Komm, Heiliger Geist!

Passion: Gott wird klein, damit wir IHN fassen können. Ratzinger

Die Frage nach dem Heiligen Geist ist in der heutigen Theologie sehr gegenwärtig. Die Wiederentdeckung des Themas „Schöpfung“ verweist ganz von selber auf den Geist, der „im Anfang“ über „den Wassern“ schwebte. Und dann gilt der Geist als der  Sturm, als das dynamische Prinzip, das allzu fixierte Ordnungen in Kirche und Welt aufbricht, er weht ja, „wo er will“ (Joh 3,8). Nicht nur den Ordnungen der Kirche wird der Geist entgegengestellt, auch einer Christologie, die man als „Christomonismus“ – als Ausschließlichkeit des Anspruchs Christi – kritisiert: In der Theologie der Religionen breitet sich die These aus, dass es neben der von Christus bestimmten Heilsgeschichte einen zweiten Ring der Gottesgeschichte mit den Menschen gebe – die Geschichte von Gottes Handeln durch den Heiligen Geist, die sich in den verschiedenen Religionen der Welt ausdrücke, die Weltreligionen ständen so als eigener Offenbarungsraum neben dem von der Bibel umschriebenen Raum des Glaubens. Trotz solcher Theorien, die sozusagen dem Heiligen Geist sein eigenes Profil neben der Gestalt Christi geben wollen, bleibt die Rede vom Heiligen Geist in der Verkündigung merkwürdig unbestimmt und vage. Oder sind es vielleicht gar diese Theorien selber, die den Heiligen Geist geradezu zum Prinzip der Unbestimmtheit, des Unbestimmbaren machen? Meine Verkündigungspflichten haben mich jedenfalls dazu genötigt zu fragen, was denn nun der Prediger des katholischen Glaubens von Schrift und Überlieferung her Konkretes über den Heiligen Geist sagen könne – konkret vor allem auch in dem Sinne, dass das Gesagte nicht theologische Theorie bleibt, sondern auch Bedeutung gewinnt für das reale christliche Leben… Möge das Ganze in all seinen Unvollkommenheiten einer tieferen Erkenntnis des dreifaltig-einen Gottes dienen!

Rom, am Fest Mariä Verkündigung 2004

Joseph Card. Ratzinger

DAS BEKENNTNIS DER KIRCHE UND DER
HEILIGE GEIST
(1 Kor 12,3)

Die Gnade des Pfingstfestes antwortet auf eine Frage, die in unserer Zeit geradezu zu einem Überlebensproblem geworden ist. Pfingsten ist Fest der Vereinigung, des Verstehens, des Miteinander der Menschen. Wir aber leben in einer Zeit, in der wir zwar immer näher aneinander rücken, in der die Entfernungen in der Welt schwinden und kaum noch eine Rolle zu spielen scheinen und in der doch zugleich das Verstehen der Menschen untereinander immer schwieriger wird. Erste, zweite, dritte Welt stehen gegeneinander, Generationen stehen gegeneinander, und im Alltag merken wir, wie die Menschen immer aggressiver, bissiger und ungemütlicher gegeneinander werden, das Verstehen immer schwerer wird. Wie könnte Einheit sein, derer wir so sehr bedürfen? Und woher kommt das eigentlich, dass wir häufig so verquer gegeneinander sind? Die Pfingstberichte der Heiligen Schrift lassen in ihrem Hintergrund die uralte Geschichte vom babylonischen Turmbau aufstehen – die Erzählung also von jenem Reich, in dem sich so viel Macht gesammelt hatte, dass die Menschen glauben konnten, sie brauchten nun nicht mehr auf die Huld der fernen Gottheit zu warten, sondern sie seien stark genug, selbst einen Weg zum Himmel hinauf zu bauen, selbst die Tür dorthin einzustoßen, Götter zu werden und sich das paradiesische Leben einzurichten. Und dann geschieht das Merkwürdige. Während sie so miteinander bauen, bauen sie plötzlich gegeneinander. Und während sie versuchen, Götter zu werden, sind sie in Gefahr, nicht einmal mehr Menschen zu sein, weil ihnen das Menschlichste, das Miteinander des Verstehenkönnens zerfällt. Noch vor zwanzig Jahren konnten wir der Meinung sein, dies sei ein alter orientalischer Mythos, in dem Wahrheit schwerlich zu erkennen ist. Heute wissen wir, dass er wahr ist, weil er sich unter uns ereignet. Denn wir haben durch den Fortschritt der Wissenschaft und der Technik Macht gewonnen über die Welt bis in ihre feinsten Bausteine hinein. Macht, die Welt umzubauen und den Menschen umzukonstruieren. Und so scheint es überholt, Gott zu bitten, der so ferne ist, da wir doch selber wirken können, was wir wollen und nur ans Werk zu gehen brauchten, um selber das Paradies, die bessere Welt der völligen Freiheit und des uneingeschränk-
ten Genusses zu errichten. Und wieder erleben wir dasselbe: Während es immer mehr gemeinsame Sprache, gemeinsame Information, gemeinsame Lebensform gibt, verstehen wir uns immer weniger. Unter den Menschen entsteht Grausamkeit, die wir früher nicht kannten; entsteht Misstrauen, entsteht Argwohn, entsteht Furcht voreinander, und wir werden geradezu gefährlich, einer gegen den anderen. Man braucht nur die Nachrichten zu verfolgen, das Alltagsge- schehen anzusehen, um es zu erspüren. Wie kommt das? Wie könnte Einheit werden? Die Heilige Schrift antwortet darauf: Das kann nur sein durch einen neuen Geist, der uns gegeben wird, der uns ein neues Herz und eine neue Sprache schenkt. Aber darauf stellt sich sofort die ganz praktische Frage ein: Woher soll dieser Geist denn kommen? Wie kann man ihn empfangen? Woran erkennt man ihn?
Der heilige Paulus gibt in der ersten Lesung aus dem Korintherbrief, die wir vorhin gehört haben, darauf eine verblüffend einfache und praktische Antwort. So praktisch, dass sie uns schon wieder zu einfach ist. Es geht uns wie Naaman, dem Syrer, dem gesagt wurde, er brauche nur im Jordan zu baden, um seinen Aussatz los zu sein. Das war ihm zu billig. So einfach konnte Heilung doch nicht geschehen. Ganz ähnlich stehen wir vor dieser Antwort. Denn Paulus sagt uns, der Heilige Geist wirkt nicht irgendwelche Dinge. Das neue Wort, das er uns auf die Zunge legt, diese feurige Zunge, die er uns gibt und die das Herz umwandelt, heißt ganz einfach: Jesus ist der Herr. Dies ist das neue Wort, das Trennungen überwindet und die Menschen vereint.
Um diesen einfachen und doch unermesslichen Anspruch, der in dem Worte steht, zu begreifen, müssen wir freilich etwas in die Tiefe hinuntersteigen. Zuallererst müssen wir uns bewusst werden, dass Paulus hier ganz einfach das Glaubensbekenntnis der Kirche zitiert. Er will uns damit sagen: Das Wichtige am Heiligen Geist sind nicht irgendwelche enthusiastische Erschütterungen; die gibt es auch im Heidentum. Im vorausgehenden Vers 2 hatte er die Korinther an die Zeit erinnert, da sie „zu den stummen Götzen“ geführt wurden und die dort üblichen Formen von Enthusiasmus und Ekstase erlebten. Der Heilige Geist – so lässt er uns nun verstehen – spielt nicht mit Enthusiasmen; er ist ganz nüchtern. Das neue Wort, das er uns gibt, besteht in der Demut des Mitbekennens mit dem Glauben der Kirche. Es besteht in einer Einfachheit des Herzens, die sich nicht zu groß ist, um in den gemeinsamen Glauben hineinzutreten, der die Jahrhunderte und die Kontinente überspannt und so Menschen aus dem Eigenen heraus und zueinander führt. Die Stimme des Heiligen Geistes ist das Mitbekennen im gemeinsamen Glauben der weltumspannenden, der wahrhaft katholischen Kirche. Im Mitdenken mit dem heiligen Paulus müssen wir noch einen Schritt weitergehen und nach dem Inhalt dieses Bekenntnisses fragen, der die Kirche baut und ohne den sie nicht wäre. Dieser Inhalt lautet: Jesus ist der Herr. „Herr“ ist die alttestamentliche Gottesbezeichnung, die bei der Bibellesung an der Stelle des nicht auszusprechenden Gottesnamens getreten war.
So ist dieser Satz ein Bekenntnis zum Gottsein des Menschen Jesus Christus. Und in der Tat ist ja alles in der Welt wie in unserem Leben anders, wenn dies wahr ist. Wenn in Christus Gott hereingetreten ist in die Welt, dann gibt es nicht mehr die ewige Ungewissheit, ob Gott existiert, wie er existiert, was er von uns will, ob Welt und Leben überhaupt einen Sinn haben und einen Weg. Dann ist die Tür aufgestoßen, dann ist der Weg gezeigt, dann ist Antwort da, auf die alles wartet. Jesus ist der Herr. Das bedeutet aber auch: Dies kann nur sagen, wer sich dem Herrentum Jesu anheim gibt. Wer eintritt in seine Maßstäblichkeit. Wer sich von ihm zuinnerst formen lässt. Wer reif ist, mit ihm mitzugehen und ihm zu folgen. Ein solches Wort: .Jesus ist der Herr“, das Maßstab, Weise meines Daseins ist, kann man gar nicht allein mit der Zunge sprechen, es fordert den ganzen Menschen ein. Und indem es uns dazu nötigt, unsere Selbstherrlichkeit aufzugeben und seine MaßstäbIichkeit anzunehmen, führt es uns zueinander. Denn, wenn wir alle nicht mehr nach unserem eigenen Sinn leben, sondern hineinleben in den, der uns vorausgeht, hineinleben in den, der uns geliebt hat bis in den Tod hinein, dann werden wir wahrlich kornmunikabel füreinander. Und nun wird sichtbar, warum Babylon Babylon und warum Pfingsten Pfingsten ist. Wo Menschen Götter sein wollen, können sie nur gegeneinander stehen. Wo sie aber in die Mitte hineintreten, in die Wahrheit des Herrn selber, da treten sie in den Geist ein, der ihrer aller Geist trägt und der sie wahrhaft vereinen kann. Es gibt aber nur einen Herrn, der wirklich Anspruch auf alle erheben kann und damit niemandes Freiheit zerstört, sondern uns wirklich eint: denjenigen, der Mensch und Gott zugleich ist. So öffnet sich der Zusammenhang zwischen Christus und dem Heiligen Geist. Das Pfingstfest blickt auf die Dreifaltigkeit hinüber. Der Geist tut nicht irgendetwas: Er ist nüchtern, und er unterstellt uns dem Herrentum Jesu Christi. Aber Jesus Christus nachfolgen, dies wiederum bedeutet nicht, sich an einen einzelnen zu binden, sondern es heißt, sich öffnen in die Weite der Wahrheit hinein. Ihm nachfolgen, das bedeutet, wahrhaft geistiggeistlich offen und frei, wahrhaft ein Mensch zu werdenBild Gottes und Gott ähnlich. Bitten wir in dieser Stunde den Schöpfer Geist, der die Kirche gegründet hat, mit den Gläubigen aller Zeiten: Komm, Schöpfer Geist, und erneuere uns und diese Erde. Amen.

DER HEILIGE GEIST IN STURM UND FEUER

Der Heilige Geist kam auf die Jünger, als sie an einem Ort versammelt waren, so berichtet uns die Lesung aus der Apostelgeschichte, die wir gerade gehört haben. Sie will uns damit etwas sagen über die Voraussetzung seines Kommens und zugleich über die Zeichen seiner Nähe. Wenn wir den ganzen Bericht im Zusammenhang lesen, erfahren wir mehr darüber. Dort wird uns gesagt, dass Jesus vor seinem Scheiden den Jüngern auftrug, zunächst nichts aus Eigenem zu tun, sondern beieinander zu bleiben und die Gabe des Heiligen Geistes abzuwarten. Und so versammelt sich die kleine Schar der Glaubenden, zusammen mit Maria und den inzwischen durch die Wahl des Matthias wieder zur Zwölfzahl ergänzten Aposteln. Sie wussten, dass ihr Beieinandersein, dass ihre Eintracht, die Voraussetzung für Pfingsten war. Und sie erkannten, dass wiederum die Voraussetzung für die Eintracht das Gebet ist. Denn nur das Gebet und nicht die raffinierteste Psychotechnik kann jenen seelischen Grund in uns freilegen, in dem wir einander berühren, in dem wir miteinander verträglich sind, in dem Friede und Einheit sind. Eintracht ist die Voraussetzung r die Gabe des Geistes und Gebet die Voraussetzung der Eintracht. Aber auch dies andere, das wir hörten, das wartende Offenstehen auf den Herrn, gehört dazu. Und hier gerade muss die Kirche unserer Zeit – wie mir scheint – ganz neu lernen. Es gibt sehr viel Aktivität in der Kirche von heute. Es gibt einen Fleiß, der die Menschen bis an die Grenzen ihrer Kräfte, und oft darüber hinaus, beansprucht. Aber es gibt kaum noch jenes stille Verweilen vor dem Worte Gottes, in dem sich unser Wollen und Tun entkrampfen und gerade so frei und fruchtbar werden. Gewiss, der Herr braucht unseren Fleiß und unsere Hingabe. Aber wir brauchen seine Gegenwart. Wir müssen den Mut zum Ungetanen, und so die Demut des Wartens vor dem Worte, neu lernen. Denn sehr oft würde eine einzige Stunde des stillen Hineinhörens in Gottes Wort mehr wirken als ganze Tagungen mit Sitzungen und Diskussionen. Und ein Augenblick des Gebetes würde fruchtbarer sein als ganze Stöße von Papieren. Mitunter entsteht der Eindruck, dass hinter der übersteigerten Hektik unserer Aktivitäten ein Misstrauen gegenüber der Kraft Gottes steht. Und hinter der Vermehrung unserer Werke ein Lahmwerden unseres Glaubens, indem wir letzten Endes doch nur auf das vertrauen, was wir selber leisten und bewerkstelligen. Aber wir wirken gar nicht nur durch das, was wir machen, sondern nicht minder durch das, was wir sind, wenn wir reif und frei und wahr werden dadurch, dass wir die Wurzeln unseres Seins in die fruchtbare Stille Gottes hineinhalten. Der Heilige Geist wird in der heutigen Lesung vornehmlich unter zwei Bildern dargestellt: Unter dem Bild des Sturmes und unter dem Bild des Feuers. Sturm ist vor allen Dingen ein Ausdruck für Macht – für die alte Welt ein Zeichen der Macht Gottes, der die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Aber in diesem Bild des Sturmes verbirgt sich noch ein zweiter Gedanke; er ist nämlich auch Ausdruck für eines der vier Lebenselemente – das Element der Luft, das diese unsere Erde von allen anderen Gestirnen unterscheidet und sie zum Stern des Lebens macht. Nur wo Luft ist, haben Lungen Sinn. Nur wo sie ist, kann geatmet werden, kann Leben sein. Was dieses geheimnisvolle Element der Luft r biologisches Leben bedeutet, das ist das Heilige, der Heilige Geist, für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann Menschsein, kann Humanität bestehen, kann Geist wirklich leben. Wir lesen in den Zeitungen heute sehr viel von der Luftverschmutzung, die durch unsere Zivilisation eintritt. Und in den Ballungsräumen können wir auch, ohne solches zu lesen, durch eigene Erfahrung bemerken, dass wir in und mit dem Lebenselement Luft auch die Gifte einatmen, die das Leben zerstören. Aber von der geistigen Umweltverschmutzung, die die Atmosphäre zerstört, in der Geist leben kann, davon sprechen wir nicht. Und dabei sind die Vergiftungen des Herzens und des Geistes, die durch solche seelische Umweltvergiftung entstehen, weit alarmierender als die Erkrankungen, die durch die physische Luftverschmutzung stattfinden. Bei einer Firmreise ist mir berichtet worden, dass an dem betreffenden Ort ein Drittel aller Kinder verhaltensgestört sind, weil sie Liebe nicht einatmen können, die das Urelement ist, dessen der Mensch zu seinem Wachsen und zu seinem Sein bedarf. Dass in der westlichen Welt Filme voller Gewalt und Verachtung des Menschen als etwas ganz Normales erscheinen, ist ein Zeichen, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, den Menschen mit Kot zu bewerfen, seine Würde zu verhöhnen und mit Füßen zu treten. Wir sagen uns dabei: dies ist eben Freiheit. Aber dass die Würde des Menschen zu zertreten und das Gemeine als normal hinzustellen zur Gewohnheit geworden ist und dass wir uns dabei irgendwelche schönen ideologischen Ausreden zimmern, ändert nichts daran, dass dabei die seelische Luft vergiftet wird, in der wir atmen müssen. Gewiss, wo von innen her die Würde des Menschen nicht gegen solche Missbräuche schützt, sind auch Verbote sinnlos. Umso mehr müssen wir es als Christen als unseren Auftrag ansehen, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu bemühen, der geistigen Umweltverschmutzung entgegenzutreten und in der Gemeinschaft der Glaubenden Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen. Das zweite Bild für den Heiligen Geist in unserer Lesung ist das Feuer.
Wenn in der alten Welt Luft als das Grundelement des Lebens erschien, so gilt Feuer als das Element, auf dem die Kultur beruht; also die Voraussetzung dafür, dass wir selbst Erde bebauen, formen und gestalten können. Feuer ist Licht, Wärme, Dynamik, die verwandeln kann. Aber es ist zugleich auch das Element der Zerstörung, des Untergangs, wo es aus der Kontrolle gerät. In der alten Welt wurde es als ein Stück von der Sonne, als das Element der Götter angesehen. Darauf, dass der Mensch darüber verfügen kann, beruhte es, dass man ihn für gottähnlich ansah. Die griechische Welt hat den Mythos von Prometheus geschaffen, der den Kampf gegen die Götter führt, das Feuer vom Himmel herunterholt, auf die Erde bringt und damit eine neue Welt eröffnet. Goethe hat dieses Pathos in seinem Prometheusgedicht in erregende Worte gegossen: „Hier sitz‘ ich, forme Menschen nach meinem Bild. Ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen sich. Und dein nicht zu achten, wie ich!“ Dies ist geradezu zum Programm der Neuzeit geworden: nicht Gottes Bild, sondern nur unser eigenes Bild sein zu wollen, die Macht über die Welt uns selbst zu geben und seiner, Gottes, nicht zu achten dabei und nichts von ihm zu erwarten. Aber nun, da es uns gelungen ist, das Feuer aus dem Himmel und aus der Tiefe, aus der Materie des Atoms zu reißen, beginnt doch die Frage, ob wir dabei die Erde nicht verbrennen, ob nicht das Element der Kultur und des Schöpferturns in unseren Händen umschlägt in das Element der Zerstörung und der Vernichtung. Pfingsten sagt uns, dass der Heilige Geist Feuer ist und dass Christus der wahre Prometheus ist, der das Feuer vom Himmel geholt hat. Ja, der Mensch soll Feuer haben, er soll nicht in einem langweiligen Dasein dahinvegetieren, er ist dazu geschaffen, Gott ähnlich zu sein, aber dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der Titan, der Gott beiseite wischt, sondern der Sohn, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft niederlegt und so Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer neuen Welt werden lässt. Christentum ist Feuer. Es ist nicht eine langweilige Angelegenheit, ein frommer Wortschwall, mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen können, um auch noch dabei zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die zur Leidenschaft Jesu Christi steht und von ihr her die Welt erneuert. Nehmen wir aus den Bildern und Gedanken der Lesungen von heute zum Schluss nur noch eines heraus: Der Heilige Geist überwindet die Furcht. Die Jünger, die sich eben noch – wie wir im Evangelium hörten – hinter verschlossenen Türen vor den Juden versteckten, die ihren Herrn gekreuzigt hatten und ja auch sie verhaften und hinrichten hätten können, diese Jünger treten heraus, furchtlos und verkünden die Botschaft von Christus, dem Gekreuzigten, ohne Angst, weil sie sich in den Händen des Stärkeren wissen. Ein Priester, der einige Zeit in Afrika in einem Gebiet verbringen konnte, das noch kaum vom Christentum und von der europäischen Zivilisation berührt ist, hat mir erzählt, dass das Erschütternde und Bewegende dieser Erfahrung für ihn die lähmende Furcht gewesen ist, die das ganze Leben dieser Menschen beherrscht, die eigentliche Prägemarke des Heidentums, in dem der eine Gott nicht erschienen ist. Sie fürchten sich vor den Geistern der Toten, sie fürchten sich vor unbekannten Geistern, sie fürchten sich vor der Unberechenbarkeit der bekannten Geister. Das ganze Leben ist ein Kalkül der Furcht, des Auskommenkönnens mit den unheimlichen Mächten, denen der Mensch fast waffenlos gegenübersteht. Der Heilige Geist überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe und als Liebe die Allmacht ist.
Deswege
n ist Furchtlosigkeit das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der allmächtigen Liebe gibt. Und deswegen kann auch der Glaube, wo er gesund ist, furchtlos sich den Mächten der Welt entgegensetzen, weil er sich von dem geführt und behütet weiß, der als der Stärkere den Starken gefesselt hat (vgl. Mk 3,27). Und es ist nicht so, wie es hingestellt wird, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig beiseite wischt, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit aufstünden.
Wo der Glaube verschwindet, muss der Mensch wieder beginnen, sich
vor den unbekannten Mächten des Schicksals, der Zukunft, der Natur zu fürchten, die er nicht bannen kann, sondern nur der, der das All geschaffen hat und es in seinen Händen trägt. So wollen wir an diesem Pfingsttag bitten, dass der Heilige Geist zu uns komme und das Angesicht der Erde erneuere. Amen.

DER GEIST DER VERGEBUNG

In dem Evangelium, das wir eben gehört haben, begegnet uns das Pfingstbild des heiligen Johannes, mit dem er die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte erklärt und vertieft.
Der auferstandene Herr, der an der Freiheit des Heiligen Geistes teilnimmt, tritt durch die verschlossenen Türen zu den Jüngern ein. Der Geist weht, wo er will (Joh 3,8). Und das Wort Gottes ist nicht gefesselt. So ist dieses Evangelium zunächst eine Botschaft der Hoffnung in einer Welt, in der immer die Türen für den Herrn zugemacht werden – in einem Jahrhundert der Märtyrer, in dem Geist und Macht Wände und Riegel und Gitter gegen das Wort Gottes aufrichten – mehr als je zuvor. Aber das Wort Gottes ist frei. Und es hat sich die Macht behalten, immerfort durch verschlossene Türen einzutreten, Riegel zu zersprengen und Fesseln abzuwerfen. Und wir können es sehen, wie dort, wo ein halbes Jahrhundert der Atheismus als Staatslehre herrschte und alle Möglichkeiten moderner Diktatur aufgeboten wurden, um dem Geist Gottes den Eintritt zu wehren, gerade unter jungen Menschen die Frage nach Gott wieder aufgebrochen ist. Wir erleben, wie der Herr hereintritt durch die gewaltsam verschlossenen Türen und wie er auch diesen Menschen seine Hände und seine Seite von neuem hinhält, dass sie sie anrühren und darin ein anderes, ein neues Leben berühren können. Der Geist weht, wo er will. Dieses Wort und diese Wirklichkeit voller Hoffnung soll auch uns an Pfingsten wieder aus unserer Lethargie, unserer Angst und unserem Kleinmut herausreißen. Wir sind ja wirklich von der Furcht gezeichnet, dass die Kraft dieses Geistes vielleicht für das 20. Jahrhundert und das 21. Jahrhundert nicht mehr ausreichen könnte, dass sie am Erlöschen sei. Und wie die Apostel von damals, so klagen auch wir vor dem Herrn, dass wir uns eine ganze Nacht, ein ganzes Jahrzehnt und länger hindurch im Dunkel geplagt und dabei nichts gefangen haben. Aber so wie damals kann er auch heute den Misserfolg in seinen Segen verwandeln (vgl. Joh 21,1-14). Er kann hereintreten, wo er will, selbst durch die Türen unserer blasierten Besserwisserei und unseres Snobismus. Er wird vielleicht nicht da hereingehen, wo wir durch Papiere und Beschlüsse glauben, ihn hereinführen zu müssen. Aber er kann hereintreten – und tritt herein, wo er es will. Der Geist weht, wo er will. Diesen Satz müssen wir daher auch einmal andersherum, mit anderer Betonung hören, um ihn ganz auszuschöpfen. Er heißt zugleich: Der Geist weht, wo Er will, und nicht, wo wir es wollen. Denn die Freiheit des Heiligen Geistes, Mauern und Türen zu durchbrechen und dort zu wehen, wo Menschen ihn nicht vorsehen, diese Freiheit des Heiligen Geistes ist ja nicht die Heiligsprechung der Beliebigkeit und nicht die Dogmatisierung der Willkür. Der Heilige Geist ist nicht der Geist der Welt und nicht unser eigener Geist, sondern eben der Geist Gottes, der Geist Jesu Christi. Und wo seine Freiheit als Verbrämung für die eigene Willkür gebraucht wird, da kann man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass das, was da weht, nicht der Heilige Geist ist. Der Geist weht, wo er will. Das heutige Evangelium legt uns die beiden Seiten dieses Satzes aus. Sowohl dies, dass er hereintreten kann, wo Mensehen ihn auszuschließen versuchen, wie dass er dort weht und nur dort, wo der Raum seines Willens ist.
Er weht als Atem Jesu Christi. Der Herr haucht die Jünger an, und dies ist die Gabe des Heiligen Geistes (Joh 20,22 f.). Der Heilige Geist kommt von Christus her, denn er ist die Gegenwartsweise von Gottes Willen: Der Geist ist der Atem Christi, und wir stehen im Raum des Geistes, wenn wir im Atemraum Jesu sind. Hinter diesem wundervollen Bild leuchtet das Bild des Schöpfungsmorgens auf. Gott hat den Menschen aus Lehm geformt, aber zum lebendigen Wesen wurde er erst dadurch, dass Gott wie die Bibel sagt – ihm seinen Hauch in die Nase blies (Gen 2,7). Aber damit ist die Schöpfung des Menschen noch nicht vollendet. Damit der Mensch als geistiges Wesen leben könne, reicht es nicht zu, dass seine Organe funktionieren und sein Verstand in Ordnung ist. Die Lungen nützen dem Menschen ja nur dann, wenn die Luft da ist, die sie zum Atmen brauchen. Und so kann der Mensch als geistiges Wesen nur leben, wenn die geistige Luft da ist, die ihn leben lässt. Wenn da eine Wahrheit ist, die Sinn hat, die sinnvoll ist, die gut ist. Wenn es eine Liebe gibt, die wahr ist. Erst in dieser zweiten Schöpfung ist der Mensch erlöst. Erst die Erlösung rechtfertigt die Schöpfung und macht sie sinnvoll.
E
rst wenn dies da ist, eine Atmosphäre, in der es Wahrheit gibt, die gut ist, und Liebe, die wahr ist, kann der Mensch zustimmen zum Dasein. Erst so kann er sagen: Ja, es ist gut, dass ich lebe. Ich bin froh, dass ich da bin.
Erst in diesem Hauch der Wahrheit vollendet sich die Schöpfung, wird sie erlöst. Und so ist erst der Atem Jesu Christi, des Gekreuzigten, in dem endgültig die Wahrheit, die gut ist, auf uns zugeht, unsere Rechtfertigung und unsere Erlösung. Diese Wahrheit, die gut ist, die ist der frische Wind, die reine Luft, die der Mensch braucht, um geistig-menschlich atmen und leben zu können. Der auferstandene Christus lässt den Atem des Lebens auf uns zutreten. Wir atmen also die Luft, die wir zum Leben brauchen, wenn wir in seinem Raum stehen, wenn wir im Glauben an die Auferstehung leben. Deswegen sagt der heilige Paulus: Im Heiligen Geist sprechen wir:
Jesus ist der Herr (1 Kor 12,3). Das Bekenntnis zum Auferstandenen ist die neue Zunge, die der Geist uns gibt; der neue Wind, der uns leben lässt. Zu solchem Bekennen gehört freilich mehr als die Zunge. Es gehört der Verstand und das Herz dazu, mit dem wir von innen Jesus anrühren und uns anrühren lassen von ihm. Wenn wir nun wieder in das Evangelium hineinschauen, stellen wir ein Zweites fest, das uns vielleicht noch mehr überrascht. Der Pfingstgeist, den der Herr gibt, ist die Vollmacht der Vergebung (Joh 20,23).
Die Frucht des Kreuzes ist Vergebung. Der Heilige Geist ist ein Geist der Vergebung.
Und d
arum sind die beiden Sakramente der Vergebung, Taufe und Buße, der eigentliche Grund der Kirche, die pfingstliche Gabe, die pfingstlichen Sakramente, durch die der Heilige Geist Kirche gründet und baut.
Das hören wir gar nicht so gern. Die Taufe schieben wir etwas in die Folklore ab und die Buße ins Anonyme, ins Kollektive, soweit wir sie überhaupt gelten lassen. Und dies ist kein Zufall. Denn Vergebung anzunehmen, fordert eine Demut, die uns nicht leicht fällt. Es verlangt zuzugeben, dass Sünde ist – dass ich sündig bin. Zwar kann unsere Zeit ohne weiteres Fehler zugeben, technische Mängel, die man dann verbessern kann, und sie ist sehr eifrig dazu bereit, Schuldbekenntnisse für andere, besonders für frühere Generationen, abzulegen. Aber im Grund sind dies ja nur Mechanismen der Verdrängung, durch die wir die Sünde von uns wegschieben. Und der „Unschuldswahn“, in dem diese Zeit lebt, an dem sie krankt, bleibt dabei unberührt.
Aber wo das Wissen um Schuld verdrängt und deshalb scheinbar Vergebung nicht mehr benötigt wird, geschieht Gefährliches, Zerstörerisches mit dem Menschen. Nur wer an Gott glaubt, kann an Vergebung glauben. Und nur wer an Vergebung glaubt, kann Sünde zugeben. Aber alles dieses drei hat sich gelockert bei uns. Weil Gott fern gerückt ist, glauben wir Vergebung nicht, und darum können wir auch Sünde nicht zugestehen. Denn der Mensch, der nicht auf eine wirklich gültige und verwandelnde Macht der Vergebung hoffen kann, der muss auf die Dauer auch die Norm leugnen, die ihn misst, weil er ja nicht auf Dauer mit einer irreparablen Schuld zusammenleben kann. Das geht nicht. Um Schuld zu beseitigen, muss der Mensch, wenn es keine Vergebung gibt, die Normen leugnen. Die Folge davon ist, dass ein jeder nur noch sich selbst zum Maßstab nimmt. Wenn jedoch jeder sich selbst Maßstab ist, dann hat dies zur Folge, dass der Mensch in eine leere Beliebigkeit, in die Belanglosigkeit heruntersinkt. Es gibt ja kein Maß und kein Ziel für uns. Keinen Willen über uns, für den wir wichtig wären. Auf diese Weise entsteht nun erst recht in dem Menschen, der als Maßloser belanglos geworden, jene Selbstverachtung, vor der er zu entfliehen suchte. Der Mensch, der nichts bedeutet, kann sich nur verachten. Und all die Flucht, die wir heute kennen: Droge, Alkohol, Selbstmord kommt letztlich aus dieser Selbstverachtung, die unsere Zeit zeichnet und die die Wurzel all ihrer Krankheiten ist. Der Mensch mag sich nicht mehr. Weil er nichts wert ist, karikiert er sich als nackten Affen, als Störenfried der Natur, bespuckt und schämt sich seiner selbst. Und so versklavt er sich in die Lüge hinein. Er lügt die Norm hinweg, und die Lüge selbst vergewaltigt ihn, bis er wirklich nicht mehr atmen und als Mensch leben kann. Nur die Wahrheit könnte ihn frei machen. Aber die Wahr- heit – seine Schuld – kann er nur annehmen, wenn Vergebung ist. Und darum ist der Geist der Vergebung zugleich der Geist der Wahrheit und der Freiheit. Er gibt uns die Freiheit, Wahrheit anzunehmen und wahr zu werden. Die Vergebung ist die eigentliche Befreiung, die hinter all dem Freiheitsschrei unserer Zeit unerkannt steckt, ja bewusst versteckt wird, obgleich sie doch das eigentlich Nötige wäre: der pfingstliche Geist, der uns als Menschen leben lässt. Noch ein Drittes steckt in dem heutigen Evangelium. Der Herr gibt die Vergebung als Vollmacht, Sünden zu vergeben, an die Jünger. Das bedeutet: Der Heilige Geist baut Kirche, und zu dieser Kirche gehört von Anfang an die Vollmacht der Apostel und ihrer Nachfolger. Zu dieser Kirche gehört Ordnung, und gerade so ist sie Raum der Freiheit.  Durch die Vollmacht bleibt der Herr sozusagen selbst im Boot der Kirche. Er hat den Glauben nicht dem endlosen Disput der Gelehrten ausgeliefert und die Kirche nicht der Organisationskraft der Menschen. Er bleibt selbst im Boot. Von da aus kann man auch verstehen, was mit „Unfehlbarkeit“ gemeint ist. Sie bedeutet, dass wir nicht angewiesen sind auf die bescheidene Ampel unserer Vernunft, sondern dass uns der Herr ein größeres Licht hinterlassen hat. Sie bedeutet, dass wir nicht alleingelassen mit den Vermutungen des menschlichen Verstandes leben müssen; dass wir uns nicht selbst an unserem Schopf, wie Münchhausen, aus dem Sumpf herauszuziehen haben, sondern dass er sein Wort letztlich selber schützt und auslegt. Sie bedeutet, dass wir auf einer Gewissheit stehen, die nur Er geben kann. Nur eine solche Gewissheit ist der Boden, auf dem man leben und auf dem man sterben kann. Deswegen hat der Heilige Vater in seiner ersten Enzyklika gesagt, dass diese Unfehlbarkeit – die Verlässigkeit, mit der der Herr selbst das Wort in der Kirche festhält – die Gabe ist, die der Herr als Auferstandener vom Kreuze her seiner Braut, der Kirche, als Ausdruck seiner Treue hinterlassen hat. Christus geht nicht weg und lässt uns nicht allein. Er lässt uns nicht als Waisen zurück (Joh 14,18). Er bleibt selbst, und sein Wort hält er selber fest. Der Dienst der Kirche ist es, die Zurücknahme des Glaubens in unsere menschlichen Fündlein zu verhindern und ihn in den Händen des Herrn zu lassen, der ihn uns als die bleibende und wahre Gewissheit schenkt. So gibt er uns den Atem der Wahrheit, der uns leben lässt. Als den schönsten Satz des heutigen Evangeliums empfinde ich das Wort: „Als die Jünger den Herrn sahen, freuten sie sich“ (Joh 20,20). Dies ist ein ganz menschlicher Satz. Der verlorene Freund ist wieder da – und die zuvor Verstörten freuen sich. Aber der Satz führt viel tiefer. Denn dieser Verlorene kommt ja nicht von irgendwo her, sondern aus der Nacht des Todes herauf. Und er hat sie durchschritten. Und er selbst ist nicht irgendwer, sondern er, der Freund, ist zugleich die Wahrheit, die den Menschen leben lässt: die Liebe, die ihn unwiderruflich birgt und trägt. Deswegen geht an ihm nicht irgendeine Freude auf, sondern die Freude selbst, die Gabe des Heiligen Geistes ist. Ja, es ist schön zu leben, denn ich bin geliebt. Und es gibt Wahrheit, die mich liebt. Als die Jünger den Herrn sahen, freuten sie sich. Dieser Satz ist heute – am Pfingsttag – auch uns zugedacht. Denn im Glauben können wir ihn sehen. Im Glauben tritt er unter uns herein und hält auch uns seine Hände und seine Seite hin, damit wir froh werden. So wollen wir bitten: Herr, zeige dich uns. Schenke uns, deine Gegenwart zu sehen. Und gibt uns der Gaben schönste, deine Freude. Amen.

„DER HERR IST DER GEIST“
(2 Kor 3,17)

Zwei bedeutende Erinnerungen geben dem Pfingstfest dieses Jahres sein eigenes Gepräge: Im Jahr 381 wurde von der Kirchenversammlung zu Konstantinopel das Bekenntnis zum Heiligen Geist formuliert, das die Christen bis zur Stunde über die Mauern vielfältiger Trennungen hinweg verbindet. Nach zermürbenden Streitigkeiten hatte die Kirche, die in theologische und politische Parteien zu zerfallen drohte, darin ihre Einheit wieder gefunden. Fünfzig Jahre später traf sich in Ephesus abermals ein Konzil, das Maria den Titel Mutter Gottes zuerkannte. Fragen wir zuerst: Was hat uns das Glaubensbekenntnis über den Heiligen Geist zu sagen? Er wird als Herr und Lebensspender bezeichnet. Als Herr zunächst – das weist daraufhin, dass sich der Mensch seine Lebensgrundlagen nicht selbst beschaffen kann. Er kann nicht selbst entscheiden, was gut oder böse für ihn ist. Er findet in der Schöpfung und in seinem Gewissen die Sprache seines Schöpfers, die Sprache des lebenspendenden Geistes vor. Seine Freiheit besteht darin, dass er gerufen ist, mit seiner Vernunft die Spuren der Vernunft des Schöpfers zu erkennen, die Vernunft der Schöpfung in seiner eigenen Vernunft zu erfüllen. Auch die Kirche gibt sich ihre Grundlagen nicht selbst. Sie kann nur zusammenhalten, wenn es eine Grundlage gibt, die ihr vorausgeht und alle trägt. „Es gibt keinen anderen Grund als den, der gelegt ist – Jesus Christus“ (1 Kor 3,11). Diese Grundlage kann uns nur der Heilige Geist immer neu geben. Wo Menschen die Kirche selbst konstruieren wollen, sich selbst die Modelle ihres Lebens erdenken, zerfällt die Weltkirche, die Kirche aller Orte und aller Zeiten in parteiliche Zirkel. „Der Herr ist der Geist“ sagt Paulus (2 Kor 3,17) in einer Formel von weitgespannter Bedeutung. Sie weist jedenfalls auch auf das hin, was unser Credo sagt: Der Geist ist Herr. Wenn Kirche bestehen soll, müssen wir in die von ihm bereitete, vorgegebene Einheit eintreten – in die Einheit des Glaubens der ganzen Kirche. In einem spontanen Erwachen ist mitten in der Zeit der Debatten und Papiere in der ganzen Christenheit weltweit wieder ein neues Empfinden für die Kraft des Heiligen Geistes aufgebrochen. In Gebetskreisen wird sein Wirken lebendig erfahren. Gewiss gibt es da manchen Überschwang und manche Gefahren. Aber ebenso gewiss liegt darin auch ein Zeichen und eine Hoffnung für unsere Zeit. Der Herr lässt die Kirche nicht los. Der Heilige Geist hört nicht auf zu wirken. Das gemeinsame Beten in der Einheit mit der ganzen Kirche ist der sicherste Weg zur Einheit und zum Leben. Damit haben wir im Grunde auch schon die anderen Aussagen des Bekenntnisses bedacht: „Er wird  mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht“. Dieser Satz bildet die Mitte des Abschnitts über den Heiligen Geist. Das will sagen: im Zentrum steht die Anbetung. Auf dem Weg über diesen Satz wurde damals, im 4. Jahrhundert, der kirchenspaltende Streit beendet. Die gemeinsame Anbetung des dreieinigen Gottes sollte auch heute wieder das Einigende werden. Ohne Gebet vertrocknet die Welt, erstickt sie in ihren Erfindungen und in ihrer Gewalttätigkeit. Das Gebet ist heute wichtiger denn je. Es ist wichtig nicht bloß als Bittgebet, so sehr die Zeit uns dazu drängen muss, sondern auch als beharrliche einfache, demütige Anbetung dessen, der Herr ist und lebendig macht. Ja, er macht lebendig. Er gibt die Grundlage, worauf man leben und sterben kann. Er ist die Kraft, die uns den Tod bestehen hilft.
„Er hat gesprochen durch die Propheten“ – das bedeutet: Er eint nicht nur die Orte, sondern die Zeiten. Er führt die Generationen zueinander
, weil er der Geist der Propheten und der Geist der Prophetie, der Geist des Glaubens von damals und der Geist der Hoffnung für morgen ist. Er kommt vom Vater, und er führt zum Vater. Er befreit damit auch uns von der Selbstverschlossenheit. Er kommt nicht von sich und er spricht nicht im eigenen Namen. In diese Freiheit und Offenheit führt er den Menschen: Nur wer sich verliert, findet sich. Zum Schluss müssen wir nochmals auf das zweite Jubiläum dieses Jahres zurückkommen – auf die Benennung Marias als Mutter Gottes vor 1550 Jahren. Nur scheinbar liegt dies weitab von allem, was wir bisher bedacht haben. Es war das eigentliche Pfingstereignis der Weltgeschichte, als Maria sagte: „Siehe, mir geschehe nach deinem Wort“ (Lk 1,38). Denn das größte Werk des Heiligen Geistes in der Geschichte ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Der Pfingsttag selbst konnte nichts Größeres bringen. Er gehört mit der Stunde von Nazareth zutiefst zusammen. Das damals Begonnene soll von nun an die ganze Welt erfassen: Christus will immer neu geboren werden aus den Menschen. Gott will Mensch werden in uns. Die Menschheitsgeschichte soll Geschichte Seiner Menschwerdung sein, Christus soll Gestalt annehmen in uns, sagt der heilige Paulus (GaI 4,19). Nur wenn die Menschheitsgeschichte Menschwerdungsgeschichte des Sohnes wird, kann sie ihre Höhe erreichen und vor dem Absturz in die Barbarei bewahrt werden. Auch am Ende des 20. Jahrhunderts ist uns keine andere Hoffnung gegeben; auch am Beginn des 21. Jahrhunderts setzen wir auf die Gestaltwerdung Christi in der Welt. Darum ist das Pfingstgebet der Kirche ein marianisches Gebet: Siehe, mir geschehe nach deinem Wort. Je tiefer wir in diese Gesinnung hineintreten, desto mehr wird Pfingsten sein, desto mehr Hoffnung besteht in allen Dunkelheiten für die Welt. Amen.

GEIST DES LEBENS – GEIST IN LEIB

Durch das neue Pfingstfenster ist in unserem Dom das Geheimnis dieses Tages auf eine bewegende Weise anschaubar und gegenwärtig geworden. Freilich, wer nur oberflächlich hinsieht, wird gar nichts von dem pfingstlichen Geschehen dort erkennen; er findet nur die fast schreckenerregende, geheimnisvolle Majestät des ewigen Gottes, des Schöpfers und Vaters. Doch im näheren Zuschauen wird dann erkennbar, dass dieser Gott nun doch nicht nur ferne, unberührbare Majestät ist, sondern dass von ihm eine Bewegung ausgeht, ein Abstieg, der ein Sich-Neigen und Begegnen der Liebe ist und der dann im Absteigen Gemeinschaft neuen Aufstiegs schafft und alles im Ring der himmlischen Liebe vereinigt. Vom Vater herunter steigt der Sohn, von ihm der Heilige Geist, der, der in feurigen Zungen sich auf die Menschen senkt. Das Bild der vielen Flammen sagt uns, dass der Geist sich vervielfacht und dabei doch immer der Eine ist; sich ausbreitet, die Apostel umgreift, aufsteigt und die gefallene Schöpfung wieder hinaufhebt in die Einheit der schöpferischen und rettenden Liebe Gottes. So ist in der Dynamik dieses Bildes das Eigentliche dieses Tages – das Geheimnis des Heiligen Geistes – ausgelegt, den man gar nicht für sich allein erkennen und sehen kann. Wer sozusagen Spezialist für den Heiligen Geist werden, ihn isolieren und isoliert genau untersuchen möchte, der wird ihn nicht zu Gesicht bekommen; er wird ihn mit seiner Seele nicht berühren können. Denn der Heilige Geist lebt nur im Kreislauf der dreifaltigen Liebe, die zugleich schaffende und verwandelnde Liebe auf das Geschöpf hin ist. Nur in diesem großen Sichbewegen, in diesem Ineinander und Zueinander von
Vater, Sohn und Geist, in ihrem Hinsein zur Schöpfung ist er und ahnen wir etwas vom Geheimnis seiner Größe und seiner Nähe. Was so in dem Pfingstfenster an Wesentlichem und Grundlegendem ausgesagt wird, verdeutlicht sich uns, wenn wir in die Lesungen dieses Tages hineinhören, die uns eben vorgetragen worden sind. Paulus steht im Gespräch mit den Korinthern, die nach einer Religion des Geistes ausschauen, geradezu süchtig sind nach immer neuen und möglichst sensationellen Geistgaben. Aber gerade darum können sie den Heiligen Geist nicht finden, sondern zerreißen sich gegenseitig in Eifersucht und Streit. Paulus gibt ihnen nun einige sehr einfache Regeln, wie man den Geist Gottes vom Ungeist des Menschen, vom eigenen Geist unterscheiden kann. Die erste, grundlegende und wesentliche Regel haben wir eben gehört: „Niemand kann sagen:
Jesus ist der Herr, außer im Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3). Dieses Wort: „Jesus ist der Herr“ ist die Grundform des Glaubensbekenntnisses der Kirche.
Nach dem Sprachgebrauch, der aus dem hebräischen Wort „Herr“ kommt, ist es das Bekenntnis zum Gottsein Jesu Christi. Das Credo der Kirche ist nichts anderes als die Entfaltung dessen, was in diesem einen Satz liegt. Es bleibt in allen Entfaltungen das gleiche und eine Credo.
Von diesem Bekenntnis der Kirche sagt nun Paulus, dass es das eigentliche Wort und Werk des Heiligen Geistes ist.
Das Credo ist gleichsam das Wort, das er sich geschaffen hat, in dem wir Antwort werden auf die Rede Gottes. Es ist sein Wohnraum. Wenn wir zum Heiligen Geist hinzutreten wollen, brauchen wir nur hineinzutreten in dieses Credo. Indem wir uns dort ansiedeln, es uns zu eigen machen, es uns als unser Wort geben lassen, treten wir ein in das Wohnen und Wirken des Heiligen Geistes.
Dahinter steht, dass der Geist seinem Wesen nach die Wahrheit ist. Und dass die Wahrheit nur eine ist. Dass die Wahrheit daher nicht trennt, sondern vereint. Ihr Zeichen ist eben das Vereinen. Der Geist gibt uns die Wahrheit, nach der wir vergeblich suchen. Gewiss, vieles können wir erkennen. Aber vor dem Eigentlichen – vor der Frage, wer wir selbst im tiefsten sind, woher wir kommen, wer Gott ist und wie man es anfängt, ein Mensch zu sein, es recht zu sein, vor diesem Eigentlichen sind wir blind. Wir vermögen es nicht zu erfassen. Entweder entziehen sich dann die Menschen der Frage nach der Wahrheit und wollen nur im Erfolg und im Äußeren dahinleben; aber so versinken sie dann doch in einer tiefen inneren Leere, weil unser Sein nach Wahrheit dürstet. Oder die Menschen schaffen sich ihre eigenen Antworten, die uns aber nur immerfort gegeneinander kehren. Der Heilige Geist ist Wahrheit. Dabei geht es nicht um irgendetwas aus der Menge dessen, was man wissen kann. Es geht vielmehr um das Eine und Entscheidende, das im Bekenntnis der Kirche gesagt wird: Wer Gott ist. „Jesus ist der Herr.“ Das bedeutet: So ist Gott. Dies ist sein Gesicht. Gott zeigt sich in Jesus und gibt uns damit die wesentliche Wahrheit – mit der Erkenntnis Gottes die Wahrheit über uns selbst. Indem wir hereintreten in dieses nicht von uns geschaffene Wort, sein Wort, wird Pfingsten. Indem wir das Credo beten und es hernach mit dem Chor in unseren Herzen mitvollziehen, gehen wir hinein in das, was am ersten Pfingsttag geschehen ist:
Aus der Verwirrung von Babylon, der gegeneinander streitenden Stimmen, wird Vielheit zu vielgestaltiger Einheit, wächst Verstehen aus der einigenden Macht der Wahrheit. In dem Credo, das uns über alle Erdteile hin vereint, das uns in der Verschiedenheit der Sprachen durch den Heiligen Geist einander verstehen lässt, formt sich durch Glauben, Hoffnung und Liebe die neue Gemeinschaft der Kirche Gottes.
Der heilige Johannes hat in dem Evangelium, das wir eben hörten, die gleiche Einsicht in eine etwas andere Richtung ausgeweitet. Er sagt uns, Pfingsten beginne eigentlich schon an Ostern mit der Gabe des auferstandenen Herrn. Sein Atem, sein Hauch, ist der Atem Gottes. Der heilige Geist und sein Wort, das er uns darin gibt, ist Vergebung. Darin kommt noch einmal zum Vorschein, dass der Geist Wahrheit ist. Denn die Wahrheit besteht doch darin, dass wir Vergebung brauchen. Ein einmütiges Miteinander von Menschen kann es überhaupt auf Dauer
nur geben, wenn wir unter der Gnade der Vergebung stehen. Die Wahrheit ist, dass
wir schuldig sind. Dass wir Sünder sind und nur leben können, wenn Gott Vergebung ist, wenn uns Vergebung wird.
Auch vor dieser Wahrheit stehen wir halb als Wissende und halb als Blinde. Einer der bekannten Psychologen unserer Zeit hat von „der Unfähigkeit zu trauern“ gesprochen, das heißt von der Unfähigkeit zur Reue; von der Unfähigkeit anzuerkennen, dass es nicht die Anderen und nicht die Strukturen, sondern im letzten wir selbst sind, was uns nicht mehr recht leben lässt. Die Wahrheit der Schuld – unserer Sünde – können wir aber nur anerkennen, wenn die verwandelnde Vergebung aus der verwundeten Liebe Jesu Christi auf uns zukommt. Sie schafft uns neu. Und so können wir nun zu dem ersten Geistwort – Jesus ist der Herr – ein zweites hinzufügen:
Das „Ich spreche dich los“ ist wie das Credo des Glaubens an Jesus Christus das neue Wort, mit dem der Heilige Geist immerfort die Erde neu schafft; der Raum der Verwandlung, in den er uns hineinruft, in dem auch heute Pfingsten ist.
Zuletzt können wir beides, die paulinische und die johanneische Sicht, zusammennehmen und auf eine ganz einfache Formel bringen und sagen: Der Heilige Geist ist der Atem Jesu Christi. Wir sind dann in der Nähe des Heiligen Geistes, wenn wir gleichsam auf Atemnähe mit Jesus leben. An dieser Stelle taucht der Zusammenhang von Schöpfung und Erlösung auf:
Der Hauch Gottes hat am Anfang aus Lehm Menschen gemacht. Der Hauch Jesu Christi macht aus lehmverklebten Menschen, die in sich verkrümmt sind und sich nicht erheben können, Apostel, Jünger, lebendige Menschen, in denen Glaube und Liebe leben.
Freilich, wenn wir so nachdenken, was wir uns gewöhnlich unter Pfingsten, unter „Heiligem Geist“ eigentlich vorstellen, müssen wir wohl sagen, dass unsere ersten Gedanken anders sind. Wir stellen uns vor, eine Religion des Heiligen Geistes müsste eine Religion sein, die nur ganz aus dem Herzen quillt, keine Dogmen und keine Gebote, keine Ämter und keine Hierarchie, keine Bürokratie und keine Administration kennt, sondern nur Geist und Wahrheit ist. Dies ist der Traum, den wir immer mit Pfingsten verbinden: dass der Geist dies alles wegreiße und uns zur reinen, freien Geistreligion führe. Wer so denkt (ein wenig tun wir es wohl alle), der verkennt das Wesen des Menschen. Denn der Mensch ist eben nicht reiner Geist. Das Auszeichnende, die besondere Idee Gottes mit ihm ist gerade dies, dass er Geist in Leib und Leib durch Geist ist. Dass in ihm Einheit der Schöpfung lebt. Dass Geist die Materie durchdringt, etwas von ihrer Kraft, von ihrer Vitalität und Fülle empfängt. Und dass umgekehrt Geist die Materie erfüllt, sodass sie durchlichtet und durchhellt wird von der Gnade der Erkenntnis. Wo beides getrennt wird, wird Leib zu bloßem Körper und Geist zu kalter Berechnung, zu bloßer Funktionalität.
Diese Zertrennung der Welt ist die große Versuchung und Not unserer Zeit.
Denn wir erleben doch dies, dass einerseits der Leib nur noch als Körper behandelt wird, den man selber schon machen, herstellen, im Labor fabrizieren kann und den man auch im geeigneten Augenblick, wenn es nicht mehr lohnt, abtreten lässt. Das Zerbrechen der Ehrfurcht vor dem Beginn und vor dem Ende des menschlichen Lebens zeigt dieses Herabsinken des Leibes zum bloßen Körper, weil die Einheit nicht mehr da ist.
Zugleich zeigt sich da aber auch die Degradierung des Geistes, der nur noch Kalkül und Machen ist, weil er nicht in der Einheit steht, die Gott ihm vorgegeben hat. Gewiss, Jesus hat gesagt: „Der Geist weht, wo er will.“ Und er tut es auch. Immer noch gibt es die neuen, die unerwarteten Durchbrüche des Geistes, der da ansetzt, wo wir es nicht geplant haben und wo es uns vielleicht auch gar nicht gefällt. Vor einiger Zeit ist in einem nordischen Land mit viel Gelehrsamkeit an Psychologie und Soziologie berechnet worden, warum es nie wieder eine religiöse Erweckungsbewegung geben könne. Bald darauf geschah sie. Weil der Geist Macht hat und auch heute und immer wieder auf erregende Weise neu Menschen in das Licht Jesu Christi hineinnimmt, geschieht immer wieder das Unerwartete, scheinbar Unmögliche. „Der Geist weht, wo er will.“ Aber das heißt nicht Ordnungslosigkeit und Anarchie, denn der Herr fügt hinzu: „Wenn einer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und Geist, kann er nicht eingehen in Gottes Reich“ (Joh 3,5). Der Geist vermittelt sich durch das Wasser, durch den Quell, der aus der verwundeten Seite, dem offenen Herzen Jesu ausströmt. Er vermittelt sich in der Leibhaftigkeit der Kirche und ihrer Sakramente. Der Herr hat am Kreuz, nach seinem Tod, den Leib nicht hinter sich gelassen als etwas, das seinen Dienst getan hat, das im Grab nun verwesen kann, weil es nicht wichtig wäre. Nein, er hat ihn hinaufgenommen, ihn verwandelt und uns so gezeigt, dass die Materie gottfähig ist, ewigkeitsfähig, dass sie verwandelt werden kann und dass Gott die Einheit alles Wirklichen gerade durch dieses Geschöpf Mensch wirken will. In den Sakramenten gibt sich uns der Geist. Deswegen hat Augustinus das kühne Wort gewagt:
„So viel hat einer den Heiligen Geist, so viel er die Kirche liebt.“
Die Kirche in ihrer tiefsten Wahrheit, das ist nicht Administration und Bürokratie, die es auch geben muss, die aber eben doch nicht das Eigentliche an ihr ist. Die Kirche, das ist das Antworten des Credo. Das Ja des Glaubens. Die Kirche, das ist das Wort der Vergebung. Die Kirche ist Gottesdienst und Gnade der Sakramente, in der immerfort der Geist sich leibhaftig mitteilt und Christus durch den Geist neu Leib unter uns ist. Wir möchten dem gewiss immer wieder entfliehen, weil wir sehen, wie viel Lehm statt Leib da ist. Aber dies gerade ist das Drama des Heiligen Geistes in der Welt, das Drama der Kirche und unser Drama: das Ringen darum, dass Lehm Geist werde. Und nicht indem wir dem Lehm entfliehen, vergeistigen wir uns, nicht auf solche Weise machen wir Kirche geistig und neu und frei, sondern nur indem wir den „Lehm“ ertragen in uns und in den anderen, ihn hineintragen in die neue, belebende Kraft, in den Atem Jesu Christi, in den Heiligen Geist, der auch heute die Welt verwandelt. Der Heilige Geist hat aus furchtsamen Menschen Apostel geschaffen. Wir wollen den Herrn bitten, dass er auch heute uns die Gnade des Geistes gebe. Dass er den Lehm in uns anrühre und dass so lebendige Kirche werde, Pfingsten in unserer Zeit. Amen.

DER HEILIGE GEIST –
KRAFT DER VEREINIGUNG

Im Johannes-Evangelium findet sich ein merkwürdiges Wort Jesu, mit dem er sein Wirken am Sabbat, vielleicht aber im Stillen auch seine Herkunft aus dem Haus des Arbeiters Josef verteidigt, die von manchen als Argument gegen seine messianische Würde ausgespielt wurde. Jesus hält alledem den erstaunlichen Satz entgegen: „Mein Vater arbeitet bis zur Stunde und auch ich arbeite“ (Joh 5,17). Der Herr will damit sagen, dass Gott sich nicht nach einem vermeintlich längst vergangenen Schöpfungsakt in den Ruhestand eines unbefristeten Sabbat zurückgezogen hat, in dem er die Welt sich selbst überließe. Weil Gott immerwährende Gegenwart ist, darum umfaßt sein Schöpfungsakt alle Zeiten und alle Geschichte. Immerfort ringt Gott um diese Welt, gestaltet er sie. Er hat nicht einst in ferner Vergangenheit dem Lehm den Geist eingehaucht, sondern fortwährend arbeitet er, damit der Geist den Lehm durchdringe, damit der Mensch gottfähig werde und so sich das Sehnen der Schöpfung erfülle (Röm 8,19). Immerfort arbeitet Christus an uns, ringt um uns, damit wir Sohnesgestalt annehmen. Der Pfingstbericht des heiligen Lukas (Apg 2, 1-13) zeigt die neue Phase von Gottes Arbeit an der Welt, die mit der Auferstehung Christi begonnen hat. Von ihm, dem Menschen, der Gottes Sohn ist, strömt nun der Atem Gottes, der Heilige Geist, mit neuer Kraft auf die Menschheit aus. Was geschieht dabei? Es entsteht Einheit, es wächst Verstehen, wo vorher Fremdheit war. Die verstreuten Glieder des Körpers der Menschheit werden zusammengefügt. Die einzelnen, vom Geist Berührten, werden so in die Gemeinschaft mit Christus hineingerissen, dass sie ein neues Subjekt mit ihm werden – ein Leib, sagt Paulus: die Kirche. Die Wirkung von Gottes Arbeit am Menschen ist Einheit. Daran erkennt man ihn. Und daher ist die erste Visitenkarte der Kirche in der Geschichte ihre Universalität. Sie spricht im ersten Augenblick ihres Werdens in allen Sprachen. Bevor es Ortskirchen gab, gab es die Gesamtkirche, und die Ortskirchen sind ihre Töchter, die sich immer am Maßstab der Einheit und der Universalität messen lassen müssen. Zur Kirche gehört wesentlich, dass sie bestehende politische und kulturelle Grenzen überschreitet. Sie ist nicht selbst eine Art von neuem Einheitsstaat, sondern sie ist ein Ferment der Einheit quer durch alle menschlichen Grenzziehungen hindurch. Daraus entsteht ein sehr konkreter Maßstab für unser christliches Leben: Jede Abschließung in eigene Ideen und Formen hinein ist Zeichen der Entfernung vom Heiligen Geist. Ortskirchliche Eigenwege müssen immer auf den gemeinsamen Weg zugehen. Gewiss, die Einheit, die der Heilige Geist schafft, hat nichts mit Gleichmacherei zu tun. Das war das Modell von Babylon: die technische Einheitskultur. Gleichmacherei verbindet nicht, sondern trennt. Während man in Babylon nach dem biblischen Bericht nur noch eine Sprache für alle gelten lassen wollte, sprechen die Apostel in allen Sprachen, und die Einheit des Geistes gibt gerade in der Vielfalt Verstehen. Wenn Kirche in allen Völkern und in den verschiedensten gesellschaftlichen Gebilden lebt, wird sie von selber vielfarbig. Aber sie muss immer durch das Verstehen aller anderen gezeichnet bleiben. Ortskirchliche Sondergestalten dürfen nichts von Ausschließlichkeit an sich haben, sie müssen sich immer dem Ganzen öffnen. Die Kirche erfüllt ihre versöhnende und einende Funktion nur dann, wenn sie nie mit einem Staat oder einem Kulturbereich zusammenfällt. In allen Staaten und an allen Orten muss sie doch die katholische, das gemeinsame Haus aller bleiben, in dem alle sich wiedererkennen. Wenn wir den Bericht des heiligen Lukas genau lesen, sagt er uns noch wesentlich Konkreteres. Um die Universalität der Kirche vom ersten Augenblick an deutlich zu machen, zählt Lukas eine Liste von zwölf Völkern auf, die er wohl aus jüdischen oder hellenistischen Überlieferungen übernommen hat. Zwölf, die Zahl der Sternbilder, will immer ein Ausdruck für Universalität sein. Aber da zeigt sich nun etwas Merkwürdiges: Der Horizont der hellenistischen Kreise, die wohl diese Liste entworfen hatten, beschränkt sich auf Teile Asiens und des östlichen Nordafrika. Es ist die Ursprungswelt des Christentums, die uns hier recht deutlich vor Augen tritt. Von seiner Entstehung her ist es, wie man sieht, keineswegs ein westliches Gebilde. Lukas aber durchschaut die Begrenztheit dieser vermeintlichen Universalität und fügt ihr drei weitere Glieder hinzu, die sich als wahrhaft geschichtsprägend erwiesen haben: Er nennt zusätzlich an dreizehnter Stelle die Römer und weitet damit den Blick in die ganze westliche Welt bis nach Britannien und Germanien – in jene Bereiche hinein, die ja Jahrhunderte darauf langsam zu Europa wurden. Er spricht ferner von Juden und Proselyten, also von der neuen Einheit aus Israel und den Weltvölkern; er nennt endlich „Kreter und Araber“ als Symbol für West und Ost, für Inseln und Festland, um noch einmal das Umfassende des neuen Menschen, den ganzen Christus auszusagen. Das bedeutet: Der Heilige Geist bricht alle Mauern auf, die sich durch die Menschheit ziehen. Christus tritt durch verschlossene Türen hindurch und gibt Frieden. Für jedes Mühen um ein künftiges erneuertes Europa wird hier Wesentliches gesagt. Zum ersten dies: Europa ist überhaupt erst durch die Begegnung mit Christus entstanden. Wo es sich dieser Begegnung entzieht, löst es sich auf. Europa wurde, weil Christus verschlossene Türen durchschritt. So gehört zu ihm wesentlich, dass es über sich hinausschaut. Es muss Verantwortung für das Ganze tragen. Es muss ein Ort der Wahrheit und des Friedens für alle sein, weil Wahrheit und Friede unteilbar sind. Es ist durch einen Vorgang der Vereinigung des Getrennten entstanden und muss selbst in der Dynamik des Vereinigens bleiben, wenn es überhaupt Bestand haben soll. An dieser Stelle müssen wir nun allerdings dem heiligen Lukas genau zuhören, um nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen.
Vereinigen war auch das Programm Babylons. Aber die babylonische Art von Vereinigung beruht auf Unterwerfung, denn Uniformität schließt immer Unterwerfung unter eine sich
durchsetzende menschliche Form ein. Europa hat in seiner Geschichte zusehends mit diesem Modell der Einheit gearbeitet. Der Kolonialismus ist eine Form des Vereinigens, die in ihrer geschichtlichen Wirkung Abgründe der Trennung aufgerichtet hat, die kaum überbrückbar scheinen. Die technische Zivilisation hat nun ihrerseits eine Uniformität des Denkens, Wollens, Lebens und Gestaltens herbeigeführt, die geradezu das Eigene der einzelnen Kulturen zu ersticken droht. Aber Einheit bewirkt sie nicht. Gleichzeitig mit ihr wächst die Entfremdung der Menschen voneinander, entsteht ein neuer Provinzialismus, entsteht der Verdacht und die Abneigung aller gegen alle. Kein bloß menschlicher Gedanke, kein bloß menschliches Konzept kann Einheit geben, weil es ja immer nur einem Teil zur Macht verhelfen würde. Die wirkliche Einheit, der wahre Friede, kann nur von dem kommen, der uns alle vom Innersten unseres Seins her umfaßt: vom Sohn Gottes. Nur er hat die Vollmacht, zu uns allen zu sagen: Der Friede sei mit euch. Nur der Friede mit Gott kann dem Menschen Frieden mit sich selbst geben, und nur so kann wahrer Friede untereinander wachsen. Auf solche Weise wird sichtbar, wie das Evangelium dieses Tages uns Unerlässliches für unser heutiges Fragen sagt: Ohne die Erkenntnis der Sünde und ohne ihre Vergebung gibt es den Frieden nicht. Die Vergebung ist die Weise, wie Gott an uns arbeitet. Und nur er kann die getrennten Glieder der Menschheit durch diese seine Arbeit eins werden lassen. All das hat in unserer Geschichtsstunde eine Aktualität erhalten, die eigentlich auch den Tauben aufhorchen und den Blinden sehen machen müsste. Durch die fest verriegelten Türen atheistischer Systeme ist Christus unversehens hereingetreten und hat den Erschreckten aus der Ewigkeit seines Erbarmens und aus der Brudergemeinschaft seines Leidens heraus zugerufen: Friede sei mit euch. Die Türen zwischen Ost und West stehen von neuem offen. Keine Verhandlungskunst und keine Gewalt hatte sie aufsprengen können. Er, der Auferstandene und Lebendige konnte es.
Er arbeitet an uns, auch heute; er arbeitet an der Welt, damit sie Reich Gottes werde.
Es wäre ein tragischer Gedanke, sich
vorzustellen, dass Europa sich ihm gerade in dieser Stunde verweigert und stattdessen auf das babylonische Muster setzt, auf eine Kunst des Machens ohne Gott und ohne Geist. Ein Hochmut dieser Art wäre ein Sieg des Nihilismus und damit die Auslieferung an die Macht der Zerstreuung und der Zerstörung, in der nur der Kampf der entgegengesetzten Egoismen bliebe. Aber dieser Alptraum darf nicht Wirklichkeit werden. Christus steht in unserer Mitte. Er sagt auch zu uns: Friede sei mit euch und zeigt uns seine durchbohrten Hände und seine geöffnete Seite. Tun wir ihm die Türen auf. Nehmen wir seinen Frieden an. Treten wir in seine schöpferische Arbeit mit ein, damit sein Reich komme, Gottes Reich. Amen.

GEIST UND FEUER

Der Bericht der Apostelgeschichte über das erste Pfingsten, von dem wir vorhin in der ersten Lesung den Anfang gehört haben, erzählt uns am Ende, dass an diesem Tage, nach der Predigt des heiligen Petrus, 3000 Menschen sich zu Christus bekehrten und das Sakrament der Taufe empfingen. So ist Pfingsten neben Epiphanie und Ostern zum dritten großen Tauftag der Christenheit geworden. Mit Pfingsten beginnt die Kirche, denn sie beginnt immer im einzelnen Menschen mit seiner Hinkehr zu Christus. Sie beginnt mit der Taufe, das heißt mit dem Hineingeführtwerden in die Kirche Jesu Christi, mit der neuen Geburt in die Familie Gottes hinein. Die Taufbewegung hatte wenig zuvor am Jordan mit Johannes dem Täufer begonnen, dessen Auftreten große Wellen messianischer Erwartung erweckte, denen Johannes die Deutung gab, indem er sagte: „Ich taufe euch mit Wasser auf Buße hin; nach mir kommt einer, der stärker ist als ich … Er wird euch in Heiligem Geist und Feuer taufen“ (Mt 3,11). An Pfingsten ist diese Verheißung in Erfüllung gegangen. Im Sturmwind des Pfingsttages ist die Flamme des Heiligen Geistes auf die versammelte Jüngergemeinde herabgestiegen, hat in ihnen gezündet, hat ihnen dieses neue Feuer Gottes gegeben, von dem der Herr sagte: Dazu bin ich gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und wie sehr wünschte ich, dass es schon brenne (Lk 12,49). Die zwölf Apostel mit ihren Helferinnen und Helfern haben diese Flamme bis an die Enden der Erde getragen, sie haben eine neue Lichtspur Gottes durch die Welt gezogen und mit dieser heiligen Flamme die Erde verändert. Das Feuer, das sie brachten, war nicht die Brandfackel, wie sie Eroberer und Krieger zerstörend in die Welt hineinwerfen. Es war erst recht nicht die Brandfackel, wie sie die blutigen Diktatoren unserer Gegenwart in die Welt hineingeschleudert und zu einem grausigen Feuerwerk gesteigert haben, das nur verbrannte Erde hinterlassen sollte. Gottes Feuer, das Feuer des Heiligen Geistes ist anders. Es ist das Feuer des Dornbusches, das brennt, aber nicht verbrennt. Es ist Flamme, die brennt, ja, aber nicht zerstört, sondern im Brennen in uns die verdeckte Wahrheit und die verschüttete Liebe freilegt und uns so erst zu uns selber hinführt, uns verwandelt zu dem hin, was wir sein sollen. Es ist Feuer in der Weise der Gotteserfahrung, wie sie Elia am Horeb gemacht hat, wo er erkennen musste, dass Gott nicht im zerstörerischen Sturm ist, sondern im leisen Hauch. An diesem Tag denken wir in Regensburg an eine Etappe dieses Flammenweges des Heiligen Geistes durch die Geschichte, an die Taufe von 14 böhmischen Stammesfürsten, die nach Regensburg gekommen waren – „religionem christianam desiderantes“, sagen die Fuldenser Annalen – aus Verlangen nach der christlichen Religion. Nicht Gewalt hat sie zum Christentum geführt, sondern die Suche nach dem Licht, das sie aus dem Glauben herüberscheinen sahen. So sind Grenzen aufgegangen, nicht durch Zerstörung und durch äußere Macht, sondern durch die Flamme des Heiligen Geistes, der uns zu Geschwistern macht. Diese Flamme der Wiedergeburt hat die Grenzen geöffnet und diesseits und jenseits davon uns zu Geschwistern werden lassen. Geschwister, wohlgemerkt nicht nach der Weise von Kain und Abel, sondern nach der neuen Weise Jesu Christi, die an Pfingsten entstand und von der Lukas sagt: Sie waren ein Herz und eine Seele, und sie hatten alles gemeinsam (vgl. Apg 4,32). Die Flamme des Heiligen Geistes geht durch alle Jahrhunderte hindurch. In der Kirche ist immer Pfingsten. Immer neu entzündet der Heilige Geist sein Feuer, diese leise, stille Flamme, die nicht zerstört, aber doch voll heiliger Kraft ist. Wenn ich dies nun sage, dann kann freilich eine Frage aufstehen: Brennt diese Flamme eigentlich auch heute noch in der Kirche? Ist es wahr, wenn wir gläubig bekennen, dass in der Kirche immer jenes Pfingsten ist, das stets neu beginnt mit jedem Neugetauften, sodass Kirche immer neu vom Heiligen Geist selbst erschaffen wird? Brennt diese versöhnende und heilende Flamme wirklich noch in der Kirche, oder ist sie vielleicht unter dem Staub und dem Schutt vielfältiger Gewohnheiten, Institutionen und Ängste erstickt? Ist Christentum noch Feuer und Heiliger Geist, oder ist doch auch im Christentum am Ende nur Wasser übriggeblieben? Das abgestandene Wasser von Theorien und geistreichem Gerede, das mit gedrechselten Worten vergeblich den Verlust an Wirklichkeit zu verbergen versucht, der sich dahinter verbirgt? Mir geschieht fast jeden Tag beim Überqueren des Petersplatzes, wenn ich zu meiner Arbeit gehe, dass ich jungen Menschen aus fast allen Teilen der Welt begegne, die nicht Karriere suchen, sich nicht selber herausstellen wollen, sondern die von der Freude des Glaubens getroffen sind und Christus dienen wollen. Aus ihnen leuchtet Freude und der Mut des Aufbruchs zu Christus heraus. Bei solchen Begegnungen sehe ich: Ja, die Flamme brennt. Und wenn ich Menschen auf der Höhe des Lebens begegne, die, ohne Aufhebens von sich zu machen, ohne Nachrichten zu erzeugen, Tag um Tag in großer Geduld und Demut, Güte und Beständigkeit einem oft schweren Leben standhalten – und ich könnte so viele kleine Geschichten von Zeichen der Güte erzählen, die ich immer wieder erlebe – dann weiß ich: Ja, die stille und dennoch kraftvolle Flamme, sie brennt noch heute. Und wenn ich alte Menschen sehe, in denen nichts von Bitterkeit ist, sondern eine reine und reife Güte und eine große innere Freiheit, die aus dem Glauben, aus der Nähe Gottes in Jesus Christus kommt, dann weiß ich: Ja, auch heute haben wir nicht nur Wasser in der Kirche, sondern Flamme des Heiligen Geistes. An diesem heutigen Pfingsttag spricht der Heilige Vater in Brüssel den großen Aussätzigen-Apostel, Damian de Veuster, selig. An solchen Gestalten wird etwas von dieser flammenden Kraft des Heiligen Geistes sichtbar, der die Grenzen des Ausgesetztseins, des Ausgegrenztseins wegweist und der in der Liebe, auch in der Gefährdung und Hingabe des eigenen Lebens, eine neue Geschwisterlichkeit erschafft. Dieser eine, der heute auf den Leuchter gehoben wird, an dem können wir sehen: Ja, der Heilige Geist ist da – dieser Selige steht ja nur für die vielen Männer und Frauen, Priester, Ordensleute und Laien, die Tag für Tag still und auf vielfältige Weise sich den Menschen von der Kraft Gottes her schenken und Wunder der Nächstenliebe tun. Gewiss, wenn irgendwo ein Skandal geschieht, erfahren wir ihn auf der ganzen Welt sofort. Die Flamme des Heiligen Geistes erzeugt offenbar keine medienfähigen Nachrichten, aber sie ist da, und sie ist unsere Zuversicht. Auf sie setzen wir, und Pfingsten will uns die Augen des Herzens aufmachen, dass wir sie wieder sehen. So können wir auch erkennen, dass die Enthüllung der Tafel, die uns an ein lang vergangenes Ereignis vor 1150 Jahren gemahnt, nicht nur von Vergangenheit spricht, sondern gerade uns in unserer Gegenwart ruft. Wie oft sind wir Bayern und Böhmen, Deutschen und Tschechen einander Kain gewesen und haben mit Neid aufeinander hingeschaut und einander totzuschlagen versucht. Die Flamme des Geistes, unser Getauftsein muss uns helfen, von Kain wegzugehen hin zur Geschwisterfamilie von Pfingsten; Kräfte der Versöhnung zu finden, die das Störende und Zerstörende wegräumen, wegbrennen und uns frei und offen machen füreinander. Die Flamme des Heiligen Geistes ist nicht erloschen. Aber da bleibt trotzdem noch eine Frage. Wie steht es denn mit uns selber? Haben wir je etwas davon erfahren dürfen, dass wir nicht nur mit Wasser, sondern auch mit dem Heiligen Geist und mit dessen Feuer getauft wurden? Haben wir je etwas gespürt von der Gabe des Heiligen Geistes, die uns gegeben ist? Ungefähr im dritten Jahrhundert wurde ein Jesuswort aufgezeichnet, das nicht in der Schrift enthalten ist, aber durchaus echt sein könnte. Es lautet: „Wer mir nahe ist, ist dem Feuer nahe.“ Die Flamme des Heiligen Geistes, wir sagten es, verbrennt nicht, aber sie brennt. Denn nur indem sie brennt, kann sie auch verwandeln. Sie kann und muss aus uns herausbrennen, was in uns Gott und dem Nächsten entgegensteht, uns hindert, zueinander zu kommen und uns zu Kain macht. Sie brennt. Davor erschrecken wir. Wir möchten nicht gern gebrannt werden. Wir möchten so bleiben, wie wir sind und noch einiges dazu. Wir leben aus der Philosophie des Habens und nicht des Sich-Gebens. Es gibt heute eine große Bewunderung für Jesus von Nazareth. Das ist erfreulich. Aber wenn vom Einzelnen verlangt wird, nicht nur schöne Gedanken über ihn zu haben, sondern sich ihm hinzugeben, ganz wie er es konkret verlangt: dem Leib der Kirche, von dem wir in der zweiten Lesung hörten, dann wird es anders. Dann haben wir Angst vor dem Anspruch des Glaubens. Es könnte ja sein, dass wir dann dies und jenes, was wir lieben, nicht mehr tun und haben dürften. Wir haben Angst, dass uns schöne Stücke des Lebens genommen werden, dass uns vieles entgehen könnte, wenn wir uns allzu nah auf Christus einlassen. Während wir von Mut sprechen, fürchten wir uns doch in Wirklichkeit vor ihm, vor seiner fordernden Nähe. Und deswegen muss der Herr zu uns sagen – immer wieder sagen -, was er zu den Elfen gesagt hat: Fürchtet euch doch nicht vor mir! Ich zerstöre ja nicht, ich baue auf. Fürchtet euch nicht! gewiss, ihr müßt etwas weggeben. Nein, nicht etwas. Ihr müßt euch selbst verlieren, denn: Nur wer sich selbst verliert, findet sich. Ihr müßt euch hergeben, aus euch heraustreten. Habt doch keine Angst, dass ihr, wenn ihr euch für mich und an mich verliert, ins Leere stürzt! Wer zu Jesus geht und sich ihm anvertraut, der fällt nicht ins Leere, der fällt in die Arme und in die Liebe Gottes hinein. Der findet sich erst recht. Aber weil diese Furcht in uns lauert und uns hindert, ganz Christen zu sein, uns von der Flamme des Heiligen Geistes berühren zu lassen, hat der Heilige Vater am ersten Tag seines Pontifikats gesagt und sagt es immer wieder: Habt keine Angst vor Christus! Verschließt euch nicht! Tut die Türen auf für ihn! Er allein gibt wirklich Leben.
Der Glaube ist Heilung und Heil. Wir können nicht von innen her geheilt werden, wenn wir nicht auch den Schmerz der Verwandlung annehmen. In der Sprache Jesu Christi ist das Wort „Feuer“ zuallererst ein Bild für das Geheimnis des Kreuzes. Ohne diese feurige Gemeinschaft des Kreuzes gibt es in der Tat Christentum nicht.
Aber Feuer ist dann auch Bild der Liebe. Und beides ist eigentlich dasselbe. Denn Kreuz ist Liebe, und Liebe ist Kreuz. Und gerade so ist es rettend und groß. Auch aus rein menschlichen Erfahrungen wissen wir das. Der Augenblick der großen Begeisterung, des Hingerissenseins genügt nicht. Er wird zum leeren Versprechen und zur Enttäuschung, wenn wir ihm nicht durch das tägliche Einander-Ertragen und Tragen, das Sich-Annehmen und Sich-Geben Beständigkeit und reine Gestalt geben und so zur wirklichen Liebe reifen. Komm, Heiliger Geist, und entzünde in uns das Feuer deiner Liebe! Dies ist ein kühnes Gebet, denn wir bitten um das Angezündetwerden von der Flamme des Heiligen Geistes. Aber es ist auch ein großes und rettendes Gebet. Denn nur diese Flamme heilt. Wenn wir uns ihr entziehen, weil wir unser Leben retten wollen, gerade dann versäumen wir das wirkliche Leben. Nur die Flamme des Heiligen Geistes erlöst uns. Denn nur die Liebe erlöst. Amen.

GEIST UND FREIHEIT – FREIHEIT UND
BINDUNG (Pfingstvigil: Ex 19,3 ff.; Joh 7,37-39)

Es mag uns vielleicht überraschen, dass uns am Pfingsttag die Kirche die Lesung vom Sinai, vom Herabsteigen Gottes in Zeichen vorlegt, die Furcht und Schrecken bewirkten, worauf dann das Gesetz Gottes mitgeteilt wird, das Inhalt des Bundes zwischen Gott und Israel ist, der am Sinai geschlossen wurde. Wir haben demgegenüber das Gefühl, dass eigentlich Sinai – die Gesetzgebung, geradezu der Gegensatz zu dem sei, was Pfingsten bedeutet. Sinai – wir denken an Gesetz, an Gebote und Verbote, an das, was den Menschen einengt und ihm den Weg schwer macht. Pfingsten dagegen bedeutet uns das Fest des Geistes, der befreit, der Freiheit und Weite gibt. Karl Rahner hat in seinen frühen Jahren einmal gesagt, der Pfingstgeist habe die Zaunpfähle herausgerissen, mit denen übereifrige Diener das Wort Gottes einzuzäunen versuchten, inzwischen seien sie dabei, die Zaunpfähle wieder einzusetzen. Der Geist Gottes müsse uns immer neu von diesen Verzäunungen seines Werks befreien. Die Kirche will uns aber gerade mit der Lesung der Sinai-Geschichte nachdenklich machen, uns tiefer in das Eigentliche von Pfingsten hineinführen. Zunächst sollten wir bedenken, dass die Kirche in den Festen Ostern und Pfingsten wahrhaft Neues empfangen hat. Aber diese Feste stehen dennoch in der Kontinuität der Geschichte Israels, ja, der Geschichte der Menschheit. Denn im allerersten Anfang stehen dahinter Feste der Natur: ein Nomadenfest an Ostern, ein Erntefest an Pfingsten. Daraus sind dann Feste Israels geworden. Ostern ist das Fest des Auszugs, der Befreiung aus Ägypten – das Gedenken jener geheimnisvollen Nacht, in der Gott das Herz des Pharao aufweichte, sodass Israel aufbrechen konnte. Pfingsten ist das Fest der Erinnerung an die Ereignisse vom Sinai. So ist der Bogen der fünfzig Tage, der Ostern und Pfingsten zusammenhält, im glaubenden Erinnern Israels schon vorgebildet. Zwischen Ostern und Pfingsten besteht auch dort schon ein innerer Zusammenhang. Israel hat in dem Ereignis des Sinai nicht etwa die Zurücknahme der Befreiung gesehen, die ihm in der österlichen Nacht des Passah geschenkt worden war, das Ereignis vom Sinai war vielmehr erst die endgültige Gabe der Freiheit. Denn Freiheit von Menschen kann nur dadurch bestehen, dass Freiheiten miteinander leben und sich einander zuordnen. Wenn jeder nur seinen Willen durchsetzen will, wenn jeder nur an sich und an seine eigenen Ideen von Freiheit denkt, dann zerstören wir uns gegenseitig. Dann gibt es keine Freiheit mehr. Menschliche Freiheit kann nur dadurch bestehen, dass unser aller Freiheit sich zusammenfügt zu einem Ganzen; dass wir im Miteinander des gegenseitigen Respektes uns eine Lebensordnung schenken und erfüllen, in der wir alle uns binden an den anderen und dadurch alle auch den rechten Freiraum erhalten. So wurde es am Sinai verstanden: Das Volk erhält seine Ordnung der Freiheit: das rechte Miteinander der Freiheiten aus der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes heraus. Das eigentliche Ereignis am Sinai war zunächst, dass ein Bund geschlossen wurde. Bund heißt binden. So besteht das zentrale Ereignis des Sinai darin, dass Gott sich an die Menschen wendet, sich ihnen gibt und damit die Macht des Guten fest in dieser Welt einpflanzt. Das bedeutet zugleich, dass er damit die Menschen an sich bindet. Und indem sie sich ihrerseits an ihn binden, kommen sie in ihre Wahrheit hinein, lernen sie IHN und einander annehmen, und dadurch entsteht wirkliche Freiheit. Erst wo die rechte Ordnung der Freiheiten da ist – und nur Gott, unser Schöpfer, kann sie uns geben -, da leben wir in Freiheit zusammen. Die Anarchie ist nicht die höchste Form der Freiheit, sondern ihre Zerstörung. Die Ordnung der Freiheiten ist die wahre Freiheit. Deshalb war der Sinai die volle und wahre Befreiung Israels. Je mehr die Menschen sich davon entfernten, in die Willkür zurückkehrten, desto weniger sind sie frei. Die Bindung an Gott schenkt auch die rechte Zuordnung zueinander. Deshalb haben die Israeliten das Gesetz aufgefaßt als eine Gabe von Gott her, mit der er ihnen zeigt, wie man richtig lebt – wie man das macht, auf rechte Weise ein Mensch und eine Gemeinschaft, ein Volk miteinander zu sein. Israel war dankbar für die Gabe des Gesetzes. Voller Stolz hat es gesagt: Es gibt viele große Nationen, aber keine, der Gott so nahe ist, wie unser Gott ist – keine, der Gott so zeigte, wie man recht leben kann und muss. Erst wenn wir diesen alttestamentlichen Hintergrund sehen, verstehen, können wir auch das christliche Pfingsten recht verstehen. Wie der Bund am Sinai erst das Volk Israel recht begründete, so ist Pfingsten die Gründung der Kirche. Der Heilige Geist führt die getrennten Menschen zueinander, sodass sie nun miteinander recht zu leben, einander zu dienen und von Gott her füreinander dazusein vermögen. Der Heilige Geist selbst ist das neue Gesetz. Wir haben nicht mehr 365 negative und die 248 positiven Gebote, die die Lehrer Israels in den fünf Büchern Mose fanden. Der Heilige Geist, der Geist Jesu Christi selbst, ist unser „Gesetz“. Unser „Gesetz“ heißt demgemäß einfach: leben, wie Jesus Christus gelebt hat. Die Gemeinschaft mit ihm durch den Heiligen Geist, den er uns schenkt – sie gibt uns Freiheit, sie gibt uns Einheit, Offenheit und Weite. Nur aus ihr und von ihr her entsteht immer wieder neu Kirche. Kirche können wir nicht machen – durch unsere Beschlüsse, durch unsere Beratungen und Diskussionen. Wir sehen alle, dass das nicht ausreicht. Kirche kann nur entstehen, wenn wir von Gott angerührt werden; wenn er uns sein Herz offenbart, wenn er uns seinen Willen zeigt, wenn er uns Leben gibt. Dann entsteht sie und wird der Ort unseres rechten Lebens. Dann macht sie uns frei und führt uns zueinander; dann ist sie Schutzwehr gegen das Böse und Kraftfeld für das Gute in der Welt. Im Evangelium finden wir dann ein merkwürdiges und ungewohntes Bild für den Heiligen Geist. Von der Pfingstgeschichte her sind wir gewohnt, dass sich der Heilige Geist in den zwei Elementen Wind (Sturm) und Feuer darstellt. Aber auch das Wasser wird Bild des Heiligen Geistes. Einem Volk, das in einem wüstenartigen Land lebte, mit einem Klima, in dem Regen eine seltene Gabe ist, war mehr als uns, die wir reichlich des Regens genießen, klar, welche Gabe das Wasser ist. Es wurde erfleht als Geschenk, ohne das kein Leben ist. Es war klar: Nur wenn Wasser da ist, kann Leben sein. Die Sonne ist die eine Bedingung des Lebens für die Erde, die Luft die zweite, aber dazu muss das Wasser kommen, damit Leben auf dieser Erde sei. Dem Volk Israel ist in seinem Klima das Wasser, die lebendige Quelle, der Brunnen, der gutes Wasser gibt, zum Inbild für die Kraft des Lebens geworden. Deshalb konnte Jesus den Heiligen Geist mit dem Wasser vergleichen, das Leben bringt, mitten in der Wüste Fruchtbarkeit entstehen lässt. Der Mensch, der vom Heiligen Geist erfüllt ist, ist dann gleichsam selbst wie ein Brunnen, wie eine Oase, in der lebendiges Wasser sprudelt, sodass rundum Leben wächst. Ich glaube, wir alle kennen Menschen, die wie ein Brunnen frisches Wasser sind. Wir kennen andere, die ein Sumpf sind, von denen sumpfige Dünste ausgehen, Menschen, in denen inwendig kein wahres Leben ist. Aber gottlob gibt es auch die, in denen gleichsam das frische Wasser des Heiligen Geistes da ist. Dem Heiligen Geist ist es eigen, dass er als Brunnen sprudelt und Leben gibt. Deswegen hat auch kein Mensch den Heiligen Geist nur für sich selber. Wer Heiligen Geist empfängt und ihm Raum gibt, wird ein Brunnen, eine Quelle. „Aus seinem Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7,38). Wir wollen den Herrn bitten, dass er uns immer wieder in den Wüsten dieser Zeit, in all ihren Bedrohungen und Gefährdungen das lebendige, frische, quellende Wasser des Heiligen Geistes gibt. Wir wollen ihn bitten, dass wir selber nicht abgestorbenes Sumpfwasser in uns tragen, mit unseren schlechten Gewohnheiten und mit unseren Sünden. Wir wollen ihn bitten, dass wir Menschen lebendigen Wassers werden: dass wir von seinem Geist erfüllt seien und gleichsam Brunnen des Guten werden in dieser Welt. Wir wollen ihn bitten:
Herr, sende deinen Heiligen Geist und erneuere uns. Erneuere die Kirche, erneuere das Angesicht der Erde. Amen.
Mosesberg im Sinai Wo Himmel und Erde zusammenrücken

DER EINE GEIST GOTTES IN SCHÖPFUNG
UND ERLÖSUNG  –  ZUGLEICH 25-JÄHRIGES BISCHOFS-
JUBILÄUM (1977-2002)

Die Liturgie des Pfingsttages antwortet auf den Bericht der Apostelgeschichte von der Geburt der Kirche überraschenderweise mit einem Psalm, der ein Lobpreis der Schöpfung ist – den Schöpfergeist rühmt, der das All in Weisheit geschaffen hat.
„Du spannst den Himmel aus wie ein Zelt“, heißt es da, „die Erde ist voll von deinen Geschöpfen … Ewig währe die Herrlichkeit des Herrn, der Herr freue sich seiner Werke“ (Ps 104,2.24.31). Ganz bewusst will die Kirche uns sagen, dass der Schöpfergeist, der die Welt erschaffen hat und der Heilige Geist, den Christus vom Vater her sendet, ein und derselbe ist: Schöpfung und Erlösung gehören zusammen. Gott kann uns deswegen verläßlich behüten und retten, weil das All ihm gehört, von ihm kommt, Werk seiner Hände ist. Pfingsten ist das Geburtsfest der Kirche, ihr großer Tag, aber Pfingsten ist auch das Fest der Schöpfung, der Dank für ihre Gabe und der Dank dafür, dass der Herr sie nicht verlässt. Pfingsten sagt uns vor allem auch dies: Die Welt ist Schöpfung, sie kommt aus dem Geist und nicht aus blindem Zufall; der Geist, die Vernunft, das Ethos sind nicht fremde Gäste in ihr, die der Zufall irgendwie beiläufig hervorgebracht hat und die es vielleicht besser nicht gäbe. Nein, die ganze Wirklichkeit, die uns umgibt, ist Gestalt gewordene Idee des Schöpfergeistes und spricht vom Geist Gottes her zu unserem Geist. Deswegen ist Ehrfurcht vor der Schöpfung Gottes ein Auftrag unseres Glaubens: Die Schöpfung ist uns nicht zur Ausbeutung übergeben, sondern damit wir sie in Ehrfurcht hüten und als Gottes Garten entwickeln, in dem Menschen menschlich leben können. Die Geheime Offenbarung sieht es als eine der Eigenschaften der Gegner Gottes und Christi an, dass sie die Erde verderben (Apk 11,18). Im Zeichen des Materialismus, der Leugnung des Schöpfergeistes, sind ganz neue und erschreckende Weisen des Verderbens der Erde möglich geworden. Die ganze Schöpfung wird nur als materielles Produkt gesehen, das wir ummontieren, neu montieren nach unseren Bedürfnissen, bis hin zum Menschen, der auch Produkt werden soll, sodass wir ihn wie ein Produkt behandeln und ihn für unsere Zwecke umzüchten, ausbeuten, ja töten können. Gegenüber solchem Missbrauch und Verbrauch der Schöpfung verstehen wir das Wort des heiligen Paulus neu: Die Schöpfung stöhnt und leidet bis zur Stunde; sie will frei werden von der Knechtschaft der Zerstörungen, und sie wartet auf das Kommen der Gotteskinder und ihrer Freiheit (Röm 8,19-22). Die Freiheit der Gotteskinder ist anders als die Freiheit der Zerstörer. Sie ist nicht die Freiheit des Verbrauchens, die eine Freiheit der Verneinung ist; sie ist eine Freiheit der Liebe, die eine aufbauende Freiheit ist. Die Liturgie hat von dem Schöpfungspsalm her, den sie heute betet, diese Hoffnung in Gebet verwandelt:
Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu (vgl. Ps 104,30). Wenn wir Gotteskinder werden, wenn in uns und durch uns der Geist Gottes Raum in der Welt gewinnt, dann wird auch die geknechtete Schöpfung neu, und dann entdecken wir in ihr nicht mehr bloß das Material unseres Machens, sondern das Gesicht dessen, der sie geschaffen hat, der sie liebt und uns liebt. Der Heilige Geist ist zuallererst Schöpfergeist und Pfingsten daher ein Fest der Schöpfung. Christentum ist Schöpfungsreligion. Für uns Christen ist die Welt nicht Maya, nicht der trügerische Schein des endlos bewegten Rades immerwährend wiederkehrender Schicksale, aus dem man zu fliehen versuchen muss. Für uns ist die Welt Schöpfung, deren Gott sich freut und in der wir in der aufbauenden Freiheit der Liebe uns freuen dürfen. Deshalb ist auch Gott für uns nicht das völlig Andere, namenlos und dunkel, der Untergang, in dem wir aufgehen sollen. Nein, Gott hat ein Gesicht, Gott ist Vernunft, Gott ist Wille. Gott ist Liebe, Gott ist Schönheit. So gehören der Glaube an den Schöpfergeist und der Glaube an den Geist, den Jesus Christus uns vom Vater her sendet, untrennbar zueinander.
Schöpfung und Geschichte sind nicht zwei getrennte Welten, auch wenn es wahr ist, dass die Geschichte das neue Element der Schuld von der Gabe der Freiheit her in die Welt trägt und damit neue Initiativen der Phantasie der göttlichen Liebe nötig macht. Die Lesungen aus dem 1. Korintherbrief und aus dem Johannesevangelium zeigen uns diesen Zusammenhang. Der Heilige Geist ist es, der uns Christus als den Herrn erkennen und das Glaubensbekenntnis der Kirche sprechen lässt: Jesus Christus ist der Herr (1 Kor 12,3). Dabei müssen wir gegenwärtig halten, dass im Alten Testament sehr früh der Gottesname nicht mehr ausgesprochen, sondern durch das Wort „Herr“ ersetzt wurde.
„Herr“ war der grundlegende Gottestitel, ja, Gottes Name geworden. Wenn uns der Heilige Geist zu sagen lehrt „Jesus ist der Herr“, so ist dies vor allem das Bekenntnis zur Gottheit Jesu – das Bekenntnis, dass Jesus Christus ein und derselbe ist, wie der Gott, der sich im Alten Bund offenbart hat. Nur der Heilige Geist kann uns solches erkennen lassen und lehren. Bloße akademische Gelehrsamkeit mit all ihrem Können reicht da nicht aus. Der Herr sagt es zu Petrus: Fleisch und Blut allein kommen nicht dorthin (Mt 16,17). Nur wenn wir uns im Mitglauben mit der Kirche Augen und Herz öffnen lassen, können wir Jesus ganz erkennen und von Herzen her sagen: Ja, du bist der Herr – der Sohn des lebendigen Gottes.
Das Evangelium schenkt uns ein wundervolles Bild, um uns den Zusammenhang zwischen Jesus, dem Heiligen Geist und dem Vater zu erläutern: Der Heilige Geist wird dargestellt als der Atem Jesu Christi (Joh 20,22). Johannes greift damit zurück auf ein Bild des Schöpfungsberichtes, wo uns gesagt wird, dass Gott dem Menschen den Lebensatem in die Nase blies. Der Atem Gottes ist Leben. Nun bläst uns der Herr den neuen Lebensatem in die Seele – den Heiligen Geist, sein eigenstes innerstes Wesen, und nimmt uns damit in die Familie Gottes auf. Wir gehören zu Gott. In der Taufe und in der Firmung ist uns dies geschenkt worden und im Sakrament der Buße geschieht es immer wieder neu: Der Herr bläst uns seinen Lebensatem in die Seele. Wieder können wir nur beten: Ja, sende uns deinen Geist, gib uns deinen Lebensatem, dass der Heilige Geist in uns atme und dass so auch von mir Erneuerung der Erde ausgehe.
Die Liturgie des heutigen Tages zeigt uns noch einen dritten Zusammenhang. Der Geist ist Schöpfergeist. Der Geist ist Geist Jesu Christi, sodass Vater, Sohn und Heiliger Geist doch nur der eine, der einzige Gott sind. Nun kommt hinzu: Der Heilige Geist erschafft die Kirche. Sie kommt nicht aus menschlichem Wollen, Überlegen, menschlicher Tüchtigkeit und ihrem Organisationswillen, dann wäre sie längst vergangen, wie alles Menschliche vorübergeht. Sie ist Geschöpf des Heiligen Geistes. Die Bilder vom Sturm und Feuer, die Lukas für das Kommen des Heiligen Geistes gebraucht, erinnern an den Sinai, wo sich Gott dem Volk Israel in Sturm und Feuer geoffenbart und ihm die Gabe des Bundes geschenkt hatte. Tatsächlich beging Israel den 50. Tag nach Ostern, nach dem Gedächtnis des Auszugs aus Ägypten, als das Fest des Sinai, als Bundesfest. Wenn Lukas von den Zungen als Bild des Heiligen Geistes spricht, so mag dies daran erinnern, dass der Bund seine Gestalt im Gesetz hatte, das Israel vom Sinai her empfing – das Gesetz, das ihm nicht als Schranke und als Zwang galt, sondern als Licht, das den Weg in der Wirrnis der Welt zeigt. So stellt Lukas die Stunde von Pfingsten als neuen Sinai dar – als Gabe des Neuen Bundes, in dem der Bund mit Israel auf alle Völker der Erde ausgeweitet wird; in dem die vielen Umzäunungen des alten Gesetzes fallen und sein einfacher Kern hervortritt: die Liebe, die der Heilige Geist ist – in ihr ist alles zusammengefaßt. Das Gesetz wird zugleich weit und offen und einfach: Dies ist der Neue Bund, in dem der Geist das Geheimnis Jesu Christi erfüllt. Die Ausweitung des Bundes auf alle Völker hat Lukas durch die Aufzählung einer damals verbreiteten Völkertafel dargestellt. Er sagt uns damit etwas ganz Wichtiges: Die Kirche war vom ersten Augenblick an katholisch. Sie ist nicht langsam durch einen Zusammenschluss von verschiedenen Gemein- den entstanden. Der Heilige Geist hat sie geschaffen und sie im ersten Augenblick als die Kirche aus allen Völkern hingestellt. Sie ist die weltumspannende Kirche, die alle Grenzen von Rassen, Klassen, Nationen aufreißt, alle Schranken öffnet und Menschen eint im Bekenntnis des dreieinigen Gottes.
Die Kirche war von Anfang an katholisch, apostolisch und eins – das ist immer ihr Wesen, und daran ist sie zu erkennen. Sie ist heilig – nicht durch die Tüchtigkeit ihrer Mitglieder, sondern dadurch, dass ER selbst sie schafft und ihr die Kräfte der Heiligung gegen alles menschliche Versagen immer von neuem schenkt. Das kommt auch in zwei Eigenschaften der Kirche zum Vorschein, von denen uns das heutige Evangelium spricht: Der Heilige Geist ist der Kirche gegeben als Vollmacht der Vergebung. Und der Heilige Geist ist Sendung. Er wird dem Menschen nie zum Privatbesitz, für sich allein geschenkt, sondern immer für die anderen. Er ist Dynamik des Weitergebens – entsprechend der Dynamik des Guten, das immer Mitteilung ist, Herausgehen aus sich selbst zum anderen hin. Sendung und Vergebung – wie sollte ich bei diesen Stichworten nicht an den Pfingstsamstag 1977 denken, als mir im festlich geschmückten Münchener Dom durch die Handauflegung der inzwischen heimgegangenen Bischöfe Stangl, Graber und Tewes, unter dem Beistand der ganzen betenden Gemeinde die bischöfliche Sendung, das Hirtenamt der Kirche übertragen wurde. Nie werde ich jenen leuchtenden Tag vergessen, nie vergessen, wie mich. die Rufe der Allerheiligenlitanei förmlich einhüllten, wie ich das Glauben und Beten aller Anwesenden als eine Kraft verspürte, die mich tragen würde in einem Auftrag, der weit über meine Kräfte ging. Ich weiß, wie oft ich hinter dem zurückgeblieben bin, was meine Sendung war, und ich danke all denen von Herzen, die mir mit ihren Gebeten wie mit ihrer Nachsicht und Güte immer weitergeholfen haben und helfen. Oft kommt mir dabei der Schluss des Johannes-Evangeliums in den Sinn, wo der Herr dem Petrus die Stunde voraussagt, wo ihn ein anderer führen und gürten werde, wohin er nicht wollte. Wie oft in diesen 25 Jahren hat der Herr mich gegen meine Wünsche und Ideen geführt, wohin ich eigentlich nicht wollte. Aber ich wusste und weiß, dass sein Führen gut ist und dass es gut ist, die eigenen Ideen fallen und sich von ihm führen zu lassen. Mein herzlicher Dank an Sie alle, liebe Freunde, ist Dank für Ihr Beten, Verstehen, Helfen, und er ist Bitte: Bitten wir den Herrn, dass er uns glauben hilft. Bitten wir ihn, dass er unsere Augen öffnet für den rechten Weg. Bitten wir ihn, dass er uns die Kirche lieben lehrt und uns führt, damit wir zu ihrem Aufbau beitragen können. Bitten wir ihn, dass er unserem Land den Glauben erhält, dass er uns Priester und Bischöfe nach seinem Geist schickt, dass er Männer und Frauen ruft, die seine Zeugen sind. Herr, sende aus deinen Geist, und das Antlitz der
Erde wird neu. Amen.