Sören Kierkegaard

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Sören Kierkegaard: Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte: Was rätst du? – ich würde antworten: schaffe Schweigen.

stille

Schaffe Schweigen!
Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank.
Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du?
Ich würde antworten: Schaffe Schweigen!
Bringe die Menschen zum Schweigen.
Gottes Wort kann so nicht gehört werden.
Und wenn es unter der Anwendung
lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird,
daß es selbst im Lärm gehört werde,
so ist es nicht mehr Gottes Wort.
Darum schaffe Schweigen!

Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde,
da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen.
Und zuletzt wurde ich ganz still. Sören Kierkegaard

SÖREN KIERKEGAARD, GÄNSEPARABEL
„Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle sieben Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredtste Gänsereich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben. Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat. Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht. Sie machen nicht einmal den Versuch. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, der Hof ist sicher, und ihr Leben bequem.“

Hütet euch vor denen, die gerne in langen Kleidern gehen. Mk12,38; Lk20,46
Vor allem hüte Dich vor den Pfarrern! Zum Christsein (falls man es solcherart sein will, dass es im Gericht bestehen kann; und was hilft einem sonst sein Christsein!) gehört: für die Lehre gelitten zu haben. Und glaube mir, so wahr ich Sören Kierkegaard heiße, Du kriegst keinen beamteten Pfarrer dazu, das zu sagen, und das ist nur natürlich, denn es hieße für ihn, sich selber umbringen; im gleichen Augenblick wäre die ganze Maschinerie mit den 1000 Pfründen und Beamten durcheinandergebracht, wären all diese 1000 Pfründen bloßgestellt. Dagegen kannst du ganz sicher sein, dass er mit aller Macht das Gegenteil vortragen wird, Dich hindern wird, auf solche Gedanken zu kommen, damit du bleiben kannst, was er unter einem Christen versteht: ein gutes Wollschaf, eine gutmütige Mittelmäßigkeit, vor der sich die Ewigkeit verschließt.
Also, an sich ist es völlig gleichgültig, ob lange oder kurze Kleider die Standeskleidung bilden. Das Entscheidende dagegen ist folgendes: sobald der Lehrer ein „Ornat“ bekommt, eine besondere Tracht, eine Standeskleidung, dann hast du den amtlichen Gottesdienst – und den will Christus nicht haben. Lange Kleider, prächtige Kirchengebäude usw., all das hangt zusammen und ist die menschliche Fälschung des neutestamentlichen Christentums, eine Fälschung, die es sich schandbar zunutze macht, daß sich leider die Menge der Menschen nur allzuleicht von einem Sinneseindruck betören lässt und deshalb (geradewegs dem neuen Testament zuwider) geneigt ist, das wahre Christentum an einem Sinneseindruck zu erkennen. Lange Kleider bringen unwillkürlich auf den Gedanken, daß man etwas zu verbergen habe; wenn man etwas zu verbergen hat, sind lange Kleider sehr zweckdienlich – und das amtliche Christentum hat außerordentlich viel zu verbergen, denn es ist von Anfang bis Ende eine Unwahrheit, die deshalb am besten – unter langen Kleidern verborgen wird. Und lange Kleider – das ist ja Frauenzimmerkleidung …Und dies Frauenzimmerhafte ist auch auf andere Weise für das amtliche Christentum bezeichnend: Die weibliche Art: zu wollen und doch zu widerstreben, dies im Weibe unbewusste sich Zieren, findet eben seine unverzeihliche Entsprechung im amtlichen Christentum, das so gerne das Irdische und Zeitliche hätte, aber doch anstandshalber so tun muß, als wolle es dies nicht, das genau darauf aufpaßt es zu kriegen, aber doch heimlich, denn man muß so tun – i bewahre! – man muß schwach werden, muß ohnmächtig werden, wenn man die hohen und fetten Stellungen bekommen soll, welche einem so entschieden zuwider sind, daß man sich nur aus Pflichtgefühl, einzig und allein aus Pflichtgefühl hat entschließen können, so etwas anzunehmen…
Dies muß gesagt werden; so sei es denn gesagt:
Wer Du auch seist, welches Leben du im übrigen führst, mein Freund, – dadurch (wenn anders Du daran teilnimmst), dass Du es bleiben läßt, am öffentlichen Gottesdienst teilzunehmen, wie er jetzt ist (mit dem Anspruch, das Christentum des neuen Testaments zu sein), hast Du beständig eine, und zwar eine schwere Schuld weniger, Du nimmst nicht daran teil, Gott zum Narren zu halten dadurch, dass Du neutestamentliches Christentum nennst, was nicht das Christentum des neuen Testaments ist.

Søren Kierkegaard sagte einmal: „Ich ging zur Kirche. Ich saß auf einem samtenen Platz. Ich sah die Sonne durch farbige Glasfenster scheinen. Und der Pastor, in Samt gekleidet, öffnete die goldene Bibel, fügte sein samtenes Lesezeichen ein und sagte: „Wenn jemand mein Jünger sein möchte, möge er sich selbst verleugnen, verkaufen was er hat, es den Armen geben, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen.“ Und ich sah mich um, und niemand lachte.“



SÖREN KIERKEGAARD
Soren Kierkegaard – Texte
Gustavo Santaolalla – Pajaros
Die Lilie auf dem Felde und der Vogel unter dem Himmel :
„Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“.
Soll ich mein ganzes Vermögen den Armen geben? Nein, zuerst sollst du das Reich Gottes suchen. Soll ich hinausgehen und diese Lehre in der Welt verkündigen? Nein, du sollst zuerst das Reich Gottes suchen. Aber dann ist es ja in einem gewissen Sinne nichts, was ich tun soll? Ja, ganz recht, es ist in einem gewissen Sinne nichts; du sollst im tiefsten Sinne dich selbst zu einem Nichts machen, zu nichts werden vor Gott, schweigen lernen; in diesem Schweigen liegt der Anfang, der darin besteht: zuerst Reich Gottes suchen. Dieses Schweigen kannst du bei der Lilie und dem Vogel lernen. Das will sagen, ihr Schweigen ist keine Kunst, aber wenn du schweigsam wirst wie die Lilie und der Vogel, dann bist du an dem Anfang, welcher bedeutet: zuerst Gottes Reich suchen.

Da draußen ist Stille. Der Wald schweigt; selbst wenn er rauscht, ist er doch schweigsam. Die Bäume, auch wo sie am dichtesten stehen, halten einander, was die Menschen, trotz gegebener Versprechen, einander so selten halten: das bleibt unter uns. Das Meer ist still, selbst wenn es rasend lähmt, ist es doch still.
Der Vogel schweigt und harrt; er weiß, oder richtiger, er glaubt steif und fest, daß alles zu seiner Zeit geschieht, darum harrt der Vogel; aber er weiß, daß es ihm nicht zukommt, Zeit und Stunde zu wissen, darum schweigt der Vogel. Es wird schon zur rechten Zeit geschehen, sagt der Vogel;…Wenn dann der Augenblick kommt, dann versteht der schweigsame Vogel, daß es der Augenblick ist; den nutzt er, und noch nie ist er beschämt worden. So auch mit der Lilie, sie schweigt und harrt. Sie fragt nicht ungeduldig: „Wann kommt der Frühling?“. Denn sie weiß, er kommt zur gelegenen Zeit… Sie sagt nicht: „Wann bekommen wir endlich Regen?“ oder „Wann bekommen wir endlich Sonnenschein?“ oder „Jetzt bekommen wir zuviel Regen ab“ oder „Jetzt war die Hitze zu stark.“ …So kommt denn der Augenblick, und wenn dann der Augenblick kommt, dann versteht die schweigsame Lilie, daß nun der Augenblick da ist, und sie nutzt ihn.

Achte denn auf die Natur um dich her. In der Natur ist alles Gehorsam, unbedingter Gehorsam. Hier „geschieht Gottes Wille wie im Himmel also auch auf Erden“; In der Natur ist alles unbedingter Gehorsam. Das Wehen des Windes, das Echo des Waldes, das Rieseln der Bäche, das Summen des Sommers, das Wispern der Blätter, das Zischeln des Grases, jeder Ton, jeder Laut, den du hörst – das ist alles Gehorsam, unbedingter Gehorsam, so dass du Gott darin hören kannst, wie du ihn in der Musik zu hören vermagst, die in der gehorsamen Bewegung der Himmelskörper ist.
Die Lilie und der Vogel sind Gott unbedingt gehorsam. Hierin sind sie Meister. Ein Mensch oder wir Menschen würden an Stelle der Lilie wohl verzweifeln bei dem Gedanken, dass Entstehen und Untergang eins wären, und darauf durch Verzweiflung uns selbst hindern, zu werden, was wir hätten werden können, wenn auch nur für einen Augenblick. Anders mit der Lilie; sie war unbedingt gehorsam, daher wurde sie in Schönheit sie selbst, sie wurde wirklich ihre ganze Möglichkeit, unverstört, unbedingt unverstört von dem Gedanken, daß der gleiche Augenblick ihr Tod war…Einen Menschen würde, wie gesagt, die Gewißheit des Unterganges verstören, so daß er nicht seine Möglichkeit würde, was ihm doch vergönnt war, wenn ihm auch nur das kürzeste Dasein zugemessen wäre. „Wozu?“ würde er sagen, oder „wofür?“ würde er sagen, oder „was kann das helfen?“ würde er sagen. Und so entfaltete er nicht seine ganze Möglichkeit, sondern verschuldete, daß er, verkrüppelt und unschön, den Augenblick vorher unterginge. Nur unbedingter Gehorsam kann genau „den Augenblick“ treffen; nur unbedingter Gehorsam kann den Augenblick nutzen, unbedingt unverstört vom nächsten Augenblick.
Mt 5.3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

Sei es auch dem Vogel, wenn der Augenblick da ist, da er fortziehen soll, in seinem Verstande noch so gewiß, daß er es sehr gut habe, so wie er es hat; daß er also dadurch, daß er fortzieht, das Gewisse fahrenließe, um nach dem Ungewissen zu greifen: der gehorsame Vogel tritt doch augenblicklich den Flug an; einfältig, mit Hilfe des unbedingten Gehorsams, versteht er nur eins, aber das versteht er unbedingt: daß nun der unbedingte Augenblick da ist. – Würde der Vogel von der Härte dieses Lebens getroffen, würde er in Widerwärtigkeiten und Unglück versucht, fände er an mehreren Tagen hintereinander jeden Morgen sein Nest zerstört: der gehorsame Vogel fängt die Arbeit jeden Tag von vorn an, mit derselben Lust und Sorgfalt wie das erste Mal; einfältig, mit Hilfe des unbedingten Gehorsams, versteht er eins, aber das versteht er unbedingt: daß dies seine Arbeit ist, daß er allein das Seine zu tun hat. Gib darum wohl acht, nach der Weisung des Evangeliums von der Lilie und vom Vogel Gehorsam zu lernen. Laß dich nicht zurückschrecken, verzweifle nicht, wenn du dein Leben mit dem dieser Lehrmeister vergleichst. Da ist nichts, worüber zu verzweifeln wäre, denn du sollst ja von ihnen lernen; und das Evangelium tröstet dich zuerst, indem es dir sagt, Gott ist der Gott der Geduld, aber dann fügt es hinzu: du sollst lernen von der Lilie und dem Vogel, lernen, unbedingt gehorsam zu sein wie die Lilie und der Vogel, lernen, nicht zwei Herren zu dienen; denn niemand kann zwei Herren dienen, er muß entweder …oder. „Sehet die Vögel unter dem Himmel; sie säen nicht und ernten nicht und sammeln nicht in die Scheunen“ – unbekümmert um den morgigen Tag. „Betrachte das Gras auf dem Felde – welches heute ist.“ Tu das und lerne.

Freude
So laß uns denn die Lilie und den Vogel betrachten, diese frohen Lehrmeister. „Die frohen Lehrmeister“, ja, denn du weißt, daß die Freude mitteilsam ist; und darum unterweist keiner besser in Freude als der, welcher selbst froh ist. Und nie kommen die Lilie und der Vogel so in Verlegenheit wie zuweilen ein menschlicher Lehrmeister, der das, worin er unterweist, auf Papier niedergeschrieben oder in seiner Büchersammlung zu stehen hat, kurz, an einer anderen Stelle, nicht immer bei sich; nein, dort, wo die Lilie und der Vogel in Freude unterrichten, dort ist immer Freude – sie ist ja in der Lilie und im Vogel. Welche Freude, wenn der Tag graut und der Vogel zeitig erwacht zur Freude des Tages; welche Freude, wenn auch auf einen anderen Ton gestimmt, wenn der Tag sich neigt und der Vogel froh heimeilt in sein Nest; und welche Freude den langen Sommertag hindurch! Welche Freude, wenn der Vogel – der nicht nur wie ein froher Arbeiter zu seiner Arbeit singt, sondern dessen wesentliche Arbeit es ist zu singen – froh seinen Gesang beginnt; welche neue Freude, wenn dann auch der Nachbar anfängt und dann der Gegenüberwohnende, und wenn dann der Chor einstimmt, welche Freude; Welche Freude, wenn der Tau fällt und die Lilie erquickt, die nun abgekühlt sich zur Ruhe schickt; welche Freude, wenn die Lilie nach dem Bade sich in dem ersten Sonnenstrahl wollüstig trocknet; und welche Freude den langen Sommertag hindurch!
Lerne denn von der Lilie und vom Vogel. Wirf alle deine Sorge auf Gott! Aber die Freude sollst du nicht fortwerfen, im Gegenteil, die sollst du mit aller deiner Macht festhalten, mit allen Kräften deines Lebens. Tust du das, dann ist die Rechnung leicht, daß du stets etwas Freude behältst; denn wirfst du alle Sorge fort, behältst du ja nur zurück, was du an Freude hast. Doch das wird nur wenig helfen. Lerne daher weiter von der Lilie und vom Vogel. Wirf alle deine Sorge auf Gott, ganz, unbedingt, wie die Lilie und der Vogel es tun: so wirst du unbedingt froh wie die Lilie und der Vogel.
Bedenke, was dich angeht, wenn nicht als Mensch, so doch als Christ, daß – christlich verstanden – selbst die Gefahr des Todes für dich so unbedeutend ist, daß es heißt: „Noch heute bist du im Paradies“ und also der Übergang von der Zeitlichkeit zur Ewigkeit – der größtmögliche Abstand – so schnell geschieht, und er sollte auch durch den Untergang des Universums hindurch geschehen, doch so schnell, dass du noch heute im Paradies bist, indem du ja christlich in Gott bleibst. Denn bleibst du in Gott, dann magst du leben oder sterben, dann magst du Glück haben oder Unglück, während du lebst; du magst entweder heute sterben oder erst in siebzig Jahren, und du magst deinen Tod entweder auf dem Grunde des Meeres finden, dort, wo es am tiefsten ist, oder in die Luft gesprengt werden: du kommst doch nicht aus Gott heraus, du bleibst also dir selbst gegenwärtig in Gott und bist daher an deinem Todestage noch heute im Paradiese. Der Vogel und die Lilie leben nur einen Tag, aber einen sehr kurzen Tag, und sind doch die Freude, weil sie, wie entwickelt wurde, auf rechte Art heute sind, sich selbst gegenwärtig sind in diesem Heute. Und du, dem der längste Tag vergönnt ist: heute zu leben – und noch heute im Paradiese zu sein, solltest du nicht unbedingt froh sein, du, der du sogar, da du es ja könntest, weit, weit den Vogel an Freude übertreffen müßtest – worüber du Gewißheit bekommst, wenn du dieses Gebet betest –und dem du dich auch näherst, jedesmal, wenn du dieses Gebet der Freude betest: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit – in Ewigkeit, Amen.“

Die Bekümmernis der Selbstplagerei
Bekümmert euch nicht um den anderen Morgen –
nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht. Aus welcher Höhe herab der Vogel auch über die ganze Welt sah, was er auch sah, den „morgigen Tag“ sah er nie; was er auch sah auf seiner langen Reise, er sah nie den „morgigen Tag“. Und sagen wir auch von der Lilie: „Sie steht heute, und morgen wird sie in den Ofen geworfen“, oh, diese edle, einfältige Weise, die Lilie, sie tut wie eine, die das gar nichts angeht, wie sehr und wie nahe es sie auch angeht, sie ist allein mit dem beschäftigt, was sie ja auch noch näher angeht, daß sie heute steht. Wie viele Tage auch der Vogel aufsteigen und sinken sah, niemals sah er den „morgigen Tag“. Denn der Vogel sieht nicht Gesichte – aber der morgige Tag wird nur im Geist gesehen; und der Vogel ist nicht von Träumen geplagt – aber der morgige Tag ist ein hartnäckiger Traum, der wiederkommt; und der Vogel ist nie unruhig – aber der morgige Tag ist die Unruhe jedes Tages. Und wenn der Vogel den weiten Weg in die Ferne fliegt, dann ist es ihm, als käme er am gleichen Tage an sein Ziel, am gleichen Tage, an dem er von Hause wegflog. Man reist mit der Eisenbahn so schnell, daß man am gleichen Tage zu einem fernen Ort kommt; aber der Vogel ist klüger und schneller, er fliegt viele, viele Tage und kommt am gleichen Tage an.
Für den Vogel gibt es kein Gestern und kein Morgen, er lebt nur einen Tag. Der Vogel kommt am gleichen Tag zu seinem fernen Bestimmungsort; der Christ ist am gleichen Tage, „heute“, im Himmel, wo sein Leben ist; der Heide kommt niemals von der Stelle. Der Vogel lebt nur einen Tag, so ist der morgige Tag für ihn nicht da; der Christ lebt ewig, so ist der morgige Tag für ihn nicht da; der Heide lebt nie, immer vom morgigen Tag daran gehindert zu leben. Der Vogel ist befreit von aller Angst; der Segen über dem Christen befreit ihn von aller Angst; die Bekümmernis des Heiden ist die Strafe für ihn: Selbstplager – keine Sünde straft so sich selbst wie Selbstplagerei.

Die Bekümmernis der Armut
Darum sollt ihr euch nicht bekümmern und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? –
Nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Wovon lebt der Vogel – denn wir wollen nun nicht über die Lilie reden, die lebt von der Luft, die hat es gut; aber wovon lebt der Vogel? …Der Vogel lebt von dem „täglichen Brot“, dieser himmlischen Nahrung, die nie verborgen ist, diesem ungeheuren Vorrat, der doch so wohl verwahrt ist, daß keiner ihn stehlen kann; denn nur das, was „zur Nacht verwahrt wird“, kann der Dieb stehlen; das, was am Tage verbraucht wird, kann keiner stehlen. Also das tägliche Brot, das ist des Vogels Nahrung. Das tägliche Brot ist der am knappsten zugemessene Vorrat, es ist gerade genug, aber auch nie mehr; es ist das Wenige, dessen die Armut bedarf. Aber so ist ja der Vogel arm? …Nein, der Vogel ist nicht arm. Seine Lage ist Armut, aber er hat nicht die Bekümmernis der Armut.

Die Bekümmernis des Überflusses
Darum sollt ihr euch nicht bekümmern und sagen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken?
Womit werden wir uns kleiden? –
Nach solchem allen trachten die Heiden.
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Wie lebt dann der Vogel? Ja, Gott ist es, der jeden Tag dem Vogel das bestimmte Maß zumißt: genug; aber es fällt dem Vogel auch nicht ein, daß er mehr habe oder haben wolle, daß er im Überfluß haben möchte. Was Gott jeden Tag gibt, das ist genug; aber der Vogel will auch nicht mehr oder weniger haben als genug. Das Maß, mit dem Gott jeden Tag dem Vogel zumißt, das gleiche Maß, wenn ich so sagen darf, hat der Vogel im Schnabel; er mißt mit demselben Maß wie Gott: er gibt dem Vogel „genug“, so mißt der Vogel und sagt: „Es ist genug“. Ob der kleine Vogel seinen Durst an einem Tautropfen stillt, der eben genug ist, oder ob er aus dem größten See trinkt, er nimmt gleich viel, er verlangt nicht, alles zu haben, was er sieht, nicht den ganzen See, weil er aus ihm trinkt, nicht den See mit sich zu nehmen, um so für das ganze Leben gesichert zu sein; ob der Vogel zur Zeit der Ernte zum reichsten Vorrat kommt, er weiß nicht, was Überfluß ist …; wenn man aber, selbst wenn man Überfluß besitzt, nicht weiß, was Überfluß ist, dann ist es unmöglich, daß Überfluß einem zur Bekümmernis werden kann. Wenn der Vogel gegessen und getrunken hat, fällt es ihm niemals ein zu denken, wo kann ich das nächste Mal etwas bekommen – deshalb ist der arme Vogel doch nicht arm;

Die Bekümmernis der Unschlüssigkeit, des Wankelmutes, der Trostlosigkeit
Niemand kann zwei Herren dienen – nach solchem allen trachten die Heiden
Diese Bekümmernis hat der Vogel nicht.
Es ist nicht Unschlüssigkeit, obwohl es danach aussehen könnte, wenn der Vogel hin und her fliegt; es ist genau das Entgegengesetzte; es ist ganz gewiß, daß es aus Freude geschieht; es ist nicht der unsichere Flug der Unschlüssigkeit, es ist der leichte Schwung völligen Gehorsams. Wohl wird es dem Vogel bald leid an seinem Aufenthaltsort, und er fliegt weit fort, aber das ist nicht Wankelmut, es ist genau das Entgegengesetzte, es ist der feste und bestimmte Beschluß vollkommenen Gehorsams; selten war vielleicht eines Menschen Beschluß so bestimmt und stand so fest. Wohl sieht man auch zuweilen einen Vogel, wie er dasitzt und den Schnabel hängen läßt; er kann Sorge haben, aber Trostlosigkeit ist es nicht; nie ist der gehorsame Vogel ohne Trost, und wesentlich ist sein Leben Sorglosigkeit, eben weil er nur einem Herrn dient, was da wieder sowohl dem Vogel wie dem Menschen zum Besten dient, ihn frei zu machen von trostloser Sorge. Wie sind nun die Lilie und der Vogel Lehrmeister? Ganz einfach. Der Vogel und die Lilie dienen nur einem Herrn und, was das gleiche ist, dienen ihm ganz: So sei du wie die Lilie und der Vogel, diene auch du nur einem Herrn, diene ihm von deinem ganzen Herzen, von deiner ganzen Seele und aus aller deiner Kraft, dann bist auch du ohne Sorge.

FÜR DICH!
von Søren Kierkegaard
Die Sonne scheint für dich – deinetwegen; und wenn sie müde wird, beginnt der Mond, und dann werden die Sterne angezündet. Es wird Winter, die ganze Schöpfung verkleidet sich, spielt Verstecken, um dich zu vergnügen. Es wird Frühling; Vögel schwärmen herbei, dich zu erfreuen; das Grün sprießt, der Wald wächst schön und steht da wie eine Braut, um dir Freude zu schenken. Es wird Herbst, die Vögel zieh‘n fort, nicht weil sie sich rar machen wollen, nein, nur damit du ihrer nicht überdrüssig würdest. Der Wald legt seinen Schmuck ab, nur um im nächsten Jahr neu zu erstehen, dich zu erfreuen…. All das sollte nichts sein, worüber du dich freuen kannst? Lerne von der Lilie und lerne vom Vogel, deinen Lehrern: zu sein heißt: für heute dasein – das ist Freude. Lilie und Vogel sind unsere Lehrer der Freude. Søren Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller
Quelle: Aphorismen.de

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