Theodizee – Frage

LEID UND UNGERECHTIGKEIT … UND EIN GUTER GOTT?!

Das Dilemma

»Wie lässt sich diese schreckliche Realität, die uns umgibt, mit den Ansprüchen der biblischen Aussagen über die Gerechtigkeit und Güte eines souveränen und allmächtigen Gottes vereinbaren? Wie kann ein barmherziger Gott solche Grausamkeiten zulassen? Wenn es Gott gibt, warum schreitet er dann nicht ein, um Ordnung und eine gerechte und gute Gesellschaft zu schaffen?« Muss man mit Camus und Sartre zum Schluss kommen, dass unsere Existenz absurd ist, dass Gott nicht existiert, und dass das Christentum nichts weiter ist als eine menschliche Erfindung, eine Art »Trostpflaster«, das die Lebensnöte erträglich macht? Dennoch sind die Beweise für die Existenz Gottes so überzeugend, dass die Bibel den Menschen, der in seinem Herzen behauptet, dass es keinen Gott gibt, für töricht erklärt (Psalm 14,1). In seinem Brief an die Römer bestätigt Paulus, dass diejenigen, die Gott verneinen, keine Entschuldigung haben, weil die Werke Gottes unbestreitbare Zeugnisse seiner Existenz, seiner Macht und seiner Vollkommenheit sind (Römer 1,18-20). Wer würde es wagen zu behaupten, dass ein einfaches Fernsehgerät das Zufallsprodukt eines Zusammenstosses von verschiedenen Molekülen im Universum ist, ohne das Zutun einer schöpferischen Intelligenz? Wenn wir ein Kunstwerk oder ein architektonisches Werk betrachten, bewundern wir das Genie und das Talent dessen oder derer, die es geschaffen haben. In gleicher Weise liefert unser ganzes Universum, und ganz besonders das Leben bis in seine kleinsten Details, den Beweis einer Ordnung, einer Vollkommenheit, die unsere Vorstellungskraft übersteigt. Unser Gehirn z.B. ist 1 000 mal komplexer als der höchst entwickeltste Computer – verdankt es seine Existenz tatsächlich dem Zufall? Ist es nicht unvernünftig zu glauben, dass unser Körper, der so einzigartig aufgebaut ist, nicht die Intelligenz und Kompetenz eines Schöpfers widerspiegelt? »Oh eure Verkehrtheit! Soll denn der Töpfer dem Ton gleich geachtet werden? – dass das Werk von seinem Meister sagt: Er hat mich nicht gemacht! – und ein Gebilde von seinem Bildner sagt: Er versteht nichts?« (Jesaja 29,16)

Es mangelt auch nicht an Beweisen, die die Tatsache, dass die Bibel Gottes Wort ist, untermauern. Sie enthält in der Tat hunderte von klaren und präzisen Vorhersagen, die im Laufe von mehr als 1 500 Jahren geschrieben wurden und sich in historischen Ereignissen erfüllt haben und nachweisbar sind. Nur um einige zu nennen:
– die Geburt Jesu Christi durch eine Jungfrau wurde 750 Jahre vor dem Ereignis durch den Propheten Jesaja angekündigt (Jesaja 7,14);
– sein Geburtsort wurde 750 Jahre vor seiner Geburt von dem Propheten Micha vorhergesagt (Micha 5,1);
– seine Kreuzigung wurde 1 000 Jahre vor dem Ereignis ausführlich in einem Psalm Davids beschrieben (Psalm 22);
– die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 und die Zerstreuung des jüdischen Volkes und ihre Leiden wurden detailliert 1 400 Jahre v.Chr. beschrieben (5. Mose 28,47-68);
– der Name des Königs, der den Wiederaufbau Jerusalems im Jahre 535 v.Chr. erlauben würde, wurde dem Propheten Jesaja 150 Jahre vor seinem Auftreten in der Geschichte übermittelt;
– das Todesjahr Jesu Christi wurde in einer sehr ausführlichen Vorhersage des Propheten
Daniel 550 Jahre v.Chr. offenbart.

Eine vollständige Liste würde mehrere Seiten dieses Buches füllen. Ihre Präzision und ihre Häufigkeit entlarven jeglichen Versuch, diese Prophezeiungen anders als sie gemeint sind deuten zu wollen. Solch ein Phänomen zwingt uns, darin eine übernatürliche Offenbarung zu sehen, denn niemand kann mit solch treffender Genauigkeit die Zukunft kennen, und Gott bedient sich ihrer, um die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft zu bestätigen:
»So spricht der HERR, der König Israels und sein Erlöser, der HERR der Heerscharen:
Ich bin der Erste und bin der Letzte, und ausser mir gibt es keinen Gott.
Und wer ist wie ich? Er rufe und verkünde es und lege es mir dar! – Wer hat von Urzeiten her das Kommende hören lassen? Und was eintreten wird, sollen sie uns verkünden!« (Jesaja 44,6.7)

»Ich bin es, der die Wunderzeichen der Orakelpriester platzen lässt und die Wahrsager zu Narren macht, der die Weisen zur Umkehr zwingt und ihr Wissen zur Torheit macht, der das Wort seines Knechtes aufrichtet und den Plan seiner Boten ausführt.« (Jesaja 44,25.26)

Wer trägt die Schuld

1. Die Rolle des Menschen
Von allen Menschen bietet sich Mose als bestes Beispiel dafür an. Am Hofe des Pharaos erzogen, hat er sich ungeachtet dessen dafür entschieden, allen Reichtum und seine Position zurückzulassen, um sein Volk zu befreien, das unter der ägyptischen Sklaverei stöhnte.
Im Laufe seines langen Lebens konnte er unzählige Male erleben, wie Gott handelte, einmal um zu richten, ein anderes Mal um zu retten. Dazu berufen, ein ganzes Volk 40 Jahre lang auf der Wanderschaft durch die Wüste Sinai zu führen, konnte er sich ein klares Bild vom wahren Charakter des Menschen und der Geduld Gottes machen. Am Ende seines Lebens erklärt er:

»Horcht auf, ihr Himmel, ich will reden, und die Erde höre die Worte meines Mundes! Denn den Namen des HERRN rufe ich aus: Gebt Ehre unserm Gott! Der Fels: vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht. Ein Gott der Treue und ohne Trug, gerecht und gerade ist er! Es versündigte sich gegen ihn eine verkehrte und verdrehte Generation – nicht seine Kinder sind sie, sondern ihr eigener Schandfleck. Wollt ihr so dem HERRN vergelten, törichtes und unweises Volk?«
(5. Mose 32,1-6)

Die Botschaft der Bibel ist klipp und klar. Wir können unsere Ungerechtigkeiten nicht auf das Konto Gottes schieben. Das wäre zu billig! Meine Frau und ich haben das Vorrecht vier Kinder zu erziehen. Eine immer wiederkehrende Aussage der Kinder ist: »Das ist nicht meine Schuld – er hat angefangen!« Diese Aussage widerspiegelt nichts anderes als eine der
ältesten Einstellungen der zivilisierten Welt. Seit er sich zum ersten Mal im Garten Eden gegen Gott auflehnte, kann der Mensch sein Unrecht nicht mehr einfach zugeben. Er zog es vor, seine Frau zu beschuldigen – und in weitestem Sinne Gott selbst: »Die Frau, die du mir zur Seite gegeben hast, sie gab mir von dem Baum, und ich ass.« (1. Mose 3,12). Adam war der erste, aber ganz sicher nicht der letzte, der seinen Schöpfer für seine eigenen Fehler verantwortlich machen wollte. Gewiss, Gott hatte ihm eine Frau gegeben – ihm, Adam, zugute! Aber durch eine Vorstellung von Gerechtigkeit, die bereits durch seine eigene Ungerechtigkeit entstellt war, verwandelt er das Gute ins Schlechte. Um wieder eine Beziehung zu Gott herstellen zu können, ist es von wesentlicher Bedeutung, dass ein Mensch heute seine eigene Ungerechtigkeit und die vollkommene Gerechtigkeit des Schöpfers und Herrschers des Universums anerkennt.

Im ersten Kapitel haben wir das Problem des Hungers, eines der schrecklichsten Leiden unserer Zeit, hervorgehoben. Wer ist daran schuld? Die klimatischen Verhältnisse haben eine gewisse Rolle gespielt, aber es ist völlig klar, dass wir den grössten Teil der Verantwortung tragen. »Die Ursachen des Hungers sind zahlreich und unterschiedlich. Einige sind natürlichen Ursprungs, aber die wichtigsten hängen von der Art und Weise ab, wie die Produktion und die Verteilung von Nahrungsmitteln in der Welt gehandhabt werden. Allgemeiner ausgedrückt, handelt es sich also um ökonomische, soziale und politische Ursachen.«
»Mit dem Hunger fertig zu werden, wäre ‚technisch‘ möglich, denn unser Planet produziert derzeit genug Nahrung, um die Weltbevölkerung ernähren zu können. In der Tat handelt es sich hier aber um ein höchst politisches Problem, das nicht gelöst werden kann, ohne nicht nur die Weltwirtschaftsordnung, sondern auch das geopolitische Verhalten von Nord und Süd in Frage zu stellen.« »La faim dans le tiers monde«, in Les Cahiers Francais. Nr. 213, Okt-Dez, 1983, s. 8-9.

So sind also wir die Verantwortlichen und nicht etwa Gott. Wir sind schuld daran, dass sich der Abstand zwischen reichen und armen Ländern ständig vergrössert; auch gehen wir unvernünftig mit unserer Natur um: Abholzung der Wälder und andere Arten der Ausbeutung des Bodens; und wir sind ungerecht, denn diejeni- gen, die die Macht hätten, die Bedürfnisse der Mittellose zu befriedigen, bedienen sich ihrer gar noch, um zu persönlichem Reichtum zu gelangen. »Wollt ihr so dem Herrn vergelten, törichtes und unweises Volk?« (5. Mose 32,6) Andere Fragen tauchen auf. Warum lässt ein Gott, der heilig und gut ist, zu, dass die Menschheit in diesen Irrtümern versinkt? Hat er nicht die Macht, ungerechte Handlungsweisen zu verhindern? Hätte er den Menschen nicht vollkommen schaffen können, ohne die Fähigkeit, sich aufzulehnen und den Weg der Ungerechtigkeit wählen zu können? In den drei ersten Kapiteln der Bibel wird die Erschaffung des Menschen beschrieben, und dort finden wir vielleicht zumindest teilweise eine Antwort auf diese Fragen. Wir erfahren dort, dass der Mensch ein Geschöpf nach dem Bilde Gottes ist, was u.a. gewiss die Fähigkeit zu wählen einschliesst. Diese Handlungsfreiheit stellt eine seiner hervorragendsten Eigenschaften dar – und gleichzeitig eine der grössten Gefahren für den Menschen. Gott wollte keine Hampelmänner schaffen, sondern Wesen, die fähig sein sollten zu lieben, und konsequenterweise, nicht zu lieben und sich aufzulehnen. Ohne Möglichkeit der Wahl gibt es keine Freiheit. Aber da, wo eine Wahlmöglichkeit besteht, besteht gleichzeitig auch die Möglichkeit einer schlechten Wahl. Können wir nun also sagen, dass das Böse eine unvermeidliche Konsequenz dieser Willensfreiheit ist, die den Menschen zu einer Person nach dem Bilde Gottes macht? Auf alle Fälle sind diese beiden Konzepte eng miteinander verbunden.

2 .Die Rolle Satans
Die Bibel zeugt auch von der Existenz eines anderen, der Ungerechtigkeit und Leid in unserer Welt verursacht. Sie nennt ihn »Satan« oder »der Feind«, gemäss der Bedeutung des hebräischen Wortes. Er wird uns als ein Engel vorgestellt, dessen Stolz und egoistischer Ehrgeiz ihn dazu bewogen, sich gegen Gott zu erheben, um später sein erbitterter Feind zu werden. Er ist zu allem bereit, um Gottes Pläne zu vereiteln und seine eigene Herrschaft auszuüben. Er ist ein mächtiges Wesen, das Terroristen in ihrem Handeln beeinflussen
(Hiob 1,15.17) und sogar Naturkatastrophen herbeiführen kann (Hiob 1,16.18.19). Er ist ein zynischer Peiniger und geht sogar sadistisch vor (Matthäus 13,25.38.39). Das Wort Gottes zeichnet ihn manches Mal verantwortlich für die Krankheiten und Leiden, die uns absurd und grausam erscheinen (Apostelgeschichte 10,38). Das Ausmass und die Dauer seiner Aktivitäten werden nur von Gott eingeschränkt. Seine Existenz ist genauso gut begründet wie die von Jesus Christus, der ihm übrigens mehrmals die Stirn bieten musste. Gemäss der Bibel stellt die sichtbare Welt in der Tat nur einen kleinen Teil unseres Universums dar. Sie spricht von einer unsichtbaren Welt, in der es gut und böse gibt, Gewalten, Mächte, Weltbeherrscher dieser Finsternis, Geister der Bosheit in der Himmelswelt (Epheser 6,12). Warum gewährt ihnen Gott so viel Handlungsfreiheit? Warum schweigt er, obwohl er der Allmächtige ist? Auch wenn Gott nicht ausdrücklich unser »Warum« beantwortet, offenbart er uns doch genug darüber, und wir können somit das Problem guten Gewissens in seiner Hand lassen. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit diesem Problem: Gottes offensichtliches Schweigen angesichts der Ungerechtigkeit in dieser Welt.

3. Die Souveränität Gottes
Der Gott der Bibel ist souverän, allmächtig und allwissend. Im Universum geschieht nichts ohne sein Wissen und auch nicht ohne dass er es zulässst. Es ist offensichtlich, dass weder der Mensch noch Satan handeln könnten, wenn Gott es nicht zuliesse. Nachfolgend einige Belege aus der Heiligen Schrift, die es uns ermöglichen, besser zu verstehen, was diese Wahrheit beinhaltet.

A. Gott erklärt sich letztverantwortlich für das Böse in der Welt: »Ich bin der HERR – und sonst keiner, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR, bin es, der das alles wirkt.« (Jesaja 45,6.7) » … dass man das Recht eines Mannes beugt vor dem Angesicht des Höchsten, dass man einen Menschen irreführt in seinem Rechtsstreit – sollte der Herr es nicht sehen? Wer ist es, der da sprach, und es geschah, – und der Herr hat es nicht geboten? Kommt nicht aus dem Mund des Höchsten das Böse und das Gute hervor? Was beklagt sich der Mensch, der noch am Leben ist, was beklagt sich der Mann über seine Sündenstrafe?« (Klagelieder 3,35-39)

B. Diese Verantwortung sieht oftmals so aus, dass Gott Gesetze erlässt, die Leid verursachen für den, der sie übertritt. »Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht verspotten! Denn was ein Mensch sät, das wird er auch ernten. Denn wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten.« (Galater 6,7.8)

C. Gott ist vollkommen gerecht, gut und barmherzig in allem, was er tut. Er hasst alle Ungerechtigkeit, und das Leid, das er notgedrungen bereiten muss, um zu richten, oder um Menschen wieder zurechtzubringen, schmerzt ihn zutiefst. Jeremia, Schreiber während einer sehr dunklen Phase in der Geschichte seines Volkes, nämlich während der Besetzung Jerusalems durch die Baylonier, musste mitunter bei sehr schrecklichen Szenen dabeisein (v gl. Klagelieder 2,20-21). Dennoch schreibt er diese Zeilen: »Denn nicht für ewig verstösst der Herr, sondern wenn er betrübt hat, erbarmt er sich nach der Fülle seiner Gnadenerweise. Denn nicht von Herzen demütigt und betrübt er die Menschenkinder.« (Klagelieder 3,31-33) Andere Autoren der Bibel fügen noch hinzu: »Der HERR prüft den Gerechten; aber den Gottlosen und den, der Gewalttat liebt, hasst seine Seele. Denn gerecht ist der HERR. Gerechte Taten liebt er. Aufrichtige schauen sein Angesicht.« (Psalm 11,5.7) »Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, er selbst aber versucht niemand.« (Jakobus 1,13)

D. Eines Tages, wenn er vor Gott erscheinen wird, wird jeder Mensch die Gerechtigkeit und die Güte, die allem Handeln Gottes zugrunde liegt, anerkennen. Keiner wird ihm dann sagen können: »Du bist mir oder anderen gegenüber nicht gerecht gewesen.« Um es wie Paulus zu sagen, wird an jenem Tag allen der Mund gestopft werden (Römer 3,19
– Lutherbibel 1984). Ohne nun gerade alles, was Gott tut, verstehen zu können, besitzt der Christ die Gewissheit, dass Gott besser als er die Welt regieren kann. Er ist überzeugt davon, dass er, wenn er genauso gerecht wäre und so viel Wissen hätte wie sein Herr, genauso handeln würde. Er identifiziert sich mit David, der, bedingt durch die Ungerechtigkeiten, die er ertragen musste, wusste, wie er sich mit diesen Gedanken immer wieder trösten konnte: »Der das Ohr gestaltet hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gebildet hat, sollte der nicht sehen? Der die Nationen unterweist, sollte der nicht zurechtweisen? er, der Erkenntnis lehrt den Menschen?« (Psalm 94,9.10) »Denn zur Gerechtigkeit wird zurückkehren das Recht und hinter ihm her alle, die von Herzen aufrichtig sind.« (Psalm 94,15)

E. Gott steht unseren Problemen nicht gleichgültig gegenüber. Im Gegenteil! Die Ungerechtigkeit liess ihn leiden – ihn mehr noch als alle anderen. Für ihn wäre es viel einfacher gewesen, unsere Welt zu verdammen und eine neue zu schaffen. Wir an seiner Stelle hätten das bestimmt gemacht. Jesus veranschaulicht Gottes übergrosse Geduld in einem Gleichnis in Matthäus 21,33-41. Er spricht von einem Herrn, der seinen Weinberg unwürdigen Menschen anvertraut. Als er seine Diener schickt, um ihm den Ertrag seines Weinberges zu bringen, werden sie von den Weinberggärtnern geschlagen und getötet. Nachdem er dreimal seine Diener gesandt hat, sendet er seinen eigenen Sohn, in der Annahme, dass die Weinberggärtner ihn, seinen Erben, respektieren werden. Aber selbst sein Sohn wird umgebracht. Wer von uns hätte so viel Geduld und Langmut für solche Rebellen aufgebracht? Gerade dieses Gleichnis widerspiegelt Gottes Liebe für uns, eine Liebe, die unser Verstehen weit übersteigt. Sie weist auch hin auf den Preis, den er bereit war zu zahlen, um uns die Vergebung und das Leben anbieten zu können. »Denn Christus ist, als wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben. Denn kaum wird jemand für einen Gerechten sterben; denn für den Gütigen möchte vielleicht jemand auch zu sterben wagen. Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns ge-
storben ist.« (Römer 5,6-8)

Das Problem des Leides: Warum ?

Es bleibt noch diese letzte Frage. Möge Gott die Welt auf seine Weise richten! Aber wie kann man die Tatsache erklären dass das Leid scheinbar wahllos genauso viele Schuldige wie Unschuldige überfällt? Warum müssen Babys verhungern? Womit haben sie sich schuldig gemacht, dass sie solch eine Strafe erleiden müssen? Wie kann ein guter und barmherziger Gott zulassen, dass Unschuldige für die Verbrechen anderer bezahlen, abscheuliche Krankheiten erleiden müssen und in Naturkatastrophen umkommen?

Die Bibel lehrt ganz klar, dass das Leid die unmittelbare Folge davon ist, dass Ungerechtigkeit in die Welt eingedrungen ist. Darüberhinaus erinnert uns das Kreuz daran, dass Gott unsere Probleme nicht egal sind, und dass er mehr als wir alle gelitten hat. Dennoch bleibt die Frage bestehen: Warum gibt es das Leid? Es ist offensichtlich, dass dieses kleine Buch keine definitive und befriedigende Antwort auf eine Frage liefern kann, die den Menschen seit Jahrhunderten beschäftigt. Doch Gott liess uns nicht in völliger Unkenntnis! Wiederum lade ich Sie ein, gewisse Abschnitte in seinem Wort zu betrachten, die uns, zumindest teilweise, erlauben, auf die »warum«-Fragen eine Antwort zu finden.

1. Das Leid ist manchmal die Folge von Gottes Gericht
Man findet dieses Thema recht oft in der Bibel. Gott ist der Richter der Erde, und er wird einem jeden geben nach seinen Werken: »der einem jeden vergelten wird nach seinen Werken: denen die mit Ausdauer in gutem Werk Herrlichkeit und Ehre und Unverweslichkelt suchen, ewiges Leben; denen jedoch, die von Selbstsucht bestimmt und der Wahrheit ungehorsam sind, der Ungerechtigkeit aber gehorsam, Zorn und Grimm.« (Römer 2,6-8). Um sein Gericht zu vollstrecken, gebraucht Gott Naturkatastrophen (1. Mose 6,5-7), Kriege (5. Mose 9,4-6), Krankheiten (Römer 1,26-27) und sogar die Ungerechtigkeit anderer (Jesaja 10,5). Ein sorgfältiges Lesen der Bibel lässt uns erkennen, dass sein Gericht meistens darin besteht, den Menschen mit den Folgen seiner eigenen Taten alleinzulassen: »Deine eigene Bosheit züchtigt dich, und deine Treulosigkeiten strafen dich. Erkenne doch und sieh, dass es schlimm und bitter ist, wenn du den HERRN, deinen Gott, verlässt…« (Jeremia 2,19) »Darum hat Gott sie dahingegeben in den Begierden ihrer Herzen in Unreinheit… Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften … Und wie sie es nicht für gut fanden, Gott in der Erkenntnis festzuhalten, hat Gott sie dahingegeben in einen verworfenen Sinn, zu tun, was sich nicht geziemt.« (Römer 1,24.26.28) Ganz allgemein ausgedrückt, erntet der Mensch also, was er sät. Gleichzeitig erntet er aber auch das Schlechte, das von anderen gesät wird. Das ist eigentlich genau das, was wir »Ungerechtigkeit« nennen. Dies ist auch der Grund, weshalb man niemals sagen kann, dass eine Person ausschliesslich deshalb Leid erfährt, weil Gott ein Gericht an ihr vollstreckt. Gott lässt Trübsal auch aus anderen Gründen zu …

Das Leid kann auch als Warnung Gottes verstanden werden
Jesu Aussagen zu diesem Thema sind klipp und klar. Eines Tages berichtet man ihm, wie der Gouverneur von Judäa die Galiläer, die im Tempel opferten, niedergemetzelt hat. .. »Und er antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder waren, weil sie dies erlitten haben? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle ebenso umkommen. Oder jene achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und sie tötete: meint ihr, dass sie vor allen Menschen, die in Jerusalem wohnen, Schuldner waren? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle ebenso umkommen.« (Lukas 13,1-5)

Jesus behauptet also, dass diese Katastrophen Warnungen Gottes an eine Menschheit sind, die ihm den Rücken kehrt. Dies sind göttliche Mahnungen, die zum Ziel haben, uns die Realität unserer Zerbrechlichkeit und die Tatsache, dass wir ihn brauchen, vor Augen zu führen. Gott kann eine Welt, die in ihr Verderben rennt, nicht in Ruhe lassen. Je zufriedener ein Mensch mit sich und der Welt ist, desto egoistischer wird er und desto weniger denkt er über die Realitäten des Lebens nach. Eines der grossen Übel unserer westlichen Zivilisation ist dieser Überfluss, der uns dazu verleitet, den wahren Ursprung allen Lebens zu verachten. Unsere Gesellschaft ähnelt immer mehr der zur Zeit Noahs: » … die zu Gott sagten: Weiche von uns! – und: Was kann der Allmächtige uns schon tun? Und er hatte ihre Häuser doch mit Gutem erfüllt!« (Hiob 22,17.18) Unser Körper ist so geschaffen, dass er uns vor Gefahr warnt, wenn er Schmerz verspürt. Wenn wir ein heisses Eisen berühren oder wenn wir krank werden, sendet uns unser Nervensystem Signale, um den Körper zu schützen. Sie sind vielleicht nicht sehr angenehm, aber sie sind unerlässlich für die Gesundheit und das Leben. In gleicher Weise dient das Leid im Leben dazu, den Menschen zu veranlassen, auf seinem eingeschlagenen Weg innezuhalten und nachzudenken. Die physische Not eines Menschen, so schrecklich sie auch sein mag, führt oftmals zu seinem ewigen Heil. Wer hat schon das Verlangen, sich behandeln zu lassen, ohne vorher die Schmerzen der Krankheit erfahren zu haben? Es ist ebenso wahrscheinlich, dass niemand zu dem vollkommenen Arzt gehen würde ohne vorher Leid erfahren zu haben. Die Misere unserer gegenwärtigen Welt steht in keinem Verhältnis zu einer Ewigkeit ohne Gott und ohne Hoffnung. Das Leid ist etwas Gutes, wenn es mich dazu führt, den Gott allen Trostes zu suchen und zu finden. »Die Bewohner des Dunkels und der Finsternis lagen gefesselt in Elend und Eisen: denn sie waren widerspenstig gewesen gegen die Worte Gottes und hatten verachtet den Rat des Höchsten; und er hatte Ihr Herz gebeugt durch Unheil. Sie waren gestürzt, und kein Helfer war da. – Da schrieen sie zum HERRN um Hilfe in ihrer Not: aus ihren Bedrängnissen rettete er sie … Sie sollen den HERRN preisen für seine Gnade, für seine Wunder an den Menschenkindern!« (Psalm 107,10-15) Aufs Neue bin ich vor eine Wahl gestellt. Angesichts des Leides kann ich mit Glauben reagieren oder mit Zorn und Bitterkeit. Die Widerwärtigkeit kann mich dazu verleiten, Gott abzulehnen, ihn gar zu hassen. Wenn ein Vater seine Kinder bestraft, tut er es im allgemeinen zu ihrem Wohl. Aber es kommt vor, dass ein Kind, weil es sich ungerecht behandelt fühlt, sich gegen seine Eltern auflehnt und Hass für sie empfindet. Was dazu dienen sollte, das Kind zu korrigieren, wird ein Anlass zur Rebellion und Entfremdung. Aus gleichem Grund benützen viele Menschen das Leid als Entschuldigung, ihre Unabhängigkeit gegenüber Gott zu rechtfertigen. Sie sind sich nicht bewusst darüber, dass sie sich dadurch von dem einzigen Wesen, das in jedem Falle fähig wäre, ihre Not zu heilen, entfernen. Der Psalmist hat zu Recht gesagt: »Denn siehe, es werden umkommen die, die sich von dir fernhalten … Ich aber: Gott zu nahen ist mir gut.« (Psalm 73,27.28) Im Gegensatz dazu besteht die Haltung des Glaubens darin, zu akzeptieren, dass Gott Gott ist und ihm die Herrschaft über das Universum zu überlassen ohne alles verstanden zu haben. Durch den Glauben vertraue ich ihm auch bezüglich der Babys, die sterben, diesen »Unschuldigen«, die leiden, wohlwissend, dass er sie bei weitem mehr liebt als ich.
Durch den Glauben lasse ich mich warnen, kehre ich um und finde in Gott den »Vater der Barmherzigkeit«. Wie die folgenden Abschnitte andeuten, bringt Leiden denen, die durch den Glauben Gottes wahre Kinder sind und sich nicht auflehnen, sehr viel Gutes.

Der Christ und das Leid
Mit Blick auf die Ewigkeit sind Widerwärtigkeiten nicht einfach nur eine Notwendigkeit, sondern das Geschenk eines Gottes, der uns unendlich liebt. Für einen Christen ist das ein erfreuliches Thema! So lehrt es uns die Bibel!

a. Eine Notwendigkeit
»Darin frohlockt ihr, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, in mancherlei Versuchungen betrübt worden seid.« (1. Petrus 1,6)

b. Ein Geschenk
»Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben,
sondern auch für ihn zu leiden.« (Philipper 1,29)

c. Ein Anlass zur Freude
»Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet.« (Jakobus 1,2) »Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch in den Trübsalen.«
(Römer 5,3)

Wie konnten diese Menschen solche Ansichten bestätigen? Waren sie Erleuchtete oder Masochisten? Es wäre schwierig, sie als solche abzustempeln; Paulus, Petrus und Jakobus, die Autoren dieser Zeilen, hatten einen klaren Standpunkt und waren ausgeglichen in ihrem Leben und Lehren. Sie sind unter den bedeutendsten Menschen der Geschichte einzuordnen. Auch wussten sie, wovon sie redeten; mindestens zwei von ihnen haben aufgrund ihres Glaubens den Märtyrertod erlitten. Ihre Freude in der Not ist weder auf einen psychischen Defekt, noch darauf, dass sie keine Schmerzen kannten, zurückzuführen; sie rührte von Sicherheiten, die sich auf das Wort Gottes gründeten. Nachfolgend sind einige davon genannt:

1. Leiden ist notwendig, um den Glauben zu läutern
» … die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, in mancherlei Versuchungen betrübt worden seid, damit die Bewährung eures Glaubens viel kostbarer erfunden wird als die des vergänglichen Goldes, das aber durch Feuer erprobt wird, zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi.« (1. Petrus 1,6.7)
Petrus stellt hier einen Vergleich her zwischen der Läuterung von Gold durch das Feuer und der unseres Glaubens durch Prüfungen. Wenn Gold reden könnte, so vermute ich, würde es uns sagen wie unangenehm der Prozess der Läuterung ist, aber dennoch notwendig, um seine Unreinheiten zu entfernen. Der Goldschmied setzt übrigens seine Arbeit, das Metall zu schmelzen und die Schlacke abzukratzen fort, bis die Oberfläche des geschmolzenen Goldes vollkommen das Bild des Arbeiters widerspiegelt. Prüfungen dienen im Leben eines Christen dem gleichen Ziel. Gott ist mehr an unserem Charakter als an unserer Bequemlichkeit interessiert. Er weiss, dass es Dinge gibt, die wir nie lernen würden, ohne durch Schwierigkeiten zu gehen. Er hört erst auf, an uns zu arbeiten, wenn er sieht, wie unser Leben sein vollkommenes Bild widerspiegelt.

2. Leiden erzeugt Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn sehen wird
»Denn sie züchtigten uns freilich für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, er aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden. Alle Züchtigung scheint uns zwar für die Gegenwart nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; nachher aber gibt sie denen, die durch sie geübt sind, die friedsame Frucht der Gerechtigkeit.« (Hebräer 12,10.11)
»Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen wird.« (Hebräer 12,14)
Dieser Text lehrt uns, dass die Schwierigkeiten im Leben eines Christen immer ein erzieherisches Ziel haben, denn das Wort »Züchtigung« enthält in der ursprünglichen Sprache des Textes auch die Idee der Unterweisung. Darüberhinaus »entwurzelt« der Herr durch diese Unterweisung, die manchmal sehr schwer zu ertragen ist, konsequent unsere Ungerechtigkeit und unseren Egoismus, um an ihrer Stelle die stille Frucht der Gerechtigkeit und der Heiligkeit oder der Heiligung wachsen zu lassen. Ohne diese Qualitäten, die durch Prüfungen erzeugt werden, könnten wir den Herrn nicht sehen. Daher ist Züchtigung notwendig.

3. Leiden erzeugt Geduld
»Meine lieben Brüder, erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt, und wisst, dass euer Glaube, wenn er bewährt ist, Geduld wirkt. Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.« (Jakobus 1,2-4, Lutherbibel)
Hier finden wir eine weitere Qualität, die der Herr in uns zu entwickeln sucht: die Geduld oder besser die Ausdauer. Ausdauer haben heisst widerstehen und trotz Opposition weitermachen. Dieser Charakterzug ist wie ein Muskel. Der, der sich starke Muskeln wünscht, muss sie regelmässig unter Beweis stellen, sie arbeiten lassen bis es weh tut. In gleicher Weise kann derjenige, der kein Leid kennt, keine Ausdauer kennen.

4. Leiden kann vor Stolz bewahren
Der Apostel Paulus stellte durch seine Position und die Offenbarungen, die Gott ihm gegeben hatte, in der ersten Kirche eine grosse Autorität dar. Aber eine hässliche und schmerzhafte Krankheit, die wahrscheinlich seine Augen betraf (Galater 4,13-16), beschäftigte ihn. Sie war ihm ganz sicher hinderlich bei der Ausführung seines Dienstes. Warum hat Gott dieses Leiden zugelassen? Warum hat er Paulus nicht geheilt, wie er es für so viele andere getan hatte? Der Apostel selbst gibt darauf die Antwort: »Darum, damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, dass er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe. Um dessentwillen habe ich dreimal den Herrn angerufen, dass er von mir ablassen möge. Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung.« (2. Korinther 12,7-9)
Gott liebt es zu heilen. Er hat keine Freude daran, die Menschen leiden zu sehen. Aber er weiss, dass uns manchmal eine Krankheit oder ein Leiden Wahrheiten beibringen können, die wir auf andere Weise nie lernen würden. Denn Gott möchte das Leben seiner Kinder verändern und dabei das respektieren, was den Menschen zur Person macht, nämlich die Freiheit zu wählen. Das Ziel Gottes mit jedem seiner Kinder ist die Ähnlichkeit mit seinem Sohn, Reife und Charakterfestigkeit; sie sind notwendig, um in Gemeinschaft mit ihm zu leben. Es gibt im Wesentlichen zwei Mittel, um diese Veränderung herbeizuführen: Gottes Wort und Prüfungen. Das Wort verändert uns durch »die Erneuerung unseres Sinnes« (Römer 12,2), und: »Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.« (2. Korinther 3,18). Aber wir lassen uns nur schwer verändern. Wir pflegen gewisse Sünden, wie z.B. den Stolz, den Egoismus, den Hochmut. Wir tun uns schwer, auf ihn zu hören und das, was er sagt, in die Praxis umzusetzen. Als Folge davon straft er uns wie ein guter Vater. Er erlaubt dem Feind, dem »Engel Satans«, zu handeln, aber immer mit dem Ziel, den Charakter der Seinen zu verändern, oder sie vor den Fallstricken des Stolzes zu bewahren wie er es bei Paulus tat.

5. Leiden erzeugt Mitleid
»Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Drangsal, damit wir die trösten können, die in allerlei Drangsal sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.« (2. Korinther 1,3.4) Unsere bedürftige Welt braucht dringend Menschen, die trösten und ermutigen können. Wer aber kann das, ohne zumindest persönliche Not erfahren zu haben? Welche Person ist am besten geeignet, eine Mutter zu trösten, die gerade ihren Sohn verloren hat? Doch jemand, der durch die gleiche Prüfung gegangen ist und auch wusste, wie er den Trost des »Vaters der Barmherzigkeit« in Anspruch nehmen konnte. Welch ein Irrtum zu glauben, dass das Leid ausschliesslich die Folge von Sünde im Leben ist! Sie ist auch eine Schule, in der Mutmacher, Diener mit einfühlsamen Herzen, ausgebildet werden.

6. Leiden kann uns Gott näher bringen
»Denn wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen, Brüder, über unsere Drangsal, die uns in Asien widerfahren ist, dass wir übermässig beschwert wurden, über Vermögen, so dass wir sogar am Leben verzweifelten. Wir selbst aber hatten in uns selbst schon das Urteil des Todes erhalten, damit wir nicht auf uns selbst vertrauten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt.« (2. Korinther 1,8.9) Nichts hindert die Arbeit Gottes in meinem Leben so sehr wie mein Geist der Unabhängigkeit und des Selbstvertrauens. Denn wenn ich mich stark fühle, warum sollte ich dann an Gott denken? Ich rühme mich lieber dessen, was ich erreicht habe und komme ohne ihn aus. Aber Gott wird seine Ehre mit niemand anderem teilen.
Um seine Pläne zu verwirklichen, wählt er »das Törichte der Welt, damit er die Weisen zuschanden mache; und das Schwache der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache. Und das Unedle der Welt und das Verachtete hat Gott auserwählt, das, was nicht ist, damit er das, was ist, zunichte mache, dass sich vor Gott kein Fleisch rühme.« (1. Korinther 1,27-29).
Er gebraucht diejenigen als seine Diener, die ihm Ehre geben, die ihre eigene Schwachheit erkennen. Paulus schreibt, dass die Kraft Gottes in den Schwachen mächtig wird. Gott musste das Volk Israel am Roten Meer mit einer Situation, in der sie vor ihren ägyptischen Feinden völlig ohnmächtig waren, in die Enge treiben, bevor er sie befreien konnte, indem er das Meer teilte. Ihre Not war der Anlass, die Herrlichkeit Gottes zu demonstrieren. Wenn er auch heute noch zulässt, dass seine Kinder bis an die Grenzen ihrer Kräfte belastet werden, dann deshalb, damit er sich ihnen anschliessend
umso besser offenbaren kann. Diese verschiedenen Abschnitte zeigen, dass Prüfungen im Grunde genommen für die, die Gott kennen, etwas sehr Gutes sind. Sie sind notwendig, und Paulus erklärt dazu: »Denn das schnell vorübergehende Leichte der Drangsal bewirkt uns ein über die Massen überreiches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit, da wir nicht das Sichtbare anschauen, sondern das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig.« (2. Korinther 4,17.18) Ohne diese Perspektive der Ewigkeit kann das Leiden in der Tat absurd erscheinen. Wenn jemand seine Hoffnung ausschliesslich in das Leben auf dieser Erde gesetzt hat, wird es ihn niederschmettern, wenn er erfährt, dass er Krebs hat. Im Gegensatz dazu kann der Christ sogar dahin gelangen, Gott dafür zu danken, weil er weiss, dass der Herr ihn nicht umsonst leiden lässt. »Er wird sich nicht fürchten vor böser Nachricht. Fest ist sein Herz, es vertraut auf den HERRN.« (Psalm 112,7). Ohne im Leid immer verstehen zu können, warum Gott diesen Schmerz zulässt, lernt er, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, und er erhält als Gegenleistung Gottes versprochenen Trost, der seine Trübsal in Gutes verwandelt.