Jäten und Scheiden

Gleichnis vom Sämann. Holzschnitt um 1500
Gleichnis vom Sämann. Holzschnitt um 1500

Jäten und Scheiden (Vom Unkraut unter dem Weizen Mt 13.24-30)
Das Reich Gottes ist einem Manne zu vergleichen, der guten Samen auf seinen Acker gesät hatte. Als nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Lolch mitten unter den Weizen und ging davon. Als nun das Korn sprosste und Frucht ansetzte, erschien auch der Lolch. Da kamen die Knechte des Hausherrn und sprachen zu ihm: ’Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er nun Lolch?’ Er sprach zu ihnen: ’Das hat ein Feind getan!’ Die Knechte aber sprachen zu ihm: ‚Willst du, dass wir hingehen und ihn zusammenlesen?’ Er aber spricht: ‚Nein, auf dass ihr nicht, wenn ihr den Lolch zusammenleset, damit zugleich den Weizen ausreißet. Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte. In der Stunde der Ernte aber will ich zu meinen Arbeitern sagen: Leset zuerst den Lolch zusammen und bindet ihn zu Bündeln, den Weizen aber bringet in meine Scheune.
F.Ist dieses Gleichnis im allgemeinen richtig verstanden worden?
A.Kaum; sonst wäre die Geschichte der Sache Christi anders verlaufen. (Es geht um) die Antwort auf die Frage, wie denn Wahr und Falsch, Echt und Unecht im Reiche Gottes zu erkennen und zu behandeln sei. Es gibt eine falsche Duldung, die aus einer gewissen Lauheit gegenüber der Wahrheit stammt. Ihre Losung ist das „Laissez faire – laissez aller!“ eines falschen Liberalismus. Man will da einfach grundsätzlich alles gehen lassen, wie es geht, in dem Glauben, dass es schon recht gehe. Man will einfach allen Geistern und Mächten freien Lauf lassen, in der Überzeugung, dass aus ihrem Zusammenspiel und Zusammenstoß von selber die Wahrheit siegreich hervorgehen werde. Man zweifelt auch etwa daran, dass es überhaupt eine Wahrheit gebe, eine absolute Wahrheit, sondern anerkennt bloß allerlei Wahrheiten. So tut ja der moderne Relativismus. Man unterscheidet hier gar nicht mehr zwischen Weizen und Unkraut. Oder man übt doch eine bedenkliche Duldsamkeit gegen das Unkraut, hegt dafür vielleicht sogar eine Art Vorliebe.
Die Gefahr dieser Denkweise liegt auf der Hand. Wir haben hier eine große Weite des Herzens; aber ob es nicht eine Herzerweiterung, also eine Krankheit ist? Ob nicht das Herz dadurch gelähmt wird? Wir bekommen auf diese Weise einen Pazifismus und Neutralismus, der den Unterschied von Wahr und Falsch, Gut und Böse verwischt, wenn nicht gar aufhebt, oder doch zwischen ihnen so vermittelt, daß die Wahrheit ihre Kraft verliert. Wo aber die feste Wahrheit und damit der klare und scharfe Unterschied zwischen Gut und Böse geschwächt, wenn nicht gar aufgehoben wird, da löst sich die Welt in Chaos und Hölle auf – wie heute vor Augen liegt. Diese Tatsache ist dann das Recht der entgegengesetzten Denkweise. Sie legt allen Nachdruck auf die Wahrheit, und zwar die eine Wahrheit und den Kampf für sie. Aber sie gerät nun ihrerseits leicht in die Enge. Sie versucht es mit der Unterdrückung dessen, was sie für Irrtum hält, und braucht dafür geistliche, aber oft auch weltliche Zwangsmittel. Sie will hingehen und ausjäten, und sei’s mit Gewalt. Diese zweite Denkweise hat in der Geschichte der Sache Christi eine größere Rolle gespielt als die erste. Und zwar eine verhängnisvolle Rolle. Aus ihr ist das Dogma entstanden, das heißt das Glaubensgesetz. Aus ihr die Orthodoxie, aber als Reaktion darauf auch das Ketzertum. Aus ihr die Inquisition, sei’s als Institution, sei’s als Denkweise. Ihr dienen die Kerker und rauchen die Scheiterhaufen; ihr fließen das Blut und die Tränen der Religionskriege; gegen sie klagen die Ozeane der Heuchelei, der geistigen Not, der Verfolgung und Unterdrückung, der Seelenqual tausendfacher Art, die aus einer solchen Handlung der Wahrheitsprüfung entstanden sind. Hier ist an die Stelle der Herzerweiterung die Herzverengung getreten. Dabei ist eine umfassende Tatsache festzustellen: die stetige Verwechslung von Unkraut und Weizen, und zwar so, dass man bald Unkraut für Weizen hält, bald Weizen für Unkraut. Um zunächst bei dem zweiten zu bleiben, das besonders charakteristisch ist, so ist doch einfach Tatsache, dass je und je neu auftretende Wahrheit Gottes von den bestehenden und herrschenden Denkweisen und Institutionen als Unkraut und Werk des Teufels betrachtet worden ist… Diese Art pflanzt sich auch auf das weltliche Denken fort, auf das Urteil über politische und soziale Erscheinungen: denken wir bloß an das der Bürgerlichen über den Sozialismus oder gar Kommunismus. Ich frage: Was wäre nun geschehen, wenn man den Paulus, den Franziskus, den Protestantismus, den Liberalismus einfach ausgejätet, das heißt ausgerottet hätte? Man hat es ja mit dem Wicliffismus, dem Hussitismus, dem Täufertum, und zum Teil (in Spanien, Frankreich, Österreich) mit dem Protestantismus getan, aber mit welchem Erfolg? Ist nicht mit diesem vermeintlichen Unkraut auch der Weizen ausgereutet worden? Ist nicht der Acker der Wahrheit der Unfruchtbarkeit verfallen, vom Tritt der Knechte – und Schergen! – hart und zuletzt eine Wüste geworden, die die entgegengesetzte Art, das Chaos, erzeugt hat? Denn vergessen wir nicht: Es kann auch eine Verwechslung in dem Sinne stattfinden, daß man Unkraut für Weizen hält. Ist dies nicht auch in gewaltigem Maßstab geschehen? Ist nicht immer wieder großer Irrtum und schwere Entartung für die Wahrheit ausgegeben und gehalten worden? Ja, ist nicht ein gewisses Religions-und Christentumswesen, das auf dem Acker des Reiches Gottes gewachsen ist, Unkraut, das den Weizen fast erstickt hat? Wie wäre es gegangen und wie ginge es, wenn es nicht – Unkraut gegeben hätte, ich meine: wenn nicht etwas Weizen gewesen wäre, das man für Unkraut hielt, wenn nicht je und je wieder das aufgekommen wäre, was die Wahrheit war, was aber als Irrtum betrachtet wurde? Was wäre das Schicksal der Wahrheit gewesen? So kämpfen die beiden Denkweisen miteinander. Eine erzeugt die andere. Beide sind für die Sache der Wahrheit gleich verhängnisvoll. Die Krankheit der Herzverengerung ist mindestens ebenso gefährlich, wie die der Herzerweiterung – sie ist sogar gefährlicher.
F. Welchen Weg weist uns denn das Gleichnis? Auf den ersten Weg, den der Duldung?
A.Das wäre ein Missverständnis der Oberflächlichkeit.
Wenn wir das recht verstehen wollen, dann müssen wir wieder zu dem beherrschenden Gesichtspunkt zurückkehren, auf den wir schon bei der Deutung der Gleichnisse der andern Reihe immer wieder gestoßen sind: zu der Frage des Besitzes, des materiellen und geistigen Besitzes. Überall schuf der Besitz die große Kluft, nämlich der Besitz, der von einzelnen Menschen oder ganzen Klassen für sie in Anspruch genommen wurde, während doch Gott allein der Besitzer ist. Überall sehen wir die Überwindung der Kluft in der Besinnung auf die Ganzheit Gottes und die Einheit in Gott, zu der wir in Denken und Tun zurückkehren müssen. Dieser Gesichtspunkt ist auch hier die Lösung. Es muß eine fundamentale Wahrheit beherrschend im Mittelpunkt unseres Denkens stehen: Nicht wir sind die Besitzer der Wahrheit, sondern Gott. Gott ist die Wahrheit. Nur er. Das bedeutet: Es gibt eine Wahrheit, und es gibt eine Wahrheit. Aber diese Wahrheit ist nicht in unserer Hand. Denn diese Wahrheit ist umfassend wie Gott selbst. Sie ist unendlich größer als wir. Darum ist auch die Wahrheit des Reiches Gottes unendlich größer als wir. Wir sind aber dieser größeren Wahrheit verpflichtet. Wie sollen sie suchen, sollen „geistlich arm“ sein, nicht beati possidentes der Wahrheit sein. Darum sollen wir jeder neu auftretenden Erscheinung, die sich als Wahrheit gibt, nicht sofort mit hochmütigem Richten entgegentreten, sondern mit der demütigen Frage: Sollte darin vielleicht eine Wahrheit sein? Was will Gott damit sagen? Auch dem in unseren Augen offenkundigen Irrtum, ja sogar dem für uns offenkundig Bösen müssen wir in dieser Haltung begegnen. „Was will uns Gott damit sagen?“ Daraus ergibt sich dann, was wir echte Duldung nennen können. Daraus das Abwarten. Daraus die scharfe Ablehnung aller Gewalt und Vergewaltigung. Denn mit dieser greift man immer in das Recht Gottes ein. Gott allein weiß ganz, was Wahrheit ist oder nicht. Wie darum ein gewisser Anspruch auf materiellen Besitz, auf absolutes Eigentum Raub an Gott ist, so ein gewisser Anspruch auf geistigen Besitz im Sinne eines analog verstandenen absoluten Eigentums. Auch die Wahrheit gehört Gott, und die Menschen sind nur ihre Verwalter, nicht ihre Herren.
F.Aber sollen wir denn nicht für die Wahrheit kämpfen?
A.Ich würde lieber fragen: Sollen wir nicht um die Wahrheit ringen?
..Aber die Angst vor dem Irrtum ist überhaupt eine der großen Gefahren der offiziellen Religion. Nur ja nicht etwas tun, was falsch wäre, lieber nichts tun! Als ob nicht dieses Nichtstun das falscheste wäre! Auch vor Gott. Es stammt doch aus der Illusion des Besitzes einer unfehlbaren und letzten Wahrheit. Um diesen geistigen Besitz hat man Angst, wie man unter analogen Umständen für den materiellen Besitz Angst hat. Diesen Besitz möchte man nicht verlieren. Aus dieser Angst vor dem Irrtum im Denken und Handeln entsteht jene Unfruchtbarkeit und Langeweile, welche das offizielle Christentum lahm legt. Man kann dem gegenüber nicht genug betonen: Der Irrtum ist ein Diener der Wahrheit, ohne den sie nicht leben kann. Irren, mutig irren, ist oft der beste Gottesdienst.
F.Gilt das am Ende auch von dem Bösen? Was bedeutet überhaupt die Stelle des „Feindes“ im Gleichnis?
A.Sie ist sehr bedeutsam. Es ist gewiß so, dass das Unkraut, das wirkliche, eine Saat des Feindes ist, dass es aus jener Urmacht des Bösen stammt, die wir mit dem Namen „Teufel“ oder auch „Satan“ oder „Fürst der Welt“ oder „Vater der Lüge“ bezeichnen können. Es ist die große Gegenmacht zum Reiche Gottes, und eines seiner wichtigsten Mittel ist der Trug, sind Erscheinungen, die aussehen mögen, wie wenn sie das Reich Gottes wären. Das letzte und höchste Symbol dieser Tatsache ist die Gestalt des Antichrist.
F.Aber woher stammt diese Macht? Es ist doch Gott, der Herr. Ihm gehört alles. Er sät doch nur guten Samen auf den Acker der Welt.
A.Die einfach-große Antwort ist: Zu Gott und zu seinem Reiche gehört vor allem die Freiheit. Auch die Freiheit der Wahl zwischen Gut und Böse, auch die Freiheit zum Abfall, sogar zur Feindschaft gegen Gott. Daraus entsteht der Feind.
F.Wie weit reicht seine Macht?
A.Er muß zuletzt doch Gott dienen. Und nicht der kleinste, vielleicht sogar der größte dieser Dienste ist, dass er, der „Vater der Lüge“, den Sieg der Wahrheit fördern helfen muß. Das ist so gemeint, dass die Offenbarung des Bösen der Offenbarung des Guten dienen muß; dass gegen den Trug der Lüge die Wahrheit klar zu sich selbst kommt; dass am Antichrist Christus deutlich wird. Das ist der Sinn der Offenbarung Johannis. Das ist der Sinn unserer Zeit. Gerade vom Unkraut hebt sich der Weizen zuletzt besonders deutlich ab und umgekehrt.
F.Aber muß nicht die Stunde der endgültigen Scheidung kommen?
A.Selbstverständlich! Das erklärt ja auch das Gleichnis deutlich genug. Die Stunde kommt durch das Reifen. Es kommt die Stunde, wo ganz deutlich geworden ist, was Weizen ist und was Unkraut. Dann kommt für das Falsche oder gar Böse das Gericht und für das Wahre und Gute der Sieg. Aber dann müssen Arbeiter da sein. Dann müssen Menschen da sein, die im Namen Gottes dieses Gericht vollziehen. Das sind „die Gerechten, die wie die Sonne leuchten in des Vaters Reich“. Sie haben vielleicht schon früh den Trug erkannt und die Wahrheit verkündigt. Sie haben schon früh Unkraut und Weizen unterschieden, aber nicht, um zum Ausjäten mit den Mitteln der Gewalt zu mahnen, sondern nur um die Gefahr zu zeigen. An ihnen werden sich dann der Trägeren Augen öffnen. Die Augen der Schlafenden. („Als die Leute schliefen“).
F.Aber gibt es nicht auch Fälle, wo man von Anfang an ganz deutlich unterscheiden kann, was an gewissen Erscheinungen, die mit dem Reiche Gottes zusammenhängen, wahr und falsch ist? Was ist dann zu tun?
A.Darauf antwortet das andere von den zwei Gleichnissen, das
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