Mystik und Widerstand

Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen, Mt 5,8
Mystik

In lumine tuo videbimus lumen.
In deinem Licht sehen wir das Licht.
Psalm 36,10

Dorothee Sölle: Wählt das Leben
Ich möchte mit einem amerikanischen Gesangbuchlied schließen, einem Zeugnis der Frömmigkeit aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts, das in sehr einfachen Worten eine christliche Grunderfahrung nennt. Wie individualistisch die auch immer gemeint war,
als Christen haben wir die Freiheit und das Recht, als Co-Autoren der Tradition aufzutreten und den alten Text uns anzueignen:

At the cross, at the cross
where I first saw the light
and the burden of my heart rolled away
it was there by faith
I received my light
and now I am happy all the day.

Es ist am Kreuz, wo wir das Licht zuerst sehen, nicht wenn wir geboren werden oder wenn wir das Meer oder die Sterne zum ersten Mal anschauen. Es ist am Kreuz, in der Mitte des Kampfes, wo wir das Licht erfahren und frei von unseren Ängsten werden.
Die Last der Sünde, unsere Machtlosigkeit in der Entfremdung rollt von unserem Herzen;
dort am Kreuz, wo Liebe gegen Gewalt kämpft, empfangen wir die Perspektive für
unser Leben.
Wir lernen uns als Kämpfende und als Leidende anzunehmen, das Licht ist bei uns.

»Sie (die Liebe zu Gott) kann nicht von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig gemacht werden. Das ›do-ut-des‹-Prinzip (›ich gebe, damit du gibst‹) hat hier nichts zu suchen, der ›Geist der Kaufmannschaft‹, wie Meister Eckart es nennt, ist hier ausgeschlossen; für die Liebe zu Gott – und nichts anderes ist die totale Bejahung der Wirklichkeit –
gilt vielleicht eher der Satz des leichten Mädchens Philine aus Goethes Wilhelm Meister:
›Dass ich dich liebe, was geht’s dich an!‹«

»Die Geschichte der Mystik ist eine Geschichte der Gottesliebe. Sie kann ich nicht konzipieren ohne politische, weltbezogene, praxisorientierte Realisierung.« (S. 33)

Ihre Enkelkinder erinnert sie in einem Brief an die zwecklosen Schönheiten:
»Das Schöne zieht uns zu Gott, bringt uns in einen Zustand, der mit Kaufen und Verkaufen nichts zu tun hat, aber mit Staunen und Stillwerden, mit Sich-Wundern und vielleicht Summen, mit Sich-Vergessen und mit Glück. Siehe da! Toll! Halleluja! Ich bin ein Teil des großen, wunderbaren Ganzen, das wir ›Schöpfung‹ nennen. Vergesst das nicht, es kann sich an ganz gewöhnlichen Dingen entzünden, an einer Pfütze am Straßenrand oder an einem Kieselstein, der rötlich glänzt. Ich wünsche euch jedenfalls viele Kieselsteine, immer wieder. Das Leben ist schön und es schadet euch gar nichts, ein paar olle Kirchenlieder zu lernen, die aus nichts anderem bestehen als aus diesem Singen und Loben, ohne Zweck und bloß so: ›Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön.‹ Da fordert eine Seele die
andere, die etwas traurig oder tranig herumhockt, auf, doch mitzusingen, mit dem sprudelnden Wasser und dem Flieder, der gerade anfängt zu blühen.«

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden. Franz Kafka

Vorwort: Ein Gespräch
»Was ist herrlicher als Gold?« fragte der König.
»Das Licht«, antwortete die Schlange.
»Was ist erquicklicher als Licht?« fragte jener.
»Das Gespräch«, antwortete diese.
Goethe, Das Märchen

F.: Ich komme noch einmal auf meine Mutter zurück. Ich glaube, dass sie sich jeden Satz der neutestamentlichen Tradition als Brot aneignen kann, von dem man in einem normalen und geplagten Leben existieren kann. Was aber soll sie mit den religiösen Sonderkünsten eines Jacob Böhme oder eines Johannes vom Kreuz anfangen?! Das Evangelium selber hat es doch eher mit einfachen und einsichtigen Wünschen der Menschen zu tun: dass eine gesund ist und nicht am Leben verzweifeln muss; dass einer sehen und hören kann; dass er einmal ohne Tränen leben kann und dass sie einen Namen hat. Es geht doch nicht um spirituelle Artistik, sondern um die einfache Möglichkeit des Lebens.

D.: Geht es nicht den Mystikern genau um dieses Brot des Lebens? Die Schwierigkeit scheint mir die zu sein, dass die Menschen, auch deine Mutter, ganz sicher aber ihre Kinder und Enkel, eben nicht einfach dem Evangelium gegenüberstehen.
Es ist doch entstellt, korrumpiert, zerstört, längst zu Stein geworden. Die Mystik hat den Menschen, die von ihr ergriffen waren, gegen mächtige, erstarrte, gesellschaftskonforme Institutionen geholfen, und sie tut es – zugegeben, auf oft sehr verquere Weise – auch heute. Spirituelle Artistik, wie du es nennst, mag hereinspielen, aber das Essentielle ist etwas ganz anderes. Ich bin an einem Abend zu deiner Mutter ins Zimmer getreten, ohne anzuklopfen. Da saß die alte Frau mit gefalteten Händen, ohne Handarbeit!, auf ihrem Stuhl.
Ich weiß nicht, ob man das, was sie tat, »beten« oder »nachsinnen« nennen soll. Aber es war ein großer Friede bei ihr. Den möchte ich verteilen gehen.

D.: Mit mein wichtigstes Interesse ist gerade, die Mystik zu demokratisieren. Damit meine ich, die mystische Empfindlichkeit, die in uns allen steckt, wieder zuzulassen, sie auszugraben aus dem Schutt der Trivialität. Aus der Selbsttrivialisierung, wenn du so willst.
Eine ältere Frau in New York hat mir von einer Begegnung mit einem Guru erzählt. Als sie ihrem schwarzen Pfarrer darüber berichtete, stellte der nur eine Frage – und die möchte ich auch stellen: »Hat er euch denn nicht gesagt, dass wir alle Mystiker sind?«

F.: »… dass wir alle Mystiker sind.« Dieser Satz ist ja nicht eine Feststellung, sondern
eine Forderung ans Leben! Es soll kein Mensch nur sein Leben fristen, es soll kein Mensch sich erschöpfen im reinen Überleben. Jeder soll der Wahrheit nahekommen dürfen.
Für jeden Menschen soll es Orte der Absichtslosigkeit geben; die Schau; die Wahrnehmung der Lebensschönheit; die fruitio (der Genuss Gottes).
»Wir sind alle Mystiker!« Der Satz enthält das Menschenrecht auf Schönheit und Schau. Gibt es so etwas wie das Menschenrecht auf die Schau Gottes?
Auf einem Umweg sind wir da bei deinem zweiten Begriff: Widerstand.
Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Lebenswahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, das gehört zur Mystik. Gott zersplittert zu finden in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker.
Der Widerstand von Franziskus oder Elisabeth von Thüringen oder von Martin Luther King wächst aus der Wahrnehmung der Schönheit.
Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.

Welches Christentum hat Zukunft?
Gottes Zukunft ist glaubbar nur in der Erfahrung von Gottes Gegenwart. Nur wenn wir die Gegenwart Gottes erfahren, können wir auch um die Zukunft Gottes beten oder von ihr träumen. Nur dann können wir diesen Unterschied von Utopie und Religion aufheben. Wenn es uns gelingt, wieder eine Mystik der Gegenwart Gottes mitzuteilen, eine Mystik, die zugleich den Widerstand, die Revolution Gottes enthält, nur dann können wir ernsthaft von der Zukunft Gottes sprechen.

 

Gaus: Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?
Sölle: Wissen Sie, eine Kinderfrage, die derjenige, der in dem Sinn lebt, nicht mehr stellt.
Gaus: Was ist Ihr Sinn?
Sölle: Ich könnte es vielleicht so sagen, daß der Mensch am anderen Menschen nicht mehr die Begrenzung, sondern seinen Reichtum erfährt, daß er im anderen nicht mehr seinen Feind, seinen Konkurrenten, seinen Unterdrücker erlebt, sondern seinen Freund, seinen Bruder, das Reich der Liebe. Das zu bauen oder darin zu leben, das ist der Sinn.
Einen anderen Sinn außer der Liebe gibt es nicht.
Gaus: Sie haben in den Mittelpunkt Ihrer Theologie, wenn ich es recht nachgelesen habe, gestellt, nach dem Entwurf Christi zu leben, das heißt, Christus zu nehmen
als einen Menschen, der menschliches Vorbild sein sollte.
Sölle: Ja.
Gaus: Was muß nach Ihrem Verständnis ein Mensch tun, heute in der Bundesrepublik,
der den Entwurf Christi leben soll?
Sölle: Ich glaube, daß er in diesem Sinn im Widerstand zu dieser Gesellschaft leben muß, daß er also nicht vollständig angepaßt sein kann, daß er nicht gesellschaftskonform leben kann, das heißt, daß er Kritik üben wird, protestieren wird, verändern wird an sehr vielen verschiedenen Stellen, je nachdem, wo er gerade ist, wie er zu arbeiten hat. Ich finde es sehr schwer, in der Bundesrepublik ein Christ zu sein, vielleicht schwerer als in anderen Zeiten.
Gaus: Warum?
Solle: Weil das eine Gesellschaft ist, deren wesentliche und erklärte Ziele den Menschen eigentlich töten; denn die wesentlichen und erklärten Ziele sind Verdienen, sind Produzieren und Konsumieren. Es ist das, was diese Gesellschaft den Menschen, die hier leben, anbietet und ihnen ununterbrochen einimpft. Jedem sein Eigenheim etwa, oder jedem seine passive Rolle im Konsumieren und auch im Produzieren, in der er selbst seine eigene Vorstellung kaum durchsetzen kann. Anpassung, Zurücknahme, das ist ein Klima, in dem der christliche Widerstand sich sehr schwer artikuliert, viel schwieriger etwa als in der Zeit des Nationalsozialismus, wo der Gegner viel eindeutiger war, viel deklarierter oder maskenloser, während in unserer Gesellschaft der Gegner oder das Böse im System so versteckt ist, daß es sehr vielen Leuten kaum auffällt.

Ich glaube also nicht an die Art von Vergebung, die von oben kommt, ich möchte hier unten gern vergeben bekommen, und wenn das nicht geht, dann soll dieser Gott seine Vergebung für sich behalten. Aber der Gott, den die Bibel meint, ist auch nicht »der-Gott-da-oben«, der alles, was wir versiebt haben, in Ordnung bringt. Was er uns anbietet, ist nicht diese billige Tour, uns mit ihm zu arrangieren. Ein jüdischer Lehrer hat einmal gesagt:
»Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! -, die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut« (Rabbi Bunam, in: M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 1949, 755). Umkehr ist vielleicht ein klareres Wort für Vergebung. Daß mein Leben trotz der Sünde, in der ich bin, Sinn hat, das kann sich nur in Umkehr erweisen. Tatsächlich ist es so, daß wir, um Vergebung der Sünden zu erfahren, eine Gruppe von Menschen brauchen, die uns den Wiederanfang ermöglicht, oder zumindest Partner, Mann oder Frau oder Freunde, die uns annehmen, wie wir sind, die uns unsere Reue glauben und die uns Umkehr zutrauen. In der alten Kirche war dieser soziale Ort der Vergebung die christliche Gemeinde, die den einzelnen kritisierte und freisprach. Die beiden Menschen, von denen ich zu Anfang erzählte, waren ziemlich allein. Gerade aber das bedeutet, daß sie keine Chance der Umkehr hatten und deswegen der Vergebung, die ihnen zum Beispiel ein Pfarrer zusprechen konnte, nicht gewiß wurden. Ihr Bewußtsein von Sünde war ernsthafter, als daß es in unseren unverbindlichen Formen kirchlichen Lebens hätte aufgearbeitet werden können. Umkehr ist mehr als Vergebung, weil sie die Zunkunft einbezieht. Umkehr ist, glaube ich, das einzige, was auch den Toten noch imponiert. SIe sind dann wenigstens nicht umsonst gestorben. Sie haben etwas davon, wenn das, woran sie krepierten, nicht wieder vorkommt. Umkehr ist ein neues Herz bekommen und noch einmal probieren dürfen. Das kann ich mir nicht allein besorgen oder machen, dazu brauche ich andere Menschen – und wenn es einen Sinn hat, von Gott zu sprechen, dann niemals außerhalb unserer Welt, dann niemals hinter dem Rücken anderer Menschen. Gott will nicht, daß wir die Welt verlassen und einfach zu ihm laufen wie ein Kind zu seinem Vater. Er will den großen Umweg von uns und die Umkehr die wir »in jedem Augenblick tun können«, wenn wir sie miteinander tun. Wie der Prophet sagt: »Und ich werde euch ein neues Herz geben und
einen neuen Geist in euer Inneres geben, euer steinernes Herz wegnehmen und euch ein Herz von Fleisch geben« (HesekieI 36,26). Amen.

!! Stellen wir unser feiges, überbezahltes, kirchliches und staatliches Personal permanent zur Rede…reden wir Tacheless mit ihnen…fordern wir – wo immer sie in ihren WohlFühlOasen herum-repräsentieren – Rechenschaft ein für ihr schändliches Treiben…fragen wir wie Willy Wimmer den Vorsitzenden der Katholischen Bischofskonferenz Marx:
„Wo bleiben ihre persönlichen Worte gegen die völkerrechts-widrigen Kriege der NATO?“ …was soll ich davon halten, dass Sie als Gast bei der zu einer jährlichen Kriegskonferenz mutierten Münchener Sicherheits-konferenz für jeden Betrachter unübersehbar als Ehrengast anwesend sind und den dort auch jährlich versammelten deutschen, angelsächsischen und allgemein internationalen Kriegstreibern nicht die Leviten lesen für ihr schändliches Tun? Wo waren Ihre persönlichen Worte oder die der von Ihnen vertretenen Deutschen Bischofskonferenz gegen die völkerrechtswidrigen Kriege der NATO seit dem ordinären Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im Jahre 1999 und die nachfolgenden Mordzüge von Afghanistan über den Irak, Syrien, Libyen bis hin zu anderen Staaten? Ganze Nachbarstaaten von uns wurden durch die amerikanische NATO-Führungsmacht unter den Präsidenten Clinton, Bush den Unsäglichen und Obama in die Steinzeit zurückgebombt. Und Ihr, verehrte Eminenz, Wort dagegen? Fehlanzeige und stattdessen Vollpräsenz unter den uns allen seit 1999 und dem Angriff auf eine europäische Stadt-Belgrad eben- sattsam bekannten Kriegstreibern in einem wohltemperierten Sitzungssaal. Man braucht sich nicht zu fragen, was man davon zu halten hat. Schon vorher kennt man die Antwort auf eine derartige Frage. Seit Jahrzehnten verläuft die Drogenroute zur Versorgung von Rotterdam und Tel Aviv aus dem Hafen von Buenos Aires über Westafrika nach Norden. Darüber wird heute der lukrative Transport von Menschen nach Norden vorgenommen………. Sie …wissen doch über Ihre Amtsbrüder aus Afrika am besten Bescheid über die verzweifelte Lage von Millionen Menschen in diesen geschundenen Agrargesellschaften, wo multinationale Konzerne Afrika regelrecht plündern und fremde Staaten sich die landwirtschaftliche Fläche unter den Nagel reißen. Den Menschen in Afrika wird jede Hoffnung genommen und diejenigen, die Ihnen helfen müssten, schweigen nachdrücklich. Wo waren die deutschen Bischöfe, als europäische Regierungen, darunter die von Bundeskanzlerin Dr. Merkel, für die Flüchtlingslager in Nah- und Mittelost die Finanzbeiträge zusammengestrichen haben und den Menschen die Alternative: Tod oder Migration nach Europa blieb?… Wo ist Ihre…Unterstützung der größten zivilisatorischen Errungenschaft des modernen Deutschland in der Form des „demokratischen Rechtsstaates“, der es Regierungen verbietet, sich über das Gesetz zu erheben? Es war doch nur ein Steinwurf entfernt von Ihrer Residenz, dass ein Ministerpräsident des Freistaates Bayern von einem „Unrechtsstaat“ gesprochen hat und ein ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht von einem „offenkundigen Rechtsbruch“, wenn die öffentlichen Berichte darüber zutreffend sein sollten. Wo ist Ihr Einwirken auf Ihre Amtsbrüder in den USA, die dortige Regierung von ihren mörderischen Kriegen seit Jahrzehnten abzuhalten und den Opfern amerikanischer Kriege wenigstens die Aufnahme als Flüchtlinge zu garantieren?!?!?“………. NachDenkSeiten

ter Steeg: «Haben Sie den Eindruck, dass die Kirchen in ihrer heutigen Entwicklung den
Bedürfnissen der Menschen nach religiöser Erfahrung entgegenkommen? »

Ja und nein. Einerseits, meine ich, sind die Kirchen geneigt, das religiöse Bedürfnis, das in der Jugend ja sehr stark ist, für sich auszunutzen, um die Leute wieder in die Kirche reinzubringen. Dagegen bin ich sehr skeptisch, vor allem dann, wenn dabei herauskommt,
was man dann das Rein-Religiöse oder das Nur-Religiöse nennt.

ter Steeg: «Nur Geborgenheit?»
Ja, nur Geborgenheit, nur jeder für sich. «Jesus liebt Dich»: ein blödsinniger Satz.
Als wenn Jesus da irgendwo im Himmel wäre und Dich und Dich und Dich liebte.
So’n Quatsch! Als wenn das nicht etwas zwischen uns wäre. Die Vorstellung ist ja,
das Religiöse sei eigentlich die letzte Krönung des bürgerlichen Individualismus.
In diesem Sinn ist das mit dem, was die Bibel religiös entwickelt hat, überhaupt nicht zu vereinen. Diese individualistische Selbstbefriedigung oder Selbstbestätigung hat jedenfalls mit der Religion von Jesaja oder Jesus nichts zu tun.
Da wird Religion dazu missbraucht, über die falschen Probleme zu sprechen. Man kann es sicher an den Kirchen am deutlichsten festmachen: Je intensiver die Kirchen über die Sexualität des Menschen reden, um so weniger reden sie über den Krieg; je mehr sie über die Sexualität, über das Schlafzimmer reden, um so weniger reden sie über den Hunger. Das sind ja doch Entscheidungen, die diese Menschen machen: Man kann nicht jederzeit über alles reden; man muss wissen, was man eigentlich will. Wenn das Hauptinteresse das Schlafzimmer wird – und gegenwärtig sieht es ja wieder so aus -, dann ist das eine Katastrophe für die Hungernden und für Menschen, die sich noch etwas anderes erwarten von der Kirche.

ter Steeg: «Man kann das Gewissen nicht mit allem belasten, meinen Sie?»
Ja, man muss Prioritäten setzen. Und die Priorität des Glaubens, also der Religion von Jesaja und Jesus, ist eine andere als diese klerikale Priorität. Bei Jesaja und Jesus findest du kein Wort über Sexualität und Kinderverhütung und so fort. Der ganze Ansatz ist so grundverkehrt, weil er nicht die Verbundenheit der Menschen miteinander in den Mittelpunkt stellt, sondern ein repressiv autoritäres System. Wobei ich die Kritik vieler Christen an einem sexuellen Konsumverhalten teile – ich will nicht dafür sprechen – das ist natürlich auch ein Unglück. Aber die Kirche Jesu Christi hat zu allererst die Aufgabe, über das, was real, ökonomisch, politisch, militärpolitisch in unserer Welt passiert, zu reden und das in den Gewissen und Herzen der Menschen zu verankern.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Biersteker: «In Ihrer späteren Arbeit sehen wir Ihren Respekt vor der Religion zurückkehren. Woher kommt das?»
Ich kann eigentlich nicht ein bestimmtes Ereignis nennen, wohl aber wurde mir innerhalb der kritischen linken Bewegung etwas kalt, wenn da eine Sprache gesprochen wurde, die nur sozio-ökonomische Analyse enthält, also eine sehr verkopfte Sprache, in die man eigentlich von sich selber und seinen Gefühlen sehr wenig einbringt. Und das haben viele Frauen auch an mir kritisiert – mit Recht. Und von da aus ist mir aufgefallen, dass diejenigen, die auch noch eine Religionssprache haben, reicher sind und sich viel besser ausdrücken können. Wir brauchen Bilder, um uns zu verständigen. Und daran ist mir klar geworden, dass Religion etwas ist wie Poesie oder Musik: man braucht es zum Leben nicht als etwas Nützliches; man kann ja auch ohne es leben, aber es ist ein Irrtum zu denken, dass das was nicht nützlich ist, nicht nötig sei, dass man also ohne das, was jetzt direkt nötig ist, leben könnte. Und so eine rationalistische Engführung
finde ich bei vielen, vor allem innerhalb der Linken.

Biersteker: «Diese Verlegenheit mit der Religion haben Sie mit einem Beispiel illustriert:
Da gibt es ein Gespräch unter Studenten, und einer gebraucht das Wort ,beten‘ – und da
genieren sich alle.»

Ja, es ist sicher ein Tabu, die Religion – so wie früher die Sexualität ein Tabu war.
Aber heute sind die Leute leicht bereit, über ihre sexuellen Erfahrungen zu sprechen –
ohne Angst oder doch ohne sehr viel Angst. Aber es ist fast unmöglich, so etwas zu sagen wie «ich habe gebetet» oder «ich hatte ein Bedürfnis danach, mit Gott in Kontakt zu sein».
Alles das ist sehr schwer auszusprechen; dazu gehört heutzutage sehr viel Mut.
Da steckt eine ganz grosse Angst, die auf dieser rationalistischen Einstellung beruht.

Biersteker: «1975 erschien ‚Die Hinreise‘. Viele waren tief beeindruckt, auch in Holland.
Aber es gab auch gute Freunde, die den Kopf schüttelten und sagten: ,Dorothee hat also die Hinreise angetreten. Werden wir sie je wiedersehen?‘ Bis dahin galten Sie als Aktivistin; jetzt aber sprechen Sie von Meditation – so dachte man damals.»

Ich meine jetzt, dass es ganz falsch, ganz blind ist, Leute, die politisch und sozial aktiv sind und die Welt für veränderbar halten, zu trennen von solchen, die meditieren.
Und dann zu sagen «entweder-oder»
: das finde ich tödlich und empfinde es als eine Männererfindung – eine vernünftige Frau kommt gar nicht auf so etwas Dummes. Es ist zu einfach zu denken, dass «Iutte et contemplation», wie Roger Schütz das immer nennt, auseinanderfallen müssen oder zwei Dinge sind. Das ist tödlich für beides.
Meditation oder Kontemplation ohne soziale Gerechtigkeit ist Religion im schlechten Sinn, wie Karl Barth sie kritisiert hat. Das ist eine schreckliche, abgehobene Religion, die gar nichts mit unseren wirklichen Problemen zu tun hat. Ich habe jetzt gerade auf dieser Vortragsreise durch England ein Muster von solcher sehr hohen Religion erlebt, in der man kaum auf die Erde herunterkommt. Da gibt es eine sehr schöne Liturgie, die ist wie ein Glaspalast, da gehst du hinein, hörst die schöne Musik, da ist alles so erhaben und fromm und ästhetisch wirklich sehr vollkommen, aber zugleich fehlt da etwas ganz Zentrales. Ich empfinde das fast als unmöglich: fromm zu sein in dieser Art – also völlig unberührt von dem, was wirklich vor sich geht. Aber auf der andern Seite finde ich auch, dass wenn man meint, die Sprache der Analyse sei genug und die Sprache des Gebets sei überflüssig, die Kontemplation sei überflüssig, die Bibel sei nur so als dekoratives Element zu benützen – dann hat man eigentlich gar nicht verstanden, worum es in dieser neuen christlichen Bewegung geht: Da ist eine neue Spiritualität, die aus dem Kampf kommt und die sich also nicht vom Kampf entfernt, die aber trotzdem Spiritualität ist. Ich mache zum Beispiel jetzt ein Seminar über Mystik und Revolution und versuche herauszubekommen: Was haben die Mystiker, die ja alle in grosse Streite verwickelt waren, die alle Schwierigkeiten mit den Kirchenoberen hatten – was haben die getan oder wie haben sie ihre Konflikte beigelegt? Beides gehört für mich ganz eng zusammen, und ich wehre mich ganz entschieden gegen jeden Versuch – komme er von rechts oder von links, komme er von den Frommen oder von den Marxisten – das auseinanderzureissen.

Biersteker: «Aber diese Spaltung, wie Sie sagen, zwischen Betenden und Kämpfenden – und die Sie ablehnen -, die droht nicht nur, die gibt es schon lange. Ich meine, es gibt viele, die sich der Wirklichkeit entziehen – in die Religion, und es gibt andere, die in ihrem Aktivismus das andere vergessen, weil es ihnen nicht nützt. Ich habe den Eindruck, dass die Religion selber diese Spannung verursacht.»
Ja, sicher gibt es in der Religion eine Tendenz zur Vergessenheit, die dann zu einem schönen Spiel führt. Ich meine, das lässt sich gut darlegen, wenn man überlegt, dass es eigentlich zwei wichtige Gestalten gibt: die eine ist der Priester und die andere der Prophet. Wenn wir eine Religion haben, die nur aus Priestern besteht – um Gottes Willen! –
die segnen alles, die merken gar nicht mehr, was sie segnen. Wenn wir eine Religion haben, die nur noch aus Propheten besteht, also nur aus Leuten, die Kritik und Anklage hervorbringen, dann fehlt ein Stück Beheimatung auch auf der Erde – ein Stück
Liebe zum Leben; da kann eine bestimmte Kälte hereinkommen, eine Art protestantischer Kälte.

Biersteker: «Ist diese Kälte nicht Anlass auch Ihrer Kritik an dem bekannten schweizerischen Theologen Karl Barth? Der hat Religion als etwas Heidnisches abgelehnt. Hat er vielleicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?»
Sicher! Es gibt eine Linie von Calvin zu Barth: Beide sind extrem männliche Theologen,
die also den weiblichen Anteil ihrer eigenen Seele verdrängen und verleugnen.

Biersteker: «Aus einem Vortrag in Köln erinnere ich mich an Ihre Aussage: die Kirche habe nach ihrer Anerkennung als Staatsreligion unter Konstantin das Evangelium zurückgedrängt. Für die ungebildeten Massen gab es nur noch die Liturgie-Texte der Messe. Die seien aber
absichtsvoll ausgewählt. Können Sie das erklären?»

Durch die Konstantinische Wende ist das Christentum Staatskirche geworden.
Da hat man sehr viele Veränderungen vorgenommen, und eine davon war, dass die
liturgischen Texte festgelegt wurden
. Und dabei hat man eine bestimmte Auswahl aus der Bibel getroffen. Das Thema der Armut oder der Armen kommt in der Bibel fast auf jeder Seite vor, während es in der Liturgie nur sehr vereinzelt auftaucht. Das ist natürlich eine Verschiebung. Es ist ein Teil des Prozesses, wodurch das Christentum religiöser, das heisst «weltferner» wird und immer weniger mit den wirklichen Menschen zu tun hat. Und diese Art von Religion spricht eigentlich gar nicht mehr darüber, was die Menschen bewegt oder was ihr Leben ausmacht, sondern über ein späteres Leben, vielleicht, oder über eine Erhebung zu einem späteren oder anderen Leben. Nun hat es, glaube ich, in der Geschichte des Christentums immer Gruppen gegeben, die dagegen Widerstand geleistet haben, also die Ketzer im weitesten Sinne des Wortes: die Franziskaner, die Waldenser, die Quaker oder die Friedenskirchen. Bis auf den heutigen Tag dauert dieser Streit in den Kirchen: Sollen wir über das Ewige sprechen oder über das Irdische? Was ist eigentlich die Aufgabe der Religion? Dieser Streit ist immer wieder gegenwärtig. Eine Schwierigkeit dabei sehe ich darin, dass diejenigen, die meinen, sie sprechen über das Ewige meistens ein bestimmtes Interesse vertreten, nämlich das der Reichen, der Mächtigen: dass sich nämlich nichts ändern soll. Man meint, man spricht über zeitlose Wahrheiten, aber in Wirklichkeit stehen ganz handfeste Interessen dahinter. Diese Kämpfe innerhalb der Kirchen gehen weiter und sind lebendig und wichtig, glaube ich. Es ist zum Beispiel so, dass die Kirchen eine neue Rolle spielen können; wie sie im Mittelalter eine Freistatt waren für Verfolgte, so auch jetzt wieder. Zum Beispiel in EI Salvador. Politisch verfolgte Leute suchen in der Kirche Schutz. Und das passiert auch bei uns in der Ersten Welt: Freunde von mir haben zum Beispiel den Kölner Dom besetzt, um die Kirche oder die Deutsche Bischofskonferenz auf die Probleme in EI Salvador aufmerksam zu machen und zur Stellungnahme herauszufordern. Aber die Bischöfe sagen: Das können wir noch nicht beurteilen, das ist gar nicht unsere Aufgabe. Sie versuchen also, sich da herumzudrücken.

Biersteker: «Sie empfinden das als eine unselige Zumutung; in einigen ihrer Ansprachen haben sie das gesagt.»
Ja, es ist eigentlich eine Heuchelei, denn wenn man über etwas nicht spricht, heisst das ja auch, dass man es gutheisst. Wenn wir also nicht über Nuklearraketen sprechen, dann sagen wir, indirekt: So schlimm ist das nun auch wieder nicht, und die
Russen sind ja viel schlimmer, und wir brauchen das ja. Das heisst, wir betreiben Kriegspropaganda. Und wenn wir nicht über den Hunger sprechen, dann sagen wir:
Na ja, so schlimm ist das nicht; die Hauptsache ist, dass die Leute nicht so viel Geburtenkontrolle betreiben. Das ist eigentlich eine Art von Verrat; ich will’s noch schärfer sagen: Verrat an den Armen. Das ganze spiegelt die Zweideutigkeit von Religion, diese Ambivalenz: Religion kann im Interesse von Herrschaft funktionieren, und sie kann im Interesse von sozialer Veränderung gebraucht werden.

Vor einem holländischen gemälde

Hanna lehrt den kleinen samuel lesen
sie ist sehr alt neben ihr lehnt ein krückstock
ihr finger deutet auf das buch
aber sie sieht nicht hin
mag sein sie ist blind

Samuel kniet und lehnt sich an ihren schoß
er ist fünf oder so
und öffnet den mund
mag sein er bekommt die buchstaben zu essen
wie die jüdischen kinder im schtetl
er hat ein samtröckchen an
das hab ich mir als kind gewünscht

Mutter werden und lehrerin
muß schön sein
etwas sehen
das ich dem kind nicht zeigen kann
etwas zeigen
das ich nicht sehen kann

Samuel sieht mein sehen
nicht mehr
er lernt von meiner trauer
mehr als von meinem wissen
beide tragen wir samtröckchen

Für meine drei töchter

Bitte laßt eure zimmer nicht verkommen

Wenn eure zimmer häßlich sind
werdet ihr euch selber nicht lieb und wert halten
wenn ihr euch selber nicht ehrt
werden eure gedanken ohne spannkraft sein
wenn eure gedanken nichts anzielen
werden eure bewegungen ungenau
wenn eure bewegungen fahrig sind
wird eure haut nichts von den blumen lernen

Wenn eure haut nichts von den blumen lernt
wird euer herz wüst und leer sein
wenn euer herz gleichgültig ist
bleibt ihr unvertraut mit dem schönen
wenn ihr ohne vertrauen lebt
könnt ihr die hälfte des himmels nicht tragen
wenn ihr die hälfte des himmels nicht tragt
könnt ihr über eure alte mutter nicht lachen

Bitte laßt eure zimmer nicht verkommen

Richter 11 vers 30 bis 40
mit den augen der frauen gelesen

Die tochter jephthas hat keinen namen
wir wissen nur sie war einziges kind
eines jüdischen heerführers der gelobte
das erste was ihm entgegensprang
seinem herrgott zu opfern zum dank für den sieg

Die tochter jephthas hat keinen namen
viele von uns sind frau und mutter
schwester und freundin von einem
dessen namen wir kennen
viele bleiben ihr leben lang wie jephthas tochter

Die tochter jephthas hat keinen engel
der dem mordenden vater ins schwert fällt
wir wissen von engeln die kinder behütet haben
vor dem geopfertwerden

Aber jephthas tochter ist jephthas tochter
und hat keinen namen noch engel

Die Theologie von Dorothee Sölle im Licht der Befreiungstheologie
Die drei Fragen von Leo Tolstoi