Die Propheten

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The Prophet Amos Tells of God’s Hatred of „Religion“ and Shockingly Foretells of Israel’s Doom

Siehe, darum sende ich zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und etliche von ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, und etliche werdet ihr in euren Synagogen geißeln und sie verfolgen von einer Stadt zur anderen; Matth 23:34
Botschaft an das Volk Gottes – Das Ende dieses Äons ist gekommen.
Die Bethlehem-Geschichte von der Geburt des Jesus von Nazareth

Leonhard Ragaz, Die Bibel eine Deutung
Die Geschichte Israels Die Propheten

Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund! Siehe ich bestelle dich heute für die Völker und die Königreiche, auszurotten und zu zerstören, zu verderben und niederzureißen, zu bauen und zu pflanzen. Jeremia 1, 10
Das bedeutet: Jeremia darf nicht nur als Seher von Gottes Geist ergriffen, seinen Spruch über Tyrus, Babylon oder Ägypten tun, er hat auch Kompetenz dafür, daß dieser Spruch erfüllt wird; er hat Auftrag. Was er verkündigt, wird geschehen. Er hat Vollmacht … Das sind einfach Tatsachen. Und zwar solche,  die mit aller echten Prophetie überall und immer mehr oder weniger verbunden sind. Wer in Gottes Nähe steht, empfängt von Gott ein Stück seiner Allmacht – als Vollmacht.

Gott ist nicht bloß der Gott Israels, sondern der Gott der Welt, der Gott aller Völker. Israel ist bloß in dem Sinne sein Volk, daß es berufen ist, den Völkern diesen Gott zu bringen. Wenn es dieser Berufung treu ist und in dem Maße, als es das ist, wird es von Gott geschützt und getragen; wenn es ihm aber untreu wird und in dem Maße, als das geschieht, läßt Gott es fallen und unter die Herrschaft der andern Völker geraten. „Bin ich etwa nur der Israeliten Gott“? frägt in diesem Sinne Amos. „Seid ihr mir nicht wie die Kuschiten [Äthiopier], ihr Israeliten? – Habe ich nicht die Israeliten aus Ägypten hergeführt und die Philister von Kaphtor und die Aramäer aus Kir?“ (Amos 9, 7 ). Ihr habt meinen Auftrag bekommen; er bedeutet freilich eine hohe Ehre, aber er bedeutet kein Monopol, sondern eine schwere Verantwortung. „Von allen Völkern habe ich nur euch erwählt; darum werde ich alle eure Verschuldungen an euch heimsuchen.“ (Amos 3, 2.) Ihr habt einen Auftrag, dieser allein rettet euch. Das ist die prophetische Revolution auf dieser Linie. Sie ist eine Umdrehung um hundertachtzig Grad. Jetzt erst ist Baal völlig geschlagen. Denn nicht nur ist die massive Ineinssetzung von Volk und Gott zerbrochen, sondern es ist auch die Verwechslung von Jahve mit Baal aufgehoben. Nicht dient Gott dem Volke, und nicht soll das Volk ihn zu seinem Diener machen wollen, zum Diener seines Egoismus und seines Hochmutes, sondern das Volk soll Gott dienen, seinen Gedanken, seinem Willen, seiner Ordnung. Dann freilich dient ihm Gott durch Segen und Schutz. Israel lebt allein durch den Gehorsam gegen seine Berufung; es besteht allein durch die Treue gegen seinen Auftrag. Worin aber besteht dieser mit seiner Berufung verbundene Auftrag? Er drückt sich in Einem Worte aus: Gerechtigkeit. Und zwar soziale Gerechtigkeit. Nicht bloß Religion, die zur Trägerin des nationalen Wahnes wird. „Ich hasse und verachte eure Feste und kann nicht riechen eure Festversammlungen. Wenn ihr mir Brandopfer und andere Gaben bringt, so findet es keine Gnade vor mir, und die Heilsopfer von euren Mastkälbern nehme ich nicht an. Hinweg mit dem Geplärr deiner Lieder! Das Rauschen deiner Harfen mag ich nicht hören. Möge vielmehr Recht sprudeln wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach. (Amos 5, 21-24.) Uebet Recht im Tore, schützet den Fremdling, die Witwe und Waise; wehret der Ausbeutung von Grund und Boden durch die Gewaltigen; schaffet die Schändung des Landes durch Hurerei, Mammonismus und Gewalt weg, und Gott wird euch schützen, nicht Rosse und Wagen. Die Politiker, die Priester und das Volk warten in einem frommen Patriotismus auf einen Tag Jahves, auf ein Einschreiten Gottes in der Stunde der äußersten Not. Aber der Prophet ruft ihnen zu: „Wehe denen, die sich den Tag Jahves herbeiwünschen! Was soll euch der Tag Jahves? Er ist ja Finsternis, nicht Licht – wie wenn jemand, der einem Löwen entflieht, von einem Bären gestellt wird und wenn er nach Hause gelangt ist und sich mit der Hand gegen die Wand stemmt, von einer Schlange gebissen wird. Ja, Finsternis ist der Tag Jahves und nicht Licht, dunkel und glanzlos!“ (Amos 5, 18-20.) Das ist das Grundthema der Prophetie. Es besteht aus zwei gewaltigen Elementen. Da ist einmal das, was wir die erweiterte Gotteserkenntnis genannt haben. Diese Gotteserkenntnis besteht in dem Verständnis des lebendigen Gottes. Dieser aber tut sich in der Geschichte kund. Es gilt darum, seinem Weg in der Geschichte nachzugehen, seine Gedanken mit und über den Weltbegebenheiten zu verstehen und sich darnach zu verhalten. Vor allem gilt es, Gott in den großen Wendungen der Geschichte, und besonders in ihren Katastrophen, zu verstehen. An solchen Wendungen, anläßlich solcher Katastrophen, seis erst drohender, seis schon geschehener, tritt darum der Prophet auf. Er ist zunächst Seher. Er sieht Gott, wo Andere ihn nicht sehen. Er versteht Gott, wo Andere ihn nicht verstehen. Er sieht Gott an den unerwartetsten Stellen; er versteht Gott auch in seinen paradoxesten Gedanken. Und er zeigt, daß es die Aufgabe des Volkes Gottes ist, diesen Gedanken Gottes zu gehorchen, sich in den Weg Gottes zu fügen. Das ist das prophetische Schauen, welches damit in die Geschichte Israels und in die Geschichte überhaupt eingetreten ist. Es soll hinfort das kostbarste Erbe Israels sein, das Licht auf seinem Wege. Das, nicht Philosophie oder Mystik, ist echte Gotteserkenntnis. Sie allein leitet, richtet und rettet die Völkerwelt, wie die einzelnen Völker. Ganz besonders in den schweren Zeiten. Aber der Seher wird von selbst zum Prediger. Und zwar zum Bußprediger, zum Prediger der Umkehr. Zum Prediger der Gerechtigkeit. Und zwar vor allem der sozialen Gerechtigkeit. Diese soziale Gerechtigkeit, die schon mit Moses in Ägypten aufleuchtete und die in seinem Gesetze verkörpert ist, geht nun als Feuerflamme durch die Geschichte, den Völkern den Weg durch die Finsternisse der Not und des Unrechtes weisend. Diese Fackel der Gerechtigkeit trägt ewig die israelitische Prophetie. Von dieser gehen ihre Strahlen aus, auch wo sie durch die Nebel menschlichen Irrtums scheinen. Diese Macht also ist rettend in die Geschichte Israels eingetreten. Wir werden ihr nun auf Schritt und Tritt begegnen. Es ist eine revolutionäre Macht. Der Prophet ist immer in der Minderheit. Aber er ist die rettende Macht. Besonders typisch ist dafür und ist für alle Zeiten das Auftreten des von uns schon zitierten Propheten Amos in dem großen Tempel des Nordreiches zu Bethel, wohl an einem großen Feste, bei dem alles Volk zusammenströmte, um einen glänzenden Kultus zu feiern, wahrscheinlich im Angesicht großer Gefahr, also an einer Art von Buß- und Bettag. Er mag bei diesem Anlaß auch die von uns angeführten Worte gegen den Kultus gesprochen haben.

JESAJA
Denn der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel und die Männer Judas sind seine Lieblingspflanzung. Ich hoffte auf Guttat und siehe da: Bluttat; ich hoffte auf Rechtsspruch und siehe da: Rechtsbruch! Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Acker an Acker rücken, bis kein Platz mehr ist und ihr allein Besitzer seid inmitten des Landes; denn es ist in meinen Ohren das Wort des Herrn der Heerscharen: Fürwahr, viele Häuser sollen öde werden, große und schöne, daß niemand darin wohne; zehn Juchart Reben werden einen Eimer bringen und ein Malter Same einen Scheffel. Wehe denen, die am frühen Morgen schon dem Rauschtrank nachlaufen, die bis tief in die Nacht der Wein erhitzt! Da halten sie Gelage mit Laute und Harfe, mit Handpauke und Flöte und Wein; aber das Werk des Herrn beachten sie nicht und das Tun seiner Hände sehen sie nicht. Darum wandert mein Volk in die Verbannung, unversehens. Seine Edlen sind kraftlos vor Hunger und die Menge brennt vor Durst. Darum öffnet die Unterwelt weit ihren gierigen Schlund und sperrt weit, weit auf ihren Rachen und es fährt hinunter Jerusalems Pracht und sein Gelärm und Getümmel, und wer darin lustig tut. Da wird gebeugt der Mensch und erniedrigt der Mann und die Augen der Hochmütigen werden gedemütigt. Aber der Herr der Heerscharen wird erhaben durch das Gericht und der heilige Gott erweist sich heilig durch Gerechtigkeit. – – – Wehe denen, welche die Schuld wie mit Stricken und den Frevel wie mit Wagenseilen herbeiziehen, die da sagen: ‚Er beeile doch, er beschleunige sein Werk, daß wir es sehen; der Ratschluß des Heiligen Israels nahe und treffe ein, daß wir ihn erfahren!‘ Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis zu Licht und Licht zu Finsternis machen, die bitter süß und süß bitter machen. Wehe denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst verständig dünken! Wehe denen, die Helden sind im Weintrinken und Kraftmenschen im Mischen des Rauschtrankes, die dem Schuldigen Recht geben um Bestechung und dem Unschuldigen sein Recht absprechen! Darum, wie die Zunge des Feuers Stoppeln verzehrt und dürres Gras in der Flamme zusammensinkt, wird ihre Wurzel sein wie Moder und ihre Blüte wie Staub auffliegen. Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heerscharen verschmäht und verworfen das Wort des Heiligen Israels.“ (Jesaja 5,1-24.) Dieser anschaulichen und eindrucksvollen Darstellung des sozialen und sittlichen Zustandes fügt Jesaja in Kap.3,I6ff. ein Gerichtswort über die Entartung der Frauenwelt hinzu, das dem des Amos über die „fetten Basanskühe“ (Amos 4,1) entspricht. Mit diesem Kampfe des Jesaja gegen Baal und alles, was zu ihm gehört, ist nun aber auf bedeutsame Weise das verbunden, was wir den Kampf gegen die Politik nennen können und womit wir nun die besondere Linie der Berufung Judas betreten. Das Politische Problem nimmt in Juda jene Gestalt an, die wir am Beginn dieser neuen Periode der Geschichte Israels, welche dessen Stellung zwischen den Groß- und Weltmächten zum Grundthema hat, dargestellt haben. Auch Juda ist, und dieses nun von vornherein klein und schwach, zwischen die Weltmächte gestellt, zunächst besonders zwischen Assur und Ägypten. Auch für dieses besteht die Gefahr des Zerdrücktwerdens. Und auch Juda bieten sich die beiden Möglichkeiten, das damit gestellte Problem zu lösen. Es kann auf die politische Weise versucht werden: durch militärische Rüstung, durch „Rosse und Wagen“, durch Bündnisse, seis mit der einen Großmacht gegen die andere, seis durch solche mit den kleineren Mächten gegen die großen, durch kluges Lavieren zwischen all diesen streitenden Mächten. Auf dieser Linie gehen auch in Juda die Politiker, die Militärs, und im Bunde mit ihnen die Kirche, meistens auch der König und das Volk. Dagegen tritt nun mit aller Leidenschaft der Prophet auf. Und das ist für ihn charakteristisch. Das ist eine Aufgabe, die bisher so noch keinem Propheten gestellt worden war. Es ist die spezifische Aufgabe Israels. Der Prophet warnt im Namen Jahves aufs Intensivste vor allen diesen Methoden. Sie sind Trug und Berauschung und führen zum Untergang. Nicht in einem teils feigen, teils hochmütigen Mitmachen bei diesem weltpolitischen Spiel, nicht in trügerischen Bündnissen mit Ägypten (das nun als Großmacht allein in Frage kommt) und am wenigsten in „Rossen und Wagen“, überhaupt in keinem „Fleisch“, liegt Israels Rettung, sondern nur im „Geiste“, das heißt: im lebendigen Gott. Dessen Schutz aber ist nur zu haben, wenn in Israel sein Wille geschieht. Er geschieht aber nur in der Abwendung vom Götzendienst, in der Erkenntnis des wahren Gottes und seines wahren Dienstes durch Reinheit der Sitte und soziale Gerechtigkeit. Assur aber ist ein Stecken Gottes, mit dem Israel geschlagen wird, damit es seinen Weg erkenne. Auch mit Jesaja erweitert sich der Horizont der Erkenntnis Gottes und des Dienstes Gottes. Gott ist es, der Gott Israels, der Eine, heilige, lebendige Gott, der über allen Völkergeschicken und allem weltpolitischen Geschehen waltet. Wenn Israel ihn versteht und ihm gehorcht, dann darf es auch fest auf ihn vertrauen. Dann ist er sein Fels der Rettung. Dann zerbrechen die Weltreiche an Zion. Dann enthält es sich allen politischen und militärischen Hochmutes, aber es wendet sich dann auch mit Stolz gegen jede freche Zumutung der Gewalt. So hat es sich gegen Damaskus und Samaria zu stellen, dessen Könige vereint gegen Jerusalem ziehen: Was sind diese rauchenden Stummel Rezin von Damaskus und Pekach von Samarien vor Gott? (Vgl. Jesaja 7). So auch gegen Assur selbst. Denn was ist es vor Gott? In erhabenem Bilde weist er auf die Ruhe und Sicherheit hin, mit der Gott über dem brandenden Völkermeer thront: „Denn so hat Jahve zu mir gesprochen: Ich will ruhig bleiben und auf meinem Sitze zuschauen, wie heitere Wärme bei Sonnenschein, wie Taugewölk in der Ernteglut.“ (18, 4.) In diesem Kampfe gegen die Religion und die Politik, gegen die Politiker, die Militärs, die Priester, meistens auch die Könige und das Volk auf der einen und gegen Baal und die Weltmächte auf der andern Seite erlebt auch Jesaja zunächst das typische Los des Propheten. Man gehorcht ihm nicht, hört nicht auf ihn. Man verhöhnt ihn. (Vgl. Kap. 28.). Man verhöhnt, wie wir gesehen haben, auch Gott selbst, dessen Gericht er verkündigt: „Er beeile sich doch, beschleunige sein Werk, daß wir es sehen„— so wie die gottlose Frechheit ja immer spricht! Der König treibt Militärpolitik, Bündnispolitik, Intrigenpolitik – er treibt die Politik dessen, der nicht an Gott glaubt, sondern an Baal. Wiederholt gelangt man damit an den Rand des Untergangs. Aber Jesaja erlebt auch, ähnlich wie Elia, gewaltige Erfolge. Ein solcher ist die Tatsache, daß er einen König auf seiner Seite hat, Hiskia, darin glücklicher als Elia, auch wenn das Verhältnis nicht immer gleich sicher ist. Ein solcher ist das, was im 2. Königsbuche vom 18. Kapitel an und ähnlich im Jesajabuch vom 36. an berichtet wird. Sanherib, der gewaltige Assyrerkönig, zieht gegen Jerusalem. Er tut das aus weltpolitischen Erwägungen, unter dem Vorwand, den König Hiskia wegen einer Auflehnung gegen ihn züchtigen zu wollen. Vor dieser hat Jesaja dringend gewarnt, umsonst. Aber nun, nachdem Hiskia eine genügende Demütigung geleistet hat, Sanherib aber und sein Sprecher, auch Jahve selbst verhöhnend, indem er seine Ohnmacht, Juda zu retten, schildert, und Ägypten, auf das man sich verläßt, einem Schilfrohr vergleicht, das demjenigen durch die Hand sticht, der sich darauf stützt, dennoch völlige Unterwerfung fordert, erklärt er: „Im Namen Gottes nun nicht!“ Er sendet dem verängstigten König folgende kühne Botschaft als Antwort Jahves an Sanherib: „Ich weiß um dein Aufstehen und dein Sitzen, dein Gehen und Kommen kenne ich wohl und dein Toben wider mich. Weil du denn gegen mich tobest und dein Übermut mir zu Ohren gekommen ist, so will ich dir einen Ring in die Nase legen und ein Gebiß ins Maul und will dich auf dem Wege zurückführen, den du gekommen bist.” Der Herr spricht über den König von Assyrien also: ,Er wird nicht in diese Stadt hinein kommen und keinen Pfeil darein schießen, mit keinem Schilde gegen sie heranrücken und keinen Damm wider sie aufschütten. Auf dem Weg, den er gekommen, wird er zurückkehren, in diese Stadt aber wird er nicht hineinkommen‘, spricht der Herr.“ Der Großkönig schnaubt vor Wut, wie er diesen, in seinen Augen und wohl auch in denen mancher judäischen Politiker, Militärs und Priester, tollen Bescheid erhält. Sofort befiehlt er seinem sieggewohnten Heer den Aufbruch gegen Jerusalem. Da bricht plötzlich eine gewaltige Katastrophe über ihn herein, wohl eine mit furchtbarer Eile wütende Pest, die sein stolzes Heer aufreibt. Er muß mit den Resten desselben in sein Land zurückfliehen und wird dort nach einer Weile, wie er vor dem Altar seines Gottes betet, von seinen Söhnen erschlagen. Dieser Ansturm Sanheribs gegen Jerusalem und sein Scheitern reiht sich an weltgeschichtlicher Bedeutung beinahe an die Entscheidung auf dem Karmel. Wie dort Baal vor Jahve erliegt, so hier das Weltreich vor Zion. Und das ist der Sinn Israels. Das mußte an ihm offenbar werden für alle Zeiten. Es ist auch der letzte Sinn der Berufung des Jesaja. Darum ist er der Prophet des Sieges Gottes und der Prophet der Verheißung. Darum heben sich aus seiner Botschaft jene Bilder hervor, die wir als messianische bezeichnen dürfen und die sich in Kapitel 2; 9 und 11 des Jesajabuches finden. Das überragende ist das Gesicht in Kapitel 2, das als Abschluß der Geschichte den auf das Gottesrecht gegründeten Gottesfrieden darstellt: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, da wird der Berg mit dem Hause des Herrn festgegründet stehen an der Spitze der Berge und die Hügel überragen; und alle Völker werden zu ihm hinströmen und viele Nationen werden sich aufmachen und sprechen: ‚Kommt, lasset uns hinaufziehen zum Berge des Herrn, zu dem Hause des Gottes Jakobs, daß er uns seine Wege lehre und wir wandeln auf seinen Pfaden. Denn von Zion wird die Weisung ausgehen und das Wort des Herrn von Jerusalem‘. Und er wird Recht sprechen zwischen den Völkern und Weisung geben vielen Nationen; und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Spieße zu Rebmessern. Kein Volk wird wider das andere das Schwert erheben und sie werden den Krieg nicht mehr lernen.“ (Jesaja 2, 2-4.) Die gleiche Weissagung findet sich im Buch des Propheten Micha. (Kapitel 4, 1-4.) Dort aber kommt noch folgende Stelle dazu (Vers 4): „Es wird ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, ohne daß sie jemand aufschreckt.“ Zum politischen gesellt sich damit der soziale Gottesfriede. Zu Zion aber gehört der Messias. Von ihm redet Jesaja vor allem an zwei Stellen. „Das Volk, das in der Finsternis wandelt, siehet ein großes Licht und die im Lande des Dunkels wohnen, über ihnen strahlt ein Licht auf. Du machst des Jubels viel, machst groß die Freude; sie freuen sich vor dir, wie man sich freut in der Ernte, wie man jubelt, wenn man die Beute teilt. Denn das Joch, das auf ihm lastet, den Staub auf seiner Schulter und den Stock seines Treibers zerbrichst du wie am Tage Midians. Denn jeder Schuh, der mit Gedröhn einherschreitet und der Mantel, der im Blute geschleift ist, der wird verbrannt, ein Fraß des Feuers. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft kommt auf seine Schulter und er wird genannt: Wunderrat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst. Groß wird die Herrschaft sein und des Friedens kein Ende auf dem Throne Davids und über seinem Königreiche, da er es festigt und stützt durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in alle Zeiten.“ (Jesaja 9, 2-7.) „Ein Reis wird hervorgehen aus dem Strunk Isais und ein Schoß aus seinen Wurzeln Frucht tragen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und sein Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des Herrn. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Recht sprechen nach dem, was seine Ohren hören. Er wird die Armen richten mit Gerechtigkeit und den Elenden im Lande Recht sprechen mit Billigkeit; er wird den Tyrannen schlagen mit dem Stab seines Mundes und den Gottlosen töten mit dem Hauche seiner Lippen. Gerechtigkeit wird der Gürtel seiner Lenden und Treue der Gurt seiner Hüften sein. Da wird der Wolf zu Gast sein bei dem Lamme und der Panther bei dem Böcklein lagern. Kalb und Jungleu weiden beieinander und ein kleiner Knabe weidet sie. Kuh und Bärin werden sich befreunden und ihre Jungen werden beieinander lagern; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind. Der Säugling wird spielen an dem Loche der Otter und nach der Höhle der Natter streckt das kleine Kind die Hand aus. (1) Nichts Böses und nichts Verderbliches wird man tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn voll ist das Land von Erkenntnis des Herrn, wie von Wassern, die das Meer bedecken.“ (Jesaja II, 1-9.) 1Ich verstehe diese Darstellung als Sinnbild des Zusammenlebens von Groß und Klein, Stark und Schwach, Gefährlich und Harmlos im Gottesfrieden des heiligen Rechtes. So vereinigen sich Zion und der Messias. Dieser ist ein König aus dem Stamme Davids, auf den sich Gottes Geist und Recht rettend, erlösend und friedeschaffend niederläßt, aber er wächst sich aus zum König der Welt; Zion aber, der Hügel Jerusalems, ragt über die Enden der Erde hin. Zion und der Messias bedeuten den Tag des Rechtes für Alle, besonders aber für die Armen, Kleinen, Verkürzten. Sie bedeuten den Gottesfrieden im Glanz des heiligen Rechtes, den Völkerfrieden und den sozialen Frieden. Sie bedeuten die Herrschaft des Einen, heiligen und lebendigen Gottes über die Welt, welche das Reich der Gerechtigkeit ist. Im „Zionismus“ und „Messianismus“ gipfelt die Geschichte Israels. Von hier aus strahlen und strömen sie in die Welt und werden ihre ewige Unruhe auf den Tag des Rechtes hin, werden zur immer neuen Revolution der Welt von Gott her und zu Gott hin. Sollen wir vielleicht noch eine letzte Erweiterung des Horizontes nennen, in welcher der Prophet über die irdische Erlösung hinaus in die kosmische hineinblickt? „Vernichten wird er auf diesem Berge die Hülle, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Vernichten wird er den Tod für immer.“ (25, 7-8.)

Jesaja-Lesung

Edward Hicks Das Friedensreich
Edward Hicks Das Friedensreich

HÄNDEL/MOZART – Messias – Uns ist zum Heil ein Kind geboren
G. F. Händel „Denn es ist uns ein Kind geboren“ aus Oratorium „Messias“
For Unto Us A Child Is Born
Handel – El Mesías (For Unto Us A Child Is Born)
For Unto Us A Child Is Born Lyrics Handel s Messiah

JEREMIA
Der von der Gloriole umgebene Prophet Jeremia wird wegen seiner Reden an Seilen in die Schlammgrube hinuntergelassen (Jer. 38,6)..

Der von der Gloriole umgebene Prophet Jeremia wird wegen seiner Reden an Seilen in die Schlammgrube hinuntergelassen (Jer. 38,6).
Der von der Gloriole umgebene Prophet Jeremia wird wegen seiner Reden an Seilen in die Schlammgrube hinuntergelassen (Jer. 38,6).

Jeremia 25, 4
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c) Jeremia
Wenn es bei aller Ähnlichkeit der äußeren Umstände doch anders geht, so verdankt es Juda einem einzigen Manne, der sein Retter geworden ist. Wie nach der Katastrophe von Megiddo – so dürfen wir den Anlaß deuten – das erschrockene Volk von allen Seiten her nach Jerusalem eilt und sich im Vorhof des Tempels ansammelt, tritt ihm dort im Tore der Mann entgegen, an dem nun sein Schicksal hängt, und spricht: Hört das Wort Jahves,
ihr Judäer alle, die ihr in diese Tore eintretet, um Jahve anzubeten! So spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Befleißiget euch eines guten Wandels und guter Taten, so will ich euch an dieser Stätte wohnen lassen. Setzt euer Vertrauen nicht auf die trügerischen Reden wie die: ‚Der Tempel Jahves, der Tempel Jahves, der Tempel Jahves ist dies!‘ Denn nur wenn ihr euch ernstlich eines guten Wandels und guter Taten befleißigt, wenn ihr ernstlich das Recht zur Geltung bringt bei dem Streite des Einen mit dem Andern, Fremdlinge, Waisen und Witwen nicht bedrückt noch unschuldiges Blut an dieser Stätte vergießt und nicht fremden Göttern nachwandelt, euch zum Unheil, dann will ich euch an dieser Stätte wohnen lassen, in dem Lande, das ich euren Vätern verliehen habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ihr aber setzt euer Vertrauen auf die trügerischen Reden – ohne Nutzen! Wie? Stehlen, Morden und Ehebrechen und falsch Schwören, dem Baal räuchern und fremden Göttern nachlaufen und dann kommt ihr und tretet vor mich hin in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist und sprecht: ‚Wir sind geborgen!‘ um alsbald jene Greuel weiter zu verüben? Ist denn in euren Augen dieses Haus, das nach meinem Namen genannt ist, eine Räuberhöhle geworden? ‚Ja, wahrlich, auch ich sehe es so an‘, spricht Jahve.
Und er verkündigt den Untergang des Tempels, wie es Micha schon getan hat. (Vgl. Jeremia 7, 1-15.) Aus diesem Auftreten des Jeremia geht der wesentliche Sachverhalt hervor, mit dem wir es nun zu tun haben. Einmal: Wir sehen es bestätigt, daß die Reformation des Josia nicht tief gegangen ist. Sie ist wesentlich auf eine Reinigung des Kultus hinausgelaufen und hat das sittliche und soziale Leben des Volkes nicht berührt. In der Stunde der Not und Angst wird man wohl etwa vom „sozialen Schamgefühl“ ergriffen (um ein Schlagwort aus dem Jahre 1918 anzuwenden) und entschließt man sich, mit der im Gesetz Mosis vorgeschriebenen Befreiung der in Schuldsklaverei geratenen Hebräer Ernst zu machen, sobald aber die Gefahr vorüber scheint, fängt man sie wieder ein. Auch eine sehr typische Sache! (Kap. 34, 8 ff.) Der praktische Götzendienst dauert fort und darum kehrt auch der theoretische, genauer gesagt, der kultische, bald wieder. Eine gewisse politische Verbindung mit Ägypten, auf das sich gegen Babel, wie einst gegen Assur, zu verlassen, man immer wieder geneigt ist, führt bezeichnenderweise dazu, daß man jetzt mit Vorliebe auch ägyptische Gottheiten, vor allem die „Sonnengöttin“ verehrt. Trotz all der neuen kirchlichen Frömmigkeit beharrt das Volk auf seinem alten Weg, herrschen Egoismus, Rechtlosigkeit, Laster und zeigt sich weder beim Volke noch bei den Herrschenden eine Spur des Willens, sich an Gott zu halten, seinen Weg zu gehen und seinem Willen zu gehorchen. Im Gegenteil: es ist nur alles noch schlimmer geworden als vorher und wird nach der Enttäuschung von Megiddo nur immer schlimmer werden. Darum gibt Gott nichts auf alle diese neue Frömmigkeit und Kirchlichkeit. Er gibt auch nichts auf den neuen Bibelkultus. Und das ist nun sehr auffallend und sehr bedeutsam: Jeremia gibt offenbar nichts auf dieses neu entdeckte Manuskript des angeblichen Gesetzes Mosis. Ein Prophet Gottes läßt sich nicht durch solche Fiktionen täuschen. „Wie dürft ihr sprechen: ‚Weise sind wir und verfügen über das Gesetz Jahves?‘ Jawohl! Aber in Lüge hat es der Lügengriffel der Schreiber verwandelt.“ (8, 8.) Die Reformation des Josia und seiner theokratischen Hintermänner hat sichtlich vor allem eine Folge gehabt: Sie hat, in Kürze formuliert, den Götzendienst aus dem Tempel beseitigt, aber sie hat den Tempel selbst zum Götzen gemacht. Zion ist an die Stelle der „Höhen“ getreten, aber Zion ist selbst eine „Höhe“ geworden. Jahve ist an die Stelle Baals getreten, aber Jahve ist selbst mehr als je Baal geworden. Je mehr er, in diesem Sinne, Jahve geworden ist, desto mehr ist er Baal. Denn er ist nun einfach der höchste Ausdruck des nationalen Bewußtseins und damit auch des nationalen Hochmutes und der nationalen Verblendung geworden. Nun übt man hinter dem Wandschirm dieser neuen Frömmigkeit und Kirchlichkeit erst recht, wonach man schon lange gelüstet hat. Nun verschließt man die Augen vor der wirklichen Lage, die Ohren vor dem wirklichen Wort Gottes. Man hat ja nun die Bibel, die „Schrift“, das „Wort Gottes“, man hat den Tempel, die Kirche – die Kirche, die Kirche, die Kirche! – dorthin flüchtet man vor der Wahrheit Gottes. Aber was frägt Gott nach einem „Wort Gottes“ und einer Kirche, die nur von ihm ablenken? Er wird das alles im Gerichte zerschlagen – erst recht! Das tief erlebt und erkannt zu haben, ist des Jeremia ewige Tat. Eine Tat für alle Zeiten. Und damit hat er Israel in
Juda gerettet.
Es ist Jeremia nicht leicht gefallen, zu dieser Erkenntnis zu gelangen und zu ihr zu stehen. Als eine zarte und weiche Dichternatur leidet er furchtbar unter dem, was er doch als notwendig erkennt und möchte es gern abwenden: „O wie könnte ich heiter sein bei diesem Kummer! Ganz krank ist mein Herz in mir. Denn horch! – laut schreit mein Volk aus weit entferntem Lande [wohin er es im Geiste schon deportiert sieht]. Ist denn Jahve nicht in Zion? Oder ist ihr König nicht in ihr? Warum haben sie mich zum Zorne gereizt durch ihre Schnitzbilder, durch Götzen der Fremde? – – – Weil mein Volk gebrochen ist, bin ich gebrochen, gehe ich trauernd einher, hat mich Entsetzen erfaßt. Gibt es denn keinen Balsam mehr in Gilead oder ist kein Arzt mehr da? Warum wird meinem Volke kein Verband angelegt? O daß doch mein Haupt Wasser wäre und mein Auge ein Tränenquell, so wollte ich Tag und Nacht die Erschlagenen meines Volkes beweinen.“ (Jeremia 8, 18-23.) Aber der Prophet sieht, daß das Verderben fortschreitet und kein Halten mehr ist. Es kommt so weit, daß er es spürt: er darf nicht einmal mehr dafür beten, daß die Katastrophe von dem Volke abgewendet werde. Sie ist notwendig. (vgl. Jeremia 7, 16 und 11, 14.) Und doch – das ist die prophetische Paradoxie, wie sie besonders eindrücklich auch in Jesaja 6 erscheint – kann er nicht fatalistisch resigniert zuschauen. Er muß den Kampf aufnehmen. Das Wort Gottes, das immer wieder zu ihm kommt, und das er gierig verschlingt, zwingt ihn dazu. Er tritt in den Kampf mit den Politikern und den Militärs samt dem König. Das ist der leichtere Teil. Er tritt in den Kampf mit den Priestern und Propheten – das ist der schwerere Teil. Er tritt in den Kampf mit dem ganzen Volk – das ist der schwerste Teil. In diesem Kampfe wird er, der Zarte, Schüchterne, durch Gott eine feste Burg, eine eiserne Säule und eine eherne Ringmauer. (Jeremia I, 18.) Er, der Zarte, Schüchterne, redet mit den Großen eine Sprache, wie sie in solcher Schärfe und Rückhaltlosigkeit und mit solcher Ausdauer nicht einmal der felsige Elia geführt hat. Er geht so weit, einem der Könige ein Begräbnis wie einem „toten Esel“ anzukündigen. Seine Reden gegen die „Hirten“ sind das Schärfste und Gewaltigste, was je ein Mund gegen die Großen dieser Erde, die weltlichen wie die geistlichen, gesprochen hat. (Vgl. Jeremia 21-23.) Und leidet dann doch wieder darunter im stillen aufs furchtbarste, oft fast bis zur Verzweiflung. Wie man dem König die Reden des Propheten bringt, die dieser durch Baruch, seinen Freund und Sekretär, hat aufschreiben lassen, liest er sie Blatt für Blatt, aber verbrennt sie dann. Durch eine Zensur dieser Art glaubt er, die Wahrheit los zu werden. Darin auch sehr typisch! Es handelt sich, wie bei Jesaja, vor allem auch um die Lösung des Problems, das durch die Stellung Israels (des jetzt auf Juda eingeschränkten) zwischen den Großmächten gegeben ist. Wieder stehen die verbundenen Politiker und Militärs, Priester und Propheten, samt König und Volk für die politische Möglichkeit, vertrauen auf Bündnisse wie auf „Rosse und Wagen“ und steht er ganz allein, viel mehr allein als Jesaja, auf der andern Seite. Aber nun geht er auch einen Schritt, und zwar einen entscheidenden, noch über Jesaja hinaus. Jesaja hatte die Losung ausgegeben: „Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein“ (Jes. 30, 15), aber gegen die freche Anmaßung der Großen den gläubigen Trotz verlangt. Von diesem Boden ist Jeremia abgekommen. Er erkennt mit durchdringender Klarheit, daß das nicht mehr Gottes Weg ist. Ein neuer öffnet sich jenseits dieses Endes: der Weg Israels in seine wahre Zukunft hinein. Es ist mit seiner politisch-nationalen Rolle aus. Babylon ist bloß Vollstrecker eines göttlichen Ratschlusses. Es ist sinnlos und gottwidrig, sich dagegen aufzulehnen. Das ist Auflehnung gegen Gottes Willen. Wieder findet eine gewaltige Ausdehnung des Horizontes der Gotteserkenntnis statt. Da steht Einer, der nun sein Volk, an Gottes umfassenderen Willen, den er im Glauben schaut, preisgibt. Gott wird noch größer als bei Jesaja. Er rückt noch mehr aus dem Besitz Israels hinaus. Aber damit stößt der Prophet vor allem mit dem religiösen Patriotismus zusammen. Es kommt zu jenen ewig typischen Auftritten zwischen Jeremia und dem Oberpriester Hananja. Die Priesterschaft ist natürlich durch und durch patriotisch. Sie erwartet die Rettung Judas auf dem politisch-militärischen Wege und stützt sich dabei auf ihre Wort-Gottes-Theologie. Jeremia aber ist in ihren Augen ein politischer Landesverräter und ein religiöser Schwärmer. Sie scheuen auch vor seiner Mißhandlung nicht zurück. Nach Babylon aber schreiben sie den dorthin Deportierten (wovon nachher), daß sie nicht lange auf ihre Befreiung zu warten hätten. Ihnen und auch dem König und seinen politischen und militärischen Ratgebern gegenüber vertritt Jeremia im Namen Gottes den andern Weg. Sie sollen abstehen von dem Versuch, sich durch Militär und Politik zu retten. Damit führen sie bloß den sicheren Untergang Jerusalems herbei. Es gilt, sich allein auf Gott zu stellen und Babylon machen zu lassen. Alles Andere ist Trug. Laut ruft er in den zum Teil religiös gefärbten Optimismus, der die wirkliche Lage nicht sehen will, hinein sein: Wehe denen, die ‚Heil, Heil!‘ rufen, wo doch kein Heil ist!“ (Vgl. 6, 14.) Er schreibt im Gegensatz zu jenen falschen Propheten den Deportierten in Babylon, daß sie sich auf eine lange Periode des Wartens, eines nicht unfruchtbaren Wartens, einrichten sollten. (Kap. 29.) Er geht in seiner Leidenschaft so weit, daß er, wie Nebukadnezar zum zweiten Male Jerusalem belagert, die Soldaten auffordert, zu den Chaldäern überzulaufen, also, wie wir sagen würden, direkt Landesverrat treibt, wofür er in den Kerker geworfen wird und zuletzt nur dank der Treue eines Anhängers, eines Äthiopiers, dem Tode entgeht. Jeremia gibt sein Volk preis. Das ist seine zweite ungeheure Tat, eine Tat wieder für alle Zeiten – eine Revolution, vor der alle politischen Revolutionen verblassen. Er tut es mit Gott. Weit öffnet sich der Horizont, alle Kerker tun sich auf. Und doch hat keiner sein Volk so festgehalten wie Jeremia. Durch Gott! Mit Gott! Das Ende ist ja auch für ihn nicht das Ende. Er weiß, daß es für Israel, wenn es nur Gott recht versteht, eine Auferstehung gibt – eine Auferstehung herrlichster Art, zu einem neuen Bund. Sie wird die Frucht einer wirklichen Reformation sein, nicht einer bloß scheinbaren; einer wirklichen Wendung zu Gott und Erneuerung aus ihm. Einen besonders großartigen und revolutionären Ausdruck findet diese Erwartung in der Verheißung: „Fürwahr, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließen – nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten wegzuführen, welchen Bund mit mir sie gebrochen haben, obschon ich ihr Herr war – spricht Gott; vielmehr soll darin der Bund bestehen, den ich nach dieser Zeit mit dem Hause Israel schließen will (spricht Gott): Ich lege mein Gesetz in ihr Inneres und schreibe es ihnen ins Herz und so will ich ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein! Fürderhin sollen sie nicht mehr Einer den Andern, oder ein Bruder den andern also belehren: ‚Erkenne Jahve!‘ Denn sie werden mich allesamt erkennen, vom Kleinsten bis zum Größten (spricht Gott). Denn ich will ihnen ihre Verschuldung vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.“ (Jeremia 31, 31-34.) Dieses große Wort ist der erste Ausdruck jener Unmittelbarkeit zu Gott, die wir das allgemeine Priestertum nennen, worin die Aufhebung aller Ansprüche eines Klerus enthalten ist, mit moderneren Ausdrücken gesagt: es ist das Recht des Laientums und der Demokratie im Verhältnis zu Gott und damit auch die tiefste Begründung aller andern Demokratie, welche in diesem Worte festgelegt wird. Einen ergreifenden Ausdruck des Glaubens an Israels Zukunft stellt ein Akt des Propheten aus den letzten Tagen Jerusalems dar. Er erwirbt sich in Anathoth, seiner Heimatstadt, die in der Nähe von Jerusalem liegt, einen Acker, auf den er das Erb-Kaufrecht besitzt, tut den Kaufbrief in ein versiegeltes Tongefäß und erklärt: „Denn so spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: ‚Es sollen [dereinst] wieder Häuser und Äcker und Weinberge in diesem Lande gekauft werden.“ (Vgl. Kap. 32.)

d) Das Ende
Und dann kommt das Ende, das Ende Israel-Judas und das Ende des Jeremia. Nebukadnezar ist schon ein erstes Mal vor Jerusalem erschienen, und hat den Kern des Volkes, die „oberen Zehntausend“, samt dem König, nach Babylonien deportiert, wohin dann Jeremia einen Brief der Warnung, aber auch des Trostes schrieb (Kap. 29). Aber der letzte König, Zedekia, setzt die falsche Politik fort, vor welcher Jeremia warnt. Zwar gibt er Jeremia im Grunde recht, aber er hat nicht den Mut, seinen Weg zu gehen. So kommt denn, was kommen muß. Nebukadnezar erscheint zum zweiten Male. Nach langer Belagerung fällt die Stadt, mehr durch den Hunger als durch das Schwert bezwungen. Der König versucht mit seiner Familie, seinem Hofe und seinen wichtigsten Würdenträgern bei Nacht zu entfliehen, wird aber eingeholt; seine Söhne werden vor seinen Augen abgeschlachtet, ihm selbst die Augen ausgestochen; dann wird er nach Babylon gebracht. Die Mauern Jerusalems werden, unter dem Jubel seiner Feinde, niedergerissen, der Tempel verbrannt. Es ist das Ende. Jeremia wird in Ketten vor den Stellvertreter des Großkönigs geführt. Dieser, der sich mit freundlichem Wohlwollen für ihn, seine vermeintliche „fünfte“ Kolonne, interessiert hat, stellt ihm frei, mit ihm nach Babylon zu kommen und verspricht ihm eine gesicherte und angenehme Existenz. Jeremia zieht es vor, bei dem Rest seines Volkes im heiligen Land zu bleiben. Über diesen Rest aber kommen die in solchen Fällen üblichen Schicksale: Zwiespalt und Gewalttat der Liquidatoren. Schließlich zieht man, gegen den Rat des Jeremia, nach Ägypten, dorthin zurück, woher man einst gekommen war. Jeremia aber nimmt man gegen seinen Willen mit. Und dort fällt man wieder den Götzen anheim. Man hält Jeremia höhnisch vor, namentlich von Seiten der Weiber, daß es gut gegangen sei, solange man der Himmelskönigin geräuchert und Trankopfer gespendet habe und daß es erst schlecht gegangen sei, seit man damit aufgehört habe. Jeremia wiederholt, gebrochenen Herzens, seine Botschaft. Dann stirbt er in Ägypten. Niemand kennt sein Grab. Er stirbt als Besiegter, Gebrochener – und ist doch der große Sieger. Ist lebendig wie wenige, hat Israel gerettet und mit ihm die Menschheit.

DAS EXIL
a) Der Sinn
Der Sinn der ungeheuren Katastrophe ist sehr deutlich. Er stellt sich in zwei Hauptzügen dar. Zum Ersten. Israel ist nun den Staat wieder los. Und zwar für immer. Es ist zwar noch ein Volk, aber kein Staat mehr. Die Entwicklung, die eingesetzt hatte, als es werden wollte „wie die Völker“, ist zu Ende. Sie hat mit der Katastrophe abgeschlossen. Aber sie ist doch auch nicht vergeblich gewesen. Einmal: Israel ist, wie wir seinerzeit gesagt haben, in gewissem Sinne doch wohl erst auf diesem Wege ein zusammengeschlossenes Volk geworden, was es doch werden mußte, um seine Bestimmung zu erfüllen. Sodann: Es mußte vielleicht eben doch in die Staatlichkeit hinein, die im Leben der Völkerwelt nun einmal diese ungeheure Rolle spielt bis auf diesen Tag. Als das Volk mußte es auch, obgleich bloß in einem Maße, das durch seine höhere Berufung bestimmt war, dieses Experiment machen. Wobei dieses „mußte“ freilich nicht fatalistisch zu verstehen ist, sondern im Sinne der felix culpa. Denn es wäre an sich ein anderer Weg möglich und sogar geboten gewesen. Sodann, was noch wichtiger ist: Israel ist auf diesem Wege überhaupt mit der Völkerwelt und im besonderen mit der Weltpolitik, besser gesagt, mit den Weltreichen, in die Berührung gekommen, die seiner letzten Bestimmung entspricht. Ob das auf einem andern Wege nicht auch möglich gewesen wäre, bleibe dahingestellt – um einen bloßen Determinismus kann es sich, wie gesagt, auch hier nicht handeln – aber es ist nun einmal auf diesem Wege geschehen, obgleich vielleicht wieder bloß als Frucht einer felix culpa. Jedenfalls kehrt nun Israel zu jener Form der Existenz zurück, die vor dem Abfall zum Staate gewesen war: dem Anarchismus Gottes der Richterzeit, der Unmittelbarkeit unter Gott. Aber eine solche Rückkehr ist eben nie bloß Rückkehr: Israel hat auf seinem Wege jene Frucht geerntet, von der wir geredet haben. Es hat die große Erfahrung gemacht und ist darum künftig vor der Versuchung, wieder auf diesen Weg zu geraten, zwar nicht immer tatsächlich, aber doch sozusagen grundsätzlich geschützt. Es ist nun wieder Volk Gottes als Gottes-Gemeinde geworden. Es ist nun auch keine „Nation“ mehr; denn der Begriff der Nation ist mit dem der Staatlichkeit unauflöslich verbunden. Es ist wieder, wenn auch auf neue Weise, unmittelbar unter Gott. Der zweite große Gewinn der Katastrophe aber ist: Israel ist nun Baal los. Denn Baal hing eben auf der einen Seite mit „Grund und Boden“ und auf der andern mit dem Volke als „Nation“ zusammen. Das ist nun vorbei. Wir hören nicht mehr von einem Baalsdienst, der von Israel im Exil getrieben worden wäre. Babylon hatte ja seinen Baal und der konnte nicht zugleich Israels Baal sein. Israel mußte sich an seinen Gott halten. Freilich war das zugleich die Erkenntnis, zu der es sich im Exil durchringen mußte und wohl auch nur im Exil so recht durchringen konnte. Das Exil bedeutete eine lange, harte Schule der Entwöhnung, der Abstinenz von allem Baalsdienst, der Erneuerung von Gott her zu Gott hin. Beides sind gewaltige Entwicklungen, gewaltige Revolutionen, weitaus größer als alle andern in der Geschichte, und sind deren letzte Ursache. Es ist die Entwicklung von Staat und Nation weg zu Volk und Gemeinde und die Entwicklung von Baal weg zu Jahve, vom Heidentum weg zu – Israel. Diese doppelte Entwicklung und doppelte Revolution, die doch nur eine ist, hat noch einen andern Namen: Es ist endgültig die zum Reiche der Gerechtigkeit, zu Zion und zum Messias, ihrer Verkörperung und ihrem Träger hin. Das ist ja Israels Sinn. Diese Entwicklung nimmt besonders im Exil die Form des Gesetzes an. Davon wird dann weiter zu reden sein. Und nun ist es am Platze, auch einen Blick auf den Schauplatz des Exils zu werfen. Diesmal ist es nicht, wie nach dem ersten Abfall Israels, die Wüste, wo das Volk sich zunächst mit seinem Gotte zusammenfinden muß, sondern die Kultur. Denn Babylon ist ja, wie wir gesehen haben, die Mutter und das Symbol der Kultur. Und freilich auch des mit dieser, besonders in ihrer zivilisatorisch-technischen Verflachung, verbundenen Götzendienstes. Wir haben mit dieser Tatsache eine neue Aufgabe Israels vor uns, sozusagen die Fortsetzung und Vollendung der dem Elia gestellten und von ihm für damals gelösten: Israel muß sich mit der Kultur auseinandersetzen. Es muß der Versuchung der Kultur widerstehen. Es muß die Geschichte vom Turm zu Babel rückgängig machen. Aber damit muß es doch auch den Kampf gegen Baal wieder aufnehmen. In neuer Form. Denn nun gilt es noch einmal explizite festzustellen und herauszustellen, was eigentlich schon lange deutlich geworden ist: Auch Baal ist nicht immer der Gleiche. Baal wandelt sich. Er geht in immer neuer Gestalt als Versuchung, als Abfall, Jahve parallel, bis auf diesen Tag. Wir dürfen wohl den Satz wagen: Wie es eine fortgehende Offenbarung Jahves gibt, so auch eine ihr jeweilen entsprechende, Offenbarung Baals. (Wie in unseren Tagen besonders deutlich ist!) In diesem Sinne hat Israel im Exil und auch nachher den Kampf mit Baal neu aufzunehmen. Aber es ist nun dafür durch das, was es erlebt hat, vorbereitet und gestärkt. Und nun muß eine Tatsache noch mit Nachdruck hervorgehoben werden: das alles wäre nicht möglich ohne die hundert Jahre, die Juda nach dem Sturze des Nordreiches noch durchmachen durfte. In Samaria ist Israel als Staat und Nation gestürzt, in Juda durfte es sich zur Gemeinde entwickeln. Und zwar unter der Führung seiner Propheten, von Jesaja (und Micha) bis zu Jeremia. Damit fällt aber auch ein Licht auf den Sinn der Trennung Israels in Samaria und Jerusalem zurück. Es mußte wie eine Teilung der Aufgabe Israels stattfinden. Ephraim bekam den politisch-nationalen Teil, Juda den religiösen, Samaria die vorübergehende, Jerusalem die dauernde Aufgabe, das Nordreich die Versuchung, das Südreich die Bewährung. Darum mußte jenes, nachdem das Experiment gemacht war, aufhören und verschwinden, dieses aber bleiben. Mit andern Worten: „Israel“ mußte sterben, auf daß Israel lebe, „Israel“ mußte untergehen, damit Israel gerettet werde. Alles wieder nicht als Fatum, sondern als felix culpa. „Ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen, zu retten viel Volk“ – nämlich die Menschheit. Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne die hundert Jahre. Aber es wäre auch nicht möglich gewesen ohne die Propheten. Damit fällt noch ein hochbedeutsames Licht auf das Wesen und Wirken des Propheten. Dieser ist im allgemeinen, trotz einzelnen unmittelbaren Erfolgen, wie sie besonders Elia und Jesaja zuteil geworden sind, gekennzeichnet durch das Scheitern. Der Prophet wird nicht verstanden, ja nicht einmal gehört, er wird gesteinigt. Zu seiner Zeit und an seinem Orte. Aber er bekommt Recht. Oder was wäre denn aus Israel geworden ohne die Propheten? Was wäre es geworden bloß mit seinen Politikern, Militärs und Priestern? Was bloß mit seinen Königen und mit seinem Volk? Es wäre untergegangen und verschollen, Juda wie Israel. Es ist nur durch seine Propheten gerettet worden. Ganz besonders durch Jeremia, seinen letzten vor dem Untergang, der dank seiner kein endgültiger Untergang geworden ist. Sein „Landesverrat“ hat Israel vor dem wirklichen dauernden Untergang bewahrt. Er hatte ja, wie seine Vorgänger, das alles vorausgesagt. Daran konnte man sich nun halten. Nun war ja ein Schicksal, durch das man sonst zerschmettert worden wäre, zum voraus gedeutet. Nun konnte man es ertragen. Nun brauchte man Glauben und Hoffnung nicht zu verlieren. Nun durfte Juda leben und zum ganzen Israel werden, während die zehn Stämme endgültig untergegangen waren. Nun war auch eine Gemeinde schon vorhanden, welche das prophetische Verständnis dieses Schicksals durch dessen Erfüllung hindurch trug, dem neuen Israel entgegen. Die „Landesverräter“ sind es, die Israel vor dem endgültigen Untergang bewahrt haben, in welchen es der wirkliche Verrat durch seine scheinbaren Träger und Führer gestürzt hatte. So behielten Amos, Hosea, Jesaja, Micha recht. So behielt vor allem Jeremia recht. Er behielt wohl noch über sein eigenes Verstehen hinaus recht. (Denn auch das gehört zum Los des Propheten – nach der positiven Seite hin!) Und so behält jeder Prophet, zu allen Zeiten und an allen Orten, recht – auf diesem Wege und auf diese Art… Die „siebzig Jahre“ des Jeremia müssen erfüllt sein. Es ist eine lange Zeit. Es wäre wohl Anlaß, die Hoffnung aufzugeben. Da, plötzlich, springen die Tore auf. Es geschieht durch eines der großen geschichtlichen Erdbeben, die von Zeit zu Zeit die verschlossenen Pforten der Welt aufsprengen. Wieder tritt eine Katastrophe ein, aber diesmal ist es nicht eine Israels. Es stürzt Babel und ein neues Volk und Reich tritt auf den Plan: die Perser.

b) Die Perser
Die Perser kommen aus dem Nordosten, aus den Hochebenen des Iran, die sich zum Hindukusch hinziehen. Sie sind kein semitisches Volk, sondern von „indogermanischer“ Abkunft. Ihr Volkscharakter ist anders als der der Babylonier und Assyrer. Es fehlt ihnen der Zug wilder Grausamkeit, der besonders den letzteren eignet. Sie sind ebenfalls kriegerisch, aber sie sind auch ritterlich. Es umgibt sie ein Glanz von Poesie. Auch trägt ihr staatliches Leben nicht so stark die Züge des Despotismus, wie dasjenige Assurs und auch Babyloniens. Und so ist auch ihre Religion keine Molochreligion; man darf sie auch nicht Baalsdienst nennen. Ihr Grundelement ist vielmehr der Kampf zwischen Gut und Böse, sich als der zwischen Licht und Finsternis, mit dem schließlichen Siege des Lichtes darstellend. Sie strahlt aus von einer der lichtesten Gestalten der Geisteswelt: von Zarathustra, dem Propheten des Parsismus. Noch lange nachdem das persische Weltreich vergangen war, hat diese Religion in einem Mani eine neue, große Verkörperung gefunden und als Manichäismus tief in das christliche Mittelalter hinein gewirkt. Auch heute tauchen ihre Grundideen immer wieder auf, während in Indien noch der alte Parsismus sich als Religionsgemeinschaft erhalten hat. Eins ist vor allem hervorzuheben: Es besteht eine auffallende Verwandtschaft zwischen dem Gott, den Zarathustra verkündet und dem lebendigen Gott Israels, wie zwischen Zarathustra und Moses. Es ist als ob die Zarathustrareligion, ähnlich wie die des Echnaton in Ägypten, als ein Seitenstrom aus dem gleichen Gottesberg breche, dem als Hauptstrom Israel entspringt. Wäre Israel nicht schon so gekräftigt gewesen, hätte es leicht in diesen Seitenstrom einmünden und darin untergehen können. So ist es bloß zu einigen Entlehnungen gekommen, die sich sehr natürlich in das Wesen des Jahve-Glaubens fügen und denen wir noch begegnen werden. (Es ist besonders an die Welt der
„Engel“
zu denken, der guten, deren Fürst der Messias wird, und auch der bösen, deren oberster Satan ist, aber auch an die metaphysische Verschärfung des Dualismus zwischen Gut und Böse, Gottesreich und Weltreich.)
So geartet und begabt ist dieses Volk von seinen Hochebenen her in die Weltgeschichte herabgestiegen. An seiner Spitze steht ein glänzender Held, Kyrus (Koresch). Er stürzt Babylon. Er besiegt, gegen Westen vordringend, Krösus, den König der Lydier, und unterwirft die griechischen Städte Kleinasiens.
Seine Nachfolger dringen weiter über den Hellespont nach Europa herüber, bis ihnen eine überlegene Geistesmacht, die der Griechen, an den Thermopylen, bei Salamis und Platää und in Kleinasien selbst, vorläufig ein Ziel setzt.

c) Der Zweite Jesaja
Auch aus dieser Katastrophe erhebt sich, um sie zu deuten, ein Prophet. Aber es ist diesmal nicht ein Prophet der Katastrophe, sondern einer des Sieges. Darum hat er, dessen wirklichen Namen wir nicht kennen, den Namen des Jesaja erhalten und man hat seine Reden dem Buche Jesajas angefügt (Die Kapitel 40-66 des Jesajabuches). Er gleicht diesem in der Verkündigung der Macht des lebendigen Gottes und übertrifft ihn an leuchtendem Glanz und Jubel der Siegesbotschaft. Auch er deutet die Katastrophe, aber er deutet sie vor allem positiv. Und seine Deutung stellt wieder eine gewaltige Erweiterung des Horizontes der Gotteserkenntnis und der Gottesherrschaft dar. Diese geschieht in drei Hauptformen. Die erste dieser Formen ist von besonderer Kühnheit. Jesaja wagt es, in Kyrus einen Beauftragten und Gesandten Gottes zu erkennen und anzuerkennen. Und zwar, was das Neue und Wesentliche ist, in einem positiven Sinne. Denn das hatten ja im negativen Sinne schon Amos und die Propheten nach ihm, besonders Jesaja und Jeremia getan: auch sie hatten in Assur und Babel Beauftragte Gottes gesehen. Aber es waren bloß Gottesgeißeln; sie waren, mit einem andern Bilde, Gottes Stecken, womit er die Völker, besonders auch Israel, schlug. Kyrus aber ist für Jesaja der Knecht Gottes, und zwar in einem höheren Sinne. Er nennt ihn (45, 1) geradezu den „Gesalbten“ Gottes und macht ihn damit zu einer Art außerisraelitischen Messias für Israel, gleichsam zu einem Ersatz für den Messias. Er nennt ihn (46, 11) den „Stoßvogel“, den Gott „vom Anfang her berief, aus fremdem Lande als Mann meines Ratschlusses“. Damit ist eine Art des Verständnisses für das Walten Gottes eröffnet, die noch heute nur Wenigen eignet. Gott kann seine Werkzeuge – und zwar eben im positiven Sinne – auch außerhalb seiner offiziellen Gemeinde finden, da wo
die Gemeinde entweder versagt oder wo sie die nötige Kraft für den Auftrag nicht selber hat.
Ja, er kann sogar – damit geht die Linie noch ein wenig über Jesaja hinaus, aber in seinem Geiste – seine vermeintlichen Feinde dazu benutzen, um Kerkermauern zu sprengen, die vielleicht die Gemeinde selbst um sich gezogen hat, den Blick in neue Weiten seiner Herrschaft zu öffnen und neue Pfade seines Ganges durch die Geschichte zu offenbaren. Diese Art des göttlichen Waltens zieht sich durch die ganze Geschichte der Sache Gottes, bald mehr im negativen und zerstörenden Sinne, bald mehr im positiven und aufbauenden. Gott arbeitet durch seine eigenen Propheten – durch die, welche aus seiner Gemeinde aufsteigen, aber er arbeitet auch, diese Gemeinde aufweckend, mit Vorliebe durch fremde „Stoßvögel„, die er beruft „von ferne her“, von unerwarteter Seite her, und er arbeitet auch durch seine Feinde. Beides zur Beschämung seiner Freunde. Er ruft, wo diese seine Botschaft von der Freiheit und Herrlichkeit der Söhne vergessen haben, einen Nietzsche; wo sie seinen Sozialismus vergessen haben, einen Marx; wo sie seinen Kommunismus vergessen haben, einen Lenin; wo sie seinen Anarchismus vergessen haben, einen Proudhon und Bakunin. Und so auf allerlei andere Art. Ein weiterer Fortschritt in der Gotteserkenntnis bei dem Zweiten Jesaja ist das volle Licht des Monotheismus: die Erkenntnis des Einen Gottes, der der Gott der ganzen Welt, und nicht nur das, sondern der ganzen Wirklichkeit überhaupt ist. Zwar ist auch das nicht ein absolut Neues. Schon Amos hat es gewußt und gesagt, daß Gott nicht nur der Gott Israels ist, sondern der Gott aller Völker. Ja, Moses hat es schon gewußt. Aber erst beim Zweiten Jesaja strahlt die Allmacht und Schöpferherrlichkeit Gottes in ihrer ganzen Fülle und Gewalt auf. Jetzt erst wird der Gott Israels so recht zum Gott aller Völker. „Höret mir schweigend zu, ihr Inseln und ihr Völkerschaften, lauschet auf.“ (41, 1.) „Wer hat mit seiner hohlen Hand die Wasser gemessen und dem Himmel mit der Spanne sein Maß bestimmt, wer in einen Dreiling den Staub der Erde gefaßt, mit einer Schnellwaage die Berge gewogen und die Hügel mit Waagschalen? – – – Fürwahr – Völker sind wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Stäubchen an den Waagschalen; fürwahr, Inseln hebt er auf wie ein Sandkörnchen: der Libanon bietet nicht Holz genug für den Brandaltar und sein Wild ist nicht genug zum Opfer. Alle Völker sind wie nichts vor ihm, für eitel nichts und nichtig gelten sie ihm- – – hebet eure Augen in die Höhe und sehet: Wer hat alle diese Dinge geschaffen? Er führet ihr Heer nach der Zahl heraus. Er nennet sie alle mit Namen. Sein Vermögen und seine Kraft ist so groß, daß auch nicht eines fehlet.“ (40, 12-26.) Diese Ausweitung der Gotteserkenntnis und Gottesherrschaft gipfelt in dem Worte (56, 7):
Mein Haus soll ein Bethaus sein für alle Völker.“ „Wie ich ihn [sc. den Knecht Gottes] für Völker zum Zeugen gemacht, zum Fürsten und Gebieter von Nationen, so wirst du Völker rufen, die du nicht kennst und Nationen, die dich nicht kannten, werden zu dir hereilen, um des Herrn, deines Gottes, um des Heiligen Israels willen, weil er dich verherrlicht.“ (55, 4-5.) Drittens erweitert sich der Horizont der Gotteserkenntnis und Gottesherrschaft bei dem Zweiten Jesaja damit, daß Gott durch ihn erst recht der Gott wird, der in der Geschichte waltet. Auch dies ist nichts ganz und gar Neues. Es lag, wie wir reichlich gezeigt haben, von Anfang an im Glauben an den lebendigen Gott beschlossen und war dafür wesentlich. Von Amos an haben alle Propheten es gewußt und verkündigt. Aber sie haben das mehr in der Anwendung auf die einzelnen Tatsachen und Ereignisse der Geschichte gezeigt, während es beim Zweiten Jesaja sozusagen ein Bestandteil des Gottesverständnisses an sich wird. In gewaltigen Bildern redet er davon: „Höre auf mich, Jakob und Israel, der du von mir berufen bist: ‚Ich bin es, ich bin der Erste und bin auch der Letzte.‚“ (48, 12.) Gedenket an das Frühere von Urzeiten her: daß ich Gott bin und keiner sonst, – – – der ich von Anfang an den Ausgang kund tue und von der Urzeit her, was noch nicht geschehen ist. Der ich sprach: Mein Ratschluß soll zustande kommen und alles, was ich beabsichtige, will ich ausführen.“ (46, 9-10.) „Höret auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr Jahve sucht! Blickt auf den Felsen hin, aus dem ihr gehauen seid und auf die Höhlung des Brunnens, aus der ihr ausgegraben seid! Blickt hin auf Abraham, euren Ahnherrn und auf Sara, die euch gebar.“ (51, 1-2.) „Bringet eure Streitsache vor!“ spricht Jahve; „Legt eure Beweisgründe dar!“ spricht der König Jakobs. „Mögen sie [sc. die Götter der Völker] herzutreten und mir kund tun, was sich ereignen wird! Tut kund, was es mit dem Früheren auf sich hatte, daß wir unseren Sinn darauf richten und den Ausgang davon erkennen! Oder laßt uns das Kommende hören! Tut kund, was späterhin kommen wird, damit wir erkennen, daß ihr Götter seid. Ja tut [nur irgend] etwas Gutes oder Schlimmes, daß wir Alle uns verwundern und etwas zu sehen bekommen.“ (41, 21 ff.) Denn nur in Taten, die immer Wunder sind, tut der wirkliche Gott, der Lebendige, sich kund. In diesem Verständnis des Waltens Gottes in der Geschichte besteht die „Theologie“ Israels. Es gibt keine andere. Weitab liegt der Gott der griechischen, überhaupt der philosophischen Idee, aber auch der einer Summa Theologiae des Thomas von Aquino oder der protestantischen Dogmatik. Dieser Gott Israels ist nicht erklärbar und in Glaubenssätze zu fassen. Es muß um ihn gerungen werden. Nur der Prophet versteht ihn und wer von prophetischem Geiste berührt wird. Er ist kein Gott der Theorie; er gewährt seine Erkenntnis nur für die Tat. In diesem Sinne ist er zugleich verborgen und offenbar. „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, Gott Israels, ein Erretter.“ (45, 15.) Nicht im Verborgenen habe ich geredet, an einer Stätte dunklen Landes, noch habe ich zu den Nachkommen Jakobs gesagt: Umsonst suchet mich! Ich, Jahve, rede Richtiges, verkündige Wahres! – – – Tut kund und legt dar – – – Wer hat dies schon vor alters verkündigt, vorlängst es kund getan? War nicht ich es, Jahve? Und keiner sonst ist Gott, außer mir; einen wahrhaftigen und hilfreichen Gott gibt es nicht außer mir. (45, 19-21.) Im Zusammenhang damit wird die Lebendigkeit Gottes mit einer Wucht und Eindringlichkeit dargestellt, die noch über alle bisherige prophetische Verkündigung hinaus geht. Aller Götzendienst wird vor dieser Gewalt und Lebendigkeit Gottes zum Spott. Aus dieser mächtigen Grundempfindung stammt, wie bei Elia, der Hohn über die Götzen: „Der Eisenschmied schärft einen Meißel und fertigt [das Götzenbild] mit Glühkohle und formt es mit Hämmern – – – so fertigt er es mit seinem starken Arm; er hungerte dabei, daß er kraftlos ward, trank nicht Wasser, so daß er ermattete. Der Holzschnitzer hat eine Schnur ausgespannt; er zeichnet es mit dem Reißstift, bearbeitet es mit Schnitzmessern und zeichnet es vor mit dem Zirkel, und so hat er es gefertigt, nach der Gestalt eines Mannes, nach dem Muster eines Menschen, daß es in einem Hause wohne.“ (Vgl. 44, 9-20.).. Es gehört aber auch zur Lebendigkeit Gottes, daß aus ihm stets neue Offenbarung bricht, daß vor ihm und mit ihm stets neue Welten auftauchen. So spricht Jahve, euer Erlöser, der Heilige Israels:
– – – er, der im Meere einen Weg anlegt und einen Pfad in gewaltigen Wassern, der Wagen und Rosse ausziehen läßt, das Heer und seine Gewaltigen! Allesamt liegen sie nun da, um nicht wieder aufzustehen; ausgelöscht sind sie, wie ein Docht verglommen.
Gedenket nicht an das Frühere und achtet nicht auf das, was einst geschah! Fürwahr, ich wirke etwas Neues. Schon sproßt es auf— erkennt ihr es nicht? Ich will in der Wüste einen Weg, in der Einöde Ströme schaffen.
(43, 15-19.) Von diesem Gott kommt nun, wie der Sturz Babels und seiner Götzen, über den der Gerichts- und Triumphruf ergeht (46 und 47), auch Israels Hilfe. Das Warten ist vorüber. Die Stunde der Erlösung ist da. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott! Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihm zu, daß sein Heerdienst [seine ‚Ritterschaft‘, wie Luther übersetzt] beendet, seine Schuld abgetragen ist, daß es aus Jahves Hand Zwiefaches für alle seine Sünden empfangen hat. Horch, die Stimme eines Rufers: ‚Bereitet in der Wüste den Weg Jahves, ebnet in der Steppe eine Straße für euren Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel soll erniedrigt werden, das Höckerige soll zur Ebene werden und das Hügelgelände zur Talsohle [d. h. es soll eine Umwälzung aller Dinge geschehen], damit die Herrlichkeit des Herrn sich offenbare und alles Fleisch sie schaue. Denn der Mund Jahves hat es geredet. Horch, man spricht: ‚Rufe!‘ Und er fragt: ‚Was soll ich rufen?‘ ‚Alles Fleisch ist Gras und all sein Liebreiz wie die Blume des Feldes. Es verdorrt das Gras, es verwelkt die Blume; aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit.‘ “ (40, 1-8.) Das Zeichen dieser Erneuerung wird die Wiederaufrichtung des Bundes mit Gott sein, die endgültige. „Neiget euer Ohr und kommt zu mir; höret doch auf mich, so wird eure Seele leben: Ich will einen ewigen Bund mit euch schließen, getreu der David verheißenen Gnade.“ (55, 3 .) „Denn mögen auch Berge weichen und Hügel hinfallen, so wird doch meine Gnade nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht hinfallen„, spricht der Herr, dein Erbarmer. „Du Elende, Sturmbewegte, Ungetröstete! Fürwahr, ich will deine Grundfesten mit Rubinen legen und will dich gründen mit Saphiren. Und deine Zinnen will ich aus Jaspis machen und deine Tore aus Karfunkeln und deine Grenzmauer aus Edelsteinen. Und alle deine Söhne sind Jünger Jahves und großen Frieden haben deine Söhne. Durch Gerechtigkeit wirst du festgegründet stehen. Wisse dich fern von Bedrückung; denn du brauchst dich nicht zu fürchten, und fern von Schrecken, denn er wird dir nicht nahen. Streitet aber einer wider dich, so ist es sicherlich nicht von mir gewollt: wer mit dir streitet,
der soll fallen!
“ (54, 10 ff.) Immer großartiger wird die Verheißung. Sie entspricht der neuen Weite des Ausblicks: „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn gehet auf über dir. Denn fürwahr: Finsternis decket das Erdreich und Dunkel die Völker. Doch über dir wird Jahve aufstrahlen und seine Herrlichkeit wird über dir erscheinen. Und die Völker werden hinwallen zu deinem Licht und Könige zu dem Glanze, der über dir aufgestrahlt ist.“ (60, 1 ff.) Geht schon damit der messianische Glanz auf, so auch in den Worten: „Siehe da, mein Knecht, den ich aufrecht halte, mein Erwählter, an dem ich Wohlgefallen habe! Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt. Er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht schreien noch laut rufen und nicht auf den Gassen seine Stimme erschallen lassen. Zerknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen und glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Der Wahrheit gemäß wird er das Recht verkünden. Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er auf Erden das Recht gegründet hat und seiner Unterweisung harren die Inseln.“ (42, 1-4.) „Der Geist des Herrn ist auf mir, dieweil er mich gesalbt hat, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, mich gesandt hat, zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung anzukündigen und den Gefesselten hellen Ausblick, um einen Tag des Wohlgefallens Jahves auszurufen und einen Tag der Rache [= Gerechtigkeit, Gericht] unseres Gottes; um alle Trauernden zu trösten, daß er den Trauernden Zions zulege, ihnen verleihe Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, Prachtgewand statt verzagten Geistes.“ (61, I-3.) So ist der Prophet des lebendigen Gottes vor allem Verkündiger der Hoffnung und des Sieges, des Trostes und der Aufrichtung, der Erneuerung und Wiederbringung aller Dinge. Freilich fehlt auch die Bußpredigt nicht. Er mahnt zu einem rechten Fasten (Kap. 58), läßt nicht vergessen, daß Gericht nötig war und auch immer noch ist (Kap. 59), aber er bleibt wesentlich Verkündiger der Gnade.

Da hatte wohl JHWH auch seine Hand im Spiel: Moses wird von seiner Mutter in den Nil gelegt, Alexey V. Tyranov, 1839-1842.
Da hatte wohl JHWH auch seine Hand im Spiel: Moses wird von seiner Mutter in den Nil gelegt, Alexey V. Tyranov, 1839-1842.