Kierkegaard’s Tagebücher

Die Wahrheit ist eine Schlinge: Du kannst sie nicht haben, ohne daß du gefangen wirst; du kannst die Wahrheit nicht derart haben, daß du sie fängst, sondern nur derart, daß sie dich fängt.

Die Wahrheit ist nackt
Um zu schwimmen zieht man sich nackt aus – um nach der Wahrheit zu streben, muß man sich in weit innerlicherem Sinne ausziehen, muß man sich einer weit innerlicheren Kleidung an Gedanken, Vorstellungen, Selbstsucht und dergleichen entledigen, ehe man nackt genug wird.

Das Heidentum kommt der Wahrheit niemals näher als Pilatus: „Was ist Wahrheit“, und dann kreuzigt man sie.

Der Unterschied zwischen den Menschen ist eigentlich nur der, wie sie Dummheiten sagen; daß sie sie sagen, ist das Allgemein-Menschliche.

Bist Du vorausgegangen, du meine Sehnsucht, winkst Du mir verklärt aus einer andern Welt? O, ich will alles von mir werfen, damit ich leicht genug werde, um Dir zu folgen.

Ich sah heute morgen in der frischen kühlen Luft ein Dutzend Wildgänse fortfliegen; zuerst standen sie genau über dem Kopf, dann ferner und ferner, und zuletzt teilten sie sich in zwei Schwärme und wölbten sich wie zwei Augenbrauen über meinen Augen, die nun ins Land der Poesie schauten.

Deswegen halte ich soviel mehr vom Spätjahr als vom Frühjahr, denn im Spätjahr schaut man gen Himmel – im Frühjahr auf die Erde.

Als Motto für mein Kindheitsleben weiß ich nichts Besseres als die Worte aus Goethes Faust:
„Halb Kinderspiele.
Halb Gott im Herzen!“.
Den 9. September 1839