Das Glaubensbekenntnis

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apostol 2

Leonhard Ragaz, Das Glaubensbekenntnis
Zur Bekenntnisfrage
Mit einer Erklärung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses
Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Matthäus 5,17

V o r b e m er k u n g.
Bekanntlich geht zur Zeit durch unsere Kirchen die Losung, daß diese ein Bekenntnis haben müßten. Darin liegt gewiß eine Wahrheit. Aber diese wird im Munde ihrer Vertreter meistens zu einem schweren Irrtum. Denn was sie meinen, ist nicht das lebendige und aktuelle Bekenntnis zu Gott, zu Christus, zum Reiche in der Situation unserer Tage, sondern die Herausholung des Credos, das unter ganz andern Umständen unsere protestantischen Vorväter formuliert haben, aus dem Museum der Vergangenheit. Dieser Bewegung gegenüber möchte der vorliegende Versuch zweierlei leisten: er möchte zeigen, wieviel unverlierbare Wahrheit in den alten Formen liegt, aber gerade damit auch fordern, daß diese Wahrheit heute auf neue Weise, für unsere Zeit, im Geist und Namen des lebendigen Gottes und Christus und ihres lebendigen Reiches bezeugt werde. Mit andern Worten: er möchte an einem zentralen Beispiel zeigen, wie die von dem Verfasser wiederholt auf gestellte, aber kaum beachtete These zu verstehen sei, daß das Dogma sich, um es in äußerster Kürze auszudrücken, in das Reich Gottes auflösen müsse. Dieses Beispiel ist das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis, das noch heute auf zahllosen Kanzeln der Christenheit und auf vielen erst neuerdings wieder vorgelesen wird. Der vorliegende Versuch ist sehr unvollkommen, aber er mag vielleicht als Anregung genügen.

I. Das Bekennen.
Frage: Soll man seinen Glauben auch bekennen?
Antwort: Gewiß. Man soll dazu stehen mit Wort und Tat, mit feinem ganzen Sein und Wesen, mit feiner ganzen Existenz.
Frage: Soll man das stark und viel tun?
Antwort: Mit Tat und Wesen soll man es immer tun, kann man es nicht genug tun, kann man es nicht stark genug tun. Alles, was wir tun und lassen, soll ein Bekenntnis fein.
Frage: Auch mit Worten?
Antwort: Mit Worten soll man sparsam sein. Sie sind zu wohlfeil geworden, und zu abgebraucht, zu entwertet, zu diskreditiert. Man soll den Namen Gottes nicht mißbrauchen, sondern soll ihn heiligen, dadurch, daß man ihn recht braucht, am rechten Orte, zur rechten Zeit und auf die rechte Weise.
Frage: Wann soll man auch mit Worten bekennen?
Antwort: Wenn es nötig ist. Wenn es nicht eine Schaustellung ist, sondern eine Tat. Wenn es dazu Mut braucht. Wenn Gefahr dabei ift. Wenn es Opfer verlangt. Wenn Gott es fordert. Wenn das Gewissen es gebietet.
Frage: Verlangt Jesus das Bekennen?
Antwort: Jüngerschaft ist Bekenntnis. Nachfolge ist stärkstes Bekenntnis. Auch sagt Jesus selbst: „Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater; wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Matthäus 10, 32-33
Bekenntnis ist Zeugnis. Es ist Wahrheitszeugnis. Es verbreitet die Wahrheit. Es stärkt und mehrt auch die Wahrheit in uns selbst. Es trägt großen Lohn in sich. Besonders wenn es mit Leiden verbunden ist.
Frage: Vermag ich Bekenntnis und Zeugnis abzulegen, da ich doch nicht gelehrt bin und nicht reden kann?
Antwort: Darauf kommt es nicht an, sondern auf den Geist der Wahrheit. Jesus verheißt uns: „Sie werden Euch vor Hoheräte stellen und in ihren Synagogen euch geißeln und ihr werdet vor Führer und Könige gebracht werden um meinetwillen, zum Zeugnis für sie und die Völker. Wenn sie Euch aber vor sie stellen, dann macht Euch nicht Sorge darüber, wie und was Ihr sprechen werdet. Es wird Euch in jener Stunde gegeben werden, was Ihr reden sollet. Denn nicht Ihr werdet die sein, die reden, sondern Eures Vaters Geist wird es fein, der redet.“ Matthäus 10, 17-20 Das gilt nicht nur vor Hohepriestern, Schriftgelehrten, Führern und Königen, sondern auch vor Volksversammlungen, Militärgerichten und so fort; es gilt überall und immer. Trauet darauf und fürchtet Euch nicht. Je einfacher und natürlicher das Zeugnis, desto stärker die Wirkung.
Frage: Kann man auch durch Schweigen bekennen?
Antwort: Man kann es und soll es auch oft. Und man soll das Heilige nicht den Hunden geben und die Perlen nicht vor die Säue werfen, daß sie nicht sich umkehren und uns zerreißen? Matthäus 7, 6. Schweigen zeugt oft stärker als Reden, Lassen oft mehr als Tun. Alles am rechten Ort und zur rechten Zeit.
Frage: Was aber sollen wir bekennen und von was zeugen?
Antwort: Immer von dem Einen: von der Sache Gottes, vom lebendigen Gott, von Christus, von dem Reich und der Nachfolge.
Frage: Soll man auch gemeinsam bekennen und Zeugnis ablegen?
Antwort: Gewiß, wenn man zusammengehört. Es ist oft Pflicht, sei’s der Wahrheit, sei’s der Ritterlichkeit.
Frage: Soll auch die Gemeinde Christi bekennen?
Antwort: Gewiß. Dazu ist sie wesentlich da.
Frage: Wie soll sie bekennen?
Antwort: Wie der Einzelne: vor allem durch die Tat, durch die ganze Haltung, durch das ganze Sein und Wesen, durch die ganze Existenz.
Frage: Soll sie auch mit Worten bekennen und wann?
Antwort: Wieder wie der Einzelne: Nicht unnötiger Weise. Nicht, aufdringlich oder schaustellerisch. Da wo Gott es fordert. Wo das Gewissen es gebietet. Wo es eine Tat ist. Wo es dafür Mut braucht. Wo es Gefahr sein kann. Wo es Wahrheitszeugnis ist und vielleicht Anfechtung, Verfolgung, Leiden bringt. Ohne solches Bekennen und Zeugnisablegen gibt es keine Gemeinde.
Frage: Soll also die Gemeinde ein Bekenntnis haben?
Antwort: Sie soll nicht Bekenntnis haben, sondern Bekenntnis ablegen. Bekennen ist nicht Besitz, sondern Tat, es ist nicht Formel, sondern Haltung, es ist nicht Dogma, sondern Glaube.
Frage: Aber eine Gemeinde muß doch eine gemeinsame Ueberzeugung zur Grundlage haben; es genügt dafür doch nicht die Kirchensteuer?
Antwort: Selbstverständlich.
Frage: Hat denn heute die Gemeinde ein Bekenntnis?
Antwort: Man muß der Wahrheit gemäß sagen: Sie hat keins. Zwar werden die Pfarrer durchgehends auf das in der Bibel enthaltene Evangelium verpflichtet, aber es wird nicht bestimmt, was dieses Evangelium sei, und der Unterschied der Auffassungen desselben ist babylonisch. Auch müssen noch durchgehends die Konfirmanden ein Gelübde ablegen, sei’s im Sinne des Bekenntnisses zum Apostolicum, sei’s als Versprechen der Nachfolge Christi; aber wie unreell das ist (um nicht schärfere, aber zutreffendere Worte zu gebrauchen) bedarf keines Nachweises. Man darf ruhig sagen: Die heutige protestantische Kirche der Schweiz hat kein Bekenntnis. Sie stellt an ihre Glieder keine Bedingungen der Zugehörigkeit, weder in bezug auf den Glauben noch in bezug auf das Tun. Sie begnügt sich wirklich mit der Kirchensteuer.
Frage: Aber haben die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinden nicht ein Bekenntnis gehabt?
Antwort: Gehabt sicher. Für jene Zeit war auch klar genug, worin es bestand. Dazu kamen aber noch klassische Formulierungen: das Genfer und das Zweite Helvetische Bekenntnis, sowie der Heidelberger Katechismus für die deutsche und der Genfer Katechismus für die welsche Schweiz. Aber diese Formulierungen find nicht mehr lebendig und die Gemeinden auch nicht mehr an sie gebunden. Unfere Gemeinden haben kein Bekenntnis mehr. Es ist ein Chaos, eine große Leere entstanden. Diese Leere aber bedeutet noch etwas sehr viel Wichtigeres als den bloßen Wegfall einer Formel: Unsere Gemeinden haben keine S a c h e mehr – keine Sache, für die sie einstünden, auf die sie verpflichtet wären, bei der man sie anrufen und fassen könnte. Sie find wesentlich nur noch ein Konglomerat von Steuerzahlern, allfällig auch von regelmäßigen oder gelegentlichen Kirchgängern, vor allem aber von solchen, die für Taufe, möglichst nichtssagenden Religionsunterricht, Trauung und Beerdigung einen Pfarrer brauchen – anders gesagt: sie sind Anstalten zur Befriedigung religiöser Bedürfnisse. Das ist ihr Grund- und Krebsschaden, woran der ganze Protestantismus sterben muß, wenn nicht eine Wendung eintritt. Diese rettende Wendung kann man darum in die Forderung kleiden: Die Gemeinde Christi muß, wenn sie leben soll, eine S a c h e haben.
Frage: Welches ist denn diese Sache?
Antwort: Die Sache Gottes, der lebendige Gott, sein Christus, das Reich und die Nachfolge: dies es Wort Gottes, das die Bibel ausmacht. Ein solches Bekenntnis muß die Gemeinde selbstverständlich haben. Es ist ihr Tod, wenn sie keines hat, wie es heute der Fall ist. Man muß wissen, warum man zur Gemeinde Christi gehört. Es kann nicht die Kirchensteuer gleichsam eine Eintrittskarte zu ihr bedeuten. Die Gemeinde muß heute das Bekenntnis zu dem Reiche Gottes auf Erden und seiner Gerechtigkeit zur Grundlage bekommen.
Frage: Genügt nicht das Bekenntnis zur Bibel, als dem Worte Gottes?
Antwort: Die Bibel wird mannigfaltig ausgelegt. Die Gemeinde muß wissen, was für sie das Wort Gottes der Bibel ist, und sie muß sich, wenn sie der Bibel treu sein will, zum Reiche des lebendigen Gottes und feines lebendigen Christus bekennen, welches Kern und Stern der Bibel bildet und die darin gegebene Offenbarung bedeutet.
Frage: Soll dieses Bekenntnis auch formuliert werden?
Antwort: Ja, aber in Freiheit und Lebendigkeit, immer neu, immer je nach Ort, Zeit, Gelegenheit und Umständen.
Frage: Aber versteht man unter Bekenntnis nicht gewöhnlich etwas Anderes?
Antwort: Gewiß. Man versteht darunter gewöhnlich das Credo.
Frage: Was ist das Credo?
Antwort: Das Credo ist der theologisch-philosophisch formulierte und für eine Kirche gesetzlich gewordene Glaubenssatz. Es ist das Bekenntnis als Dogma.
Frage: Was ist das Dogma?
Antwort: Eben der theologisch-philosophisch formulierte und zum Gesetz gewordene Glaubenssatz.
Frage: Was ist sein Inhalt?
Antwort: Die Religion, in theologischen Sätzen formuliert.
Frage: Warum ist das nicht das rechte Bekenntnis?
Antwort: Das rechte Bekenntnis ist bloß das stets lebendige und unmittelbare Zeugnis vom Reiche Gottes. Die Kirche bekennt das Credo, die Gemeinde das Reich.
Frage: Was ist der Unterschied?
Antwort: Das Credo redet von Gott, von Christus, von der Bibel, von der Schöpfung, von der Erlösung, vom Jenseits, vom Heil für das Individuum, aber nicht vom lebendigen Gott und seinem Reiche der Gerechtigkeit für die Erde.
Frage: Ist das Dogma nicht auch Wahrheit? Enthält es nicht auch Reich Gottes?
Antwort: Es ist erstarrte, aus Herz und Gewissen in Kopf und Gedächtnis, aus Bewegung in Ruhe, aus Tat in Besitz, aus Reich Gottes in Religion übersetzte Wahrheit. Sie muß aufgelöst, lebendig gemacht und in den rechten Zusammenhang gestellt werden.
Frage: Woher nehmen wir den Maßstab für seine Wahrheit?
Antwort: Aus der Bibel.
Frage: Ist die Bibel die Wahrheit? Ist sie die Offenbarung? Ist sie das Wort Gottes?
Antwort: Ja.
Frage: Jedes Wort der Bibel?
Antwort: Das ist eine falsche Frage! Die Bibel als Ganzes ist die Wahrheit. Sie ist die Offenbarung. Sie ist das Wort Gottes. Sie ist es aber als die Botschaft vom Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde.
Frage: Gibt es also nur in der Bibel Wahrheit, Offenbarung, Wort Gottes?
Antwort: Es gibt solche auch außer der Bibel, aber sie enthält ihr letztes, auflösendes und erfüllendes Wort.
Frage: Wer aber legt die Botschaft der Bibel richtig aus?
Antwort: Der lebendige Gott selbst durch seinen Geist, oder mit anderen Worten: die Bibel selbst, wenn man sich ihrem Geiste öffnet und Gottes Wahrheit ernsthaft sucht.
Frage: Führt das nicht zu Subjektivismus und Willkür?
Antwort: Gegen diese gibt es kein Mittel als den Heiligen Geist selbst. Auf sein Zeugnis, das „inwendige Zeugnis des Heiligen Geistes“, haben auch die protestantischen Reformatoren bei ihrer Erklärung und Benutzung der Bibel abgestellt. Geboten ist aber ein Anschluß an die Ueberlieferung im Sinne einer gewissenhaften Prüfung – also gleichsam eine Verbindung des katholischen und protestantischen Prinzips.
Im Lichte der biblischen Wahrheit und Botschaft soll auch die Wahrheit des Dogmas geprüft und sein Verhältnis zum Reiche Gottes klargestellt werden.
Frage: Wie kann das geschehen?
Antwort: Das soll an dem ältesten, ehrwürdigsten, am meisten gebrauchten formulierten Bekenntnis der Christenheit gezeigt werden: am Apostolischen Glaubensbekenntnis.
Frage: Heißt es so, weil es von den Aposteln stammt?
Antwort: Auf keine Weise. Es stammt aus späteren Zeiten und ist erst einige Jahrhunderte nach Christus abgeschlossen worden und in allgemeinen Gebrauch gekommen. Man hat es bloß auf die Apostel zurückdatiert, um seine Autorität zu markieren und um zu erklären, es sei darin der echte apostolische Glaube ausgesprochen.

II. Das apostolische Glaubensbekenntnis.

Das Apostolicum lautet:
Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Chriftus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle und am dritten Tage aufgefahren zum Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, umfassende (‚katholische‘) Gemeinde Christi, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben. Amen.
Frage: Welches ist der Sinn dieses Credos?
Antwort: Ich möchte versuchen, es frei, nach dem lebendigsten Sinn, den es haben kann, von der Wahrheit des Reiches aus zu deuten. Aber ich will am liebsten auf Fragen antworten.

I. D a s  G l a u b e n.
Frage: Was heißt „Ich glaube“?
Antwort: „Glauben“ ist ein vieldeutiges und vielmißbrauchtes Wort. Zwei Hauptbedeutungen kommen in Betracht. Man kann unter Glauben die Annahme des Credos verstehen oder die Annahme des Reiches. Jenes ist eine Sache des Kopfes, dieses eine Sache des Herzens und Gewissens, wie des Willens; jenes ist Zustimmung, dieses ist Hingabe; jenes ist Gedanke, dieses ist Tat; jenes ist Verstandesklarheit, dieses ist Vertrauen. Und nur dieses ist es, was Jesus verlangt. „Fürchte dich nicht, glaube nur!“ „Dein Glaube hat dir geholfen.“ „Wahrlich ich sage Euch: wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, so würdet Ihr zu diesem Berge sprechen: ‚Hebe dich weg und wirf dich ins Meer!‘ und er würde sich wegheben und sich ins Meer stürzen und nichts würde euch unmöglich fein.“ „Alles ist möglich dem, der da glaubt.“ „Ihr Kleingläubigen, warum habt ihr gezweifelt?“ „Ich glaube Herr, hilf meinem Unglauben!“ „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Markus 5,36; 5,34; Matthäus 17,20; Markus 9,33; Markus 4,40; Markus 9,24; Johannes 20,29.
So meinen es auch die Apostel und wesentlich auch, wo sie sich nicht selbst untreu werden, die Reformatoren. Der Hebräerbrief beschreibt diesen Glauben im zehnten und elften Kapitel: „Werfet Euer Vertrauen nicht weg; es hat eine große Verheißung.“ „Es ist aber der Glaube eine Zuversicht dessen, was man hoffet, ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht siehet.“
Hebräerbrief 10,35 und 11,1
Frage: Schließt das Glauben das Denken aus? Ist nicht auch ein Element der Erkenntnis dabei?
Antwort: Doch. Nur ist es dem andern Moment ein- und untergeordnet. Glauben und Schauen gehören zusammen. Das Glauben schließt auch das Denken nicht aus, sondern fordert und fördert es, aber nicht führt das Denken an sich zum Glauben. Dieses ist das Höhere: es allein führt zu Gott und seinem Reich. „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ „Ich danke dir Vater, daß du dieses den Klugen und Weisen verborgen hast und hast es den Ungelehrten offenbart.“ Matthäus 5,8 und 11,25 ff.
Frage: Wie verhält sich der Glaube zur Tat, zur Hoffnung und zur Liebe?
Antwort: Er hängt mit ihnen aufs innigste zusammen. Er erzeugt den Willen und wird von ihm erzeugt. Er gebiert die Tat und wird aus der Tat geboren. Er ist der Vater der Hoffnung und wird durch die Hoffnung erhalten. Er ist die Quelle der Liebe und quillt doch selbst wieder aus der Liebe.
Frage: Ist nicht die Liebe mehr als der Glaube?
Antwort: Doch. Aber der Glaube ist die Kraft der Liebe.
Frage: Wie verhalten sich Glauben und Werke zueinander?
Antwort: Die protestantische Art, dieses Verhältnis aufzufassen, ist einseitig und darum falfch. Es ist nicht der Glaube nach Ursprung und Wert das Erste und die Werke das Zweite, sondern Glauben und Werke sind die beiden Elemente einer Spannung, die beiden Brenn-
punkte einer Ellipse, die beiden Pole der einen Lebensbewegung. Die protestantische und die katholische Auffassung werden im Evangelium verbunden.
Frage: Was bedeutet praktisch der Unterschied der beiden Arten von Glauben?
Antwort: Er ist fundamental, bedeutet zwei Welten. Der Credoglaube erhellt bloß den Kopf und läßt das Herz kalt. Er macht hochmütig und verdammungslustig. Er macht träge und reaktionär. Er steht der Wahrheit, Freiheit und Menschlichkeit im Wege. Er baut Kerker und zündet Scheiterhaufen an, materielle oder geistige. Er verwandelt das Evangelium in das Dogma. Er setzt an Stelle des rechten Lebens den rechten Glauben (nicht das rechte Glauben!), er verdrängt das Reich durch die Religion und die Nachfolge durch die Orthodoxie. Der wahre Glaube aber, der Glaube als Vertrauen, ist der Vater alles Guten und Großen, aller Wahrheit und Freiheit, alles Wagnisses, alles Heldentums. Er ist der Schöpfer, der das Sichtbare aus dem Unsichtbaren ruft, der das Mögliche zum Wirklichen und das Unmögliche zum Möglichen macht. Er ist der Vater der Wunder. Er ist der ewige Revolutionär der Welt von Gott her und zu Gott hin.

2. D e r  E i n e  G o t t  i n  d r e i f a c h e r  G e s t a l t.
Frage: Was bedeutet die Dreiteilung des apostolischen Bekenntnisses?
Antwort: Sie ist wichtig. Denn sie bildet den zentralen Inhalt des Dogmas. Der Inhalt des Dogmas ist die Lehre von der Trinität, der Dreieinigkeit. Der Gott des Christentums ist, im Gegensatz zu Judentum und Heidentum, für das Dogma der dreieinige Gott.
Frage: Was bedeutet das?
Antwort: Das Dogma erklärt: Der eine Gott stellt sich in drei Gestalten dar. Als Vater ist er der Schöpfer und Regierer, als Sohn der Erlöser und als Heiliger Geist der Fortführer und Vollender ihres Reiches. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind gleicherweise Gott. Dieser aber ist als Dreie doch der Eine: der dreieinige Gott.
Frage: Was bedeutet das? Ist es nicht ein Widerspruch: Dreie Einer?
Antwort: So hat der Verstand stets gesagt. Aber es ist doch ein tiefer Sinn darin.
Frage: Welcher?
Antwort: Gott tritt uns tatsächlich in drei Gestalten entgegen: Er tritt uns entgegen als Vater, als der Schöpfer, aus dem alle Wirklichkeit, Natur und Geist, hervorgeht; der die Weiten in seiner Hand trägt, sie regiert und richtet; von dem, in dem, zu dem alle Dinge sind. Er tritt uns auch entgegen als der Sohn, in welchem er uns sein Herz kundtut und in dem die Erlösung geschieht. Und er tritt uns entgegen als Heiliger Geist, in der schöpferischen Fortführung und Vollendung ihres Reiches. Und ist doch der gleiche Gott, nur unter verschiedenen Aspekten.
Frage: Und warum ist das der spezifisch christliche Gottesbegriff?
Antwort: Er ist es, weil er auf seine Weise den lebendigen Gott meint. Das Heidentum kennt nur einen ruhenden Gott, welcher in der höchsten Gestalt die ewige Idee der Welt ist; das Judentum kennt den Schöpfer und Herrn, es kennt den Gott, der sich in einer Geschichte offenbart, es kennt den lebendigen Gott und Gottesgeist, aber es wartet auf ihre vollendete Offenbarung im Christus; das Christentum erblickt diese vollendete Offenbarung in Jesus von Nazareth, den es als Christus bekennt, und in der Entfaltung und Erfüllung seines Reiches durch den Heiligen Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht.
Frage: Also müssen wir dieses Dogma annehmen, wenn wir Jünger Christi sein und an das Reich Gottes glauben wollen?
Antwort: Nicht das Dogma, sondern den Glauben, der sich darin ausspricht, nicht seine Form, sondern seine Wahrheit. Denn seine Wahrheit wird durch seine Form beeinträchtigt. Der lebendige Gott erstickt im Panzer des Dogmas. Dieses haben die Griechen gemacht, die Bibel kennt es nicht. Es ist Orthodoxie, nicht Evangelium.
Frage: Wie verhält sich denn die Wahrheit des Reiches Gottes zu der Trinitätslehre?
Antwort: Auf doppelte Weise. Einmal, in bezug auf den Inhalt: Die Wahrheit des Reiches Gottes löst das Ruhende in Bewegung auf. Nicht sollen ewig das Reich des Vaters, das Reich des Sohnes und das Reich des Heiligen Geistes neben und ineinander sein, sondern das Reich des Vaters soll immer mehr in das Reich des Sohnes und das Reich des Vaters und des Sohnes in das Reich des Heiligen Geistes übergehen. Die Schöpfung soll immer mehr zur Erlösung und die Erlösung zur Erfüllung werden. Aus dem Dunkel soll Licht, aus der Not Freude, aus dem Unrecht Recht werden: es soll die Geschichte auslaufen und sich erfüllen im Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit für die Erde oder, wie der Apostel sagt: in dem neuen Himmel und der neuen Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Was jetzt noch – im „Reich des Vaters“ – an der Gesamtwirklichkeit dunkel, rätselhaft und gottwidrig ist, zum Reich des „verborgenen Gottes“ gehört, von dem in der Theologie viel geredet worden ist, soll in das Licht der Offenbarung im „Reich des Sohnes“ kommen und was auch darin noch ein Stück weit ein Reich des „Fürsten dieser Welt“ bleibt, im „Reiche des Geistes“ zur Vollendung und Ueberwindung, zum endgültigen Siege Gottes gelangen. Die Ordnung der Entwicklung, aber nicht einer bloß irdischen oder gar automatischen, sondern einer vom Rat und Anstoß Gottes bestimmten, beherrscht das Kommen, Werden und Siegen des Reiches des lebendigen Gottes und seines Christus. Das ist das Eine. Was aber die Form der Lehre betrifft, so ist die von den Griechen geschaffene und erst im sogenannten Athanasianischen Bekenntnis vollendete keineswegs für immer verbindlich. Sie war durch zeitgeschichtliche Entwicklungen bestimmt. Ihre ewig junge Form muß die biblische fein, und das ist eben die Verkündigung von dem Reiche des lebendigen Gottes und seines Christus, das gekommen ist, kommen wird, sich vollenden wird. Wir beten ja: „Dein Reich komme!“ Davon muß auch in immer neuen Formen geredet werden.

a) D e r  V a t e r.
„Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“
Frage: Was bedeutet das?
Antwort: Es ist die Grundlage des Ganzen. Es ist das erste der zehn Gebote: „Ich bin der Herr, dein Gott – du sollst keine andern Götter haben neben mir“ und die Anrede des Herrngebetes: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“ als Bekenntnis. Ich glaube an Gott, also nicht an das Chaos, den Unsinn, das Nichts, sondern an eine heilige, absolute Wahrheit, einen Sinn und ein Ziel der Welt. Und zwar einen guten und vollkommenen Sinn und ein gutes und vollkommenes Ziel. Denn ich glaube an Gott, den Vater, der den Menschen als sein Kind und Ebenbild schafft und ihm die Erde zur Herrschaft übergibt. Ich glaube nicht an eine bloße Natur und ihre Gesetze. Ich glaube, daß auch die Natur Gottes Schöpfung ist und ihre Ordnungen seine Ordnungen. Ich glaube nicht an ein blindes Schicksal, ein Fatum, als Herrn der Dinge. Gott ist der Herr, er allein. Vor dem lebendigen Gott gibt es kein Fatum. Er ist frei und schenkt auch seiner Schöpfung Freiheit, zunächst und vor allem seinem Kind und Sohn, dem Menschen. Ich glaube an keine Götzen, heißen sie Nation, Volk, Staat oder Kunst, Wissenschaft, Technik. Ich glaube auch nicht an eine bloße höchste Ordnung wie manche Philosophen, sondern an den lebendigen Gott, der Geist und Persönlichkeit ist und von dem aller wahre Geist und alle wahre Persönlichkeit stammt. Ich glaube, daß dieser Gott nicht bloß geschaffen hat, sondern fortwährend weiterschafft. Die biblische Geschichte von der einmaligen Schöpfung ist ein inspiriertes Symbol dieses nicht bloß einmaligen, sondern fortdauernden göttlichen Schaffens, nicht etwa eine naturwissenschaftliche Aussage.
Frage: Ist dieser Glaube für einen Christen nicht selbstverständlich?
Antwort: Er war und ist es nicht. Das Heidentum, das alte und das neue, kennt keine wirkliche Schöpfung, sondern nur eine ewige Bewegung im Kreise oder eine Entwicklung, die nichts wesentlich Neues bringt. Es verfällt immer irgendwie dem Fatum oder dem Chaos, und es macht immer irgendwie die Welt zum Gott (Pantheismus). Beim Christentum aber bestand stets die Gefahr, die Schöpfung zugunsten der Erlösung geringzuschätzen oder ihre Bedeutung zugunsten des bloßen Beharrens abzuschwächen. Zur Zeit der Entstehung des Bekenntnisses gab es eine einflußreiche Bewegung (die Marcioniten), welche die Schöpfung zugunsten der Erlösung einem bösen Gotte zuschrieben. Gegen all dieses Abgleiten von der Wahrheit wendet sich der erste Abschnitt des Apostolicums. Er ist ein Bekenntnis zum lebendigen und schöpferischen Gott gegen alles Heidentum und halbheidnische Christentum und besitzt darum große und ewige Bedeutung.
Frage: Was bedeutet die Schöpfung aus dem Nichts, von der die christliche Dogmatik anderwärts redet?
Antwort: Es ist eine paradoxe Zuspitzung des Glaubens an die Schöpfung. Gott schafft nicht aus einem fremden Stoff. Die Schöpfung stammt aus seinem Wort. Und sie ist ein Wunder. Gott kann das Wunder schaffen. Immerfort. Denn wie die Schöpfung überhaupt, so ist auch die aus dem Nichts nicht bloß ein einmaliges Ereignis, sondern die Art, wie Gott immerfort schafft. Sie ist ein großer Trost!
Frage: Erlaubt aber die Naturwissenschaft, an Schöpfung zu glauben? Sie erzählt uns doch von einer langen Entwicklung der Welt?
Antwort: Entwicklung kann auch Schöpfung sein. Der größte philosophische Denker unserer Epoche hat darum von einer „schöpferischen Entwicklung“ – von Gott her und zu Gott hin! – geredet. Im übrigen aber reicht die Wissenschaft nicht bis zur letzten Deutung der Dinge. Diese ist Sache des Glaubens. Darum reden wir von Schöpfungs-Glauben. Er ist eine Form des Glaubens an den lebendigen Gott, im Gegensatz zur ruhenden Idee oder der bloßen Natur. Sein Ziel ist das Reich Gottes für die Erde, in dessen Gerechtigkeit die Heiligkeit des Herrn und die Liebe des Vaters zum Ausdruck kommen und mit dem neuen Himmel eine neue Erde schaffen. Ich glaube, daß dieser Gott als lebendige Macht in die Geschichte eingreift und die Welt revolutioniert. Ich glaube einen realistischen Glauben. Ich glaube, daß Gott die Macht hat, sein Reich heraufzuführen und die Welt damit aus Sünde, Not und Tod zu erlösen; daß die Weltreiche vor ihm stürzen müssen wie die Götzen, denen sie dienen: Mammon und Gewalt, Nationalismus, Imperialismus, Kapitalismus, Militarismus und wie sie alle heißen mögen; daß sein das Reich ist und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Denn er ist der Allmächtige. Ich glaube, daß er aus dem Nichtsein das Sein schaffen kann, daß er Wunder tut. Ich fürchte mich darum vor keiner Macht der Menschen und vor keiner Kreatur. Er ist der Herr und nichts kann mich aus seiner Hand reißen. Ich verzage vor keiner eigenen Not und vor keiner Weltnot; denn fein ist der Sieg.
Frage: Wenn Gott der allmächtige Vater, der Schöpfer von Himmel und Erde ist, woher kommt denn das Böse? Woher Sünde, Not und Tod?
Antwort: Gott hat, gerade weil er Gott und Vater ist, dem Menschen, seinem Ebenbild, Kind und Sohn auch Gold von seiner eigenen Krone gegeben: die Freiheit. Er will keine Sklaven und keine Automaten, er will Kinder, will Söhne und Töchter, die in Freiheit seinen Willen tun. Freiheit wird zur Krone der Schöpfung. Aus Freiheit aber kann Abfall werden und ist es geworden. Aus dem Abfall quillt die ganze Verstörung der Schöpfung. Und zwar ist die biblische Geschichte vom Sündenfall wieder nicht bloß eine einmalige, in der Vergangenheit geschehene, sondern eine fortdauernde Tatsache. Aber nicht das letzte Wort. Das letzte Wort ist die Erlösung.
Frage: Waltet in der abgefallenen Schöpfung auch ein dämonisches Element, und vielleicht ein Fürst der Dämonen?
Antwort: Gewiß. Wo man von Gott weicht, stellen sich immer die Dämonen ein, und das Walten der Dämonen weist auf eine persönliche Macht hin, welche die Gegenmacht zu dem lebendigen Gott wird, das Gegenreich zu seinem Reiche, dessen König „der Herrscher dieser Welt“ ist. Das ist die Meinung der Bibel und die tiefe Erfahrung der Menschheit.
Frage: Sollen wir also an den Teufel und die Dämonen glauben?
Antwort: Wir sollen nur an Gott glauben und nicht an den Teufel und die Dämonen. Diesen müssen wir vielmehr absagen und widerstehen. Wir glauben, daß auch sie unter Gottes Hand sind, daß auch die Dämonen zu Gottes Willen knirschend Ja sagen müssen und daß von dem Fürsten dieser Welt trotz seiner scheinbaren Allmacht gilt:
„So tut er uns doch nichts,
Das macht, er ist gericht,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.“

b) D e r  S o h n.
Wie ich an den Vater glaube, so glaube ich auch an den Sohn.
„Und an Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn.“
Frage: Glauben wir an ihn, wie wir an den Vater glauben?
Antwort: Ja, denn er ist die Offenbarung des Vaters. Er ist, wie der Apostel sagt, „die Fülle der Gottheit in körperlicher Gestalt“ Kolosser 2, 9, und, wie ein anderer sagt, „der Abglanz seiner Herrlichkeit, der genaue Ausdruck seines Wesens“ Hebräer 1, 3. Christus selbst aber erklärt: „Wer mich siehet, der siehet den Vater“ Johannes 14, 9. Darum hat das Kirchenkonzil von Nicäa am Anfang des vierten Jahrhunderts im Sinne des Kirchenlehrers Athanasius das Dogma von seiner Gottheit aufgestellt.
Frage: Hat es das also mit Recht getan?
Antwort: Gewiß. Das Dogma ist als solches wahr. Die Gottheit Christi ist das Fundament und der Eckstein des christlichen Glaubens.
Frage: Was bedeutet sie denn?
Antwort: Sie bedeutet, daß Gott so ist, wie er uns in Jesus Christus entgegentritt, daß so sein Wesen ist, so sein Wille mit uns, so sein Herz gegen uns, so sein Plan, so der Sinn seiner Macht, so seine Herrlichkeit. In Christus tritt uns unser Gott entgegen. So ist Gott. Das wird behauptet gegen alles Heidentum, gegen alle Götzen, gegen die Vergottung von Natur und Kultur, gegen Baal, den Herrn von Blut und Boden, gegen Cäsar, den Herrn des absoluten Staates, gegen alle Absolutheiten, die nicht Er sind. Damit bekennen wir ihn als Herrn gegen alle andern, angemaßten Herren. Ihnen allen tritt Gott entgegen, so wie er in Christus offenbar ist, lebt und regiert und als Heiliger Geist waltet und schafft. Diesem Gott vertrauen wir in Freud und Leid, Not und Tod.
Frage: Wird die Gottheit Christi auch gegen das Judentum behauptet?
Antwort: Ja, das ist das Einzige, was Judentum und Christentum trennt. Das Judentum glaubt auch an Gott, den Allmächtigen, den Vater und Schöpfer aller Dinge und an sein kommendes Reich; aber es glaubt nicht, daß er sich in Jesus voll, endgültig und erlösend offenbart habe. Es glaubt nicht, daß dieser der Christus sei, der erwartete Messias. Es legt nicht das Bekenntnis des Petrus von Zäfarea Philippi ab. Für uns aber ist Jesus auch die Erfüllung der Hoffnung Israels: der Christus (Messias).
Frage: Warum glaubt das Judentum das nicht?
Antwort: Aus drei Gründen. Vor allem: Weil die Christen sich gegen die Juden nicht so verhalten haben, daß ihnen daraus der wirkliche Christus_entgegengetreten wäre.
Frage: Ist dabei an den Antisemitismus zu denken?
Antwort: Ja. In jeder Gestalt. Er ist eine Schande für das Menschentum und eine Verleugnung Jesu, des Sohnes Israels „nach dem Fleische“.
Frage: Aber haben nicht die Juden Jesus gekreuzigt?
Antwort: Sie haben ihn einmal gekreuzigt, die Christen kreuzigen ihn immer wieder.
Frage: Welches ist der zweite Grund der Ablehnung Christi durch die Juden?
Antwort: Die Juden sagen, die Welt sei ja gar nicht erlöst. Wenn aber der Messias da sei, dann sei sie erlöst. Das sei das Zeichen.
Frage: Können wir darauf etwas antworten?
Antwort: Gewiß. Wir antworten, daß die Erlösung in Christus geschehen sei, aber die Vollendung noch ausstehe. Wir glauben ja an die Wiederkunft, das heißt: das vollendende Kommen Christi.
Frage: Wissen das die Juden nicht?
Antwort: Sie wissen es nicht, weil wir selbst es nicht wissen. Der Glaube an das kommende Reich Gottes – und das ist ja der Kern des Glaubens an die Wiederkunft Christi – steht bei uns nicht so im Zentrum alles Glaubens und Wollens, wie es sein sollte.
Frage: Wenn das aber einmal geschieht, werden dann Judentum und Christentum zusammenkommen?
Antwort: Ja, sie werden es. Im Glauben an das Reich und an Christus, den neu verstandenen, im Israel Gottes, im wahren Zion.
Frage: Und welches ist der dritte Grund?
Antwort: Die Juden erklären es als Unmöglichkeit, daß der unendliche Gott sich in einem endlichen Menschen verkörpern könne. Das zu behaupten, erscheint ihnen als Lästerung. Sie nehmen das auch vom Messias nicht an.
Frage: Was antworten wir darauf?
Antwort: Daß sie sich irren. Das Endliche kann das Unendliche fassen, weil es die Bestimmung hat, sein Gefäß zu sein. Auch im Alten Testament will Gott in die Menschenwelt eingehen, unter den Menschen wohnen und sich durch seinen Gesandten vertreten lassen. Wir werden wieder auf dieses Problem stoßen.
Frage: Gibt es nicht noch einen vierten Einwand des Judentums gegen das Christentum: nämlich die Trinitätslehre, an der es Aergernis nimmt, weil sie gegen das Zentralheiligtum des Judentums, den Glauben an den Einen Gott, verstoße?
Antwort: Das war früher allerdings ein Hauptstreitpunkt zwischen Judentum und Christentum, aber mit dem Zurücktreten des Trinitäts-Dogmas im Christentum ist dieser Streitpunkt in den Hintergrund gerückt. Auch haben wir gesehen, daß die Trinitätslehre ihrem Sinne nach keineswegs gegen den Monotheismus verstößt, sondern gerade den Glauben an den Einen und lebendigen Gott zum Ausdruck bringen will.
Frage: Wie steht der Glaube an Christus zum Alten Testament?
Antwort: Wie Sohn und Vater, wie Fortgang und Anfang, wie Erfüllung und Weissagung.
Frage: Könnten wir denn nun das Alte Testament abschaffen?
Antwort: So wie ein Mann seine Jugend abschaffen kann! Altes und Neues Testament gehören zusammen. Das Reich Gottes beginnt mit Moses, setzt sich in den Propheten fort, offenbart sich endgültig in Christus und vollendet sich in seiner Herrschaft. Es ist das Reich des Einen, heiligen und lebendigen Gottes, der Israels Gott und Vater und Jesu Gott und Vater ist. Jesus ist die Erfüllung des Kommens Gottes, das Israels Geschichte ist und das die Propheten verkündigen und weissagen. Das ist seine Gottheit. Von hier aus allein ist sie zu verstehen, ist Christus zu verstehen.
Frage: Ist er auch die Erfüllung des Heidentums?
Antwort: Ja, auch die Heiden haben seinen Stern gesehen. Sie haben im Mythus der Religion und auch in der Idee der Philosophie geahnt, ersehnt, geschaut, was Christus ist. Aber was bei ihnen bloß Mythus oder Idee ist, das ist in Christus geschichtliche Wirklichkeit. Und auch schon in Israel. Aber zum Teil bloß als Weissagung, als „Wort“. Es ift darum die Erfüllung von Judentum und Heidentum, wenn Johannes von dem Eintritt Christi in die Welt sagt: „Am Anfang war das Wort. Das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort… Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes vom Vater her, voller Gnade und Wahrheit.“ Johannes 1, 1 und 14
Frage: Warum heißt Christus der „eingeborene Sohn“?
Antwort: Weil er die volle und einzigartige Offenbarung des Vaters ist.
Frage: Gibt es nicht auch Offenbarung außer ihm?
Antwort: Gewiß. Wir glauben ja auch an den Vater. Aber Christus ist die Verkörperung und Erfüllung aller Wahrheit Gottes.
Frage: Wie verhält sich dieser Glaube an Christus zu dem Glauben an das gekommene und kommende Reich Gottes?
Antwort: Er ist dafür wesentlich. Das Reich Gottes ist das, was Christus ist, zur vollen Herrschaft über die Welt geworden. Es ist das Reich Gottes als Reich Christi. Und Christus ist seine Bürgschaft.
Frage: Ist ein Unterschied zwischen dem Reiche Gottes und dem Reiche Christi?
Antwort: Für uns nicht. Wir meinen, wenn wir vom Kommen des Reiches Gottes reden, das Reich Christi.
Frage: Unterscheiden wir aber Phasen und Gestaltungen des Reiches Gottes?
Antwort: Ja. Das Reich Gottes entwickelt und gestaltet sich als Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Aber das Reich des Geistes ist die Vollendung und Erfüllung der andern Reiche. Sie gehen darin auf.
Frage: Also sollen wir auf Grund dieses Sachverhaltes das Dogma von der Gottheit Christi bekennen?
Antwort: Nicht das Dogma, wie es besonders auch im Athanasianischen Bekenntnis formuliert, sondern nur seine Wahrheit, wie sie in der Bibel verkündigt ist.
Frage: Was sagt denn die Bibel von der Gottheit Christi?
Antwort: Sie ist das offene Geheimnis des Neuen Testamentes, aber dieses redet zart und zurückhaltend davon, mehr im Gleichnis und in der Wirklichkeit, als in theologischen Formeln. Es ist nicht einmal ganz sicher, ob es das Wort von der Gottheit Christi ausdrücklich braucht. Wir aber sollen ihm darin folgen. Die Formulierung des Dogmas von der Gottheit Christi hat ihre Zeit und ihr Recht gehabt, gegen Heidentum und Judentum, wie gegen ungenügende Formen des Christentums. Es sollte das ausdrücken, was die Theologen „die Absolutheit des Christentums“ nennen, das heißt, das Bekenntnis, daß in Jesus Christus die volle, ewige, unüberbietbare Wahrheit Gottes erschienen sei. Wir sollen die gleiche Wahrheit auf unsere Art, für und gegen unsere Zeit bekennen, in den biblischen Formen, aber auch mit neuen Worten und Bildern wie mit gelegentlichen und zeitweiligen neuen Formeln.
Frage: Wie denn können wir das?
Antwort: Das bloße Dogma zu bekennen ist eine kalte und tote Sache, die keinen Eindruck macht und bloß abstößt. Wohl aber gibt es auch heute Gelegenheit und Pflicht, die Wahrheit von der Gottheit Christi geltend zu machen, sie zu bekennen und davon Zeugnis abzulegen. So gegen den neuen Baal: die Vergottung von Blut und Boden, den Kultus der Rasse. So gegen den neuen Cäsar: die Vergottung des Staates. So gegen alle Gleichschaltung des Menschen. So gegen die Gottheit der Maschine und der Technik. So gegen die Herrschaft des Mammons. So gegen den Moloch des Militarismus. Wenn wir gegen diese Mächte den Menschen, die Seele, den Geist, die Persönlichkeit, das Recht, die Liebe geltend machen, dann bekennen wir heute die Gottheit Christi. Denn das ist sein Geist und seine Wahrheit. Wenn wir gegen alle Verklärung und Vergottung der Natur und Gebundenheit an sie wie gegen jede bloß ästhetische Haltung den Ernst der Sünde und Schuld betonen, so bekennen wir die Gottheit Christi, besser: wenn Sünde und Schuld in ihrem ganzen Ernste den modernen Menschen zum Bewußtsein kommen, dann erkennen sie Christus als Herrn. Wenn wir jener neuen Baal- und Cäsargottheit, wie den andern Götzen unserer Zeit im Namen des Gewissens widerstehen, dann bekennen wir uns zu „Gott in Chriftus“. 2. Korinther 5, 19. Wir haben viel, viel Gelegenheit, heute auf neue Art Christus als unsern Herrn zu bekennen. So ist Gott in Christus unser Herr. Wir anerkennen keinen andern Herrn und Gott.
Frage: Aber was bedeutet: „Der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau?“
Antwort: Das muß man gerade aus diesem Zusammenhang verstehen. Das ist kein kaltes Dogma, über das man theologisch oder gar biologisch grübeln soll – es soll und darf es nicht sein! – sondern eine lebendige, gewaltige Wahrheit: daß in Christus eine Macht des Heiligen erschienen ist, die alle Mächte des Unheiligen durchbricht; daß diese Macht unmittelbar von Gott selbst kommt; daß sie nicht erklärbar ist aus der bloßen Entwicklung oder dem bloßen Milieu; daß sie eine neue Schöpfung ist, ein schöpferisches Wunder. So stellt es das Weihnachtsevangelium dar, das ist sein Sinn. Es verkündet diese Wahrheit im Bild und Gleichnis. Dabei soll man es bewenden lassen. Aber es ist eine fundamentale Wahrheit. Nur weil Christus nicht von dieser Welt ist, kann er die Welt erlösen. Aber auch: Nur weil er in die Welt eingegangen ist, kann er die Welt erlösen. Die Geburt Christi ist die Menschwerdung Gottes. Ein alter Kirchenlehrer sagt: „In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, damit durch ihn der Mensch Gott würde.“ Das ist die wunderbare Botschaft, die noch kaum begriffen wird, aber sichere Wahrheit und Verheißung ist.
Frage: Ich glaube nun die Gottheit Christi zu verstehen; aber wie ist es mit feiner Menschheit?
Antwort: Das ist das große Geheimnis und das große Wunder: Zur vollen Gottheit Christi gehört seine volle Menschheit. Es ist aber auch das große Rätsel von Anfang an. Daran haben sich die Parteien getrennt und tun es noch heute. Die Konzilien haben damit gerungen. Athanasius ist Arius, Cyrillus ift Nestorius entgegengetreten. Dieses Thema geht durch die gesamte Geschichte des christlichen Wesens. Es ist bisher mehr in der Gestalt des Dogmas aufgetreten, aber es wird immer mehr als Zentralproblem des Reiches Gottes klar werden und bedeutet eine unerhörte Perspektive. Die Menschwerdung Gottes ist das Grundthema der Geschichte. Das Kommen des Reiches ist die Erfüllung der Menschwerdung Gottes in Christus, im Menschen und in der Welt: in einer ganzen Christuswelt.
Frage: Und was ist denn der Sinn der Menschheit Christi?
Antwort: Deren Sinn ist vielerlei und einer.
Zuerst: In Christus ist das volle Wesen des Menschen erschienen. Ecce homo: So ist der Mensch. Jesus ist der „Menschensohn“. Er ist der einzige volle Mensch. Durch sein Menschsein offenbart er den Menschen, erlöst er den Menschen, verklärt er den Menschen. Durch sein Menschentum wird er der stärkste Hort aller Humanität. Gott im Menschen Christus heiligt und schützt Gott in jedem Menschen. Im Menschen begegnet uns Gott, in den geringsten seiner Brüder Christus. Gottesdienst wird Menschendienst. Die Liebe zu den unglücklichen, armen, kranken, sündigen, verlorenen Menschen, zu den Ketzern und Proletariern, die „Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist“ (Goethe, Carlyle) geht von Jesus aus, besonders von seinem Kreuz.
Das Zweite aber ist: Durch das Leben Jesu geht Gott in die Welt ein. Das Wort wird Fleisch. Gott ist nicht ein menschenfremder Gott oder vergotteter Mensch wie im Heidentum, aber auch nicht bloß ein menschenerhabener Gott, wie stark im Judentum, er geht in der Fortsetzung Israels und besonders im Sinne von Jesaia 53 in die Welt ein, wird geschichtliche Wirklichkeit, geht bis in die letzten Tiefen der Welt, in Elend, Not, Tod, Hölle. Wir stoßen schon hier auf den Sinn der Worte: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, niedergefahren zur Hölle.“
Es gab damals Leute, die Jesus nur als Gott kennen wollten und das Leben Jesu, besonders aber sein Sterben, für einen bloßen Schein erklärten. Man nannte sie daher Doketen, Scheinlehrer, Scheinbekenner. Ihnen wurde dieser Satz entgegengehalten. Immer wieder, und auch heute geschieht es, daß der Mensch Jesus gegenüber dem Gott Jesus, der Menschensohn gegenüber dem Gottessohn zu kurz kommt. Und immer wieder muß man die Tatsache der Menschheit Christi gegen die Tatsache seiner Gottheit, die Tatsache des Menschensohnes gegen die Tatsache des Gottessohnes geltend machen. Jesus ist Mensch. Ist voller Mensch. Ist unser Bruder. Ist Gott als Mensch. Ist Gott als Wirklichkeit. Ist Gott als Geschichte. „Gelitten unter Pontius Pilatus und gekreuzigt.“
Frage: Aber wie verhalten sich diese beiden Wahrheiten der Gottheit und der Menschheit Christi zueinander?
Antwort: Das ist das alte Rätsel und Problem. Ich komme damit zum Dritten. Die Menschheit Christi bekennen, heißt: Nur durch die Menschheit Christi gelangen wir zu seiner Gottheit. „Wer mich siehet, der siehet den Vater.“ Wir müssen auf Jesus sehen, wenn wir den Vater erkennen wollen, müssen seine Worte hören und auf seine Taten schauen. Wir müssen die Gotteswahrheit seiner Rede spüren. Wir müssen in seinen Taten die Gotteskraft erfahren. Wir müssen ihn sehen in seiner absoluten Wahrheit, seiner absoluten Reinheit, seiner absoluten Treue, seinem absoluten Gehorsam, seiner absoluten Liebe. Wir müssen ihn sehen in seinem Leben, seinem Leiden, seinem Sterben – zunächst darin – und wir müssen den Weg gehen, den er selber weist: „Meine Rede ist nicht meine, sondern des, der mich gesandt hat. So jemand will des Willen tun, der wird erfahren, daß ich von Gott bin und nicht aus mir selber rede.“ Johannes 17, 14-18 Der wird erkennen, daß er der Weg ist, die Wahrheit und das Leben; der wird anbetend niedersinken und sprechen: „Mein Herr und mein Gott.“ Johannes 20, 18
Das ist der Weg von der Menschheit zur Gottheit Christi. Das Leben Jesu muß an die Stelle des Dogmas treten, das Reich an die Stelle der Religion. Und nur in der Nachfolge Christi kann man die Gottheit Christi verstehen.
Frage: Wie verhält sich der Glaube an das Reich Gottes zur Menschheit Christi?
Antwort: Der Glaube an das Reich Gottes ist immer auch der Glaube an das Reich des Menschen. Beides gehört von Anbeginn zusammen. Jesus der Menschensohn aber schafft den Menschen. Was in ihm erscheint: Gott als Vater, der Mensch als Kind, Sohn und Bruder, der unendliche Wert der Seele, die Freiheit, die Liebe, die Solidarität im Tragen der Last und besonders der Last der Schuld, aber auch in der Erlösung, die Freiheit und Gleichheit vor Gott und in Gott, das Recht des Schwachen und Geringen, der Kampf gegen Mammon, Gewalt und Religion (falsche Religion), der unbedingte Glaube an die Macht Gottes, das Heilandstum, das Kreuz, das offene Grab – das alles sind die Grundwahrheiten und Grundkräfte des Reiches Gottes. Auf sie vertrauend, auf den vertrauend, in dem sie verkörpert sind, glauben wir an dasselbe.
Frage: Gibt es nicht auch einen Weg von der Gottheit Christi zu seiner Menschheit?
Antwort: Gewiß. Auch in diesem Sinne gehören beide zusammen und bilden eine Einheit. Nur von seinem Verhältnis zu Gott, seinem Herrn und Vater, aus verstehen wir das Wunder der Menschlichkeit Jesu. Wir müssen etwas von Gott verstehen, dem Herrn und Vater, um die gesamte Erscheinung Jesu zu verstehen. Gerade wie wir umgekehrt Gott nur verstehen können, wenn wir Jesus verstehen. Es besteht darin Wechselwirkung.
Frage: Wie ist es mit den Geheimnissen des Verhältnisses zwischen der Gottheit und der Menschheit Christi?
Antwort: Die brauchen wir nicht zu kennen. Es genügt, was wir darüber gesagt haben. Der große Fehler des Dogmas war, sie formulieren zu wollen. Das Reich und die Nachfolge bedeuten allein das rechte Verständnis dessen, was das Wort meint: „Gott war in Christus“, aber auch: Gott war in dem Menschen Jesus.
Frage: Ist der Mensch aber fähig, die Gottheit in sich zu fassen? Ist er dafür nicht zu klein? Ich stelle als Jünger Christi die Frage der Juden.
Antwort: Man darf den Menschen nicht zu klein machen, bevor man diese Frage stellt. Der Mensch ist eben etwas Großes, ja das Größte: Gottes Ebenbild, Kind und Sohn. Sollte der Sohn nicht den Vater fassen und verkörpern können? Es ist der verkehrte Weg, vom Menschen aus Christus zu messen, man muß von Christus aus den Menschen messen. Christus offenbart ja den Menschen. Er ist der Mensch. Wie sollte denn der Mensch nicht Gott fassen können?
Frage: Wie ist denn aber das Verhältnis zwischen Christus und uns? Ist sein Wesen, die Verbindung von Gottheit und Menschheit, nicht einmalig?
Antwort: Nein; sie soll auf uns übertragen werden. Wir sollen durch ihn Söhne Gottes werden. Wir sollen wie Christus werden. Der Apostel redet von „vielen Brüdern“ Christi.
Römer 8, 29
Frage: Gehört zur Gottheit Christi auch die Macht Gottes? Die ist doch Sache des Vaters?
Antwort: Vater und Sohn sind nicht getrennt. Die Macht Gottes kommt in Jesu Taten zur Erscheinung, wie die Weisheit Gottes in seiner Rede und die Herrschaft Gottes in seiner Königswürde. Das was in Christus erscheint, hat die Macht Gottes.
Frage: Wo aber bleibt denn der Unterschied?
Antwort: Beim Sohne erscheint Gottes Macht im Gewande der Niedrigkeit, der Demut, der Selbstverleugnung, im Leiden, im Kreuz. Gottes Macht und Herrlichkeit schimmert bloß durch, tritt als „Zeichen“ (= Wunder) hervor. Der Vater offenbart sich im Sohne, die Gottheit in der Menschheit. So ist es vorläufig. „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, niedergefahren zur Hölle.“
Frage: Warum heißt es: „Gelitten unter Pontius Pilatus?“ Hat Christus nicht auch vorher schon gelitten? Und nicht auch unter Andern?
Antwort: Gewiß. Das Bekenntnis will das nicht leugnen. Es will bloß mit dem Pontius Pilatus gegen jene Scheintheorie (den Doketismus) betonen, daß das Leiden Jesu eine realistische, geschichtliche Tatsache sei. Aus dem gleichen Grunde wird auch hinzugefügt: „Gestorben und begraben.“ Auch der heidnische Mythus weiß von einem leidenden Gott, aber auch hier gilt: „Das Wort ward Fleisch.“ Gott hat als Mensch wie wir, als unser Bruder, gelitten, inmitten der Geschichte, in deren Zentrum das Kreuz auf Golgatha ragt. Das ganze Wirken Jesu ist mit Leiden verbunden, es ist Passion, aber diese konzentriert und vollendet sich im Kreuz. „Gelitten und gekreuzigt.“
Frage: Was bedeutet das „Gekreuzigt“?
Antwort: Das Kreuz ist der Höhepunkt der Menschwerdung Gottes, gerade weil es in die letzte Tiefe der Erniedrigung führt. Es ist nicht nur das Zentrum der Geschichte, sondern auch ihr Wendepunkt. Am Kreuze wird die Welt besiegt durch Gott, das Weltreich durch das Gottesreich. Denn am Kreuze wird Gott voll offenbar in seiner verbundenen Heiligkeit und Liebe. Am Kreuze wird Gott offenbar als anders denn die Welt. Am Kreuze wird Gott offenbar als Richter und Erlöser. Am Kreuze werden die Dämonen besiegt und der Fürst dieser Welt seiner Macht beraubt. Am Kreuze wird der Bann des Schicksals gebrochen. In der Ohnmacht Gottes offenbart sich seine Allmacht. Alle Mächte der Welt und der Hölle sind am Kreuze besiegt. Vor dem Kreuze stürzen die Götzen. Vor ihm zerbricht auch das Hakenkreuz wie das Liktorenbündel. Der Sieg strömt aus Gottes Heiligkeit, die am Kreuze voll offenbart wird, aber er strömt noch mehr aus seiner Liebe, welche die Vollendung seiner Heiligkeit ist. Vom Kreuze kommt als höchste Gabe die Vergebung der Schuld. Am Kreuze wird das Wort des Propheten Jesaja vom stellvertretend leidenden Gottesknecht erfüllt: „Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Vgl. Jesaja 53.
Frage: Kann Einer für den Andern leiden?
Antwort: Das stellvertretende Leiden ist die heiligste der Ordnungen Gottes. Das leugnet bloß ein falscher Individualismus. Das Kreuz ist der tiefste Ausdruck des Sozialismus, aber es begründet erst recht auch den wahren Individualismus. Das Kreuz, das heißt die Ordnung, die es verkörpert: das Tragen der Last des Andern, seiner Schwachheit, seines Schicksals, seines Leides, seiner Schuld, ist die innerste Bindung von Mensch zu Mensch, aber das Kreuz ist auch die stärkste Kraft des Widerstandes des auf Gott stehenden Einzelnen gegen die Welt. Das Opfer ist die Erlösung; das schuldlose Blut tilgt die Schuld.
Frage: Erklärt man nicht auch, Christus habe durch seinen Tod am Kreuze die Welt mit Gott versöhnt? War denn solche Versöhnung nötig? Ist Gott nicht die Liebe und bleibt es auch gegen den Schuldigen?
Antwort: Gewiß. Aber er ist und bleibt auch die Gerechtigkeit; er ift die heilige Liebe. Er kann die Vergebung nur dem geben, der das Gericht Gottes anerkennt. Eine andere Vergebung wäre auch für den Schuldigen ohne Wert. Denn die Schuld ist, wie die Verpflichtung, unendlich.
Frage: Wie kann sie denn von uns getilgt werden, wenn sie unendlich ist?
Antwort: Das kann sie eben nicht. Gott selber muß für uns eintreten. Das tut er in Christus. Das tut er am Kreuze Christi. Das gehört zu dessen Sinn und Geheimnis. Er tut es durch seine unendliche Liebe, die aber verbunden ist mit seiner unendlichen Heiligkeit. Darum können wir, als Schuldige, nur mit dem Kreuze vor Gott treten. Darum wird Gott mit uns nur durch das Kreuz versöhnt. Darum erlischt nur am Kreuze sein Zorn. Darum ist Bedingung der Vergebung und Versöhnung die Buße, im Vollsinn des Wortes, die Umkehr, und ihre Frucht die Heiligung.
Frage: Darf man von einem Zorn Gottes reden? Ist Zorn nicht eine menschliche und unheilige Sache?
Antwort: Die ganze Bibel redet vom Zorn Gottes, nicht nur das Alte Testament. Seien wir nicht päpstlicher als der Papst. Es gibt auch einen göttlichen Zorn; es gibt auch einen heiligen Zorn.
Frage: Und was bedeutet denn der Zorn Gottes?
Antwort: Der Zorn Gottes bedeutet den Abgrund, den die Schuld zwischen Gott und den Menschen aufreißt; er ist ein Ausdruck für die Furchtbarkeit der Schuld. Ihn aus Gottes Wesen wegtun wollen, hieße diese Furchtbarkeit der Schuld abschwächen, hieße die Kluft zwischen Gut und Böse verhüllen, hieße eine falsche Liebe und einen falschen Frieden befürworten. Das ist eine große Gefahr.
Frage: Man redet auch von der Versöhnung durch das Blut Christi: Was kann das bedeuten?
Antwort: Das Blut ist das stärkste Symbol für das Opfer Christi. Man soll damit aber nicht spielen.
Frage: Wird das Kreuz nicht Gegenstand vielfachen und schweren Mißbrauchs?
Antwort: Gewiß – aber was wird nicht mißbraucht? Mißbrauch des Kreuzes bedeutet nicht bloß die Spielerei mit demselben oder gar die Entstellung und Verkehrung desselben durch jene Nachahmung, die eine Umkehrung wird, oder daß man es zu einem Symbol und einer Sanktion weltlicher Dinge macht, die gerade durch das Kreuz gerichtet sind, sondern auch, daß man Kreuz nennt, was nach dem ursprünglichen Sinn gar nicht Kreuz ist: etwa Krankheit, Armut, Familienunglück und Aehnliches.
Frage: Was darf man denn Kreuz nennen?
Antwort: Kreuz im echten, ersten, ursprünglichen Sinne darf man nur das Leiden um der Wahrheit willen nennen, so wie Christus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Matthäus 16, 24 Es gibt Kreuz nur in der Nachfolge Christi.
Frage: Gibt es noch andern Mißbrauch des Kreuzes?
Antwort: Es gibt noch einen sehr viel wichtigeren: er besteht darin, daß man das Kreuz zum Ruhepolster macht. Man nimmt die Gabe des Kreuzes an, aber man läßt sie nicht zur Aufgabe werden, sondern ruht eben darauf aus. „Christus hat genug getan – das gilt es zu glauben. Was ist weiter nötig?“ Daraus entsteht eine furchtbare Verderbnis der Sache Christi. Damit wird das Kreuz, das höchste Zeichen der Hingabe, zur Sanktion des schlimmsten Egoismus. Aber das Kreuz wird damit auch entkräftet. Echtes Kreuz gibt es nur, wo man im Dienste des Reiches Gottes darauf stößt. Und nur durch die Aufgabe des Kreuzes erfährt seine Gabe ihren vollen Wert.
Frage: Dürfen Leiden, die nicht direkt mit dem Reich und der Nachfolge zusammenhängen, wie Krankheit, Armut, Familienunglück auf keine Weise in eine Beziehung zum Reiche Gottes und zum Kreuze Christi gebracht werden?
Antwort: Doch, sie können und sollen das sogar. Nur soll man nicht von Kreuz reden, wo diese Beziehung fehlt.
Frage: Was bedeutet die Lehre von der „Rechtfertigung aus dem Glauben allein“?
Antwort: Sie ist neben der alleinigen Autorität der Bibel sozusagen das Zentraldogma des Protestantismus, das sich zu dem alten trinitarischen Dogma gesellt. Ihr Sinn ist, daß nicht unsere Werke oder die Zugehörigkeit zu einer Institution (der Kirche) uns zu dem rechten Verhältnis zu Gott bringen und im Besonderen die Vergebung der Schuld gewiß machen können, sondern allein die im Vertrauen (im „Glauben“) angenommene in Jesus Christus offenbare Liebe Gottes. Die Gefahr dieser Lehre, deren Wahrheit zum Kern und Stern des Evangeliums gehört, besteht darin, daß sie, in Einseitigkeit und Schablonenhaftigkeit entartend, das Tun des Menschen aus dem Zentrum des Verhältnisses zu Gott ausschließt, zu einem falschen Individualismus, ja sogar religiösen Egoismus und zu jenem Ruhepolster wird. Sie hat nur im Gesamtzusammenhang der Wahrheit des Reiches Gottes ihre eigene Wahrheit.
Frage: Ist es wichtig und nötig, über das Kreuz Christi und besonders die dadurch verwirklichte Versöhnung mit Gott eine richtige Lehre zu haben?
Antwort: Nein; das ist nicht nötig und nicht wichtig, sondern eher bedenklich. Nötig und wichtig ist bloß ein rechtes Verständnis des Kreuzes, aber dieses muß nicht intellektueller Art sein, nicht theologischer oder gar philosophischer Art, es soll vielmehr ein Verständnis des Herzens und des Gewissens sein. Jede ausgearbeitete Theologie des Kreuzes wird zu einer schweren Gefahr, und die Gefahr ist um so schwerer, je raffinierter eine solche Theologie ist. Es wird dadurch allzuleicht von dem Felde der Tat, auf dem allein es Kreuz gibt, auf das Feld der Theorie abgelenkt, auf dem sich das Kreuz verflüchtigt. Auch hier gilt die Weisung: „Trachtet am Ersten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit – dann werdet ihr von selbst dem rechten Kreuze begegnen, seiner Aufgabe wie seiner Gabe, und werdet ihr auch das rechte Verständnis für seinen Sinn bekommen.“ Das gilt von der ganzen Lehre von Christus, der sogenannten Christologie.
Frage: Noch eine Frage: Ist die Welt denn erlöst? Es herrschen darin doch noch die Dämonen und ihr Fürst?
Antwort: Sie herrschen nicht mehr; sie sind geschlagen. Erst jetzt kann man vom „argen Fürsten dieser Welt“ sagen: „Das macht, er ist gericht, Ein Wörtlein kann ihn fällen.“ Der Sieg ist am Kreuze erfolgt, seine Erfüllung und Ausgestaltung ist weitergegangen und geht noch weiter bis zur Vollendung des Reiches Gottes. Auch die Erlösung ist noch nicht fertig. Jesus hat erlöst und erlöst weiter, den Einzelnen und die Welt. Wie wir gezeigt haben.
Frage: Was heißt das „Niedergefahren zur Hölle“?
Antwort: Es hat einen tiefen Sinn und sollte mehr bedacht werden. Es bedeutet: Die erlösende Wirkung des Kreuzes reicht bis in die Tiefen der Hölle hinunter. Der einzelne Mensch und die ganze Menschheit können nun in keine Hölle mehr geraten, ohne daß das Kreuz ihnen Zeichen der Rettung würde. Es gibt keine Höllen mehr, die nicht besiegt werden können und sollen durch die Kraft Gottes, durch seine Heiligkeit und Liebe, die am Kreuze offenbar geworden sind. Christus sprengt alle Höllentore auf und löst jede Verdammnis – er hat es getan und tut es fort und fort – auch durch seine Jünger. Keine Macht der Welt und der Hölle kann uns mehr von Gott trennen. Durch das Kreuz erst „bin ich gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch irgend welche Mächte, weder Höhe noch Tiefe noch irgend eine andere Kreatur uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn“. Römer 8, 18-39.
Weil die „Höllenfahrt Christi“ diesen Sinn hat, so gehört dazu, daß Jesus selbst gerade am Kreuze die ganze Macht der Hölle erfahren habe. Das ist in der Tat geschehen. Er hat in seiner Passion alle Mächte der Hölle erduldet: den Hohn und Spott der Welt wie der Religion, Schwachheit, Verleugnung und Verrat der Jünger, scheinbare Niederlage seiner Sache, und als Schlimmstes das Verlassensein von Gott. Weil er das durchgemacht hat, darum reicht das Kreuz in alle Tiefen der Menschen- und Geisterwelt. Christus geht aber in diese Tiefen nicht als Besiegter, sondern als Sieger. Und seine echten Jünger und Jüngerinnen gehen mit ihm.
Aber das Wort kann auch noch ein Zweites bedeuten. Man hat von alters her Christus in die Unterwelt (Was wir mit „Hölle“ übersetzen und meinen, heißt im Griechischen oft einfach „Hades“ und im Lateinischen „Infernum“, und beides heißt zunächst bloß „Unterwelt“) steigen lassen, um dort auch den abgeschiedenen Seelen derer vor ihm die Erlösung zu verkündigen. Damit wollte man einmal den Glauben ausdrücken, daß Christus auch die Erfüllung der Sehnsucht des Heidentums so gut wie Israels sei und zugleich den damit verbundenen, daß die Erlösung des Reiches Allen – wir dürfen auch sagen Allem – verheißen und angeboten sei, auch der unerlösten Natur, daß Alle und Alles aus dem Tode in das Leben, aus dem Dunkel in das Licht, aus der Schwachheit in die Kraft, aus dem Schatten in die Wirklichkeit, aus der Verheißung in die Erfüllung, aus dem Anfang in den Fortgang und die Vollendung gerufen werden – daß die Erlösung die ganze Schöpfung ergreift und erneuert, so wie es der Apostel in Römer 8 verkündet: daß auch die Schöpfung erlöst werde aus der „Eitelkeit“ und daß das ängstliche Harren der Kreatur auf das Hervortreten der Freiheit und Herrlichkeit der Söhne Gottes gerichtet sei.
Frage: Steht das Wort von der Höllenfahrt Christi auch in der Bibel?
Antwort: Ja. Im ersten Petrusbrief 3, 19. und 4, 6. Aber das, was sie sagen will, entspricht auch dem ganzen Geist der Bibel und besonders dem Geiste Christi. Es ist ein notwendiger Teil der Verheißung des Reiches Gottes.
Frage: Aber ist denn das Kreuz und die Höllenfahrt das letzte Wort?
Antwort: Wir sind ja schon über das Kreuz hinausgedrungen! Das letzte Wort ist das offene Grab: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten.“
Frage: Kann man das glauben?
Antwort: Es ist ein hohes Wunder. Nicht umsonst heißt es vorher: „Gestorben, begraben.“ Es war scheinbar alles aus. Aber die rechte Hand der Allmacht Gottes hat alles gewendet.
Frage: Wie komme ich dazu, dieses Wunder zu glauben? Was sagt die Wissenschaft dazu? Sind nicht die biblischen Berichte über die Auferstehung Jesu im Widerspruch zueinander?
Antwort: Darauf ist zu antworten: Diese Verschiedenheit der Berichterstattung hat bei der geheimnisvollen Art dieses Ereignisses nichts zu bedeuten und ist übrigens fast selbstverständlich. Diese Berichte sind kein historisches Protokoll – gottlob! – sollen und können es nicht sein. Die Wissenschaft kommt überhaupt in bezug auf dieses Problem, wie in allen letzten Dingen, zu keinem Ja oder Nein. Sie ist dafür auch nicht kompetent. Es ist eine Sache des Glaubens, gerade wie die Schöpfung der Welt durch Gott eine solche ist. Doch würde die ganze Geschichte der Sache Christi sinnlos ohne die Tatsächlichkeit des offenen Grabes. Was aber das Glaubenkönnen betrifft, so ist zu antworten: Du kommst nicht dazu, wenn du bloß auf den Stein blickst, der das Grab Christi verschließt und das Wunder, durch das er weggewälzt wird, allein und für sich anschaust. Dann wird es zum bloßen Mirakel, zum Märchen, wie auch die Jünger zuerst meinten. Du mußt auch auf den ganzen Christus blicken, auf seine Menschheit und Gottheit. Du mußt auf das Kreuz blicken; sein Sieg über die Welt ist auch Sieg über den Tod, das offene Grab ist nur die Fortsetzung des Kreuzes. Du mußt auf das ganze Reich Gottes schauen, das ein Reich des Lebens ist. Du mußt auf den allmächtigen Gott schauen, der das Wunder tun kann. Du mußt auf den lebendigen Gott schauen, dessen größte Tat die Wegwälzung des Steines vom Grabe Christi und damit von jedem Grabe ist. Dann wird dir der Glaube an das offene Grab leicht, ja fast selbstverständlich.
Frage: Was heißt das: „Von jedem Grabe“?
Antwort: Das ist wichtig. Man darf ja nicht vergessen, daß auch die Auferstehung Christi nicht bloß ein einmaliges, in der Vergangenheit geschehenes Ereignis ist, sondern ein fortgehendes: Sie ist überhaupt Auferstehung – Auferstehung alles Toten zum Leben, Sieg Gottes über alle Mächte der Welt und Hölle. Sie ist ein Bestandteil unseres täglichen Glaubens. Auf sie gestützt geben wir nichts verloren. Auf sie gestützt glauben wir an jeden Sieg des Rechtes über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge, des Geistes über die Gewalt, der Freiheit über die Knechtschaft, der Menschlichkeit über die Unmenschlichkeit. Auf sie gestützt glauben wir an die Auferstehung alles Zertretenen und Getöteten, seien es Sachen, seien es Menschen, seien es Einzelne, seien es Völker. Durch die Bresche des offenen Grabes, die das Kreuz Christi geschlagen hat, dringt ein unendlicher Strom von Auferstehung und Leben in die Welt. Das ist Ostern und der Osterglaube. So allein versteht man die Bedeutung der Auferstehung Christi. So wird das offene Grab der Weg in das Reich Gottes. So geht im lebendigen Gott aller Tod unter. So wird Christus die Auferstehung und das Leben. Er spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Johannes 14, 19.
Frage: Warum heißt es noch besonders: „Am dritten Tage“ auferstanden? Diese geschichtliche Einzelheit gehört doch nicht in ein Bekenntnis?
Antwort: Das ist nicht ohne Sinn. Einmal soll damit auch wieder die Konkretheit und Tatsächlichkeit dieses Ereignisses hervorgehoben werden. Aber noch ein anderer, nicht weniger wichtiger Sinn liegt darin. Es bedeutet: Zwischen Tod und Auferstehung schiebt sich Zeit ein. Man muß warten, muß in Glauben und Hoffnung ausharren. Man darf nicht verzagen, auch wenn es lange dauert oder zu dauern scheint. Es heißt: „Gestorben, begraben“, aber es heißt auch: „Schneller als wir gedacht, kann sich alles wenden. Ueberraschend kommt das Wunder. Tod und begraben – heute – und siehe: nach drei Tagen auferstanden.“ Glaube an die drei Tage! Gott verleugnet sich nicht. Gott lebt. Gott regiert. Christus lebt. Christus herrscht. Denn es heißt ja weiter: „Aufgefahren zum Himmel, sitzend zur Rechten der Kraft Gottes.“
Frage: Was heißt das?
Antwort: Das heißt eben, daß der in der Auferstehung Christi geschehene Sieg weitergeht und zur Herrschaft Christi über die Welt wird. Himmelfahrt bedeutet ja die Königsherrschaft Christi.
Frage: Bedeutet es nicht den Glauben an den Himmel?
Antwort: Gewiß. Aber nicht bloß den Glauben an ein Jenseits des Grabes. Das ist nicht biblisches Denken. Die Bibel kennt nicht eine Unsterblichkeit der Seele, sondern eine Auferstehung. Das „Auffahren zum Himmel“ bedeutet vielmehr den Sieg des Himmels über die Erde. Es bedeutet, daß das, was in Christus erschienen ist, noch einmal die Welt beherrschen wird. Denn es ist die Kraft Gottes. Es ist Gottes letzter Wille. Es ist das Ziel der Geschichte. Es ist geschehen und wird geschehen. Es geschieht heute. „Von nun an werdet Ihr mich sitzen sehen zur Rechten der Kraft Gottes und kommen auf den Wolken des
Himmels“ Matthäus 26, 64 hat Christus selbst vor dem Hoherat gesagt. Er kommt heute auf den Wolken der Weltkatastrophe. Er wird der König der Menschheit sein. Er hat das letzte Wort.
Frage: Was bedeutet: „Von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.“
Antwort: Das bedeutet: Die Welt wird gerichtet durch das, was in Christus erschienen ist. Darauf kommt es letzten Endes an. So zeigt es das Gleichnis vom Weltgericht. Es kommt darauf an, ob im Menschen Gott geehrt wird, vor allem im schwachen, leidenden, verfolgten Menschen, in dem geringsten der Brüder Christi. Darnach werden auch die Völker gerichtet, wie die Einzelnen. Es gibt ein Gericht. Die Völker dürfen, wie die Einzelnen, nicht tun, was sie wollen. Sie müssen bezahlen. Gott läßt seiner nicht spotten. Es waltet über der Welt Gottes heiliges Recht: das Recht des Menschen. Es waltet über der Welt Christi heiliges Recht: das Recht des Bruders. Es kommt auf die Liebe an. Sie ist der rechte Gottesdienst. Hüte dich, Welt, hüte dich, Volk. hüte dich, Mensch, gegen sie zu sündigen! Gott richtet in Christus – richte dich nach ihm!
Frage: Richtet Christus erst am Ende der Tage?
Antwort: Er richtet alle Tage, aber es gibt auch besondere Gerichtstage – wir haben heute einen solchen! – und gibt irgendwie ein letztes Gericht.
Frage: Aber was bedeutet, daß er auch die Toten richte? Bedeutet es, daß er am Eingang des Jenseits steht?
Antwort: Es bedeutet vielmehr, daß das Gericht Christi sich auch auf die Vergangenheit erstreckt. Sein Glanz fällt in alle Tiefen der Zeit. Es gibt auch in diesem Sinne Auferstehung. Die Vergangenheit ändert sich in dem Maße, als das immer hellere Licht der Wahrheit auf sie fällt. Dieses Licht aber wird zum Gerichte. Es gibt Revision. Die Weltgeschichte wird zum Weltgericht. Aber es entscheidet sich überhaupt an Christus, was in das Reich des Lebens eingeht oder was dem Tode verfällt.
Frage: Gibt es auch ewige Verdammnis?
Antwort: Alles, was Christus widerspricht, vergeht und versinkt. Mehr wissen wir nicht. Er aber will Leben und Seligkeit für Alle. Die „Hölle“ der landläufigen Vorstellung kann auf alle Fälle nur ein Sinnbild sein. Wo Gott ist, da ist – in Abstufungen – der Himmel, wo Gott nicht ist, da ist – in Abstufungen – die Hölle, beides im Diesseits und im Jenseits. Gott aber will Rettung und Sieg über Alle und Alles.
Frage: Ist das Kommen auf den Wolken des Himmels das, was man gewöhnlich die Wiederkunft Christi nennt?
Antwort: Das ist ein falscher Ausdruck. Es handelt sich nicht um das Wiederkommen, sondern um das Kommen Christi. Das Wort für das, was man damit meint, heißt im Neuen Testament „Anwesenheit“ (Parusie). Es bezeichnet das völlige Kommen Christi und die völlige Entfaltung des in seinem Kommen Erschienenen. Christus ist immer im Kommen, aber er kommt einmal ganz.
Frage: Wie hat man sich das weitere und endgültige Kommen Christi zu denken?
Antwort: Einfach als fortschreitenden Sieg Christi bis zur Vollendung.
Frage: Also nicht bloß als einen einmaligen Durchbruch, sondern als eine Entwicklung?
Antwort: Als beides, bis auf den letzten und endgültigen Durchbruch hin.
Frage: Wird in diesem Kommen Christi bloß sein Reich hervortreten und nicht auch seine Person?
Antwort: Wie könnte sein Reich hervortreten ohne seine Person? In einer Christuswelt wird Christus immer mehr und zuletzt ganz offenbar werden. Das können und sollen wir willen, alles Uebrige ist müßige Neugier.

C. D e r  H e i l i g e  G e i s t.
Zum Reich des Vaters und zum Reich des Sohnes gehört das Reich des Heiligen Geistes. Es heißt: „Ich glaube an den Heiligen Geist.“
Frage: Was bedeutet der Heilige Geist?
Antwort: Er bedeutet die Kraft, die vom Vater und vom Sohne ausgeht und die Welt erneuert. Er ist in diesem Sinne der Schöpfer-Geist, der Creator Spiritus. Er ist es, der das Reich Gottes, welches das Reich Christi geworden ist, vorwärts und zu Ende führt. Er ist Gott als lebendiger Gott, als lebendiger Christus. Aus ihm quillt das Wunder. Aus ihm kommen die Erscheinungen, von denen Pfingsten berichtet: Flammen, Wahrheitsrede, Eroberung der Geister. Aus ihm die Gnadengaben (Charismen), von denen Paulus und die Apostelgeschichte zeugen. Um ihn sollen wir bitten. An ihn sollen wir glauben; wir glauben zu wenig an ihn. Die Christenheit glaubt zu wenig an ihn.
Frage: Was bedeutet der Paraklet – der Tröster – im Johannesevangelium, vom 14. bis 17. Kapitel?
Antwort: Er bedeutet, nach Christi eigenem Wort, daß in Christus, wie er geschichtlich war, nicht alle in ihm beschlossene Wahrheit schon hervorgetreten ist, weder in der Rede, noch in der Tat, daß noch ungeahnte Wahrheit aus ihm hervortreten wird, daß die Jünger sogar größere Taten tun werden als der Meister selbst; daß es in diesem Sinne immer neue Wahrheit und Kraft geben wird; daß auch die Offenbarung nicht fertig ist. Es tauchen in der Geschichte Probleme auf, die im Zeitalter Jesu noch nicht bestanden, für die er nichts sagen konnte, weil man es noch nicht hätte fassen können. Jedes Zeitalter hat, in diesem Sinne, für seine Probleme neue Offenbarung nötig, ja sogar jeder einzelne Mensch hat sie für sich nötig. Und sie wird gegeben. Die Offenbarung ist ein unerschöpflicher Born.
Frage: Ist das nicht eine kühne, ja revolutionäre Sache?
Antwort: Ja, sie ist es. Der Heilige Geist ist die große Revolution der Welt. Das Wort Jesu: „Ihr könnt es jetzt noch nicht fassen“, bedeutet wohl auch, daß die Jünger noch nicht reif wären für gewisse letzte Höhen, Freiheiten und Kühnheiten der Wahrheit des Reiches.
Frage: Soll die Wahrheit Gottes sich ganz allein fortpflanzen oder kann und soll der Mensch dazu mitwirken?
Antwort: Er kann und soll mitwirken.
Frage: Wie kann er es?
Antwort: Durch das Gebet und die Tat. Durch die Nachfolge.
Frage: Aber ist es nicht Gott allein, der sein Reich herbeiführt? Kann der Mensch es schaffen?
Antwort: Das Reich kommt von Gott allein, aber der Mensch kann und soll dreierlei: Er kann und soll darauf warten; er kann und soll darum bitten; er kann und soll sich ihm zur Verfügung stellen. Ohne das kann das Reich nicht kommen, es will aber kommen in dem Maße, als das geschieht.
Frage: Gilt dies bloß vom einzelnen Menschen?
Antwort: Es gilt vor allem von der Gemeinde. Darum heißt es: „Ich glaube an eine heilige, umfassende (katholische) Gemeinde Christi.“
Frage: Was bedeutet das?
Antwort: Das bedeutet: Es muß eine Gemeinschaft da sein, welche das Reich Gottes als Verheißung und Aufgabe übernimmt.
Frage: Warum sagen Sie „Gemeinde Christi“? Heißt es denn nicht „eine heilige allgemeine – oder auch katholische – Kirche“?
Antwort: Kirche ist die Uebersetzung des lateinischen Wortes ecclesia, das selbst aus dem Griechischen stammt und dort durchaus nur „Gemeinde“ heißen kann. So müßte man überall im Neuen Testamente lesen.
Frage: Warum liest man denn nicht immer so? Warum denn „Kirche“?
Antwort: Das ist so geschehen, weil man von der Jüngergemeinde Jesu und ihrer Fortsetzung, der apostolischen Gemeinde, abgekommen ist, in die bloße Religion hinein.
Frage: Aber was ist denn der Unterschied?
Antwort: Der Unterschied ist fundamental. Kirche ist da, wo Lehre, Glaube, Gottesdienst, Frömmigkeit eine Sache an sich werden, die man um ihrer selbst willen, oder um der bloßen menschlichen Bedürfnisse, Triebe, Leidenschaften willen pflegt, wo sie also Religion werden; Gemeinde ist, wo es die Sache Gottes ist, die man sucht und deren ganzer Inhalt in das Wort „Gerechtigkeit“ gefaßt wird. Die Propheten und Reformatoren aller Zeiten, vor allem Christus selbst, kämpfen darum für Gott gegen die Religion und für die Gemeinde gegen die Kirche. Das Neue Testament will die Gemeinde. Ihr gilt die Verheißung, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen. Matthäus 16, 18. Der echte Dienst Gottes aber ist Menschendienst in der Liebe, ist Dienst am Reiche Gottes.
Frage: Soll man denn die Kirche und die Kirchen verlassen oder zerstören?
Antwort: Christus sagt: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Matthäus 5, 17. Die Kirche soll sich in die Gemeinde auflösen, deren Inhalt und Ziel also nicht die Religion, sondern das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit ist. Von der Kirche, wenn möglich durch die Kirche hindurch, soll es ins Reich Gottes gehen, durch Entwicklung und nur wo diese nicht möglich ist durch Bruch.
Frage: Und wie ist es mit dem Gottesdienst? Soll kein Kultus sein?
Antwort: Gottesdienst ist der Dienst an Gott, am Menschen, an allem, der überall und allezeit stattfindet; Kultus aber soll ein Symbol des Gottesdienstes sein. Er soll nicht diesen Dienst ersetzen, sondern ihm dienen, ihm sinnlichen Ausdruck verleihen und ihn damit stärken.
Frage: Was ist es mit den Sakramenten?
Antwort: Sie bedeuten ein Geheimnis des Reiches Gottes: im Reiche Gottes will sich der Geist mit der Materie vermählen und so ein Neues schaffen. Darauf weist das Sakrament hin. Die einzelnen Sakramente sind Ausdruck dieses Elementes. Die Taufe ist das Sakrament des Einzelnen, das Abendmahl das der Gemeinschaft.
Frage: Ist die Kindertaufe die richtige Form der Taufe?
Antwort: Sie ist nicht die Form der ältesten Gemeinde und überhaupt nicht die, welche der Gemeinde des Reiches Gottes entspricht; denn in diese gelangt man nicht durch die erste Geburt, sondern durch die zweite Geburt, durch Ruf und Entschluß.
Frage: Soll man also die Kindertaufe durch die Erwachsenentaufe ersetzen?
Antwort: Das ist eine Aufgabe, aber auch sie kann und soll nicht auf bilderstürmerische Weise gelöst werden.
Frage: Können die Sakramente nicht auch wegfallen?
Antwort: Die Sakramente können vielleicht wegfallen, aber nicht das Sakrament. So ist es bei den Quäkern. Bei ihnen werden die einzelnen Sakramente ersetzt durch das „Sakrament des Lebens“. Das Reich Gottes läßt das Unsichtbare sich im Sichtbaren darstellen; es verbindet das Aeußere und das Innere; es heiligt die Materie durch den Geist und schafft daraus ein Neues. Die Wahrheit des Sakramentes wartet aber auch auf eine neue Offenbarung.
Frage: Es heißt: Ich glaube an eine heilige, umfassende („katholische“) Gemeinde Christi. Was bedeutet das?
Antwort: Das „Katholisch“, ein griechisches Wort, bedeutet: aufs Ganze gerichtet, für das Ganze geltend, nach dem Ganzen hin orientiert, also so viel als „universell“ oder „umfassend“, „allgemein“. Sich in diesem Sinne zur „katholischen“ oder „universellen“ Gemeinde bekennen, bedeutet: Es sollte eigentlich nur eine einzige, umfassende (katholische) Gemeinde Christi geben. Der Bekennende aber erklärt: „Daran glaube ich, über alle Unterschiede von Religionen und Konfessionen hinweg, und dafür arbeite ich.“ In diesem Sinne sollen wir katholisch sein.
Frage: Wie ist es denn mit dem Protestantismus? Hat er nicht auch ein Recht?
Antwort: Gewiß hat er ein Recht. Es muß in der Gemeinde Christi immer Raum sein für den Protest der Wahrheit gegen die Lüge – auch die heilige -‚ der lebendigen Bewegung gegen die Entartung, der Gegenwart gegen die Vergangenheit, des Geistes gegen die Institution, des Propheten gegen den Priester. Katholizismus und Protestantismus sind, als Prinzipien, nicht als historische Gebilde verstanden, die zwei Pole im Leben der Gemeinde. Aber über die bloße Konfession geht das Reich hinaus.
Frage: Auch über die „Religionen“ hinweg? Die Gemeinde Christi reicht doch nicht über die Christenheit hinaus?
Antwort: Das Reich Gottes geht wie über die Religionen, so auch über das Christentum hinaus. Es umfaßt auch Seelen außerhalb seines offiziellen Bezirkes. Christus ist größer als das Christentum. Aber freilich: Er ist das Fundament, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Vgl. Johannes 14, 6.
Frage: Wie kann ich für das Kommen dieser einen Gemeinde arbeiten? Durch Teilnahme an ökumenischen Bestrebungen?
Antwort: Dadurch, daß ich an das Reich Gottes glaube, darum bitte, dafür arbeite. Denn so allein kann die wahre Einigung kommen. Die eine heilige Gemeinde Christi ist die Gemeinde des Reiches Gottes. An sie glaube ich, zu ihr bekenne ich mich, wenn ich jenes Wort des Bekenntnisses spreche.
Frage: Warum heißt es weiter: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen“?
Antwort: „Heilige“ das heißt: Ausgesonderte, nannten sich die ersten Jünger Christi. Im Bekenntnis hat aber der Ausdruck noch einen anderen Sinn. Er weist über die sichtbare Kirche (oder vielmehr Gemeinde) hinaus in die unsichtbare, über den engern Kreis in den weiteren. Das Reich Gottes zählt, wie wir gesehen, überall Glieder, nicht nur in allen Konfessionen des Christentums, sondern auch in allen Religionen. Und es weist über die Lebenden hinaus zu den Toten, die auch Lebende sind. Das Reich Gottes umfaßt Diesseits und Jenseits.
Frage: Gibt es in diesem Sinne auch eine Gemeinschaft zwischen uns und den Abgeschiedenen?
Antwort: Es gibt eine solche Gemeinschaft der Heiligen im Diesseits. Wir sollen an sie denken. Und an sie glauben auch da, wo wir sie nicht sehen. Das ist ein großer Trost und eine starke Kraft. Und es gibt eine vom Diesseits zum Jenseits und umgekehrt. Wir sollen auch an sie denken und an sie glauben. Auch das ist ein großer Trost und eine starke Kraft.
Frage: Haben also die Katholiken recht mit ihrem Allerheiligen- und Allerseelenfest?
Antwort: Sie weisen damit auf eine Wahrheit des Reiches Gottes hin, welche die Protestanten zu sehr vernachlässigt haben.
Frage: Was ist vom Spiritismus und von gewissen mystischen (zum Beispiel anthroposophischen) Anweisungen für den Weg zum Jenseits oder von philosophischen Lehren darüber zu halten?
Antwort: Sie sind sogenannte okkulte Wissenschaft oder auch Metaphysik und haben als solche mehr oder weniger Wert. Aber der Weg des Reiches Gottes ist ein anderer. „Gott ist ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten. Ihm leben sie Alle“, und: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe.“
Lukas 20, 38 und Johannes 11, 25.
Frage: Soll nur die Gemeinde die Sache des Reiches übernehmen und nicht auch der Einzelne?
Antwort: Auch der Einzelne.
Frage: Wie denn?
Antwort: Durch die Nachfolge. Sie bedeutet, daß der Einzelne die Sache Christi, welche die Sache Gottes ist, als Verheißung und Aufgabe übernimmt.
Frage: Ist die Nachfolge Christi Nachahmung Christi?
Antwort: Nein, sie ist Uebernahme der Sache Christi im Geiste der Freiheit Christi. Zu einer Aehnlichkeit mit dem Wege Christi führt sie von selbst.
Frage: Was ist das Ende des Reiches Gottes?
Antwort: Es heißt zum Schluß des Bekenntnisses: „Ich glaube an die Vergebung der Sünden, die Auferstehung des Fleisches und an ein ewiges Leben.“
Frage: Warum kommt die Vergebung der Sünden erst jetzt, da doch das Kreuz die Vergebung der Sünden ist?
Antwort: Es bedeutet hier etwas anderes. Hier hängt es mit der Vollendung des Reiches zusammen und bedeutet, daß dazu auch die Aufhebung aller Schuld durch die Vergebung gehört. Ohne Vergebung der Sünde und damit auch Tilgung der Sünde kann ja das Reich Gottes nicht kommen.
Frage: Es ist also wohl nicht nur an die dem Einzelnen gewährte Vergebung zu denken?
Antwort: Sicher nicht. Es muß Vergebung der Sünden auch über die Völker, die Rassen, die Klassen, die Religionen, die Konfessionen kommen. Von Gott aus und dann auch von den Menschen aus.
Frage: Ohne Rücksicht auf die Gerechtigkeit?
Antwort: Von ferne nicht, vielmehr auf Grund wirklicher Gerechtigkeit: politischer, sozialer, sittlicher Gerechtigkeit, der Gerechtigkeit Gottes, die zur Gerechtigkeit der Menschen wird. Denn nur aus ihr erwächst der Friede. Das Reich Gottes aber bedeutet Frieden.
Frage: Und was bedeutet: „Auferstehung des Fleisches“? Ist das nicht Materialismus? Sollte es nicht heißen: „Auferstehung des Leibes“ oder eigentlich „der Seele“?
Antwort: Auferstehung des Fleisches hat einen guten Sinn. „Fleisch“ bedeutet in der Bibel ja das Irdische. Das Wort wendet sich gegen den falschen Spiritualismus, d. h. gegen eine Denkweise, die nur den Geist gelten lassen will und die Materie verachtet, gegen einen Idealismus, der die Realität übersieht oder verklärt, besonders auch gegen die Denkweise der Griechen, welche nur die Seele in ein Jenseits retten wollte, in die Unsterblichkeit hinein. Es verkündet den vollen Realismus des Evangeliums. Dieses kennt, wie wir gesehen haben, nicht eine „Unsterblichkeit der Seele“, sondern eine Auferstehung. Seine Verheißung ist die Auferstehung alles Lebens und aller Wirklichkeit, eine Welt des Lebens und des Sieges. Eine Osterwelt. Und es gehört zu dem: „Ich glaube an ein ewiges Leben.“ Denn „ewiges Leben“ bedeutet im Neuen Testament nicht das Jenseits des Grabes, sondern das Leben des Reiches Gottes. Wer an dieses glaubt, der glaubt an ein Leben Gottes, das in diese Welt des Todes hereinbricht und sie in eine Welt des Lebens verwandelt, und er schaut freilich über diese Welt des Todes hinaus und durch sie hindurch auf den lebendigen Gott, in dem aller Tod zum Leben wird.
Frage: Wie sollen wir uns die Ueberwindung des Todes denken? Wo sind die Toten? Und was ist ihr Zustand? Ich meine die in Christus Gestorbenen.
Antwort: Die Ueberwindung des Todes geschieht im Großen durch das Kommen des Reiches. Er ist nach dem Apostel „der letzte Feind“, den es besiegt. Der Einzelne aber überwindet ihn durch die Kraft des Reiches, durch die Verbindung mit dem lebendigen Gott und dem lebendigen Christus.
Frage: Schon jetzt?
Antwort: Ja, schon jetzt, im Geiste.
Was aber die Frage nach dem Ort und dem Zustand der Toten betrifft, so ist zu antworten: Sie sind bei Gott. Sie ruhen in ihm, aber sie leben in ihm, wachsen in ihm, entscheiden sich weiter; sie kämpfen, leiden mit ihm und mit uns für das kommende Reich – zwei Heere.
Frage: Ist dieser Glaube nicht schwer?
Antwort: Er ist so schwer und so leicht als der Glaube an den lebendigen Gott und sein Reich.
Frage: Bezieht sich die „Auferstehung des Fleisches“ bloß auf den Menschen und seinen Leib?
Antwort: Es bezieht sich auf alle Wirklichkeit. Auch auf die Natur.
Frage: Auch auf die Tiere und Pflanzen? Oder gar die Steine?
Antwort: Auf alles, schlechthin alles! Nichts, aber auch nichts soll für immer der Zerstörung und dem Tode verfallen. Alles soll zum Leben, zur Erfüllung, zu Gott gelangen. Zum Glauben an das Reich Gottes gehört der Glaube an die Wiederbringung aller Dinge.
Frage: Kann man sich das vorstellen?
Antwort: Ein wenig, durch die Phantasie. Aber es muß nicht alles vorstellbar sein. Wir brauchen auch nicht alles zu wissen und müssen uns vor Phantastik hüten. Wir haben anderes zu tun. Unsere Aufgabe, wie unsere Hoffnung ist die Gerechtigkeit des Reiches Gottes.
Frage: Ist in die Hoffnung auf die Wiederbringung aller Dinge auch die auf das Heil für alle Menschen eingeschlossen – alle? Auch für die vor und nach Christus ohne den Glauben an ihn Gestorbenen? Auch für die Gottlosen? Auch für die Bösen?
Antwort: Die Hoffnung gilt für Alle, ohne Ausnahme. Aber die Erfüllung ist nicht automatisch zu denken. Es bleibt auf allen Stufen die Freiheit der Entscheidung für oder wider Gott. Aber das ist die Paradoxie des Glaubens, daß ihm das, was ungewiß bleibt, gewiß ist. Wer es fassen kann, fasse es!
Frage: Auf welcher biblischen Grundlage ruht diese Hoffnung?
Antwort: Auf der ganzen Bibel. Es ist eine notwendige Folgerung aus dem Glauben an das Reich. Aber auch auf vielen einzelnen Stellen, besonders auf Römer 8, 18-25.
Frage: Aber ist sie nicht phantastisch?
Antwort: Sie ist so phantastisch wie der lebendige Gott, der doch die einzige wirkliche Wirklichkeit ist.

III. SCHLUSSFOLGERUNG.
Frage: Steht alles, was im Anschluß an das Apostolische Bekenntnis gesagt worden ist, wirklich darin, wenn auch in latenter, unentwickelter Form?
Antwort: So ist es nicht gemeint. Diese Auslegung soll eine freie Deutung sein. Sie soll bloß zweierlei zeigen: einmal, wie eine ewige und zugleich aktuelle Wahrheit hinter dem Dogma steht, sodann aber, wie diese Wahrheit dadurch lebendig werden muß, daß sich das Dogma, ein Produkt des statischen Denkens und des Intellektualismus, in die Botschaft vom lebendigen, gewordenen und werdenden, gekommenen und kommenden Reiche Gottes auflöst. Das sollte eben an einem klassischen Beispiel gezeigt werden. In aller Freiheit.
Frage: Ist aber im Apostolischen Bekenntnis alle Wahrheit des Reiches Gottes wenigstens angedeutet?
Antwort: Keineswegs. Es fehlen ganz wichtige Stücke. Es ist, um die Hauptpunkte zu nennen, vom Reiche Gottes selbst und von der Hoffnung auf dasselbe gar nicht die Rede. Ebensowenig von der Nachfolge Christi. Ebensowenig im Einzelnen von der Gerechtigkeit des Reiches Gottes: von seiner sittlichen, politischen, sozialen Verheißung und Forderung. Ebensowenig vom konkreten Leben Jesu, abgesehen von seiner Kreuzigung. Aber auch über deren Bedeutung findet sich kein Wort. Es fällt auch kein Licht von der Bergpredigt her auf dieses Bekenntnis. Es wird nichts über das Verhältnis der Sache Christi zum Judentum und Heidentum gesagt. Und so könnten wir noch lange aufzählen, was alles in diesem Bekenntnis nicht bekennt wird. Es beschränkt sich eben auf die Punkte, die zur Zeit seiner Entstehung wesentlich erschienen oder Gegenstand des Streites waren. Darum ist es nicht bloß, verglichen mit dem ganzen Reichtum der Botschaft vom Reiche Gottes, arm und dürftig, sondern auch in bezug auf das, was uns heute besonders am Herzen liegt, ohne Ausdruck.
Frage: Kann es sich dann zum Bekenntnis der Gemeinde des Reiches in unserer Zeit eignen?
Antwort: Es soll, wie gezeigt worden ist, überhaupt kein derartiges festes, für immer formuliertes Bekenntnis, sondern nur ein stets neues Bekennen geben, und zwar nur ein Bekennen, das zugleich Tat ist.
Frage: Aber ist das Apostolische Bekenntnis nicht von lapidarer Großartigkeit? Ist es nicht durch sein Alter ehrwürdig? Eignet es sich nicht als Ausdruck der Verbindung der Gemeinschaft der Heiligen im Längs- und Querschnitt, auf der einen Seite in die Vergangenheit zurück und in die Zukunft vorwärts, und auf der andern Seite nach allen Richtungen der Gegenwart hin?
Antwort: Gewiß, das Apostolicum ist großartig und ehrwürdig. Es ist eine kostbare Gabe und ein wertvoller Gemeinbesitz der Christenheit. Aber damit leistet es noch nicht das, was ein lebendiges Bekenntnis leisten soll. Es soll in Ehren gehalten, der Gemeinde bekanntgemacht, gelegentlich erläutert werden, aber nicht mehr. Kein regelmäßiges Vorlesen, kein Bekennen durch Konfirmanden und Aehnliches. Das Apostolicum ist für uns eine Fremdsprache geworden. Es bedarf einer Uebersetzung. Wir sollen aber von dem lebendigen Gott und seinem lebendigen Christus in lebendiger Sprache und auf unmittelbare Weise Zeugnis ablegen. Was die Verbindung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betrifft, so eignet sich als deren Symbol und Organ auch nur etwas Lebendiges. Haben Wir dafür nicht das Unservater? Es ist auch das beste Bekenntnis, soweit ein solches als feste und dauernde Form in Betracht kommt. Dort steht auch die Bitte, die einer wirklichen Gemeinde Christi ihren Inhalt, ihre Sache, ihr Zeugnis verleiht: „Dein Reich komme!“
Frage: Und was bedeutet am Schlusse das „Amen“?
Antwort: Es ist ein hebräisches Wort und bedeutet „wahrhaftig!“ Und so soll denn alles Bekennen aus der tiefsten Wahrhaftigkeit der Seele erfolgen.

 

 

 

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