J. A. Comenius

erziehung
Johann Amos Comenius: Didactica Magna – Große Didaktik
Comenius und seine Große Didaktik
Comenius als Didaktiker
Die Mutterschule. Zum 400. Geburtstag von J.A. Comenius
Omnia sponte fluant, absit violentia rebus
John Amos Comenius Quotes
Der Comenius- Garten in Berlin-Rixdorf
Ein philosophischer Rundgang durch den Comenius-Garten in Rixdorf
Ralf Heinrich Arning Ein philosophischer Rundgang durch den Comenius-Garten
Comenius-Garten

DER COMENIUS-GARTEN
„Nun, wie kann es gelingen ein neues Paradies zu pflanzen?“ Dies war die Frage, die der Universalgelehrte Johann Amos Comenius (1592–1670) immer wieder zu beantworten suchte und zwar durch „Selbstsehen, Selbstsprechen und Selbsthandeln“. Die Selbstbestimmung des Menschen ist für ihn die „Methode des Paradieses“, die Methode zur Vollendung der Schöpfung als GARTEN.

Pachomius: Der Ort im Kloster, wo man Gott am nächsten ist, ist nicht die Kirche, sondern. der Garten. Dort erfahren die Mönche ihr grösstes Glück.

GRUNDSÄTZE
Grundsatz I. Die Natur beginnt nichts Unnützes
In Schulen also soll
I. nichts behandelt werden, was nicht einen wahrhaften Nutzen für dieses und für das zukünftige Leben hat, mehr aber für das zukünftige. Das nämlich soll auf Erden gelernt werden, mahnt Hieronymus, dessen Kenntnis bis in den Himmel fortdauert;
II. wenn etwas auch des gegenwärtigen Lebens wegen der Jugend beigebracht werden muß (wie es tatsächlich der Fall ist), so soll es derart sein, daß es jene ewigen Ziele nicht hindert und auch für das gegenwärtige Leben wirkliche Frucht bringt.

Wozu nützen denn Torheiten? was frommt es Dinge zu lernen,
die dem, der sie kennt, keinen Vorteil, dem, der sie nicht kennt,
keinen Nachteil bringen und die man bei vorschreitendem Alter
entweder verlernt oder über seinen anderen Geschäften vergißt?
Unser kurzes Leben bietet wahrlich genug Beschäftigungen, die
es ganz ausfüllen, auch wenn wir keine Zeit mit Possen vergeuden.
Das soll also den Schulen obliegen, die Jugend nur mit ernsthaften
Dingen zu beschäftigen. (Denn wie man auch das Spiel für den
Ernst verwenden kann, werde ich an geeigneter Stelle sagen.)

Grundsatz II. Die Natur unterläßt nichts, was ihrem Gefühl nach
dem Körper, den sie bildet, Nutzen bringen wird.
So sollen auch die Schulen den Menschen ganz ausbilden, damit er
den irdischen Geschäften gewachsen und für die Ewigkeit geeignet wäre. Daher muß in ihnen außer Wissenschaft auch Sittlichkeit und Frömmigkeit gelehrt werden. Die Wissenschaft aber muß beim Menschen Verstand, Sprache und Hand ausbilden, um alles Nützliche vernünftig zu betrachten, besprechen und betreiben.

Grundsatz III. Die Natur betreibt nichts ohne Grundlage oder Wurzel.
In Zukunft also:
I. soll zu jedem Studium, das begonnen wird, ernstlich Liebe bei den
Schülern erweckt werden; die Gründe dafür sind der Vortrefflichkeit,
dem Nutzen, der Annehmlichkeit des Lehrstoffes und woher sonst
immer zu entnehmen;
2. soll von jeder Sprache oder Kunst immer vorher dem Lernenden ein Überblick gegeben werden (d.h. ein ganz allgemein gehaltener, aber doch in allen Teilen genau umgrenzter Abriß), bevor man an die Einzelbehandlung herantritt, damit nämlich der Lernende schon vom ersten Anfange an alle Ziele und Schranken in dessen Umkreise genau übersieht, ebenso wie deren innere Lage.

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Grundsatz II. Die Natur richtet den Stoff so zu, daß er die Form begehrt.
Schlecht sorgen also diejenigen für die Knaben, die sie gegen ihren Willen zum Studium zwingen. Was erhoffen sie dann daraus? Wenn der Magen die Speisen nicht mit Lust aufnimmt und man ihm doch welche zuführt, so kann nichts anderes erfolgen als Übelkeit und Erbrechen oder wenigstens schlechte Verdauung und Unwohlsein. Was man dagegen einem ausgehungerten Magen zuführt, das nimmt er gierig auf, verdaut es warm und verwandelt es sorgfältig in Fleisch und Blut. Daher sagt Sokrates (in Demon.18): Wenn du lernbegierig bist, wirst du Vielwisser werden. Und Quintilian sagt: Der Lerneifer beruht auf dem Willen, dieser aber kann nicht erzwungen werden.
Daher muß
I. der Willenstrieb und Lerneifer auf jede Weise in den Knaben entflammt werden;
II. die Lernmethode muß die Arbeit des Lernens mindern, damit es nichts gibt, was die Schüler stört und von der Fortsetzung der Studien abhält.

VIA LUCIS
Via Lucis – Comenius in our Time
Böhmische Brüder

COMENIUS KOMENSKY
BÖHMISCHE DIDAKTIK

VIII. Wie man die unnützen Sachen abzusondern hat
(152) Man kann auch der Jugend hinsichtlich der Sachen selbst etwas ersparen, wenn nämlich keiner mit solchen Dingen überschüttet wird, mit denen umzugehen ihm die Natur verwehrt hat. Auch die Pflanzen sind ja von ganz verschiedener Art: Die eine will Feuchtigkeit, eine andere Trockenheit, die eine will fetten, die andere mageren Boden, die eine wächst in die Höhe, die andere mehr in die Breite usw. Ebenso gibt es weiches und hartes Holz, eins läßt sich ziehen, spalten, flechten, zu Gefäßen verarbeiten, glätten, schnitzen usw., ein anderes gestattet dies nicht. Ein Pferd ist offensichtlich stark zum Ziehen, ein anderes ist lebhaft im Lauf, ein drittes gewandt beim Reiten, ein viertes mutig im Kampf usw. Der eine Hund gehört in den Salon auf den Schoß der Dame, der andere neben dem Tor an die Kette, wieder ein anderer mit dem Schafhirten zur Herde oder zum Jäger; ihm wieder soll der eine beim Aufstöbern, der andere beim Jagen des Wildes helfen, der eine ist für Land-, der andere für Wasservögel bestimmt. Ebenso ist auch der Scharfsinn der Menschen auf dies oder das gerichtet. Der eine mag zu allem geschickt sein, und in der Musik ist er ein asinus ad lyram; ein anderer wieder besitzt zur Arithmetik, zur Poesie, zur Schreibkunst oder zu sonstigem weder Geist noch Scharfsinn. So wie die Mühe vergeblich ist, aus einer Promenadenmischung einen Windhund zu machen oder aus einem Windhund einen Straßenköter; wie es vergeblich ist, einen Zwergpinscher der Herde zum Wächter und einen Schäferhund dem Jäger zu geben, so ist auch der Versuch vergeblich, aus einem Espenzweig ein Weidengeflecht zu machen, von einer Kiefer Rindenstreifen abzuschälen, aus tangentialgeschnittenem Holz Bilder zu schnitzen, Latten zu spalten, und zwar deshalb, weil keines dieser Dinge sich dazu eignet. Man kann eben nicht alles aus allem machen, weil für die verschiedenen Dinge jeweils eine besondere Eigenschaft und Neigung nötig sind. Über das hinaus, was einem gegeben ist, kann niemand sich etwas anmaßen. Vergeb-
lich wäre der Kampf mit der Natur, wollte man über sein Vermögen hinaus den Menschen zu etwas antreiben, wozu sie ihm keinen Zugang verschafft hat. (Docens enim naturae famulus est, non dominus; confirmator, non reformator). Derart wird gar nichts erreicht oder eben nichts Besonderes. Deshalb ist es wohl besser, <dem Menschen> das zu erlassen, wozu ihn die Natur nicht anführt; dabei dürfen wir hoffen, daß dies auf einer anderen
Seite wieder ausgeglichen wird, wie es ja üblicherweise auch geschieht. Wenn ein Edelreis oder ein Zweig des Baumes entfernt wird, wachsen die anderen umso kräftiger. Wenn keiner gegen sein Vermögen und seinen Willen gezwungen wird, wird ihm auch nichts zuwider sein und ihn langweilen; lustvoll und flink wird ihm alles andere von der Hand gehen *.
* Zum zweiten kann man den Schülern vieles ersparen, wenn man sie nicht
mit particularissimis überhäuft, Praes. Pans. 16, 17, Laub. p. 23.
Nichts anderes soll ihnen zum dritten beigebracht werden als das, was sie im eigenen Leben brauchen werden usw. Nihil scholae soli discitur, sed vitae. Quid enim prodest discere, quod totum surdum est? Aut certe in verborum suo tempore ibit. V.S. stabam.

1. Bei den Heiden ist die Weisheit Antwort darauf:
1. Angeblich ist in den Büchern der Philosophen, Redner und Poeten eine große Weisheit verborgen.
Ich antworte: Die Dunkelheit hat verdient, wer seine Augen vom Lichte abkehrt. Zwar ist es nicht neu, daß einer Eule die Dämmerung als Morgenlicht und die Finsternis der Nacht als hellichter Tag erscheinen; andere Wesen aber, die mit einem klareren Blick begabt sind, wissen es besser. Weh dir, du eitler Mensch, der du in menschliche Finsternis hineingeschaut hast! Erhebe Deine Augen zu Gott, und du wirst ein anderes Licht erblicken, wenn Gott dir die Schuppen abnimmt, die deine Augen umschließen und den wahren Glanz dir verbergen. Allein bei Gott ist das wahre Licht: Wenn bei den Menschen etwas aufblitzt, so sind es nur Fünkchen, welche ihnen in ihrer Finsternis leuchten und schon etwas zu sein scheinen. Was aber gehen die Funken uns an, denen brennende Fackeln, das Wort Gottes, in die Hand gedrückt wurden. Zwar disputieren die Heiden über die Welt und über die Dinge der Natur – was sind ihre Dispute aber anderes als oberflächliche Überlegungen, Meinungen und Zwistigkeiten? Vitrum lambunt, pultes non attingunt, wie sie sich selbst kennen. In der Heiligen Schrift dagegen erklärt der Weltherrscher selbst die großen Geheimnisse seiner Taten, und er enthüllt von den ersten Prinzipien her Grund und Ursprung aller sichtbaren und unsichtbaren Geschöpfe. Wenn die Philosophen über die Tugenden sprechen und sich um eine gute Ausgestaltung des Menschen, der Familie und der Gemeinde viel Mühe machen, was tun sie da anderes als ein Vogel mit verklebten Flügeln, der sich zum Fliegen erhebt, der herumflattert, aber nicht vorwärts kommt. Die Schrift dagegen enthält die wahre Tugendlehre, kraftvolle Ermahnungen, schärfer als ein Schwert, die durch Mark und Bein dringen; für alles enthält sie lebensvolle Beispiele. Wenn die Heiden Frömmigkeit lehren wollen, dann verführen sie uns zur Gottlosigkeit, zu Aberglauben und Blindheit; so muß es auch gehen; denn sie kennen nicht den wahren Gott, seinen Willen haben sie nicht verstanden, und seine Wege sind ihnen unbekannt. Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völker, über Zion aber geht der Herr auf, und hier erscheint seine Herrlichkeit (Js 60,2). Wenn es uns, den Söhnen des Lichts, auch erlaubt sein mag, uns zu den Kindern der Finsternis zu begeben und sie in ihrer erbärmlichen Dunkelheit zu bedauern, so ist es doch keinesfalls zulässig, daß wir uns an ihrem Feuer wärmen und mit ihren Fünkchen auch uns den Weg erleuchten wollen.

Bei den Heiden und nicht in der Bibel ist die Philosophie. Responsum.
Zweiter Einwand: Die Heilige Schrift ist kein Lehrbuch der Philosophie, sie ist allein für die Theologie bestimmt.
Antwort: Die Quelle der Weisheit ist das Wort Gottes im Himmel (Sir 1,5).
Die wahre Philosophie ist nichts anderes als die wahre Kenntnis Gottes und aller seiner Werke, die nirgendwo anders als in der Heiligen Schrift dargelegt ist.

Die heidnischen Bücher müssen wenigstens der lateinischen Sprache wegen
gelesen werden.

Dritter Einwand: Wir werden aber doch wenigstens Terenz, Plautus, Cicero und andere propter stilum lesen. Denn woher sollten wir sonst Latein und Redekunst lernen?
Erste Antwort: Es ist gefährlich, und die Arbeit ist nicht der Mühe wert.
Antwort: 1. Sollen wir unsere Kinder in die Kneipen, auf die Schutthalden, in die Aborte
und Freudenhäuser führen, damit sie sprechen lernen? Denn wohin sonst führen Terenz, Plautus, Catull, Ovid und andere die Jugend als an solche schmutzigen Orte? Was zeigen sie ihnen anderes als allerlei Possen, Lärm, Fressereien, Liebeleien und Unzüchtigkeiten? Neigt denn der Mensch nicht von sich aus schon genug zum Bösen, daß man ihm noch weitere Abscheulichkeiten verschiedener Art vorführen, sein Herz dazu verlocken muß, um ihn endlich in die Hölle zu stoßen? Du magst einwenden, es sei doch nicht alles schlecht in diesen Autoren! Darauf antworte ich: Aber das Böse haftet stets leichter <als das Gute>; darum ist es gefährlich, die Jugend dorthin zu schicken, wo das Böse und das Gute beisammen sind. Wer jemanden umbringen will, gibt ihm auch nicht das Gift rein ein, sondern mischt es in den besten Wein, verbirgt es in den schmackhaftesten Speisen oder in Konfekt; und doch tut das Gift seine Wirkung und bringt dem, der es eingenommen hat, den Untergang. Wenn uns der Teufel, der Mörder unseres Geschlechts, auf seine Seite ziehen will, muß er seine teuflischen Gifte mit süßer Rede und heidnischer Höflichkeit umwickeln. Und wir, die wir darum wissen, wir sollten ihm nicht sein mörderisches Handwerk legen? Wenn du einwendest: Nicht alle sind unzüchtig,
Cicero, Virgil, Horaz und andere sind ehrenhaft, so antworte ich: Es sind aber doch blinde Heiden, und sie führen ihren und ihrer Leser Sinn weg vom wahren Gott und hin zu ihren Götzen, zu Jupiter, Mars, Neptun, Venus, Fortuna und anderen, zu den Hellsehern und in den Aberglauben. Gott aber sagte: Anderer Götter Namen sollt ihr nicht anrufen und sollen nicht aus eurem Munde gehört werden (2 Mos 23,13). Auch David hütete sich vor ihnen
(Ps 16, 4). Was bei der Jugend die Wurzel der Weisheit sein soll, das fehlt ihnen, und sie erfüllen ihre Schüler mit ganz anderen Dingen, als es der Geist Christi ihnen vorschreibt. Christus ruft auf zur Demut, jene preisen den Ruhm und das ehrenhafte Ansehen. Christus will sanfte Menschen, jene aber sind prahlerisch und wild. Christus empfiehlt die Einfalt der Tauben, diese jedoch lehren Klugheit und Hinterlist. Christus befielt die Keuschheit, diese lehren Scherze, Possen, Vorwitz. Christus hat Gefallen an den Gläubigen, jene erwecken bei allem Zweifel, Disputationen und Streit. Mit einem Wort, wie sollen Licht und Finsternis zusammen bestehen, und wie stimmt Christus mit Belial, oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen, und was hat der Tempel Gottes für Gleichheit mit den Götzen (2 Kor. 6,5). Wehe dem, der Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, sagt Christus (Mt 18, 6). Wehe aber auch dem, der dieses Argernis zwar fernhalten kann, dennoch aber dieses Unrecht vor den Füßen der kleinen Christen, der christlichen Kinder, bestehen läßt.

Zweite Antwort: Die Sprache in der Heiligen Schrift ist schmuckvoller.
Und weiter noch, was ist denn eigentlich so schön in den heidnischen Büchern, was uns so ergreift und was es in unseren himmlischen Büchern nicht geben sollte? Verstehen sich denn allein die Heiden auf eine schmuckvolle Redeweise? Auch hier ist der Heilige Geist der vollkommenste Meister, seine Worte sind wertvoller als Gold, süßer als Honig, schärfer als ein zweischneidiges Schwert, spitzer als die Stacheln und Nägel, die die Mauer durchbohren, und schwerer als der Hammer, der den Felsen zerschmettert. Dies haben die Heiligen Gottes verkündet, und die Frommen erfahren es noch heute. Hatten denn nur die Heiden denkwürdige und erfreuliche Geschichten zu schreiben ? Voll ist unsere Bibel von Erzählungen – ungewöhnlicher, wunderbarer und wahrhafter, als jene sie hatten. Können denn nur sie allein Tropen, Allegorien und Anspielungen bilden? In höchstem Maße findet sich das bei uns. Angekränkelt ist das Urteil, welches die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus mehr liebt als den Jordan und die Wasser Israels (2 Kön 5, 12). Triefend ist das Auge, dem der Olymp, der Parnaß, der Helikon ein wohlgefälligeres Schauspiel sind als Sinai, Zion, Hermon, Tabor und der Ölberg. Taub sind die Ohren dessen, dem die Leier des Orpheus, des Homer und des Virgil lieblicher klingt als die Harfe Davids. Verdorben ist der Appetit dessen, dem nectar et ambrosiam et fontes Castalios besser schmecken als das himmlische Manna und die Quellen Israels. Zerstört ist das Herz, welchem die Namen Jupiters, der Götter und der Göttinnen, Musarum et Charitum mehr bedeuten als die Namen der Stellvertreter des Herrn, der Engel und Erzengel, der Fürsten und Herrschaften, der Thröne und der Macht. Blind ist die Hoffnung, welche lieber in campis Elysiis als im Paradiese Gottes wandelt und die Wonnen der Erlösten erblickt. Denn bei jenen ist alles Erzählung, Dichtung, ein Schatten der Wahrheit; hier dagegen ist alles wesenhaft, Wirklichkeit und unerschütterliche Wahrheit. * * Siehe hierzu Seneca, Ep. 33.

Dritte Antwort: Was in den heidnischen Büchern wirklich schön ist, das soll
aus
gewählt und in unseren Büche
rn aufgenommen werden.
Zugegeben, manch Scharfsinniges haben sie, was auch uns gelegen kommen könnte, kernhafte Wendungen und auch so manche moralische Sentenz. Aber müssen wir deshalb sogleich zu ihnen gehen? Dürfen denn nicht die Söhne Israels die Söhne Ägyptens berauben und ihnen ihre goldenen Schätze nehmen? Sie dürfen es, Gott hat es ihnen erlaubt: Und uns, den Söhnen der Kirche, gehört mit Recht das Erbe aller Heiden. Dein Einwand: So müssen wir also hingehen und uns diese Dinge holen? Ich antworte: Als Manasse und Ephraim auszogen, um den Heiden das Erbe wegzunehmen, gingen sie bewaffnet, aber nur allein die Männer, die Kinder ließen sie an einem sicheren Ort, den ihnen schon früher der Herr gegeben (Jos 1, 14). Ebenso wollen auch wir es tun und die schwache Jugend nicht zu den Heiden schicken, um Beute zu machen. Denn schlimm wäre es, wenn die Feinde unsere Kinder schlagen, verletzen oder gefangennehmen würden. Ach, wir kennen zahlreiche solcher traurigen Beispiele, wie die Philosophie Christus viele Leute weggenommen und ums Leben gebracht hat. Darum ist es wohl besser, gewappnete Männer auszuschicken, daß sie die Schätze der Heiden sammeln, sie wegtragen, sie unter den Kindern Israels verteilen, ohne daß diese selbst in Gefahr geraten; demnach sollen schöne Sentenzen aus den heidnischen Schriftstellern ausgewählt und je nach Gegenstand auf die Disziplinen verteilt werden. Wollte doch Gott einen aus dem Kreise der Gelehrten erwecken und hierfür vorbereiten.

Vierte Antwort: Solche Autoren sollen ausgewählt werden, die im Ganzen
<keinen Anstoß> erregen und also bleiben könne
n.
Wenn schließlich einer der Heiden in eigener Gestalt zu den christlichen Kindern zugelassen werden soll, so mögen es Seneca und Epiktet sein, bei denen am wenigsten Aberglauben und die meiste Wahrheit sich finden und die den Regeln der christlichen Philosophie am nächsten kommen. Gerade darum hat der Teufel sie so in Gewahrsam genommen, daß sie in den christlichen Schulen auch nicht das kleinste Plätzchen haben finden können: Nirgendwo hat man sie zugelassen, obgleich sie doch in höchstem Maße die wahre Weisheit besitzen. Weil sie nicht den Zielen des Teufels dienten, hat er sie also ausgemustert: Sollten sie da nicht von uns geehrt und – freilich nicht allzufrüh – in der Schule zugelassen werden, das überlasse ich einem höheren Urteil. Erasmus, jener Mann, der inmitten der Finsternis des Antichrists die Fackeln der Sprachen und der freien Künste anzuzünden begann, würde es wohl erlauben, er, der die christliche Jugend frühzeitig in der Heiligen Schrift zu unterrichten rät, schreibt: Quod si immorandum sit profanis litteris, equidem id fieri malim in iis, quae propius affines sunt arcanis libris. (Erasmus in Theologiae Compendio). Vorsichtshalber sollte jedoch all das, was nach Götzentum (wie die Namen der Götter) riecht und was an die bösen Bräuche der gottlosen Heiden erinnert, ausgelassen werden, weil damit der Geist der Jugend verstümmelt werden könnte. Gott erlaubte den Israeliten, heidnische Jungfrauen zur Ehe zu nehmen unter der Bedingung, daß sie ihnen zuerst die Haare und die Nägel schnitten und ihr Gewand gewechselt wurde (5 Mos 21, 12). Schließlich sollte es auch erlaubt sein, heidnische Bücher im Ganzen zu lesen; wir haben nichts dagegen einzuwenden, da wir ja das Privileg Christi kennen, der seine Gläubigen so gewappnet hatte, daß sie selbst mit Schlangen und Gift umgingen, ohne daß es ihnen schadet (Mk 16, 18). Daran aber muß man festhalten: Die Kindlein Gottes, welche noch zart sind in ihrem Glauben, dürfen nicht unter die Schlangen geworfen werden, auch darf man ihnen vorzeitig keine Gelegenheit bieten, etwa aus Übermut das Gift zu kosten. Zudem können ihnen die Autoren auch noch nicht mit dem rechten Gewinn vorgelegt werden, weil weder Cicero noch Virgil oder ein anderer für die Jugend geschrieben haben; für Leute mit gereiftem Urteil war bestimmt, was sie verfaßten. Warum also die Jugend mit etwas beschweren, was sie noch gar nicht begreifen kann? Sie würde hier nur Eitelkeit und Sünde kennenlernen; denn bei den höheren Dingen begreift sie noch nicht, wozu etwas da ist. Im Erwachsenenalter wird ihnen die einmalige Lektüre Ciceros tausendmal mehr nützen, als wenn sie ihn in der Jugend auswendig gelernt hätten. Währenddessen soll die Jugend in der Heiligen Schrift geübt werden: So zu verfahren, ist sehr christlich.

4. Aber die Schrift ist doch für die Jugend zu hoch, und es ßten ihr zunächst andere chlein gegeben werden. Antwort:
Vierter Einwand. Wer die Sache Satans gegen Christus führt, sagt, daß die Schrift für die Jugend zu hoch sei, und er drückt ihr zunächst andere Büchlein in die Hände, bis sie an Urteil ein wenig herangereift ist. Aber so reden die Unverständigen, die weder die Schrift noch die Macht Gottes kennen. Das läßt sich auf verschiedene Art zeigen. Timotheus war zu seiner Zeit ein berühmter Musiker. Wenn man ihm einen Schüler brachte, fragte er ihn stets zunächst, ob er schon früher <von einem anderen> unterrichtet worden sei. Verneinte er die Frage, nahm er ihn zu einem geringen Entgelt an; bejahte er sie, so verdoppelte er das
Unterrichtsgeld. Bei einem solchen hatte er ja doppelte Arbeit; er mußte ihm austreiben, was er bei einem schlechten Meister gelernt hatte, und mußte ihn von neuem unterweisen. Wir sollen also keinen Lehrer haben außer Jesus Christus, der dem ganzen Menschengeschlecht zum Meister gegeben ist (Mt 23, 8), und der sagte: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht (Mk 10, 14). Sollten wir sie da gegen seinen Willen erst anderswohin <in die Lehre> schicken? Wir fürchten doch nicht etwa, daß Christus bei ihnen müßig geht, da seine Lehre so leicht ist. Warum sollen wir sie da durch so manch andere Werkstatt, wie ich sagte: durch Hundeställe und Kneipen zerren und sie danach erst, angesteckt und verdorben, Christus zuführen, damit er sie nach sich bilde? Aber um keinen wäre es schlechter bestellt als um diese armen, unschuldigen Kinder. Sie werden ihr ganzes Leben lang damit zu schaffen haben, das abzustreifen, was sie zuerst angenommen hatten, oder sie werden von Christus weggedrängt und dem Satan zur Musterung überlassen. Oder sollte Christus mit dem Moloch ringen um das, was ihm geweiht wurde? Ach, was sind das für schreckliche Dinge! Um deiner Barmherzigkeit willen bitte ich dich, o Gott, du wollest dafür sorgen, daß die Priester, die Obrigkeiten und die, denen es sonst noch zukommt, aufwachen und es nicht zulassen, daß die Christus geborene und ihm getaufte Jugend dem Moloch zugeführt wird.

Zweite Antwort: Sodann irren die, welche meinen, die Heilige Schrift sei für dieses Alter zu hoch, zu subtil und zu unverständlich. Hat etwa Gott sein eigenes Wort nicht verstanden – es sei für unseren Scharfsinn zu hoch oder nicht -, als er den Eltern befahl, es ihren Kindern vorzutragen, mit ihnen darüber zu sprechen bei Tag und bei Nacht (5 Mos 31, 11. 12. 13)? Sagt nicht auch David, daß es Gottes Wort ist, welches Weisheit gibt den Unverständigen? Merke wohl, den Unverständigen (Ps 19, 8)! Nennt es nicht der heilige Petrus Milch der neugeborenen Kinder Gottes, ihnen gegeben, daß sie durch es wachsen (1 Petr 2, 2)? Ach, wahrlich, Milch ist das Wort Gottes, den neugeborenen Kindern Gottes bestimmt; was ist schon das heidnische Gepantsche verglichen mit dem Worte Gottes?! Es sind Nußschalen, harte Rinde, Kerne, Knochen, Abfälle, die fester Zähne bedürfen und vielleicht auch sie noch zerstören. Darum ruft der Heilige Geist die Kinder in seine Schule durch David: Kommet ihr Kinder, die Furcht des Herrn will ich euch lehren (Ps 34, 12).

Dritte Antwort: Schließlich ist es schon wahr, daß es in der Heiligen Schrift auch
Tiefen gibt. Diese aber sind derart, wie der hl. Augustinus sagte, daß in ihnen die Elefanten der Welt (die Philosophien) untergehen und die Lämmer Christi (die demütigen Kinder Gottes) schwimmen. Aber ist es denn nötig, sie gleich auf einmal in die Tiefe zu führen? Kann man das nicht schrittweise machen? Zunächst das Ufer entlang, indem man sie den Katechismus lehrt; dann könnte es weitergehen, indem man sie die Schöpfung, die Erlösung und die Heiligung kennenlehrt; dann kommen andere Geschichten der Heiligen Schrift, nämlich Sittensprüche, schließlich die Geheimnisse des Glaubens aus den Geboten, den Propheten, den Psalmen – und zwar alles zu seiner Zeit. Derart von Kind auf in der Heiligen Schrift unterwiesen, werden sie bewahrt bleiben vor der Verderbnis der Welt und weise werden durch den Glauben an Jesus Christus zur Seligkeit (2 Tim 3, 15). Wer Gott solchermaßen zugetan ist, wer dem Herrn Christus zu Füßen sitzt, wer der Weisheit, die von oben kommt, sein Ohr leiht, über den wird sicherlich der Heilige Geist seine Gnade, seine Hilfe und seinen Segen ergießen zur Erlangung der Verständigkeit und der wahren Weisheit. Schließen wir darum mit den Worten des Engels: Ein menschliches Bauwerk kann nicht geduldet werden an der Stätte, wo sich die Stadt des Höchsten zu zeigen beginnt (2 Esra 10, 54). Und weil Gott will, daß wir die Bäume der Gerechtigkeit sind, eine Pflanzung des Herrn, ihm zum Preise (Js 61,3), darum dürfen also unsere Kinder nicht die Bäumchen eines Pflanzengartens des Aristoteles, des Plautus und anderer sein; sonst ist das Urteil schon gesprochen: Jede Pflanze, die nicht mein himmlischer Vater gepflanzt hat, wird ausgerissen (Mt 15, 13). Erschaudere, wenn du nicht aufhörst zu schwatzen und dich wider die Erkenntnis Gottes zu erheben (2 Kor 10,5).

 

 

 

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