Ulrich Duchrow

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Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise

Die Jüngerschaft Jesu als konkretes Gegenmodell zur Herrschaftsstruktur der Welt. Wirtschaften im Dienst des Lebens!

ULRICH DUCHROW Leben ist mehr als Kapital
So wird im Vaterunser grundsätzlich gebetet: „Und vergib uns unsere Schulden, so wie wir denen die Schulden erlassen haben, die uns etwas schulden“. In Lk 4,1ff. knüpft Jesus an die Weissagung der kommenden Realität des Erlassjahres in Jesaja, Kapitel 61 an. Dann fährt er aber fort: Mit meinem Kommen ist diese Hoffnung heute Wirklichkeit geworden, das heißt, an jedem Tag können nun die Regeln des Erlassjahres gelten. Auch die Geschichte, die wir normalerweise romantisierend die Geschichte vom „reichen Jüngling“ nennen, steht in der Tradition der Propheten und der Tora. Es ist nämlich ein Großgrundbesitzer, der zu ihm kommt und ihn fragt, wie er das ewige Leben erlangen könne („er hatte viele Güter“ Mk 10,17-22). Jesus antwortet einerseits, indem er auf den Dekalog verweist, wie er im Deuteronomium überliefert ist. Das ist nicht zufällig. Denn wir wissen dass die Zehn Gebote des Dekalogs genau in dem Zusammenhang entwickelt wurden. Er richtet sich im Namen Jahwes, der das Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat, an die freien Bauern und warnt sie, ihre Freiheit nicht dadurch zu verspielen, dass sie unter anderem mit verschiedenen legalen und illegalen Mechanismen versuchen, ihren Brüdern und deren Familien Eigentum an Land und Freiheit zu nehmen. „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Hof, Feld und alles, was sein ist“ sprechen eine klare Sprache. Jesus verschärft aber seine Antwort bereits dadurch, dass er hinzufügt: „Du sollst nicht rauben“. Dieses Detail des Textes wird meistens übersehen. Es zeigt aber eindeutig, dass Jesus hier auf die Propheten anspielt, die den Mechanismus von Eigentum-Zins-Verpfändung-Schuldsklaverei als Raub bezeichnen. Jesus signalisiert dem reichen Grundbesitzer also, dass es um dieses Problem geht. Der aber versteht nicht und behauptet, er hab dies alles gehalten. Darauf sagt ihm Jesus, dann fehle ihm, dass er alle seine (geraubten) Güter verkaufe und den Erlös den Armen gebe. Normalerweise wird dies als Aufforderung zu karitativem Almosengeben verstanden. Nichts wäre falscher. Es geht um das Zurückgeben des nicht einfach aus individueller Bosheit, sondern mit Hilfe gesellschaftlicher Mechanismen Geraubten. Das wird mit einer positiven Gegengeschichte deutlich, der Umkehr des reichen Zollpächters Zachäus (Lk 19,1-10). Dieser gibt durch die Begegnung mit Jesus sowohl ein Gutteil seines Vermögens den Armen, aber darüber hinaus denen, die er mit Hilfe des Zollpachtsystems beraubt hat, das Vierfache des Geraubten zurück.
Das Thema des systematischen Raubs spielt auch die entscheidenden Rolle in Jesu prophetischer Konfrontation mit dem Tempel (Mk 11,15-19). Hier geht es um die zentrale Frage: Welcher Gott regiert? Der Gott, der die Verarmung durch Strukturen der Ausbeutung legitimiert? Oder der biblische Gott, der die Armen schützt und befreit und der Gerechtigkeit, nicht Opfer fordert. Dieser schon seit Amos und Hosea bei den Propheten immer wieder auftauchende Konflikt wird von Jesus radikal zugespitzt. Er geht gezielt gegen alle Akteure in dieser Räuberhöhle vor. Zunächst geht er gegen die vor, die die Armen mit Hilfe des Geldsystems schädigen. Sodann gegen die, die am Tauschsystem des Marktes verdienen (die Tauben, mit denen sie handeln, sind die Opfertiere der Armen). Schließlich bringt er das ganze Opfersystem zum Erliegen. Mit ihm häuft die Priesteraristokratie, die mit der Besatzungsmacht Rom kollaboriert, ihren Tempelschatz auf. Der Evangelist Johannes (Joh 2,14-16) geht noch weiter als Markus. Nach ihm bezeichnet Jesus nämlich den Tempel nicht nur als „Räuberhöhle“, sondern als „Kaufhaus“, „Markt“. Das Haus Gottes wird dem Wertgesetz des Marktes unterworfen. Hier gelten die eisernen Regeln der höchsten, in Geld gemessenen Rendite für die, die mit ihrem Eigentum produzieren, handeln und verzinsliche Kredite verleihen – ohne Rücksicht auf das konkrete Leben der von Gott geschaffenen Kreaturen. Es nimmt nicht wunder, dass die Profiteure des Systems diese prophetische Symbolhandlung Jesu als Anlass nehmen, seinen Tod zu planen. Aber gerade in Jesu Bereitschaft, sein Leben für die Gerechtigkeit des Reiches Gottes zu wagen, gibt er Zeugnis davon, dass er keinem Gott dient, der Opfer von den Menschen verlangt, um damit seine „Diener“ zu bereichern, sondern einem Gott, dessen Boten bis zur Selbstaufgabe für das konkrete Leben und die Freiheit der Menschen kämpfen. Zusammenfassend formuliert Jesus die Zentralfrage in dem Spruch: „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren. Wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, wird es gewinnen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre doch dabei sein Leben“ (Mk 8,35f.). Im Kern geht es hier um das Gleiche wie bei Aristoteles: Grenzenloses Streben nach Reichtum, ermöglicht durch die Eigentumsgeldwirtschaft, ist die Illusion, sein Leben auf Dauer gewinnen zu können. Die unbeabsichtigte reale Folge aber ist der Tod. Umgekehrt führt die Absage an den Nutzenkalkül um des Reiches Gottes willen zum Leben. Die frühe Christenheit ist Jesus auf diesem Weg gefolgt. Der klassische Text ist die Apostelgeschichte 4,32-35. Die Gemeinde teilt freiwillig das Eigentum. Genau heißt es: Diejenigen, die Grundbesitz und Häuser hatten, verkauften sie und legten den Erlös zu der Apostel Füße. Diese Formulierung kann kein Zufall sein. Denn gerade die Akkumulation von Landbesitz und Häusern war seit Micha und Jesaja als strukturelle Ursache der Verarmung der bäuerlichen Bevölkerung angeprangert worden… Und dieser Ausgleich des Eigentums wird ausdrücklich als Erfüllung der deuteronomischen Tora dargestellt, indem der Text fortfährt: Unter ihnen gab es keine Armen (vgl. Dtn 15,4). Gleichzeitig aber wird gesagt: Dadurch wird Zeugnis von der Auferstehung Jesu abgelegt. Das heißt, dadurch ist Jesus unter ihnen lebendig, dass sie ihr Eigentum nicht als das Ihre zur Maximierung ihres eigenen Gewinns und zur Akkumulation ihres Eigentums einsetzen, sondern dazu, dass die Gemeinschaft so miteinander leben kann, dass es keine Not unter ihnen gibt. Jesu Auferstehung bedeutet -wirtschaftlich gesehen- Leben in Gemeinschaft ohne Not. Das ist die Erfüllung dessen, worauf die Gesetze und die Propheten des Ersten Testaments zielten.

Auch Jesus und die Urgemeinde hatten nicht nur mit dem Eindringen der griechisch-römischen Eigentumswirtschaft in die abhängige judäische Gesellschaft zu tun, sondern auch mit dem Imperium und seinen Wirtschaftsstrukturen direkt und kannten deshalb auch die Option des Widerstands, unter anderem in Form von Boykott. So ruft Jesus in der oft missverstandenen Geschichte von der römischen Münze mit dem Götzenbild des Kaisers zum Boykott der römischen Währung auf (Mk 12,13ff.). So waren die Christen nach der Offenbarung Johannes vom Markt (Kaufen und Verkaufen) ausgeschlossen, weil sie nicht das „Zeichen des Tieres“ aus dem Abgrund (die absolute Herrschaft Roms mit dem „göttlichen“ Kaiser an der Spitze) auf ihrer Stirn zu tragen bereit waren (vgl. Offb 13,17). Nicht alle Gemeinden konnten diesen enormen Druck aushalten und den Versuchungen des Imperiums widerstehen. Insbesondere reiche Gemeinden passten sich deshalb ganz oder teilweise an (vgl. 2-3). Die bis in den Märtyrertod Treuen konnten hingegen durchhalten in der Gewissheit, dass das Imperium und seine Wirtschaft fallen würden (18), um dem Leben, Gottes Wohnen unter den Menschen in Gerechtigkeit und Frieden, Platz zu machen. Das beginnt jetzt im Kleinen. Als zum Beispiel die 5000 Menschen um Jesu versammelt sind und Hunger bekommen, wollen die Jünger zum Markt gehen und einkaufen (Mk 6,30-44). Jesus fragt stattdessen: Was haben die Leute bei sich? Und als dies unter alle verteilt wird, reicht es. Diese Geschichte hat symbolische Wirkung. Wenn die konkreten Menschen in einer Gemeinschaft ihre Möglichkeiten nutzen und von der Perspektive der Lebensnotwendigkeiten her zusammenarbeiten und teilen, bestehen mitten in einem von Eigentum, Geld und Markt sowie politischer Unterdrückung gekennzeichneten System alternative Möglichkeiten. Dabei werden die Menschen von Opfern zu Subjekten. Die Evangelien sind voll von solchen Geschichten, in denen Jesus Menschen ermächtigt, von Opfern zu Subjekten zu werden: „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt er zu ihnen.
Die frühe Christenheit hat sich genau durch solche ermutigenden Zellen des Lebens im ganzen Römischen Reich ausgebreitet. Denn die unterdrückten und ausgebeuteten Menschen fühlten sich angezogen von diesen neuen Möglichkeiten des solidarischen Lebens. Ich nenne das Mission durch Attraktion (im Unterschied zu der späteren perversen Form von imperialer Ausbreitung des Christentums).

Bibel und griechische Philosophie (nicht nur Aristoteles, sondern auch Platon mit seinem Plädoyer für Gemeineigentum in den Klassen der Wächter und Krieger) stehen gemeinsam hinter der differenzierten Lehre der Kirchenväter über das Privateigentum. Diese akzentuieren unterschiedlich – die beiden Pole sind der radikale Chrysostomos auf der einen und der den Reichen gegenüber relativ freundliche Klemens von Alexandrien auf der anderen Seite. Sie haben aber doch einige klare gemeinsame Anschauungen:
1.Die Akkumulation von Eigentum ist Habgier, schwerste Sünde
„Warum, sage mir, peinigst du dich …jeden Tag, um dir reichere Schätze aufzuhäufen, als es Sand gibt, Acker, Häuser und Bäder zu kaufen, dies häufig sogar durch Raub und Habsucht an dich zu reißen und so das Wort des Propheten zu erfüllen: ´Wehe denen, die Häuser an Häuser fügen und Acker um Acker an sich reißen vom Besitz ihrer Nachbarn!´ (Jes.5,8) und ´Es ist etwas Entsetzliches um die Habsucht …Jeder, der sich dessen schuldig macht, soll aus der Kirche ausgeschlossen werden“. 2.Genießt man die Güter allein, so verliert man sie, man schadet sowohl dem sozialen Ganzen wie sich selbst. Entscheidend ist hier der Gedanke der Nutznießung: Da alles Gott gehört, sind wir nur Nutznießer der vorhandenen Güter, und Privateigentum im strikten rechtlichen Sinne des exklusiven Verfügungsrechts kann es gar nicht geben, da das Verfügungsrecht eingeschränkt, wenn nicht aufgehoben ist durch die normative Verwendungspflicht: „Alles gehört Gott …Weißt du nicht, dass wir zur Rechenschaft gezogen werden, wenn wir einen schlechten Gebrauch davon machen? Weil es uns nicht gehört, sondern dem Herrn, sind wir verpflichtet, es den Mitknechten zuzuwenden …“ 3.Das heißt, wenn überhaupt in dieser von der Sünde geprägten Welt Privateigentum – im Paradies und damit im originalen Naturrecht war alles Gemeineigentum-, dann muss jedenfalls der Gebrauch gemeinsam sein. Das heißt also, dass die Kirchenväter im Prinzip den biblischen Ansatz festgehalten haben: Was nicht ohnehin Gemeineigentum ist, sollte, wenn überhaupt, so Privateigentum relativen Rechts sein, dass es dem Nutzen aller zugute kommt. Auf keinen Fall darf es zur privaten Reichtumsakkumulation missbraucht werden. Auch Thomas von Aquin, obwohl oft zur Legitimation kapitalistischen Privateigentums missbraucht, kennt nur ein Naturrecht auf Nutzung: „Folglich leitet Thomas auch kein spezifisches Eigentum ab, sondern bloß eine Methode seiner Bestimmung: Jenes Eigentum wird als gültig abgeleitet, welches in der Lage ist, das Recht aller auf Nutzung der irdischen Güter wirksam zu sichern. Das ist eine Methode, kein Ergebnis. Das ist tatsächlich eine Methode, die das Eigentumssystem dem Recht auf Nutzung unterordnet und ersteres allein als Vermittlung dieses grundlegenden Rechtes bejaht. Kein Eigentumssystem hat nach Thomas aus sich heraus irgendeine Gültigkeit – Legitimität -, sondern er leitet seine Gültigkeit vom Recht auf Nutzung ab … Thomas kennt also nur ein Naturrecht auf Nutzung, aber kein Naturrecht auf Privateigentum.“ Ebenso vertritt Martin Luther, an der Schwelle des Frühkapitalismus, mit aller Schärfe den Nutzungscharakter des Eigentums gegenüber den großen Handels – und Kapitalgesellschaften wie den Fuggern. Er bekämpft vor allem den Zinseszinsmechanismus und geißelt die Reichtumsakkumulation als Raub und Götzendienst.

Ulrich Duchrow Alternativen zur kapitalistischen Weltwirtschaft
Und seine „Bergpredigt“, also die Neufassung der Thora Israels für das alternative Leben der Kontrastgesellschaft, sagt er seinen JüngerInnen in dem Verständnis: „Ihr seid das Salz der Erde …Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben … Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz (die Thora) und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,13ff.).
Das Kommen des Reiches, das Jesus ankündigt und selbst ausbreitet, vollzieht sich, wie er es in seinen Gleichnissen in Mt13 andeutet: Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig (33); Samenkörner werden ausgestreut und wachsen (1 ff.); Unkraut unter dem Weizen soll man noch nicht ausreißen (24ff.); das kleine Senfkorn wird zu einem großen Baum (31f.). Das Medium der Ausbreitung, der Sauerteig, das Salz, das Licht, die Stadt auf dem Berge sind die entstehenden JüngerInnengruppen. G. Theißen hat in einem Aufsatz zum Gruppenmessianismus nachgewiesen, dass Jesu Messianität darin besteht, daß er seine JüngerInnen an der Messianität teilnehmen läßt. Sie sind als Gruppe Träger der Gottesherrschaft: „Jesus verkündigte sie nicht nur, er verwirklichte sie nicht nur durch sein Handeln, er sprach darüber hinaus auch seinen Jüngern eine hoheitliche Stellung in dieser Gottesherrschaft zu. Sie waren ihre Träger. Sie partizipieren an seiner Messianität …Sie wird in der Jesusüberlieferung nicht mehr Israel im Gegensatz zu den Heiden zugesprochen, sondern am Rand stehenden Gruppen in Israel: den Armen, Kindern und Nachfolgern Jesu. Zöllner und Prostituierte stehen ihr näher als die Frommen.“ Damit ist gleichzeitig gesagt, dass – ebenfalls wie in der uralten Tradition Israels – das neue Befreiungshandeln Gottes und der Aufbau der alternativen Gesellschaft bei den Ausgeschlossenen, den Verarmten, den Unterdrückten beginnt. Wie in Ägypten müssen sie zuerst von der Großmacht befreit werden: „Wenn ich durch Gottes Finger die Dämonen austreibe, so ist ja die Königsherrschaft Gottes zu euch gelangt“ (Lk 11,20). Wengst macht im Anschluß an Theißen darauf aufmerksam, dass Dämonenbesessenheit als Massenphänomen offenbar mit Unterdrückungssituationen zu tun hat. Von daher ist es sicher kein Zufall, dass sich ein ausgetriebener Dämon nach Mk 5,9 mit dem Namen der römischen Soldaten vorstellt: „Legion ist mein Name, denn wir sind viele“. Jesus befreit also die Menschen in der Unterdrückung von der Unterdrückung…“Er richtet die Ohnmächtigen auf und lebt mit ihnen eine Alternative zur bestehenden Ordnung“. Selbst aus armen Handwerkerverhältnissen im Randgebiet Galiläa kommend, lebt er bewußt unter den Armen und Ausgestoßenen. Ihnen gehört das Reich Gottes. „Selig seid ihr Armen; denn die Königsherrschaft Gottes ist euer“ (Lk 6,20).
Das Wort Evangelium, gute Nachricht, das wir heute unkonkret und verallgemeinernd benutzen, hat seinen eindeutigen Ursprung darin, dass Jesus von sich sagt, er müsse „den Armen gute Nachricht“ bringen… Es sind die ganzheitlich, also innerlich und äußerlich Armen im Galiläa des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung im ökonomischen, sozialen, politischen, religiösen, kulturellen und psychologischen Sinn. Luise Schottroff und Wolfgang Stegemann haben dies in ihrem grundlegenden Buch, Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen, umfassend dargelegt. Luise Schottroff hat mich auch in ihrem neuesten Buch davon überzeugt, dass das Armenevangelium nur dann wirklich verstanden und praktiziert wird, wenn jeweils die Frauen als die Ärmsten unter den Armen der Ausgangspunkt sind. Auch heute ist es im Weltreich des Weltmarktes so: In Süd, Ost, und Nord sind jeweils die Frauen die, die unter den zerstörerischen Folgen der Wirtschaft und der Wirtschafts-und Sozialpolitik am ersten und meisten leiden. Von daher ist die Frage des Patriarchats gleichursprünglich mit der Frage des Imperiums zu behandeln. Überzeugend hat sie auch an Mt 24,37-39/Lk 17,26-27.30 nachgewiesen, dass Jesus die Unbußfertigkeit (weiter so!), die das Neue des Reiches Gottes nicht annimmt, in den Strukturen der patriarchalen Familie verankert sieht. Trinken, essen, (ver)heiraten – das war es, was die Leute taten, bevor die Sintflut kam. So tun sie es heute, bevor die Katastrophe auf sie als Gericht zurückfällt, sagt Jesus. Es sind gerade die Frauen, die Gottes große Umgestaltung der Welt anlässlich der bevorstehenden Geburt des Messiaskindes Jesus verkündigen, Maria und Elisabeth: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,52). Dazu L. Schottroff: „Maria und Elisabeth verkünden prophetisch die Weltrevolution Gottes, seine Option für die Armen, die als Option für Maria und die Frauen beginnt: Sie ist ´gesegnet mitten unter den Frauen` (Lk 1,42).“ Und den Kindern gehört die Gottesherrschaft (Mk 10,14f.). In der gleichen einseitigen Tendenz ruft Jesus den Handarbeiterinnen und denen, die nicht wissen, wie sie sich und ihre Familie am nächsten Tag durchbringen sollen, zu: „Kommt her zu mir, ihr Arbeitenden und Belastenden“ (Mt 11,28). Und die Reichen? In den Wehe-Worten, die den Seligpreisungen bei Lukas hinzugefügt werden (6,24), wird den Reichen keine Drohung ausgesprochen und auch kein Bußruf gesagt. Es wird ihnen einfach ihre Zukunft vorausgesagt. „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in die Königsherrschaft Gottes eingeht“ (Mk 10,25). Das ist ebenfalls eine Feststellung. Klar ist: „Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letzten“ (Mt 20,16). Im Reich Gottes werden die gesellschaftlichen Verhältnisse umgekehrt. Das heißt aber nicht, dass Jesus verkrampft oder rachsüchtig reagiert, wenn Angehörige der Oberschicht zu ihm kommen. Besonders Lukas berichtet davon, dass es auch Reiche gibt, die umkehren (z.B. Kap.19, die Geschichte von Zachäus). Wenn sie dies tun, dann sind sie willkommen – als Letzte. Aber von unten baut sich die neue Gesellschaft in Gottes Nähe auf, als deutlicher Kontrast zur Realität des römischen Reiches. Wie soll denn die sozio-ökonomische Alternative konkret aussehen, die Jesus im Auge hat? Wir hatten ja schon gesehen, dass Jesus verschiedene Aspekte aus der Thora in Lk 4 aufnimmt: Schuldenerlaß, Sklavenbefreiung, Nichtdiskriminierung und Heilung der Kranken. In folgendem Text fasst Jesus das zu dem einen Begriff zusammen: gegenseitiger Dienst. „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. So ist es unter euch nicht, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“
Einerseits fasst dieses Wort Jesu polit-ökonomische Analyse zusammen: Rom und seine Helfershelfer der Oberschicht im Zentrum und der Peripherie Palästina repräsentieren nichts anderes als Unterdrückung und gewaltsame Ausbeutung. Diese klare Aussage ist selbst befreiend. Sie schafft Distanz. Sie entzieht dem System jegliche Legitimation. Sie entideologisiert es. Die ganze Pax Romana: nur Unterdrückung und Ausbeutung. Da ist nichts zu zähmen, nichts zu transformieren. Andererseits beginnt unter euch die Alternative: gegenseitiger Dienst. L. Schottroff hat nachgewiesen, daß diakonein, insofern es mit Tischdienst zu tun hat, die Versorgungsdienste meint, die eben nur von Sklaven und Frauen, nicht aber von freien Männern in der Rollenverteilung des Patriarchats gemacht werden. Hier wird nun das Dienen – fern davon, karitative Diakonie zu meinen – als konkretes gesellschaftliches Gegenmodell verstanden, in dem Ausbeutung und unterdrückende Herrschaft abgeschafft sind. Im Haus sind alle wie Geschwister. Auch die patriarchalische Struktur des Hauses wird noch transformiert. „Hier ist prinzipielle Gleichheit vorausgesetzt, die aber ihre Lebendigkeit im gegenseitigen Dienst hat. Die Jüngerschaft Jesu bildet ein konkretes Gegenmodell zur Herrschaftsstruktur der Welt.“ (Wengst). Das würde bedeuten, dass Liebe bei Jesus im sozio-ökonomischen Sinn eben diese Geschwisterlichkeit meint, mit der im Haus und zwischen den Häusern eine völlig gleich berechtigte Zusammenarbeit im gegenseitigen Dienst geschieht. Der Begriff „Sklave aller“ bedeutet ja, dass die Geschwisterlichkeit, Gegenseitigkeit und Solidarität nicht an den Grenzen des patriarchalen Hauses haltmacht. „Denn auch der Menschliche ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen …“ (Mk10,45) Die Evangelien sind voll von Erzählungen zu diesem Motiv. Besonders sprechend ist die Fußwaschung Jesu an den Jüngern vor dem letzten gemeinsamen Mahl. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind Kern der Geschwisterlichkeit, hier ebenfalls den patriarchalen Haushalt durchbrechend. Alle sind geladen. Auch das knüpft an die jährlichen freudevollen Festmähler aus Dtn 14 an. Reich Gottes als Festmahl, bei dem alle satt werden, ist nun nicht mehr reine universale Zukunft, sondern beginnt, ausgehend von Jesu befreiender und geschwisterlich machender Gegenwart unter denen, die am Rande stehen und hungrig sind – durch Teilen und gegenseitigen Dienst. Insofern ist das Abendmahl in der christlichen Gemeinde, wenn es mit realem Teilen verbunden ist, wirklich Kern des Reiches Gottes, das Jesus bringt. Im Reich Gottes zählt die Befriedigung der Grundbedürfnisse: Essen, trinken, sich kleiden, Wohnung haben, geheilt werden, Freiheit haben. Ob die Menschen dazu den „Geringsten“ verholfen haben – danach wird „der Menschliche“ bei der endgültigen Vollendung des Reiches Gottes fragen und urteilen (Mt 25.31ff). Das setzt voraus, dass Jesus im produktiven Bereich einfach von der alten jüdischen Tradition der bäuerlich-handwerklichen Selbstversorgungswirtschaft ausgeht. Dem entspricht seine radikale Ablehnung der „Schätze sammelnden“ Geldvermehrungswirtschaft des hellenistisch-römischen Systems. Er nennt sie „Mammon“: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24). Die Armen brauchen sich nicht zu sorgen. Denn wenn sie am Reich Gottes und seiner geschwisterlich teilenden Gerechtigkeit teilnehmen, haben sie keinen Mangel, ja es fällt ihnen Essen, Trinken, Kleidung und alles andere zu (Mt 6,33). Ironischerweise besagt gerade der Text, der immer als Anpassungsformel Jesu an das polit-ökonomische System des Kaiserreichs missbraucht wurde, dass die JüngerInnen Jesu in der Frage nach der Kaisersteuer Münz -und Währungsverweigerung durchführen sollen („Zinsgroschenerzählung“; Mk12,13-17). Jesus lässt sich eine Münze geben – er hat also keine bei sich. Er zeigt auf das Bild des Kaisers auf der Münze – also gehört sie dem Kaiser und sollte an ihn zurückgegeben werden. Ihr aber, ihr Menschen, wessen Bild tragt ihr? Gottes – also gebt euch selbst Gott. Kein friedlich-schiedliches Teilen der Existenz zwischen Kaisersystem und Gottesreich. Auch das gesamte Tempelsteuer -und Tempelwirtschaftssystem lehnt Jesus ab, weil es nur die Armen ausbeutet und den Tempel zu einer Räuberhöhle macht. In einer Symbolhandlung stört er den ganzen Tempelbetrieb in der sog. Tempelreinigung (Mk 11,15ff). „Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren.“

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