Die Kraft in der Schwachheit

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Leonhard Ragaz, Das Reich und die Nachfolge – Andachten 1938
Die Kraft in der Schwachheit

Und der Herr sprach zu mir: «Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft vollendet sich in Schwachheit.» 2. Korinther 12, 9.

Was uns oft schwer zu schaffen macht, ganz besonders beim Beginn neuer Arbeiten und neuer Zeitabschnitte, ist das Bewusstsein von unserer Schwachheit. Es mag Schwachheit des Körpers oder der Seele sein, Schwachheit der Nerven, Schwachheit des Gefühls, Schwachheit des Denkens, Schwachheit des Wollens; es mag auch Schwachheit unserer ganzen Lage sein, Schwachheit der Mittel die uns für unser vielleicht starkes Wollen zur Verfügung stehen. Wie sollen wir damit auskommen? Wie sollen wir damit mit in unserem Kampfe siegen? Schwer bedrückt uns das Gefühl dieses Sachverhaltes beim Blick auf die Mannigfaltigkeit und verhältnismässige Grösse der Aufgaben, die unser warten. Wir sollten stark sein, sollten viel, viel Kraft haben und sind statt dessen schwach, so schwach – wie soll alles gehen ? Was aber in dieser Form ein dauernder Zustand ist, wird in einzelnen Fällen eine akute und zugleich rätselhafte Erfahrung. Gerade in Lagen, wo wir besonders stark sein sollten, können wir uns von der Kraft ganz verlassen fühlen – von einer Kraft, die wir vielleicht vorher hatten und die wir jetzt dringender nötig hätten als je; an geistigen Schlachttagen, wo Entscheidungen fallen, können Leib oder Seele oder beide ganz rätselhaft versagen. Wer hätte solches nicht erlebt? Was sollen wir davon halten?
Sind wir denn von Gott verlassen, gerade wenn wir seine Hilfe am meisten brauchten? Lässt er uns am meisten im Stiche, wenn wir am meisten sein Werk tun wollen?
Ein solches Erlebnis kann einem Menschen zu einer rechten Anfechtung werden. Vor allem aber machen wir diese drückende Erfahrung der Schwachheit mit unserem s i t t l i c h e n Wollen. Wie sollten wir in unserem Ringen nach sittlichem Vorwärtskommen stark sein, und wie elend schwach erweisen wir uns immer wieder. Können wir da noch Vorsätze fassen? Es macht sie doch schon der erste Tag, wenn nicht schon die erste Stunde zunichte. Welch eine Not ist die Schwachheit, wie herrlich wäre die Kraft! In dieser Lage stossen wir auf die wunderbare Erfahrung des Paulus, dass gerade Schwachheit Kraft sein könne. Er hat diese Erfahrung auf ganz besonders bedeutsame Weise gemacht. Als wandernder Apostel hätte er, möchte man denken und dachte er offenbar selbst, einen besonders kräftigen und zähen Körper, überhaupt eine gewisse Normalität der leiblichen und seelichen Verfassung nötig gehabt. Aber nun schleppt er sich mit einem ganz bösen Leiden, dessen Natur bis auf diesen Tag dunkel geblieben ist. Er nennt es bekanntlich einen «Pfahl im Fleisch», einen «Satansengel», der ihn «mit Fäusten schlage». Jedenfalls muss es sich um eine ganz arge Hemmung gehandelt haben, um ein Uebel, das seine ganze apostolische Berufung in Frage zu stellen schien. Nichts ist natürlicher, als dass er zum Herrn seines Lebens schrie, und zwar «dreimal», d. h. in immer wiederholtem Gebetskampf, er möge ihn doch von dieser so unverständlichen Last befreien und ihm die Kraft geben, die er für seinen Dienst so sehr brauche. Er wurde nicht erhört und das mag eine harte Anfechtung gewesen sein. Er musste seine Not weiter schleppen. Aber dann kam beim «dritten» Mal die Antwort und Lösung: «Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit» («ist in der Schwachheit mächtig», wie Luther übersetzt). «Darum», fährt er fort, «will ich mich am liebsten meiner Schwachheiten rühmen, auf dass die Kraft Christi über mich komme. Darum bin ich getrost in Schwachheiten, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Bedrängnissen um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.» Wunderbare Kunde: Kraft ist oft Schwachheit und Schwachheit Kraft – ja die grösste Kraft offenbart sich gerade in Schwachheit. Unsere Kraft kann Schwachheit sein. D e n n  s i e  k a n n  G o t t  i m  W e g e  s t e h e n. Wir verlassen uns dann leicht auf diese Kraft. Diese Kraft strahlt jedenfalls in einem m e n s c h l i c h e n Glanz, der nicht von Go t t zeugt, der nicht für Gott wirbt. Darum gerade wenn unsere Kraft versagt und dieser Menschenglanz erlischt, kann eine a n d e r e Kraft zu wirken beginnen und ein anderer Glanz hervorbrechen: die Kraft G o t t es, der Glanz. der wirklich von i h m zeugt und zu i h m führt. Je weniger wir tun, desto mehr kann Gott tun. Darum sind es selten unsere scheinbar gelungenen, aus dem Vollgefühl der Kraft geborenen Reden und Taten, die sich als am meisten gesegnet erweisen, sondern viel öfter die aus Not und Kampf erwachsenen, für uns mit dem Zeichen der Schwachheit und des Misslingens versehenen. Es ist, als ob die Engel, beiseite stehend, solange wir in unserer Stärke glänzen, sich sofort herbeimachten, wenn wir in Demut, im Gefühl der Unzulänglichkeit unser Werk tun, meinend, es müsse alles misslingen, es sei alles gefehlt. Darum fangen auch Dinge, die wirklich gross werden und lange leben sollen, gar nicht stark und glänzend an, sondern sehr bescheiden, in viel Schwachheit, Verkennung, Not, Verfolgung und Bedrängnis. Was sofort imposant und schimmernd dasteht, mit viel Mitteln und Kräften, trägt den Keim raschen Verwelkens in sich; dieser Anfangsfehler kann nur geheilt werden, wenn nachher doch das Leiden dazu kommt. Darum zieht ein Pestalozzi so unwiderstehlich an und reizt immer wieder zur Nachfolge, er mit seiner ewigen Not und seinem ewigen Misserfolg. Darum ist Grundtvigs grossartige Volkshochschule misslungen, während Kirsten Kolds in einer Bauernhütte begründetes Werk gross wurde. Darum war Wichern unendlich gesegnet, solange er im «Rauhen Hause» mit seinen armen Knaben und Mädchen schwach, in täglicher Not, Verkennung, Verfolgung und Bedrängnis lebte, während dieser Segen nicht mehr so über ihm waltete, als er in den Schlössern des Adels und in den Amtsstuben von Staat und Kirche sein Wesen hatte. Das ist das Gesetz der Schwachheit in der Kraft und der Kraft in der Schwachheit. Aus Armut wird Reichtum, aus Tod Leben. Als die stärkste Kraft der Welt erweist sich stets das Kreuz. Von hier aus löst sich auch das Rätsel, das uns die Erfahrung der Schwachheit im allgemeinen und in jenen besonderen Fällen aufgibt. Es hat sich für Paulus gelöst. Paulus der durch dieses Uebel Geschlagene, war ja in anderer Beziehung ein vor Unzähligen hochbegnadeter Mensch. Nicht nur war er zum Apostel berufen, er hatte auch «Gesichte» und «Offenbarungen», die ihn bis zum «dritten Himmel» erhoben und deren Natur wir wieder bloss ahnen können. Es hätte nun sogar für ihn die Gefahr bestanden, «dass er sich des Ueberschwangs der Offenbarungen überhebe», und d a r u m bekam er den Pfahl ins Fleisch und schlug ihn der Satansengel mit Fäusten. Das war notwendig, gerade für seinen Dienst an Christi Sache. Auch der Satansengel tat an ihm das Werk Gottes, der Pfahl im Fleisch wurde seine stärkste Stütze und die Schwachheit verwandelte sich in verdreifachte Kraft. So ist es : u n s e r e  S c h w a c h h e i t  h ä l t  u n s  b e i  G o t t  f e s t, treibt uns immer wieder zu ihm, während unsere Kraft uns von ihm zu entfernen droht. Der «Starkgelangt nicht zu den letzten, mächtigsten Quellen der Kraft, und wie rasch kann seine Stärke zusammenbrechen, aber wer sich schwach weiss, der sucht jene Kraft, die stärker ist als alle Schwachheit und die noch da ist, wenn alle eigene Kraft zerbrach: die unendliche Kraft. Darum leisten tatsächlich die schwachen Menschen viel mehr als die starken. Einem Paulus entspricht ein Calvin, der als ein stets halb invalider Mann eines der gewaltigsten und fruchtbarsten Lebenswerke getan hat, die wir kennen, und tausend Zeugen der Kraft in der Schwachheit reihen sich an beide. Darum sei die Schwachheit gesegnet, gesegnet auch diese Not, diese Mutter des wahrhaft Grossen. Darum wollen wir uns nicht erschrecken lassen, weder durch unsere allgemeine Schwachheitslage, durch Versagen des Leibes und der Seele, durch Mangel an Menschen, Mitteln, Verbindungen, Einflüssen, durch Bedrängnisse und Verfolgungen im Dienste Gottes; wir wollen uns vielmehr ihrer «rühmen», wie Paulus, denn sie sind Zeichen, dass unsere Sache nicht ferne ist von Gott, dass sie auf gutem Wege ist, während glänzender Erfolg und allzu leichtes Gelingen uns füglich erschrecken müssten. Wir wollen frohlocken über das Wunder, dass das Schwache mächtiger ist als das Starke, das Kleine siegreicher als das Grosse, dass aus Not Segen, aus Bedrängnis Weite, aus Misshandlung Ehre und aus Verfolgung Ausbreitung quillt. Und wenn jene Lage wiederkehrt, wo wir uns arm fühlen, da wir reich sein sollten, matt, da wir rüstig sein sollten, tot, da wir lebendig sein sollten, dunkel, da wir hell sein sollten, kalt, da wir warm sein sollten, dann wollen wir erst recht nicht verzagen und uns anfechten lassen, sondern sagen: «Nun, da ich selbst nichts bin, kann, will, muss Gott statt meiner und durch mich wirken. Nun will ich nur das Eine tun: mich und mein Sache ganz und gar ihm übergeben, ganz und gar ihn wirken lassen, ganz und gar seine Sache meine Sache sein lassen, ihm in Schwachheit, Dunkelheit, Armut, Mattigkeit, Kälte und Tod doch den Willen, den leeren, ganz zur Verfügung stellen.» Wenn wir das tun, dann können wir immer wieder zu unserem Staunen erleben, wie Gott mächtig war, als wir schwach waren. Unsere Schwachheit ist unsere höchste Kraft; denn sie bindet uns an Gott. Sollte das nicht auch das offene Geheimnis sein, auf das es bei unserem s i t t l i c h e n Ringen ankäme? Ja, wir fühlen uns unseren Fehlern, Leidenschaften, Versuchungen gegenüber so ohnmächtig, kennen bei unseren Vorsätzen die Schwachheit, die nie das Wollen zum Vollbringen gelangen lässt. Aber sollte dieses Elend, welches das tiefste von allen ist, nicht gerade daher stammen, dass wir stark sein möchten statt schwach? Wir möchten es durch die Kraft machen, durch u n s e r e Kraft. Unser starker Wille möchte Sieger über unsere Fehler, Leidenschaften, Versuchungen werden; er möchte glorreich auf der eroberten Schanze stehen und die Fahne des Triumphes schwingen. Aber wie, wenn gerade diese Kraft, oder sagen wir lieber: dieses Kräftigseinwollen unsere Schwachheit wäre, und zwar wieder darum, weil es G o t t e s Wirken im Wege stünde? Wie, wenn diese falsche Kraft zerbrechen müsste, diese Kraft, die doch «Fleisch» ist, die aus dem Endlichen stammt, damit jene andere Kraft zur Geltung kommen könne, die «Geist» ist und aus der Unendlichkeit strömt? Ob wir nicht diese falsche Kraft wegwerfen müssten, uns erkennen müssten in unserer ganzen Schwachheit und Armut, damit die Kraft Christi über uns komme? Ja, ich glaube, dass dies der Weg ist, auf dem Sieg auf Sieg über uns kommen kann, und wir auch in allen Schwachheiten, Misshandlungen, Nöten, Verfolgungen und Bedrängnissen des sittlichen Kampfes getrost sein dürfen, weil wir uns in der Hand dessen wissen, der stark ist und der treu ist. Und das ist die Krönung dieses Wunders von der Kraft in der Schwachheit: dass wir, wenn wir «dreimal» mit Gott ringen, er möge uns von unserem sittlichen Elend erlösen, seine Stimme hören: «L a s s  d i r  a n  m e i n e r  G n a d e  g e n ü g e n !»