Tugenden und Laster

tugenden

Einführung in das Buch der Lebensverdienste
Das Buch der Lebensverdienste
DAS BUCH DER LEBENSVERDIENSTE (LIBER VITAE MERITORUM)
WAS DAS LEBEN SINNVOLL MACHT: BEDÜRFNISSE ACHTEN WERTE SCHÄTZEN

lebensverdienste

Barbara Stühlmeyer / Sabine Böhm
Tugenden und Laster
Wegweisung im Dialog mit Hildegard von Bingen

Zwischen Himmel und Erde
Das Spannende an Hildegards Konzept ist, dass sie ihre Ethik im Dialog entfaltet. Eingebettet in die Rahmenvision von einem Mann, Gott, der zwischen Himmel und Erde ausgespannt in sich selbst ruhend dasteht und seinen Blick in alle vier Himmelsrichtungen schweifen lässt, kommen 35 Paare von Fehlhaltungen und geistlichen Grundhaltungen, oder, um einen älteren Begriff zu verwenden, von Lastern und Tugenden zu Wort. Bemerkenswert ist: Die Fehlhaltungen, die die Seele verkrümmen, zeigen sich Hildegard in einprägsamen Bildern, die ihren Charakter treffend visualisieren. Die geistlichen Grundhaltungen nimmt sie dagegen über das Hören wahr. „Das Ohr ist der Anfang der vernünftigen Seele“ und das horchende Wahrnehmen des Wortes wird in diesem Konzept gleichsam nebenbei eingeübt. Die Gruppierung der Paare ist keinesfalls zufällig gewählt. Sie bildet vielmehr ein sinnstiftendes geistliches Netzwerk, innerhalb dessen Hildegard neben den geistlichen Grundhaltungen selbst auf weitere heilende Kräfte aus dem reichen Schatz der Kirche verweist wie die sieben Gaben des Heiligen Geistes oder die acht Seligkeiten. Auch die Aufeinanderfolge basiert auf den von der zur Zeit des Beginns der Niederschrift 60-jährigen Hildegard sensibel beobachteten „Rückenschäden der Seele“ bei denen, ganz ähnlich wie bei körperlichen Fehlhaltungen einem Dominoeffekt gleich die eine auf die andere folgt. Die gute Nachricht, die sie im Verlauf ihres Werkes unermüdlich wiederholt, ist: Der Ausstieg aus der Spirale der seelischen Verkrümmung ist jederzeit möglich. Das Vorhandensein der geistlichen Grundlagen garantiert ein fein austariertes Gleichgewicht der Kräfte. Die Frage, wohin sich die Waage am Ende neigt, wird mitten im Herzen jedes Einzelnen entschieden. Er ist aufgerufen, Gott bis zu sich selbst entgegenzukommen und mithilfe der Kräfte, die er ihm schenkt, bei sich zu wohnen und so aus der Mitte seines Wesens heraus zu einem Mitarbeiter an der Schöpfung zu werden.

Warum man die Tugend nicht abstauben muss
Der Begriff Tugend ist bei uns aus der Mode geraten. Er scheint entbehrlich, weil seine moralinsaure Substanz die Seele weder aufbaut noch nährt. Hildegard meint aber, wenn sie von dem spricht, was wir in der Vergangenheit mit Tugend übersetzt haben und wofür ich den Begriff geistliche Grundhaltung vorschlage, etwas höchst Lebendiges. Das Wort, das sie verwendet, heißt virtus. Es bildet gemeinsam mit weiteren Worten desselben Wortstammes ein Bedeutungsnetzwerk, dessen Synergieeffekte seine Wirkung verstärken und sie reiche Früchte tragen lassen. Virtus steht in Verbindung mit vir (Mann), virgo (Jungfrau) und viriditas (grünende Lebenskraft). Vor allem die viriditas macht deutlich: Bei den geistlichen Grundhaltungen geht es um ein seelisches Wachstumspotenzial. Der Mensch, der sich auf sie einlässt, blüht auf, entfaltet sich und wird nicht gedemütigt oder kleingemacht. Die Lebenskraft, die sich in den helfenden und heilenden geistlichen Grundlagen entfaltet, kommt von Gott, der die ganze Schöpfung trägt und lenkt. Sie hilft dem gut geschaffenen, unter den Belastungen des Lebens aber niedergebeugten und manchmal in seiner Seele verkrümmten Menschen, sich wieder aufzurichten und frei vor Gott zu stehen, dessen volles Werk er ist.

Die Entscheidung
Die Liebe zur Welt spricht:
Solange ich noch in dieser Welt Schönheit
genießen kann,
will ich sie mit Wonne umfangen.
Die Liebe zum Himmlischen antwortet:
Du bist wohl ganz verrückt,
wenn du glaubst, in einem Funken Asche
schon das volle Leben besitzen zu können.

Liebe zur Welt: Die erste Gestalt sah aus wie ein Mensch, war aber schwarz wie ein Mohr. Ganz nackt stand sie da. Mit ihren Armen und Beinen hielt sie einen Baum unterhalb seines Astwerks umklammert, aus dem die schönsten Blüten hervorsprossen. Mit seinen Händen griff sie nun hinein in die Blüten, riss sie herunter und sprach: Wieso sollte ich hinwelken, wo ich doch vor grünender Lebenskraft strotze? … Solang ich noch dieser Welt Schönheit genießen kann, will ich sie mit Wonne umfangen. Kaum hatte die Gestalt diese Worte geendet, da verdorrte der Baum bis auf die Wurzeln. Er stürzte in die Finsternis und riß die ganze Erscheinung mit sich in die Tiefe.
Himmlische Liebe: Du bist wohl ganz verrückt, wenn du glaubst, in einem Funken der Asche schon das volle Leben besitzen zu können! Du jedenfalls suchst nicht das wahre Leben, das in seiner Jugendschöne nimmermehr welkt und das sich selbst in der Reife des Alters nicht erschöpft. Ich aber bin eine Säule himmlischer Harmonie und alle Freude des Lebens liegt mir im Sinn … Ich bin allen Tugenden ein Spiegel, in dem jeder Gläubiger sich sorgfältig betrachtet.

welt himmel

Die Liebe zur Welt zeigt sich Hildegard als ein nackter Mensch, der sich an einen Baum klammert, aus dessen Astwerk er die schönsten Blüten an sich reißt. Sieht so Genuß aus? Oder ist es nicht vielmehr Verkrampfung, Unfreiheit, was sich uns hier zeigt. Entscheiden wir wirklich selbst, wenn wir immer wieder neuen Trends hinterherlaufen, oder gleichen wir einem Esel, auf dessen Rücken ein intriganter Werbemanager sitzt, den das unermüdliche Grautier nur deshalb mit sich schleppt, weil der findige Geschäftsmann ihn mit einer Angel, an deren Spitze eine Mohrrübe baumelt, vor sich hertreibt?
Die Liebe zum Himmlischen lenkt die Aufmerksamkeit auf das Thema der Nachhaltigkeit. Wer sich dem flüchtigen Genuss hingibt, wird zum Getriebenen. Der Funken in der Asche bringt keine Wärme, das ersehnte Schöne entzieht sich ihm, die Freude erreicht nur die äußeren Schichten des Seins. Hungrig und ruhelos bleibt das Herz derer, die vergessen haben, wo ihr wahres Zuhause ist. Benedikt von Nursia wohnte bei sich selbst. In sich ruhend war er eine Säule himmlischer Harmonie und ein Spiegel der Tugenden. Einer, der anderen Halt gab.

Ein Wegweiser
für die Spaßgesellschaft
Die Ausgelassenheit spricht:
Was könnte dem Menschen
schon eine Freude schaden,
die ihn wenigstens
etwas zum Lachen bringt?
Die Disziplin antwortet:
Ich bin ein Gürtel der Heiligkeit
und ein Mantel der Ehrbarkeit.

Ausgelassenheit: Die zweite Gestalt sah aus wie ein Hund, der zu streunen pflegt. Er stand auf seinen Hinterpfoten und hatte die Pranken an einen aufrecht stehenden Stock gelegt, während sein Schwanz spielerisch hin- und herwedelte. Und er sprach: Was könnte dem Menschen schon eine Freude schaden, die ihm wenigstens etwas zum Lachen bringt? … Drum lasst uns fröhlich sein, solange es hier noch etwas zum Freuen gibt!
Disziplin: Du ganz verruchtes Wesen, mit den ungepflegten Manieren verspielter Menschen gleichst du dem unsteten Winde, und in deiner Wechselhaftigkeit bist du wie das Gewürm, das sich im Erdenreich verwühlt. Ich aber, ich bin der Gürtel der Heiligkeit und der Mantel der Ehrbarkeit. Zur Hochzeit des Königs bin ich geladen und ich erscheine dort auch mit Freuden und Züchten. Strahlend trete ich dort auf, in aller Pracht der Gerechtigkeit.

ausgelassenheit disziplin

Disziplin ist eine Lebenshaltung, die weitgehend aus der Mode gekommen ist. Viele Menschen leben über ihre Verhältnisse und die Folgen unseres Handelns fangen gerade erst an, uns ernsthafte Probleme zu bereiten. Die Daten für die Klimaveränderungen, die aus unserem ungehemmten Energieverbrauch folgen, sind bekannt. Die Gefahren ungezügelten Schuldenmachens können schon Grundschulkinder verstehen. Und doch laufen die westlichen Gesellschaften Lemmingen gleich in ungemindertem Tempo auf den Abgrund zu. Ihr Motto: „Nach uns die Sintflut.“ Die Wurzel dieses Übels ist genau jene eventorientierte Lust an der Abwechslung, deren charmantem, mitreißendem Wesen sich kaum jemand entziehen kann. Was ist denn schon dabei, ein bisschen Spaß zu haben? Lasst uns fröhlich sein, solange es hier noch etwas zum Freuen gibt. Die Disziplin bringt das Wesen der Ausgelassenheit auf den Punkt. Sie ist stets lustig, entgegenkommend wie ein netter kleiner Hund, dem man einfach nichts abschlagen kann und dessen neugieriger Spürnase man überall dorthin folgt, wo es etwas zu erleben gibt. Wenn Spaßhaben aber zu einem Menschenrecht mutiert, droht die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht zu geraten. Das Recht auf Freude hat nämlich die gefährliche Eigenschaft, sich auf alle denkbaren Lebensbereiche auszuweiten. Menschen mit schweren Erbkrankheiten reklamieren z.B. für sich das Recht auf ein gesundes Kind. Um dies zu erreichen, lassen sie ihre Embryonen untersuchen. Von den gesunden darf einer am Leben bleiben, alle anderen sterben auf dem Abfallhaufen unserer Gesellschaft. Das Annehmen eines kranken Kindes oder der Verzicht auf eigene Kinder erscheint vielen als unzumutbar. Auch die Kirchen tun sich mit Forderungen schwer. Man will die Menschen nicht verschrecken. Wer Richtlinien aufstellt und Grenzmarken setzt, macht sich schnell unbeliebt. Es gilt als spaßbremsender Zwang, wenn Kinder, die wie ihre Eltern seit vielen Jahren nicht den Gottesdienst besucht haben, in den Wochen vor Erstkommunion und Firmung dazu verpflichtet werden. Dieselben Kinder und Eltern aber akzeptieren widerspruchslos, dass nur ein Kind, das regelmäßig am Fußballtraining teilnimmt, zum Endspiel aufgestellt wird. Die Disziplin charakterisiert sich selbst als Gürtel der Heiligkeit und Mantel der Ehrbarkeit. Disziplin fordert, aber sie gibt auch Halt. Sie bringt den Menschen buchstäblich in Form. Wer sie in seinem Leben Maßstäbe setzen lässt, gewinnt einen ungeahnten Freiraum.

Ein Ausweg aus dem Maskenball
Die Vergnügungssucht spricht:
Um wie viel besser ist es doch, sich zu amüsieren,
statt Trübsal zu blasen.
Spiel und Spaß sind doch wohl kein Unrecht!
Der Himmel freut sich über jedes seiner Geschöpfe.
Die Schamhaftigkeit antwortet:
Du dienst einem Götzen,
wenn du immer nur deinen Lüsten nachlebst.
Ich schaue mit den Augen der Unschuld
und allüberall bekomme ich in ehrbarer Haltung nach
Gottes Willen das zu sehen,
was du in blinder Unwissenheit fliehst.

Vergnügungssucht: Die dritte Erscheinung glich einem Menschen, der eine völlig verunstaltete Nase hatte … Und die Gestalt sprach: Wieviel besser ist es doch, sich zu verlustieren statt Trübsal zu blasen! … Mensch und Tier und Tier und Mensch, sie treiben lustig ihr Spiel miteinander! So ist es recht, so soll es sein!
Schamhaftigkeit: Du dienst einem Götzen, wenn du immer nur deinen Lüsten nachlebst. Ein toter Schall wirst du schließlich sein, gemacht von Menschenhand …Ich aber werde bei alledem rot vor Scham und suche Schutz unter den Flügeln der Cherubim … Ich schaue mit den Augen der Unschuld, und überall bekomme ich in ehrbarer Haltung nach Gottes Willen das zu sehen, was du in blinder Unwissenheit fliehst.

vergnüg scham

Die Vergnügungssucht ist zu einer Zivilisationskrankheit geworden. Allerdings wird sie nur von wenigen als solche erkannt. Sich unterhalten zu lassen erscheint vielmehr als Grundbedürfnis, dessen Befriedigung nicht mehr als Recht und billig ist. Dass Spaß zu haben besser ist, als Trübsal zu blasen leuchtet jedem ein und schließlich hat Gott doch all das erschaffen, an dem wir uns nun ungehemmt erfreuen wollen. Doch wer sich vom Strudel der Eventkultur mitreißen lässt, lernt schnell ihre Gesetzmäßigkeiten kennen.
Zwei ihrer hervorstechendsten Merkmale sind ständige Bewegung und Dauerbeschallung. Der Verzicht auf eines von beiden löst innere Unruhe aus, Kennzeichen des Entzuges jenes Suchtmittels, das die Banalität des eigenen Seins so wirkungsvoll zu überdecken scheint. Interessant ist, dass bei jenen, die sich ganz und gar dem bunten Tanz auf dem Maskenball verschrieben haben auch der Verzicht anderer Unruhe auslöst. Die Frage, warum sie das wirbelnde Treiben fliehen und dabei so voller Leben sind, bohrt wie ein Schmerz in den Nieren. Die Schamhaftigkeit legt die Widersprüchlichkeit dieses Verhaltens offen. Und sie spricht vom Mehrwert, den ein gehaltenes Leben birgt. Schutzsuchend unter den Flügeln der Cherubim erschließen sich Geheimnisse Gottes in den Vorschriften der Schrift. Wer bei sich wohnt, sieht mit den Augen der Seele weiter und tiefer als jene, deren Genusssucht sie zu einem Leben an der Oberfläche verurteilt. Wer jedoch wirklich in Beziehung zu anderen treten will, sollte sich selbst nicht ausweichen. Genau dies aber tun jene, die die Stille fliehen wie der Teufel das Weihwasser und denen es unmöglich erscheint, es mit sich selbst in einem Raum auszuhalten. Doch gerade hier ist der Ort für das innere Wachstum, das jene Reife hervorbringt, die die Jüngerinnen und Jünger des Boulevards so schmerzhaft mit ihrer eigenen Leere in Berührung bringt. »Geh in deine Zelle, sie wird dich alles lehren«, sagte einer der ägyptischen Mönchsväter. Wer vor sich selbst wegläuft, wird bis ans Ende der Welt nicht ans Ziel kommen. Keine Ablenkung‚ kein Lärm und keine noch so gelungene Unterhaltung können die Frage beantworten: Wer bin ich? Wozu bin ich berufen? Der Ausweg aus dem Maskenball aber steht jederzeit offen. Wer bereit ist, sich dem Schmerz der inneren Leere zu stellen, wird inmitten der ungewohnten Stille eine neue Frage hören, den Anruf jenes Gottes, der in Jesus Christus mitten unter uns, ja sogar mitten in uns seine Wohnung genommen hat. Wer ihn hört und seinem Wort folgt, den berührt das lebendige Leben.

Der Mut zum Dienen
Der Hochmut spricht:
Wer ist’s, der sich mit mir messen könnte?
Ich weiß, dass keiner mir gleich ist.
Die Demut antwortet:
Ich hatte in den Höhen beim Schöpfer meine Heimat
und stieg nieder mit ihm auf die Erde,
und so kann ich an allen Enden der Welt wohnen.

Hochmut: Die erste Gestalt hatte das Gesicht einer Frau, deren Augen im Feuer brannten, während die Nase vor Dreck strotzte und der Mund geschlossen war. Arme aber und Hände hatte sie nicht, vielmehr ragte an jeder Schulter der Flügel einer Fledermaus heraus, und zwar so, dass der rechte Flügel gegen Osten, der linke aber nach Westen zeigte … Und die Gestalt sprach: Über den Bergen schreie ich. Wer ist´s, der mir gleichen könnte? Ich breite meinen Mantel über die Hügel und Felder und will nicht, dass auch nur eine mir Widerstand leiste. Ich weiß, dass keiner mir ähnlich ist.
Demut: Ich bin die Säule der Wolke. Warum sollte ich nicht dulden, dass einer mir ein schreckliches Unrecht zufügt, da doch der Schöpfer vom Himmel herniederstieg, um den Menschen an sich zu ziehen? Ich hatte in den Höhen beim Schöpfer meine Heimat und stieg nieder mit Ihm auf die Erde, und so wohne ich an allen Enden der Erde. Daher kann ich kein noch so flüchtiges Wort trügerisch über die Lippen bringen, so als wollte ich behaupten, ich sei dieser oder jener, wo ich es nicht bin. Würde ich solches behaupten, so wäre ich nicht die Sonne, die die Finsternis erleuchtet. Denn mit Gott durchdringe ich alle Finsternisse. Daher vermöchte kein Sturm mich zu erschüttern, da ich in der vollen Güte mit Gott weile.

hoch demut

Demut ist eine ganz und gar unmoderne Tugend. Viele Menschen verbinden mit dem Wort Demut keine positive Kraft, sondern eine Fehlhaltung. Sie sind überzeugt: Wer demütig ist, macht sich klein und unterwirft sich ohne Not den Wünschen und Vorstellungen anderer. Die heutige Wahrnehmung von Demut hat in nicht geringem Maße mit einem Machtmissbrauch in Familien, Klöstern und Kirchen zu tun. Wem man Demut zumutete, der wurde nicht selten in seiner Kreativität und seinen Entfaltungsmöglichkeiten beschnitten. Freude, Energie und Tatkraft wurden als Anmaßung bewertet. Es ist also kein Wunder, dass Demut zu einer unverständlichen weil unverstandenen Lebenshaltung geworden ist. Wer ihre wahre Kraft kennenlernen will, sollte die Begegnung mit ihr in einer anderen Sprache wagen. Das lateinische Wort für Demut ist humilitas. Wie so oft im Lateinischen verknüpft sich auch mit humilitas nicht nur eine einzige Bedeutung, sondern ein ganzes Netzwerk von Worten und Inhalten. In humilitas steckt zum Beispiel humus, das Boden, Erde, Feuchtigkeit bedeutet. Wer demütig ist, ist erdverbunden, nicht abgehoben, sondern fest in der Wirklichkeit des irdischen Lebens verwurzelt. Die Wortbedeutung Feuchtigkeit verbindet das Element Wasser mit dem humus und der humilitas. Das fließende lebensspendende Wasser hat mit der Demut die große Anpassungsfähigkeit gemeinsam. Es schmiegt sich an jede nur denkbare Form, hat keine Ecken und Kanten. Auch Geduld ist eine Haltung, die sich sowohl mit dem Wasser als auch mit der Demut verbindet. Das weiche Wasser bricht den Stein und formt in Jahrtausenden den kantigen Felsbrocken zum runden Kiesel. Hildegard stellt dem mit unverbrüchlichem Selbstbewusstsein ausgestatteten großsprecherischen Hochmut in der Demut eine Kraft entgegen, die bei Gott zuhause und zugleich fest auf der Erde verwurzelt ist. Ihre Schlichtheit erhellt das Dunkel und ihre Verbindung mit dem Schöpfer bahnt ihr den Weg durch alle Finsternisse. Die Regel Benedikts zeigt ihre Hochschätzung der Demut in einem zwölfstufigen Lernweg. Gottesfurcht, das Hören auf sein Wort, das sich für die Mönche und Nonnen auch im Gehorsam gegenüber den Oberen verwirklicht, Abstand zum eigenen Willen gewinnen, die Übung des Schweigens und die Konzentration auf die klösterliche Regel sind Stufen, mit deren Erklimmen man jene Haltung einüben kann, die ähnlich wie die Entscheidung für die Liebe zum Himmlischen eine grundsätzliche Weichenstellung für das Leben im Angesicht Gottes und mit den uns anvertrauten Menschen ist.

Yes, we can!
Die Verzweiflung spricht:
Was bleibt noch übrig für mich, wenn nicht der Tod?
Keine Freude am Guten habe ich
und auch keinen Trost mehr an der Sünde.
Auf der ganzen Welt gibt es nichts Gutes mehr.
Die Hoffnung spricht:
Ich sitze in Sehnsucht am Throne Gottes.
In Treue umarme ich all seine Werke;
ich bringe alles Tun zur Vollendung.

Verzweiflung: Vor dem Angesicht dieser Gestalt erschien wie ein brennender Schwefelberg, ähnlich auch an ihrer rechten und linken Seite stand wie ein gleicher Schwefelberg, der in die erwähnte Finsternis abstürzte, was ein großes Getöse verursachte … Und indem die Gestalt vollends in die Düsternisse untertauchte, rief sie aus: Ich bin furchtbar erschrocken! Wer könnte mich trösten? Wer könnte mir beistehen, um dieser Katastrophe, die mich zermalmt, zu entreißen? Das Höllenfeuer ist aufgeloht rings um mich her, und Gottes Strafeifer warf mich weg in den Höllenschlund. Was bleibt übrig für mich, wenn nicht der Tod? Keine Freude im Guten habe ich und auch keinen Trost mehr in der Sünde. In der ganzen Schöpfung gibt es nichts Gutes mehr.
Hoffnung: Gott schuf ja Himmel und Erde und jedweden Wert, und er band selbst die Hölle in sein Geheiß. Alle Belohnung kommt von ihm allein, und jede Beurteilung des Bösen stammt von ihm. Warum also hältst du dir das Verderben schon vor, wo du noch gar nicht verurteilt bist? Die bösen Geister wollen Gott nicht, und auch du vertraust nicht auf ihn. Jedes Geschöpf kommt Gottes Gesetz entgegen, nur der Teufel lehnte es ab, weshalb er in die Hölle geworfen wurde, wo er nichts anderes vermag, als was der Macht der Hölle zusteht. Daher soll kein Mensch, der sich nach etwas Gutem sehnt, sich selbst sein Verderben vorhalten, denn Gott ist das höchste Gut, und er lässt keine gute Tat ohne ihren Lohn. Ich aber sitze in guter Sehnsucht im Thron Gottes und in Glauben umarme ich all seine Werke. Alle guten Werke bringe ich zur Vollendung und ziehe so die ganze Welt an mich.
J. S. Bach – Kantate „Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“, BWV 131

verzweif hoffnung

Die Hoffnung ist eine geheimnisvolle, weltbewegende Kraft. Sie hält Leben für möglich, wo andere nur Wüsten sehen, sieht sichere Pfade in weglosem Land und traut Menschen, auf die niemand setzt, etwas zu. Ähnlich wie der Glaube kann auch die Hoffnung Berge versetzen. Die Hoffnung verleiht dem Leben, wie ausweglos es auch erscheinen mag, eine Perspektive. Hätte Hildegard nicht nur die Laster, sondern auch die Tugenden bildlich vor Augen gehabt, wäre die Hoffnung sicher als geflügeltes Wesen erschienen, das sich wie eine Feder von Gott getragen über die Gräben der Ausweglosigkeit hinweg erhebt. Die Verzweiflung dagegen präsentiert sich als der in sich selbst verkrümmte Mensch im Endstadium. Heute wird die Verzweiflung gemeinhin als ein Zustand angesehen, in den ein Mensch, verursacht durch eine untragbar erscheinende Anzahl von Unglücksfällen schuldlos hineingeraten ist. Die Kirche sieht das anders. Sie betrachtet die Verzweiflung als schwere Sünde. Im Gegensatz zu leichteren Verfehlungen ist sie nämlich eine Sünde wider den Heiligen Geist. Wer der Verzweiflung in sich Raum gibt, traut Gott nicht mehr zu, dass er über sein Leben Gutes sagen, es segnen und seine Wunden heilen kann. Wer der Verzweiflung verfällt, benötigt als Heilmittel nicht nur Mitleid, er muss aufgerüttelt, buchstäblich in Bewegung gebracht werden, damit die verwandelnde Kraft der Reue ihn dazu befreit, das Wirken des Heiligen Geistes wieder in sich wahrzunehmen. Die Verzweiflung steht auch deshalb an der Spitze der sechs Sünden wider den Heiligen Geist, weil sie, wie Hildegard treffend analysiert, der Zunder der Sünde ist. Wenn ohnehin alles einschließlich der Hoffnung verloren ist, hat ein Leben nach den Geboten Gottes buchstäblich keinen Sinn mehr. Verzweiflung macht, weil der ihr Verfallende weder am Guten noch am Bösen Geschmack findet, orientierungslos. Der Blick auf das Wissen um Gut und Böse, das der Mensch in sich trägt, ist verdunkelt und die Kraft, in der er sich im Rad seines Gewissens dem rechten Weg zuneigen kann, ermattet. Wer der Verzweiflung entkommen will, muss seine Betrachtungsweise korrigieren. In der Regel hat Verzweiflung nämlich damit zu tun, dass sie den Wert der Dinge außerhalb von Gott sucht. Dort wird sie, wie Hildegard die Hoffnung betonen lässt, aber nicht fündig. Nicht einmal das Böse lässt sich auf diese Weise dingfest machen. „Gott schuf ja Himmel und Erde und jedweden Wert, und er band selbst die Hölle in sein Geheiß“. Damit setzt Hildegard die Sünde wider den Heiligen Geist mit einer von dessen Gaben in Beziehung, dem Glauben, der auch das Hoffen wider alle Hoffnung ermöglicht.

Freiraum im Zelt der Seele
Die Wollust spricht:
Wenn die Natur des Fleisches
Gott wirklich so lästig wäre,
dann hätte Er es schon so eingerichtet,
dass sich das Fleisch
nicht so bequem befriedigen lässt.
Die Keuschheit antwortet:
Ich sitze in der Sonne
und schaue auf den König der Könige,
da ich alle guten Werke
aus freien Stücken wirke.

Wollust: Die siebente Gestalt hatte wie die Form einer Frau, die auf ihrer rechten Seite lag. Die Beine hatte sie gekrümmt und hochgezogen, so wie ein Mensch dies tut, der es sich auf seinem Lager bequem macht. Ihre Haare waren wie Feuerflammen und ihre Augen weiß wie Kreide … Und sie sprach:
Die Gestalt des Ebenbildes Gottes ziehe ich in den Schmutz, was Gott sehr lästig ist. Und auf diese Weise werde ich alles verderben. Ich bin nämlich ruhmreich und hoch und ziehe alles an mich, was mir erlaubt ist durch die eingegebene Natur, die mir angeboren ist. Warum sollte ich enthaltsam leben und die Gefälligkeiten eines fröhlichen Lebens und der hüpfenden Sinnlichkeit von mir abschneiden? Wenn ich ein so winziges Teil meiner Sache ausführe, ist es etwa sündhaft? Doch wenn ich das nicht täte, was der Trieb meines Fleisches von mir fordert, dann würde ich zornmütig, hinterlistig, betrügerisch, verschlagen und in lauter Anfechtungen verwickelt werden …
Reinheit: Ich sitze nicht untätig umher, wie du Unflat bist, der du ständig mit der Unzucht spielst. Auf jenem Lager, auf dem du dich da wälzest, liege ich nicht, wo du gleichsam die Schändung zu dir rufst. Aus meinem Munde kommen keine giftigen Worte, die jeder schlüpfrigen Gemeinheit eine Lehre geben. Ich schöpfe vielmehr im Quell des Segens aus dem süßesten Tau meinen Trank, denn all mein Tun in der Erquickung mit Gott ist. Ich sitze in der Sonne und schaue auf den König der Könige, da ich alle guten Werke aus freien Stücken wirke.

wollust reinheit

»Du weißt doch, wie die Männer sind, da ist er nun einmal schwach geworden,« heißt es häufig, wenn ein Mitglied des so genannten starken Geschlechtes sich einer Frau zuwendet, die nicht seine eigene ist. »So einen kleinen Ausrutscher darf man doch nicht so ernst nehmen.« »Wenn ich so ein winziges Teilchen meiner Natur zur Reife bringen möchte, soll das schon eine besondere Schuld sein?« Im Gegenteil. Ich werde sehr unausgeglichen, wenn ich dem Trieb meines Fleisches nicht nachgebe. Sollen die andern dann etwa meinen Zorn aushalten oder sich mit meiner Hinterlist herumschlagen? Da ist es doch wohl besser, wenn ich alles an mich ziehe, weil das in meiner Natur liegt. Gott hat uns nun einmal so geschaffen, dass wir die Sünde, die wir begehen wollen, nicht vermeiden können. Die Wollust begründet ihr Tun ähnlich wie die anderen Fehlhaltungen mit dem Vorhandensein ihres Verlangens. Wenn ein vierjähriges Kind an der Kasse angesichts der verlockend ausgebreiteten Quengelware zu uns sagt: »Ich will den Schokoriegel haben, also musst du ihn mir auch kaufen, sonst werde ich wütend«, nehmen wir das nicht ernst, wir nehmen vielmehr unseren Erziehungsauftrag wahr und fallen weder auf die Marketingmasche des Unternehmens noch auf die spontanen Bedürfnisse des kleinen Menschen herein. Seltsamerweise wird aber genau dieses Verhaltensmuster außer Kraft gesetzt, wenn es um Fragen der Sexualität geht. Es scheint ebenso unmöglich wie sinnlos zu sein, den Verlockungen zu widerstehen. Doch welches Bild von unserem Körper malen wir da wie den Teufel an die Wand? Ist unser Leib der Tempel Gottes, wie der Apostel Paulus betont oder das Zelt der Seele, wie Hildegard schreibt? Oder ist er vielmehr ein machtvolles Kleinkind, das seine Bedürfnisse gegen alle Vernunft zielbewusst durchzusetzen versteht?
Wer den Freiraum im Zelt seiner Seele genießen möchte, tut gut daran, Abstand zu gewinnen von Bildern, Worten und Begegnungen, die besetzend wirken und ihre bezwingende Kraft auch dann entfalten, wenn wir das eigentlich gar nicht wollen. Hildegard schreibt, dass die Wollust im Gehör der Ohren bei Adam und Eva gewachsen ist, als der Gehorsam aus ihnen entschwand. Wer das Verlangen mächtig werden lässt, verringert seine geistliche Hörfähigkeit. Er beschmutzt das Zelt seiner Seele und verbannt das fröhliche Leben, das in ihr herrscht. Denn die Wollust ist die Sünde derjenigen, die an Gottes Barmherzigkeit zweifeln. Deshalb lädt die Keuschheit die Wollust ein, aus dem Quell des Segens zu schöpfen. Segnen aber heißt im Lateinischen benedicere – Gutes sagen und genau mit dieser aufbauenden Haltung kann es gelingen, die Wollust zu entmächtigen.

Der Blick
über den Tellerrand hinaus
Die Verschlossenheit spricht:
Warum sollte ich mir für etwas Mühe machen,
das ich doch nicht zu Ende bringen kann?
Wenn nämlich einer etwas anstrebt,
was er doch nicht erreichen kann,
so nützt ihm das gar nichts.
Das zerknirschte Herz antwortet:
Er gibt mir die Speise des Lebens,
weil ich von ihm erbeten habe,
er möge mich nicht kraftlos leben lassen.
Du aber, weil du eben nichts von ihm erbittest,
bekommst auch von ihm nichts geschenkt.

Hartnäckigkeit: Die sechste Gestalt sah aus wie ein Büffel und sprach: Wäre die Erde von Regen und Fettigkeit immer nur aufgeweicht und hätte keine Härte, dann würde daraus kein Nutzen kommen, weil die Früchte auf diese Weise nicht reifen könnten. Und wäre sie zart, dann würden sie die Wasserfluten, die sich darüber ergießen, vollends zerstören … Warum sollte ich mir für etwas Mühe machen, das ich doch nicht zu Ende bringen kann? Wenn nämlich einer etwas sucht, was er doch nicht finden kann, so nützt ihm das gar nichts.
Zerknirschung des Herzens: Was bist du eigentlich, du bitteres Wesen, dass du behauptest, du kannst dich in deinem Leben nicht anzustrengen, wo doch die Vögel und die Fische, die wilden Tiere und die Würmer wie auch alle Kriechtiere ihre Arbeit leisten, um sich zu ernähren. Die Jungen erflehen ihre Atzung von ihren Müttern, und die Erde verlangt von der Luft die Fülle ihrer grünen Lebensfrische. Warum wird Gott Vater genannt, wenn nicht deshalb, dass seine Kinder ihn anrufen und, wenn er ihnen in seiner Gnade das Gute schenkt, sie erkennen, dass er Gott ist? Warum also zankst du mit Gott? Ich aber trinke von dem Tau seines Segens und aus der Zerknirschung des Herzens lächle ich ihm zu und mit freudiger tränenvoller Stimme sage ich zu ihm: „Gott, komm mir zu Hilfe!“ Mir antworten die Engel mit tönender Orgel und sie loben Gott, denn ich rufe zu ihm. Dann leuchtet mir die Morgenröte seiner Gnade, und er gibt mir die Speise des Lebens.

verschloss zerknirsch

Die Verschlossenheit macht einen sehr vernünftigen, realitätsbezogenen Eindruck. Sie wägt das Machbare genau ab und tut nur das Nötigste. Die scheinbare Rationalität dieser Haltung erweist sich jedoch bei genauerem Hinsehen als unflexibel, egoistisch und perspektivlos. Unsere Welt wäre nämlich in vielfältiger Weise ärmer als sie es heute ist, wenn sich dieses Laster durchsetzen würde. Wer im Mittelalter am Bau einer gotischen Kathedrale mitwirkte, der mehrere Jahrzehnte dauerte, tat dies bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 30 bis 40 Jahren oft ohne die Hoffnung, die Vollendung des architektonischen Wunderwerks bestaunen zu dürfen, zu dem er beigetragen hatte. Dennoch waren die Architekten, die Steinmetze, die Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter zutiefst davon überzeugt, etwas Sinnvolles und Notwendiges zu tun. Sie sahen sich in einer langen Kette von Generationen, aus deren sinnstiftendem Zusammenwirken wunderbare Werke hervorgingen. Dass die Rassentrennung abgeschafft und ein Farbiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde, erschien völlig unrealistisch, als Martin Luther King seinen Traum von der Gleichheit der Menschen aller Rassen und Sprachen, aller Schichten und Gruppen, träumte. Aber seine Hoffnung wurde zum zündenden Funken, der eine Bewegung ins Leben rief, die die Schranken zwischen den Rassen niederriss. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen für die Wirkmächtigkeit des unermüdlichen Einsatzes für das Gute. Warum sich aber trotz der äußerlichen Stärke der Verschlossenheit, die Hildegard in Gestalt eines Büffels vor Augen tritt, die Zerknirschung des Herzens mit ihrer weicheren Kraft als machtvoller erweist, hat eine andere Ursache. Der eigentliche Grund, warum die Verschlossenheit so erfolglos ist, liegt darin, dass ihr das eine Notwendige fehlt. Sie richtet ihren Blick auf das Irdische, nicht auf das Himmlische. Deshalb sieht sie nur das, was vor Augen ist, nicht das Herz. Ihr Misstrauen anderen Menschen gegenüber schneidet sie von den Synergieeffekten ab, die entstehen, wenn Menschen ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Liebe miteinander teilen. Am meisten aber fehlt ihr die Perspektive der Ewigkeit, die Sehnsucht nach Gott und die Gabe des Gebetes. Die Zerknirschung des Herzens erreicht mit geringen äußeren Mitteln das Zentrum der Wirklichkeit. Ihr Schlüssel ist nur ein kleiner Satz: »Gott, komm mir zu Hilfe«. Er ist frei von Rechten Dritter, beliebig kopierbar, ein Geschenk des zugewandten Gottes für uns.

Der fesselnde Besitz
Die Habsucht spricht:
Ich habe großes Verlangen,
und einen gewaltigen Trieb, jedes Ding,
das wertvoll ist, ehrenhaft und schön,
an mich zu reißen.
Die Weltverachtung antwortet:
Gar manches Geschlecht der Menschen hat in seinem Trachten
nach den Reichtümern und Ehrungen dieser Welt gestrebt;
die Zeichen an Sonne und Sternen haben sie befragt und haben sich selbst,
wie auch jene, auf die sie vertrauten als Götter bezeichnet.
Was hat ihnen all diese Eitelkeit geholfen?
Und wo sind nun ihre Reichtümer und Ehren und Besitztümer?
Im Abgrund der Hölle!

Begierde: Die siebte Gestalt glich bis zu den Beinen einem Weibe, dessen Waden und Füße jedoch von der erwähnten Finsternis so bedeckt waren, dass ich diese vor der Finsternis nicht sehen konnte. Ihr Haupt hatte sie nach Frauenart verhüllt und hatte ein weißes Gewand an. Sie sprach: Ich habe ein großes Verlangen und einen gewaltigen Trieb, jedes Ding, das reich, ehrenhaft und schön ist, an mich zu ziehen. Jedes noch so kleine Geschenk, was zu geben und zu haben ist, möchte ich entgegennehmen, weil je mehr ich habe, um so mehr vermehrt sich mein Wissen. Mit schönen Ringen, prächtigen Armbändern und Ohrgehängen und mit anderen Schätzen werde ich richtig als weise erkannt und in den feinen Ursachen unterscheide ich alles richtig.
Weltverachtung: Du bist die schlimmste Schlinge, die du jene körperlichen Dinge einrichtest, die mit ihren verschiedenen Vermögen und Fähigkeiten dem fleischlichen Vergnügen dienen. Ich aber sitze in der Gestalt des Heiligen Geistes und mache Runden im Rennwagen der Gebote Gottes, überall wandle ich auf seinen Wegen und rufe ihn als Vater an. Die fleischliche Lust des Eigenwillens strecke ich nieder und so offenbare ich mich überall. Und wenn ich mich schon mal von der Lust des Leibes beschwert fühle, so werde ich schnell durch die Gottesfurcht und durch das Feuerrad des Heiligen Geistes wieder wach … Denn wenn die Feuerflamme des Heiligen Geistes mich entfacht, verzehrt sie in mir alles Weltliche und so durcheile ich im himmlischen Wagen alles Göttliche.

habsucht weltverachtung

Die Habsucht ist ein Laster, das nahezu unvermeidlich aus den bisherigen Fehlhaltungen folgt. Da die Verschlossenheit jede Berührung mit lebendigem Leben in der Begegnung mit Gott oder den Menschen verweigert, benötigt sie greifbare Dinge, um das Loch zu stopfen, das die fehlende Liebe in ihre Seele gerissen hat. Sie hängt ihr Herz an Reichtum und macht bei sich und anderen den Besitz zum Maßstab der Werthaftigkeit. »Mit schönen Ringen, prächtigen Armbändern oder sonstigem Geschmeide, wie auch mit anderen Schätzen werde ich als ein redlicher, kluger Mann erachtet, und in jeder noch so kleinen Sache unterscheide ich alles nach seinem Wert.« Das Verhängnisvolle an der Habsucht ist, dass, wie bei jeder Sucht, ihr Sehnen mit ihrem Hilfsmittel nicht zu stillen ist. Der Riss in ihrer Seele hat verdächtige Ähnlichkeit mit jenen schwarzen Löchern im Weltall, die jegliche Materie anziehen und auf Nimmerwiedersehen verschlucken. Im Nichterkennen der Sinnlosigkeit ihres Tuns wird die Habsucht so zu einer zweifachen Gefangenen. Zum einen nimmt die Fülle des Besitzes ihr die Leichtigkeit des Seins, zum anderen bleibt sie in verfänglicher Abhängigkeit von Dingen, die die Seele nicht nähren. Unermüdlich erhofft sie sich von jedem neuen Accessoire neben dem materiellen auch einen geistigen Mehrwert: »Jedes noch so kleine Geschenk, was zu geben und zu haben ist, möchte ich mir nehmen, weil sich mit der Vermehrung meines Besitzes auch meine Erkenntnis mehrt.«
Wie sinnlos die Spirale des Habenwollens ist, zeigt ein Rechenbeispiel. Eine Kassiererin verdient in Deutschland derzeit circa 30.000 € pro Jahr. Die Bundeskanzlerin verdient 280.000 €‚ der Manager VW 17.640.000 Millionen €. Das ist 63 Mal so viel wie die Kanzlerin und 600 Mal so viel, wie die Kassiererin verdienen. Die Weltverachtung entlarvt diese extreme Form der Raffgier als tödlich. Besitz, in dieser Unmenge angehäuft, beschwert das eigene Leben, verhindert ein menschenwürdiges Leben anderer und schläfert die geistlichen Sinne ein. Reichtum in diesem Übermaß eingefordert, ist Sünde. Er trennt von Gott und den Menschen. Die Weltverachtung will nicht einmal zur Ehre des Herrn Reichtümer und Besitz annehmen – eine subtile Kritik an der Kirche durch die der Hirsauer Reform anhängende Hildegard. Sie setzt dagegen auf die Gottesfurcht und das Feuerrad des Heiligen Geistes, die sie wieder wach machen, wenn sie durch die Lust des Leibes beschwert ist. »Denn sobald die Feuerflamme des Heiligen Geistes mich in Brand setzt, verzehrt sie alles Unreine in mir, und so durcheile ich im Höhenflug himmlische Dinge.

Ut mens concordet voci
Die Zwietracht spricht:
Edle und Unfreie, Reiche und Arme,
sie alle drehe ich herum wie ein Rad.
So verhalte ich mich in jeder Lage,
wie es mir gefällt.
Die Eintracht antwortet:
Du möchtest im Niemandsland dein Reich aufrichten.
Würde die übrige Welt Gott verachten,
so wie du das machst,
würde gleichwohl seiner Macht nichts fehlen.

Zwietracht: Und ich sah eine Gestalt, die mit hochgereckten Füßen in der erwähnten Finsternis hing. Sie hatte ein Leopardenhaupt, während der übrige Körper einem Skorpion glich. Und sie wandte sich gegen Süden und Westen und sprach: Den Osten verleugne ich und den Süden will ich nicht. Denn der Ost will alles haben, der Süden aber alles festhalten. Was nun werden West und Nord in Besitz halten? Das Morgenlicht, das die strahlende Sonne hält, leuchtet rötlich auf, der Westen aber trägt nur Finsternis. Und kann der Norden etwas machen? Ja, er kann! Denn die Finsternis verdüstert die Sonne, während die Sonne nicht an die Finsternis herankommt, um sie zu verscheuchen. So behält jeder Teil für sich seine eigene Stärke. Der Norden hält fest, was in der Finsternis bewegt wird.
Eintracht: O du scheußliches, du verwünschtes Wesen, was sprichst du da? Könntest du etwa den Himmel und seine Naturgesetze zerstören? Keineswegs! Nicht einmal eine Mücke kannst du machen. Aber alle Vorwürfe bringst du heraus mit deinem Zanken … Und du wolltest nun die Sonne und die Gestirne bekämpfen? Nie und nimmer! Denn ein Staubkorn der Sonnenglut vernichten dich schon. Alle männliche Art hat ihre volle Kraft wie die Sonne, der das Firmament und die übrigen Leuchten gleich dem weiblichen Geschlecht, unterworfen sind.

zwietr eintracht

Das Herz soll mit der Stimme im Einklang sein, übereinstimmen, ein Herz und eine Seele sein. Dies Stelle aus der Regel Benedikts, die über die rechte innere Haltung beim Gebet spricht, ist nur schwer in ihrem ganzen Facettenreichtum ins Deutsche übertragbar. Denn das lateinische Verb concordet enthält das Wort cor, das Herz bedeutet. Geist, Herz und Stimme sollen beim Beten einträchtig bei der Sache sein, könnte man sagen.
Die Eintracht, lateinisch Concordia genannt, ruht in sich selbst. Sie ist, wie man heute vielleicht sagen würde, authentisch, ganz bei sich, fähig, jenes Glück zu empfinden, dass der Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi flow nennt.
Die Zwietracht dagegen ist von flexibler Moralität und manipulativer Unbeständigkeit. Hildegard ist überzeugt, dass der unselige Drang zur Spaltung, zum Säen von Misstrauen und Unfrieden seine Wurzel in unbefriedigter Habsucht hat. »Wenn die Menschen nämlich in ihrer Habsucht so manches wünschen, das sie dann doch nicht haben können, rennen sie in ihrem kranken Geiste mitten in die Zwietracht und sind gegen die ganze Welt feindlich eingestellt. … Keinen Frieden wollen sie und freuen sich noch gewaltig, wenn sie andere in Wort und Tat zerreißen. Wer selbst von der Zwietracht aus der Ruhe gebracht ist, gönnt auch anderen den Frieden nicht. Sie betreibt, so Hildegard, nichts anderes als das Spiel des unseligen Todes. Unselig, weil der Tod als Übergang in die Wirklichkeit Gottes keinen Schrecken birgt, wohl aber der seelenlose Zustand der Absonderung, in den der Zwieträchtige sich und andere treibt. Die Eintracht gehört, glaubt man der Apostelgeschichte zu den Hauptmerkmalen der jungen christlichen Gemeinde. »Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Und kein einziger sagte, dass etwas von seinem Besitz sein eigen sei, sondern sie hatten alles gemeinsam.«
Die unmittelbare Verbindung von Eintracht und dem Verzicht auf eigenen Besitz verdeutlicht, wo die Wurzel der Zwietracht zu finden ist. Nur wer sich bewusst ist, dass nichts von all den Dingen, die er täglich nutzt, ihm für immer und ewig gehört, gewinnt genug Abstand, um zwischen sich selbst und der materiellen Welt unterscheiden zu können. Wer dies schafft, ist unempfindlich für Neid und Missgunst. Er hat es nicht nötig, Zwietracht zu säen. Eine andere Heilige, Teresa von Avila, die über eine reiche Erfahrung mit zwieträchtigen Menschen verfügte, trug stets einen hilfreichen Satz bei sich: »Nichts soll dich beunruhigen, nichts dich verwirren. Alles vergeht, Gott bleibt derselbe. Geduld erreicht alles. Wer Gott besitzt, dem kann nichts fehlen, Gott allein genügt«.

Schwermut
Die sechste Gestalt glich einem Aussätzigen. Sie trug schwarzes Haar, hatte aber sonst keinerlei Kleid an. Dafür bedeckte sie sich mit breiten Blättern verschiedener Pflanzen und schlug sich mit ihren Händen ihre Brust. Und sie sprach:
Was ist noch mein Heil, wenn nicht die Tränen? Was für ein Leben habe ich, wenn nicht Schmerz? Und was wird meine Hilfe sein, wenn nicht der Tod? Welche Antwort wird mir werden, wenn nicht das Verderben? Etwas Besseres gibt´s nicht für mich.
Glückseligkeit
Du bist geradezu süchtig auf Peinigung und willst wohl nichts anderes mehr.
Ich aber rufe laut zu Gott und bekomme Antwort von Ihm. Ich bitte Ihn und er schenkt mir in seiner Güte, was ich ersehne. Ich suche bei Ihm und so finde ich es auch. Denn ich bin eine ehrfürchtige Freude und schlage die Zither vor Gott, da ich mein ganzes Handeln auf ihn richte. Meine vertrauensvolle Hoffnung setze ich auf ihn und ruhe in seinem Schoß.

Bildschirmfoto-2011-12-10-um-19.20.58 Bildschirmfoto-2011-12-10-um-19.21.09

Hildegard von Bingen Der Mensch in der Verantwortung
Das Buch der Lebensverdienste – Liber Vitae Meritorum
Die verkehrten Menschen behaupten, man könne Gott nicht zu Gesicht bekommen
35 Daher ist in diesen Menschen, in denen die Grünkraft herrschen sollte, keinerlei Leben, vielmehr nur noch dürre Trockenheit, und zwar wegen der durchaus nichtsnützigen Wahnhaftigkeit jener diabolischen Künste, die sich in der Verderbtheit der Menschen spiegelt. Alles, was sie tun, richten sie auf ihre Begehrlichkeit und Lüsternheit aus, wobei sie in ihren Herzen und mit ihren Zungen sprechen, wer wohl jener Gott sei, und was jener Gott könne, und welche Macht Er wohl habe, den man doch nie zu sehen kriege, der vielmehr immer im Verborgenen weile.
Die Menschen erblicken Gott in der Schöpfung
36 Ihnen gibt der Herr Antwort, wenn Er sie fragt: Ob sie Ihn denn nicht in der Erleuchtung des guten Gewissens gleicherweise gesehen hätten wie beim Leuchten der irdischen Sonne, als sie das Gute tun sollten? Ob sie Ihn nicht geschaut hätten in der Trübung des Herzens gleicherweise wie im Dunkel der Nacht, als sie Schlechtes zu meiden hatten? Ob sie Ihn denn nie erfahren hätten auf den Wegen der Gerechtigkeit, die im Heiligen Geiste zu immer größeren Fortschritten geleitet würde? Oder ob sie ihn nicht geschaut hätten, als der irdische Samen in die Erde fiel und mit Tau und Regen durchtränkt wurde, um auf diese Weise zum Wachstum zu kommen? Und ob das alles durch einen anderen geschehen könnte als durch den Schöpfer aller Dinge?

DAS BUCH DER LEBENSVERDIENSTE
KATALOG DER TUGENDEN UND DER LASTER
01. Amor saeculi (Weltliebe)- Amor caelestis (Liebe zum Himmlischen)
02. Petulantia (Ausgelassenheit)- Disciplina (Zucht)
03. Joculatrix (Vergnügungssucht)- Verecundia (Schamhaftigkeit)
04. Obduratio (Herzenshärte)- Misericordia (Barmherzigkeit)
05. Ignavia (Feigheit)- Divina victoria (Gottes Sieg)
06. Ira (Zorn)- Patientia (Geduld)
07. Inepta laetitia (Ausschweifung)- Gemitus ad Deum (Sehnsucht nach Gott)
08. Ingluvies ventri (Schlemmerei)- Abstinentia (Enthaltsamkeit)
09. Acerbitas (Engherzigkeit)- Vera Largitas (Freigebigkeit)
10. Impietas (Gottlosigkeit)- Pietas (Frömmigkeit)
11. Fallacitas (Lüge)- Veritas (Wahrheit)
12. Contentio (Streitsucht)- Pax (Friede)
13. Infelicitas (Schwermut)- Beatitudo (Seligkeit)
14. Immoderatio (Maßlosigkeit)- Discretio (Maß)
15. Perditio animarum (Verstocktheit)- Salvatio animarum (Seelenheil)
16. Superbia (Hochmut)- Humilitas (Demut)
17. Invidia (Mißgunst)- Charitas (Liebe)
18. Inanis gloria (Ruhmsucht)- Timor Domini (Gottesfurcht)
19. Inobedientia (Ungehorsam)- Obedientia (Gehorsam)
20. Infidelitas (Unglaube)- Fides (Glaube)
21. Desperado (Verzweiflung)- Spes (Hoffnung)
22. Luxuria (Wollust)- Castitas (Keuschheit)
23. Injustitia (Ungerechtigkeit)- Justitia (Gerechtigkeit)
24. Torpor (Stumpfsinn)- Fortitudo (Tapferkeit)
25. Oblivio (Gottvergessenheit)- Sanctitas (Heiligkeit)
26. Inconstantia (Unbeständigkeit)- Constantia (Beständigkeit)
27. Cura terrenorum (Sorge für das Irdische)- Caeleste desiderium (Sehnsucht nach Himmlischem)
28. Obstinatio (Verschlossenheit)- Compunctio cordis (Zerknirschung)
29. Cupiditas (Habsucht)- Contemptus mundi (Weltverachtung)
30. Discordia (Zwietracht)- Concordia (Eintracht)
31. Scurrilitas (Spottsucht)- Reverentia (Ehrfurcht)
32. Vagatio (Umherschweifen)- Stabilitas (Stetigkeit)
33. Maleficium (Magische Kunst)- Cultus Dei (Gottes Dienst)
34. Avaritia (Geiz)- Sufficientia (Genügsamkeit)
35. Tristitia saeculi (Weltschmerz)- Coeleste gaudium (Himmlische Freude)

14064059_762413807233639_7795352652492201950_n

Hildegard von Bingen Der Mensch in der Verantwortung
Das Buch der Lebensverdienste – Liber Vitae Meritorum
Die verkehrten Menschen behaupten, man könne Gott nicht zu Gesicht bekommen
35 Daher ist in diesen Menschen, in denen die Grünkraft herrschen sollte, keinerlei Leben, vielmehr nur noch dürre Trockenheit, und zwar wegen der durchaus nichtsnützigen Wahnhaftigkeit jener diabolischen Künste, die sich in der Verderbtheit der Menschen spiegelt. Alles, was sie tun, richten sie auf ihre Begehrlichkeit und Lüsternheit aus, wobei sie in ihren Herzen und mit ihren Zungen sprechen, wer wohl jener Gott sei, und was jener Gott könne, und welche Macht Er wohl habe, den man doch nie zu sehen kriege, der vielmehr immer im Verborgenen weile.
Die Menschen erblicken Gott in der Schöpfung
36 Ihnen gibt der Herr Antwort, wenn Er sie fragt: Ob sie Ihn denn nicht in der Erleuchtung des guten Gewissens gleicherweise gesehen hätten wie beim Leuchten der irdischen Sonne, als sie das Gute tun sollten? Ob sie Ihn nicht geschaut hätten in der Trübung des Herzens gleicherweise wie im Dunkel der Nacht, als sie Schlechtes zu meiden hatten? Ob sie Ihn denn nie erfahren hätten auf den Wegen der Gerechtigkeit, die im Heiligen Geiste zu immer größeren Fortschritten geleitet würde? Oder ob sie ihn nicht geschaut hätten, als der irdische Samen in die Erde fiel und mit Tau und Regen durchtränkt wurde, um auf diese Weise zum Wachstum zu kommen? Und ob das alles durch einen anderen geschehen könnte als durch den Schöpfer aller Dinge?

Sigmund Freud zitiert: „Der Verlust des Schamgefühls ist ein Zeichen von Schwachsinn.“

Kräftespiel – Die Sorge für das Irdische – Die Sehnsucht nach dem Himmlischen
Die Sorge für das Irdische:
Welche Besorgnis wäre denn wichtiger als alle Sorge um die Welt?
Die Sehnsucht nach dem Himmlischen:

Wie der Leib nicht leben könnte ohne die Seele, so wächst auch keine irdische Frucht ohne die Gnadenkraft Gottes…
Ich habe in der Höhe meine Heimat. (HvB)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.