„Scivias“ – Miniaturen

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Scivias Wisse die Wege
Die “Scivias”-Miniaturen

Caecilia Bonn, Im Herzen der Schöpfung
Meditationen zu Miniaturen
aus den Werken von
Hildegard von Bingen

Der Rupertsberger Scivias-Kodex
Zur Bekanntheit des Liber „Scivias“ (Wisse die Wege), der ersten Visionsschrift Hildegards von Bingen, haben die 35 Miniaturen in erheblichem Maße beigetragen. Diese Bilder befinden sich in der sogenannten Illuminierten Prachthandschrift und sind inzwischen vielleicht populärer als der geschriebene Text des Werkes selbst. Über das Entstehen und das Wesen der Miniaturen gibt es noch keine endgültigen Forschungsergebnisse. Allgemein anerkannt ist die Datierungszeit der Handschrift zu Lebzeiten Hildegards, also vor 1179. Auch das Kloster Rupertsberg als Entstehungsort erscheint unstrittig. Obwohl die Originalhandschrift des Scivias-Kodex seit 1945 verschollen ist – aus Sicherheitsgründen wurde er kurz vor Kriegsende aus der Nassauischen Landesbibliothek Wiesbaden nach Dresden verlagert – verfügen wir dank der akribischen Arbeit unserer Mitschwestern, die die Handschrift in den Jahren 1927-1933 aufs Getreuste handkopiert haben, über ein wertvolles Faksimile. Naturgemäß ging bei dem feinen Nachmalen der Bilder etwas von der Lebendigkeit und Ursprünglichkeit verloren. Dennoch gibt dieses Faksimile einen genauen Eindruck des Originals wieder, besonders was die Vielfalt der Farben betrifft.

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Die Miniaturen aus dem Rupertsberger „Scivias“ – Kodex

Tafel 2 – Der Leuchtende
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Der Beherrscher des Erdkreises thront in einer nicht zu beschreibenden Herrlichkeit auf einem hohen Bergmassiv: dem Reich Gottes. Seine ausgebreiteten Flügel symbolisieren den „bergenden, zarten“ Schutz, den er auch noch in Ermahnung und Züchtigung in ausgewogener und angemessener Weise seinen Geschöpfen erweist. Wie durch kleine Fenster werden Menschen sichtbar mit weißen und fahlen Gesichtern, je nach ihrer positiven oder negativen Gesinnung, denn vor Gott bleibt keine Absicht des Herzens verborgen. Ein sprühender Lichtfunkenregen breitet sich vom Allherrscher aus und umgibt helfend, heilend und schützend die beiden Gestalten am Fuße des Berges. Während der Leuchtende auf dem Hintergrund der Ewigkeit thront, stehen die beiden Figuren vor dem blauen, sternenbesäten Kosmos, Symbol der irdischen Wirklichkeit.
Sie stellen exemplarisch den Menschen dar, wie Gott ihn sich als Geschöpf gedacht hat. Vielleicht sieht sich Hildegard auch selbst in diesem Bild. Die „Furcht des Herrn“ (linke Gestalt) ist gänzlich mit Augen bedeckt, denn sie ist ganz Auge für Gott und schüttelt jederzeit die Gottvergessenheit ab, die den Menschen blind macht. „Mache dein Auge rein, und du wirst überallhin Augen haben“ schreibt Hildegard an einen Adressaten in einem ihrer Briefe. Das heißt:
Wenn der Mensch in allem nur Gott im Blick hat, dann wird er auch Um-sicht und Rück-sicht im Hin-blick auf alles Geschaffene besitzen. Er wird fähig zur
Offenheit für die ihn umgebende Wirklichkeit. Die „Armut im Geiste“ (rechte Gestalt) symbolisiert den Menschen, der nicht auf die eigene Kraft baut, sondern sich gänzlich dem Beistand Gottes anvertraut. „Weil ich keinerlei menschliche
Sicherheit in mir zurückbehalte, habe ich alle meine Hoffnung und mein ganzes Vertrauen einzig auf die Hilfe Gottes gesetzt
„, schreibt Hildegard an Abt Philipp. Die Armut im Geiste steht deshalb in der Haltung der Hin- und Übergabe an Gott. Die Herrlichkeit, das Licht und die Kraft Gottes überfluten sie so mit einem Strahl, daß Hildegard das Antlitz der Gestalt nicht erkennen konnte.
Man ist versucht, vom „vergöttlichten Menschen“ zu sprechen.

Schwach und arm macht sich der Mensch,
der nicht Gerechtigkeit übt und weder die Bosheit
vernichten, noch Schuld nachlassen wollte…
In seinem Müßiggang fehlt es ihm an den
wunderbaren Werken der Seligkeit…
Wer aber die kraftvollen und heilbringenden
Werke tut und den Weg der Wahrheit läuft,
erreicht den sprudelnden Quell der Herrlichkeit,
aus dem er die kostbarsten irdischen
und himmlischen Schätze gewinnt.

Tafel 3 – Das Versagen des Menschen (Der Sündenfall)
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An der Miniatur fällt zuerst der quer zum Bild hin stürzende Mensch ins Auge.
Es ist Adam, der sein Ohr der Finsternis öffnet. Von „dem schönen Mann“ (Adam) geht Eva in der Schau Hildegards „wie eine strahlend weiße Wolke“ hervor. Sie trägt das ganze Menschengeschlecht gleich unzähligen Sternen in ihrem Schoß. Das Bild symbolisiert diese Fruchtbarkeit durch die grüne Farbe eines blattartigen Gebildes. „Umarmung der Schöpfung und Spiegel aller Kreatur“ nennt Hildegard die Frau. Was ist geschehen? Wie kam es zum Sturz der ersten Menschen? Zu Beginn der Schöpfung leuchteten die Engel wie Sterne in ewiger Harmonie vor ihrem Schöpfer, von dem sie alle Schönheit und Kraft empfingen. Luzifer, der schönste der Lichtwesen, sah, daß seine Herrlichkeit keinen Mangel hatte. So verfiel er dem Stolz. Er glaubte, er werde auch ohne Gott alles fertigbringen, was er wollte, und sich einen Thronsitz über dem Allerhöchsten errichten können. In seiner Selbstüberhebung, die zugleich eine Selbstverkrümmung war, fiel er lichtlos, finster ins Chaos, das sich gleich einem dunklen See von schrecklichem Gestank und furchterregendem Feuer erstreckte. Das tödliche Dunkel breitete sich weiter wie durch Adern im bisher lichtdurchströmten Land aus (Paradies = goldener Hintergrund). Von einer dieser schwarzen Adern sprühte der Verführer wie ein Schlangenkopf sein Gift gegen die geliebte Kreatur Gottes: Eva, die Frau. Sie war für ihn der wichtigste strategische Punkt, denn nach seinem Fall konnte er nur noch mit und durch den Menschen gegen Gott rebellieren. Im Schoß der Frau wollte er seine Herrschaft errichten. „Meine Macht ruht auf der menschlichen Empfängnis – so wird der Mensch mein.“ Die Frau ließ sich dazu verführen, ohne Gott wie Gott sein zu wollen. Sie verführte ihren Mann, darum fielen beide alsbald aus ihrer aufrechten Haltung und stürzten würdelos quer hin zu allem Geschaffenen. Das erste Menschenpaar geriet in die Isolation, es verlor seine Verbundenheit mit seinem Schöpfer und der Schöpfung. Adam und Eva wurden aus dem schönen Land des Paradieses, des Gartens der Wonne Gottes und des Menschen (im Bild unten durch Blumen, Bäume und Kräuter dargestellt) vertrieben. Ein Lichtglanz lagerte sich um das Land. Alle Elemente (an den vier Ecken der Miniatur dargestellt), die in tiefer Ruhe verharrten und
ihren Dienst am Menschen verrichteten, gerieten nun in Aufruhr und zeigten ihre erschreckende Macht. Sie brachen aus ihrer Ordnung heraus und setzten dem Menschen durch viele Unbilden zu. Die gute Schöpfung Gottes hatte durch den Menschen einen gefährlichen Bruch erlitten.

Weil der Mensch in seinem Ungehorsam
sich über die Liebe zu Gott hinwegsetzt,
überschreiten auch die Elemente und
die Gezeiten ihr Maß.
Denn die Elemente der Welt sind im Menschen,
und der Mensch wirkt mit ihnen.
Mit schlechten Werken setzt er sich über
die Gerechtigkeit hinweg und beschwert
und verdunkelt Sonne und Mond.

HILDEGARD VON BINGEN
“Scivias”-Kodex: Tafel 3: Der Sündenfall SCIVIAS-KODEX
„Die Übertretung, die im Garten der Wonne geschah, sollte einst liebreich und barmherzig getilgt werden.“ (Scivias I.2.26.)
Nachdem sich in der Eröffnungsvision das Gottesreich vor unseren Augen entfaltet hat, werden nun die ersten Seiten der Heiligen Schrift in ungewöhnlich anmutenden Bildern ausgelegt. Die Meditationen dieser Vision kreisen um drei Themen: den Anfang des Bösen, das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Erlösung. Theologisch gesehen stehen sie in engem Zusammenhang zueinander. Die Miniatur leistet Großartiges, indem sie diese heilsgeschichtlichen Momente in einem Bild zusammenfügt.
Ursprünglich hat Gott alles gut geschaffen. Luzifer, der Engelfürst, den Gott mit den schönsten Gaben beschenkt hatte, wandte sich in seinem Stolz von Gott ab. Sein Sturz stellt einen Anfang des Bösen in der Schöpfung dar. Die Auflehnung Luzifers spaltete die Schar der Engel. Die guten Engel bleiben in der Liebe Gottes – auf der Miniatur leuchten sie als Sterne im oberen Bereich. Die Anmaßung des Teufels aber bewirkte seinen Fall und die Entstehung der Hölle, die wie ein finsterer Nebel aus einem schwarzen See emporsteigt und von links aus die Miniatur verdunkelt.
Im Mittelpunkt des Bildes erscheint ein schlafender Mensch, aus dessen Seite eine sternengeschmückte Wolke, wie ein zartes grünes Blatt dargestellt, hervorgeht.
„Das ist die unschuldige Eva, die aus dem unschuldigen Adam hervorgegangen, mit ihm im Garten der Wonne weilt. Alle Menschenkinder trägt sie – so hat es Gott vorherbestimmt – leuchtend in ihrem Schoße.“ (Scivias I.2.10.)
Aus Neid wollte der Teufel den Menschen in seine tödliche Macht bringen und verführte ihn zum Ungehorsam Gott gegenüber. Mit dem Sündenfall des Menschen trat das Böse in die Geschichte hinein. Auch die Schöpfung verlor ihren gottgewollten Zustand und wurde mit hineingerissen in die Ruhelosigkeit. Die Symbole der Elemente an den vier Ecken der Miniatur deuten darauf hin.
„Dass die erste Frau aus dem Mann geformt wurde, deutet auf die eheliche Verbindung mit dem Manne.“ (Scivias I.2.11.) Die Betrachtung über Ehe und Geschlechtlichkeit verdeutlichen, dass die Geschlechterliebe ursprünglich von Gott gewollt ist. Erst der Abkehr von Gott folgte auch die Verkehrung der Sexualität in bloße Begierde und selbstsüchtige Lust. Liebende Hingabe dagegen führt zu gottgefälligem und ehrenhaften Vollzug menschlicher Geschlechtlichkeit.
„Deshalb muss vollkommene Liebe zwischen beiden sein wie einst zwischen den ersten Menschen.“ (Scivias I.2.11.) Ein abschließendes Lob auf die Jungfräulichkeit leugnet nicht, dass die Ehelosigkeit der gefallenen Menschennatur viel Verzicht, Leid und Kampf kostet. (Scivias I.2.24.)
Als Antwort auf den Sündenfall lässt Gott seine Barmherzigkeit aufleuchten und offenbart seinen Heilsplan in der Menschwerdung seines Sohnes. Durch Demut und Liebe kommt der Eingeborene des Vaters aus der Jungfrau in die Welt.
Aus dieser Perspektive heraus erhält das Böse seinen heilsgeschichtlichen Platz. Der durch die Menschwerdung erlöste Mensch empfängt noch größere Würde als bei seiner Erschaffung: „So leuchtet der erlöste Mensch in Gott und Gott im Menschen. Strahlendere Herrlichkeit besitzt nun der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott im Himmel, als er im Anfang im Paradies empfangen hatte.“ (Scivias)

 Tafel 4 – Die Schöpfung

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Alte Kulturen kennen für das Weltall schon das Bild-Symbol des Eies wegen
seiner verschiedenen Schichten und Häute. Hildegard bevorzugte in ihrem
späteren Kosmoswerk „Welt und Mensch“ die Bilder des Rades und der Kugel, die durch ihre Beweglichkeit und ihr Kreisen der Wirklichkeit der Schöpfung näherkommen. Die Miniatur in „Scivias“ ist nicht leicht zu erklären, denn sie weist nach der Schau Hildegards drei Dimensionen auf: die kosmische (Raum),
die geschichtliche (Zeit) und, damit verbunden, die heilsgeschichtliche, geistliche Wirklichkeit. Das Bild kann im Grunde nicht wiedergeben, was es aussagen möchte. Grün-blau erscheint die Erde in der Mitte der Schöpfung. Sie ist das „Zelt“ und die „Wohnung“ des Menschen und wird von den sie umgebenden Kräften des Weltraumes gehalten. Der Mensch könnte ohne die Verbundenheit mit der Erde und dem Kosmos nicht existieren, vereinigt er doch in sich selbst alles, was geschaffen ist. „Die Elemente sind im Menschen, und der Mensch wirkt mit ihnen. Feuer, Luft, Wasser und Erde sind untereinander so eng verknüpft, daß keines vom anderen getrennt werden kann, sie halten sich gegenseitig fest. Ja, die Welt würde zugrunde gehen, wenn ein Element vom anderen getrennt existieren könnte, sie sind unauflöslich miteinander verkettet.“ In einer späteren Vision sieht Hildegard den Menschen ausdrücklich in der Mitte des Weltenrades. Seinetwegen ist alles geschaffen und weist auf ihn hin. Das Weltall ist von Sternen erleuchtet, von Planeten bestrahlt und von Winden durchhaucht und durchblasen. Es wird von einer breiten Feuerzone umgeben, unterhalb derer eine finstere Region sichtbar wird. Das Feuer symbolisiert die alles umsorgende und umarmende mütterliche Liebe Gottes, die in späteren Visionen ausdrücklich als Umarmung des kosmischen Christus geschaut wird. Er trägt die Weltkugel gleichsam an seiner Brust. Die finstere Zone weist auf das Versagen des Menschen hin, seine Auflehnung gegen die Liebe Gottes, die auch die Elemente berührt und in Verstörung bringt. „Denn das Böse in den Werken der Menschen setzt die Elemente in Bewegung, wie wenn ein Mensch ein Netz in seiner Hand hält und dies bewegt. Die Luft nimmt auf, was der Mensch in Wort und Tat bewirkt, sie teilt es den Sternen mit, und diese offenbaren die Taten des Menschen.“ Doch alles irdische Unheil ist noch vom Heilsplan Gottes umfangen und aufgefangen. Dieser Plan wird sichtbar in den Propheten (3 Sterne) und vor allem durch Christus (die Sonne), der in seiner Menschwerdung und durch seine Kirche der Schöpfung Heil anbietet. Das Bild von der Schöpfung soll darum auf den Schöpfer
und Erlöser verweisen, wie alles Sichtbare eine Botschaft des Unsichtbaren ist. Die Schau von der wunderbaren Komposition der Welt muß für Hildegard so überwältigend gewesen sein, daß sie hier einen Exkurs über Magie anfügt. Denn in der schlechten Magie ist der Mensch so von der Aussagekraft der Schöpfung fasziniert, daß „er nur noch auf die Natur starrt und damit den Anblick seiner Seele, die Spiegel Gottes ist, auslöscht. “ „Er vergißt seinen Schöpfer und befragt die Geschöpfe, sucht bei ihnen Heil. – Er spricht mit ihnen wie mit einem Gott.„„Deshalb will Ich nicht, daß du in deinem Aberglauben Wahrsagerei betätigst, sondern daß du zu mir, deinem Schöpfer, aufschaust.“

Tafel 5 – Die Seele und ihr Zelt
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Die 4. Schau des 1 . Buches „Scivias“ gehört zu den eindrucksvollsten und äußerst persönlich gehaltenen Texten des Werkes. Fast ist man versucht, von der „Geschichte einer Seele“ zu sprechen. Die Miniaturen können das nur sehr unzulänglich zum Ausdruck bringen. Eine große Frauengestalt (unten im Bild) empfängt ein Kind in ihrem Schoß. Sein Leben entspringt der Schöpferkraft – und Liebe – Gottes, die (oben) als goldenes Quadrat mit vielen Augen dargestellt ist. Die Augen sind Symbol der Allgegenwart Gottes, die vier Ecken weisen auf die vier Himmelsrichtungen hin. Das Aufleuchten eines Morgenrotes in der Mitte der Gottheit deutet auf die Menschwerdung und Erlösung hin, an der der neue Mensch Anteil haben soll. Mann und Frau sind Mitwirker Gottes im Zeugungsakt eines Menschen, den sich Hildegard wie eine Art Gerinnungsprozeß vorstellt. Darum bringen auf dem Bild Männer und Frauen Gefäße mit Milch und bereiten daraus Käse. Von Gott empfängt das werdende Leben die Seele gleich einer Feuerkugel. Der nun beginnende Lebensweg des Menschen wird rechts im Bild als eine dramatische Folge von Versuchungen, Prüfungen, Kämpfen und Siegen dargestellt.

Tafel 6 – Treue in der Versuchung
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Mein Gewand wurde mir zerrissen„, so klagt der Mensch, „ich wurde an einen fremden Ort entführt, der aller Schönheit und Würde entbehrt.“ Knechtschaft, Kelterpresse, Schläge warten auf den Menschen. Wie ein Wild wird er gejagt und auf enge Pfade getrieben. Giftiges Gewürm greift ihn an und verwundet ihn. Aus eigener Kraft kann er sich nicht befreien. Die entscheidende positive Wende tritt ein, wenn er sich seines Ursprungs in Gott erinnert, seines Retters, und sich weinend, bittend, schreiend an ihn wendet und nach ihm wie nach einer Mutter ruft. „Mutter Sion, wo bist du? Weh, daß ich von dir gewichen bin.“ Von Gott werden dem Menschen nun Kräfte (Flügel) geschenkt, mit denen er über alle Hindernisse hinweg an ein Zelt aus starkem Stahl gelangt und dort für seine Feinde unangreifbar wird. Er kann ihrer spotten, denn er hat den Kampf gegen das Böse in sich bestanden. Das Gute, das er nun in der Kraft Gottes wirkt, wird für ihn zu einer unangreifbaren Wohnung: in der Gemeinschaft mit Gott. Ein schlichtes, fast statisches Bild faßt das Thema des Lebensdramas noch einmal zusammen. Der Mensch wendet sich in der Versuchung, je und je betend und bittend, an seinen Retter, der ihm zur starken Säule gegen seine Feinde wird.

Tafel 7 – Auszug der Seele aus ihrem Zelt
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Tafel 7 schildert den Auszug der Seele aus ihrem Leib beim Tod des Menschen. Es erscheinen helle und finstere Gestalten: Engel und Dämonen, die um die Seele ringen und sie gemäß ihren vergangenen Werken an den ihr zukommenden Ort führen wollen. So wird denn im oberen Teil der Miniatur das himmlische Jerusalem, die neue Schöpfung sichtbar, unterhalb der finstere Ort der Verlorenheit.

Tafeln 11 und 12 – Der Brunnen des Lebens
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Dem beeindruckenden Ausschnitt der 8. Schau von Hildegards Kosmoswerk (Tafel 12) wird man nicht ganz gerecht werden, wenn nicht die Gesamtvision (Tafel 11) in den Blick kommt. Hildegard schaut zum wiederholten Male die Stadt Gottes, das Bauwerk des Heilsplanes der Güte des Vaters, hier nun in einem festgefügten Quadrat. Darüber steht zwischen Himmel und Erde, in einen großen, runden Stein gefaßt, der Brunnen des Lebens, der durch zwei Öffnungen seine Wasser in die Stadt Gottes ergießt. In ihm werden drei von Schönheit strahlende jugendliche Frauengestalten sichtbar, die aufmerksamen Blicks zum Himmel schauen, wo sich in einer Wolke die bereits vollendeten und verklärten Menschen zeigen. Zwei der drei Gestalten stehen „wie im Wasser verwurzelt“, die dritte bleibt am Rand des Brunnens. Diese Schau ist eine von Hildegards „Weisheitsvisionen”. Die Frau Weisheit selbst bleibt hier zwar unsichtbar, sie zeigt sich nur in ihren drei Grundkräften der Liebe, der Demut und des Friedens. „Die Weisheit schöpft und verteilt das Brunnenwasser des lebendigen Quells des Geistes Gottes nach gerechtem Maß an alle Menschen und alle Geschöpfe, Dinge und Werke.” Alles, was ist, lebt von diesem Wasser. Die symbolischen Gestalten der Liebe, der Demut und des Friedens steigen aus den tiefen Geheimnissen Gottes herab, um mit den Menschen das Werk ihrer Erlösung zu wirken. Die Liebe sagt: „Ich bin die Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Die Weisheit hat in mir ihr Werk gewirkt, und die Demut, die im lebendigen Quell verwurzelt ist, bleibt meine Gehilfin. Ihr ist der Friede verbunden.” Die Gestalt des Friedens erstrahlt in ihrem Antlitz so sehr von der Herrlichkeit Gottes, daß Hildegard davor zurückweicht. Sie steht auf dem Rand des Brunnens, weil Gott zwar den Frieden von oben her brachte, dieser aber in der Wirrsal der schwankenden Welt hart umkämpft und nur schwer gehalten wird. „Die Demut hat sich in der Menschwerdung des Gottessohnes geoffenbart, die sich aus dem unversehrten Meeresstern (Maria) erhob.” An anderer Stelle sagt sie von sich: „Beim Niedrigsten habe ich begonnen und bin zum Höchsten gestiegen. Wen danach verlangt, mich als Mutter zu umarmen, der berühre das Fundament und steige gelassen zur Höhe empor.” Durch die drei Gotteskräfte wirkt Gott in der Schwachheit des Menschen die Tugend, um Kirche und Welt zur Vollendung zu führen.

Tafeln 15 und 16 Die Liebe – Das Ende der Weltzeit
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Wie schon zu Beginn ihres Kosmoswerkes schaut Hildegard das Symbol eines gewaltigen Rades, das diesmal einer „blendend weißen Wolke gleicht“. Mitten im Rad, auf seiner dunklen Achse, die die obere Hälfte von der unteren scheidet, sieht sie eine Frauengestalt, „die mir eingangs als die Liebe genannt wurde. Ich sah sie jetzt aber in anderem Schmuck. Ihr Gesicht leuchtete wie die Sonne, ihre Kleider glänzten wie Purpur. Um den Hals trug sie ein goldenes Band, das mit kostbaren Edelsteinen geschmückt war.“ „Sie erscheint in der Gestalt eines Menschen, weil der Sohn Gottes sich mit Fleisch bekleidete, um den verlorenen Menschen durch die Liebe zu retten. Niemand vermag das Übermaß dieser Liebe in ihren Gaben zu erfassen.“ Das Rad als Zeichen für das Ganze verweist in seiner unteren Hälfte auf die Schöpfung im Symbol der vier Elemente Wasser, Feuer, Luft, Erde (links) und auf den Ablauf der Zeiten (rechtes Feld). Die obere Hälfte des Rades soll ein Hinweis auf die göttliche dreieinige Wirklichkeit sein. Gewiß darf man das rote Feld dem Sohn, das grüne dem Hl. Geist und das weiß-leuchtende dem Schöpfer und Vater zuordnen. Die dunkle Achse trennt Irdisches vom Himmlischen. Hildegard beschreibt und interpretiert dieses Bild mit wechselnden Perspektiven und oft recht unbestimmt. Darum ist es nicht leicht zu verstehen. Die Gestalt der Liebe in der Mitte des Rades ragt in den himmlischen und den irdischen Bereich. Als die Liebe oder auch die Weisheit Gottes will sie aber auch den in dieser Gotteskraft vollendeten Menschen darstellen, den Hildegard zu Anfang dieses ihres Werkes in der Mitte des Kosmosrades sieht. Darum trägt die Gestalt jetzt den reichen Schmuck der Tugendkräfte. Auffallend ist das große Ohr, die aufgerissenen Augen, die auf die kristallene Tafel der Ordnungen Gottes schauen, sowie die zum Empfangen und zum Lehren erhobene rechte Hand. Eine prophetische Figur! Im beschreibenden Text ist das Gewand der Weisheit purpurrot, d. h. „überströmend von Barmherzigkeit“. Im Bild erscheint es grün und würde damit auf die Schöpfung hinweisen. Die gottmenschliche Weisheit (Liebe) sitzt in der Mitte auf der dunklen Achse, die den Willen Gottes für diese Welt darstellen soll. Immer, wenn sie auf die Weisungen Gottes schaut, gerät die Achse – und mit ihr die ganze Welt – in Bewegung, geschieht etwas, verändert sich etwas. Die Liebe bestimmt also den Ablauf der Heilsgeschichte, doch nicht ohne die Mitwirkung des Menschen, der sich in der Kraft der Liebe Gottes für das Gute entscheidet und damit Verantwortung für das Ganze wahrnimmt – „Mitschöpfer” wird. Es dürfte darum nicht abwegig sein, am Ende dieses großen Visionswerkes in dieser Gestalt auch Hildegard von Bingen selbst zu sehen: schauend, horchend, lehrend, die Wege Gottes weisend. Sie selbst schreibt von sich am Ende des Werkes, daß „sie unter der Inspiration des Hl. Geistes ganz in Dienst genommen ist“. Zu diesem Dienst mußte Gottes Macht und Güte sie immer wieder aus aller menschlichen Armseligkeit, Gebrechlichkeit und inneren Unsicherheit erwecken – wie eine Feder, die nur im Windhauch zu Gott fliegen kann.

Tafel 20 – Die erlöschenden Sterne
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Dann sah ich, wie aus dem Geheimnis des Thronenden ein großer Stern von starker Leuchtkraft und Schönheit hervorging, und mit ihm eine große Menge hellstrahlender Funken, die mit diesem Stern zusammen nach Süden zogen. Den auf dem Thron Sitzenden betrachteten sie als Fremden und wandten sich von ihm ab. Doch sofort erloschen alle beim Abwenden ihres Blickes und wurden kohlschwarz.“ „Und plötzlich entstand ein Wirbelwind unter ihnen, der sie nach Norden hinter den Thronenden trieb und in den Abgrund stürzte. Ihr großer Glanz aber kehrte zum Thronenden zurück.“ Gott behielt ihn sich vor für das Gebilde aus Lehm, den schwachen Menschen. Und weiter erklärt die göttliche Stimme: Der große Stern ist Luzifer mit seiner Heerschar, die „damals im Glanz des Lichtes erstrahlte“: Doch neigte er sich zum Bösen, d. h.: „Er schaute nicht ungeteilt auf mich. Statt dessen glaubte er, im Vertrauen auf sich selbst beginnen und vollenden zu können, was er wollte.“ Die Miniatur zeigt einprägsam das Abgetriebenwerden Luzifers und seines Anhangs aus der Strahlkraft des Himmels durch alle kosmischen Regionen hindurch bis ins schwarze Chaos.

Tafel 32 – Das Ende der Zeiten
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Fünf wilde Tiergestalten, ein Hund, ein Löwe, ein Pferd, ein Schwein und ein grauer Wolf symbolisieren fünf schlimme Zeitalter, wenn die Erde dem Zerfall ihrer Kräfte entgegengeht. Sie sind an fünf Gipfel eines Hügels gefesselt, der verschiedene Formen der Übermächtigung durch zügellose Begierden darstellt. Zum Symbol des schwarzen Schweines erklärt Hildegard: „Die führenden Menschen jener Zeit werden die tiefe Schwärze der Traurigkeit in sich tragen und sich im Unrat der Unzucht wälzen. Das göttliche Gesetz schieben sie auf die Seite.“ Im Osten wird der „Menschensohn“ erneut in einem Verbindungswinkel des Heilsgebäudes sichtbar. Zum Teil ist er noch von Schatten umhüllt, teilweise leuchtet er wie Morgenrot, d. h. vom Blut der Märtyrer, die im Glaubenszeugnis ihres Herzens und ihres Leibes Gott lobsingen. Darauf weist die Lyra auf dem Schoß des Menschensohnes hin. Unten im Bild wird die Gestalt der Kirche (Schau 11,3) nun in voller Größe sichtbar, doch noch vom Dunkel des Lasters und von den Leiden der Glaubenden (die blutigen Beine weisen darauf hin) gezeichnet. Der Sohn des Verderbens erscheint wie ein zähnefletschendes, unförmiges schwarzes Haupt im Schoß der Frau. Fast könnte man an eine Nachäffung der Menschwerdung des Gottessohnes denken. Der gefallene Lichtengel Luzifer hatte nach seinem Sturz angekündigt, er werde nun seinen Kampf gegen Gott über und durch den schwachen Menschen führen und vollenden. „Ich will meine Herrschaft im Schoß der Frau errichten.“ Erst nach der Zeit seiner zugespitzten Verführungskünste wird die Hand Gottes ihn mit lautem Getöse von seiner Stelle stürzen. Eine gewaltige Kotmasse sammelt sich dann um sein Haupt, so daß es wie auf einen Berg erhöht erscheint. Dort erst trifft ihn der endgültige Schlag Gottes. Er stürzt und haucht seinen Geist aus. Die anwesenden Menschen aber sprechen: „Weh uns! Was soll man denken? Was ist geschehen? Wer wird uns befreien, denn wir wissen nicht, wie wir hintergangen worden sind. O allmächtiger Gott, erbarme dich unser. Kehren wir eiligst zum Zeugnis des Evangeliums Christi zurück. Denn ach, bitter sind wir enttäuscht worden.“

Höre also Ihn, der lebt und nicht
aus dem Weg geräumt werden kann:
Die Welt ist jetzt voller Ausschweifung,
später wird sie in Traurigkeit sein,
dann so sehr in Schrecken, daß die Menschen
sich nichts daraus machen,
getötet zu werden.
Bei all dem sind bald Zeiten der Ausgelassenheit,
bald der Zerknirschung, bald Zeiten,
wo es blitzt und donnert von allerlei Bosheiten.
Denn das Auge stiehlt, die Nase wittert,
der Mund tötet.
Vom Herzen aber geht Heilung aus,
wenn das Morgenrot wie der Glanz eines
ersten Aufgangs sichtbar wird.
Unsagbar ist, was dann in neuem Verlangen
und neuem Eifer folgt.

Tafel 33 – Der Tag der großen Offenbarung
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Am Ende der Zeiten werden alle Elemente und jegliches Geschöpf von einer durchdringenden Bewegung erschüttert. Ein gewaltiger Sturm der Weltenreinigung bricht aus. Alle Geschöpfe geraten in Aufruhr gegen den „Rebellen“ Mensch, der sich gegen sie versündigt hat. Feuer und Wasser brechen hervor, Berge und Wälder stürzen, alles Sterbliche haucht sein Leben aus. Der Posaunenengel zu Füßen des Menschensohnes läßt seinen Ruf erschallen: „Ihr Menschen, die ihr in der Erde liegt, steht auf.“ Wie das Wasser das Salz wieder ausschwitzt, so gibt die Erde alle Kreatur her. Die Menschen erscheinen mit Leib und Seele in völliger Unversehrtheit des Leibes und des Geschlechtes. Je nach ihren Werken leuchten sie oder erscheinen schwarz. In einer Wolke erscheint der Menschensohn wie ein Blitz – mit offenen Wunden. Engel begleiten ihn und tragen die Zeichen seines Leidens. Dann vollzieht sich die Scheidung. Der Himmel lauscht wie gebannt, schweigend, auf den Richterspruch Gottes. Wie durch einen Wirbelwind werden die im Glauben Gesiegelten dem Richter entgegengeführt. Jene aber, die sich im Unglauben verhärtet haben, erwarten mit bitteren Klagen den Ausgang und verhüllen ihre Gesichter. Satan ist endgültig gefesselt.

Tafel 34 – Nach dem Gericht
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Nachdem das Gericht vollzogen ist, entsteht eine große Ruhe. Die aufgepeitschten Elemente strahlen nun in heiterer Klarheit, so als wenn ihnen eine schwarze Haut abgezogen wäre. Die Luft ist rein und das Wasser klar. Die Erde kennt keine Gebrechlichkeit mehr. Alle Himmelskörper leuchten in voller Kraft und Schönheit. Sie stehen still ohne kreisende Bewegung, so daß sie keine Scheidung mehr zwischen Tag und Nacht bilden. „Es ist nicht mehr Nacht, es ist Tag, das Ende ist gekommen. Denn alles Hinfällige und Vergängliche vergeht und erscheint nicht wieder so wie Schnee, der von der Hitze der Sonne zerschmilzt. So entstand auf göttliche Anordnung hin größte Ruhe und Stille.“ In der himmlischen Herrlichkeit aber erklingen Lobgesänge auf den Dreifaltigen Gott, der mit Maria und Johannes dem Täufer das Bild beherrscht (mittleres und oberes Kreisbild).

Tafel 35 – Vollendung
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Die „Vollendung“ greift das Thema noch einmal auf. Unter dem „Vorsitz“ Marias vereinigen sich alle zu einem einzigen Klangkörper: die Engel, die Apostel, Patriarchen und Propheten (Johannes der Täufer weist auf das Lamm), die Jungfrauen, die Bekenner und Martyrer. Sooft der Allmächtige die Leiden, die Wunden der Erlösten berührt, erklingen sie wundersam zum Lob des geschlachteten Lammes. Die Miniatur scheint in ihrer Komposition gleichsam mitzuschwingen in diesem Konzert. Ohne müde zu werden, singen die Vollendeten immer wieder neue Lieder. Sie erscheinen von einer Lichtflut durchleuchtet, die aus dem geheimnisvollen Urgrund der Gottheit bricht. „Viele verschiedene Wohnstätten unfaßbarer Freuden gibt es im Himmel. Der menschlichen Gebrechlichkeit können sie nicht gezeigt und erklärt werden, weil sie über jede menschliche Einsicht hinausgehen und das Herz des Menschen überschreiten. Keinem Wesen, das mit einem Körper beschwert ist, kann dieses Geheimnis enthüllt und – sei es auch auf die kleinste Weise – eröffnet werden.“

Miniaturen aus dem Lucca-Kodex „De operatione Dei“ Welt und Mensch
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Tafel 4 – Der Kosmosmensch
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Die Miniatur zeigt Gott, den Vater und Schöpfer, mit bärtigem Antlitz, die Welt überragend. „An seiner Brust“ trägt er das gewaltige Schöpfungsrad, das von der Kraft der gottmenschlichen Liebe (Caritas), einer feurigen jugendlichen Gestalt, gehalten und gleichsam umarmt wird. Diese gestaltgewordene Liebe sagt von sich: „Ich, die höchste Feuerkraft, habe jeden Lebensfunken entzündet. Ich entscheide über die Wirklichkeit. Mit Weisheit habe ich das All recht geordnet.“ „Ich bin göttlichen Lebens, zünde hin über die Schönheit der Fluren, leuchte in den Gewässern und brenne in den Gestirnen. Ich bin das heile Leben. Alles hat seine Wurzel in mir.“ In der Mitte des Kosmosrades wird die kleine Kugel Erde sichtbar. Sechs Sphärenringe (entsprechend den sechs Schöpfungstagen) umkreisen sie: außen das helle Feuer Gottes, dann das schwarze Feuer, der blaue Äther, die wasserhaltige Luft, die weiße, starke Klarluft und die innerste Lufthülle. Ein Windsystem von allen vier Himmelsrichtungen entsteigt symbolischen Tierköpfen. Von den Sternen gehen Strahlungen aus, die alle Elemente des Kosmos erfassen. Ein Lichtnetz breitet sich vom Mund der Gestalt der Liebe her aus und berührt und durchdringt alle Bestandteile der Schöpfung. „Alles antwortet einander, alles hält einander in einem von Spannung erfüllten Feld.“ Das Weltenrad, das von Winden und Gegenwinden angetrieben wird, ist in kreisender Bewegung. „Mitten im Weltenbau steht der Mensch, denn er ist bedeutender als alle Geschöpfe, die von der Weltstruktur abhängig bleiben. An Gestalt ist er zwar klein, an der Kraft seiner Seele aber gewaltig.“ Er überragt die Erde weit und reicht bis an die Hirnmelssphären heran. Durch seinen Leib ist er in die gesamte Schöpfung eingeästet wie die Zweige in den Baum. Und umgekehrt ist alle Kreatur in ihm angelegt, sozusagen in ihn „eingezeichnet“. Gott hat ihn als „Mit-Schöpfer“ auf den Richterstuhl des Universums gesetzt und ihm das „Weltnetz“ in die Hand gegeben. ,,O Mensch, du bist mir verantwortlich.“ Was nämlich der Mensch in seinem Herzen entscheidet und dann ins Werk setzt, das durchdringt und verändert das All, „denn seine Seele erstreckt sich über den gesamten Erdkreis„, geht doch von seinem Herzen „ein Weg“ zu den elementaren Bausteinen des Universums. Der Mensch kann seiner Umwelt durch die Kraft Gottes und seine persönliche Entscheidung schöpferisch Leben und Fortentwicklung vermitteln, so daß sie im umfassenden Sinn des Wortes aufblüht. Er kann sie aber auch durch seine schlechten Taten ins Chaos stürzen. „Er kann die Luft verpesten mit all diesem Weltgestank.“ Oft gibt Hildegard in ihren Werken der „wilden Klage“ der Weltelemente Ausdruck: „O Mensch, du einziger Rebell in der Schöpfung. Wir können nicht mehr die Bahnen laufen, die der Meister (Gott) uns gesetzt hat.“ Die Elemente, die zum Dienst am Menschen geschaffen wurden, wenden sich dann widerspenstig gegen ihn durch Katastrophen aller Art. Der Mensch ist also existentiell in die Verantwortung gerufen und genommen. Nur er kann durch sein unterscheidendes Wissen um das Gute und das Böse in freiem Entscheid die Welt und ihre Heilsgeschichte vollenden. Die Kraft zum rechten Tun aber muß er von Gott erbitten. „Der Schöpfer hat die Gestirne, Wind, Luft, Erde, Feuer und Wasser um der Ehre des Menschen willen erschaffen und zu seinem Schutz. Einen anderen Halt hat der Mensch nicht. Ehrt er den Bestand der Welt nicht, dann gerät er in die Bedrohung durch die Dämonen und wird aus dem Schutz der Engel entlassen.“

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