macht hochmütig. Jeder Besitz, besonders aber der von Geld. Und von dem hängt ja meistens aller andere Besitz, auch der kulturelle, ab.
F. Macht Besitz alle, die ihn haben, satt und hochmütig?
A. Nicht alle. Bei Menschen ist’s unmöglich, dem zu entgehen, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. Vgl. Matthäus 19, 26. Jedoch die Tendenz von Geld und Gut ist so. Es trennt von Gott und von den Menschen.
F. Inwiefern vom Menschen?
A. Solltest du nicht wissen, daß weniges die Menschen so stark scheidet und entzweit wie das Geld? Es schafft die großen Unterschiede zwischen den Menschen. Es erzeugt die Klassen und den Klassenkampf. Es wirkt Streit und Krieg im privaten Leben und als Ringen um die Märkte und Rohstoffe im Völkerleben. In diesem Sinne hat Franziskus sich einmal charakteristisch geäußert: Der Bischof von Assisi sagte eines Tages zu Franziskus: «Eure Art, ohne Besitz zu leben, scheint mir sehr hart und schwer.» «Herr», antwortete er, «wenn wir Güter besäßen, hätten wir Waffen zu unserer Verteidigung nötig; denn da ist die Quelle der Streitigkeiten und der Prozesse, und die Liebe Gottes und der Nächsten pflegt daran viele Hindernisse zu finden. Das ist der Grund, warum wir keine zeitlichen Güter haben wollen.» Das Geld verhärtet den Menschen gegen den Menschen. Denn weniges macht erfahrungsgemäß die Herzen so hart, so kalt, wie dieses harte, kalte Metall. Und nichts so gierig. Das ist auch eine altbekannte Sache. Vom «verfluchten Hunger nach Gold» sprechen schon die Alten. Die Gier aber ist das eigentliche Zeichen der Gottesferne. Man bedenke weiter, wieviel Unrecht mit dem Besitz immer verbunden ist, wieviel Lüge auch. Jesus redet darum einfach vom «Mammon der Ungerechtigkeit» und vom «Betrug des Reichtums». Vgl. Lukas 16, 9 und Matthäus 13, 22 Auch darum aber haftet am Gelde so viel Fluch. So wird überhaupt das Geld zum Fluche. Denke an die Geschichte vom Horte der Nibelungen, an dem ganze Völker zugrunde gehen! Sie ist, ins Kolossale gesteigert, die Geschichte unserer Zeit und Kultur. Das Geld trennt den Menschen von Gott und damit vom Menschen; das Geld trennt den Menschen vom Menschen und damit von Gott.
F. Nur das Geld allein?
A. Das Geld wird, wie schon gesagt worden ist, zum Repräsentanten von allem andern Besitz. Es ist das Symbol des Besitzes. Das ist es einmal, weil es, wie ebenfalls schon bemerkt worden ist, Zugang zu allem andern Besitz schafft, oder doch zu schaffen scheint. Der Mensch giert nach dem Gelde, weil er nach Macht, Ehre und Glück giert. Aus dieser Gier entsteht der Imperialismus: er will haben, behaupten, Macht und Ehre besitzen, um über die Menschen zu herrschen. Ihm verbündet sich der Militarismus; denn man kann, wie Franziskus in klassischer Einfachheit sagt, solchen Besitz nur bewahren, wenn man Gewalt übt. Im Kampf aber um solchen Besitz entsteht Klassenkrieg, Völkerkrieg, Weltkrieg. Der Kapitalismus, die moderne Kollektivform des Mammonismus, ist an der Wurzel oder gar die Wurzel von dem allem. Er ist auf dieser Linie die primäre Form des Abkommens von Gott, aus welcher die andern entsprungen sind. Es gesellen sich dann freilich zum Mammon noch andere Götzen: der Machtgötze, der Ehrgötze, der Glücksgötze, der Religionsgötze. Aber er bleibt der mächtigste von allen. Er wird der Vertreter von allen. Das Geld wird das Symbol von all diesen Götzen des Weltbesitzes, von all diesen «Schätzen» auf
Erden und den Dämonen, die sie behüten und umstreiten. Und schließlich wird es sogar zum Symbol des «geistlichen» Besitzes und trennt durch diesen erst recht von Gott und den Menschen.
F. Giert der Mensch nach dem Gelde bloß, weil es das Mittel zu dem Zwecke der Gewinnung von Macht, Ehre, Glück und Genuß ist, und nicht auch einfach um seiner selbst
willen?
A. Sicher auch um seiner selbst willen. Denn wir stoßen gerade hier auf eine Erscheinung, die auch sonst häufig ist: die Verdrängung des Zweckes durch das Mittel. Der psychologische Vorgang ist der, daß man so lange das Mittel um des Zweckes willen erstrebt, bis man über dem Mittel den Zweck vergißt und das Mittel um seiner selbst willen sucht. Und es gehört zu den letzten Tiefen der Psychologie, daß man das Mittel umso leidenschaftlicher erstrebt, als es bloß um seiner selbst willen, als an sich wertvoll, gesucht wird. Denn dann wird es erst recht zum Götzen. Der Götze ist ja immer das Geistlose, das bloß Seiende, das Sinnlose. Die Götzen heißen in der Bibel nicht umsonst «Nichtse». Das Geld eignet sich zum Fürsten der Götzen, gerade weil es an sich nichts ist, weil es vollkommen geistlos ist. Dadurch wird es zum Fetisch – und das ist dann der Mammon. Er wird zum Fetisch der Fetische. Er wird der Gegengott des Einen, lebendigen Gottes. Sein Bild ist das goldene Kalb. Jeder Götzendienst aber entwertet und versklavt den Menschen. Der Mensch wird dem Götzen geopfert. Der Moloch verzehrt Leib und Seele der Menschen, erwürgt den Geist, macht dumm und brutal; er verschlingt das Menschentum und die Menschheit selbst.
F. Welches ist denn nun die Beziehung zwischen dem Mammon und dem Lichte, das in
uns ist?
A. Sie ist jetzt sehr klar: Nichts ist so geeignet, das innere Licht zu verdunkeln, das Auge
für Gott und den Menschen blind zu machen wie der Besitz.
F. Gilt das bloß vom materiellen Besitz?
A. Es gilt auch vom geistigen und geistlichen, und von diesem vielleicht noch mehr. Wir haben es ja am Beispiel der Pharisäer gezeigt. Es ist besonders eine Gefahr aller Orthodoxie, ja sogar aller Theologie, auch aller «Gläubigkeit». Alles Haben oder vermeintliche Haben macht blind für Gott und die Menschen.
F. Wird dem Wort vom inneren Lichte nicht auch eine vom Zusammenhang mit dem Mammon unabhängige Bedeutung zugeschrieben, so zum Beispiel von den Quäkern?
A. Gewiß. Sie wollen damit gegen alle bloß äußerliche Autorität, die der Tradition, der Konfession, des Dogmas, der Theologie, auch der Bibel, auf die Unmittelbarkeit der Offenbarung der Wahrheit in jeder Menschenseele zurückgehen. Damit sollen alle Schranken, auch die der Religion, niedergelegt und dem Menschen die höchste Freiheit verschafft
werden.
F. Ist das nicht eine große Wahrheit?
A. Gewiß. Es ist eine Grundwahrheit, ist das letzte Fundament aller Wahrheit, aber auch
aller Freiheit; es ist die Magna Charta auch aller Demokratie, der weltlichen wie der geistlichen. Es ist auch die feste Burg und Gottesmauer gegen alles Götzentum. Denn damit tritt der lebendige Gott allen Götzen gegenüber; darin redet der Heilige Geist.
F. Aber welches ist nun die Beziehung dieses Wortes vom inneren Lichte zu dem Gegensatz von Gott und Mammon?
A. Eine Antwort darauf ist schon gegeben: Der Mammon ist es vor allem, der dieses innere Licht verdunkelt. Aber als positive Ergänzung muß noch dieses hinzugefügt werden: Dieses innere Licht allein, das Licht Gottes im Menschen, deckt den Trug des Mammons auf. Bloße äußere Religion tut das nicht. Diese läßt, wie noch zu zeigen sein wird, nur zu gut das Bündnis zwischen Gott und Mammon herstellen. Nur das strahlende, von der Sonne der Wirklichkeit Gottes kommende Licht vertreibt diesen Trug, das Strahlen des Götzen.
Es hat immer wieder gegen die Macht des Mammonismus inmitten der Sache Christi seinen Protest erhoben: so im alten Mönchtum, so in Franziskus, so an den «Armen von Lyon», so in den Spiritualen des heiligen Franz, so in den Lollarden und den hussitischen Brüdern – und es wird das in einer neuen Revolution Christi wieder tun.
F. Aber wie kommt denn das Menschenherz dazu, dem Götzen Mammon seine Macht zu geben? Was ist dafür der tiefste Grund?

Die Sorge
A. Die Antwort ist in dem gegeben, was Jesus von der Sorge sagt. Die Macht des Götzen Mammon ist die Sorge. Das ist ein sehr großes und tiefes Wort. Damit erst stoßen wir
auf den letzten Grund der Lüge des Mammons.
F. Was ist mit der Sorge gemeint?
A. Wir wollen das zunächst mit einem andern Worte ausdrücken. Das Grundwesen der Welt ist die Angst. Es ist die Angst vor dem Schicksal, die Angst vor dem Tode, die Angst vor der Not, die Angst vor der Leere. Über diese Angst will der Mensch sich hinweghelfen. Er begehrt nach Sicherheit. Diese vor allem soll ihm das Geld verleihen. Weil aber die Angst unendlich ist, so kann nur unendlich viel Sicherheit – scheinbar – diese Angst vertreiben. Darum sammelt er sich Schätze auf Erden. Darum sucht er Geld und Gut und alles das, wovon es Symbol ist. Darum giert er nach dem Gelde, darum wird er wahnsinnig ob dem Gelde. Aber er will nicht nur Sicherheit, er will auch Betäubung. Diese sollen ihm Macht, Ehre, Genuß und vor allem der Reichtum an Geld verschaffen. Sie sollen ihm Gott ersetzen; sie sollen den Tod überwinden, ewiges Leben schenken. Erst wenn wir dies erkennen, blicken wir in das tiefste Geheimnis der Götzenmacht des Mammons. Das gilt besonders von den politischen und sozialen Steigerungen ins Kolossale, die dieser Besitzdrang erzeugt: der Vergottung von Volk und Staat, die im Imperialismus und seinen Gefährten zum Ausdruck kommt. Der Kapitalismus ist ein Riesenversuch, den Verlust Gottes durch das Geld zu ersetzen. Das ist seine tiefste Wurzel. Wenn wir dazu noch eine andere Form des Trachtens nach den Schätzen der Erde nehmen, die geschlechtliche Sinnlichkeit als Gier, als Begehren des Mannes nach dem Weibe und des Weibes nach dem Manne, und zwar das Begehren als Besessenheit – diesen gewaltigen Götzen, der vielleicht am stärksten mit dem Mammon konkurriert – ist das nicht auch ein Haben = ein Besitzenwollen? Und meint nicht auch darin, gerade darin, der Mensch, ohne es zu wissen, Gott und den Himmel, das Reich Gottes, die Überwindung des Todes zu haben – ein dämonischer Trug! Diese Angst, welche die Wurzel der Gier wird, ist das, was Jesus mit der Sorge meint. Sie erzeugt jene Besessenheit, deren massivste Erscheinung das Trachten nach dem Geld ist. Sie treibt zum Kapitalismus, Imperialismus, Militarismus, Faschismus, Nazismus. Sie treibt zum Gipfel. Sie ist unendlich wie Gott, aber sie führt in diesen Erscheinungen nicht zu Gott, sondern zu den Götzen und vor allem ihrem stärksten – und vom Gipfel in den Abgrund, worin alle Schätze der Erde zugrunde gehen. Wie heute vor Augen liegt!

Der Mammon und das Christentum
F. Gibt es nur eine weltliche Form des Mammonismus und nicht auch eine religiöse?
A. Es gibt auch eine religiöse – und zwar als Krebsschaden der Sache Christi im Einzelnen wie im Allgemeinen.
F. Wie ist das möglich, da doch Christus Gott und den Mammon einander so scharf gegenübersteht?
A. Weil man eben nicht Gott dient, sondern bloß der Religion und damit schließlich sich selbst, der Welt und den Götzen der Welt. Es tritt dann eine Ordnung in Wirksamkeit, der wir schon wiederholt begegnet sind: Wenn eine Sache verboten ist und man sie dennoch begehrt, dann begehrt man sie doppelt, dreifach, ja hundertfach. Weil das Gesetz Christi, wenn es nur Gesetz ist, zwar das Trachten nach Geld und Gut wie nach der bloßen Welt
als Welt überhaupt verbietet, ohne dieses Trachten an der Wurzel durch Gott selbst, welcher dann der «Schatz» des Herzens wird, aufzuheben, so wirft sich dieses Trachten ganz besonders auf das Geld, weil das Geld das Symbol der Welt und ihrer «Schätze» wird, und weil die Weltlichkeit dieses Trachtens durch den Schein verdeckt werden kann, daß es der Ehre Gottes diene. Da aber die Religion immerhin vom Geist des Absoluten angehaucht ist, so kommt dieses Element auch in den christlichen Mammonismus hinein. Das ist, glaube ich, die Erklärung dieser paradoxen und furchtbaren Tatsache.

Dittmar Rostig, Bergpredigt und Politik
Der Mammon
Ragaz knüpft mit seinen Äußerungen über den Mammon an die Verkündigung Jesu an. Den Gegensatz zwischen Gott und Mammon, wie er in den Evangelien markiert ist, kennzeichnet er als den „tiefsten Gegensatz“ des Evangeliums überhaupt, denn der Kampf Jesu richtet sich in besonderer Weise gegen den Mammon, der als Antipode Gottes hervortritt. Als markante Verkörperungen des Götzen Mammon bezeichnet Ragaz Geld und Besitz. Diese beiden Größen ordnet er dem Kampf zwischen Geist und Ungeist, zwischen Seele und Sache, zwischen Persönlichkeit und Welt zu. Insofern sich der einzelne von diesen Mächten beherrschen läßt, führt er kein befreites, menschenwürdiges Dasein; gelingt es ihm, über diese Dinge zu herrschen, so ist er „Geist, Seele, Persönlichkeit, mit einem Worte: Mensch“. Das Geld selbst ist für Ragaz der Inbegriff alles „Aeußerlichen, Fremden, aller bloßen Sache“. Die Frage des Mammons, die Ragaz von einem theologischen Gesichtspunkt aus aufarbeitet, erörtert er auf zwei Ebenen. Zum einen erfaßt er die Haltung des einzelnen zum Besitz, zum anderen geht er auf die gesellschaftliche Gestalt des Mammonismus ein. In der „A b w e s e n h e i t  G o t t e s“ erkennt Ragaz die Wurzel menschlicher Habsucht, da nach ihm die Götzen dort am leichtesten die Macht gewinnen, wo Gott nicht herrscht. Gerade der Götze Mammon ist nach der „Analyse Jesu“ der „mächtigste“ unter ihnen. Erst ein Leben, das sich an Gott orientiert, führt über den Mammonismus hinaus. Reichtum und Besitz sieht Ragaz als Gefahr für die menschliche Existenz an.
Beschreibt er beide Größen auf polare Weise, so herrscht doch eindeutig deren negative Charakteristik vor, und wo er versucht, Reichtum und Besitz positiv zu deuten, so geschieht dies nur, um die Gefahren, die mit Ihnen verbunden sind, einzudämmen. Ragaz kennzeichnet Besitz und Reichtum als „Unrecht“, “ S c h u 1 d “ und “ R a u b „ ‚ aber er lehnt es ab, den Verzicht auf Besitz als eine neutestamentliche Forderung zu klassifizieren. Diejenigen Aussagen, in denen er Reichtum und Besitz als negative Größen an sich beschreibt, erfahren eine Ergänzung. Ausgehend von der Prämisse, daß aller Besitz Gott gehört, daß nur in ihm die Einheit gegeben ist, wird der einzelne angehalten, seinen Besitz und Reichtum in den „Dienst Gottes und der Brüder“ zu stellen. Der einzelne tritt als
„V e r w a l t e r  G o t t e s“ auf. „Eigentum, Besitz hat nur Sinn und Recht als göttliches
Lehen.“
Da aller Besitz Gott gehört, ist der Mensch Gott gegenüber dafür verantwortlich, wie er mit seinem Besitz umgeht. Ragaz‘ theologische Begründungen sind nicht darauf ausgerichtet, vom einzelnen einen totalen Besitzverzicht zu erwirken; sie weisen allerdings unmißverständlich darauf hin, mit dem eigenen Besitz verantwortlich umzugehen: vor Gott und hinsichtlich des Nächsten. Eine Neugestaltung gesellschaftlich ungerechter Strukturen läßt sich mit diesen Erwägungen nicht bewerkstelligen, aber Ragaz spricht auch dezidiert von der gesellschaftlichen Gestalt des Mammonismus, die nur durch eine Änderung gesellschaftlicher Strukturen gemildert und zurückgedrängt werden könne. Die „moderne Gestalt des Mammonismus“, die sich durch „gesellschaftliche Macht“ auszeichnet, verkörpert sich für Ragaz im Kapitalismus. Dessen System der „Gütererzeugung und -Verteilung“ befindet sich mit den Forderungen Jesu nicht in Übereinstimmung, denn es befördert „Egoismus“, „Profitmacherei“ und den „Kampf aller gegen alle“. Das Prinzip, das dieser Wirtschaftsordnung das Ziel vorgibt, wurzelt im Profit, der der „Gott dieser Welt“ ist, die moderne Verkörperung des „alten Gottes Mammon“. Auch diese Gestalt des Mammons hält dem Urteil Jesu nicht stand. Der Mammonismus in dieser gesellschaftlichen Form wirkt sich so aus, daß ein jeder ein Höchstmaß „von den Gütern der Erde“ an sich zu reißen versucht; er ist die Triebkraft, um die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ zu vollziehen. Die zentralen Gedanken der Gotteskindschaft und Bruderschaft stehen im Widerspruch zu dieser Praxis. Deshalb fordert Ragaz dazu auf, die „Besitzfrage neu zu ordnen, den grausamen Götzen Mammon zu stürzen“, und dieser prophetische Protest stimmt mit den Zielen der sozialen Bewegung überein. Dem offiziellen Christentum wirft er vor, daß es sich in der Besitzfrage nicht an die Worte Jesu hält. Vielmehr eigne es sich die Auffassung des „bürgerlich-kapitalistischen Zeitalters“ an, indem es das Privateigentum schützt. Als Orientierung – für die Neugestaltung der Gesellschaft – weist Ragaz in seiner Deutung des Gleichnisses vom reichen Kornbauern (Lk 12, 13-21) auf die Wendung vom „Trachten nach dem Besitze als dem Hauptmotiv der Welt zum Trachten nach dem Reiche Gottes“, also auf die Wendung „vom Mammon zu Gott“ hin. Diese Orientierung bedeutet eine grundlegende Richtungsänderung. Statt der Ausrichtung am Profit führt Ragaz anthropologische Gesichtspunkte ein. Er fordert eine Gestaltung der Gesellschaft, die an des Menschen „Wohlfahrt, seinem leiblichen und seelischen Bedürfen, seiner Würde, seinem heiligen Recht“ Anteil nimmt; „eine Gesellschaft, in der nicht die Maschine herrschte, sondern die Seele; eine Gesellschaft, worin die Arbeit Gottes- und Menschendienst würde; eine Gesellschaft, die dem Einzelnen … S i c h e r h e i t gewährte: Sicherheit der Arbeit, Sicherheit des Rechtes, Sicherheit für die Tage der Krankheit und des Alters“. Freilich bringt dieses Postulat die neue Gesellschaft nicht hervor, auch läßt Ragaz die Frage offen, ob dieses Ideal auf Erden restlos zu verwirklichen sei, aber er hält daran fest, daß das Christentum ihm näher steht als ein gesellschaftlicher Entwurf, in dem der Profit als das entscheidende Prinzip in Erscheinung tritt. Ragaz‘ theologische Wertungen der gesellschaftlichen Verhältnisse dringen an diesem Punkt so weit vor, daß sie eine Abkehr von denjenigen wirtschaftlichen Verhältnissen unterstützen, in denen das Prinzip „Mammon“ herrscht. Sie rezipieren Erkenntnisse der ökonomischen Analyse der Gesellschaft und interpretieren zugleich die gesellschaftlichen Verhältnisse theologisch. Eine Sinnparallelität der Aussagen liegt vor.

Der Kapitalismus als Mammonismus, Stadtkultur und Staatsvergötterung
Ragaz’ theologische Wertung des Kapitalismus vollzieht sich vornehmlich als ethisches Urteil. Er fragt zunächst, welches Ziel eine Wirtschaftsordnung anzustreben habe, damit sie der Lebensordnung des Reiches Gottes entspricht. Als erstes Kriterium, an dem sich eine Wirtschaftsordnung auszurichten hat, erhebt er die Forderung, daß sie dem Menschen diene, ihn aber nicht beherrsche. Als zweites Postulat, dem eine sinnvoll gestaltete Wirtschaftsordnung entsprechen muß, stellt er den Grundsatz auf, daß die wirtschaftlichen Strukturen so zu gestalten sind, daß der Mensch dem Menschen diene. Steht hinter dem ersten Postulat der Gedanke der Gotteskindschaft, so vertritt das zweite den der Bruderschaft. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung wird beiden Kriterien nicht gerecht. Im ersten Fall tritt zwischen dem Menschen als sittlich-ethischer Persönlichkeit und der wirtschaftsethischen Zielvorstellung des Kapitalismus, die auf Vermehrung des Kapitals aus ist, ein unüberbrückbarer Hiatus auf. Im zweiten Fall erhebt Ragaz gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung Einspruch, weil sie die Gesellschaft atomisiert. Vom Evangelium aus sind wir aber „den Brüdern i n  a l l e m Schuldner“, auch hinsichtlich der Gestaltung der Arbeit. Das Verhältnis der Menschen zueinander, das durch die dämonischen Größen wie „Kapitalmacht, Konkurrenzkampf, ‚ehernes Lohngesetz’“ gestört ist, bedarf einer Erneuerung durch „menschlich-sittliche Beziehungen“. Eine sozialistische Wirtschaftsordnung ist der kapitalistischen insofern überlegen, als sie den „M e n s c h e n an die Spitze“ stellt. „An ihm, seinem Bedürfnis, seinem sittlichen Recht, seiner Menschenwürde, mit einem Wort: an seiner sittlichen Persönlichkeit, ist die ganze Wirtschaftsordnung“ auszurichten. Als Kriterium für die Beurteilung einer Wirtschaftsordnung gilt demnach: „Nicht der Profit ist mehr der Herr, sondern der Mensch.“ Der Kapitalismus tritt insofern als Mammonismus auf, als er in gesellschaftlicher Gestalt eine Götzenherrschaft repräsentiert, in der an Stelle Gottes der Götze „Mammon“ herrscht. Der Götze „Mammon“ tritt als Antipode Gottes auf und gewinnt da an Einfluß, wo Lebenshunger und Angst als menschliche Triebkräfte agieren und Gott nicht anerkannt wird.. Die Orientierung an der Sachenherrschaft, die dem Kapitalismus eigen ist, zeigt sich besonders im Verhältnis zu Besitz und Geld. Besitz macht
„s a t t“, und Ragaz rückt Besitz und Unrecht eng aneinander. Für die Bibel existiert kein „absolutes Eigentum“, kein „rein privater Besitz“, denn aller Besitz ist als „göttliches Lehen“ zu verantworten. So verstanden, mag Reichtum erlaubt sein, aber Ragaz betrachtet ihn doch als Gefahr, ohne die Forderung auf absoluten Besitzverzicht zu erheben. Die Forderung, die Ragaz der Gesellschaftsgestaltung in diesem Zusammenhang aufgibt, lautet: Revolution Gottes, die an Stelle des Götzen „Mammon“ Gottes Herrschaft zur Geltung bringt.. Im Kontrast dazu steht die „tiefste Heiligung des Menschen“, die in der Inkarnation Gottes anschaulich hervortritt. Gelten daher nicht, so fragt Ragaz, „Mensch und Bruder statt Maschine und Profit?“. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist aber vom „Prinzip des Räubertums“ geprägt, da sie den „Kampf aller gegen alle“ praktiziert, „Macht und Herrschaft des Menschen über den Menschen“ ausübt, nicht aber das Ideal des Gottesreiches im Sinne der Bruderschaft verkörpert. Der Geist der kapitalistischen Wirtschaftsordnung speist sich aus der Gier des Besitzenwollens, einer Gier, die dem einen Pol der Wirklichkeit zuzurechnen ist, der Angst, während allein Gott, als der andere Pol aller Wirklichkeit, eine Befreiung von diesen Mächten heraufzuführen vermag. Zum Erscheinungsbild der modernen Industrialisierung gehört die Bildung von großen Städten. Dieser Prozeß, in dem sich die „kapitalistische Kultur als Stadtkultur“ entfaltet, erfährt durch Ragaz eine pejorative Wertung, da er Mammonismus und Stadtkultur eng aneinanderrückt. Der unmittelbare Zusammenhang von Mammonismus und Stadtkultur hat sich für Ragaz bei einem Börsenbesuch intuitiv erschlossen, wobei er in einer Predigt über Mt 6,24 die „Börse einer Weltstadt als eine der Kulturstätten des Mammons“ charakterisiert. In dieser vergleicht er auch das Treiben an der Börse mit der Raubtierfütterung im Zoo. Betrachtet Ragaz den Mammonismus als das Zentrum der Stadtkultur, so nimmt er an deren Peripherie weitere negative Erscheinungen wahr. Die Stadtkultur tritt als Massenkultur auf, und er sieht in ihr insofern Gefahren, als das geistig-sittliche Wachstum des Individuums beeinträchtigt wird. Negativ wirkt sich die Stadtkultur auf die Frömmigkeit aus, aber auch auf die menschlichen und sozialen Beziehungen. Während das Dorf aufgrund seiner überschaubaren Verhältnisse die sozialen Kontakte erleichtert, auch eine Kontrollfunktion ausübt, gibt die Großstadt den Menschen frei. Die „Instinkte des Egoismus und der Ausbeutung werden entbunden und entfalten sich leichter bis zur Brutalität“, wobei er auf den Zusammenhang zwischen Stadtkultur und Prostitution verweist. Ragaz, der die Stadtkultur als Auswuchs der Industrialisierung begreift, geht von einem Ideal aus, das an vorkapitalistischen Produktionsformen und landwirtschaftlich-genossenschaftlichen Strukturen ausgerichtet ist. Er konstatiert zwischen Dorf und Stadt einen Gegensatz, und während er in der Stadt „menschenverzehrende Ungeheuer“ sieht, entfaltet er eine Natur – und Bergromantik, erhebt die Forderung nach einer autarken Produktion, die für die wesentlichen Produkte selbst aufkommt, und stellt sie Industrieproduktion und Arbeitsteilung gegenüber. Eng mit seiner Natur- und Bergromantik verbunden, entfaltet er eine kritische Sicht der Technik. Da nach Ragaz dem Staat „von Natur der Selbstvergottungsdrang“ innewohnt, verbietet sich die Zielstellung eines „christlichen Staates“. Der von Gott abgefallene Staat tritt an die Stelle Gottes und erhebt sich zum Götzen. Als typische Ausgestaltung dafür führt Ragaz das römische Imperium an, in dem im „Kolossalstil der Staat als Form und Werkzeug des Imperialismus“ in Erscheinung tritt. Dieser Staat verkörpert eine „besonders trügerische Nachahmung der Heiligkeit Gottes im falschen Material“, so dass ihn Ragaz geradezu als Urbild für die Verkörperung der Verkehrung von Gottesreich und Weltreich heranzieht. Ragaz stimmt auch der Forderung nach der prinzipiellen Abschaffung des Staates zu, wobei er den Staat als Macht –und Klassenstaat näher klassifiziert.. Diesen Sachverhalt demonstriert Ragaz an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, in der die Ausbeutung des Menschen durch das Mittel der Vergewaltigung aufrecht erhalten wird, geschützt von der hinter ihr „stehenden Staatsgewalt“.. Da Ragaz den Staat auch „an sich“ als eine negative Größe betrachtet, weil er Strukturen der Macht aufweist, kritisiert er auch das marxistische Staatsverständnis.

 

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