Politik und Gottesreich

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„Der vierte Stand“ (1901) von Giuseppe
Pellizza da Volpedo zählt zu den bekann-
testen Darstellungen des modernen Proletariats.

Das Proletariat (von lateinisch proles ‚die Nachkommenschaft‘) bezeichnete im antiken Rom die gesellschaftliche Schicht der landlosen und lohnabhängigen besitzlosen, aber nicht versklavten Bürger im Stadtstaat, die nicht steuer- und wehrpflichtig waren.

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Schöne neue Welt – ZDF Doku 2016 HD mit Claus Kleber
„Staying out of politics“
Kirchen sollen Wahlkampf machen dürfen
Rotes Antiquariat

Politik und Gottesreich

Politik und Gottesreich – Vortrag, gehalten an der Landsgemeinde der „Evangelischen Freischar“ zu Pfingsten 1915 in Hirzel (Kt. Zürich).
Politik und Gottesreich. Sie kämpfen gegen einander, verbinden sich mit einander, verschlingen sich in einan­der. Politik machen in Versailles die Weltherrscher, – wir wissen wie! – Politik macht Clemenceau, aber auch Wilson und Lenin. Politik macht Laur, macht Platten, macht Sonderegger. Als Maschinengewehr und Stahl­helm zieht sie durch unsere Strassen, nachdem sie vorher an der Grenze gestanden. Ueber dem Weltkrieg wie über dem Bürgerkrieg schwebt der Dämon der Politik. Aber in Paris wollen sie doch F r i e d e n machen, ob sie schon nicht können. Wilson will den Völkerbund und Lenin will die Weltrevolution – beide ehrlich und lauter in der Meinung, damit eine neue Welt zu schaffen. In Millionen Herzen braust die Entrüstung darüber, dass diese Ziele verraten werden, in Millionen Herzen klagt die Hoffnung und erhebt sich immer von neuem, da sie nicht sterben kann. Durch die Strassen ziehen die Arbeiter­bataillone mit den Fahnen des Sozialismus. Sozialismus, Kommunismus, Antimilitarismus – in alledem regt sich, wenn auch oft incognito, vielleicht auch in Entstellung und Verzerrung, das Gottesreich i n der Politik und
g e g e n die Politik. Ueber dem Chaos steigt Christus auf in neuem Glanz. Vieler Augen sehen wieder auf ihn. Die Glocken von den Klrchtürmen läuten ja auch noch in diese Welt hinein. So machtlos auch die Kirchen selbst sind, so reden sie doch von einer andern Welt, als der der Kanonen und Stahlhelme. Und heute ist Pfingsten, das Fest der Erinnerung an den wunderbaren Aufbruch eines neuen Wesens in der Welt, der Gründung einer ganz neuen Menschengemeinschaft. Wir aber stehen hier als eine Pfingstlandsgemeinde. Ist das nicht eine eigenartige Verbindung von Gottesreich und Politik? Indem wir uns eine Landsgemeinde nennen, bekennen wir uns zur Politik, und indem wir sie auf Pfingsten verlegt haben, zum Gottesreich. Wir wollen Politik und Gottesreich ver­binden. Wir sind Sozialisten, und nicht nur das, Sozial­demokraten, aber wir möchten zugleich, ja gerade damit, auch Jünger Christus sein. K a n n man das? Kann man Politik treiben und dem Gottesreiche dienen? Ist das nicht ein Widerspruch?

Denn es ist eben d a s Thema der Zeit, das Zentral­thema, das von Gott selbst ihr gestellte Thema, das Pfingstthema: wie Politik und Gottesreich zusammen­ kommen sollen. Und wie denn kann es geschehen?

Endlich erhebt sich über aller Politik e i n e gewaltige Macht, eine der grossen Weltmächte, die mit dem Got­tesreich in Wettbewerb treten: der S t a a t. Wie Macht und Politik, so gehören Staat und Politik zusammen. Und zwar ist es eben der M a c h t staat, der Staat, der G e w a l t hat und Gewalt übt über und gegen seine Glieder und der Gewalt braucht gegen andere Staaten. Wir denken an ein System des Z w a n g e s, das in Ka­serne und Zuchthaus seine typische Verkörperung findet. Politik denken wir uns dann als Dienst dieses Staates. Er haucht ihr seine Seele ein. Sie arbeitet mit Gesetz, Zwang, mit äusserlichen Mitteln aller Art. Was könnte das alles mit dem Gottesreiche zu tun haben? Die­ses besteht in W a h r h e i t,  F r e i h e i t und L i e b e und arbeitet nur mit ihnen als Mitteln;
es ist geistiger, innerlicher Natur. Staat und Politik gehören zum W e l t reich, nicht zum
G o t t e s r e i c h. So scheint es.

Diese Politik nun sehen wir zu allen Zeiten an der Arbeit und sehen sie heute ihr Werk tun. So behandeln die Bürgerlichen die Politik, so aber auch die offizielle Sozialdemokratie. Auf diesem Wege gehen nicht nur Ludendorff und Foch, sondern auch Scheidemann und Noske, nicht nur Laur und Sonderegger, sondern auch Grimm und Lenin. Auch die Sozialdemokratie will Politik sein und den Sozialismus vor allem auch mit politischen Mitteln durchsetzen. Zu diesen politischen Mitteln gehören nach ihrer Meinung vor allem die sogenannten realen Mächte: das Gewicht der Masse, eine Agitation, die es mit den Mitteln nicht genau nimmt, die Anwendung von Gewalt. Sie lachen uns aus, wenn wir von Geist und Gottesreich reden. Wir sind für sie gutartige Narren, vielleicht harm­los, vielleicht schädlich. Einige von ihnen lachen viel­leicht nicht, sondern sind traurig. Sie möchten uns gerne recht geben, können aber nicht glauben, dass man auf unserem Wege zum Ziele komme. Auch unsere jugendlichen Genossen, die heute da und dort tagen, und mit denen uns der
S o z i a l i s m u s verbindet, auch sie tun es noch vorwiegend im Zeichen der Politik. Wir aber müssen die Einen lachen und die Andern trauern lassen. Wir sehen, wohin man auf diesem Wege gelangt ist. Das Ende war stets das gleiche: die Weltverheerung, und heute steht es deutlich genug vor unsern Augen als Weltbrand, Völkerkrieg, Weltbürgerkrieg, Weltunter­gang. Wir brauchen davon gar nicht weiter zu reden. Das Gericht über die Politik, das Reich der Selbstsucht und Gewalt aller Art, ist heute auch dem Blindesten sichtbar. Darum wenden sich Viele entsetzt von aller Politik ab. Jene christliche Jugend, die heute ebenfalls ihre Ta­gungen abhält, und mit der uns C h r i s t u s verbindet, erschrickt noch vielfach, wenn man von Politik redet. Sie schelten oder höhnen uns, weil wir P o l i t i k treiben. „Politik,“ sagen sie, „ist eine Sache der W e l t und gehört zum Weltwesen. Wer sich damit einlässt, be­fleckt sich selbst und kompromittiert die Sache Gottes. Er wird selbst in die Welt hineingezogen und macht mit ihr Fiasko. In der Welt herrschen die Ordnungen der Selbstsucht und Sünde. An ihnen nimmt auch alle Politik teil. Ein Jünger Christi lässt sich damit nicht ein. Er weiss: das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Sein einziges Streben ist, sich von Christus erlösen zu lassen und in ihm eine neue Kreatur zu werden. Von hier aus mag dann auch die Welt anders werden, soweit sie dies kann und wenn sie es kann. Denn die ganze Welt muss zuerst vom Fluch der S c h u l d  u n d  S ü n d e erlöst werden. Vorher ist alle Politik ein eitles Bemühen. Diese Erlösung aber geschieht völlig wohl erst jenseits dieser Erde und der jetzigen Welt. „Wir harren eines neuen Himmels und einer neuen Erde, worinnen Gerechtigkeit wohnt.“ So spricht in allerlei Formen, von den schärfsten bis zu den gemässigtsten, der P i e t i s m u s zu uns. Ihm kommen wir oberflächlich und verweltlicht vor. Er meint wir wollten mit Politik das Reich Gottes herbeiführen oder erblickten gar in irgend einem politischen Zustand, etwa einem vollkommenen Sozialstaat, das Reich Gottes. Was antworten wir diesen? Eigentlich das Gleiche, was den Andern. Wir sagen ihnen: Wohin euer Weg geführt hat, ist heute deutlich. Warum ist denn die Weltkatastrophe gekommen, und zwar gerade von dem politischen und sozialen Gebiete her? V o r  a l l e m  d u r c h  E u r e  S c h u l d ,  I h r  U e b e r f r o m m e n ! Denn Ihr habt die politischen und sozialen Dinge ihren eigenen Weg gehen lassen und Euch nicht um sie bekümmert. Darum sind sie diesen Weg gegangen, den Weg zur Hölle. Ihr habt versäumt, sie für G o t t zu erobern und darum sind sie das Reich des T e u f e l s geworden. Und Ihr selbst seid mit samt Eurem Pietismus mit in dieses Fiasko hineingerissen worden. Und habt es verdient! Denn die Art und Weise, wie Ihr inneres und äusseres Leben, individuelle und soziale Erlösung trennen wolltet, war gegen Gottes Willen, war unnatürlich und unwahr. Man kann nicht seine Seele retten, wenn man die Welt dem Teufel überlässt. Man kann nicht ein inneres Leben führen, dem das äussere überall widerspricht. Sonst wird man ein Heuchler. Man kann nicht die Bruderliebe bekennen und an Ordnungen teilhaben, die auf die reine Selbstsucht gegründet sind, man kann nicht an das Kreuz glauben und an das Schwert. Hier heisst es nicht: Sowohl – als auch, sondern: Enweder – oder! Auch Ihr habt darum w ä h l e n müssen, wenn nicht ausdrücklich und mit Bewusstsein, so doch stillschweigend und unbewusst. Und Ihr habt die W e l t gewählt, habt ihre Partei genommen und ihr sogar den Segen gespendet. Ihr habt den Kapitalismus, den Militarismus, den Krieg, die Gewalt verteidigt und seid darin weiter gegangen als sogar die Weltleute selbst. Die W e l t hat bei Euch und durch Euch gesiegt und nicht
C h r i s t u s , die P o l i t i k und nicht das G o t t e s r e i c h. Ihr positiven und pietistischen Christen seid der allerschlimmsten Verweltlichung und Veräussserlichung verfallen. Von Euch lassen wir uns am allerwenigsten Oberflächlichkeit oder gar Verrat an Christus vorwerfen. I h r seid es, die das Gottesreich an die Politik hingegeben habt. Ihr habt auf Eurem Wege nicht Christus von der Politik frei gehalten, sondern ihn der Politik geopfert. Ihr seid schlimmer als die weltlichen Gewaltpolitiker. Diese treiben ihr Geschäft doch bloss im Namen der W e l t , Ihr aber macht es zu einem Gott wohlgefälligen Tun und gebt ihnen das gute Gewissen. Ihr seid ihnen viel näher als man meinen möchte. Nicht nur seid Ihr ihre stärksten Stützen, sondern Ihr teilt im Grunde auch ihren Glauben, dass Egoismus und Gewalt ewig die Welt beherrschen werden. Freilich reserviert Ihr für Gottes Herrschaft das Jenseits, aber das lassen die Andern Euch gern. So helft Ihr einander; die Extreme berühren sich. Aber nun tritt ein V e r m i t t l e r dazwischen. Es ist ein Professor oder Pfarrer, ein Philosoph oder Theologe oder beides zusammen. Er spricht zu uns: „Ihr habt beide zusammen zugleich Recht und Unrecht. Gewiss soll man sich mit Politik befassen und sie nicht einfach laufen lassen. Nur muss man nicht meinen, dass es möglich sei, die Politik den Gesetzen des Reiches Gottes zu unterwerfen. Das sind nun einmal zwei verschiedene Welten, in denen verschiedene Gesetze herrschen. Das Reich Gottes will Freiheit und Liebe, die Politik aber kann nicht anders, als M a c h t suchen. Sie muss irgendwie dem natürlichen Egoismus der Gemeinschaften, ihrer notwendigen Selbstbehauptung dienen. Auch das ist Gottes Ordnung. Also soll man zwar Politik treiben, aber nicht meinen, dass man durch Politik oder in der Politik das Gottesreich verwirklichen könne. Das ist, fährt er fort, auch Luthers, Zwinglis und Calvins Meinung gewesen. Sie haben unterschieden zwischen der „geistlichen“ Gerechtigkeit, die znm Gottesreich und der „bürgerlichen“, die zur Politik gehörte. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist.“ So tritt jetzt, nachdem vorher gleichsam der Mönch zu uns geredet, der Reformator vor uns hin. Z w i n g l i redet vom Grossmünster her zu uns. Da müssen wir gewiss in Ehrfurcht hören. Aber wir fragen auch ihn in Ehrfurcht: „Du Grosser, du geistiger Vater von so vielen Besten was wir haben – war nicht auch dein Ideal die T h e o k r a t i e, die Gottesherrschaft über alles Leben? Hast du nicht versucht, dieses Ideal in diesem Zürcherland und Schweizerland zu verwirklichen? Und ist nicht eine neue Welt diesem Ideal entsprosst? Ist es nicht gerade in d e i n e m Geiste, wenn wir heute dieses Ideal über die g a n z e Wirklichkeit, auch gerade über eine Welt, die davon bisher nicht beherrscht war, das politische und wirtschaftliche Leben, ausdehnen wollen? D i e s e s  G e b i e t  i s t  j a  s o  u n e n d l i c h  w i c h t i g. Es ist seit deinen Tagen und gerade durch dich so umfassend geworden. Die D e m o k r a t i e, die zum guten Teil auf Dich und Deine Genossen zurückgeht, zieht den Bürger mit Leib und Seele so tief in das öffentliche Leben hinein, dass nur ein Entweder – Oder bleibt: entweder dient er darin Christus, und zwar ganz und unmittelbar, nicht bloss halb oder zu einem Viertel und bloss aus der Ferne, oder er verrät Christus, macht ihn zu einer Lüge. Ein Drittes gibt es nicht. Darum sind auch die Vertreter dieser Denkweise dem Fluch der Halbheit verfallen. Sie sind so weit mit dem S t a a t gegangen, dass C h r i s t u s zu einem Mythus wurde. Sie haben dem Kaiser so viel gegeben, dass für Gott fast nichts mehr übrig blieb, ja sie haben Gott selbst dem Kaiser gegeben. Dieser Weg ist als falsch erwiesen, wir müssen einen andern gehen, auch in d e i n e m Namen, Zwingli– vielleicht nicht ganz nach deinen W o r t e n, wenigstens nicht nach a l l e n, aber ganz in deinem Geist.“ Aber welches ist nun u n s e r Weg? Nun bleibt, scheint es nur e i n e r mehr übrig. Wenn wir die Politik nicht abseits vom Gottesreich ihren Weg gehen lassen dürfen, wenn wir weder Politik im gewöhnlichen Sinne treiben noch Politik dem Teufel überlassen dürfen, dann scheint nur noch e i n Ausweg offen. Dann müssen wir die Politik dem Gottesreiche dienen lassen, dann müssen wir Politik treiben um des Gottesreiches willen. Und nun treten wieder eine Reihe von Gestalten zu uns heran, alte und neue. Es kommen die grossen Päpste, Gregor der siebente und Innozenz der dritte voran, und mit ihnen Ignaz von Loyola. Ihr Ziel ist auch die T h e o k r a t i e. Diese soll durch die Kirche dargestellt werden. Auch die Politik wie das Wirtschaftsleben soll dem Gesetze Christi untertan sein. Das ist das Ideal dieser weltgeschichtlichen Grossen. Es kommen aber auch solche, die uns näher stehen: wir erkennen Savonarola und Cromwell. Sie wollen, dass Christus der König sei, nicht durch Kirchenzwang, sondern in Freiheit. Auch das S c h w e r t soll unter Umständen ihm dienen. Es kommen aber noch Andere, uns noch näher stehende, es kommen Wilson und Lenin. Was wollen sie anderes als durch Mittel der Politik das Gottesreich bauen? Jeder tut es auf seine Art, aber es ist das Ideal, das hinter ihnen steht, auch wenn es einen andern Namen trägt. Und endlich tönt uns von allerlei Seiten her das Stichwort „c h r i s t l i c h e  P o l i t i k“ entgegen.
„Nicht w e l t l i c h e Politik wollen wir treiben, das wäre freilich falsch, aber c h r i s t l i c h e Politik, das muss es sein. Darin lösen sich alle Probleme. Verchristlichung der Politik, das sei unsere Losung!“ Wir aber stutzen. Die Gefahren auch dieses Weges werden uns klar. Wir wissen, was auf diesem Wege immer zustande gekommen ist und stets mit Notwendigkeit zustande kommen muss: nämlich e i n e  V e r m i s c h u n g  v o n  G o t t e s r e i c h  u n d
W e l t r e i c h. Alle Entartung der römischen Kirche steigt vor uns auf. In dieser Verlegenheit gehen wir dorthin, wo uns das Reich Gottes in seiner Kraft und Reinheit entgegentritt, zu C h r i s t u s selbst und denen, die ihm den Weg bereitet haben, den grossen P r o p h e t e n  I s r a e l s. Wie stellen sie sich zur Politik? Wenn wir uns zuerst den P r o p h e t e n zuwenden, so tritt uns an ihnen eine merkwürdige Doppelstellung entgegen.
D i e s e  P r o p h e t e n  s i n d  a l l e  P o l i t i k e r .
Dies zeigt sich in einer doppelten Beziehung. Einmal sind ihnen die politischen Dinge wie die sozialen (die wir der Kürze halber dazu rechnen wollen) u n e n d l i c h  w i c h t i g. Sie sehen darin das Walten ihres Gottes. Dieser ist der Gott der W e l t, nicht bloss der einzelnen frommen Seelen. Es ist der l e b e n d i g e Gott, nicht bloss eine philosophische Idee. Darum offenbart er sich in T a t e n. Solche Taten sind vor allem auch die Entwicklungen der politischen Geschichte. Sie sind sein lebendiges Wort. Besonders sind es die grossen K a t a s t r o p h e n des Völkerlebens, worin sein Wille mächtig aufleuchtet und sein Reich in neue Phasen eintritt. So ist es geradezu die Politik, die zur Offenbarung Gottes wird, so ist es Politik, an die sich die Leidenschaft des Glaubens an den lebendigen Gott heftet – alles im schroffsten Gegensatz zu jenen die Politik scheuenden Christen, die sich doch auf die Propheten als die grossen Zeugen Gottes berufen. Hier ist keine Spur jenes Unterschiedes zwischen dem innern Leben und den äussern Verhältnissen, zwischen der Erlösung der einzelnen Seele und der Erlösung der Welt, worauf die Pietisten aller Art Gewicht legen. Wie Gott der Gott der Welt ist, so will er auch die W e l t erlösen und zur Stätte seiner Herrschaft machen. Gerade die s o z i a l e n Dinge, von denen Viele unserer frommen Innerlichkeitsmenschen so verächtlich reden, während sie doch oft so stark an sie gebunden sind, liegen Gott besonders am Herzen. Wie in einem Volke die Armen und Schwachen behandelt werden, das ist es, wonach Gott fragt, nicht, wie viele Opfer auf dem Altar des Tempels rauchen, auch nicht – das dürfen wir in ihrem Sinne sagen – wie viele frommen und innerlichen Gedanken von dem Altar der einzelnen Seelen aufsteigen. Ob Recht und Barmherzigkeit im Lande wohnen, darauf kommt es in dem Gericht Gottes über ein Volk an, nicht, ob dort viel und richtig über seine Geheimnisse nachgedacht werde. Glaube und Unglaube eines Volkes werden nicht nach irgend einem Glaubensbekenntnis bemessen, sondern danach, ob es den Mut hat, in seinem politischen und sozialen Leben den offenbaren Willen Gottes zu tun, den deutlichen Weg Gottes zu gehen. Das ist das Erste: die Politik ist den Propheten in gewaltigem Masse religiös wichtig. Sie werden selbst Politiker. Sie greifen in die Politik ein mit mächtigem Wort und entscheidender Tat. Sie tun es gerade als Männer Gottes. Daran erkennt man sie, dass sie es tun, während die Andern in die Irre gehen oder schlafen. Das Zweite aber ist, dass ihr Ziel nichts Anderes bildet, als e i n  R e i c h . Ein Reich! Eben das Reich Gottes, das Reich, wo Gott herrscht, wo Gott wohnt. Aber dieses Reich ist nicht das, was sich der grösste Teil unserer Frommen denkt, etwas, was einerseits bloss inwendig in der frommen Seele wohnt und anderseits erst jenseits des Grabes anbrechen kann; nein, es ist eine ganz r e a l i s t i s c h e Sache. Es ist ein i r d i s c h e s Reich, eine durchaus sichtbare und greifbare Sache, so sichtbar und greifbar wie das Reich der Assyrier und Babylonier, oder später das Römerreich. Es ist sichtbar und greifbar da, wo Gott unter den Menschen herrscht, wo unter ihnen sein Wille geschieht. Es tritt auf mit bestimmten Ordnungen und Kräften; es ist kein ferner und blasser Himmel, sondern eine Gegenwart voll Fleisch und Blut, Leben und Kraft. So sind die Propheten Politiker. Aber nun müssen wir diesem Satze den scheinbar damit im schroffsten Widerspruch stehenden hinzufügen: „S i e  s i n d  d a s  G e g e n t e i l  v o n  P o l i t i –
k e r n  u n d  v e r u r t e i l e n  n i c h t s  s o  s c h a r f  w i e  d i e  P o l i t i k.“ Darum ist zwischen ihnen und der Politik und den Politikern ihrer Tage Todfeindschaft. Wie kann das gemeint sein: Politiker sein und das Gegenteil davon? Politik treiben und Politik aufs äusserste bekämpfen? In den politischen Geschehnissen Gottes Tritt erkennen und doch die Politik als gerichtet betrachten? Das bedeutet einmal: d a s s  d i e P r o p h e t e n  m i t  g a n z  a n d e r n  M i t t e l n  a r b e i t e n  a l s  d i e  P o l i t i k e r. Diese arbeiten mit List und Gewalt, gelegentlich zwar auch mit der Religion, die sie aber in den Dienst der Politik stellen; die Politik der Propheten aber ist die Erfüllung des wahren Willens des lebendigen Gottes in allem Leben. Politik treiben bedeutet für sie nicht, das Militär vermehren und Festungen bauen, Bündnisse schliessen und Intrigen schmieden, sondern auf das Wort Gottes achten und seinem Gebot Raum schaffen im Lande. Es heisst Gerechtigkeit üben, Güte und Demut. Politik ist T h e o k r a t i e, aber nicht eine von Menschen gemachte, nicht eine von einer Kirche verwaltete, auch nicht eine religiöse Politik, die politische Mittel zur Erreichung besonderer religiöser Zwecke benützt, sondern eine frei aus dem Gehorsam gegen den offenbaren Willen Gottes quellende. Und so ist das R e i c h , das sie wollen, grundverschieden von dem, das die gewöhnliche Politik erstrebt. E s  i s t  d a s  G e g e n t e i l  d e r
W e l t r e i c h e. Es ist nicht in Grenzen eingeschlossen, seine Grenze ist der Wille des Menschen, der es annehmen oder verwerfen kann. Es ist kein Reich der Gewalt, sondern im Gegenteil die Aufhebung aller Gewalt. Es weiss nichts von einem herrschenden Macht- und Zwangsstaate. Der Staat hört im Reiche Gottes auf. Denn das Reich Gottes ist e i n e
f r e i e  F a m i l i e, die Familie Gottes, die bloss durch den Willen Gottes verbunden ist und wo nichts gilt als Gott und der Mensch.
Der König, der in diesem Reiche herrscht, ist Gott allein.
Dieses Reich will freilich so sichtbar und greifbar kommen wie das Römerreich, es will auf E r d e n kommen und die Erde beherrschen; es will kommen in gewaltigen Veränderungen alles Menschenwesens. Aber es ist seiner A r t nach das genaue Gegenteil der Weltreiche. Es steigt über diese empor, es kämpft mit ihm einen furchtbaren Kampf; es stürzt sie in gewaltigen Katastrophen und bleibt zuletzt allein übrig. Es setzt an Stelle des Zeichens des Tieres, das den Weltreichen eignet, das Zeichen des Menschensohnes, des C h r i s t u s. So treiben die Propheten gleichzeitig Politik und das Gegenteil davon. Und nun J e s u s selbst, der Christus? Jesus Christus vollendet die Propheten. Das bedeutet, dass er über sie hinaus geht und doch auch, dass er auf i h r e r Bahn weiter geht. Und so gilt alles von den Propheten Gesagte in höherem Stile auch von ihm. Auch ihm ist Politik eine h o c h w i c h t i g e Sache. Dass das politische Problem ihm viel zu schaffen gemacht hat beweist die ganze Geschichte seines Wirkens von Anfang bis zu Ende. In der Versuchungsgeschichte tritt ihm die Politik entgegen mit ihren Verheissungen und Gefahren. Immer von neuem drängt dieses politische Problem an ihn heran. Israel hat zu seinen Tagen freilich kein selbständiges Volkstum mehr. Es ist, rein politisch betrachtet, ein Stück jenes Römerreiches geworden, in dem alle Weltreiche sich zu dem e i n e n Weltreich konzentriert haben. Aber das Verhältnis Israels zu diesem auf der einen und zum Gottesreich auf der andern Seite hat Jesus aufs tiefste bewegt, wie die Worte verraten, die er bei seinem Messiaseinzug in Jerusalem spricht. Auch er schaut in den Weltbegebenheiten, vor allem in dem gewaltigen Kampf zwischen dem Weltreich und dem kommenden Gottesreiche, das Walten des richtenden und erlösenden Gottes. Und auch er verkündigt e i n R e i c h – das Reich Gottes, das auf Erden kommen soll. Auch dieses Reich ist realistisch; es rechnet mit sichtbaren und greifbaren Wirklichkeiten. Es scheidet nicht zwischen Aussen und Innen. Es ist nicht bloss „inwendig in Euch“ (die richtige Uebersetzung des Wortes lautet höchst wahrscheinlich: „Es ist mitten unter Euch!“), sondern will sich gerade in der Behandlung der äusseren Dinge, zum Beispiel des Besitzes, des leiblichen Lebens, kund tun. Es soll nicht neben einer weltlichen Politik hergehen sondern soll den ganzen Menschen in Beschlag nehmen. Wenn Jesus spricht: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist“, so ist in seinem Munde ganz selbstverständlich, dass nicht eine Teilung zwischen Gott und dem Kaiser stattfinden soll, worin der Kaiser ebensoviel, ja sogar mehr erhält als Gott, sondern eine, worin dem Kaiser nur gegeben wird, was n i c h t s be­deutet – also vielleicht etwas Steuergeld.

Damit ist aber schon gesagt, dass dieses Reich im aller­ schärfsten Gegensatz steht zu dem W e l treich. Darum müssen wir hinzufügen, d a s s  a u c h  J e s u s, indem er Politik treibt, d e n  ä u s s e r s t e n  G e g e n s a t z  z u  a l l e r  P o l i t i k  d a r s t e l l t. Dieser Gegensatz ist in dem Masse grösser als bei den Propheten als das Reich, das er verkündigt, über das hinausgeht was die Pro­pheten gesehen haben. Darum hat er die politische Ver­suchung immer abgewiesen als Verlockung des Bösen. Darum hat er darin das Volk enttäuscht, so dass aus dem „Hosianna“ ein „Kreuzige ihn“ wurde. Darum hat ihn zuletzt die Politik, die weltliche mit der religiösen ver­bündet, Staat und Kirche zusammenwirkend, ans Kreuz geschlagen. Am Kreuze ist darum alle Politik gerichtet. Es ist ihre endgültige Verurteilung. Jesus hat nun aber über das Verhältnis von Politik und Gottesreich ein Wort gesprochen, das a l l e s sagt, das, recht verstanden, alle weiteren Erörterungen dar­über unnötig macht. Es ist ein Wort von göttlicher Ein­fachheit und ungeheurer Tragweite. Als die Mutter des Jacobus und Johannes zu ihm kam, um ihn zu bitten, dass ihre Söhne im Reich Gottes zu seiner Rechten und Linken sitzen dürfen, da hat er ihr den Unterschied zwi­schen Politik und Gottesreich klar gemacht. „Ihr wisset,“ spricht er, „dass die Herrscher der Völker diese tyrannisieren und ihre Grossen sie vergewaltigen. So soll es unter Euch nicht sein, sondern, wer unter Euch gross sein will, der sei Aller Diener, und wer unter Euch der Erste sein will, der sei Aller Knecht, wie auch des Menschen Sohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für Viele.“ Dieses Wort ist das
r e v o l u t i o n ä r s t e, das je gesprochen worden ist. Es ist die Formel der e i n e n grossen Revolution, aus der alle andern, die uns wirklich vorwärts bringen, hervorgehen. Dieses Wort erhellt wie eine grosse Sonne den Sinn der ganzen Weltgeschichte.
 

Z w e i R e i c h e sind es, die darin mit einander ringen. Das eine ist das Reich, wo man herrschen, das andere das, wo man dienen will; das eine ist das der Gewalt, das andere das der Liebe; das eine das des Krieges, das andere das des Friedens; das eine das der Ausbeutung, das andere das der gegenseitigen Hilfe; das eine das des Zwanges, das andere das der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Es treten einander gegenüber Jerusalem und Rom, Christus und Zäsar, der Staat und die freie Gottesfamilie, die Politik und die dienende Liebe, kurz, das Weltreich und das Gottesreich. Sie ringen mit ein­ander in gewaltigem Kampf; der Jünger Christi aber weiss, auf welche Seite er gehört, wessen der Sieg sein wird. Denn das ist für uns der Sinn der Geschichte: nicht dass die beiden Reiche stets neben einander hergehen, in ewig unentschiedenem Kampfe mit einander liegend, und dass wir unser Herz in beide teilen müssten, dem einen die „geistliche“, dem andern die „bürgerliche“ Gerechtigkeit gebend, sondern dass das eine über das an­dere siegt und wir ganz dem e i n e n gehören. Wir sehen wie das Reich Christi zunächst einmal eine gewaltige Bresche in die alte Welt legt, indem es den absoluten Anspruch der natürlichen Lebensformen: Familie, Volk, Staat, an den Menschen zerbricht und ihnen die Bürger­schaft einer geistigen Welt öffnet. Wir müssen in dem Versuch, in Form einer kirchlichen Theokratie das Reich Christi dem Weltreich überzuordnen, bei all seinen Män­geln doch auch einen Sieg Christi erblicken. Als dann dieser Versuch an seinem innern Widerspruch scheiterte, setzte das Ringen der beiden Mächte sich in neuen For­men, auf dem Boden der Freiheit, fort. Das Staatsprin­zip erhebt von neuem und immer massloser seine An­sprüche, aber wir gewahren doch, wie es immer stär­ker von dem andern durchbrochen wird. Aus dem Für­stenstaat wird der bürgerliche und demokratische, aus dem reinen Gewaltstaat der Rechtsstaat, aus dem Poli­zeistaat der Kulturstaat, Wohlfahrtsstaat, Sozialstaat. D i e s e  E n t w i c k l u n g s l i n i e
b e d e u t e t  a b e r  i m  G r u n d e  e i n e  f o r t l a u f e n d e  A u f h e b u n g  d e s  S t a a t e s  i n  e i n e  h ö h e r e  L e b e n s f o r m. Zugleich beobachten wir, wie aus dem Feuer, das Chri­stus in die Welt ergossen, ein Strom durch die Ge­schichte fliesst, der auf eine noch unmittelbarere Weise das Reich Christi selbst darstellt, ein Strom von Liebe, Reinheit, Frieden, weltüberwindenden Kräften aller Art. Zu ihm dürfen wir den Sozialismus und Kommunismus rechnen, wenn wir auf ihren tieferen Sinn, nicht auf ihre oberflächliche Gestaltung achten. Sie sind, diesem tie­feren Wesen nach, die letzte Welle vor dem Reiche Got­tes selbst. Freilich geht diesen Entwicklungen ein neues Auf­schäumen der Weltgewalten, ein unerhörtes Anwachsen des Reiches des Egoismus und der Gewalt in Theorie und Praxis zur Seite. Aber wir wissen, dass das Kom­men des Reiches sich nicht geradlinig oder schrittweise vollzieht, sondern in gewaltigen Krisen, welche Zuspitzun­gen und Katastrophen werden. Darum dürfen wir den Sinn der heutigen Weltkrise mit dem Auge des Glau­bens so deuten, dass sie einen Entscheidungskampf zwi­schen Weltreich und Gottesreich einleitet, worin das ganze Reich der Gewalt, das Reich der Politik in jenem schlimmen Sinne, zusammenbricht und das Reich des M e n s c h e n aufsteigt, das in Gott seinen Ursprung und seine Bürgschaft hat. Auch ein G e w a l t – S o z i a l i s m u s wird vielleicht in diesem Zusammenhang seinen Tag erleben dürfen, um in seinem Fiasko zu zeigen, dass der Weg des
w i r k l i c h e n Sozialismus ein anderer ist. Das ist die wahre R e v o l u t i o n , die wir jetzt er­leben, die Revolution, die G o t t  s e l b s t macht, und die unendlich viel grösser ist, als alle von Menschen ge­machten.

Damit aber, liebe Freunde und Genossen, sollten wir auch wissen, welches unser Weg ist. Wir können es nun wohl in Kürze sagen. Wir treiben nicht Politik im Sinne der sogenannten Politiker, wir ziehen uns auch nicht von ihr zurück, wie die Pietisten, wir teilen auch nicht unsere Seele, wie die Theologen und Philosophen uns raten, gehen aber auch nicht den Weg einer sogenann­ten „christlichen Politik“. Welchen denn? Ich möchte die Lösung des Problems in das Wort fassen:  W i r  t r e i b e n  d i e  P o l i t i k  d e s  R e i c h e s
G o t t e s.
Darum ist auch uns Politik eine ausserordent­lich w i c h t i g e Sache und sind wir zugleich Gegner aller Politik. Auch uns ist Politik eine ausserordentlich w i c h t i g e
Angelegenheit. Wir glauben, dass die Sache Gottes gerade heute wieder aufs innigste mit
der Politik verbun­den ist.  I n  d e n  p o l i t i s c h e n  B e w e g u n g e n  u n s e r e r  Z e i t
w e r d e n  d i e  P r o b l e m e  d e s  R e i ­c h e s  G o t t e s  g e s t e l l t. In ihnen vernehmen wir den Schritt Gottes. Auch das, was wir wollen, ist d a s R e i c h. Es ist auch nicht das Reich bloss in der ein­zelnen Seele, obwohl es freilich a u c h in der einzelnen Seele und a u c h jenseits des Grabes ist – was wir ge­gen alle Missverständnisse wieder einmal klarstellen wollen – sondern das Reich, dem die W e l t gehören soll, die äussere und die innere. Sichtbar und greifbar soll es kommen, wie nur irgend ein Weltreich. Es soll kommen mit gewaltigen Veränderungen der Menschenwelt. Man soll es sehen, hören, beachten können in neuen Ordnun­gen des Menschenwesens. Wir wollen die Erlösung ge­rade in der politischen und sozialen Welt kommen sehen. Dort soll ein Neues werden. Dort soll Gott kommen mit seinem Geist und seinen Gaben. Dort wird ietzt der grosse Kampf gekämpft zwischen Christus und dem Anti­christ. Dort hinein treten wir ungeteilten Herzens und ohne pietistische Angst, mit frischem und freiem Tritt, mit Gott, mit Christus. Aber indem wir derart in die Politik gehen, sind wir G e g n e r  a l l e r  P o l i t i k. Denn wir arbeiten nicht mit den Mitteln der Politik, sondern mit den Kräften der neuen Welt; wenigstens ist das unser Wille und unser Gebet, auch wo die Kräfte fehlen. Wir treiben bloss die Politik des Gottesreiches. Wir suchen keine Macht, ausser der der Liebe. Wir wollen nicht Macht gewin­nen, um der Wahrheit zu dienen, sondern wollen der Wahrheit dienen, um durch sie Macht zu gewinnen, aber bloss Macht der H i I f e. Denn wir wollen nicht herr­schen, sondern dienen. Wir lehnen die Gewalt als Mit­tel zum Aufbau einer neuen Welt ab.
Das Reich Gottes kann nur auf F r e i h e i t und L i e b e gebaut werden. Es ist freie Genossenschaft, es ist Gemeinschaft, nicht Herrschaft.
Was wir im Auge haben, ist darum auch nicht irgend ein Staat im bisherigen Sinne, sondern der Gottesstaat, das heisst die freie und brüderliche Familie der Söhne und Töchter Gottes. Auch wir wollen die T h e o-
k r a t i e, die Gottesherrschaft, die Christusherr­schaft.
Diese aber bedeutet nicht irgendwelchen Zwang, sondern die volle Freiheit des Menschen, seine Erlösung aus der Knechtschaft der innern und äussern Weltgewal­ten zu königlicher Herrlichkeit und echtem Leben. Das ist das Reich, dem wir dienen und das unsere Politik. Zu diesem Reiche gehört
für uns der S o z i a l i s m u s. Aus ihm kommt er, in ihm findet er seinen vollkommensten Ausdruck. Er m a c h t uns zu Proletariern, wie er Chri­stus zu einem Proletarier gemacht hat. W i r  g l a u b e n, mit andern Worten n i c h t  n u r  a n  d i e  i n d i v i d u e l l e ,
s o n d e r n  a u c h  a n  d i e  s o z i a l e  E r l ö s u n g ,  n i c h t  n u r  a n  d i e  E r l ö s u n g
d e r  S e e l e ,  s o n d e r n  a u c h  a n  d i e  E r l ö s u n g  d e r  W e I t. Das bedeutet keine Verflachung. Es liegt uns die Meinung fern, dass die Menschen durch Politik erlöst werden könnten oder dass das Reich Got­tes in irgend einem mehr oder weniger vollkommenen äussern Zustand bestehe. Wir leugnen oder verwässern keine der grossen Wahrheiten des Reiches Gottes. Wir wissen, dass die soziale Erlösung aus der seelischen kom­men muss. Wir wissen, dass der einzelne Mensch durch Gott erlöst werden muss von der Herrschaft der Welt­gewalten und Todesmächte, damit er den Brüdern dienen und Bürger einer neuen Welt werden kann. Wir wissen, dass erlösende Gotteskräfte in die ganze Welt strömen müssen, wenn politische und soziale Aenderungen gros­sen Stils, ja eine neue Welt selbst möglich sein sollen. Das ist es allein, worauf auch wir vertrauen.
W i r  m e i n e n  n i c h t ,  d a s s  d i e  P r o b l e m e  d e s  G o t t e s ­r e i c h e s  d u r c h
P o l i t i k ,  s o n d e r n  d a s s  d i e  d u r c h  d i e  P o l i t i k  g e s t e l l t e n  d u r c h
d a s  G o t t e s r e i c h  g e l ö s t  w e r d e n. Was uns aber von den pietistischen und andern Christen unterscheidet, das ist unser Glaube, dass Gott uns seine Kräfte schenken will, dass sie kommen, wenn wir sie rufen und uns auf sie rüsten. Wir glauben, dass sein Reich nicht bloss jenseits des Grabes oder des jüngsten Gerichts verwirk­licht werde, s o n d e r n  d a s s  e s  z u  u n s  k o m m e, wenn auch in gewaltigen Gerichten und Katastrophen. Wir glauben an P f i n g s t e n, das heisst: an die Neuschöp­fung der Welt aus den Tiefen Gottes. Wir glauben auch, dass im Sozialismus eine mächtige Welle dieses Lebens einer neuen Welt aufbrande. So verstehen wir die Politik des Reiches Gottes und verbinden Gottesreich und Politik. Sind damit alle Schwierigkeiten gelöst? Wir gehen, liebe Freunde und Genossen, mit diesem Ideal im Herzen in die Bewegung der Zeit hinein, in die Partei, in die Ge­werkschaft. Wir stehen noch mitten im Gewaltstaat mit seinen Zwangsordnungen. seinen ungerechten Gesetzen, seinen Kasernen und Zuchthäusern. Unsere Partei übt vielleicht selbst Gewalt und Unrecht. Die Gewerkschaft verlangt vielleicht Teilnahme an einem Streik, der mit Gewalttätigkeit verbunden ist. Was sollen wir tun, wenn wir doch etwas viel Grösseres und Besseres im Herzen tragen? Dürfen wir dieses dadurch kompromittieren, dass wir in etwas bleiben und mitmachen, wo es verun­reinigt oder gar verraten wird?

Liebe Freunde und Genossen! Das ist die alte Frage nach dem Verhältnis von Gottesreich und Welt. Man hat sie bald mit Weltflucht, bald mit Kapitulation vor der Welt beantwortet. U n s e r e Antwort scheint mir lauten zu müssen:
N i c h t  K a p i t u l a t i o n ,  a b e r  a u c h  n i c h t  W e l t f l u c h t ,
s o n d e r n  W e l t ü b e r w i n ­d u n g  d u r c h  K a m p f  u n d  L e i d e n. 

Wir sind So­zialisten. Wir gehören an die Seite des Proletariates. Wir haben den Kampf um seine Erlösung und überhaupt den Kampf um die neue Welt zu führen. Darum wollen und dürfen wir unsere Sache nicht vornehm von der des leidenden und kämpfenden Volkes trennen. Wir wollen lieber seine Last auf uns nehmen, wozu vor allem gerade auch seine Fehler gehören; wir wollen lieber von den Pharisäern mit ihm verdammt werden, als aus ihren Händen Tugendmedaillen erhalten. Wir wollen auch da­rin dem Sinn des Kreuzes Christi gehorchen. Aber dabei steht doch dies Eine fest: F a l s c h e s tun und billigen dürfen wir nicht. Wir dürfen nicht hassen, wir dürfen nicht Gewalt üben. Damit mögen wir den mehr politisch eingestellten Genossen unbequem werden. Aber es ist vielleicht ein Dienst, den wir ihnen leisten, wenn wir ihnen unbequem werden. Es ist oft der beste Dienst und er ist umso mehr wert, als er sehr schwierig und schmerzlich ist Aber wir müssen dafür den Genossen auch etwas An­deres geben. Wir müssen ihnen eifriger und selbstloser dienen, als die Uebrigen. Wir müssen gegen das Unrecht viel unerbittlicher und leidenschaftlicher kämpfen als die Politiker und Gewaltmenschen. Man muss uns in der Vorhut sehen, wo es Kampf und Opfer gilt. Und unser Sozialismus muss in einem tiefern Sinne viel r e v o l u –
t i o n ä r e r sein, als der ihrige. Er muss wirklich eine n e u e  W e l t darstellen. Nur in dem Masse, als dies der Fall ist, dürfen wir alle Politik verurteilen und wird man uns glauben. Nur damit werden wir die Dämonen der Politik überwinden. Nur in der Politik des Gottesreiches geht alles andere unter. Im übrigen wissen wir, dass wir in einer Welt leben, wo das Reich Gottes erst noch in furchtbaren Geburts­wehen durchbrechen muss. Da kann unsere Vertretung der neuen Welt vielfach nur eine Sehnsucht, eine Hoff­nung, ein Leiden sein.
Wir werden manches nicht ver­wirklichen können, was wir so gerne möchten, ja, was wir
s o l l t e n. Wir werden oft d u l d e n müssen, was wir nicht ändern können und durch unser Dulden, unser Hoffen und Bitten die Mauern und Felsen der alten Welt zersprengen und untergraben helfen. Aber wenn wir nicht s i e g e n können, werden wir doch nicht kapitulie­ren. Wir k ä m p f e n, sei’s duldend, sei’s angreifend. Und wir leben der Gewissheit, dass Gott gerade jetzt gewaltig am Werke und bereit ist, mit grossen Siegen und grossen Erweisungen seiner Kraft vorzubrechen. Wenn wir, soweit die uns zur Verfügung stehende Zeit es erlaubt, noch die Frage beantworten wollen, was für ein k o n k r e t e s Programm für unser Verhalten zu den politischen Dingen sich aus den neu entwickelten Grundwahrheiten ergebe, so lässt sich das nun wohl ohne Schwierigkeit sagen. Es ist einmal n e g a t i v e r Art. Wir sagen der gan­zen Welt des Egoismus und der Gewalt, die heute das Gemeinschaftsleben beherrscht, Kampf an. Wir stehen gegen das Gewaltsystem in der P o l i t i k , also gegen den Krieg und was mit ihm zusammenhängt. Wir sind gegen das gleiche System auf dem Gebiete des w i r t s c h a f t l i c h e n Lebens, also gegen die heutige Ord­nung. Wir streiten aber gegen j e d e Art von Beherr­schung und Ausbeutung des Menschen durch den Men­schen. Darum sind wir – wenn wir uns irgendwie treu bleiben wollen – auch gegen jede Art von S o z i a l i s m u s , die im Grunde bloss ein neuer Anstrich des alten Systems wäre, und betrachten Diktatur des Proletariates und rote Garden als Verrat am sozialistischen Prinzip. Diese Negation ist aber für uns nicht etwas Selbstän­diges, sondern bloss die Kehrseite unserer P o s i t i o n, und diese ist der Aufbau j e n e r  W e l t  d e r  F r e i h e i t  u n d
L i e b e ,  d i e  d e m  S i n n e  C h r i s t i  e n t­ s p r i c h t. Wir werden im s o z i a l e n Leben an einer neuen G e m e i n s c h a f t arbeiten, für die das Genossen­schaftswesen e i n Ausdruck ist. Wir werden im p o l i t i s c h e n Leben für ein neues Verhältnis der Völker zu einander wirken und die Bruderschaft aller Menschen zur Regel unseres Verhaltens machen. Wenn die alten, nun im Grunde gerichteten und geschlagenen Mächte wieder trotzig ihr Haupt erheben sollten, dann werden wir ihnen gegenüber uns an das Wort erinnern, dass es gilt, Gott mehr zu gehorchen, als den Menschen. In alledem wer­den wir immer wissen, dass die Ziele des Gottesreiches noch weit über die irgend einer politischen Partei und Bewegung hinausgehen. Unser Ziel ist wie für das Ein­zelleben die vollkommene F r e i h e i t der Kinder Gottes, so für das Gemeinschaftsleben die vollkommene B r u d e r s c h a f t.
Der K o m m u n i s m u s , nicht bloss der Sozialismus, wie er gewöhnlich verstanden wird, ist die Gemeinschaft des Gottesreiches. Wir werden nicht nur auf dem politischen und sozialen, sondern auch auf dem kulturellen Gebiet, in a l l e r Lebenswirklichkeit, d i e s e n Geist vertreten, soweit es uns möglich ist. Soweit es uns möglich ist! Denn wir wissen, dass es hier Grenzen gibt. Das führt uns noch einmal auf das Gebiet der T a k t i k. Wie stellen wir, die wir das Voll­kommene im Herzen tragen, uns zu all den unzulänglichen Formen, in denen jenes sich uns zu deuten versucht? Zwei Geistesrichtungen stehen sich in dieser Beziehung wohl auch unter uns gegenüber. Die einen sagen: Alles oder nichts! Sie wollen sich auf keinen Kompromiss, keine Halbheiten, keine Abschlagszahlungen einlassen. Sie wollen nur das Eine, sonst nichts, Die Andern wol­len, das Absolute vor Augen, doch ihm auch so dienen, dass sie da, wo es nicht möglich ist, unter Umständen wenigstens das verwirklichen, was ihm am nächsten kommt. Wie stellen wir uns dazu? Ich meine: beide haben Unrecht, wenn sie aus ihrer These ein D o g m a machen, Dann kommen sie von dem l e b e n d i g e n Gott ab, wie immer, wenn man ein Dogma macht. Er, der L e b e n d i g e, ist selbst das Absolute, aber wir sehen, wie er die Menschen in einer E r z i e h u n g vorwärts führt, wie es in seinem Reiche eine „Erfüllung der Zeiten“ geben muss, wie er das Relative erträgt, ja setzt, weil es unter gewissen Umständen das ist, was der Wahrheit allein entspricht, wie er aber ein andermal das Absolute fordert und sich nichts abmarkten lässt. So müssen wir versuchen, statt aus einem Dogma, aus seinen stets neuen Worten zu leben. Sie werden uns bald geduldig, wenn auch in Schmerz und Unruhe, am Relativen arbeiten, für das bloss Vorläufige kämpfen las­sen, bald wieder von uns verlangen, dass wir ohne Wanken und unerbittlich nur das Letzte vertreten. Aber niemals kann es sich um einen K o m p r o m i s s , das heisst: um eine halbe Preisgabe der Wahrheit handeln, sondern immer bloss um K a m p f, um Kampf, der vielleicht an bestimmten Punkten stehen bleiben muss, aber nicht ver­zichtet, sondern auf das erobernde Vorwärtsdrängen rüstet, bis Gott die Bahn frei macht. D i e  T a k t i k  d e s  G o t t e s r e i c h e s  b e s t e h t
a l s o  d a r i n , s i c h  v o n  G o t t  s e l b s t  l e i t e n  z u  l a s s e n ,  n i c h t  v o n  D o g –
m e n  u n d  M e t h o d i s m e n. Dazu gehört Demut, Gehorsam, Aufmerksamkeit und Liebe, vor allem jene Einfachheit und Einfalt des Wesens, die durch die Religion und Theologie jeder Art so oft verdorben werden, aber zum Wesen des Gottesreiches gehören und in Jesus Christus selbst verkörpert sind.

Darum erinnern wir uns zum Schlusse noch einmal daran, dass heute P f i n g s t e n ist,
das Fest des schöp­ferischen Geistes, des heiligen Geistes. An diesem Tage ist einst die neue Welt wunderbar durchgebrochen. Da ist die babylonisch zerrissene Menschheit wieder ver­einigt worden durch eine neue, allen verständliche Sprache, den Christusgeist.
Da ist auch sofort ein Sozia­lismus und Kommunismus entstanden, eine Gemeinde,
wo alle wirklich eine Familie waren und keiner von seinen Gütern sagte, dass sie sein seien.
Da sind wunderbare neue Gaben und Kräfte in die Welt gekommen und haben eine Welterneuerung bewirkt. Dieser Geist muss über die Welt kommen, dann kommt der Völkerbund und der Sozialismus und Kommunismus, dann geschieht die wahre Weltrevolution. Seiner harren auch wir. Ihn herbeizu­rufen, uns auf ihn zu rüsten, ist unsere höchste Aufgabe. Das ist die Seele unserer Politik. Wir denken an unsere christlichen und sozialistischen Jugendgenossen, die heute innerlich und äusserlich von uns getrennt tagen und hof­fen, dass wir einst Alle zu e i n er Landsgemeinde gehö­ren können. Wir blicken von dieser unserer Pfingstlands­gemeinde aus in die wild wogende Welt, wo Gottesreich und Weltreich mit einander ringen und sehen Christus über die Wellen schreiten. Wir rufen zu ihm:
„Komme, dass alle Politik in deiner Herrschaft sich auflöse, weil sie darin erfüllt ist!“