Mystik und Widerstand

Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen, Mt 5,8
Mystik

In lumine tuo videbimus lumen.
In deinem Licht sehen wir das Licht.
Psalm 36,10

»Sie (die Liebe zu Gott) kann nicht von der Erfüllung bestimmter Bedingungen abhängig gemacht werden. Das ›do-ut-des‹-Prinzip (›ich gebe, damit du gibst‹) hat hier nichts zu suchen, der ›Geist der Kaufmannschaft‹, wie Meister Eckart es nennt, ist hier ausgeschlossen; für die Liebe zu Gott – und nichts anderes ist die totale Bejahung der Wirklichkeit –
gilt vielleicht eher der Satz des leichten Mädchens Philine aus Goethes Wilhelm Meister:
›Dass ich dich liebe, was geht’s dich an!‹«

»Die Geschichte der Mystik ist eine Geschichte der Gottesliebe. Sie kann ich nicht konzipieren ohne politische, weltbezogene, praxisorientierte Realisierung.« (S. 33)

Ihre Enkelkinder erinnert sie in einem Brief an die zwecklosen Schönheiten:
»Das Schöne zieht uns zu Gott, bringt uns in einen Zustand, der mit Kaufen und Verkaufen nichts zu tun hat, aber mit Staunen und Stillwerden, mit Sich-Wundern und vielleicht Summen, mit Sich-Vergessen und mit Glück. Siehe da! Toll! Halleluja! Ich bin ein Teil des großen, wunderbaren Ganzen, das wir ›Schöpfung‹ nennen. Vergesst das nicht, es kann sich an ganz gewöhnlichen Dingen entzünden, an einer Pfütze am Straßenrand oder an einem Kieselstein, der rötlich glänzt. Ich wünsche euch jedenfalls viele Kieselsteine, immer wieder. Das Leben ist schön und es schadet euch gar nichts, ein paar olle Kirchenlieder zu lernen, die aus nichts anderem bestehen als aus diesem Singen und Loben, ohne Zweck und bloß so: ›Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön.‹ Da fordert eine Seele die
andere, die etwas traurig oder tranig herumhockt, auf, doch mitzusingen, mit dem sprudelnden Wasser und dem Flieder, der gerade anfängt zu blühen.«

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden. Franz Kafka

Vorwort: Ein Gespräch
»Was ist herrlicher als Gold?« fragte der König.
»Das Licht«, antwortete die Schlange.
»Was ist erquicklicher als Licht?« fragte jener.
»Das Gespräch«, antwortete diese.
Goethe, Das Märchen

F.: Ich komme noch einmal auf meine Mutter zurück. Ich glaube, dass sie sich jeden Satz der neutestamentlichen Tradition als Brot aneignen kann, von dem man in einem normalen und geplagten Leben existieren kann. Was aber soll sie mit den religiösen Sonderkünsten eines Jacob Böhme oder eines Johannes vom Kreuz anfangen?! Das Evangelium selber hat es doch eher mit einfachen und einsichtigen Wünschen der Menschen zu tun: dass eine gesund ist und nicht am Leben verzweifeln muss; dass einer sehen und hören kann; dass er einmal ohne Tränen leben kann und dass sie einen Namen hat. Es geht doch nicht um spirituelle Artistik, sondern um die einfache Möglichkeit des Lebens.

D.: Geht es nicht den Mystikern genau um dieses Brot des Lebens? Die Schwierigkeit scheint mir die zu sein, dass die Menschen, auch deine Mutter, ganz sicher aber ihre Kinder und Enkel, eben nicht einfach dem Evangelium gegenüberstehen.
Es ist doch entstellt, korrumpiert, zerstört, längst zu Stein geworden. Die Mystik hat den Menschen, die von ihr ergriffen waren, gegen mächtige, erstarrte, gesellschaftskonforme Institutionen geholfen, und sie tut es – zugegeben, auf oft sehr verquere Weise – auch heute. Spirituelle Artistik, wie du es nennst, mag hereinspielen, aber das Essentielle ist etwas ganz anderes. Ich bin an einem Abend zu deiner Mutter ins Zimmer getreten, ohne anzuklopfen. Da saß die alte Frau mit gefalteten Händen, ohne Handarbeit!, auf ihrem Stuhl.
Ich weiß nicht, ob man das, was sie tat, »beten« oder »nachsinnen« nennen soll. Aber es war ein großer Friede bei ihr. Den möchte ich verteilen gehen.

D.: Mit mein wichtigstes Interesse ist gerade, die Mystik zu demokratisieren. Damit meine ich, die mystische Empfindlichkeit, die in uns allen steckt, wieder zuzulassen, sie auszugraben aus dem Schutt der Trivialität. Aus der Selbsttrivialisierung, wenn du so willst.
Eine ältere Frau in New York hat mir von einer Begegnung mit einem Guru erzählt. Als sie ihrem schwarzen Pfarrer darüber berichtete, stellte der nur eine Frage – und die möchte ich auch stellen: »Hat er euch denn nicht gesagt, dass wir alle Mystiker sind?«

F.: »… dass wir alle Mystiker sind.« Dieser Satz ist ja nicht eine Feststellung, sondern
eine Forderung ans Leben! Es soll kein Mensch nur sein Leben fristen, es soll kein Mensch sich erschöpfen im reinen Überleben. Jeder soll der Wahrheit nahekommen dürfen.
Für jeden Menschen soll es Orte der Absichtslosigkeit geben; die Schau; die Wahrnehmung der Lebensschönheit; die fruitio (der Genuss Gottes).
»Wir sind alle Mystiker!« Der Satz enthält das Menschenrecht auf Schönheit und Schau. Gibt es so etwas wie das Menschenrecht auf die Schau Gottes?
Auf einem Umweg sind wir da bei deinem zweiten Begriff: Widerstand.
Mystik ist die Erfahrung der Einheit und der Ganzheit des Lebens. Mystische Lebenswahrnehmung, mystische Schau ist dann auch die unerbittliche Wahrnehmung der Zersplitterung des Lebens. Leiden an der Zersplitterung und sie unerträglich finden, das gehört zur Mystik. Gott zersplittert zu finden in arm und reich, in oben und unten, in krank und gesund, in schwach und mächtig, das ist das Leiden der Mystiker.
Der Widerstand von Franziskus oder Elisabeth von Thüringen oder von Martin Luther King wächst aus der Wahrnehmung der Schönheit.
Und das ist der langfristigste und der gefährlichste Widerstand, der aus der Schönheit geboren ist.

Welches Christentum hat Zukunft?
Gottes Zukunft ist glaubbar nur in der Erfahrung von Gottes Gegenwart. Nur wenn wir die Gegenwart Gottes erfahren, können wir auch um die Zukunft Gottes beten oder von ihr träumen. Nur dann können wir diesen Unterschied von Utopie und Religion aufheben. Wenn es uns gelingt, wieder eine Mystik der Gegenwart Gottes mitzuteilen, eine Mystik, die zugleich den Widerstand, die Revolution Gottes enthält, nur dann können wir ernsthaft von der Zukunft Gottes sprechen.

Gaus: Was ist der Sinn des menschlichen Lebens?
Sölle: Wissen Sie, eine Kinderfrage, die derjenige, der in dem Sinn lebt, nicht mehr stellt.
Gaus: Was ist Ihr Sinn?
Sölle: Ich könnte es vielleicht so sagen, daß der Mensch am anderen Menschen nicht mehr die Begrenzung, sondern seinen Reichtum erfährt, daß er im anderen nicht mehr seinen Feind, seinen Konkurrenten, seinen Unterdrücker erlebt, sondern seinen Freund, seinen Bruder, das Reich der Liebe. Das zu bauen oder darin zu leben, das ist der Sinn.
Einen anderen Sinn außer der Liebe gibt es nicht.
Gaus: Sie haben in den Mittelpunkt Ihrer Theologie, wenn ich es recht nachgelesen habe, gestellt, nach dem Entwurf Christi zu leben, das heißt, Christus zu nehmen
als einen Menschen, der menschliches Vorbild sein sollte.
Sölle: Ja.
Gaus: Was muß nach Ihrem Verständnis ein Mensch tun, heute in der Bundesrepublik,
der den Entwurf Christi leben soll?
Sölle: Ich glaube, daß er in diesem Sinn im Widerstand zu dieser Gesellschaft leben muß, daß er also nicht vollständig angepaßt sein kann, daß er nicht gesellschaftskonform leben kann, das heißt, daß er Kritik üben wird, protestieren wird, verändern wird an sehr vielen verschiedenen Stellen, je nachdem, wo er gerade ist, wie er zu arbeiten hat. Ich finde es sehr schwer, in der Bundesrepublik ein Christ zu sein, vielleicht schwerer als in anderen Zeiten.
Gaus: Warum?
Solle: Weil das eine Gesellschaft ist, deren wesentliche und erklärte Ziele den Menschen eigentlich töten; denn die wesentlichen und erklärten Ziele sind Verdienen, sind Produzieren und Konsumieren. Es ist das, was diese Gesellschaft den Menschen, die hier leben, anbietet und ihnen ununterbrochen einimpft. Jedem sein Eigenheim etwa, oder jedem seine passive Rolle im Konsumieren und auch im Produzieren, in der er selbst seine eigene Vorstellung kaum durchsetzen kann. Anpassung, Zurücknahme, das ist ein Klima, in dem der christliche Widerstand sich sehr schwer artikuliert, viel schwieriger etwa als in der Zeit des Nationalsozialismus, wo der Gegner viel eindeutiger war, viel deklarierter oder maskenloser, während in unserer Gesellschaft der Gegner oder das Böse im System so versteckt ist, daß es sehr vielen Leuten kaum auffällt.

Ich glaube also nicht an die Art von Vergebung, die von oben kommt, ich möchte hier unten gern vergeben bekommen, und wenn das nicht geht, dann soll dieser Gott seine Vergebung für sich behalten. Aber der Gott, den die Bibel meint, ist auch nicht »der-Gott-da-oben«, der alles, was wir versiebt haben, in Ordnung bringt. Was er uns anbietet, ist nicht diese billige Tour, uns mit ihm zu arrangieren. Ein jüdischer Lehrer hat einmal gesagt:
»Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! -, die große Schuld des Menschen ist, daß er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut« (Rabbi Bunam, in: M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Zürich 1949, 755). Umkehr ist vielleicht ein klareres Wort für Vergebung. Daß mein Leben trotz der Sünde, in der ich bin, Sinn hat, das kann sich nur in Umkehr erweisen. Tatsächlich ist es so, daß wir, um Vergebung der Sünden zu erfahren, eine Gruppe von Menschen brauchen, die uns den Wiederanfang ermöglicht, oder zumindest Partner, Mann oder Frau oder Freunde, die uns annehmen, wie wir sind, die uns unsere Reue glauben und die uns Umkehr zutrauen. In der alten Kirche war dieser soziale Ort der Vergebung die christliche Gemeinde, die den einzelnen kritisierte und freisprach. Die beiden Menschen, von denen ich zu Anfang erzählte, waren ziemlich allein. Gerade aber das bedeutet, daß sie keine Chance der Umkehr hatten und deswegen der Vergebung, die ihnen zum Beispiel ein Pfarrer zusprechen konnte, nicht gewiß wurden. Ihr Bewußtsein von Sünde war ernsthafter, als daß es in unseren unverbindlichen Formen kirchlichen Lebens hätte aufgearbeitet werden können. Umkehr ist mehr als Vergebung, weil sie die Zunkunft einbezieht. Umkehr ist, glaube ich, das einzige, was auch den Toten noch imponiert. SIe sind dann wenigstens nicht umsonst gestorben. Sie haben etwas davon, wenn das, woran sie krepierten, nicht wieder vorkommt. Umkehr ist ein neues Herz bekommen und noch einmal probieren dürfen. Das kann ich mir nicht allein besorgen oder machen, dazu brauche ich andere Menschen – und wenn es einen Sinn hat, von Gott zu sprechen, dann niemals außerhalb unserer Welt, dann niemals hinter dem Rücken anderer Menschen. Gott will nicht, daß wir die Welt verlassen und einfach zu ihm laufen wie ein Kind zu seinem Vater. Er will den großen Umweg von uns und die Umkehr die wir »in jedem Augenblick tun können«, wenn wir sie miteinander tun. Wie der Prophet sagt: »Und ich werde euch ein neues Herz geben und
einen neuen Geist in euer Inneres geben, euer steinernes Herz wegnehmen und euch ein Herz von Fleisch geben« (HesekieI 36,26). Amen.

Vor einem holländischen gemälde

Hanna lehrt den kleinen samuel lesen
sie ist sehr alt neben ihr lehnt ein krückstock
ihr finger deutet auf das buch
aber sie sieht nicht hin
mag sein sie ist blind

Samuel kniet und lehnt sich an ihren schoß
er ist fünf oder so
und öffnet den mund
mag sein er bekommt die buchstaben zu essen
wie die jüdischen kinder im schtetl
er hat ein samtröckchen an
das hab ich mir als kind gewünscht

Mutter werden und lehrerin
muß schön sein
etwas sehen
das ich dem kind nicht zeigen kann
etwas zeigen
das ich nicht sehen kann

Samuel sieht mein sehen
nicht mehr
er lernt von meiner trauer
mehr als von meinem wissen
beide tragen wir samtröckchen

Für meine drei töchter

Bitte laßt eure zimmer nicht verkommen

Wenn eure zimmer häßlich sind
werdet ihr euch selber nicht lieb und wert halten
wenn ihr euch selber nicht ehrt
werden eure gedanken ohne spannkraft sein
wenn eure gedanken nichts anzielen
werden eure bewegungen ungenau
wenn eure bewegungen fahrig sind
wird eure haut nichts von den blumen lernen

Wenn eure haut nichts von den blumen lernt
wird euer herz wüst und leer sein
wenn euer herz gleichgültig ist
bleibt ihr unvertraut mit dem schönen
wenn ihr ohne vertrauen lebt
könnt ihr die hälfte des himmels nicht tragen
wenn ihr die hälfte des himmels nicht tragt
könnt ihr über eure alte mutter nicht lachen

Bitte laßt eure zimmer nicht verkommen

Richter 11 vers 30 bis 40
mit den augen der frauen gelesen

Die tochter jephthas hat keinen namen
wir wissen nur sie war einziges kind
eines jüdischen heerführers der gelobte
das erste was ihm entgegensprang
seinem herrgott zu opfern zum dank für den sieg

Die tochter jephthas hat keinen namen
viele von uns sind frau und mutter
schwester und freundin von einem
dessen namen wir kennen
viele bleiben ihr leben lang wie jephthas tochter

Die tochter jephthas hat keinen engel
der dem mordenden vater ins schwert fällt
wir wissen von engeln die kinder behütet haben
vor dem geopfertwerden

Aber jephthas tochter ist jephthas tochter
und hat keinen namen noch engel

Die Theologie von Dorothee Sölle im Licht der Befreiungstheologie
Die drei Fragen von Leo Tolstoi