Gottes Arm und Eifer

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“Scivias”-Kodex: Tafel 26: Der Eifer Gottes

So tut Er es !

Ich bin’s, der Gerechtigkeit verheisst, der Macht hat, zu erretten... denn einen Gerichtstag hatte ich im Sinn und mein Erlösungsjahr war herbeigekommen. Und ich blickte aus, aber da war keiner, der mir geholfen hätte. Fragend schaute ich umher, aber da war keiner, der mit mir gegangen wäre. Da half mir m e i n  Arm, und m e i n  Eifer, der ging mit mir. Jesaja 63, 1, 4 und 5.

Es ist immer das gleiche Elend! Grosses, Allergrösstes wäre zu tun: die Ueberwindung des Krieges, die Neuordnung der politischen Welt, die soziale Umgestaltung, die Erneuerung des Sozialismus, ja sogar, in gewissem Sinn, des Christentums, dazu der Bildung, der Kultur. In jedem Volke, jedem Lande stellen sich diese Aufgaben, wenn auch in jedem anders: neue Schweiz, neues Deutschland, neues England und so fort. Noch höher steigen die Aufgaben und Ziele: Siedelung, Kommunismus Christi, Nachfolge Jesu. Alles das und anderes dazu ist bereit, alles lockt, alles ruft, alles fordert, alles schreit – schreit nach Verwirklichung. A b e r  e s  f e h l e n  d i e  M e n s c h e n. Wir stehen je länger je mehr – vorläufig wenigstens – vor der Tatsache, dass in einer Zeit und Lage, die besonders grosse Menschen erforderte, die Menschen im Gegenteil immer kleiner werden. Die Menschen, die man gross nennen konnte, sterben aus, wie die Adler aussterben. Wir bekommen überall und immer mehr die Herrschaft der Mittelmässigkeit. Flachköpfe werden als Führer und weiss was verehrt und Hohlköpfe zu Messiassen gemacht (um von den Scharlatanen vollends zu schweigen), Herrschaft der Masse und Diktatur entsprechen sich. Das heutige Geschlecht ist für die Lösung grosser Aufgaben untauglicher als andere, deren Aufgaben so viel kleiner waren. Es ist das ja auch nicht zum Verwundern. Wie hätten in dem Boden, den die geistigen Entwicklungen der abgelaufenen Periode zubereitet, kraftvolle Bäume wachsen können? Wir haben ein haltloses, g r o s s e r Orientierung und g r o s s e n Wollens unfähiges, von allen Winden der Meinung und des Wahnes hin und hergewehtes, allen Götzen und Dämonen verfallenes Geschlecht, ein Geschlecht, das sich aufbläht, weil es leer ist, ein Geschlecht, das stark tut, weil es schwach ist, ein unstetes und darum treuloses Geschlecht. Vor allem ein unsachliches Geschlecht – trotz der Sachlichkeitparole!- weil ein von sich selbst besessenes Geschlecht. Wie könnte gerade dies anders sein? Ein atomistisches Zeitalter konnte nicht ein Geschlecht mit tiefem Sinn für die Gebundenheit an das, was grösser ist als das Selbst, erzeugen und schwache, wurzelkranke Menschen haben – das liegt ja schon in der Voraussetzung -, nicht die Kraft und Fülle, die für echte Hingabe und echtes Opfer nötig sind. Sie können, auch im scheinbaren Dienst einer Sache, nur fieberhaft sich selbst suchen, und nur in gewissen Massensuggestionen verlieren sie scheinbar diese Gebundenheit an das Selbst, aber bloss, um den Götzen zu verfallen. Darum ist das Geschlecht, dem jene grossen Aufgaben gestellt sind, gerade für jene Aufgaben am wenigsten geeignet. Wir bewegen uns in einem Todeszirkel. Die geistigen und sozialen Mächte, die wir heute überwinden wollen, haben uns zu ihrer Ueberwindung durch neuen Geist und neue Gestaltung untauglich gemacht. Die Herrschaft des Kapitalismus hat uns für den Sozialismus, die Herrschaft des Militarismus für die Friedensordnung, die Herrschaft des Unglaubens für den Glauben verdorben. Darum fehlen die Menschen, versagen die Menschen. Es ist ein Elend. Diese Lage ist nun aber nicht neu, nur unserem Zeitalter eigen. Im Grunde genommen haben i m m e r die Menschen gefehlt. In Luthers Leben und Werk gibt es eine Stelle, die für mich immer etwas Ergreifendes hatte. Er setzt einmal auseinander, dass er gern statt der Kirchen, die er an Stelle der von ihm zerschlagenen alten Kirche in Hast und Not gegründet (trotzdem schon der Name Kirche ihm «undeutlich» und «undeutsch» erschien) und worin Krethi nud Plethi Platz hatten, Gläubige und Ungläubige, Christen und Halbchristen, ja Heiden sich zusammenfanden, etwas ganz anderes hätte: wirkliche Gemeinden von Jüngern, worin die Liebe, die Gütergemeinschaft, die Gewaltlosigkeit, die Nachfolge der urchristlichen Gemeinde gälte – aber: «Ich habe dazu die Leute nicht!» Wie mancher, der grosse Möglichkeiten vor sich sah, die seine Seele lockten, ja, die er als Gottes Willen erkennen musste, hat vor und nach ihm in Schmerzen sagen müssen: «Ich habe dazu die Leute nicht.» Es fehlten i m m e r die Menschen. Denn wen hatte Moses? Aaron verfertigte in seiner Abwesenheit das goldene Kalb! Wen hatte Jeremias – um nur diesen als Typus zu nennen? Einzig den Schreiber Baruch, einen guten und treuen, aber kleinen (wenn auch nicht kleinlichen) Menschen. Wen hatte Paulus? Für Johannes Markus und Barnabas waren seine Wege zu hart. Titus, Timotheus, Aquila und Priszilla und die andern, sie waren auch treu und recht,·aber verglichen mit Paulus wie klein! Und Christus selbst! Wen hatte er? In welcher unendlichen Einsamkeit ist er! Diese Jünger – wir wissen, wie schwach sie waren, wie begrenzt im Verstehen und nicht einmal alle treu. Es ist ein Jammer! Es fehlen die Menschen! Wie denn? Sollen wir verzagen, unsere Hoffnungen aufgeben? Keineswegs! Ganz und gar nicht! Denn nun tritt die andere grosse Tatsache auf, die unser unendlicher Trost ist:  W e n n  a u c h  d i e  M e n s c h e n
f e h l e n,  s o  t u t  G o t t  e s  a l l e i n. Leset in diesem Lichte das merkwürdige, nur so verständliche dreiundsechzigste Kapitel des Jesajabuches, das mit biblischer Grossartigkeit und Drastik und auch mit biblischem Anthropomorphismus mit einer scheinbar allzugrossen Vermenschlichung Gottes, die aber erst recht Gottes Wirklichkeit kund tut, diese Tatsache ausspricht: «Ich bin’s, der Gerechtigkeit verheisst, der Macht hat, zu erretten … Einen Gerichtstag hatte ich im Sinn und mein Erlösungsjahr war herbeikommen. Und ich blickte aus, aber da war keiner, der mir geholfen hätte; fragend schaute ich umher, aber da war keiner, der mit mir gegangen wäre: da half mir m e i n Arm und m e i n Eifer, der ging mit mir. »
Gott tut es allein. Ueber das Versagen der Menschen hinweg führt er seinen Plan aus, schafft er seinen Gedanken Verwirklichung. So hat er es immer getan, so wird er es heute tun. Es ist ganz gewiss. Verlass dich felsenfest darauf. Es wird geschehen, sogar weit über Hoffen und Erwarten hinaus
. Mögen die Menschen fehlen, Gott tut es, er allein und erst recht. Er kommt – siehst du ihn nicht kommen? Aber ich höre den Einwand: «So stimmst du nun auch in den Jargon ein, den man nun von allen Kanzeln und aus allen theologischen und halbtheologischen Blättern und Blättchen vernimmt: dass Gott allein es tue und wir Menschen nichts könnten, dass wir darum abstehen müssten von allem Arbeiten und Kämpfen, etwa für den Frieden, für den Sozialismus, für die Demokratie, für das Reich der Liebe und Bruderschaft oder gar für das Reich Christi – dass wir entweder uns beiseite halten müssten, hinter der Schutzmauer von Frömmigkeit oder Theologie, oder das Böse mitmachen, da die Welt doch im Argen liegen müsse – bis zur Wiederkunft Christi. Wie – hast du nicht immer das genaue Gegenteil gelehrt? Willst du jetzt auch in den Chor dieses frommen Geschwätzes einstimmen, das ein Geschwätz ist, nicht mehr, weil die Allermeisten, die diese Rede im Munde führen, dazu nicht die geringste Kompetenz haben – denn wie viel gehört dazu, namentlich wie viel Kampf und Arbeit, bis ein Mensch ernsthaft und ehrlich, aus eigener Erfahrung so sprechen kann! -, sondern sie bloss nachplappern, sie mit ihrem eigenen Leben, wo es ihnen so passt, verleugnen, sie aber brauchen, wo es bequem ist, und wie bequem ist es! Dieses fromme Geschwätz willst du nun unterstützen? Hast du nicht immer gelehrt, dass wir etwas tun sollen und können, dass wir Mitarbeiter sein sollen und können, dass dem Menschen unter Umständen grosse Vollmacht gegeben sei, ja dass Gott selbst gewissermassen von ihm abhänge, dass er nämlich nichts tun könne ohne Menschen – ohne Menschen, die sich ihm zum Dienste hergäben?» Ich antworte: Gemach. Das alles bleibt bestehen. Die eine Wahrheit hebt die andere nicht auf, auch wenn sich wie ein Widerspruch zwischen ihnen zu bilden scheint. Gott kommt nicht ohne V o r b e r e i t u n g. Sonst könnten wir ja sein Kommen gar nicht verstehen. Es müssen Menschen, sei’s Einzelne, sei’s Gemeinschaften dagewesen sein und da sein, die dieses Verständnis geweckt haben, die geglaubt, gehofft und darum gearbeitet und gelitten haben – denn man kann nicht recht hoffen und glauben, ohne zu arbeiten und zu leiden! -, es muss ein W a r t e n da sein – ja, in d i e s e m Sinne hat diese Losung recht, wer von uns hätte das nicht gewusst und gesagt? – ein Seufzen muss sein, ein gespanntes Ausschauen und auch ein «Eilen». Das ist u n s e r e, der Menschen, Aufgabe; auch die grössten Werkzeuge Gottes haben keine andere; sie aber ist n o t w e n d i g. Es müssen Menschen da sein! Aber dann, sobald dieser Punkt erreicht ist, offenbart sich die Paradoxie: Es müssen die Menschen f e h l e n! Ich meine: Es muss das Versagen der Menschen, das Schwachwerden eintreten, damit G o t t kommen kann. Denn zuletzt muss alles vor ihm schweigen. Wenn der König kommt, muss es stille werden. Es kann nicht anders sein, sonst wäre Gottes Kommen nicht G o t t e s Kommen, sondern wir blieben im Menschengemächte stecken. Das Reich Gottes kommt nur zu den Armen und Gott kann nur in unserer Schwachheit mächtig sein. W i l l es aber auch! Das gilt nicht nur von der grossen Geschichte des Reiches Gottes, sondern auch von dem Hoffen und Glauben, Arbeiten und Kämpfen des einzelnen Menschen um s e i n e Erlösung, um die Verwirklichung der Verheissung Gottes und der Herrschaft Gottes in seinem individuellen Leben. Auch hier darf nicht b l o s s gewartet, es muss gearbeitet und gekämpft werden. Das ist sinnvoll, wertvoll, notwendig. Freilich dann die Paradoxie: Das alles wird nutzlos, führt ins Leere, wenn nicht zuletzt – ein Versagen steht! Wenn nicht zuletzt du arm und schwach wirst. Wenn nicht zuletzt alles Eilen in ein Warten übergeht. Wenn nicht zuletzt alles still wird vor dem Einzug des Königs. Auch hier tut Gott es allein, nachdem du getan, was du konntest. Das also ist im Grossen und im Kleinen, im Ganzen und im Einzelnen unser Trost. Mögen die Menschen fehlen, mögen die Menschen, die da sind, versagen – und a l l e versagen!, so tut Gott es, er allein! So ist es immer gewesen. Er hat es für Moses getan trotz des Moses Versagen! Er hat es für Jeremia getan trotz des Jeremia Versagen! Er hat es für Paulus getan – trotz des Paulus Versagen! Es war besser, dass sie versagten, sonst wären sie selbst zu Göttern oder Halbgöttern geworden, etwa wie Muhammed oder Buddha! Es war gut, dass nur k l e i n e Leute um sie herum waren sonst wäre es zuletzt eine Sache grosser Leute geworden! Es ist gut, dass kleine (nicht kleinliche!), aber treue und lautere Leute für die Sache Gottes so Grosses bedeuten können! Es war gut, dass Luther, Zwingli und Calvin versagten und bei weitem keine ebenbürtigen Gehilfen fanden, sonst wäre die Reformation erst recht als etwas Fertiges erschienen und ein Menschenwerk allzu sehr als Gotteswerk. Es ist gut, dass nicht Luther als Luther jene Gemeinden gründen konnte, denn sie können nur, wie einst, aus dem Heiligen Geist selbst geboren werden. Am gewaltigsten aber tritt die Paradoxie dieser Tatsache bei Ihm hervor, mit dem Gottes ganze Wahrheit in der Menschenwelt erschienen ist. Wenn wir uns ob der Einsamkeit Christi entsetzen, wenn wir es kaum fassen können, dass ihn, den Grössten, so kleine Menschen umgeben, dann staunen wir nur umsomehr über die Art, wie er selbst diese Tatsache behandelt. Er hat ja selbst diese kleinen Menschen gehlt. Nie sehen wir, wie er sich um die Grossen bemüht hätte, die politischen Machthaber, die führenden Theologen, die angesehensten Vertreter der Frömmigkeit und die einflussreichsten Priester. S o machen es die Religions- und Kirchenleute aller Zeiten, besonders auch der unsrigen. Das sind die Methoden der W e l t. Er aber stösst gerade diese grossen Leute, die sicher ganz gern mit ihm sich ein wenig eingelassen, ein wenig seine Sache protegiert und für sich, zur Aufpolierung der eigenen Macht, ausgenutzt hätten, mit herber Ueberlegenheit zurück. Denn das ist G o t t e s Methode. Gott kann und will solche grossen Leute nicht brauchen oder jedenfalls nur nebenbei, wenn sie auch klein werden, aber dies ernstlich, nicht nur zum frommen oder theologischen Schein, der ja de rigueur ist. In göttlicher Souveränität wählt Jesus die k l e i n e n Leute, duldet sie, sst sie nicht fühlen, dass sie klein sind, ja fühlt das – menschlich geredet selbst nicht einmal: sie sind ihm vor Gott gross. Gott kann sie schon brauchen, trotz aller ihrer äusseren Kleinheit, ja sogar Schwachheit (auch ihres Glaubens und Verstehens), ja gerade erst recht. Das ist k ö n i g l i c h e Art, nämlich gott-königliche Art. So feiert er, ihren nahen Abfall wissend, getrost und sieghaft mit ihnen, den Schwachen, den Kleinen, den nicht einmal völlig Treuen, das Mahl des Neuen Bundes – und geht ans Kreuz! Gott allein, nicht Menschenkraft und Menschengrösse! Und darum tut es G o t t mit ihm, in ihm, über ihn – als Menschen! – hinaus, in Sieg ohne Ende. Und es kommen auch «grosse» Menschen: Paulus, Augustinus, Franziskus, Wicleff, Hus, Savonarola, Luther, Zwingli, Calvin, Kierkegaard, Blumhardt. Aber auch sie versagen – wie sogar Christus, als M e n s c h, in Gethsemane versagen musste – damit Gott allein es tue. Und er tut es. Er allein! Diese Ordnung wird durch die schon berührten Erfahrungen des individuellen Lebens bestätigt. Was hier an Erlösung, Durchbruch, Neuschöpfung geschieht, das ist nie ein unmittelbarer Erfolg grosser Anstrengung, obschon es auch nie o h n e solche eintritt. Es wird geschenkt. Es wird für uns, wohl auch g e g e n uns, getan. Es wird auf Wegen erreicht, die wir niemals selbst gefunden hätten. Wir versagen auch uns selbst gegenüber. Aber dies Versagen scheint paradoxerweise geradezu eine Vorbedingung dafür zu sein, dass G o t t zu uns kommen und uns s e i n e Kraft, s e i n e n Reichtum zulegen kann. Vorher stehen wir uns selbst im Wege. Erst der völligen Armut wird die Fülle des Reiches Gottes. Welch ein Gewinn, wenn wir dieses Geheimnis der Hilfe und Erlösung erkennnen!
Es fehlen die Menschen und fehlen die menschlichen Kräfte. So tut Gott es allein, gerade so.
Ja, das ist ein grosser Trost. Gerade auch beim Blick auf das Versagen der Menschen u n s e r e r Z e i t. Vielleicht ist dies geradezu eine Voraussetzung und Vorbedingung des neuen Kommens Gottes zu uns. Starke, stolze Menschen könnten ihn vielleicht gar nicht empfangen. Das kann nur in Not und Armut geschehen. Auch die Auflösung des Selbst in die Masse, die den Götzen und Dämonen dienen kann, k a n n sie nicht auch eine Vorbereitung sein für den Dienst G o t t es, für den Empfang Gottes? Können nicht gerade diese entselbsteten, wenn auch falsch entselbsteten, Massen von ihm ergriffen werden, um dann freilich nicht mehr Massen zu sein, sondern w i r k l i c h e Einzelne und
w i r k l i c h e Gem
einschaften zu werden? Sind wir heute nicht beinahe an dem Punkte angelangt, wo zwar unendlich viel gehofft, geglaubt, gearbeitet, gekämpft, gelitten worden ist und wahrhaftig nicht umsonst – es war notwendig -, aber wo wir nun schwach sind und klein, nur warten können, seufzen, ausschauen, wo aber nun die S t i l l e einzutreten beginnt, zunächst in vielen Seelen, noch nicht in der Welt, aber vielleicht bald auch in der Welt – vor dem Kommen Gottes! So oder so: es kommt nicht darauf an, ob die Menschen Grosses tun – das wäre eher ein Hindernis für Gott. Vertrauet in letzter Instanz – und im Wesen i m m e r! – nur auf ihn allein, aber vertrauet. Arbeitet, kämpft, leidet, eilt, wartet und seid sicher: Gott tut es, er allein, aber ganz gewiss, an dir und an der Welt! .