Die große Kluft

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Die große Kluft – Das Gleichnis vom Reichen Mann und dem Armen Lazarus Lk 16,19-31
F. Ist dieses Gleichnis nicht der klassische Ausdruck des patriarchalisch-christlichen Denkens? „Hier auf Erden besteht der schreiende Unterschied zwischen reich und arm, aber es ist ein großer Trost dabei: im Himmel wird die Umkehrung erfolgen; da werden die Armen oben sein und die Reichen unten.“ Diese Auffassung gilt dann als Rechtfertigung der bestehenden sozialen Zustände und ist das festeste Bollwerk gegen jede Umgestaltung derselben, erregt darum aber auch den Zorn derer, die eine solche fordern und ist eine Hauptstütze der Anklage gegen das Christentum, dass es Opium für das Volk sei.
A.: Was es auch sehr weitgehend gewesen ist und ist – wie wir gezeigt haben.
F.: Was aber ist denn der wirkliche Sinn des Gleichnisses?
Einmal: Das Gleichnis von dem Reichen Mann und dem Armen Lazarus will so wenig eine Darstellung des sog. Jenseits sein, als das Gleichnis vom Weltgericht eine Darstellung des sog. Jüngsten Gerichtes. Es ist ein Gleichnis, und das will heißen: die erzählte Geschichte hat nicht eine Bedeutung für sich, sondern dient bloß als Hinweis auf einen Sinn. Es gilt, den Vergleichungspunkt herauszufinden. Sodann: Das Neue Testament, wie die ganze Bibel, weiß, etwas drastisch gesagt, nichts von einem Jenseits. Das ist Sache Platos und eines platonisierten Christentums, die Bibel aber, und besonders das Neue Testament, weiß bloß von Auferstehung, oder mit anderen Worten, das Neue Testament weiß bloß, wie schon auf seine Art das Alte Testament, von einem Kommen des Reiches auf die Erde zur Aufrichtung der Herrschaft Gottes, worin freilich auch der Sieg über den Tod enthalten ist. Und zum Dritten: Nichts liegt der Bibel, liegt Moses, liegt den Propheten, liegt Jesus ferner als eine patriarchalische Denkweise, welche bestehendes Unrecht mit einer göttlichen Ordnung rechtfertigte. Die Bibel ist auf Revolution gerichtet, nicht auf Reaktion, sie ist Dynamit, nicht Opium.
F. Auf was kommt es dem Gleichnis an?
A. Es ist symbolisch ausgedrückt, die große soziale Kluft, die Kluft zwischen reich und arm, die Kluft zwischen den zwei Welten, die diese repräsentieren… Und nun ist ein Grundthema der Bibel, dass diese Tatsache überwunden werden soll. Denn diese Tatsache widerstreitet Gott und seiner Ordnung. Gott, der Eine Gott, will Einheit, nicht Zerreißung; Gott, der Vater, will, dass seine Kinder eine Familie von Gleichen und Ebenbürtigen seien… Diese Kluft hat Moses schließen, oder besser gesagt, gar nicht entstehen lassen wollen. Das ist der Sinn und die Aufgabe seiner sozialen Gesetzgebung. Gott ist der Herr. Ihm gehören die Güter der Erde, darum gehören sie allen gleichmäßig. Israel ist eine Familie. Das ist auch die Auffassung und Predigt der Propheten. Es ist nicht zu vergessen, dass der Begriff der Klasse und des Klassenkampfes, wie ihn der echte Marxismus verwendet, aus der Bibel stammt. Das messianische Denken besteht ja gerade in dieser Perspektive eines Gegensatzes zwischen einer Klasse der Großen und Mächtigen, der Besitzer von Geld, Macht und Kultur, und einer Klasse von Verkürzten und Entrechteten, wie in der Erwartung des großen Umschwungs. Der Kommunismus, in diesem tiefen und weiten Sinne verstanden, liegt an der Wurzel alles Glaubens an den einen Gott und Vater. Ganz selbstverständlich ist das, noch verschärft und vertieft, die Auffassung und Botschaft Jesu. Es geht bei ihm nur wieder noch mehr ins Individuelle, Menschliche, Brüderliche hinein. Was er fordert, ist nicht bloß eine politisch-soziale Neuordnung, sondern vor allem auch ein neues persönliches Verhältnis von Mensch zu Mensch, ein verstärkte, ja absolut gewordenen Unmöglichkeit, jene Kluft zu ertragen, eine verschärfte und vertiefte Empfindung für den Bruder, besonders den notleidenden, und unsere Verpflichtung gegen ihn. Diese große Kluft also beschreibt zunächst in drastischen, aber wunderbar eindringlichen Bildern das Gleichnis von dem Reichen Mann u. dem Armen Lazarus. Ist sie etwa nicht Tatsache? Liegt der Arme nicht etwa, von den Schwären seiner Not bedeckt, vor dem Portal des Reichen, um sich von dem zu sättigen, was von dessen Tische fällt – wobei wir aber keineswegs nur an Essen, Kleidung, Wohnung denken müssen, sondern an Kultur, Bildung, Kunst und Wissenschaft, ja sogar an die Religion, die dem „Armen“ nicht zugänglich ist, weil sie eine des „Reichen“ geworden ist. Was ist das, was dem Armen an Hilfe zuteil wird, vielfach anderes als ein Lecken seiner Schwären durch die Hunde? Ist sie nicht Tatsache, diese Blindheit der „Reichen“, d.h. der beati possidentes, für die Not der Armen?
F. Aber was bedeutet nun das Jenseits im Gleichnisse?
A: Es ist ein Gleichnis, nicht eine Darstellung, ein Gleichnis für einen Vorgang auf Erden.
F. Welchen Vorgang?
A. Die völlige Umkehrung jenes Verhältnisses nicht durch den Tod, sondern durch die Revolution. Es wird zu einer solchen Umkehrung kommen, welche die Gesellschaft, die jetzt obenauf ist, stürzen und das „Volk, das in Finsternis sitzt“, ans Licht bringen wird; es wird zu einer solchen Revolution kommen. Es ist durchaus biblisch gedacht. Die Bibel blickt auf eine solche Revolution, auf eine solche Umkehrung aus (Revolution heißt ja wörtlich „Umkehrung“), welchen einen Tag der Gerechtigkeit und des Gerichtes für die Armen und Gedrückten und den Sturz der Großen und Gewaltigen herbeiführt. Denken Sie bloß an den Lobgesang der Hanna im Alten Testament und an das Magnifikat der Maria im Weihnachtsevangelium. Der Marxismus ist bloß ein verweltlichter Reflex dieses großen Lichtes der Völker.
F. Aber was bedeutet nun der Vorgang zwischen Abraham und dem reichen Mann?
A. Er ist wunderbar bedeutungsvoll. Es drängt sich ja der Gedanke auf, dass die herrschende Klasse vor dem Schicksal, das ihr bevorsteht, wenn sie auf ihrem Wege weitergeht, gewarnt werden sollte. Sie wird auch gewarnt. Da fehlt es auch nicht an Propheten. Ein solcher ist auf seine Art ganz sicher Marx, aber auch Charlyle und Tolstoi, um von den vielen nur diese zu nennen. Ihre Botschaft ist deutlich genug. Aber die herrschende Gesellschaft will nicht hören. Sie meint, „Moses“ sei nicht auf die sozialen Zustände anwendbar und die „Propheten“ seien Schwärmer und Utopisten. Anders wäre es, wenn sie sehen könnte, greifen könnte, wie die große Umkehrung kommen wird. Ja, wenn diese erlebt ist, dann wird die gestürzte Gesellschaft freilich nachzudenken beginnen… „Ach, wenn man doch noch einmal in jene alten Zustände zurückkehren und jene Gesellschaft warnen könnte!“ Aber das ist eine Illusion. Es ist keine Entschuldigung für die heute noch herrschende Gesellschaft, wenn sie das nicht sieht, was sie später sehen muß; denn die Wahrheit wäre schon heute deutlich genug zu sehen. Man hat „Moses“ und die „Propheten“ und brauchte nur auf sie zu hören. Alle Beschreibung dessen, was kommen wird, hilft nichts bei denen, welche die Wahrheitsstimme nicht hören oder nicht verstehen wollen. Das ist der Sinn der Unterredung zwischen Abraham und dem Reichen Manne …
F. Darf ich aber noch fragen, was denn jener Einzelzug bedeutet, dass der reiche Mann bittet, Lazarus möchte gesendet werden, um mit der in Wasser getauchten Fingerspitze die Qual des reichen Mannes zu lindern?
A. Dieser Zug ist tatsächlich hochbedeutsam. Wenn die Vertreter der herrschenden Gesellschaft wüssten, wie viel edler, wie viel beglückender, wie viel menschlicher und wie viel göttlicher jene andere Ordnung ist, und welch eine Qual im Grunde eine auf Mammon und Gewalt, auf Profit und Ausbeutung, auf Genuß und Luxus gegründete Gesellschaft ist, sie würden nach jener anderen hungern und dürsten. Aber sie wissen es nicht. Ihr Besitz erlaubt ihnen nicht, das zu empfinden. Wenn sie doch rechtzeitig umkehrten!
F. Ist es aber nicht hart, wenn Jesus auf diese unerbittliche Weise das Fortbestehen und die scheinbare Unüberbrückbarkeit der Kluft betont?
A. Es ist die prophetische Härte. Es ist die Härte und Paradoxie der Warnung. Ein Pfarrer würde freilich versöhnlicher schließen, und die Hörer gingen beruhigt nach Hause, zum gut bürgerlichen Mittagessen, aber Jesus ist eben kein Pfarrer!

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