Kierkegaard’s Tagebücher

Die Wahrheit ist eine Schlinge: Du kannst sie nicht haben, ohne daß du gefangen wirst; du kannst die Wahrheit nicht derart haben, daß du sie fängst, sondern nur derart, daß sie dich fängt.

Die Wahrheit ist nackt
Um zu schwimmen zieht man sich nackt aus – um nach der Wahrheit zu streben, muß man sich in weit innerlicherem Sinne ausziehen, muß man sich einer weit innerlicheren Kleidung an Gedanken, Vorstellungen, Selbstsucht und dergleichen entledigen, ehe man nackt genug wird.

Das Heidentum kommt der Wahrheit niemals näher als Pilatus: „Was ist Wahrheit“, und dann kreuzigt man sie.

Der Unterschied zwischen den Menschen ist eigentlich nur der, wie sie Dummheiten sagen; daß sie sie sagen, ist das Allgemein-Menschliche.

Bist Du vorausgegangen, du meine Sehnsucht, winkst Du mir verklärt aus einer andern Welt? O, ich will alles von mir werfen, damit ich leicht genug werde, um Dir zu folgen.

Ich sah heute morgen in der frischen kühlen Luft ein Dutzend Wildgänse fortfliegen; zuerst standen sie genau über dem Kopf, dann ferner und ferner, und zuletzt teilten sie sich in zwei Schwärme und wölbten sich wie zwei Augenbrauen über meinen Augen, die nun ins Land der Poesie schauten.

Deswegen halte ich soviel mehr vom Spätjahr als vom Frühjahr, denn im Spätjahr schaut man gen Himmel – im Frühjahr auf die Erde.

Als Motto für mein Kindheitsleben weiß ich nichts Besseres als die Worte aus Goethes Faust:
„Halb Kinderspiele.
Halb Gott im Herzen!“.
Den 9. September 1839

Die Liebe der Frau ist Ja und Amen; die des Mannes ist Gerede. Das weibliche Bewußtsein ist viel universeller oder zumindest viel weniger subjektiviert und deshalb mehr ein Gemeinschaftsbewußtsein (ein Amen). – o. Dat.     II A 498

Das Christentum will uns alles sein … Erst dann, wenn es Dir Weg und Leben und Wahrheit wird, erst dann wird es Dir alles, und es muß Dir entweder alles oder nichts sein. Aber dann erklingt auch seine mächtige Stimme für Dich, und sie sagt: Ich will Dir auch alles sein, Dein Gott sein und meinen Bund mit Dir schließen; ich werde nicht länger bloß ein Gedicht für Dich sein, das Dich in einem glücklichen Augenblick begeistert und vielleicht von Dir flieht, wenn die Ängste Deinen Sinn umdüstern; ich werde mit Dir sein, wenn Du auch zuweilen Dich verirrst, fort von Dir selbst, u. wenn Du auch zuweilen mich vergaßest, so werde ich Dich doch nicht vergessen, ich werde Dich ermahnen und warnen, Dich zur gelegenen Stunde rufen, daß Du Dich zu mir halten sollst, und wenn Du Dich ohnmächtig und vernichtet fühlst, dann sollen die himmlischen Kräfte sich in Dir rühren, und wenn Du zweifelst, dann sollst Du zur passenden Stunde die himmlische Vergewisserung fühlen – in der Hitze des Streites soll Dich Gottes Gnade überschatten. o. Dat. II A 577

Es gehört mehr Mut dazu, zu leiden als zu handeln, mehr Mut, zu vergessen als zu erinnern, und es ist vielleicht das Wunderbarste an Gott, daß er die Sünden der
Menschen vergessen kann. o. Dat. III A 101