Sören Kierkegaard

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Sören Kierkegaard: Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst du? – ich würde antworten: schaffe Schweigen.

stille

Schaffe Schweigen!
Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank.
Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du?
Ich würde antworten: Schaffe Schweigen!
Bringe die Menschen zum Schweigen.
Gottes Wort kann so nicht gehört werden.
Und wenn es unter der Anwendung
lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird,
daß es selbst im Lärm gehört werde,
so ist es nicht mehr Gottes Wort.
Darum schaffe Schweigen!

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Und zuletzt wurde ich ganz still. Sören Kierkegaard

Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen,
zu sehen, was die Gottheit eigentlich will,
daß ich tun soll; es gilt, eine Wahrheit zu finden,
die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden,
für die ich leben und sterben will. …
Was nützte es mir, daß die Wahrheit kalt und nackt
vor mir stünde, gleichgültig dagegen, ob ich sie
anerkennte oder nicht …?
Worauf es ankommt, ist nicht die Masse von Erkenntnissen,
sondern das innere Handeln des Menschen. …
Es kommt mir vor, als hätte ich nicht aus dem Becher der
Weisheit getrunken, sondern sei in ihn hineingefallen. …
Ich will nun versuchen, den Blick ruhig auf mich selbst
zu heften, und will beginnen, innerlich zu handeln;
denn nur dadurch werde ich fähig sein, gleich wie das Kind
sich bei seiner ersten bewußt vorgenommenen Handlung „ich“
nennt, mich in tieferer Bedeutung „ich“ zu nennen. …

So sei denn das Los geworfen – ich gehe über den Rubikon!
Feriennotizen aus dem Tagebuch des
Theologiestudenten (1835, Pap I A 75)

SÖREN KIERKEGAARD, GÄNSEPARABEL
„Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredtste Gänsereich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem.“

Hütet euch vor denen, die gerne in langen Kleidern gehen. Mk12,38; Lk20,46
Vor allem hüte Dich vor den Pfarrern! Zum Christsein (falls man es solcherart sein will, dass es im Gericht bestehen kann; und was hilft einem sonst sein Christsein!) gehört: für die Lehre gelitten zu haben. Und glaube mir, so wahr ich Sören Kierkegaard heiße, Du kriegst keinen beamteten Pfarrer dazu, das zu sagen, und das ist nur natürlich, denn es hieße für ihn, sich selber umbringen; im gleichen Augenblick wäre die ganze Maschinerie mit den 1000 Pfründen und Beamten durcheinandergebracht, wären all diese 1000 Pfründen bloßgestellt. Dagegen kannst du ganz sicher sein, dass er mit aller Macht das Gegenteil vortragen wird, Dich hindern wird, auf solche Gedanken zu kommen, damit du bleiben kannst, was er unter einem Christen versteht: ein gutes Wollschaf, eine gutmütige Mittelmäßigkeit, vor der sich die Ewigkeit verschließt.
Also, an sich ist es völlig gleichgültig, ob lange oder kurze Kleider die Standeskleidung bilden. Das Entscheidende dagegen ist folgendes: sobald der Lehrer ein „Ornat“ bekommt, eine besondere Tracht, eine Standeskleidung, dann hast du den amtlichen Gottesdienst – und den will Christus nicht haben. Lange Kleider, prächtige Kirchengebäude usw., all das hangt zusammen und ist die menschliche Fälschung des neutestamentlichen Christentums, eine Fälschung, die es sich schandbar zunutze macht, daß sich leider die Menge der Menschen nur allzuleicht von einem Sinneseindruck betören lässt und deshalb (geradewegs dem neuen Testament zuwider) geneigt ist, das wahre Christentum an einem Sinneseindruck zu erkennen. Lange Kleider bringen unwillkürlich auf den Gedanken, daß man etwas zu verbergen habe; wenn man etwas zu verbergen hat, sind lange Kleider sehr zweckdienlich – und das amtliche Christentum hat außerordentlich viel zu verbergen, denn es ist von Anfang bis Ende eine Unwahrheit, die deshalb am besten – unter langen Kleidern verborgen wird. Und lange Kleider – das ist ja Frauenzimmerkleidung …Und dies Frauenzimmerhafte ist auch auf andere Weise für das amtliche Christentum bezeichnend: Die weibliche Art: zu wollen und doch zu widerstreben, dies im Weibe unbewusste sich Zieren, findet eben seine unverzeihliche Entsprechung im amtlichen Christentum, das so gerne das Irdische und Zeitliche hätte, aber doch anstandshalber so tun muß, als wolle es dies nicht, das genau darauf aufpaßt es zu kriegen, aber doch heimlich, denn man muß so tun – i bewahre! – man muß schwach werden, muß ohnmächtig werden, wenn man die hohen und fetten Stellungen bekommen soll, welche einem so entschieden zuwider sind, daß man sich nur aus Pflichtgefühl, einzig und allein aus Pflichtgefühl hat entschließen können, so etwas anzunehmen…

Dies muß gesagt werden; so sei es denn gesagt:
Wer Du auch seist, welches Leben du im übrigen führst, mein Freund, – dadurch (wenn anders Du daran teilnimmst), dass Du es bleiben läßt, am öffentlichen Gottesdienst teilzunehmen, wie er jetzt ist (mit dem Anspruch, das Christentum des neuen Testaments zu sein), hast Du beständig eine, und zwar eine schwere Schuld weniger, Du nimmst nicht daran teil, Gott zum Narren zu halten dadurch, dass Du neutestamentliches Christentum nennst, was nicht das Christentum des neuen Testaments ist.

Søren Kierkegaard sagte einmal: „Ich ging zur Kirche. Ich saß auf einem samtenen Platz. Ich sah die Sonne durch farbige Glasfenster scheinen. Und der Pastor, in Samt gekleidet, öffnete die goldene Bibel, fügte sein samtenes Lesezeichen ein und sagte: „Wenn jemand mein Jünger sein möchte, möge er sich selbst verleugnen, verkaufen was er hat, es den Armen geben, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen.“ Und ich sah mich um, und niemand lachte.“



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FÜR DICH! von Søren Kierkegaard

SÖREN KIERKEGAARD
Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel :
„Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“.
Soll ich mein ganzes Vermögen den Armen geben? Nein, zuerst sollst du das Reich Gottes suchen. Soll ich hinausgehen und diese Lehre in der Welt verkündigen? Nein, du sollst zuerst das Reich Gottes suchen. Aber dann ist es ja in einem gewissen Sinne nichts, was ich tun soll? Ja, ganz recht, es ist in einem gewissen Sinne nichts; du sollst im tiefsten Sinne dich selbst zu einem Nichts machen, zu nichts werden vor Gott, schweigen lernen; in diesem Schweigen liegt der Anfang, der darin besteht: zuerst Reich Gottes suchen. Dieses Schweigen kannst du bei der Lilie und dem Vogel lernen. Das will sagen, ihr Schweigen ist keine Kunst, aber wenn du schweigsam wirst wie die Lilie und der Vogel, dann bist du an dem Anfang, welcher bedeutet: zuerst Gottes Reich suchen.

Da draußen ist Stille. Der Wald schweigt; selbst wenn er rauscht, ist er doch schweigsam. Die Bäume, auch wo sie am dichtesten stehen, halten einander, was die Menschen, trotz gegebener Versprechen, einander so selten halten: das bleibt unter uns. Das Meer ist still, selbst wenn es rasend lähmt, ist es doch still.
Der Vogel schweigt und harrt; er weiß, oder richtiger, er glaubt steif und fest, daß alles zu seiner Zeit geschieht, darum harrt der Vogel; aber er weiß, daß es ihm nicht zukommt, Zeit und Stunde zu wissen, darum schweigt der Vogel. Es wird schon zur rechten Zeit geschehen, sagt der Vogel;…Wenn dann der Augenblick kommt, dann versteht der schweigsame Vogel, daß es der Augenblick ist; den nutzt er, und noch nie ist er beschämt worden. So auch mit der Lilie, sie schweigt und harrt. Sie fragt nicht ungeduldig: „Wann kommt der Frühling?“. Denn sie weiß, er kommt zur gelegenen Zeit… Sie sagt nicht: „Wann bekommen wir endlich Regen?“ oder „Wann bekommen wir endlich Sonnenschein?“ oder „Jetzt bekommen wir zuviel Regen ab“ oder „Jetzt war die Hitze zu stark.“ …So kommt denn der Augenblick, und wenn dann der Augenblick kommt, dann versteht die schweigsame Lilie, daß nun der Augenblick da ist, und sie nutzt ihn.

Achte denn auf die Natur um dich her. In der Natur ist alles Gehorsam, unbedingter Gehorsam. Hier „geschieht Gottes Wille wie im Himmel also auch auf Erden“; In der Natur ist alles unbedingter Gehorsam. Das Wehen des Windes, das Echo des Waldes, das Rieseln der Bäche, das Summen des Sommers, das Wispern der Blätter, das Zischeln des Grases, jeder Ton, jeder Laut, den du hörst – das ist alles Gehorsam, unbedingter Gehorsam, so dass du Gott darin hören kannst, wie du ihn in der Musik zu hören vermagst, die in der gehorsamen Bewegung der Himmelskörper ist.
Die Lilie und der Vogel sind Gott unbedingt gehorsam. Hierin sind sie Meister. Ein Mensch oder wir Menschen würden an Stelle der Lilie wohl verzweifeln bei dem Gedanken, dass Entstehen und Untergang eins wären, und darauf durch Verzweiflung uns selbst hindern, zu werden, was wir hätten werden können, wenn auch nur für einen Augenblick. Anders mit der Lilie; sie war unbedingt gehorsam, daher wurde sie in Schönheit sie selbst, sie wurde wirklich ihre ganze Möglichkeit, unverstört, unbedingt unverstört von dem Gedanken, daß der gleiche Augenblick ihr Tod war…Einen Menschen würde, wie gesagt, die Gewißheit des Unterganges verstören, so daß er nicht seine Möglichkeit würde, was ihm doch vergönnt war, wenn ihm auch nur das kürzeste Dasein zugemessen wäre. „Wozu?“ würde er sagen, oder „wofür?“ würde er sagen, oder „was kann das helfen?“ würde er sagen. Und so entfaltete er nicht seine ganze Möglichkeit, sondern verschuldete, daß er, verkrüppelt und unschön, den Augenblick vorher unterginge. Nur unbedingter Gehorsam kann genau „den Augenblick“ treffen; nur unbedingter Gehorsam kann den Augenblick nutzen, unbedingt unverstört vom nächsten Augenblick.
Mt 5.3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Sei es auch dem Vogel, wenn der Augenblick da ist, da er fortziehen soll, in seinem Verstande noch so gewiß, daß er es sehr gut habe, so wie er es hat; daß er also dadurch, daß er fortzieht, das Gewisse fahrenließe, um nach dem Ungewissen zu greifen: der gehorsame Vogel tritt doch augenblicklich den Flug an; einfältig, mit Hilfe des unbedingten Gehorsams, versteht er nur eins, aber das versteht er unbedingt: daß nun der unbedingte Augenblick da ist. – Würde der Vogel von der Härte dieses Lebens getroffen, würde er in Widerwärtigkeiten und Unglück versucht, fände er an mehreren Tagen hintereinander jeden Morgen sein Nest zerstört: der gehorsame Vogel fängt die Arbeit jeden Tag von vorn an, mit derselben Lust und Sorgfalt wie das erste Mal; einfältig, mit Hilfe des unbedingten Gehorsams, versteht er eins, aber das versteht er unbedingt: daß dies seine Arbeit ist, daß er allein das Seine zu tun hat. Gib darum wohl acht, nach der Weisung des Evangeliums von der Lilie und vom Vogel Gehorsam zu lernen. Laß dich nicht zurückschrecken, verzweifle nicht, wenn du dein Leben mit dem dieser Lehrmeister vergleichst. Da ist nichts, worüber zu verzweifeln wäre, denn du sollst ja von ihnen lernen; und das Evangelium tröstet dich zuerst, indem es dir sagt, Gott ist der Gott der Geduld, aber dann fügt es hinzu: du sollst lernen von der Lilie und dem Vogel, lernen, unbedingt gehorsam zu sein wie die Lilie und der Vogel, lernen, nicht zwei Herren zu dienen; denn niemand kann zwei Herren dienen, er muß entweder …oder. „Sehet die Vögel unter dem Himmel; sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheunen“ – unbekümmert um den morgigen Tag. „Betrachte das Gras auf dem Felde – welches heute ist.“ Tu das und lerne.

Freude
So laß uns denn die Lilie und den Vogel betrachten, diese frohen Lehrmeister. „Die frohen Lehrmeister“, ja, denn du weißt, daß die Freude mitteilsam ist; und darum unterweist keiner besser in Freude als der, welcher selbst froh ist. Und nie kommen die Lilie und der Vogel so in Verlegenheit wie zuweilen ein menschlicher Lehrmeister, der das, worin er unterweist, auf Papier niedergeschrieben oder in seiner Büchersammlung zu stehen hat, kurz, an einer anderen Stelle, nicht immer bei sich; nein, dort, wo die Lilie und der Vogel in Freude unterrichten, dort ist immer Freude – sie ist ja in der Lilie und im Vogel. Welche Freude, wenn der Tag graut und der Vogel zeitig erwacht zur Freude des Tages; welche Freude, wenn auch auf einen anderen Ton gestimmt, wenn der Tag sich neigt und der Vogel froh heimeilt in sein Nest; und welche Freude den langen Sommertag hindurch! Welche Freude, wenn der Vogel – der nicht nur wie ein froher Arbeiter zu seiner Arbeit singt, sondern dessen wesentliche Arbeit es ist zu singen – froh seinen Gesang beginnt; welche neue Freude, wenn dann auch der Nachbar anfängt und dann der Gegenüberwohnende, und wenn dann der Chor einstimmt, welche Freude; Welche Freude, wenn der Tau fällt und die Lilie erquickt, die nun abgekühlt sich zur Ruhe schickt; welche Freude, wenn die Lilie nach dem Bade sich in dem ersten Sonnenstrahl wollüstig trocknet; und welche Freude den langen Sommertag hindurch!
Lerne denn von der Lilie und vom Vogel. Wirf alle deine Sorge auf Gott! Aber die Freude sollst du nicht fortwerfen, im Gegenteil, die sollst du mit aller deiner Macht festhalten, mit allen Kräften deines Lebens. Tust du das, dann ist die Rechnung leicht, daß du stets etwas Freude behältst; denn wirfst du alle Sorge fort, behältst du ja nur zurück, was du an Freude hast. Doch das wird nur wenig helfen. Lerne daher weiter von der Lilie und vom Vogel. Wirf alle deine Sorge auf Gott, ganz, unbedingt, wie die Lilie und der Vogel es tun: so wirst du unbedingt froh wie die Lilie und der Vogel.
Bedenke, was dich angeht, wenn nicht als Mensch, so doch als Christ, daß – christlich verstanden – selbst die Gefahr des Todes für dich so unbedeutend ist, daß es heißt: „Noch heute bist du im Paradies“ und also der Übergang von der Zeitlichkeit zur Ewigkeit – der größtmögliche Abstand – so schnell geschieht, und er sollte auch durch den Untergang des Universums hindurch geschehen, doch so schnell, dass du noch heute im Paradies bist, indem du ja christlich in Gott bleibst. Denn bleibst du in Gott, dann magst du leben oder sterben, dann magst du Glück haben oder Unglück, während du lebst; du magst entweder heute sterben oder erst in siebzig Jahren, und du magst deinen Tod entweder auf dem Grunde des Meeres finden, dort, wo es am tiefsten ist, oder in die Luft gesprengt werden: du kommst doch nicht aus Gott heraus, du bleibst also dir selbst gegenwärtig in Gott und bist daher an deinem Todestage noch heute im Paradiese. Der Vogel und die Lilie leben nur einen Tag, aber einen sehr kurzen Tag, und sind doch die Freude, weil sie, wie entwickelt wurde, auf rechte Art heute sind, sich selbst gegenwärtig sind in diesem Heute. Und du, dem der längste Tag vergönnt ist: heute zu leben – und noch heute im Paradiese zu sein, solltest du nicht unbedingt froh sein, du, der du sogar, da du es ja könntest, weit, weit den Vogel an Freude übertreffen müßtest – worüber du Gewißheit bekommst, wenn du dieses Gebet betest –und dem du dich auch näherst, jedesmal, wenn du dieses Gebet der Freude betest: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – in Ewigkeit, Amen.“

Die Bekümmernis der Selbstplagerei
Bekümmert euch nicht um den anderen Morgen –
nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht. Aus welcher Höhe herab der Vogel auch über die ganze Welt sah, was er auch sah, den „morgigen Tag“ sah er nie; was er auch sah auf seiner langen Reise, er sah nie den „morgigen Tag“. Und sagen wir auch von der Lilie: „Sie steht heute, und morgen wird sie in den Ofen geworfen“, oh, diese edle, einfältige Weise, die Lilie, sie tut wie eine, die das gar nichts angeht, wie sehr und wie nahe es sie auch angeht, sie ist allein mit dem beschäftigt, was sie ja auch noch näher angeht, daß sie heute steht. Wie viele Tage auch der Vogel aufsteigen und sinken sah, niemals sah er den „morgigen Tag“. Denn der Vogel sieht nicht Gesichte – aber der morgige Tag wird nur im Geist gesehen; und der Vogel ist nicht von Träumen geplagt – aber der morgige Tag ist ein hartnäckiger Traum, der wiederkommt; und der Vogel ist nie unruhig – aber der morgige Tag ist die Unruhe jedes Tages. Und wenn der Vogel den weiten Weg in die Ferne fliegt, dann ist es ihm, als käme er am gleichen Tage an sein Ziel, am gleichen Tage, an dem er von Hause wegflog. Man reist mit der Eisenbahn so schnell, daß man am gleichen Tage zu einem fernen Ort kommt; aber der Vogel ist klüger und schneller, er fliegt viele, viele Tage und kommt am gleichen Tage an.
Für den Vogel gibt es kein Gestern und kein Morgen, er lebt nur einen Tag. Der Vogel kommt am gleichen Tag zu seinem fernen Bestimmungsort; der Christ ist am gleichen Tage, „heute“, im Himmel, wo sein Leben ist; der Heide kommt niemals von der Stelle. Der Vogel lebt nur einen Tag, so ist der morgige Tag für ihn nicht da; der Christ lebt ewig, so ist der morgige Tag für ihn nicht da; der Heide lebt nie, immer vom morgigen Tag daran gehindert zu leben. Der Vogel ist befreit von aller Angst; der Segen über dem Christen befreit ihn von aller Angst; die Bekümmernis des Heiden ist die Strafe für ihn: Selbstplager – keine Sünde straft so sich selbst wie Selbstplagerei.

Die Bekümmernis der Armut
Darum sollt ihr euch nicht bekümmern und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? –
Nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Wovon lebt der Vogel – denn wir wollen nun nicht über die Lilie reden, die lebt von der Luft, die hat es gut; aber wovon lebt der Vogel? …Der Vogel lebt von dem „täglichen Brot“, dieser himmlischen Nahrung, die nie verborgen ist, diesem ungeheuren Vorrat, der doch so wohl verwahrt ist, daß keiner ihn stehlen kann; denn nur das, was „zur Nacht verwahrt wird“, kann der Dieb stehlen; das, was am Tage verbraucht wird, kann keiner stehlen. Also das tägliche Brot, das ist des Vogels Nahrung. Das tägliche Brot ist der am knappsten zugemessene Vorrat, es ist gerade genug, aber auch nie mehr; es ist das Wenige, dessen die Armut bedarf. Aber so ist ja der Vogel arm? …Nein, der Vogel ist nicht arm. Seine Lage ist Armut, aber er hat nicht die Bekümmernis der Armut.

Die Bekümmernis des Überflusses
Darum sollt ihr euch nicht bekümmern und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden? –
Nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Wie lebt dann der Vogel? Ja, Gott ist es, der jeden Tag dem Vogel das bestimmte Maß zumißt: genug; aber es fällt dem Vogel auch nicht ein, daß er mehr habe oder haben wolle, daß er im Überfluß haben möchte. Was Gott jeden Tag gibt, das ist genug; aber der Vogel will auch nicht mehr oder weniger haben als genug. Das Maß, mit dem Gott jeden Tag dem Vogel zumißt, das gleiche Maß, wenn ich so sagen darf, hat der Vogel im Schnabel; er mißt mit demselben Maß wie Gott: er gibt dem Vogel „genug“, so mißt der Vogel und sagt: „Es ist genug“. Ob der kleine Vogel seinen Durst an einem Tautropfen stillt, der eben genug ist, oder ob er aus dem größten See trinkt, er nimmt gleich viel, er verlangt nicht, alles zu haben, was er sieht, nicht den ganzen See, weil er aus ihm trinkt, nicht den See mit sich zu nehmen, um so für das ganze Leben gesichert zu sein; ob der Vogel zur Zeit der Ernte zum reichsten Vorrat kommt, er weiß nicht, was Überfluß ist …; wenn man aber, selbst wenn man Überfluß besitzt, nicht weiß, was Überfluß ist, dann ist es unmöglich, daß Überfluß einem zur Bekümmernis werden kann. Wenn der Vogel gegessen und getrunken hat, fällt es ihm niemals ein zu denken, wo kann ich das nächste Mal etwas bekommen – deshalb ist der arme Vogel doch nicht arm;

Die Bekümmernis der Unschlüssigkeit, des Wankelmutes, der Trostlosigkeit
Niemand kann zwei Herren dienen – nach solchem allen trachten die Heiden
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Es ist nicht Unschlüssigkeit, obwohl es danach aussehen könnte, wenn der Vogel hin und her fliegt; es ist genau das Entgegengesetzte; es ist ganz gewiß, daß es aus Freude geschieht; es ist nicht der unsichere Flug der Unschlüssigkeit, es ist der leichte Schwung völligen Gehorsams. Wohl wird es dem Vogel bald leid an seinem Aufenthaltsort, und er fliegt weit fort, aber das ist nicht Wankelmut, es ist genau das Entgegengesetzte, es ist der feste und bestimmte Beschluß vollkommenen Gehorsams; selten war vielleicht eines Menschen Beschluß so bestimmt und stand so fest. Wohl sieht man auch zuweilen einen Vogel, wie er dasitzt und den Schnabel hängen läßt; er kann Sorge haben, aber Trostlosigkeit ist es nicht; nie ist der gehorsame Vogel ohne Trost, und wesentlich ist sein Leben Sorglosigkeit, eben weil er nur einem Herrn dient, was da wieder sowohl dem Vogel wie dem Menschen zum Besten dient, ihn frei zu machen von trostloser Sorge. Wie sind nun die Lilie und der Vogel Lehrmeister? Ganz einfach. Der Vogel und die Lilie dienen nur einem Herrn und, was das gleiche ist, dienen ihm ganz: So sei du wie die Lilie und der Vogel, diene auch du nur einem Herrn, diene ihm von deinem ganzen Herzen, von deiner ganzen Seele und aus aller deiner Kraft, dann bist auch du ohne Sorge.

FÜR DICH!
von Søren Kierkegaard
Die Sonne scheint für dich – deinetwegen; und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet. Es wird Winter, die ganze Schöpfung verkleidet sich, spielt Verstecken, um dich zu vergnügen. Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen; das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken. Es wird Herbst, die Vögel zieh‘n fort, nicht weil sie sich rar machen wollen, nein, nur damit du ihrer nicht überdrüssig würdest. Der Wald legt seinen Schmuck ab, nur um im nächsten Jahr neu zu erstehen, dich zu erfreuen…. All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst? Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern: zu sein heißt: für heute dasein – das ist Freude. Lilie und Vogel sind unsere Lehrer der Freude. Søren Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller
Quelle: Aphorismen.de

Kommet her zu mir alle,
die ihr mühselig
und beladen seid!
Ich will euch Ruhe geben
.
Matthäus 11,28

Gebet

Vater im Himmel! Während sonst die Fürbitte der Gemeinde so lautet, daß du selbst alle die trösten wollest, die krank und bekümmert sind: so lautet sie in dieser Stunde, daß du denen, die mühselig und beladen sind, Ruhe geben wollest für ihre Seele. Und doch, dies ist ja keine Fürbitte: wer dürfte sich selbst für so gesund halten, daß er nur für andere bitten dürfte. Ach nein, jeder bittet für sich selbst, daß du ihm Ruhe geben wollest für seine Seele. So gib du, o Gott, jedem besonders, den du im Bewußtsein seiner Sünde mühselig arbeiten siehst, Ruhe für die Seele.

Kommet her alle, die ihr mühselig und beladen seid. Seltsame Einladung. Denn wenn sonst Menschen sich zu Freude und gemeinsamer Arbeit versammeln, dann sagen sie wohl zu den Starken und Frohen: Kommt her, nehmt teil, vereinigt eure Kräfte mit unsern. Von dem Bekümmerten aber sagen sie: Nein, ihn wollen wir nicht dabeihaben, er stört nur die Freude und verzögert die Arbeit. Ja, der Bekümmerte versteht das wohl, auch ohne daß man es ihm sagt; und es bleibt vielleicht manch ein Bekümmerter abseits und einsam, will nicht teilnehmen an anderen, damit er ihre Freude nicht störe und ihre Arbeit nicht verzögere. Aber diese Einladung an alle, die mühselig und beladen sind, die muß ihm ja gelten, da sie allen Bekümmerten gilt; wie dürfte ein Bekümmerter hier sagen: Nein, mich geht die Einladung nicht an!
„All denen, die mühselig und beladen sind“, ihnen allen, keiner ist ausgeschlossen, nicht ein einziger. Ach, welch mannigfaltige Verschiedenheit ist nicht mit diesen Worten bezeichnet. Denen, die mühselig sind. Denn nicht nur der ist mühselig, der im Schweiße seines Angesichts für das tägliche Brot arbeitet, nicht nur der ist mühselig, der in geringer Stellung des Tages Last und Hitze trägt; oh, auch der, welcher mit schweren Gedanken kämpft, ist
mühselig; auch der, welcher in Sorge Fürsorge trägt für einen oder für viele, ist mühselig; auch der, welcher in Zweifel liegt, ist mühselig, wie ja vom Schwimmer gesagt wird, daß er sich abmüht.
Denen, die beladen sind. Denn nicht nur der ist beladen, der sichtbar eine schwere Last trägt, der sichtbar in schwierigen Verhältnissen steht, sondern auch der ist ja beladen, dessen Last keiner sieht, der sich vielleicht noch bemüht, sie zu verbergen; und nicht nur der ist beladen, hinter dem vielleicht ein langes Leben in Entbehrung und Mühe, in kummervoller Erinnerung liegt, sondern auch der, für den es, ach, keine Zukunft mehr zu geben scheint. Doch wie sollte die Rede wohl fertig werden, wenn sie all diese Verschiedenheiten nennen wollte, und selbst wenn sie es nur versuchte, dann würde sie vielleicht verführen, anstatt zu führen, die Aufmerksamkeit zerstreut auf die Verschiedenheiten lenken, anstatt den Sinn zu sammeln auf das eine Notwendige. Denn wenn es auch noch so viele Verschiedenheiten gäbe: Ist es etwa die Meinung des Evangeliums, daß da ein kleiner Rest oder eine größere Anzahl von Menschen übrigbleiben sollte, die man Glückliche nennen müßte, enthoben der Arbeit und Mühe? Ist es der Sinn des Evangeliums, wenn es alle einlädt, die mühselig und beladen sind, daß es doch einige gibt, die diese Einladung nicht angeht, weil sie wirklich Gesunde sind und der Arznei nicht bedürfen? So reden wir ja tatsächlich sonst. Denn wenn du einen Kreis froher Kinder siehst, und da ist ein Kind, das krank ist, zu dem ein freundlicher Mensch sagt: Komm du zu mir, mein Kind, so wollen wir zusammen spielen, dann sagt er ja, daß dieses Kind krank ist, aber zugleich, daß die anderen wirklich gesund sind. Sollte nun das Evangelium auf dieselbe Weise reden, oder sollten wir so töricht vom Evangelium reden? Denn wenn es so wäre, dann ginge das Evangelium ja nicht alle an, dann verkündigte es ja nicht die Gleichheit für alle Menschen, sondern setzte im Gegenteil eine Scheidung, schlösse die Frohen aus, wie die menschliche Einladung die Bekümmerten auszuschließen pflegt. Sieh, darum ist die Einladung anders zu verstehen: Sie lädt alle ein, das Evangelium will nicht Ausweg, Trost oder Linderung für einige Menschen sein, es wendet sich zu all denen, die mühselig und beladen sind, das heißt, es wendet sich an alle und fordert von jedem Menschen, daß er wissen soll, was das heißt: mühselig und beladen sein. Wenn du so der Glücklichste wärest, ach, daß du noch von vielen beneidet würdest: darum wendet sich das Evangelium doch gleich mächtig an dich und fordert von dir, daß du mühselig und beladen seist. Oder wenn du nicht so der Glücklichste wärest, der selten Begünstigte, wenn du in glücklicher Genügsamkeit mit deinen lieben erfüllten Wünschen lebtest ohne Entbehrung: das Evangelium wendet sich doch gleich mächtig an dich mit seiner fordernden Einladung. Und wenn du in irdischer Not und Bedrängnis säßest: darum bist du doch nicht der, von dem das Evangelium spricht. Ja wenn du so im Elend säßest, daß du zum Sprichwort geworden wärest: darum bist du noch nicht der, von dem das Evangelium redet. Die Einladung will also nicht weltlich eitel genommen werden. Sie enthält daher eine Forderung, sie fordert, daß der Eingeladene im tieferen Sinne mühselig und beladen sei. Denn es gibt eine Sorge um Gott; sie berührt nichts Irdisches und Zeitliches, nicht deine äußeren Bedingungen, nicht deine Zukunft; sie ist auf Gott gerichtet: wer diese Sorge still demütig in seinem Herzen trägt – der müht sich.
Und es gibt eine schwere Last; keine weltliche Macht vermag sie auf deine Schultern zu legen, aber auch kein Mensch, sowenig wie du selbst, vermag sie fortzunehmen: das ist die Schuld und das Bewußtsein der Schuld, oder noch schwerer, das ist die Sünde und das Bewußtsein der Sünde. Wer diese Bürde trägt, ach ja, er ist beladen, schwer beladen, aber auch doch gerade so beladen, wie die Einladung des Evangeliums dies fordert.
Und es gibt einen Kummer, einen tiefen, einen ewigen; er berührt nicht das Äußere, nicht deine Schicksale, die vergangenen und die zukünftigen, er geht deine Handlungen an, ach, und er geht gerade die an, die ein Mensch am liebsten vergessen haben wollte, denn er geht die Handlungen an, womit du gegen Gott oder gegen andere Menschen freveltest, verborgen oder offenbar. Dieser Kummer ist die Reue; wer in Reue seufzt, ja, er ist mühselig und beladen. Keiner, kein anderer ist so mühselig und beladen, und doch ist dies gerade das, was die Einladung des Evangeliums fordert. Aber wie das Evangelium durch seine Einladung fordert, so spricht es auch die Verheißung zu: „Ich will euch Ruhe geben für die Seele.“ Ruhe! Das ist es, was der erschöpfte Arbeiter, der müde Wanderer wünscht; und der Seemann, der auf dem Meer umhergetrieben wird, sucht Ruhe; und der müde Greis verlangt nach Ruhe; und der Kranke, der unruhig auf dem Bette liegt und keine lindernde Lage finden kann, er begehrt Ruhe; und der Zweifelnde, der auf dem Meer der Gedanken keinen Grund finden kann, er begehrt Ruhe. Oh, aber nur der Bereuende versteht doch richtig, was es heißt, um Ruhe für die Seele zu bitten, um Ruhe in dem einzigen Gedanken, worin es Ruhe für einen Bereuenden gibt: daß es Vergebung gibt; Ruhe in der einen Aussage, die einem Bereuenden Ruhe geben kann: daß ihm vergeben ist; Ruhe auf dem einzigen Grunde, der einen Bereuenden zu tragen vermag: daß Genugtuung geleistet wurde. Aber das verheißt ja das Evangelium auch, daß er Ruhe finden soll für die Seele. Und ihr seid ja auf diese Einladung hin hergekommen in dieser Stunde, andächtige Zuhörer! Und kann sie auch nicht so gegeben werden, als wäre es nun mit diesem einen Male auf ewig abgemacht, so daß du es nicht öfter nötig haben solltest, an den heiligen Ort zu gehen, um Ruhe zu suchen: es wird dir doch Ruhe für die Seele zugesagt. Du bist unterwegs, und Gottes Haus ist ein Bethaus, wo du Ruhe suchst für die Seele; kommst du aber auch wieder, um diese Ruhe zu suchen: es ist gewiß, es ist die gleiche Ruhe, in der du einst, wenn dein letzter Augenblick gekommen ist, zum letzten Male Ruhe suchen sollst für deine Seele. Denn ob du in den Jahren der Jugend oder im vorgerückten Alter heute hierhergekommen bist, um Ruhe zu suchen: oh, wenn deine letzte Stunde kommt und du in der Stunde des Todes verlassen und einsam bist, dann begehrst du ja als das Letzte in der Welt, der du nicht mehr angehören sollst, du begehrst, was du heute begehrst. Dies war die Verheißung der Einladung. Aber wer ist nun der Einladende? Denn dies wäre ja doch eine schrecklich verwirrende Rede, wenn in der Welt die Einladung gehört würde: Kommet her, aber es würde nicht angegeben, wohin man gehen sollte. Wenn es keinen Einladenden gäbe oder wenn Vergessen oder Zweifel den Einladenden fortgenommen hätten, was nützte es da, daß die Worte der Einladung weiter ertönten, es wäre ja eine Unmöglichkeit, der Einladung zu folgen, da es eine Unmöglichkeit wäre, den Ort zu finden. Aber du weißt ja, mein Zuhörer, wer der Einladende ist, und du bist ja der Einladung gefolgt, um dich fester ihm anzuschließen. Sieh, er breitet seine Arme aus und spricht: Kommet her, kommet her zu mir ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid; sieh, er öffnet seine Arme, in denen wir doch alle gleich sicher und gleich selig ruhen können; denn nur in unseres Erlösers irdischem Leben lag Johannes seiner Brust am nächsten. Wie du nun auch herkommst, wie du nun auch mühselig und beladen sein magst, ob du viel oder wenig freveltest, ob die Schuld alt ist und – doch nein, vergessen ist sie nicht, o nein, aber alt und oft bereut, oder ob sie frisch ist und keine mildernde Erinnerung sie gelindert hat: oh, bei ihm sollst du doch Ruhe für die Seele finden. Ich weiß nicht, was dich insonderheit belastet, mein Zuhörer, vielleicht könnte ich auch nicht deine Sorge verstehen oder mit Einsicht von ihr sprechen. Oh, aber du gehst ja nicht zu einem Menschen; nachdem du vor Gott im Verborgenen gebeichtet hast, gehst du zu ihm, dem erbarmenden Einladenden; er, der alle menschliche Sorge kennt, er, der selbst in allem versucht ward, doch ohne Sünde. Auch er kannte irdische Not, er, der in der Wüste hungerte, er, der am Kreuz dürstete, auch er kannte die Armut, er, der nicht hatte, wohin er sein Haupt legen konnte; auch seine Seele ist betrübt gewesen bis zum Tode; ja, er hat alle menschliche Sorge tiefer gekannt als irgendein Mensch, er, der bis zum Äußersten von Gott verlassen war – da er aller Welt Sünde trug. Und er ist ja nicht nur dein Seelsorger, er ist ja auch dein Erlöser; er versteht nicht nur all deine Sorge, besser als du sie selbst verstehst, oh, er will ja gerade die Last von dir nehmen und dir Ruhe geben für die Seele. Schwer – ja, das ist wahr -, schwer ist es, nicht verstanden zu werden; aber was hülfe es dir, wenn da einer wäre, der alle deine Sorgen verstünde, sie aber nicht von dir nehmen könnte, der all deinen Kampf verstehen könnte, dir aber nicht Ruhe gäbe! So steht da eine Einladung: Kommet her alle, die ihr mühselig und beladen seid; und die Einladung enthält eine Forderung: daß der Eingeladene im Bewußtsein der Sünde mühselig und beladen sei; und da ist der zuverlässige Einladende, er, der noch heute zu seinem Wort steht und alle einlädt. Gebe Gott, daß der, welcher sucht, auch finden möge; daß der, welcher das Rechte sucht, auch das eine Notwendige finde; daß der, welcher den rechten Ort sucht, auch Ruhe für die Seele finde. Denn wohl ist das Ruhe, wenn du am Fuß des Altars kniest; aber gebe Gott, daß dies doch in Wahrheit nur eine schwache Andeutung sei, daß deine Seele Ruhe findet in Gott im Bewußtsein der Sündenvergebung.

Meine Schafe
hören meine Stimme,
und ich kenne sie,
und sie folgen mir.
Johannes 10,27

Gebet

Vater im Himmel! Deine Gnade und Barmherzigkeit ändert sich nicht im Wechsel der Zeit, altert nicht im Lauf der Jahre, als wärest du, gleich einem Menschen, an einem Tage gnädiger als an einem anderen, gnädiger am ersten als am letzten; deine Gnade bleibt unverändert, wie du unverändert bist, derselbe, ewig jung, neu mit jedem neuen Tag – denn du sprichst ja jeden Tag: „Heute noch.“ Oh, wenn dann ein Mensch auf dieses Wort achtet, ergriffen von ihm, in heiligem Entschluß, im Ernst zu sich selber spricht: „Heute noch“: dann heißt das für ihn, daß er gerade wünscht, an diesem Tage sich zu ändern, gerade wünscht, daß dieser Tag ihm bedeutungsvoll werden möge vor anderen Tagen, bedeutungsvoll durch erneute Bekräftigung im Guten, das er einmal wählte, oder vielleicht auch bedeutungsvoll dadurch, daß er das Gute wählt.
Es ist deine Gnade und Barmherzigkeit, unverändert jeden Tag zu sagen „heute noch“, aber es heißt deine Barmherzigkeit und die Zeit der Gnade verschleudern, wenn ein Mensch ebenso unverändert von Tag zu Tag sprechen wollte „heute noch“. Du bist nämlich der, welcher die Zeit der Gnade „heute noch“ gibt, aber der Mensch ist der, welcher die Zeit der Gnade „heute noch“ ergreifen soll. So reden wir mit dir, o Gott; es ist ein Sprachunterschied zwischen uns, und doch streben wir danach, dich zu verstehen und uns dir verständlich zu machen; und du scheust dich nicht, unser Gott genannt zu werden. Was da, o Gott, wenn du es sagst, der ewige Ausdruck für deine unveränderte Gnade und Barmherzigkeit ist, dieses selbe ist, wenn ein Mensch es recht verstanden wiederholt, der stärkste Ausdruck für die tiefste Veränderung und Entscheidung – ja, als wäre alles verloren, wenn die Veränderung und Entscheidung nicht heute noch geschähe. So gib du denen, die heute hier versammelt sind, denen, die ohne alle äußere Aufforderung wohl darum um so innerlicher beschlossen haben, heute noch mit dir Versöhnung zu suchen im Bekenntnis der Sünde, denen gib du, daß dieser Tag ihnen zum wahren Segen werden möge, daß sie seine Stimme gehört haben möchten, den du zur Welt gesandt hast, die Stimme des guten Hirten, daß er sie erkenne und sie ihm dann folgen.

Wenn die Gemeinde sich an den heiligen Tagen versammelt im Hause des Herrn, dann hat ja Gott selbst dies so geboten und befohlen. Heute jedoch ist kein Feiertag, und doch hat ein kleiner Kreis sich hier im Heiligtum versammelt, also nicht, weil es allen befohlen ist (es ist niemandem befohlen), sondern weil jeder einzelne der Anwesenden, wenn auch auf verschiedene Weise, besonders das Verlangen gefühlt haben muß, gerade heute hierherzukommen. Denn heute ist kein Feiertag, heute geht sonst jeder auf seinen Acker, zu seiner Hantierung, zu seiner Arbeit; nur diese einzelnen gingen heute zum Hause des Herrn. So verließ der einzelne sein Haus, um hierherzukommen. Wenn an einem heiligen Tage einer, der selbst zur Kirche geht, einen Vorübergehenden trifft, dann fällt es ihm unwillkürlich ein, daß dieser Vorübergehende wohl auch zur Kirche geht; denn an einem Feiertag, selbst wenn das bei weitem nicht immer zutrifft, ist der Vorübergehende einer, der zur Kirche geht. Aber wer von einem inneren Verlangen heute hierherkam, ob dann jemand, der ihn im Vorübergehen traf, darauf verfallen wäre, daß er zum Hause Gottes ging? Sollte nun darum dieser Besuch im Gotteshaus weniger festlich sein? Mir scheint, diese Heimlichkeit müßte es, wenn möglich, noch innerlicher machen. Augenscheinlich vor jedermanns Augen und doch verborgen ging der einzelne heute zur Kirche, verborgen oder auf dem verborgenen Wege; denn niemand kannte seinen Weg, außer Gott, kein Vorübergehender kam darauf, daß du zum Hause Gottes gingest, was du auch selber nicht sagst, denn du sagst, du gingst zum Tisch des Herrn, als wäre dies noch innerlicher und feierlicher, als zur Kirche zu gehen. Du erwartetest nicht wie an einem Feiertag, daß der Vorübergehende den gleichen Weg und mit den gleichen Gedanken ginge, darum gingst du verhüllt zwischen den vielen Menschen, wie ein Fremder. Du erwartetest im Gesicht der Vorübergehenden nicht den gleichen Vorsatz zu sehen, darum gingst du mit gehaltenen Augen, grüßtest nicht feierlich wie am Feiertag. Nein, der Vorübergehende war gar nicht da für dich, mit niedergeschlagenen Augen, geheimnisvoll gleichsam, flüchtetest du hierher. Deine Absicht war ja auch nicht nur, Gott anzubeten, zu preisen, Gott zu danken, wie an den festlichen Tagen, an denen du daher nicht wünschen konntest, allein zu sein. Deine Absicht ist, Vergebung der Sünden zu suchen – so mußt du wünschen, allein zu sein. Wie still ist es nun und wie festlich! An einem Feiertag ist auch draußen alles still; die gewöhnliche Arbeit ruht; selbst wer Gottes Haus nicht aufsucht, merkt doch, daß Feiertag ist. Heut aber ist kein Feiertag. Von draußen her lärmt die Geschäftigkeit des Lebens fast hörbar in diese Wölbungen hinein, wodurch die heilige Stille gerade desto größer ist. Denn die Stille, die bürgerliche Obrigkeit weltlich verordnen kann, ist noch nicht die göttliche Stille; diese Stille aber, während die Welt lärmt, ist gerade die göttliche Stille. Es war also nicht deine Pflicht, heute hierherzukommen, es war ein Verlangen in dir; es war keine äußere Aufforderung, die dich bestimmte; du mußt es selbst innerlich beschlossen haben; niemand könnte dich tadeln, wenn du nicht gekommen wärest, es ist deine eigene freie Wahl zu kommen; du tatest es nicht, weil die anderen es taten, denn die anderen gingen ja heute gerade jeder auf seinen Acker, zu seiner Hantierung, zu seiner Arbeit – du aber gingst zum Hause Gottes, zum Tisch des Herrn. Und dadurch hast du dann ganz besonders ausgedrückt, daß du dich unter die rechnest, die Christus angehören wollen, die in den verlesenen heiligen Worten beschrieben werden, welche aus dem Evangelium genommen sind, in denen Christus sich selbst mit dem guten Hirten vergleicht und die wahren Glaubenden mit Schafen.
Von diesen wird ein Dreifaches gesagt: sie hören seine (Christi) Stimme; er (Christus) kennt sie; sie folgen ihm (Christus).
Sie hören seine Stimme. Und heute ist es ganz besonders, ist es einzig und allein seine Stimme, die wir hören sollen. Alles, was man sonst vornimmt, geschieht nur, um die Aufmerksamkeit des Sinnes darauf zu sammeln, daß es seine Stimme ist, die gehört werden soll. Heute wird nicht gepredigt. Eine Beichtrede ist keine Predigt; sie will dich nicht belehren, will dir nicht die alten bekannten Lehren einschärfen; sie will dich nur anhalten auf dem Wege zum Tisch des Herrn, daß du durch die Stimme des Redenden bei dir selbst im Verborgenen vor Gott beichtest. Denn du sollst von einer Beichtrede nicht lernen, was beichten heißt, das wäre auch zu spät, aber durch sie beichtest du vor Gott. Heut wird nicht gepredigt. Was wir hier in dem vorgeschriebenen kurzen Augenblick reden, ist wiederum keine Predigt; und wenn wir Amen gesagt haben, dann ist nicht wie sonst der Gottesdienst wesentlich vorbei, sondern dann beginnt er wesentlich. Unsere Rede will dich darum nur einen Augenblick auf dem Wege zum Altar festhalten ; denn heute sammelt sich der Gottesdienst nicht wie sonst um die Kanzel, sondern um den Altar. Und am Altar gilt es vor allem, seine Stimme zu hören. Wohl soll nämlich auch eine Predigt von ihm zeugen, sein Wort und seine Lehre verkündigen; aber darum ist eine Predigt doch nicht seine Stimme. Am Altar dagegen ist es seine Stimme, die du hören sollst. Wenn ein anderer Mensch dir sagte, was am Altar gesagt wird, wenn alle Menschen sich vereinigen wollten, um dir dies zu sagen – wenn du seine Stimme nicht hörst, dann gingst du vergebens zum Altar. Wenn da am Altar der Diener des Herrn jedes Wort genau spricht, wie es von den Vätern überliefert ist; wenn du genau jedes Wort hörst, so daß dir nicht das geringste entgeht, nicht ein Tüttel – wenn du nicht seine Stimme hörst, daß er es ist, der dies spricht, dann gehst du vergebens zum Altar. Ob du glaubend dir jedes Wort zueignest, das gesprochen wird ; ob du ernstlich beschließt, es dir zu Herzen zu nehmen und dein Leben damit in Übereinstimmung zu bringen – wenn du nicht seine Stimme hörst, dann gehst du vergebens zum Altar. Es muß seine Stimme sein die du hörst, wenn er spricht: Kommet her zu mir alle: die ihr mühselig und beladen seid, also seine Stimme, die dich einlädt, und es muß seine Stimme sein, die du hörst, wenn er spricht: Das ist mein Leib. Denn am Altar gibt es keine Rede über ihn; dort ist er selbst in Person gegenwärtig, dort ist er es, der spricht – wenn nicht, so bist du nicht am Altar. Sinnlich verstanden kann man nämlich auf den Altar zeigen und sagen: „Dort ist er“; geistlich verstanden ist er aber eigentlich nur dort, wenn du dort seine Stimme hörst.
Er kennt sie. Die, welche nämlich seine Stimme nicht hören, kennt er auch nicht, und die er nicht kennt, die sind auch nicht die Seinen. Denn es ist mit ihm nicht wie mit einem Menschen, der wohl einen Freund oder einen Anhänger haben kann, ohne es zu wissen und ohne ihn zu kennen; aber wen Christus nicht kennt, der ist auch nicht sein, denn Christus ist allwissend. Er kennt sie, und er kennt jeden besonders. Das Opfer, das er brachte, brachte er nicht so für die Menschen im allgemeinen, er wollte die Menschen auch nicht so im allgemeinen erlösen – und auf diese Weise läßt es sich auch nicht tun. Nein, er opferte sich, um jeden besonders zu erlösen, sollte er da nicht jeden besonders kennen; denn sollte man den nicht kennen, für den man sein Leben opferte? Wenn die Gemeinde an festlichen Tagen sich zahlreich versammelt, so kennt er sie auch, und die, welche er nicht kennt, sind auch nicht sein. Doch bei solcher Gelegenheit kann mancher vielleicht sich selbst betrügen, als wäre der einzelne in der Menge verborgen. Am Altar dagegen, wie viele dort auch versammelt sind, ja ob auch alle sich am Altar versammelten, am Altar gibt es keine Menge. Er ist selbst in Person gegenwärtig, und er kennt die, welche ihm gehören. Er kennt dich, wer du auch seist, gekannt von der Menge oder allen unbekannt, wenn du sein bist, er kennt dich. O Ernst der Ewigkeit, von ihm gekannt zu sein; o seliger Trost, von ihm gekannt zu sein, ja ob du zum äußersten Ende der Welt flüchtetest, er kennt dich, ob du dich im Abgrund verbärgest, er kennt dich, aber es ist ja kein Grund da, zu fliehen, kein Grund da, ein Versteck zu suchen, denn es ist ja gerade Seligkeit, daß er dich kennt. Doch ob er dich kennt, kann kein dritter Mensch wissen, das mußt du mit ihm und bei dir selbst wissen – aber kennt er dich nicht, dann bist du nicht sein. Sieh, die Sonne geht jeden Morgen mit dem grauenden Tage auf über dem Erdreich, ihre Strahlen dringen allerwärts durch zu jedem Punkt, es gibt keine so abseitige Stelle, daß sie nicht auch erleuchtend dorthin dränge; doch macht sie keinen Unterschied in dieser ihrer Kenntnis der Erde, sie scheint gleichmäßig überall und kennt jede Stelle. Aber er, die ewige Sonne der Menschheit, auch seine Kenntnis der Menschheit dringt wie der Strahl des Lichtes allerwegen hindurch zu jedem Menschen; aber er macht einen Unterschied. Denn es gibt auch die, welche er nicht kennt, die, zu denen er sagen wird: „Ich kenne euch nicht, ich kannte euch nie“, die, zu denen er dies sagen wird, obwohl diese doch behaupten, daß sie ihn kennen! Wenn du zum Tisch des Herrn gingest und an der heiligen Handlung teilnähmest, wenn du noch so gewiß beweisen könntest, daß du zum Abendmahl gewesen seist, wenn der Diener des Herrn mit dir bezeugte, daß er dir besonders, wie jedem anderen, das Brot und den Wein gereicht habe – wenn er dich nicht kennte, dann gingest du vergebens zum Altar. Denn äußerlich kann man auf den Altar zeigen und sagen: „Sieh, dort ist er“, aber geistlich verstanden ist der Altar doch nur dort, wenn du dort erkannt bist von ihm.
Sie folgen ihm. Denn am Altar bleibst du nicht und sollst du nicht bleiben, du gehst wieder zurück, zu deinem Geschäft, zu deiner Arbeit, zur Freude, die dich vielleicht erwartet, ach, oder zur Mühe – all solches hast du für heute beiseite gelegt: aber wenn du sein bist, dann folgst du ihm. Und wenn du ihm folgst, dann verläßt du wohl den Altar; wenn du nicht zurückkehrst aber, dann ist es, als folgte der Altar dir; denn wo er ist, dort ist der Altar, und wenn du ihm folgst, dann folgt er dir. Oh, der Ernst der Ewigkeit, wohin du auch gehst, was du dir auch vornimmst, er geht doch mit dir; o seliger Trost, daß er mit dir geht; o wunderbarer Zusammenhang, daß der Ernst der Ewigkeit auch der seligste Trost ist! Der Altar bleibt allerdings stehen, darum gehst du zum Altar; aber es ist doch nur der Altar, wenn er dort gegenwärtig ist: also wo er ist, dort ist der Altar. Er sagt selbst: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe“: oh, welches Opfer, meinst du, ist ihm das liebste, das Opfer, das du dadurch bringst, daß du dich mit deinem Feinde versöhnst, also dadurch, daß du Gott deinen Zorn opferst- oder die Gabe, die du auf dem Altar opfern könntest! Aber wenn das Opfer der Versöhnung Gott, Christus das liebste ist, dann ist wohl auch der Altar dort, wo das wohlgefälligste Opfer gebracht wird.
Abel opferte auf dem Altar, aber Kain nicht, denn Gott sah auf Abels Opfer – deshalb war es ein Altar; aber auf Kains Opfer sah er nicht. O vergiß nicht, wo er ist, da ist der Altar. Sein Altar ist weder auf Morija noch auf Garizim oder der sichtbare dort, sondern er ist, wo er ist. Wenn das nicht der Fall wäre, dann müßtest du ja beim Altar bleiben, deine Wohnung dort aufschlagen, nimmer von dort weichen; aber solcher Aberglaube ist nicht Christentum. Heut ist kein Feiertag, es ist heut Gottesdienst an einem Werktag: oh, aber für eines Christen Leben ist jeden Tag Gottesdienst! Es ist nicht so, als wäre damit alles abgemacht, daß jemand ein seltenes Mal zum Altar geht, nein, die Aufgabe ist,indem du vom Altar fortgehst, doch beim Altar zu bleiben. Heute war alles andere, was wir sagten, nur dazu bestimmt, die Aufmerksamkeit des Sinnes auf den Altar zu sammeln. Aber wenn du nun vom Altar weggehst, dann denke daran, daß damit die Sache nicht fertig ist, o nein, damit hat die Sache gerade erst begonnen, die gute Sache, oder wie die Schrift sagt, das gute Werk in dir, das Gott, der es anfing, vollenden will bis auf den Tag unseres Herrn Jesus Christus. Wohl könntest du vielleicht fromm diesen heutigen Tag, wenn er, was Gott dir geben möge, rechte Bedeutung für dich hat, einen Tag Jesu Christi nennen; aber es ist doch nur ein Tag, der eigentlich Tag Jesu Christi heißt. Der Tag heute dagegen wird bald vorüber sein – gebe Gott, wenn er einst längst verschwunden und vergessen ist, daß der Segen dieses Tages, viele, viele Male bedacht, dir noch in frischer Erinnerung sein möge, so daß das Gedenken an den Segen im Segen sei.

Hinweg, du Licht, sollst untergehn!
Mein Aug‘ will Tag und Zeit nicht sehn,
stürz hin in Nacht und Grauen!
Ich schreite fort ins Himmels Glanz
dort ewig Gott zu schauen ganz –
darauf mein Glaub‘ will bauen.

Kierkegaard, Wie werde ich ein Christ
Betend ist Kierkegaard am ehesten ganz bei sich und ganz vor Gott. Wobei das klassische kirchlich – bürgerliche Gebet ihm fremd bleibt, wenn viele Worte gemacht werden, als habe „das Gebet gleichsam Angst davor, seine Bitte nicht inständig genug vorgetragen zu haben“. Beten meint für ihn, zu hören, was Gott will; das Eigene zu vergessen, leer zu werden für Gott und seinen heiligen Willen. Dem Beten gegenüber zeigt Kierkegaard eine heilige Scheu, die ihm die kirchliche Vollmundigkeit fremd sein lässt. Sowenig sich Gott in dogmatischen Formeln oder liturgischen Floskeln fassen lässt, sondern eher in der Ferne, im Schaudern eines Abraham oder im frommen Erschrecken über tiefen Zweifel reale Gestalt gewinnt – und wenn auch nur als dunkler Schatten -, so zeigt sich Kierkegaards Frömmigkeit nicht im fromm – plaudernden Gebetston, sondern im Hören auf die Stille.
Das Christsein formt sich in ihm dadurch, dass er wenig sein will, vor Gott nichts darstellen will, nichts selbst tut. Gott handelt. Er, Sören, stimmt am Ende ein. Sein Denken, seine Schwermut, sein Kämpfen – all sein Ringen mit sich, den Menschen und mit Gott treibt ihn letztlich weg von dem Eigentlichen. Erst wenn er seinen Eigensinn unter Gottes Willen stellt, findet er Ruhe. Auch hier entleiht Kierkegaard Bilder aus mystischer Tradition. Das Wichtigste sei, „völlig Amen sagen zu können“, einzustimmen in Gottes Willen und sich des eigenen Willens zu enthalten, sich zu leeren, „dass man sich selbst vor Gott durchsichtig geworden ist in all seiner Schwachheit, aber auch in all seiner Hoffnung!“
Ein Christ zu werden, das folgt keiner Gebrauchsanweisung. Gott selbst schenkt die kostbarsten Momente, in denen sich der Mensch als heil erleben kann. Kierkegaard spricht von Kostbarkeiten, „ebenso, ja seltener noch als in der Liebe der Augenblick, da die Liebenden einander unbedingt das Ideal sind“. So kostbar, dass sich vermuten lässt, Kierkegaard selbst weiß von diesem Erleben eher nur durch die Ahnung des Geistes als durch die unmittelbare Erfahrung.

Der Unmittelbare glaubt und bildet sich ein, wenn er bete, sei die Hauptsache, worauf er besonders hinarbeiten müsse, daß Gott hört, um was er betet. Und doch ist es im ewigen Sinne der Wahrheit gerade umgekehrt: Nicht dann ist das Gebets-Verhältnis das wahre, wenn Gott hört, worum gebeten wird, sondern wenn es der Betende ist, der im Gebet verharrt, bis er der Hörende ist, welcher hört, was Gott will. Der Unmittelbare macht viele Worte und ist deshalb eigentlich fordernd, wenn er betet; der wahre Beter ist nur hörig.
Kierkegaard, Tagebücher

SÖREN KIERKEGAARD GEBETE
VATER IM HIMMEL! Du vergißt den Menschen nicht. Und ob Vergessen ihn geschieden hätte von allen andern, und ob er in der Masse unkenntlich wäre, ja, nicht mehr wie ein Mensch, sondern nur wie eine Ziffer in der Volkszählung: Du kennst ihn, Du hast ihn doch nicht vergessen, Du erinnerst Dich seines  Namens, Du weißt, wo er verborgen ist, wo er verloren in der Wüste oder übersehen in der Masse; und ob er in der äußersten Finsternis der Angst säße mit furchtbaren Gedanken, verlassen von den Menschen, verlassen fast von der Sprache, die die Menschen sprechen: Du hast ihn doch nicht vergessen, Du verstehst seine Sprache, Du weißt geschwind den Weg zu ihm zu finden, geschwind wie der Schall, wie der Blitz ist; und wartest Du, so ist es doch keine Langsamkeit, sondern weil nur Du die Zeitigkeit Deiner Hilfe kennst; und wartest Du, es ist doch keine kleinliche Zurückhaltung, sondern väterliche Sparsamkeit, die das Beste für das Kind am sichersten Ort für den geeignetsten Augenblick aufbewahrt.

VATER IM HIMMEL! wende nicht länger Dein Antlitz von mir, laß es aufs neue leuchten für mich, so daß ich Deine Wege gehe und mich nicht weiter und weiter noch von Dir verirre, wo Deine Stimme mich nicht mehr erreichen könnte. O! laß Deine Stimme ertönen für mich, gehört werden von mir, wenn sie auch schreckend mich einholen muß auf meinen
irren Wegen, wo ich als krank und beschmutzt abseits lebe und einsam im Geiste, fern der Gemeinschaft mit Dir und der Gemeinschaft mit Menschen. Du, Herr Jesus Christus, Du, der in die Weh kam, um den Verlorenen zu retten, Du, der neunundneunzig Schafe zurückließ, um das eine verirrte zu suchen, suche auch mich auf den Abwegen meiner Verirrungen, wo ich mich vor Dir und den Menschen verberge, Du, der gute Hirt, laß mich Deine Stimme hören, laß mich sie erkennen, laß mich ihr folgen! Du, Heiliger Geist, tritt auch Du für mich ein mit unaussprechlichem Seufzer, bete so für mich wie Abraham für das verderbte Sodom, wenn da bloß ein reiner Gedanke, ein besseres Gefühl in mir ist, daß doch die Zeit der Prüfung verlängert werde für den unfruchtbaren Baum, Du würdiger Heiliger Geist, Du, der den ausgestorbenen wiedergebiert und den alten verjüngt, erneure Du auch mich du schaff in mir ein neues Herz, Du, der mit der Sorge einer Mutter alles umfriedet, in dem ein Funken noch von Leben ist. O, bewahre Du auch mich fester und fester geknüpft an Ihn, meinen Heiland und Erlöser, daß ich geheilt nicht vergessen möge wie jene neun Aussätzigen umzukehren, wie der eine Aussätzige zurück zu Ihm, der mir das Leben gegeben hat, in dem allein Seligkeit zu finden ist, ja, heilige Du mein Tun und mein Denken, so daß erkannt werden möge, daß ich Sein Leibeigener bin jetzt und in alle Ewigkeit.

VATER IM HIMMEL! lehr Du uns wandeln vor Deinem Angesicht, und laß unsre Gedanken und Taten nicht wie Fremde, die von weit her kommen, ein seltenes Mal in Deinen Wohnungen Besuch abstatten, sondern wie Einheimische sich fühlen, als ob Du bei uns wohntest – denn was nützte es uns, wenn unser Angesicht glänzte wie Moses‘, da er mit dem Herrn geredet; was nützte es uns, wenn wir wie Moses unser Angesicht verbergen müßten um nicht merken zu lassen, wie bald der Glanz verschwand-? Laß Du uns nie vergessen, daß alles Christentum ein Lebenslauf ist, so daß ich noch weit weg, auch wenn ich an der äußersten Grenze Deines Reiches stünde, Heiliger Vater, wie einst der Zöllner, wenn ich nur Dir mein Angesicht zugewandt stünde – und mich nicht umkehrte, wie er, der die Hand an den Pflug legte – daß ich vielmehr zur Wandrung bereit mit dem Stab in der Hand, auch wenn da Berge und Täler und reißende Ströme vor mir lägen, habe ich doch die Verheißung: daß der Geringste im Himmelreich größer ist als was von Weibern geboren.

HERR, BERUHIGE DU die Wogen in dieser Brust, dämpfe die Stürme! Sei stille, meine Seele, daß das Göttliche wirken kann in dir! Sei stille, meine Seele [daß Gott ruhen kann in dir, daß Sein Friede dich überschatten kann! Ja, Vater im Himmel, oft genug haben wir erprobt, daß die Welt uns keinen Frieden geben kann, o laß Du uns aber erfahren, daß Du Frieden geben kannst, laß uns die Wahrheit der Verheißung erleben, daß Deinen Frieden alle Welt nicht von uns nehmen kann-].

HERR JESUS CHRISTUS, SO vieles will uns von Dir abziehen; leere Beschäftigungen, unbedeutende Freuden, unwürdige Sorgen; so vieles will uns zurückschrecken: Stolz, der zu feige ist, sich helfen zu lassen, feige Furchtsamkeit, die sich zu eignem Verderben zurückzieht, Angst der Sünde, die die Reinheit des Heiligen scheut, wie die Krankheit das Heilmittel scheut. Du aber bist doch stärker: ziehe uns deshalb – und ziehe uns noch stärker zu Dir! Wir nennen Dich unsern Heiland und Erlöser, denn du kamst in die Welt, um uns von den Fesseln zu lösen, worin wir gebunden waren, oder worin wir uns selbst gebunden hatten, und um den Erlösten das Heil zu bringen. Dies war Dein Werk, das Du vollbracht hast, und das Du bis ans Ende der Tage vollbringen willst; denn wie Du selbst gesagt hast, so willst Du es machen: von der Erde erhöht willst Du alle zu Dir ziehen.

HERR JESUS CHRISTUS, schwach ist unser eigener schlechter Sinn, nur gar zu gern läßt er sich ziehen – und so vieles will uns zu sich ziehen. Die Lust mit ihrer verführerischen Macht, das Mannigfaltige mit der verwirrenden Zerstreuung, der Augenblick und seine betörende Unaufschiebbarkeit, und die eitle Mühe der Geschäftigkeit, die sorglose Zeitvergeudung des Leichtsinns wie das finstre Grübeln der Schwermut: all dieses will uns von uns selbst abziehen, zu sich hin, um uns zu betrügen. Du aber, der Du die Wahrheit bist, nur Du, unser Heiland und Erlöser, kannst einen Menschen in Wahrheit zu dir ziehen; und Du hast es ja versprochen, daß Du uns alle zu Dir ziehen willst. So gib denn Gott, daß wir, indem wir in uns gehen, so sehr zu uns selber kommen, daß Du uns nach Deinem Worte zu Dir ziehen kannst – aus der Herrlichkeit, aber durch Geringheit und Erniedrigung.

HERR JESUS CHRISTUS, Du bist nicht in die Welt gekommen, um Dir dienen zu lassen, und also auch nicht, um Dich bewundern oder in diesem Sinne anbeten zu lassen. Du warst selber der Weg und das Leben – und Du hast nichts anderes verlangt als »Nachfolger«. So wecke uns denn auf, wenn wir in dieser Betörung eingeschlummert sind, erlöse uns von dieser Verwirrung, daß wir Dich bewundern oder anbetend bewundern wollten, statt Dir nachfolgen und ähnlich werden zu wollen.

VATER IM HIMMEL! Wecke Du das Gewissen in unserer Brust, lehre Du uns das Ohr des Geistes öffnen Deiner Stimme, achtzugeben auf Deine Rede, daß Dein Wille uns rein und klar erschalle, wie er im Himmel ist, unverfälscht von unserer irdischen Klugheit, nicht betäubt von der Stimme der Leidenschaften, halte Du uns wach, daß wir in Furcht und Zittern arbeiten an unserer Seligkeit; o, laß Du auch dann, wenn das Gesetz am lautesten redet, wenn sein Ernst uns entsetzt, wenn es donnert vom Sinai, o laß da doch auch eine leise Stimme sein, die uns zuflüstert, daß wir deine Kinder sind, so daß wir mit Freude rufen:
Abba, Vater.-

VATER IM HIMMEL! Wandle Du mit uns, wie Du einst in alten Tagen mit den Juden gewandelt bist. O laß uns nicht glauben Deiner Erziehung entwachsen zu sein, sondern laß uns durch sie heranwachsen, unter ihr gedeihen, wie die gute Saat in Geduld wächst. Laß uns nicht vergessen, was Du für uns getan, und wenn Deine Hilfe wunderbar bereitet war, dann laß sie uns nicht wieder wie undankbare Geschöpfe suchen, weil sie aßen und satt wurden. Laß Du uns fühlen, daß wir ohne Dich gar nichts vermögen, aber laß es uns nicht in schwächlicher Ohnmacht erfahren, sondern in kräftigem Vertrauen, in froher Gewißheit darüber, daß Du in den Schwachen mächtig bist.

VATER IM HIMMEL! Auf vielerlei Weise redest Du zu einem Menschen; Du, dem Weisheit und Verstand allein gehören, Du willst Dich ihm dennoch verständlich machen.
Ach, und wenn Du auch schweigst, so redest Du ja doch mit ihm; denn auch der redet, der schweigt, um dem Lernenden abzuhören; auch der redet, der schweigt, um den Geliebten zu prüfen; auch der redet, der schweigt, auf daß die Stunde des Einverständnisses um so innerlicher sei, wenn sie kommt. Vater im Himmel, ist es nicht also! O die Zeit des Schweigens, wann ein Mensch einsam und verlassen ist, Deine Stimme nicht hört, da ist es ihm, als sollte die Trennung für immer sein; O, die Zeit des Schweigens, wann ein Mensch dürstet in der Wüste, da er Deine Stimme nicht hört, da ist es ihm, als wäre sie ganz entschwunden! Vater im Himmel, es ist ja doch nur der Augenblick des Schweigens in der Innerlichkeit des Gespräches. So laß es gesegnet sein auch dieses Schweigen, wie jedes Deiner Worte zu einem Menschen, laß ihn nie vergessen, daß Du auch dann noch redest, wann Du schweigst; schenke ihm diesen Trost, wenn er auf Dich baut, daß Du aus Liebe schweigst, wie Du aus Liebe redest, so daß nun, ob Du schweigst oder redest, Du doch derselbe Vater bist, dieselbe Väterlichkeit, ob Du durch Deine Stimme Weisung gibst oder durch Dein Schweigen erziehst.

VATER IM HIMMEL! Wohl wissen wir, daß Du es bist, der beides gibt zu wollen und zu vollbringen, daß auch die Sehnsucht, wenn sie uns drängt den Bund mit unserm Erlöser und Versöhner zu erneuern, von Dir kommt. Aber wenn uns dann die Sehnsucht ergreift, o daß auch wir dann die Sehnsucht ergreifen möchten; wenn sie uns hinreißen will, daß wir uns dann auch hingeben möchten; wenn Du uns nahe bist im Ruf, daß wir uns dann auch nahe zu Dir halten in der Anrufung; wenn Du in der Sehnsucht das Höchste anbietest, daß wir auch dann den gelegenen Augenblick auskaufen möchten, sie festhalten möchten, in stiller Stunde heiligen mit ernsten Gedanken, mit frommen Vorsätzen, so daß sie die starke, aber auch die wohlerprobte herzliche Sehnsucht werden möchte, die von denen gefordert wird, die würdig an der heiligen Speisung im Abendmahl teilnehmen wollen!
Vater im Himmel, die Sehnsucht ist Deine Gabe; niemand kann sie sich selber geben, niemand kann sie kaufen, wenn sie nicht gegeben wird, auch wenn er alles dafür hergeben wollte – aber, wenn Du sie gibst dann kann er doch alles für sie verkaufen um sie zu kaufen. So bitten wir denn, daß jeder mit herzlicher Sehnsucht zum Tisch des Herrn gehen möge, und daß sie, wenn sie von dort weggehen, von dort weggehen möchten, mit immer größerer Sehnsucht nach Ihm unserm Erlöser und Versöhner.

DAS WAGNIS, EIN EINZELNER ZU SEIN
Seine Reden bleiben meist unbeachtet, ihre besondere Bedeutung für das Verstehen seines Glaubens und Denkens wird nicht erkannt. Wir haben vor allem auf diese Reden zurückgegriffen, weil Kierkegaard sie unter seinem eigenen Namen herausgegeben hat. Diese fast hundert literarischen Reden sind deshalb so provokant, weil sie von einer Leidenschaft des Glaubens geprägt sind. Gerichtet sind sie an «jenen Einzelnen, den ich meinen Leser zu nennen die Ehre habe». Wer ist das – «jener Einzelne»? Es ist jeder, es ist jede, freilich so, dass sie zu sich selbst kommen, den trügerischen Schutz der Menge und des «Meinungssuffs» verlassen und verantwortlich für sich selbst werden. Dieser widerständige Einzelne ist für Kierkegaard freilich nur die andere Seite einer Gemeinschaft, die von der Verantwortung des Einzelnen lebt und auf die Würde des Einzelnen achtet. Jeder Mensch wird dann zum «Nächsten», wie Kierkegaard in seiner wohl großartigsten Sammlung von 18 Reden ausführt, die er unter dem Titel «Der Liebe Tun» (1847) herausgab. Was Kierkegaards Reden auszeichnet, ist die Widerstandskraft, die sie ihrem Leser verleihen, um Einzelner zu werden, der sich nicht mehr von jedem neuen Lüftchen der Zeit wegwehen lässt. Kierkegaard nennt diese Widerstandskraft «Innerlichkeit», die es im Menschen zu «erbauen» gilt. Deshalb geht es um «Erbauliche Reden», die einen ähnlich programmatischen Charakter haben wie eine Generation zuvor Schleiermachers «Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern» (1799). Kierkegaards Reden sind in ihrer Existenzmitteilung nicht apologetisch, sondern polemisch: Sie greifen eine Gesellschaft an, der die Leidenschaft des Denkens und des Glaubens abhandengekommen ist;

Leider wünscht ein Mensch im allgemeinen zu viele Dinge, lässt die Seele in jedem Windzug flattern. Aber der, der betet, weiß doch Unterschiede zu machen; er gibt nach und nach auf, was nach seinem irdischen Begriff das unbedeutendere ist, da er damit nicht recht zu Gott kommen darf; und da er nicht wagt, Gottes Güte zu verspielen, indem er immer um dies und jenes bettelt, sondern dagegen dem Begehren ob seines einzigen Wunsches desto mehr Nachdruck verleiht. Da sammelt er seine Seele Gott gegenüber auf einen Punkt seines Wunsches, und schon darin liegt für ihn eine Veredlung, die Vorbereitung zur Aufgabe aller Dinge, denn allein der kann alles aufgeben, der nur einen einzigen Wunsch hatte. So ist er vorbereitet, im Streit mit Gott gestärkt zu werden und zu siegen, denn der rechte Beter streitet im Gebet und siegt dadurch, daß Gott siegt.

Der Streit des Beters mit Gott
Die innere Beziehung auf Jesu Wort aus Mk 8,35ff. kommt in den Blick: «Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s erhalten». Wie geht diese Dialektik von Verlieren und Erhalten im Streit des Gebetes vor sich? Beten heißt für Kierkegaard allem voran: Sich-ergeben, und nicht jemanden angreifen oder sich selbst verteidigen, um sich zu erhalten! Wer sich betend hingebe, der streite nicht; gebe er sich aber nicht hin, so bete er auch nicht.
Ein Gebet, das keine Ergebung sei, die in dem inwendigen Menschen geschieht, kommt für Kierkegaard als Gebet gar nicht in Betracht. So ein Gebet komme auch bei Gott gar nicht an, so wenig wie ein Brief ankomme, der falsch adressiert sei.

Kindliches und erwachsenes Beten
Kierkegaard setzt bei dem Beten eines Kindes ein. Das Kind gerate in keinen Streit mit Gott: Es bitte Gott um das Gute, danke Gott für das Gute, das nach der Vorstellung des Kindes gut sei. Bekommt es zu Weihnachten das ersehnte Spielzeug, so dankt es Gott. Das Traurige, Unangenehme werde aber vom Kind nicht auf Gott zurückgeführt, sondern anders erklärt, zumeist mit der Vorstellung von bösen Menschen. Stirbt dem Kind der Vater, so hat es eigentlich keine Vorstellung davon, was der Tod sein mag. Man sagt dem Kind, dass der Vater bei Gott im Himmel sei, und schon ist das Kind wieder mit Gott zufrieden. Den Tod aber mit all seinen Schwierigkeiten überspringe das Kind. Es werde ihm schwerlich einfallen, den Tod Gott zuzuschreiben.. Die reife, erwachsene Innerlichkeit des Gebetes bestehe darin, alles mit Gott zusammenzubringen, alles auf Gott zurückzuführen, den Tod ebenso wie das Leben, das Böse ebenso wie das Gute. Das sei in widerwärtigen Fällen zuweilen sehr schwer, wie das Beispiel des Hiob zeigt. Das Gebet wird dann zu einem Streit mit Gott nach der Art, wie Jakob am Jabbok gekämpft hat: «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn» (Gen 32). Das zeichne ein erwachsenes Gebet aus, dass es mit Gott ringt, kämpft und streitet, um ihn für das menschliche Anliegen zu gewinnen und von Gott recht zu bekommen. Wie soll aber so ein Streit aussehen? Wie kann ein Mensch in diesem Streit siegen, indem Gott über ihn siegt, und er, der Mensch, unterliegt und eben dadurch der rechte Beter wird?

Der Streit mit dem Weisen
«Mein Leser, hast du niemals mit einem Menschen gesprochen, der an Weisheit dir
weit überlegen dennoch es wohl mit dir meinte, ja mehr oder doch besser (und somit mehr) besorgt war um dein Wohl als du selbst; hast du es nicht, nun wohl so bedenke, was dir wie mir widerfahren könnte, so wie ich es nun darlegen will.» Es ist des Vaters dialektische Kunst, auf die Kierkegaard hier anspielt. Der Vater ist der Weise, der im Streit die Übersicht behält, während sein Widerpart heftig wird, um den Vater für seine Ansicht zu gewinnen. Als am Ende des Streits der Punkt klar ist, auf den es ankommt, gibt der Weise zu verstehen: «Das war es ja, was ich von Anfang an sagte, während du in der Hitze des Gefechts mich nicht verstehen konntest noch wolltest.» Dennoch war der Streit nicht vergebens, denn er führt dazu, dass der dem Weisen Unterlegene selber zur Einsicht kommt und entdeckt, was dem Weisen von Anfang an klar war. Kierkegaard folgert aus dieser gleichnishaften Erfahrung: «Wer aber die Innerlichkeit nicht fahren lässt, mit seinem Streit sich nicht aus dem Verhältnis mit Gott herausstreitet, sondern sich hineinarbeitet in Gott, ihm geht es ganz so, wie es erklärt worden ist, indem die innerliche Einkehr des Gebetes in Gott ihm die Hauptsache wird und nicht Mittel zum Erreichen eines Zwecks.» Was ist das – «innerliche Einkehr des Gebetes in Gott»? Am besten wird es wohl im Gegensatz zur Äußerlichkeit klar, mit der ein Mensch im Gebet nur an seinem Wunsch klebt oder auf seiner Ansicht Gott gegenüber beharrt. Dann bleibt er Gott noch gegenüber, arbeitet sich nicht in Gott hinein. Die innerliche Einkehr des Gebetes in Gott ist aber die Hauptsache. Deshalb fragt Kierkegaard eher rhetorisch: «Sollte der nicht ein Beter sein, ja der rechte Beter, der spräche: Mein Herr und Gott, eigentlich habe ich gar nichts, dich darum zu bitten; verhießest du mir gleich, mir jeden meiner Wünsche zu erfüllen, ich weiß dennoch eigentlich nicht, was ich mir ausdenken soll, nur daß ich bei dir bleiben möge, so nahe, wie es möglich ist in dieser Zeit des Getrenntseins, in welcher du und ich leben, und ganz und gar bei dir möge sein in der Ewigkeit?» Damit ist Kierkegaard ganz nahe bei dem Beter von Psalm 73, der sich in seinem Eifer über die «Ruhmredigen» mehr und mehr in Gott hinein arbeitet, so dass er schließlich bekennt: «Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde» (Ps 73, 25).
Das ist die «innerliche Einkehr» auf die es beim Gebet ankommt. Die Wünsche des Menschen fallen dann mehr und mehr ab, die Frage nach Himmel und Erde verstummt, weil am Ende nur noch die Anbetung Gottes bleibt, das innerliche Erfülltsein von Gottes Nähe. Das Du Gottes hat nun das Ich des Menschen mit seinem Trotz, seiner geheimen Rechthaberei, seinen Wünschen ganz aufgesogen, so dass es in Psalm 73 nur noch heißt: «Du hältst mich … Du leitest mich … du nimmst mich an.» Dieses dreimalige Du versammelt sich in dem «Wenn ich nur dich habe … ». Kierkegaard sagt es so: «So wird denn der Mensch minder und minder glühend, zuletzt ist seine Zeit vorüber, so stirbt denn der Wurm des Verlangens klein bei klein, und das Verlangen stirbt ab, so schlummert denn die Wachsamkeit der Besorgnis allmählich ein, um niemals mehr zu erwachen, die Zeit der Innerlichkeit aber ist niemals vorüber.» Innerlichkeit heißt also, dass ein unruhig auf seine Wünschen pochender Mensch zur Ruhe kommt, weil ihn eine Dankbarkeit für Gottes Nähe erfüllt. Alles Wünschen ist dann Nebensache geworden, ja, mehr noch: Alles Wünschen wird so kleinlich, so armselig und gering, dass es wie von selbst angesichts der «unbeschreiblichen Freude» an Gott verschwindet. Das ist der Sieg im Streit des Gebets. Der Mensch siegt durch seine Niederlage, weil er selbstvergessen auf Gott schaut und sich selbst mit seiner verzehrenden Sehnsucht auf glückliche Weise vergessen kann.

Im Gebet verändert sich die Gottesbeziehung
Schließlich fragt Kierkegaard, was denn nun durch den Streit anders geworden sei. Ist Gott vielleicht ein anderer geworden? Nun, es habe sich im Streit gezeigt, dass Gott unveränderlich sei, aber diese Unveränderlichkeit sei nicht mehr jene eisige Gleichgültigkeit, jene tödliche Erhabenheit, jenes kalte Schicksal, das noch der Verstand gepriesen habe. «Nein, im Gegenteil, diese Unveränderlichkeit ist innerlich und warm und allenthalben gegenwärtig, ist unveränderlich in der Sorge für den Menschen und eben darum lässt sie sich nicht verändern durch des Beters Schreien, so als ob nun alles vorüber wäre.» Und der Beter? Hat er sich durch den Streit des Gebetes verändert? Dessen Veränderung sei nicht schwer einzusehen, meint Kierkegaard, denn am Beginn des Streits sei der Beter ja von seinen Wünschen umgetrieben gewesen. Dann aber, als sein Gebet innerlicher und innerlicher wurde, sammelte sich alles in ihm auf einen Wunsch, bis er auch mit diesem Wunsch zu nichts wurde, weil Gott ihn völlig erfüllte, ein Wechsel, den Kierkegaard mit einem wunderbaren Bild veranschaulicht: «Wenn das Meer alle seine Kraft anstrengt, so kann es das Bild des Himmels gerade nicht widerspiegeln, auch nur die mindeste Bewegung, so spiegelt es den Himmel nicht rein; doch wenn es stille wird und tief, senkt sich das Bild des Himmels in sein Nichts.» Es braucht freilich zunächst viel Leiden, Kampf und Streit, um zur Innerlichkeit des Gottesverhältnisses vorzudringen. Auch das Gebet ist dazu nicht in der Lage, wenn es aus einem zerstreuten und nicht aus einem gesammelten Herzen kommt. Wo die Innerlichkeit in Kierkegaards Sinn fehlt, da gleicht der Mensch einem Bogen, der nicht gespannt ist, so dass die abgeschossenen Pfeile kraftlos zu Boden fallen und ihr Ziel nicht erreichen. Wie ist «Innerlichkeit- zu erlernen? Kierkegaard schreibt in seinem Tagebuch einmal von der «Methode der Innerlichkeit» und weist auf Hebr 5,8 hin, wo von Christus gesagt wird: «Er lernte an dem, das er litt». Dies sei die «Methode der Innerlichkeit», die von Christus als dem «Vorbild» zu erlernen sei. Durch Leiden ist Innerlichkeit zu erlernen, genauer: dadurch, dass ein Mensch dem Leiden nicht ausweicht, das ihm bestimmt ist. Und wie erkenne ich, welches Leiden mir bestimmt ist? Es lässt sich wohl nur im Nachhinein, d. h. im Rückblick auf erlittenes Leiden sagen, was mir an Leiden zugedacht war. So hat ja auch Kierkegaard zeitlebens sich seiner Schwermut gestellt und dadurch «an dem gelernt, was er litt». Das war für ihn die Schule der Innerlichkeit. «Solange das Leiden dauert, ist es oft ungeheuer qualvoll. Doch nach und nach lernt man mit Gottes Hilfe, glaubend bei Gott zu bleiben, selbst im Augenblick des Leidens, oder doch so hurtig wie möglich wieder zu Gott hinzukommen, wenn es gewesen ist, als hätte er einen kleinen Augenblick einen losgelassen, während man litt. So muß es ja sein, denn könnte man Gott ganz gegenwärtig bei sich haben, so würde man ja gar nicht leiden.»

Missverstandene Innerlichkeit
Der Begriff «Innerlichkeit» wird seit Hegel häufig als selbstgenießerische
Sentimentalität bzw. als ein «Verhausen» der Subjektivität in sich selbst abgetan. Stattdessen komme es auf eine Vermittlung von innen und außen an. Kierkegaard lehnt jedoch Hegels Vermittlungsdenken ab, weil es Abgründe (sc. der Schwermut) überspringt, über die hinweg nichts zu vermitteln ist. Der im Äußerlichen zerstreute Mensch kann vielleicht gedanklich, aber nicht existenziell mit dem Inneren vermittelt werden, es sei denn, er arbeitet sich mit Hilfe des Gebets in Gott hinein. Direkt auf Innerlichkeit bei Kierkegaard sind Theodor W. Adornos Überlegungen zur «Konstruktion des Ästhetischen» gerichtet: «Wer jeden Eingriff in die äußerliche Realität als Abfall vom rein inwendigen Wesen ahndet, der muß die gegebenen Verhältnisse sanktionieren, wie sie sind. Kierkegaard scheute lange Zeit davor nicht zurück.» In dieser Kritik an Innerlichkeit wird freilich übersehen, dass eine tiefe Innerlichkeit zu äußerster Kampfbereitschaft führen kann. Dafür geben gerade Luther ebenso wie Kierkegaard anschauliche Beispiele: Die Verweigerung eines Widerrufs in Worms begründet Luther – ganz «innerlich» – mit dem in Gottes Wort gefangenen Gewissen. Bei Kierkegaard sehen wir am Beispiel seines Streits mit dem «Corsar» ebenso wie am Streit mit der dänischen Staatskirche, wie sich tiefste Innerlichkeit und äußerste Kampfbereitschaft gegenseitig fordern. In Taize brachte es Roger Schutz auf die Formel:
«Kampf und Kontemplation!» Die Innerlichkeit der Kontemplation gibt dem Kampf um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung die Kraft und bewahrt ihn vor Leerlauf. Stets geht es um die Dialektik, die Paulus in 2Kor 4,16f. so zum Ausdruck brachte: «Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.» Das ist die Innerlichkeit, auf die es Kierkegaard ankommt. Bei ihm wird sie unter viel Leiden im Streit des Gebets gelernt und hat zum Ziel, sich «in Gott hineinzuarbeiten».

Innerlichkeit und «Entweltlichung»
Als Papst Benedikt XVI. 2011 Deutschland besuchte, kam die Pointe seines Besuchs erst ganz am Schluss bei einer Rede in Freiburg zur Sprache: «Entweltlichung» der Kirche, forderte der Papst. Weist «Entweltlichung» in die Richtung einer recht verstandenen «Innerlichkeit»? Ist der purgatorische Ton des Begriffs «Entweltlichung» vielleicht besser in dem Begriff «Innerlichkeit» aufgehoben? Der Sache nach ist doch wohl gemeint: Eine Kirche, die sich dadurch verzettelt, dass sie in tausend weltlichen Dingen mitmischt, wird zur innerlichen Sammlung auf die Kräfte der Eucharistie und des Gebetes aufgefordert, damit sie sich nicht in äußerlichem Aktivismus erschöpfe. Von der Welt Abstand gewinnen, um die Welt wieder erreichen zu können – das scheint mir in dem Appell des Papstes wie in Kierkegaards Begriff der Innerlichkeit mitzuschwingen. Das ist auch der Sinn von Röm 12,2:
«Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes,
damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist».

Innerlichkeit und Aktivismus
Luther: «Heute habe ich viel zu tun. Da muss ich viel beten!» Doch leider gibt es ja auch die flüchtigen, die geplapperten, die routinierten Gebete, die keinen Raum öffnen, sondern mehr in die Enge treiben. Es sind gar nicht unbedingt die geprägten Gebete wie etwa das Vaterunser oder Luthers Morgen- und Abendsegen, die eine Enge verbreiten. Es sind Gebete, die Gott nur zum Erfüller menschlicher Anliegen degradieren. Ich glaube kaum, dass durch solche Gebete ein Raum der Innerlichkeit eröffnet wird, weil sie noch zu sehr am menschlichen Wunsch kleben, statt ihn loszulassen und «sich in Gott hinein zu arbeiten».

Innerlichkeit und Anbetung
Wie das aussehen könnte, will ich an einem Gebet Kierkegaards verdeutlichen:
«Vater im Himmel! Du hältst alle guten Gaben in Deiner milden Hand. Dein Überfluß ist reicher, als daß menschlicher Verstand ihn fasse; Du bist willig zu geben, und Deine Güte ist größer, als daß eines Menschen Herz sie verstehe; denn Du erfüllst jede Bitte und gibst, um was wir bitten, oder gibst weit Besseres, als was wir erbitten. So gib Du denn jedem seinen ihm zugewiesenen Teil, wie es Dir wohlgefällt; aber gib Du auch einem jeden die Überzeugung, daß alles von Dir kommt, damit nicht die Freude uns von Dir reiße in der Vergessenheit der Lust, damit nicht das Leid die Scheidewand setze zwischen Dich und uns; sondern daß wir in der Freude hinsuchen zu Dir und im Leide bei Dir bleiben, damit, wenn unsere Tage einst gezählt, und der äußere Mensch verdorben ist, der Tod nicht kalt und furchtbar in seinem eigenen Namen komme, sondern mild und freundlich mit Gruß und Botschaft, mit Zeugnis von Dir, unserem Vater, der Du im Himmel bist! Amen.»
Dieses Gebet ist mehr Anbetung als Anrufung. Der Beter wird aus der Fülle von Gottes Gaben in die Fülle von Gottes Gruß und Zeugnis durch den Tod hindurch geleitet.
Kierkegaards Gebete führen in der Regel an einen Punkt, an dem der Anbetende am Ende nur noch ein auf Gott Hörender ist. Darauf kommt es im Grunde an, daß Beten am Ende ein Hören auf Gott wird. Kierkegaard beschreibt diesen Umschlag des Gebets vom Reden zum Hören so: «Es ist des Menschen Vorzug vor dem Tiere, dass er reden kann; aber im Verhältnis zu Gott kann es dem Menschen, der reden kann, leicht zum Verderben werden, reden zu wollen. Gott ist im Himmel, der Mensch auf Erden: darum können sie nicht gut miteinander reden. Gott ist die Allweisheit; das, was der Mensch weiß, ist leeres Geschwätz: darum können sie nicht gut miteinander reden. Gott ist Liebe, der Mensch ist – wie man wohl zu einem Kinde sagt – sogar hinsichtlich seines eigenen Wohl und Wehes ein kleines Schaf; darum können sie nicht gut miteinander reden. Nur mit viel Furcht und Zittern kann der Mensch mit Gott reden; mit viel Furcht und Zittern. Indes, mit viel Furcht und Zittern reden, ist schwierig aus einem anderen Grunde; denn gleich wie die Angst es macht, dass die Stimme leiblich versagt, ebenso bewirkt wohl auch viel Furcht und Zittern, dass die Rede verstummt und stille wird. Dies weiß der rechte Beter; und wer ein rechter Beter nicht war, der hat vielleicht eben dies gelernt im Gebet. Es war da etwas, das ihm so sehr am Herzen lag, ein Sache, die ihm so wichtig war, es ihm so überaus dringlich machte, sich Gott so recht verständlich zu machen, es bangte ihm, dass er im Gebet etwas vergessen haben könnte, und ach, gesetzt, er hatte es vergessen, so bangte ihm, dass Gott vielleicht von selber nicht daran denken möge: darum wollte er seine Sinne darauf sammeln, recht innerlich zu beten. Und was widerfuhr ihm dann, wenn anders er wirklich innerlich betete?
Etwas Wunderliches widerfuhr ihm; allmählich, wie er innerlicher und innerlicher wurde im Gebet, hatte er weniger und weniger zu sagen, und zuletzt verstummte er ganz. Er ward stumm, ja, was dem Reden vielleicht noch mehr entgegengesetzt ist als das Schweigen, er ward ein Hörender. Er hatte gemeint, beten sei reden; er lernte: beten ist nicht bloß Schweigen, sondern ist hören. Und so ist es dann auch: Beten heißt nicht, sich selber reden hören, sondern heißt dahin kommen, dass man schweigt und im Schweigen verharren, und harren, bis der Betende Gott hört».
Wohlgemerkt, das Beten beginnt nicht gleich mit dem Hören; es beginnt mit den tausend Anliegen des Menschen; es beginnt vielleicht auch im Streiten mit Gott, weil der Mensch Gott unbedingt auf seine Seite bringen, ihn gewinnen und überreden will. Je mehr dann aber der Beter angesichts von Gottes Größe in Furcht und Zittern gerät, je mehr er sich in Gottes Unveränderlichkeit hineinarbeitet, desto innerlicher wird das Gebet. Nun hat der Beter weniger und weniger zu sagen, ja, am Ende verstummt er und wird ein Schweigender, schließlich ein Hörender. «Innerlichkeit» ist also bei Kierkegaard etwas anderes als ein mystischer Prozess, in dem der Myste durch unaufhörliches Schweigen das Nahen Gottes erwartet. Es ist auch mehr als ein prophetisches Ringen mit Gott. Beide großen Gebetstraditionen, die mystische und die prophetische Tradition, führt Kierkegaard in seinem Gebetsverständnis zusammen, indem er Streit und Ergebung im Gebet beisammen sein lässt bzw. allererst zusammenbringt. Bliebe es nur beim Streit, dann wäre der Beter noch bei sich und seinen Wunsch, für den er Gott zu gewinnen versucht. Käme es sofort zur Ergebung, dann müsste der Mensch eigentlich seine Anliegen unterdrücken und so tun, als ergebe er sich in Gott, obwohl ihn in Wahrheit noch seine Anliegen bestimmen.
Das eben macht die Einzigartigkeit von Kierkegaards Gebetsverständnis aus, dass er prophetisches und mystisches Beten in einem Dritten vereinigt, dem innerlichen Beten. Es ist ein Beten, das ganz außen bei dem beginnt, was einen Menschen vor Gott bewegt, und es führt immer tiefer zu einem Hinein-Arbeiten in Gott, bis Gottes Unveränderlichkeit dem Beter zu einer Bleibe wird, die ihn selbst aufs Tiefste bewegt, so dass er dort, angesichts dieser Unveränderlichkeit Gottes, alles ablegen kann und selbst ein Hörender auf das wird, was Gott von ihm will. Kierkegaard gehört zu den großen Betern des Christentums. Von welcher Hingabe und Innerlichkeit seine Gebete erfüllt sind, wird in der Sammlung von Kierkegaards Gebeten deutlich, die Walter Rest herausgegeben hat. Auch in seinen Tagebüchern geht Kierkegaard immer wieder in die Sprache des Gebetes wie in Reflexionen zum Gebet über: Der archimedische Punkt außerhalb der Welt ist eine Betkammer, wo ein wahrhaft Betender in aller Aufrichtigkeit betet – und er wird die Erde bewegen. Ja, wofern er da wäre, jener wahrhaft Betende, – wenn er seine Tür schließt, so ist unglaublich, was er vermag.

Aber woher kommt es wohl, dass menschliches Leiden verglichen mit dem der Lilie so furchtbar erscheint, wenn nicht daher, dass sie nicht sprechen kann?
Für die Lilie ist Leiden Leiden, weder mehr noch weniger.

 

 

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