J. H. Pestalozzi


Pestalozzi, Johann Heinrich, 12.1.1746 –
17.2.1827, Swiss pedagugue

Lehrtexte und Abhandlungen
Pestalozzis Erziehungsidee
Pestalozzis Erziehungslehre
Unterrichten im Geiste Pestalozzis
Pestalozzis Idee der Elementarbildung: 18 Thesen
Johann Heinrich Pestalozzi: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt
Rede von Pestalozzi zu seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag
Pestalozzis religiöse Anschauungen
Blicke auf Christus und seine Lehre
Pestalozzis Brief an einen Freund über seinen Aufenthalt in Stans (1799)

Was kein Verstand des Verständigen sieht,
Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemüt.

„Der Gott meines Hirns ist ein Hirngespinst; ich kenne keinen Gott als den Gott meines Herzens und fühle mich nur im Glauben an den Gott meines Herzens ein Mensch; der Gott meines Hirns ist ein Götze, ich verderbe mich in seiner Anbetung; der Gott meines Herzens ist mein Gott, ich veredle mich in seiner Liebe.“ (PSW 13, 353)

Woher also die Überzeugung des Guten von Gott? – Nicht vom Verstand, sondern von jenem unerklärlichen, in keine Worte, ja in keinen Begriff zu fassenden Triebe, sein Dasein in dem höhern, unvergänglichen Sein des Ganzen zu verklären und zu verewigen – Nicht mir, sondern den Brüdern! – Nicht der eigenen Ichheit, sondern dem Geschlechte! – dies ist der unbedingte Ausspruch der göttlichen Stimme im Innern; in deren Vernehmen und Befolgen liegt der einzige Adel der menschlichen Natur.

JOHANN HEINRICH PESTALOZZI AUSGEWÄHLTE WERKE BAND III
VOLK UND WISSEN 1964
(213) Das Kind der guten Mutter lebt in jeder Stunde des Tages in gleichem Geist; es lebt in der Arbeitsstunde wie in der Spielstunde sein ganzes befriedigtes Leben. Und, Erzieher, menschlicher Erzieher, soll es in deiner Unterrichtsstunde sein Leben nur halb haben? Wirf, Erzieher, den Irrtum weg! Er führt dahin, das Kind zu töten, das du lebendig machen sollst; und du kannst es, du kannst es in jedem Augenblicke deines Unterrichts. Du kannst, du sollst sein Herz und seinen Geist in jedem desselben wahrhaft und höher beleben als selber in der Spielstunde. Kannst du es, tust du es, so lebt es in deiner Schule vom Gefühl einer höhern, einer edlern Kraft entzückt, wie es in seiner Spielstunde vom Gefühl niederer Kräfte entzückt lebt. Aber freilich ist auch wahr: Wenn du selber nicht in der einfachen, geraden Form des menschlichen Erkennens lebst, wenn du nicht imstande bist, das Kind in seiner Schulstunde mit deiner Lehre in seinem ganzen Wesen zu ergreifen und höher zu beleben, als du es selber in seiner Spielstunde belebtest, wenn du im Gegenteil für diese Stunde die schwache kindliche Seele mit dem Höcker beladest, den du selber trägst: so ist dann freilich auch natürlich, daß in deiner Schulstunde bei deinem Kind ein ganz andrer Geist herrschen muß als in der Spielstunde. Auf diesem Wege kommst du dann gewiß nicht dahin, daß bei deinen Kindern in deinen Schulstunden eben der Geist herrsche, den sie sich in ihren Freistunden von selbst geben. Du mußt die nach ihrer Entfaltung hungernde Seele des Kindes speisen und nähren, wie es seine eigne Natur fordert, und nicht, wie die Launen böser Eigenheiten oder Verirrungen dich gelüsten machen; wenn du aber das letzte tust, so wundre dich dann auch nicht, wenn du nicht zu deinem Ziele kommst. Siehest du einen Unsinnigen, der sein Lasttier, anstatt zu füttern, hungernd belastet, so wunderst du dich doch nicht, wenn in der Stunde des traurigen Lastens und Treibens in seinem Tier eine ganz andere Stimmung herrscht als in der Stunde, in der es unbelastet auf freier Heide sein Lieblingsfutter findet. Verwundere dich also auch nicht, wenn in der traurigen Stunde unnatürlicher Belastung in der Seele deines Kindes ein ganz andrer Geist herrscht als in der frohen Stunde seiner Unabhängigkeit von dir und deinem mühseligen Lasten und Treiben; verwundre dich dann nicht, wenn du in deiner Schulstunde für deine Kinder ganz andre Grundsätze nötig hast als in der Spielstunde. Doch was will ich sagen? Von zehn Schulmeistern, die in diese traurige Verirrung versinken, sind vielleicht neun, die mit ihrer Schule ebenso hart und ebenso unnatürlich beladen sind als ihre Schulkinder mit ihnen. Wir schenken ihnen unser Mitleid von Herzen und bedauern sie, daß sie mit uns in einem Zeitalter leben, das im allgemeinen für seine Schulmeister ebensowenig von reinen Ansichten der Menschennatur ausgeht als für seine Schulkinder.

(215) Ohne sittliche, innere Höhe, beschränkt und dahingegeben in einen leichten, irdischen Sinn, war die Entfaltung des ganzen Menschen nicht einmal ihr Ziel; und die Entfaltung des einzelnen in ihm mußte notwendig mißraten, weil sie in der reinen allgemeinen Entfaltung des Ganzen keinen bindenden Zusammenhang und kein bildendes Fundament fand. Beides, die Wahrheit und die Liebe, mangelte im allgemeinen. Die Kraft von beiden war nicht entfaltet. Man fand in der notwendigen, allgemeinen, zusammenhangenden und übereinstimmenden Belebung der Kräfte und Anlagen des Kindes, man fand im wirklichen Leben desselben kein allgemeines, genugtuendes Fundament einer sichern, die Ansprüche des wirklichen Lebens befriedigenden Entfaltung und Übung derselben. Die Folge davon war eben diejenige, die es in physischer Hinsicht hat, wenn ein Acker in der nötigen zusammenhangenden und übereinstimmenden Bearbeitung kein allgemeines, alle seine Kräfte gleich reinigendes, nährendes, belebendes Fundament zur Entfaltung der Früchte, die er tragen soll, findet. Die Erde trägt ohne eine solche Besorgung nur Unkraut, das den guten Samen erstickt. Wahrheit und Liebe, diese Früchte des Geistes und des Herzens, ersticken, beides, im ungenugsam entfalteten Geist und im ungenugsam entfalteten Herzen wie der gute Same des Feldes im Unkraut. Ohne genugtuenden Anbau verwildert die Menschheit wie die Erde. Anstatt der Wahrheit ist dann der Schein, anstatt der Liebe die Selbstsucht, anstatt gereifter Kräfte unreife, anmaßliche Schwäche, anstatt Ruhe im Bewußtsein seines innern Werts die Unruhe, die der Mangel dieses Bewußtseins in der menschlichen Seele notwendig erzeugt, unser Teil.

(221) Auch in diesem Punkt findet sich in allem Tun der Menschennatur eine hohe göttliche Harmonie: Denn auch der Instinkt der frommen Mutter tut, wenngleich in einem unendlich beschränktern Umfange, an ihrem Kinde, was das Christentum auch tut; und wie die Mutter bewußtlos und unwillkürlich aus reiner Liebe gegen ihr Kind wie Gott gegen den Menschen handelt, ebenso ist das Christentum von dieser Seite wesentlich nichts anders als die vollendete Entwicklung und Darstellung des mütterlichen Seins und Verhältnisses. Wie daher das erste Tun der einfachen, verständigen Mutter Typus der Verstandesbildung und das der reinen, unschuldvollen und sittlichen Mutter Typus der sittlichen Bildung ist, so ist auch das erste Tun der religiösen Mutter Typus der religiösen Bildung. Ihr Kind ist ihr ein heiliges, ein göttliches Geschenk. Sie geht, um es zu Gott zu führen, von keinem Begriff aus, von keinem Beweis und von keiner Erklärung. Sie trägt vielmehr ihren Sinn und ihr Gefühl, ihren heiligen Glauben an Gott als ihr höchstes und als ein unmittelbar gewisses Gut gleichsam durch einen göttlichen Anhauch unmittelbar in die Seele des Kindes über. Sie selbst, das häusliche Leben unter den Eltern und Geschwistern, die Natur x. x. sprechen alle Gefühle des Kindes an und bringen sie zur Tätigkeit. Die Mutter gibt allem religiöse Bedeutung; sie leitet sie alle auf Gott. Angeregt von der Größe und Macht der Natur, nennt sie ihm Gott, und es fängt an, ihn als den allmächtigen und unsichtbaren Schöpfer und Erhalter aller Dinge zu erkennen und zu bewundern. Angeregt von ihrer Wohltätigkeit, nennt sie ihm Gott, und es fängt an, ihn als den freundlichen und milden Geber, als Güte zu empfinden und zu lieben. Angeregt von ihrer Schönheit und Ordnung, nennt sie ihm Gott, und es fängt an, ihn als den Herrlichen und Weisen zu verehren. Angeregt von den Wundern der Natur, die sie ihm nicht erklären kann, nennt sie ihm Gott, und es ahnet den Unerforschlichen und Geheimnisvollen usw. Wie ihm am Himmel und auf der Erde, in der Natur und im Menschen, in ihm und außer ihm der Sinn für einen neuen Gegenstand aufgeht, so geht ihm an ihrer Hand eine neue göttliche Erscheinung auf. Immer aber bleibt die Mutter Vermittlerin, und in ihr selbst erscheint ihm der unsichtbare Vater in der erfreulichsten und erquickendsten Gestalt. Im gleichen Geiste handelt der Vater, wo er sein Kind religiös behandelt. Und wie dieses seine Eltern liebt, ihnen dankt, vertraut, so umfaßt, verehrt es den himmlischen Vater und gibt sich seiner Führung hin. Welchen Begriff oder welches Bild sich das Kind von Gott mache, darüber ist die Mutter nicht ängstlich verlegen, und sie bedarf es nicht: denn ihr Kind schreitet, durch sie geleitet, fort in der Einheit seiner Natur. Ihre Führung bewahrt es vor dem Widerspruch mit sich selbst und dadurch vor der einzigen Klippe, durch die irreligiöser Sinn in ihm aufkeimen könnte. Eben weil sie ihm Gott in allem zeigt, ist es auch eins, das heißt, zufrieden mit allem und beruhigt über alles. Gott ist ihm in allem gegenwärtig. Es wandelt vor ihm und ist fromm. Es personifiziert sich Gott instinktartig, unvermeidlich, notwendig. Und in dem Maße, wie sich sein Geist über die sichtbare Natur erhebt, so erhebt sich auch seine personifizierte Idee von Gott über alles Sichtbare und Vergängliche zur Vorstellung eines unsichtbaren und ewigen Schöpfers und Herrn der Natur, eines in einem unzugänglichen Lichte wohnenden Führers und Vaters der Menschheit, vor dessen Auge alles aufgedeckt ist, dem sich nur das Heilige nahen kann. Eben weil es sich seine Begriffe von Gott selbsttätig bildet, weil sie aus dem Wesen seiner ganzen Führung herausfallen und diese Führung hinwieder eine ihrer innersten Natur nach religiöse, es befriedigende Führung ist, kann es nie dahin kommen, wohin es bei allem bisherigen Katechismusunterricht unvermeidlich kommen muß, weil dieser ihm seine Erkenntnis von Gott in einseitigen Begriffen, getrennt von innerer Anschauung, vom Gefühl, von der Natur, vom Leben, vom Gang seiner Entwicklung, vom Grad seiner Kräfte und vom Bedürfnis seiner Lage gibt, daß es sich unter Gott etwas denkt, von ihm etwas hofft, fordert, erwartet, das der Wirklichkeit oder der Möglichkeit, wie sie vor ihm steht und auf es wirkt, widerspricht und wodurch es sich in Zweifel oder praktischen Unglauben stürzen muß. In ebender Einheit seiner Natur, in der die Mutter das Kind zu Gott führt, führt sie es zu Christus, und auf die nämliche Weise, positiv, historisch, faktisch, übt es die lieblichen Phantasien seiner Kindheit, seine Gedanken und Gefühle auf ihn überzutragen und sie zu reinigen, zu erheben, zu heiligen, indem es sie ihm weiht und heiligt. Die Elementarbildung gründet den Religionsunterricht auf das heilige Fundament des Christentums; und ebenso baut sie ihn auf das unerschütterliche Fundament der mütterlichen Handlungsweise. Wie sie die sittliche und intellektuelle Entwicklung des Kindes nach dem Gesichtspunkte des „Buchs der Mütter“ dann übernimmt, wenn es zum Bewußtsein seiner selbst durch die Mutter nach allen Richtungen seines Wesens angeregt und erwacht ist und von sich sagen kann: Ich bin, so übernimmt sie seine religiöse Entwicklung nach dem Gesichtspunkt eben dieses Buchs, wenn es, der Vorstellung von Gott selbständig bewußt, das erhabene Wort zu denken vermag: Gott ist.

(229) Die intellektuelle Führung des Kindes ist in keinem Falle elementarisch richtig, wenn sie nicht mit dem ganzen Gang des innern und äußern Lebens des Kindes in Übereinstimmung steht. Es ist unbedingt richtig: Das Kind muß glaubend, liebend und handelnd in seinen Umgebungen leben und in tätiger Liebe und durch sie physisch und intellektuell kraftvoll werden, wenn es elementarisch, wenn es nach der Methode physisch und intellektuell kraftvoll gebildet werden soll. Je größer, je wahrer, je tätiger die Liebe in den Umgebungen des Kindes und in ihm selbst wirklich herrscht, desto sicherer ist die Erzielung der menschlichen Entfaltung der physischen und intellektuellen Kraft des Kindes. Man kann hingegen nicht sagen: Je stärker in den Umgebungen des Kindes die Kräfte der Faust sich auszeichnen und je mehr bloßer Verstand, bloße Besonnenheit in diesen Umgebungen und im Kinde selber herrschten, desto sicherer ist auch die Erziehung seiner sittlichen Kraft.
Ohne Liebe bildet sich weder die physische noch die intellektuelle Kraft des Kindes naturgemäß
, das ist, menschlich; aber in der Liebe lenken Verstand und Faust ganz gewiß zur naturgemäßen, zur menschlichen Anwendung ihrer Kräfte hin. Die Elementarbildung erkennt nur die schonende, die erfreuende, die erhebende, gemütliche Liebe als das heilige Fundament, von der sie ausgeht und auf der sie ruht; sie erkennt kein Mittel der Verstandesbildung, keine Übung in Zahl, Form und Sprache, ebenso kein Mittel der physischen Entfaltung, keine gymnastische Übung für das Kind naturgemäß elementarisch und menschlich bildend, als insofern sie es mit dem unbedingten allgemeinen Fundament der Menschenbildung, mit den sittlichen Elementarbildungsmitteln, mit Liebe und Glauben, in Übereinstimmung setzt. Aber insofern dieses Fundament gesichert ist und feststeht, insofern ist dann auch unbedingt gewiß, daß alle ihre Übungen und damit der ganze Umfang der physischen und intellektuellen Elementarmittel gemeinsam mit sicherm Erfolg gegen die Unnatur unsrer Zeiterziehung und dahin wirken werden, ihren Zögling an die Wahrheit seines persönlichen Seins, an die Realität seines wirklichen Lebens und seiner wirklichen Verhältnisse zu ketten und ihn durch sie und für sie naturgemäß und menschlich zu bilden. Die also bestimmten Mittel der Elementarbildung gehen alle von der Realität des Lebens selber aus und führen wieder zu derselben hin.