Huldrych Zwingli

«Ein Christ sein heißt nicht von Christus schwätzen, sondern wandeln wie Christus gewandelt ist.»


Religionslandschaft Schweiz – die reformierte Kirche
Reformierte Gastfreundschaft geniessen
Don Camillo Basel
Don Camillo Bern
Stadtkloster Zürich Gemeinschaft (vita communis)
Diakonie Nidelbad

Wer könnte leugnen, dass der Tag des Herrn gekommen ist? Nicht der letzte Tag, wo der Herr die ganze Welt richten wird, sondern ein vorletzter Tag, da die gegenwärtigen Verhältnisse erneuert werden.

Der vorletzte Tag ist angebrochen, das Reich Gottes ist hier und jetzt unter uns und verändert jetzt schon die Welt – nicht so, wie es die Schwärmer und die Bauern wollten, dass es sich schon ganz und gar hier realisieren würde und das Vorletzte gar nicht mehr gelte.
Sondern so, dass das Wort Gottes, das so lebendig und kräftig ist, dass es sich alle Dinge gliichförmig machen will, hindurchleuchtet durch die Verhältnisse, wie sie hier und jetzt sind.

Die Radikalen verkennen das Noch-Nicht, aber diejenigen, welche die herrschende Gesellschaftsordnung unkritisch oder gar gottgegeben hinnehmen, verkennen das Schon-Jetzt.

„Tut um Gottes Willen seinem Wort keinen Zwang an!“ rief Zwingli seinen Landsleuten zu, um sie vor einem sonst unausweichlichen Gericht Gottes zu warnen, „denn wahrlich, wahrlich, es wird so gewiss seinen Gang nehmen wie der Rhein; den kann man vielleicht für eine Zeitlang stauen, aber nicht aufhalten“ (Z III 488).

»lch wage auch von Heiden Entlehntes göttlich zu nennen. Die Wahrheit stammt
immer vom heiligen Geist, einerlei, wo und durch wen sie beigebracht wlrd!«
Huldrych Zwingli

DIE REFORMATORISCHE LEHRE: SOLA FIDE, SOLA GRATIA, SOLA SCRIPTURA
Zwingli und Luther Einheit und Gegensätzlichkeit zweier Reformatoren
Huldrych Zwingli – Der Reformator, Spielfilm, 1983
Reformation: Huldrych Zwingli Teil 1
Reformation: Huldrych Zwingli Teil 2
Reformation: Huldrych Zwingli Teil 3
Eugen Hartwich – Zwingli, der Reformator der Schweiz
Zwingli als sozialpolitischer Denker
Huldrych Zwingli und die Perspektiven für die Kirchen im 21. Jahrhundert
Prädestination (Vorherbestimmung)
Huldrych Zwingli Quotes

Huldrych Zwingli
Auslegen und Beweisgründe der Schlußreden
[Auswahl] (14. Juli 1523)
Art. 1 Alle, die sagen, das Evangelium gelte nichts ohne die Bestätigung der
Kirche, irren und schmähen Gott.
Erstens sagt Christus (Joh 3,31-33): »Wer von der Erde stammt, der stammt von der Erde und redet von der Erde her; wer vom Himmel kommt, der steht über allen. Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er, aber sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer aber sein Zeugnis angenommen hat, der hat es besiegelt – bzw. bestätigt -, daß Gott wahrhaftig ist.« – Kurz, merke aus diesen Worten, daß der, welcher vom Himmel kommt, über allen steht. Da aber die Irdischen von der Erde reden, wie wird der Irdische das Himmlische vernehmen? Wie wird er es bestätigen oder beurteilen?, da er [d.h. Christus] doch spricht, sein Zeugnis nehme keiner an, obschon er nur Verläßliches, nämlich was er gesehen und gehört hat, sagt bzw. bezeugt? Wer aber Christi Zeugnis, d.h. Lehre und Offenbarung [»kuntschafft«] angenommen hätte, der hätte es besiegelt, daß Gott wahrhaftig ist, d.h. dem wird zuverlässig offenbart, wie ein versiegelter Brief zuverlässig ist, daß Gott wahrhaftig ist. Denn kein Herz noch Gemüt kann Gottes Wort und Handel verstehen, es werde denn von Gott erleuchtet und gelehrt. Wenn das aber geschieht, wird der Mensch so sicher und tapfer und verläßt sich so auf das Wort Gottes, daß er sich auf dessen Wahrheit sicherer verläßt als auf alle Siegel und Briefe. Aufgrund der Worte Christi vertrete ich dies: Ein jeder, der von der Lehre, die vom Himmel kommt, wahr und göttlich reden wollte, muß in ihr von Gott gelehrt, versichert und besiegelt sein. Daraus muß also folgen, daß das sichere Verstehen des Evangeliums an keinem Menschen, sondern allein am Ziehen und Erleuchten Gottes liegt. Denn Paulus sagt, daß der fleischliche bzw. viehische Mensch die Dinge nicht annehme, die des Geistes Gottes sind. Wenn es nun allein an Gott liegt, so kann kein Mensch den anderen des Evangeliums gewiß machen, sondern nur Gott allein.
Zweitens spricht Christus (Joh 6,44): »Niernand kommt zu mir, es habe ihn denn der Vater, der mich gesandt hat, gezogen.« Daraus muß also folgen, daß kein Mensch aus menschlichem Anleiten, Lehren und Urteilen zur Erkenntnis Christi komme, sondern allein durch das Ziehen des Vaters. So vermag die Bestätigung der Menschen nichts für die Erkenntnis Christi.
Drittens spricht Christus (Joh 5,39-41): »Erforscht die Schriften, denn ihr meint, ihr werdet in ihnen das ewige Leben finden; sie zeugen nämlich von mir. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, um das Leben zu haben. Ich nehme meine Ehre nicht von den Menschen.« Sieh, hier weist Christus in die Schrift, nicht zu den Menschen und ihrem Urteil über die Schrift; die Schrift werde selbst Zeugnis von ihm geben. Aber die, die im Unglauben verharren, lassen sich nicht zu Gott ziehen, sondern sie fordern, ebenso wie die Juden, entweder Zeichen oder Bezeugungen von Menschen. Nach Joh (5,41) nimmt aber Christus seine Ehre nicht von den Menschen. Dieses Wort allein ist schon stark genug, die Gegner zu überwinden, so daß man es ihnen unbeirrt vorhalten soll: Christus nimmt sein Zeugnis und seine Ehre nicht von den Menschen.
Viertens spricht er (Joh 14,26): »Der tröstende und mahnende heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alle Dinge lehren und wird euch alles, was ich gesagt habe, erneuern bzw. wiederbringen.« Merke: Der heilige Geist wird euch alle Dinge lehren. Davon ist nichts ausgenommen, sondern alles wird er uns lehren, was wir von Gott wissen sollen. Er wird euch auch alles wieder in Erinnerung bringen, was ich euch gesagt habe. Wenn es sich so verhält – und so ist es in Wahrheit -, welcher Mensch will dann das lehren, was der Geist Gottes allein lehrt?
Fünftens (Joh 16,13): »Wenn aber der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch alle Wahrheit lehren.« Hörst Du, daß der Geist alle Wahrheit lehrt? So muß danach gelten, daß Menschenlehre nicht wahr sei (sofern sie von Menschen stammt. Denn wenn sie von Gott stammt, aber von Menschen ausgesprochen wird, soll sie nicht als Menschenlehre bezeichnet werden); denn alle Wahrheit kommt aus dem Geist Gottes. Was anderswoher kommt, ist Unwahrheit; denn »alle Menschen sind lügenhaft, Gott allein aber ist wahrhaftig
(Röm 3,4).«
Sechstens (Jer 31,33f): »Der Herr spricht: Ich werde ihnen mein Gesetz in ihr Inneres legen und es in ihr Herz schreiben und werde ihr Gott sein und sie mein Volk. Dann wird der Mann nicht mehr seinen Nächsten lehren noch der Mensch zu seinem Bruder sprechen: Erkenne den Herrn; denn sie alle werden mich erkennen, vom Kleinsten bis zum Größten.« Hier hörst du, daß Gott seinen Willen und sein Gesetz selbst so deutlich in die Herzen der Menschen schreibt, daß keiner es von Menschen lernen darf; denn obwohl der Mensch das Wort darbietet, ist es nicht sein Wort; es bewegt auch nicht jemanden, wenn Gott nicht leuchtet und das Herz zu sich zieht. So heißt es auch (Jes 54,13): »Alle deine Kinder werden von Gott gelehrt.« Diese Anschauung hat auch Christus, der die Wahrheit selbst ist, bekräftigt (Joh 6,45): »Sie werden alle von Gott gelehrt. Ein jeder, der es vom Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir.« Ich fasse zusammen: Alle, die Jesus Christus recht erkennen, sind von Gott, nicht von Menschen gelehrt worden; nur diejenigen hören und lernen vom Vater, die im Innern ihrer Glieder und Herzen von ihm erleuchtet und gezogen werden.
Siebtens hat Paulus das Evangelium von keinem Menschen gelernt, sondern aus der Offenbarung Jesu Christi (Gal 1,12). Desgleichen sind auch die anderen Apostel, nachdem sie ausgesandt und ihnen befohlen wurde, das Evangelium zu predigen, nicht erst durch Konzile zum Entschluß gekommen, ob sie das Evangelium annehmen wollten. Denn als sie am Pfingsttage vom heiligen Geist erfüllt worden sind, hat Petrus sofort auf den Spott der Unwissenden hin, ohne sich mit den anderen zu beraten (denn davon wird nichts erwähnt) oder deren Urteil einzuholen, das Evangelium so überzeugt zu verkündigen begonnen, daß er nach einer längeren Rede sprach: So erkenne nun das ganze Volk Israel, daß Gott den Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat. Daß aber Paulus nach Jerusalem gekommen ist und die Sache des Evangeliums mit den Aposteln besprochen hat, ist nicht wegen seiner Zweifel, sondern zur Beruhigung mancher Einfältiger geschehen, die Paulus verleumdeten, er wäre kein richtiger Apostel, weil er nicht mit Christus zusammen gewesen sei. Das ersieht man leicht daraus, daß er (Gal 2,6) sagt: »Die, welche in entsprechendem Ansehen standen, haben mir nichts weiter geholfen.« Also muß aus den aufgeführten und vielen anderen Bezeugungen der Schrift folgen, daß die Menschen ohne die Gnade und Kraft Gottes nicht nur das Evangelium nicht gültig machen, sondern es nicht einmal verstehen können. Wie können sie dann das Evangelium bestätigen? Hier treten sie nun mit einer faulen Waffe entgegen und sagen: Es ist wahr daß das Evangelium allein aus Gottes Erleuchten heraus verstanden werden muß. Wenn nun Christus spricht: Was zwei einmütig auf dieser Welt in meinem Namen von Gott begehren, werden sie erlangen, so muß daraus auch folgen, daß dann, wenn ein ganzes Konzil Gott um Verständnis der Schrift bittet, dies gewährt würde. Darum sollen seit alters sich alle an das halten, was ein Konzil beschließt. Meine Antwort: Die große Menge kann die Sicherheit des Verständnisses nicht verläßlicher machen, wie deutlich durch Elia, Micha, Paulus und andere bewiesen wird, die als einzelne gegen eine große Menge gestritten und sie überwunden haben. Damit ich aber diesem Einwand zugebe, was an ihm richtig ist, so gestehe ich zu, daß ein Konzil immer dann, wenn es im Geiste Gottes versammelt ist, nicht irren kann. Es wird dann aber auch nichts beschließen außer dem, was uns die aus Gottes Geist kommende Schrift lehrt. Und ist das Konzil wie beschrieben in Gott und um Gottes willen versammelt, wird es sich auch nicht wichtig machen und schreien: Konzil, Konzil!, sondern: Gott sagt dies oder jenes. Ob es aber im Geist Gottes versammelt sei, muß man am Goldprüfstein* inne werden, wie 1Joh (4,1-3) lehrt: »Ihr Geliebten! Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten in die Welt gekommen. Ihr erkennt den Geist Gottes daran: Ein jeder Geist, der den Herrn Christus, der als Mensch gekommen ist, erkennt, lobt und bekennt, der ist aus Gott (hörst du, daß der göttliche Geist alle Erkenntnis auf Christus hin lenkt?). Und ein jeder Geist, der Jesus Christus, den Menschgewordenen, nicht bekennt, lobt, erkennt und für sein einziges Heil hält, der ist nicht aus Gott.«
*Der Prüfstein (so auch Z I 261, 9 ff) ist zunächst nach 1Petr 2,6-7 Christus als Eckstein bzw, Stein des Anstoßes. Zwingli spielt hier und im folgenden aber auch auf den sog. Probierstein an, ein »Kieselschiefer. welcher früher zur Prüfung der Gold- und Silberlegierungen benutzt wurde«, so Meyer, Konv 14, 252.
Sieh hier! Ist bei ihren Konzilien Christus der einzige Hort und das Zentrum, worauf sie sehen, das einzige Haupt, das sie leitet, die einzige Ehre, die sie suchen, so sind sie aus Gottes Geist. Suchen sie aber ihren eigenen Nutzen, Namen und Ehre, so kommt es vom Teufel und vom Unglauben; die suchen ihre Ehre. Und wenn sie mit dem Mund von Jesus als dem Herrn reden, glauben sie doch nicht und halten auch nichts auf ihn, so wie es Christus selbst den Juden klarmacht (Joh 5,44): »Wie könnt ihr glauben, wenn ihr voneinander Ehre annehmt? Die Ehre aber, die allein von dem einzigen Gott kommt, die sucht ihr nicht.« An diesem Goldprüfstein, Christus, reibe aller Menschen Ansichten, Ratschlag und Urteil. Zeigt es die Farbe Christi, so ist es aus dem Geist Gottes und hat die Namen: Kirchenväter, Konzile, Herkommen gar nicht nötig. Zeigt es aber die Farben der gerade Genannten, der Kirchenväter, Konzile usw.. so ist es nicht aus Gott. Denn alle, die ihre eigene Ehre suchen, halten nichts auf Gott, wie klug sie sich auch vor den Menschen schönfärben. Christus kann nicht lügen. Wer die Ehre Gottes beiseite läßt und seine Ehre sucht, der glaubt nicht und ist so auch nicht aus Gott. Ist das, was die Konzile beschließen, Christus gleich, wenn man es an ihm prüft, warum gibst du ihm einen menschlichen Namen? Ist es ihm nicht gleich, warum verkaufst du es unter dem hohen Namen Gottes? Siehe, hier erkennt man, was Glauben und Gottes Lehre, was Heuchelei, Lehre und Schmutz der Menschen ist. Ich will diese Beweise nicht bis zum Überdruß vermehren und so wertlos machen. Sie genügen, um unsere erste Schlußrede zu beweisen, nämlich: Alle, die sagen, das Evangelium gelte nichts ohne die Bestätigung der Kirche, irren und schmähen Gott. Denn wer ist der Mensch, daß er Gottes Sinn, Verstand oder Meinung Wirkung verschaffen könnte, wenn das Verstehen des Evangeliums (d.h. aller guten Botschaft Gottes an uns Menschen) nicht an der Weisheit und Vernunft des Menschen, sondern am Erleuchten und Belehren des Geistes Gottes liegt? Wie auch Johannes lehrt (1Joh 2,26f): »Ich habe euch diese Dinge über die, welche euch irreführen, geschrieben. Aber die Salbung (d.h. Erleuchtung und Zusprache des Geistes Gottes durch Christus Jesus, der ein unerschöpflicher Quell dieser Salbe ist), die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch. Ihr habt es nicht nötig, daß jemand euch lehrt, sondern was euch diese Salbung von allen Dingen lehrt, ist die Wahrheit und kein Betrug. So wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihr.« Beachte dieses Schlußwort wohl, dann fallen die unbedachten Reden dahin, die behaupten, man müsse einen Richter haben, der beurteile, welches das rechte Verständnis der Schrift sei – wie wenn man über das Wort Gottes urteilen sollte oder könnte wie über zeitliche Habe, wenn doch Johannes spricht: Ihr habt es nicht nötig, daß euch jemand lehre usw. Aber diejenigen, die gern von uns Ehre und Gut erhielten, wollten auch gern die Schrift nach ihrer Habsucht beurteilen und vergewaltigen. Sie sind die wahren Feinde der Wahrheit Gottes, ja Antichristen, wenn sie sich selbst aneignen, was allein Gott zukommt. Denn welcher Mensch ist je so gelehrt oder weise geworden, daß er sich nie geirrt hätte? Und nur der ist der Wahrheit gewiß, dem Gott sie in seinem Herzen klar und verläßlich macht. Wie kann man sich bloß auf die Menschen verlassen? Mögen sie noch so zahlreich sein, sie sind alle nichtig und der Urverdorbenheit unterworfen. Darüber haben wir mehr im Büchlein »Von der Klarheit und Gewißheit des Wortes Gottes« geschrieben, darum hier nichts weiter, ebenso über die Konzile im »Archeteles«.

Art. 8 Aus dem folgt erstens, daß alle, die in dem Haupte leben, Glieder und
Kinder Gottes sind. Und das ist die Kirche oder Gemeinschaft der Heiligen, Christi
Gemahlin [»hussfrouw«}: Ecclesia catholica [d.h. die allgemeine Kirche).
Wie wir Glieder Christi seien, erklärt Paulus im Römer- und Korintherbrief: »Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?« (Röm 12,5 und 1Kor 6,15; 12,4ff). Diese Glieder empfangen aber ihre Speise nicht durch den Bauch, wie die leiblichen Glieder, sondern vom Haupt, so daß alle Gaben, Ämter und Dienstfertigkeiten der Glieder allein vom Haupte kommen (Eph 4,7ff; Kol 2,19).
Kinder
»Allen, die ihn angenommen haben, hat er die Macht gegeben, Söhne Gottes zu werden, denen nämlich, die in seinem Namen glauben« (Joh 1,12). Hier soll ein jeder lernen, daß wir nach Gottes Willen nicht nur dem Namen nach Gottes Kinder genannt werden, sondern uns freuen, wirklich seine eigenen Kinder zu sein (Gal 3 und 4) und in vollständigem Vertrauen um Trost und Hilfe zu ihm gelaufen kommen wie zu unserem natürlichen Vater, ihn so für unser eigen halten und auch sein eigen sind (Röm 5,2): »Wir rühmen uns der Hoffnung«, daß wir Söhne Gottes sind.
Und das ist die Kirche oder Gemeinschaft der Heiligen
Von alten Zeiten her bis auf unsere jetzige Zeit ist darüber gestritten worden, was und welches die Kirche sei. Alle haben aber diesen Streit, wie zu befürchten ist, aus Machtgier geführt, weil etliche sich für die Kirche ausgeben wollten, damit alle Dinge durch ihre Hand verwaltet werden könnten. Wenn ich mich nun getraue, davon zu reden, dann weiß ich wohl, daß ich es gegenüber denjenigen tun muß, die aus menschlicher Einbildung davon reden, was mich allerdings kaum zu kümmern braucht; denn ich will hierüber nicht mein, sondern Gottes Wort, nicht Menschenlehre, sondern die Meinung des Geistes Gottes vorbringen. Dann findet man, daß oft im Alten Testament das, was wir Kirche nennen, im Hebräischen qahal oder maqhel, im Griechischen ecclesia. im Lateinischen concio genannt wird. Im Deutschen wird nun aber das Wort Kirche für das Haus gebraucht, in welchem man das Gotteswort der Versammlung zu verkünden pflegt, tauft, Abendmahl feiert usw.; so daß es als Übersetzung für keines der vorhin aufgezählten Worte paßt; denn qahal, ecclesia. concio bedeuten nicht einen Tempel, sondern eine Versammlung, Gemeinschaft oder Volksgemeinde. Von daher wird auch etwa in der Schrift das Wort »Volk« für »Gemeinde« gebraucht. Diese [Bezeichnung] Gemeinschaft oder Gemeinde wird in der Schrift in zwei recht ähnlichen Bedeutungen gebraucht.
Erstens für die ganze Gemeinschaft all derer, die in der Gemeinsamkeit des Glaubens auf Jesus Christus gebaut und gegründet sind. Wer in der Kirche – bzw. Gemeinde – ist, der kann nicht verdammt werden; denn »jeder, der an Christus glaubt, hat ewiges Leben« (Joh 6,40). Von dieser [Gemeinschaft] spricht Christus (Mt 16,15ff): Als er »seine Jünger fragte, was sie von ihm sagten bzw. für wen sie ihn hielten, und Petrus darauf für alle anderen die Antwort gab: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, da sagte Christus wiederum zu ihm: Selig bist du, Simon Bariona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Und ich sage dir, daß‘ du ein Felsenmann bist, und auf diesen Felsen (zu verstehen als: auf den, von welchem du den Namen empfangen hast) werde ich meine Kirche (d.h. die Gemeinschaft aller auserwählten Gläubigen) bauen, und die Tore der Hölle werden nicht stärker sein als sie« usw. Der Fels ist Christus (1Kor 10,4; Mt 21,42); auf diesem ist die Kirche, d.h. die Gemeinde der Gläubigen, erbaut. Wer also wie Petrus, der Felsenmann. bekennt, Christus sei der Sohn des lebendigen Gottes, gegen den vermögen die starken Waffen, Wehr und Macht des Teufels nichts. In derselben Bedeutung gebraucht auch Paulus das Wort Kirche im Galaterbrief (Gal 1,13): »Ich verfolgte die Kirche Gottes«, d.h. ich verfolgte alle Gläubigen; denn Paulus hat weder einen Tempel noch ein besonderes Grüpplein verfolgt, sondern die Christen insgesamt; und ebenso im Philipperbrief (Phil 3,6). Aber am allerdeutlichsten schildert er die Kirche in dieser Bedeutung im Hebräerbrief (Hebr. 12,18-24): »Ihr seid nicht zu einem so furchterregenden Berg gekommen [d.h. wie dem Sinai] usw.. sondern ihr seid zu dem Berg Zion gekommen und zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der unzählbaren Schar der Engel und zu der Gemeinde oder Kirche der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und zu Gott, dem Richter aller Dinge usw.«. Hier erkennt man genau, daß die ganze Zahl derer, die durch den Glauben zu Gott kommen, an den Platz der Erstgeborenen gesetzt wird, nicht leiblich, wie es Esau, Ruben und Manasse zu sein glaubten, die aber verstoßen wurden und in ihrer Person das jüdische Volk, sondern es werden alle die Namen derer, die in der Kirche oder Zahl sind, im Himmel aufgeschrieben, d.h. sie sind bei Gott bekannt und er rechnet sie auch der Gesellschaft der Engel zu und schreibt sie auf. Ja, sie alle, die einmal waren oder sein werden, führt er so schön und geschmückt heim, wie ein Bräutigam seine Gemahlin heimführt. So heißt es (2Kor 11,2): »Ich habe euch einem Mann vermählt, um euch als eine reine Tochter Christus zu übergeben« und desgleichen (Eph 5,25-27): »Ihr Männer, liebt eure Ehefrauen, so wie auch Christus die Gemeinde – bzw. Kirche – liebgehabt und sich selbst für sie dahingegeben hat, um sie heilig zu machen, abgewaschen mit dem Wasserbad im Wort, damit er sie als eine herrliche Versammlung vor sich hinstelle, ohne Flecken oder Runzeln, sondern heilig und untadelig.« Hier sehen wir, wie lieb Christus diese seine Kirche oder Gemeinde gehabt hat. Wir sehen auch, was sie ist, nämlich die in dem Bad, d.h. der Wassertaufe, mit dem Wort gewaschen worden ist und die, sofern sie in Christus bleibt, keine Flecken noch Runzeln hat, sondern heilig und untadelig ist. Frage: Wo ist die Kirche? und antworte: Über die ganze Erde hin. Wen umfaßt sie? Alle Gläubigen. Wenn sie eine Versammlung ist, wo kommt sie zusammen? Antworte: Hier auf Erden durch den Geist Gottes in der Gemeinsamkeit der Hoffnung und dort bei dem alleinigen Gott. Wer kennt sie? Gott. Sind aber nicht die Bischöfe, die miteinander Konzile abhalten, auch die gleiche Kirche? Antworte: Sie sind dann allein Glieder der Kirche, wie jeder andere Christ, sofern sie Christus als ihr Haupt anerkennen. Wenn du sagst: Sie sind aber doch die Vertreter der Kirche, dann heißt die Antwort: Von solchen weiß die heilige Schrift nichts. Wenn du willst, so suche aus menschlicher Einbildung noch weitere Namen; ich begnüge mich mit der göttlichen Schrift allein. Daran halte ich mich. Bei ihr mußt du mich bleiben lassen und selber auch daran genug haben, wenn du ein Christ bist.

Zwingli, Huldrych – Von der Klarheit und der Gewißheit des Wortes Gottes
Das Schriftverständnis von Zwingli und Erasmus im Jahre 1522
Das Wort Gottes ist so gewiß und stark, daß so, wie Gott will, alle Dinge von Stund an geschehen, wenn er sein Wort spricht; denn es ist so lebendig, so kräftig, daß alle, auch die unvernünftigen Dinge, sich von Stund an ihm anpassen, oder, um es besser zu sagen, daß alle Dinge, sie seien vernünftig oder unvernünftig, von ihm gestaltet, uns zugesendet und gezwungen werden, wie er sich vorgenommen hat. Den Beweis gibt 1. Mos. 1, 3: „Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wird Licht.“ Siehe, wie lebendig und stark es ist, daß es nicht nur über alle Dinge Gewalt hat, sondern auch aus dem Nichts hervorbringt, was es will …Ebenso sprach der Engel im Namen Gottes zu ihr (Maria) Luk. 1, 32: „Er wird groß werden“, indem er Christus damit meint. Siehe, wer ist jemals größer geworden auch in der Welt, als Christus? … Als nun Christus erwachsen war und anfing zu lehren und Wunder zu wirken, sind alle Dinge ihm gehorsam gewesen und haben sich gestaltet nach seinem Wort. Er hat zu dem Aussätzigen, der zu ihm sagte: „Wenn du willst, so kannst du mich rein machen“, gesprochen: „Ich will es, sei gereinigt“, und von Stund an ist er von seinem Aussatze rein geworden, darum, weil Gott das gewollt und das Wort „Sei rein“ das vermocht hat Mat. 8, 2 f…. Mit diesen Belegstellen des Evangeliums soll es genug sein um anzuzeigen, daß Gottes Wort so lebendig, so kräftig und stark sei, daß ihm alle Dinge gehorsam sein müssen, und das so oft und zu welcher Zeit er will. Es soll sich auch niemand unterstehen, wider ihn aufzubegehren, wie es geschah zu des Ezechiel Zeiten Ez. 12, 22, als die Gottlosen sagten, es geschehe lange nicht, was Gott durch den Propheten geredet habe; denn das Zuwarten Gottes ist nicht eine Nachlässigkeit, sondern eine Berücksichtigung der rechten Zeit, auf die er seinethalben nicht zu achten braucht; sondern das geschieht zu unserem Besten; denn die Zeit hat für ihn keine Bedeutung, deswegen, weil er ihr ganz und gar nicht unterworfen ist… Ehe wir beginnen, von der Klarheit des Wortes Gottes zu reden, wollen wir dem zuvorkommen, daß die Feinde seiner Klarheit hernach widersprechen, indem sie sagen: Wie klar ist es denn? Warum spricht er in Gleichnissen und Rätseln, wenn er will, daß sein Wort verstanden werde?
Daß Gott von Anbeginn der Welt her etliche Lehren durch Gleichnisse und jetzt in den letzten Zeiten durch den Herrn Jesus Christus allermeist erklärt hat, ist ein Zeichen dafür, daß Gott seine Meinung den Menschen hat lieb und angenehm machen wollen. Denn was durch Gleichnisse, Sprichwörter und Rätsel vorgelegt wird, hat die Eigentümlichkeit, daß es den Verstand des Menschen antreibt und zum Nachdenken reizt. Ebenso hat die himmlische, göttliche Weisheit, wie sie Ps. 49, 4 f. sagt: „Mein Mund soll Weisheit reden und die Betrachtung meines Herzens voll Verstandes sein. Ich will mein Ohr zu den Sprüchen neigen und mein Rätsel auf der Harfe eröffnen“, den Menschen ihren Willen mit lieblichen Gleichnissen vorlegen wollen, damit diejenigen, welche sonst träg und unlustig wären zum Hören, angereizt und die gefundene Wahrheit desto fester angenommen und wert gehalten würde, auch damit der göttliche Sinn desto länger im Verstande des Menschen durchgearbeitet und erwogen würde und seine Wurzeln desto tiefer in sein Herz hinuntersenkte…
Christus sagt seinem himmlischen Vater Dank Mat. 11, 25, indem er spricht- „Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du diese Dinge vor den Weisen und Verständigen verborgen hast und hast sie den Unmündigen geoffenbaret; denn also ist es wohlgefällig gewesen vor dir.“ Hört Ihr, daß Christus dafür Gott Dank sagt, daß er die himmlische Weisheit den Weisen dieser Welt verborgen hat, und darum wollt Ihr die Herzen, die von Gott gelehrt sind, wieder an die gleichen Weisen dieser Welt weisen? Er öffnet es den Geringen, den Demütigen, er kann nicht zu den hohen Rossen hinauf rufen; denn er wird nicht schreien, wie Jesaja 42, 2 sagt: „Seine Stimme ist demütig.“ Sie sind auch nicht im Stande, ihn zu hören vor lauter Pracht der Pferde, der Diener, der Musik und des Triumphgeschreis.…
Wenn Du von einer Sache reden oder wissen willst, so denke so: Ehe ich irgend etwas in der Sache urteilen oder von den Menschen lernen will, so will ich zum ersten hören, was die Meinung des Geistes Gottes sei Ps. 85, 9: „Ich will hören, was Gott der Herr in mir reden will.“ Darum rufe mit Andacht die Gnade Gottes über Dich an, damit er Dir seinen Geist und Sinn gebe, auf daß Du nicht Deine, sondern seine Meinung in Dich aufnehmest. Und Du sollst ein zuversichtliches Vertrauen haben, er werde Dir das richtige Verständnis kund tun; denn stets ist alle Weisheit von Gott gekommen.
Und auf das hin tritt an die Schrift des Evangeliums heran… Zweitens weiß ich für gewiß, daß Gott mich lehrt; denn ich habe davon meine Erfahrung. Aber daß Ihr mir das Wort nicht böswillig auslegt! Versteht meine Meinung, wie ich weiß, daß Gott mich lehrt. Ich habe wohl so viel in meinen jungen Tagen in menschlicher Lehre zugenommen, wie manche meines Alters, und als ich vor jetzt sieben oder acht Jahren anfing, mich ganz an die heilige Schrift zu halten, so wollte mir die Philosophie und Theologie der Zänker immer Einwürfe machen. Da kam ich zuletzt dahin, daß ich dachte – jedoch durch die Schrift und das Wort Gottes dazu geführt -, du mußt das alles liegen lassen und die Meinung Gottes nur aus seinem eigenen schlichten Worte kennen lernen. Da fing ich an, Gott um seine Erleuchtung zu bitten, und die Schrift begann mir um vieles heller zu werden – obwohl ich sie einfach las -, als wenn ich viele Kommentare und Auslegungen gelesen hätte. Seht, das ist ein gewisses Zeichen, daß Gott leitet; denn nach der Kleinheit meines Verständnisses hätte ich niemals dahin gelangen können. Jetzt werdet Ihr verstehen, daß meine Meinung nicht aus Einbildung, sondern aus Unterwerfung meiner selbst hergekommen ist … Endlich, damit wir aufhören, einem jeden auf alle Einwürfe wieder eine Antwort geben zu wollen, so ist das unsere Meinung: Daß das Wort Gottes von uns in höchsten Ehren gehalten werden soll unter Gottes Wort ist allein das zu verstehen, was vom Geiste Gottes kommt -, und keinem Wort soll solcher Glaube geschenkt werden wie diesem. Denn das ist gewiß, es kann nicht fehlen; es ist klar, läßt uns nicht in der Finsternis irre gehen;  es lehrt sich selber, erklärt sich selber und erleuchtet die menschliche Seele mit allem Heil und aller Gnade, macht sie getrost in Gott, demütigt sie, daß sie sich selber verliert, ja wegwirft und dafür Gott in sich faßt; in ihm lebt sie, zu ihm strebt sie, verzweifelt an allen Kreaturen, und Gott allein ist ihr Trost und ihre Zuversicht; ohne ihn hat sie keine Ruhe, in ihm ruht sie allein Ps. 77, 3. Ja es fängt die Seligkeit schon hienieden in dieser Zeit an, zwar nicht nach der wesentlichen Gestalt, aber in der Gewißheit der trostreichen Hoffnung; diese wolle Gott in uns mehren und uns niemals von ihr abfallen lassen! Amen …

«Sola scriptura» – das ist für Zwingli nicht nur Basis des Glaubens, sondern auch Basis der gesellschaftlichen Ordnung. Dementsprechend wird nun «reformiert» : Was nicht schriftgemäss ist, hat zu verschwinden: Bilder, Fastenrituale, Pilgerfahrten, Klöster, Messfeier.
An die Stelle der universalen hierarchischen Priesterkirche tritt die Gemeinde, die zugleich Kirchgemeinde und politische Gemeinde ist. In ihr wird der neu gewonnene wahre Glaube wirksam. Gottes Wort bezweckt nicht nur individuelle Erlösung, sondern auch den «gemeinen Nutzen».
Zwar bleibt auch diese erneuerte christliche Gemeinschaft unvollkommen, sündhaft, zwar bleibt der ewige Friede in vollkommener Liebe im Reich Gottes vorläufig Verheissung. Aber im Unterschied zu Luther steht die Gnade Gottes nicht im Gegensatz zum Gesetz Gottes. Die mit der Reformation den Menschen erwiesene Gnade ermöglicht es ihnen vielmehr, den Willen Gottes bis zu einem gewissen Grade zu erfüllen – sofern sie die Botschaft annehmen. Damit begründet Zwingli seinen Kampf um die Durchsetzung der Reformation in der ganzen Eidgenossenschaft.

Die Universalität des Heiligen Geistes
Bei allem Gewicht, das Zwingli auf die Predigt legt, ist zu beachten, dass diese allein noch nichts tut, ja, dass sie für ihn – und da bleibt er anders als Luther und auch Calvin dem Kirchenvater Augustinus treu – auch nicht das vorrangige Transportmittel des Heiligen Geistes ist. Der Heilige Geist muss nämlich vorher da sein, als ein inneres, in unserem Herzen wirksames Wort. Dort bewirkt er den Glauben ganz ohne menschliches Dazutun. Dieses innere Wort Gottes des Heiligen Geistes ist es, was uns dann auch das äußere Wort, Schrift und Predigt verstehen lässt, uns also nun die Wahrheit des Evangeliums in den Verstand bringt und uns auch äußerlich ändert. Zwinglis Gedanken über den Heiligen Geist gehen aber weit drüber hinaus. Alle Erkenntnis von Wahrheit, religiöser wie naturwissenschaftlicher, ist von ihm gewirkt, auch dort, wo er selber unbekannt bleibt: „Dass du glaubst, dass ein Gott sei und dich also geschaffen habe, kommt auch von Gott. Ebenso kommt auch das Naturgesetz allein von Gott, und es ist nichts anderes als der lautere Geist Gottes, der inwendig zieht und erleuchtet; weshalb auch die Heiden das Naturgesetz nicht aus ihrem eigenen Verstand, sondern aus dem erleuchtenden Geist Gottes, ihnen unbekannt, erkannt haben.“ (Auslegung des 39. Artikels der Schlussreden, Z II 327.) Diejenigen, die der Geist zum Glauben führt, sind die Auserwählten Gottes, die in Gottes Bund hineingenommen ihn allein als Gott verehren und sich auf ihn einlassen (so Z V 781). Diese erfahren aber zugleich, dass Gottes Heilshandeln universell menschlich ist und wie die kleinen Kinder auch die Heiden einschließt; denn „die Religion wurde damals nicht beschränkt auf die Grenzen Palästinas, weil der Himmlische eben nicht nur Palästina erschaffen oder begünstigt hat, sondern das ganze Universum“ (Z IX 458). Vielleicht kann man so bei denen, die das Wort der Bibel noch nicht oder in einer Weise erfahren haben, dass sie es nicht annehmen konnten, von einem unbewussten Glauben sprechen, der ebenso wie der bewusste zur Seligkeit dient. So freute sich Zwingli auch auf die himmlische Begegnung unter anderen mit Herkules und Theseus aus der griechischen Sage, mit den Philosophen Sokrates und Aristides, mit den römischen Schriftstellern Cato und Scipio – und auch mit den französischen Königen, wie er in seiner letzten Schrift einem von ihnen, Franz I, schreibt. Auch in ihnen allen sah er den Heiligen Geist wirken. Steckt nun in diesem Denken über den Heiligen Geist nicht eine gefährliche Schwärmerei, wie Luther sie Zwingli unterstellt hat? Könnte sich so nicht jeder mit allem, was ihm einfällt, auf das spezielle Wirken des Geistes berufen? In der Tat kommt Zwingli dieser Gefahr, der er die Täufer erliegen sah, selber mehrmals nahe. Aber er erliegt ihr keinmal. Denn der Heilige Geist bleibt für ihn sich selber treu und hat uns in der Bibel ein Selbstzeugnis gegeben, das uns erlaubt, zu prüfen und die Geister zu unterscheiden. Der Heilige Geist ist für uns nicht verfügbar, sondern verfügt über uns; er trachtet nach der Ehre Gottes und fordert die Demut des Menschen. Das und seine Übereinstimmung mit der Schrift sind seine untrüglichen Kennzeichen. Als sich den deutschen evangelischen Fürsten die Frage stellte, ob sie mit ihrem Erzfeind Habsburg gegen die Türken ziehen sollten, was Luther bejahte und sie dann taten, schlug Zwingli dagegen vor, die Türken nicht mit Waffen zu bekämpfen, sondern ihnen das Evangelium zu predigen. Zugleich befürwortete er die diplomatischen Kontakte Frankreichs zur Hohen Pforte. Daraus spricht sein Vertrauen, dass der Heilige Geist wirkt, wo er will, und auch den Verstand der Heiden lenkt. Deshalb ist es lehrreich und hilfreich, auch mit ihnen zu reden. Zwingli hielt immer daran fest, dass Bund und Erwählung nur im Glauben erfahren werden, dass aber Gottes Erlösungswerk dennoch allen Menschen gilt. Er lehnte es strikt ab, irgendjemanden als von Gott verworfen zu bezeichnen; das könne sich erst im jüngsten Gericht herausstellen – und er bezweifelte, ob es sich dann für irgendwen herausstellen würde.

Kirche und Staat bei Zwingli
Huldrych Zwingli lebte und wirkte in einer Umwelt, in der christliches Gemeinwesen und christliche Gemeinde deckungsgleich waren, auch wenn das Gemeinwesen mehrere Kirchen besaß wie Zürich. Das Abendmahl als gemeinsame Feier der ganzen Gemeinde wurde in der Reformationszeit nur an einem Ort gefeiert.
Das mittelalterliche Idealbild eines abendländischen Corpus christianum, in dem weltliches und geistliches Regiment gemeinsam unter dem Regiment Christi wirken sollten, war durch die kirchlichen Missstände und die sich mit dem Papst bekriegenden Fürsten zerfallen. Im Kleinen aber, so für die schweizerischen Städte, lebte es fort. Und dafür übernahmen die Räte schon im 15. Jahrhundert etliche kirchliche Kompetenzen in die eigene Gewalt. Der Bischof von Konstanz musste es aus politischen Rücksichten dulden.
Zwingli drückte diese Einheit von christlicher Stadt und christlicher Gemeinde in dem Bild von Leib und Seele aus, also etwas in dieser Welt Untrennbarem. Die Kirche, als Seele in diesem Bild, ist geboren aus dem Wort Gottes (Bund und Erwählung). Auf das hört sie und von ihm lässt sie sich leiten (Regiment Christi durch den Heiligen Geist). Ihre Aufgabe ist es nicht, zu herrschen wie die römische Kirche, sondern zu dienen. Sie dient aber mit dem Wort Gottes, das die Herrschenden unbedingt angeht. Die Erneuerung der Kirche durch das Gotteswort muss so auch zur Erneuerung des Staates führen.
Im politischen Bereich sorgt Gott durch sein Gesetz und durch die Institution Obrigkeit für äußere Ordnung, um dem Chaos zu wehren (So Z II 305 u. ö.). Der Obrigkeit ist das Wohlergehen von „Schafen Christi“ anvertraut; also sind auch die Magistrate „Hirten“ und ihre Tätigkeit in Wirtschaft und Politik ist Gottesdienst (Z XIV 424). Das Prinzip, nach dem sie vorgehen sollen, ist das der menschlichen Gerechtigkeit, die ständig zu verbessern ist, so, dass jeder wirklich zu seinem Recht kommt. Vornehmste Aufgabe der Obrigkeit aber ist es, die freie Predigt des Gotteswortes zu schützen und sich selbst davon leiten zu lassen.
Die Predigt verkündigt Gottes Gerechtigkeit und seine unverdiente Gnade für uns. Sie macht dadurch frei von allen falschen Bindungen an Geschöpfliches, ja sie stellt bei Zwingli den ganzen bürgerlichen Eigentumsbegriff in Frage. (Vergl. „Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit“, Z. II 471 ff.). Mit ihrer Schriftauslegung begleitet sie die politische Tätigkeit, nicht durch feste, immergültige Regeln, sondern, da in ihr der Geist Gottes aktuell zur Sprache kommt, auch jeweils aktuell für die heutige Situation. Sie dringt dabei auf ständige Besserung und warnt vor Versündigungen. Sie nimmt damit das prophetische Wächteramt wahr, das in Ezechiel 3,17ff. beschrieben wird, und das lässt sich nicht für irgendwelche einzelnen Bereiche einschränken. In diesem Sinn ist Predigt immer Prophetie, in der Gott selber sich durch den Prediger zur Sprache bringt.
Zwingli schätzte zwar die schweizerischen Freiheiten sehr hoch und sie waren ihm Gottes Zeichen gegen Tyrannei; dennoch bekannte er sich zu keiner bestimmten Staatsform. Ihm war es wichtig, dass die jeweilige Obrigkeit genügend Autorität besitzt, ihre Aufgabe zu erfüllen, den Bösen zu wehren (notfalls mit der Todesstrafe ) und die Schwachen zu schützen, wie es im Sinne Christi liegt. „Wenn sie aber treulos und außerhalb der Schnur Christi fahren würden, dürfen sie mit Gott abgesetzt werden“ (Schlussreden Art. 42, Z I H 463). Das hat aber möglichst auch durch die kompetenten Verantwortlichen zu geschehen, die damit die Strafe Gottes vom Volk abwenden sollen. Der theokratische Gedanke bei Zwingli sieht also keine Kirche, die als Institution alles staatliche Leben bestimmt. In der Zusammenschau von politischer und Kirchengemeinde ist es vielmehr Gott selber durch den Heiligen Geist, der alle Belange regieren will.

Der ganzheitliche Anspruch
Zwinglis Sichtweise mit der Identität von Christen- und Bürgergemeinde war eine mittelalterliche. Der Anspruch Gottes auf alle Bereiche ist dagegen biblisch zeitlos. Das hat die Kirche, egal ob sie eine Mehrheit oder eine noch so kleine Minderheit in der Gesellschaft repräsentiert, ständig zu erinnern indem sie ihr prophetisches Wächteramt wahrnimmt.
Dieses Wächteramt leitet sich von Ezechiel 3, 17ff. ab: „Menschensohn, zum Wächter habe ich dich bestellt dem Hause Israel: wenn du ein Wort aus meinem Munde vernimmst, so sollst du sie in meinem Namen verwarnen. Wenn ich zum Frevler sage: «Du musst sterben!» und du verwarnst ihn nicht und sagst nichts, den Frevler vor seinem frevlen Wandel zu warnen, um ihn am Leben zu erhalten, so wird jener Frevler um seiner Schuld willen sterben, sein Blut aber fordere ich von dir. Hast du aber den Frevler verwarnt, und er steht nicht ab von seinem Frevel und seinem Wandel, so wird jener Frevler um seiner Schuld willen sterben, du aber hast deine Seele gerettet. Und wenn sich ein Gerechter von seiner Gerechtigkeit abwendet und Unrecht tut und ich ihn straucheln lasse, so muss er sterben: hast du ihn nicht verwarnt, so stirbt er um seiner Sünde willen, und seiner gerechten Taten, die er getan hat, wird nicht mehr gedacht, sein Blut aber fordere ich von dir. Hast du aber den Gerechten verwarnt, damit er nicht sündige, und er sündigt nicht, so bleibt er am Leben, weil er sich hat warnen lassen, und du hast deine Seele gerettet.“
Es geht hier also um die Seele der Kirche, und das heißt: ihren Gottesbezug. Eine Kirche, die zu Ungerechtigkeiten schweigt, trennt sich von Gott. Um in ihrem Wächteramt glaubwürdig zu bleiben, muss sie in ihrem eigenen Bereich verwirklichen, was sie im öffentlichen einfordert: Auch ihr Finanzgebaren, ihre Arbeitgeberrolle, ihre Diakonie und ihre kulturellen Aktivitäten sind Teil ihrer Verkündigung und bezeugen Gottes Anspruch auf das gesamte Leben. Das wollen wir tun.