Die Wiederholung

BEI WILDEN BÄUMEN
SIND DIE BLÜTEN WOHLRIECHEND,
BEI ZAHMEN DIE FRÜCHTE
(FLAVIUS PHILOSTRATUS DES ÄLTEREN
HELDENGESCHICHTEN)

Sören Kierkegaard Existenz und Freiheit

WIE JEDER WEISS, trat Diogenes als Opponent auf, als die Eleaten die Bewegung leugneten. Er trat wirklich auf, denn er sagte nicht ein Wort, sondern ging nur ein paarmal hin und her, wodurch er jene ausreichend widerlegt zu haben glaubte. Als ich mich, zumindest gelegentlich, längere Zeit mit dem Problem beschäftigt hatte, ob eine Wiederholung möglich sei und welche Bedeutung diese habe, ob etwas durch Wiederholung gewinne oder verliere, fiel es mir plötzlich ein: Du kannst ja nach Berlin reisen, da bist du früher schon einmal gewesen, und nun überzeuge dich, ob eine Wiederholung möglich ist und was sie zu bedeuten hat. Bei mir zu Hause war ich mit diesem Problem nahezu ins Stocken geraten. Man sage darüber, was man will, es wird eine sehr wichtige Rolle in der neueren Philosophie spielen; denn Wiederholung ist der entscheidende Ausdruck für das, was bei den Griechen <Erinnerung> war. So wie diese damals lehrten, daß alles Erkennen ein Erinnern ist, so will die neue Philosophie lehren, daß das ganze Leben eine Wiederholung ist. Der einzige neuere Philosoph, der hiervon eine Ahnung hatte, ist Leibniz. Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert. Deshalb macht die Wiederholung, wenn sie möglich ist, einen Menschen glücklich, während die Erinnerung ihn unglücklich macht, allerdings unter der Voraussetzung, daß er sich Zeit läßt zu leben und nicht sofort in seiner Geburtsstunde einen Vorwand sucht, sich wieder aus dem Leben heraus- zuschleichen, z.B. daß er etwas vergessen hat. Die Liebe in der Erinnerung ist die einzige glückliche, hat ein Schriftsteller gesagt. Darin hat er auch vollkommen recht, wenn man sich nur erinnert, daß sie zuerst einen Menschen unglücklich macht. Die Liebe der Wiederholung ist in Wahrheit die einzige glückliche. Sie hat wie die der Erinnerung nicht die Unruhe der Hoffnung, nicht die beängstigende Abenteuerlichkeit der Entdeckung, aber auch nicht die Wehmut der Erinnerung, sie hat die selige Sicherheit des Augenblicks. Die Hoffnung ist ein neues Stück Kleidung, steif und glatt und glänzend, man hat es jedoch nie angehabt und weiß daher nicht, wie es einen kleiden wird und wie es sitzt. Die Erinnerung ist ein abgelegtes Kleidungsstück, das, so schön es auch ist, doch nicht paßt, da man aus ihm herausgewachsen ist. Die Wiederholung ist ein unzerschleißbares Kleid, das fest und doch zart anschließt, weder drückt noch schlottert. Die Hoffnung ist ein reizendes Mädchen, das unseren Händen entflieht. Die Erinnerung ist eine schöne alte Frau, mit der einem jedoch im Augenblick nie gedient ist. Die Wiederholung ist eine geliebte Gattin, deren man nie müde wird. Denn es ist nur das Neue, dessen man überdrüssig wird, nie das Alte; und wenn man dies vor sich hat, wird man glücklich. Und nur der wird recht glücklich, der sich nicht selbst in der Einbildung betrügt, die Wiederholung sollte etwas Neues sein, denn dann wird man ihrer überdrüssig. Man braucht Jugend, um zu hoffen, Jugend, um zu erinnern, aber es gehört Mut dazu, die Wiederholung zu wollen. Wer bloß hoffen will, ist feige, wer bloß erinnern will, ist wollüstig, aber wer die Wiederholung will, der ist ein Mann, und je gründlicher er sich über sie klar zu werden wußte, ein desto tieferer Mensch ist er.
Aber derjenige, der nicht erfaßt, daß das Leben eine Wiederholung ist und daß dies des Lebens Schönheit ist, der hat sich selbst verurteilt und verdient nichts Besseres, als was ihm dann auch geschehen wird: umzukommen. Denn Hoffnung ist eine lockende Frucht, die nicht sättigt, Erinnerung ist ein kümmerlicher Zehrpfennig, der nicht sättigt, aber die Wiederholung ist das tägliche Brot, das sättigt mit Segen. Hat man die Daseinsumsegelung vollendet, dann wird es sich zeigen, ob man den Mut hat zu verstehen, daß das Leben eine Wiederholung ist, und Lust, sich daran zu freuen.
Wer nicht das Leben umsegelt hat, ehe er zu leben begann, der kommt niemals dazu zu leben;
wer es umsegelte, doch schon satt wurde, der hat eine schlechte Konstitution;
wer die Wiederholung wählte, der lebt. Er läuft nicht wie ein Knabe nach Schmetterlingen oder steht auf den Zehen, um nach den Herrlichkeiten der Welt zu spähen, denn er kennt sie. Er sitzt auch nicht wie eine alte Frau und spinnt am Rocken der Erinnerung, sondern er geht ruhig seinen Gang, froh über die Wiederholung. Ja, wenn
es keine Wiederholung gäbe, was wäre dann das Leben?
Wer könnte wünschen, eine
Tafel zu sein, auf die die Zeit jeden Augenblick eine neue Inschrift oder eine Gedenkschrift über das Vergangene setzt? Wer könnte wünschen, sich von all dem Flüchtigen, Neuen bewegen zu lassen, das allezeit neu die Seele mit Lüsten verweichlicht! Wenn Gott selbst nicht die Wiederholung gewollt hätte, dann wäre die Welt nie entstanden.
Er wäre entweder den leichten Plänen der Hoffnung gefolgt, oder er hätte alles wieder zurückgerufen, um es in der Erinnerung zu bewahren. Dies tat er nicht, deshalb besteht die Welt und besteht dadurch, daß sie eine Wiederholung ist. Wiederholung, das ist die Wirklichkeit und der Ernst des Daseins. Wer die Wiederholung will, der ist im Ernst gereift. Dies ist mein Separat-Votum, das zugleich meint, es sei keineswegs des Lebens Ernst, auf dem Sofa zu sitzen und in den Zähnen zu stochern – und etwas zu sein, z. B. Justizrat, oder feierlich durch die Straßen zu stolzieren und etwas zu sein, z. B. Hochehrwürden, ebensowenig wie es des Lebens Ernst ist, königlicher Zureiter zu sein. Alles Derartige ist in meinen Augen nur Spaß und als solcher zuweilen schlecht genug. Die Liebe der Erinnerung ist die allein glückliche, sagt ein SchriftsteIler (Kierkegaard meint sich selbst, in <Entweder – Oder>), der, soweit ich ihn kenne, bisweilen etwas trügerisch ist, doch nicht so, daß er das eine sagt und etwas anderes meint, sondern wohl so, daß er den Gedanken so auf die Spitze treibt, daß dieser, wenn er nicht mit der gleichen Energie erfaßt wird, sich im nächsten Moment als etwas anderes zeigt. Jener Satz ist von ihm derart aufgestellt, daß man leicht versucht ist, ihm recht zu geben und dabei zu vergessen, daß der Satz selbst Ausdruck der tiefsten Melancholie ist, so daß eine tiefe Schwermut, zu einem einzigen Ausspruch verdichtet, sich nicht leicht besser ausdrücken ließe.

Mein stummer Mitwisser!                                         d. 19. September
Hiob, Hiob, o Hiob! Sprachst Du wirklich nichts anderes als diese schönen Worte:
Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen – der Name des Herrn sei gelobt! [Hiob 1, 21] Sagtest Du nicht mehr?
Bliebst Du in all Deiner Not dabei, sie nur zu wiederholen? Warum schwiegst Du sieben Tage und Nächte, was ging da in Deiner Seele vor? Als das ganze Dasein über Dir zusammenstürzte und in Scherben um Dich lag, hattest Du da sogleich die übermenschliche Fassung, der Liebe Deutung, des Vertrauens und Glaubens Freimut? Ist auch Deine Tür für den Trauernden verschlossen, kann er bei Dir keine andere Linderung erwarten, als die weltliche Weisheit kümmerlich anbietet, indem sie einen Paragraphen über des Lebens Vollkommenheit vorliest? Weißt Du nicht mehr zu sagen, als was die bestellten Tröster wortkarg dem Einzelnen zumessen, was die bestellten Tröster als steife Zeremonienmeister dem Einzelnen vorschreiben, daß es in der Stunde der Not schicklich ist zu sagen: der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt, weder mehr noch weniger, so wie man Prost sagt zu dem, der niest.
Nein, Du, der Du in Deinen Glückszeiten das Schwert der Unterdrückten warst [Hiob 29, 12 -15], der Stab des Greises, die Stütze des Niedergebeugten, Du enttäuschtest nicht die Menschen; als alles brach, da wurdest Du der Mund der Leidenden, der Ruf des Zerbrochenen, der Schrei des Geängsteten und eine Linderung für alle, die in Qualen verstummten, ein treuer Zeuge in aller Not und Zerrissenheit, die in einem Herzen wohnen kann, ein untrüglicher Sprecher, der wagte zu klagen «in der Seele Bitterkeit» und mit Gott zu rechten [Hiob 7, 11]. Weshalb verbirgt man dies? Weh dem, der die Witwen und Waisen frißt und sie um ihr Erbe betrügt [Matth. 23, 14 und Hiob 29, 12 f], aber wehe auch dem, der hinterhältig den Trauernden betrügen will um den einstweiligen Trost, sich Luft zu machen und zu «hadern mit Gott» [Hiob 33, 12]. Oder ist vielleicht die Gottesfurcht in unserer Zeit so groß, daß der Trauernde dies nicht braucht, was
in jenen alten Tagen Sitte war? Wagt man vielleicht nicht, zu klagen vor Gott? Ist da die Gottesfurcht größer geworden oder die Angst und die Feigheit? Heutzutage meint man, daß der eigentliche Ausdruck der Trauer, die verzweifelte Sprache der Leidenschaft den Dichtern überlassen werden sollte, die da als Anwälte bei einem niederen Gericht die Sache der Leidenden vor dem Richterstuhl des Mitleids vertreten. Weiter wagt keiner sich.
Rede daher Du, unvergeßlicher Hiob, wiederhole alles, was Du sagtest, Du gewaltiger Sprecher, der vor dem Richterstuhl des Höchsten steht, unerschrocken wie ein brüllender Löwe. In Deiner Rede ist Nachdruck, in Deinem Herzen ist Gottesfurcht, selbst wenn Du klagst, wenn Du Dich in Deiner Verzweiflung wehrst gegen Deine Freunde, die wie Räuber aufstehen, Dich mit ihren Reden zu überfallen, selbst wenn Du, gehetzt von Deinen Freunden, ihre Weisheit zertrittst und ihre Verteidigung vor dem Herrn verachtest, als wäre es die elende Klugheit eines abgelebten Hofdieners oder staatsklugen Regierungsmannes. Dich brauche ich, einen Mann, der laut zu klagen weiß, so daß es in den Himmeln widerhallt, wo Gott mit dem Satan beratschlagt, um Pläne zu schmieden gegen einen Menschen. Klage, der Herr hat keine Angst, er kann sich wohl verteidigen, aber wie sollte er sich verteidigen können, wenn niemand zu klagen wagt, wie es einem Menschen geziemt? Rede, erhebe Deine Stimme, sprich laut, Gott kann noch lauter sprechen, er hat ja den Donner – aber auch dieser ist eine Antwort, eine Erklärung,
zuverlässig, treu, ursprünglich, eine Antwort von Gott selbst, die, auch wenn sie einen Menschen zerbricht, herrlicher ist als Stadtgeschwätz und Gerüchte über die Gerechtigkeit der Führung, erfunden von menschlicher Weisheit, verbreitet von alten Vetteln und Halbmännern. Mein unvergeßlicher Wohltäter, geplagter Hiob! Darf ich mich in Deine Gemeinschaft fügen, darf ich auf Dich hören?
Stoße mich nicht fort, ich stehe nicht als Betrüger an Deinem Herd, meine Tränen sind nicht falsch, wenn ich auch nicht vermag, bloß mit Dir zu weinen. Wie der Frohe die Freude sucht, an ihr teilnimmt, wenn auch das, was ihn am meisten freut, die Freude ist, die in ihm selber wohnt, so sucht der Trauernde die Trauer. Ich habe nicht die Welt besessen, nicht sieben Söhne und drei Töchter gehabt [Hiob 1, 2] , aber auch der kann ja alles verlieren, der nur wenig besaß, auch er kann ja gleichsam Söhne und Töchter verloren haben, der die Geliebte verlor, auch er wurde ja gleichsam geschlagen mit bösen Wunden [Hiob 2, 7], er verlor Ehre und Stolz und mit ihnen Lebenskraft und Lebenssinn.

Ihr namenloser Freund

Mein stummer Mitwisser!                                          d. 15. November
Wenn ich Hiob nicht hätte! Es ist unmöglich, zu beschreiben und zu nuancieren, welche Bedeutung und welche mannigfache Bedeutung er für mich hat. Ich lese ihn nicht, wie man ein anderes Buch mit den Augen liest, sondern ich lege dies Buch gleichsam auf mein Herz und lese es mit den Augen des Herzens, verstehe wie in clairvoyance das einzelne auf die verschiedenste Weise. Wie das Kind ein Lehrbuch unter seinen Kopf legt, um sicher zu sein, daß es seine Lektion nicht vergessen hat, wenn es am Morgen aufwacht, so nehme ich das Buch nachts mit mir ins Bett. Jedes Wort ist Nahrung, Kleidung und Heilmittel für meine kranke Seele. Bald weckt ein Wort von ihm mich aus meiner Lethargie, so daß ich zu neuer Unruhe erwache, bald stillt es das unfruchtbare Rasen in meinem Innern und endet das Furchtbare im stummen Würgen der Leidenschaft. Sie haben doch Hiob gelesen? Lesen Sie ihn wieder und wieder. Ich habe nicht das Herz, in einem Brief an Sie einen einzigen seiner Ausbrüche abzuschreiben, obgleich ich meine Freude daran habe, immer wieder Abschriften zu machen von allem, was er gesagt hat, bald mit dänischen, bald mit lateinischen Buchstaben, bald in dem einen Format, bald in einem anderen. Jede solche Abschrift wird wie ein Pflaster von Gottes Hand auf mein krankes Herz gelegt. Und auf wem lag wohl Gottes Hand so wie auf Hiob! Aber ihn zitieren – das kann ich nicht. Das wäre, als wollte ich meinen Senf mit dazugeben, das wäre, als wollte ich in eines anderen Gegenwart seine Worte zu den meinen machen. Wenn ich allein bin, dann tue ich es, eigne mir alles zu, aber sobald jemand anwesend ist, da weiß ich wohl, was ein junger Mensch zu tun hat, wenn alte Leute reden. Im ganzen Alten Testament gibt es keine Gestalt, der man sich so mit menschlichem Vertrauen, mit Freimut und Getrostheit nähert wie Hiob, gerade weil bei ihm alles so menschlich ist, weil er in einem Grenzbezirk zur Poesie liegt. Nirgends auf der Welt hat die Leidenschaft des Schmerzes einen solchen Ausdruck gefunden. Was ist doch Philoktet mit seinen Klagen (SOPHOKLES‘ Philoktet schrie unerträglich über einen Schlangenbiß.), die doch ständig auf der Erde bleiben und die Götter nicht erschüttern. Was bedeutet denn die Situation Philoktets, wenn man sie mit der Hiobs vergleicht, wo die Idee stets in Bewegung ist. Verzeihen Sie, daß ich alles erzähle, Sie sind ja mein Vertrauter, und Sie können nicht antworten. Wenn jemand dies erführe, das würde mich unbeschreiblich ängstigen. In der Nacht kann ich die Lichter in meinem Zimmer anzünden lassen, das ganze Haus illuminieren lassen. Da stehe ich auf und lese mit lauter Stimme, beinahe rufend, die eine oder andre Stelle aus ihm, oder ich öffne das Fenster und schreie seine Worte hinaus in die Welt. Ist Hiob eine poetische Figur, gab es niemals einen Menschen, der so gesprochen hat, so mache ich seine Worte zu den meinen und nehme die Verantwortung auf mich. Mehr vermag ich nicht, denn wo ist eine solche Beredsamkeit wie Hiob, oder wer ist imstande, von dem Gesagten etwas zu verbessern. Obgleich ich das Buch immer wieder gelesen habe, bleibt jedes Wort mir neu. Jedesmal, wenn ich darankomme, wird es neu geboren oder wird ursprünglich in meiner Seele. Alle Berauschung der Leidenschaft sauge ich in kleinen Dosen in mich wie ein Trinker, bis ich durch das langsame Nippen nahezu bewußtlos trunken bin. Auf der anderen Seite haste ich ihm entgegen mit unbeschreiblicher Ungeduld. Ein halbes Wort, und meine Seele eilt hinein in seinen Gedanken, seinen Ausbruch; schneller als ein ausgeworfenes Lot den Meeresgrund, schneller als der Blitz den Blitzableiter sucht, schlüpft meine Seele dahinein und verbleibt da. Zu anderen Zeiten bin ich stille. Dann lese ich nicht, sondern sitze zusammengesunken wie eine alte Ruine und schaue alles. Da ist mir, als wäre ich ein kleines Kind, das umhergeht und im Zimmer bastelt oder in einer Ecke sitzt mit seinem Spielzeug. Da wird mir so wundersam zumute. Ich kann nicht verstehen, was es ist, das die Älteren so leidenschaftlich macht. Ich kann nicht daraus klug werden, worum sie sich streiten, und doch kann ich es nicht lassen, zuzuhören. Dann glaube ich, daß es böse Menschen sind, die Hiob all den Kummer gemacht haben, daß es seine Freunde sind, die nun sitzen und ihn anbellen. Dann weine ich ganz laut, eine unsägliche Angst vor der Welt und dem Leben und den Menschen und allem preßt meine Seele zusammen. Dann wache ich auf und beginne wieder ihn zu lesen mit aller Kraft und meinem ganzen Herzen. Dann verstumme ich plötzlich, ich höre nichts mehr, sehe nichts, nur in dunklen Umrissen ahne ich Hiob, der am Herde sitzt, und seine Freunde; aber keiner sagt ein Wort, doch dieses Schweigen birgt alle Schrecken in sich, wie ein Geheimnis, das niemand zu nennen wagt. Dann wird das Schweigen gebrochen, und Hiobs gequälte Seele bricht heraus mit gewaltigen Rufen. Die verstehe ich, diese Worte mache ich zu den meinen. Im selben Augenblick fühle ich den Widerspruch, dann lächle ich über mich selbst, wie man über ein kleines Kind lächelt, das seines Vaters Kleider angezogen hat. Oder muß man nicht darüber lächeln, wenn ein anderer als Hiob sagen wollte: Ach! könnte ein Mann mit Gott rechten [Hiob 16, 21] wie ein Menschenkind mit seinem Gefährten. Und doch kommt die Angst über Mich, als verstünde ich dies noch nicht, würde aber noch einmal dazu kommen, es zu verstehen, als lauerte bereits das Entsetzliche auf mich, von dem ich lese, als hätte ich es auf mich gezogen, indem ich davon lese, gleichsam wie man krank wird von der Krankheit, über die man liest.

Mein stummer Mitwisser!                                              d. 14. Dezember
Alles hat seine Zeit [Pred. 3], das Rasen des Fiebers ist vorbei, ich bin wie ein Rekonvaleszent. Das Geheimnis Hiobs, die Lebenskraft, der Nerv, die Idee ist: daß Hiob ungeachtet alles dessen recht hat. Durch diese Behauptung nimmt er eine Ausnahmestellung ein gegenüber allen menschlichen Betrachtungen, sein Aushalten und seine Kraft beweisen seine Vollmacht und Autorität. Jede menschliche Erklärung ist ihm nur ein Mißverständnis, und all seine Not ist ihm im Verhältnis zu Gott nur wie ein Sophisma [Trugschluß], das er wohl selbst nicht auflösen kann, das aber Gott auflösen kann, wie er tröstlich meint. Jedes argumentum ad hominem ist gegen ihn gebraucht, aber er hält unbefangen seine Überzeugung aufrecht. Er behauptet, in einem guten Einverständnis mit dem Herrn zu sein. Er weiß sich unschuldig und rein in seinem innersten Herzen, wo er es zugleich mit dem Herrn weiß, und doch beweist ihm das ganze Dasein das Gegenteil. Darin liegt das Große bei Hiob, daß die Leidenschaft der Freiheit in ihm nicht erstickt oder beruhigt werden kann in einem verkehrten Ausdruck. Diese Leidenschaft ist unter ähnlichen Umständen oft in einem Menschen erstickt worden, indem Kleinmut und kleinliche Angst einen Menschen haben glauben lassen, er litte um seiner Sünden willen, wo dies gar nicht der Fall war. Seiner Seele fehlte die Beharrlichkeit, um einen Gedanken durchzuführen, wenn die Welt ihm beständig dagegendenkt. Hiob bleibt bei seiner Behauptung,
und er hat recht.
Er tut das so, daß er dadurch Zeugnis ablegt von dem edlen menschlichen Freimut, der doch weiß, was ein Mensch ist, daß er nämlich, wenn auch gebrechlich und schnell hinwelkend wie das Leben der Blume, doch in Richtung auf Freiheit etwas Großes ist, ein Bewußtsein hat, das nicht einmal Gott selbst ihm entreißen kann, obgleich er es ihm selbst gegeben hat.
Hiob hält zugleich seine Behauptung so fest, daß man in ihm die Liebe und das Vertrauen sieht, das gewiß ist, daß Gott alles erklären kann, wenn man ihn bloß selbst ins Gespräch bekommt. Die Freunde machen Hiob genug zu schaffen; der Streit mit ihnen ist ein Fegefeuer, worin der Gedanke geläutert wird, daß er doch recht habe. Sollten ihm selbst Kraft und Erfindungsgabe fehlen, sein Gewissen zu ängstigen und seine Seele zu erschrecken, sollte ihm Phantasie fehlen, vor sich selbst bange zu werden vor Schuld und Vergehen, die in seinem Innern einsam hausen, dann helfen die Freunde ihm durch ihre deutlichen Hinweise, durch ihre anzüglichen Vorwürfe, die gleichsam wie mißgünstige Wünschelruten hervorrufen müßten, was im tiefsten verborgen ist. Sein Unglück ist ihr Hauptargument, und so steht alles für sie fest. Man sollte glauben, Hiob müßte entweder den Verstand verlieren oder im Elend ermattet zusammenbrechen, auf Gnade oder Ungnade kapitulieren. Eliphas, Bildad, Zophar und vor allem Elihu, der sich völlig integer [mit frischen Kräften] erhebt, als die anderen müde sind, variieren das Thema, daß sein Unglück eine Züchtigung sei: er soll bereuen, soll um Vergebung bitten, dann wird alles wieder gut. Hiob hält indessen fest an seinem Standpunkt. Seine Behauptung ist wie ein Passierschein, durch welchen er die Welt und die Menschen verläßt, sie ist eine Forderung, die die Menschen zu Protest gehen lassen, die Hiob jedoch nicht vernichtet. Er braucht jedes Mittel, um seine Freunde zu bewegen. Er sucht sie zum Mitleid zu rühren («erbarmt euch über mich» [Hiob 19,21]), er erschreckt sie mit seiner Stimme («ihr webt Lügen zusammen» [Hiob 13, 4]). Vergebens. Seine Schmerzensschreie werden heftiger und heftiger, alles je nachdem, wie durch den Widerspruch der Freunde die Reflexion sich gerade in seine Leiden vertieft. Doch dies bewegt die Freunde nicht, und darum dreht die Sache sich gar nicht. Sie wollen ihm gerne recht darin geben, daß er leidet, daß der «Waldesel nicht schreit über das Gras, das er hat» [Hiob 6, 5], aber sie fordern, er solle eine Züchtigung darin sehen. Wie erklärt man nun Hiobs Behauptung? Die Erklärung ist diese: Das Ganze ist eine Prüfung. Diese Erklärung hinterläßt indes neue Schwierigkeiten, welche ich mir auf folgende Weise deutlich zu machen suchte. Die Wissenschaft behandelt und erklärt ja das Dasein und im Dasein das Verhalten des Menschen zu Gott. Welche Wissenschaft ist nun von der Beschaffenheit, daß sie Platz hat für ein Verhältnis, das bestimmt ist als Prüfung, welches unendlich gedacht überhaupt nicht da ist, sondern nur für das Individuum besteht? Eine solche Wissenschaft existiert nicht und kann unmöglich existieren. Hierzu kommt: Wie bekommt das Individuum zu wissen, daß es eine Prüfung ist? Das Individuum, das überhaupt eine Vorstellung hat von einer Existenz im Denken und einem Sein des Bewußtseins, sieht leicht ein, daß dies nicht so schnell gesagt wie getan ist, oder so schnell vorbei ist wie gesagt, oder so schnell festgehalten wie gesagt. Zuerst muß ja die Begebenheit sich aus den kosmischen Verhältnissen herausklären und eine religiöse Taufe und einen religiösen Namen bekommen, dann kann man sich der Ethik zur Visitation stellen, und dann erst kommt der Ausdruck: eine Prüfung. In der Zeit vorher existiert das Individuum offenbar nicht in Kraft des Gedankens. Jede Erklärung ist möglich, und der Wirbel der Leidenschaft ist entfesselt. Nur die Menschen, die keine oder doch nur eine unwürdige Vorstellung davon haben, was es heißt, in Kraft des Geistes zu leben, sind in dieser Hinsicht schnell fertig, sie können sich mit einer Halbstundenlektion trösten, ebenso wie viele philosophische Lehrlinge das Resultat übereilter Pfuscharbeit anzubieten haben. Das Große an Hiob ist daher auch nicht, daß er sagte: <Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt>, was er ja auch nur zuerst sagte und später nicht wiederholte, sondern Hiobs Bedeutung ist, daß die Grenzstreitigkeiten zum Glauben in ihm ausgekämpft sind, daß jener ungeheure Aufstand der wilden und streitlustigen Kräfte der Leidenschaften hier dargestellt wird. Deshalb beruhigt Hiob nicht wie ein Glaubensheld, aber einstweilen lindert er. Hiob ist gleichsam der ganze inhaltsreiche Einspruch von der Seite des Menschen in der großen Sache zwischen Gott und dem Menschen, dem weitläufigen und furchtbaren Prozeß, der seinen Grund darin hat, daß Satan Böses setzte zwischen Gott und Hiob, und der nun damit endet, daß das Ganze eine Prüfung war. Diese Kategorie, Prüfung, ist weder ethisch, noch ästhetisch, noch dogmatisch, sie ist ganz und gar transzendent. Erst ein Wissen um die Prüfung, daß es nämlich eine Prüfung ist, kann Platz in einer Dogmatik finden. Aber sobald dieses Wissen eingetreten ist, ist die Elastizität der Prüfung geschwächt und die Kategorie eigentlich eine andere. Diese Kategorie ist absolut transzendent und setzt den Menschen in ein rein persönliches Gegensatzverhältnis zu Gott, in ein solches Verhältnis, daß er sich nicht genügen lassen kann mit irgendeiner Erklärung zweiter Hand. Daß es ein gut Teil Menschen gibt, die sofort diese Kategorie bei jeder Gelegenheit parat haben, wenn bloß der Brei anbrennt, beweist nur, daß sie sie nicht erfaßt haben. Derjenige, der ein Weltbewußtsein entwickelt hat, der hat einen langen Umweg zu gehen, ehe er die Kategorie erreicht. Das ist der Fall mit Hiob, der den Umfang seiner Weltanschauung beweist durch die Unerschütterlichkeit, mit der er allen schlauen ethischen Ausflüchten und verschlagenen Anläufen zu entgehen weiß. Hiob ist nicht der Held des Glaubens, er gebiert die Kategorie der <Prüfung> mit ungeheuren Schmerzen, gerade weil er so entwickelt ist, daß er sie nicht in kindlicher Unmittelbarkeit hat. Daß diese Kategorie es anstrebt, die ganze Wirklichkeit auszustreichen und zu suspendieren, indem sie sie bestimmt als eine Prüfung im Verhältnis zur Ewigkeit, sehe ich wohl. Doch hat dieser Zweifel keine Macht über mich bekommen; denn da eine Prüfung eine einstweilige Kategorie ist,
so ist sie eo ipso bestimmt im Verhältnis zur Zeit und muß deshalb in der Zeit aufgehoben werden. Soviel sehe ich jetzt ein, und wie ich mir erlaubt habe, Sie in alles einzuweihen, so schreibe ich auch dies an Sie für mich selbst. Sie wissen, daß ich von Ihnen nichts verlange, als daß es mir erlaubt ist zu verbleiben als

Ihr Ergebener.

Mein stummer Mitwisser!                                            d. 13. Januar
Die Stürme haben ausgerast – das Unwetter ist vorbei – Hiob ist vor der Front der Menschheit zurechtgewiesen – der Herr und Hiob haben einander verstanden, sie sind versöhnt, «die Vertraulichkeit des Herrn wohnt wieder in Hiobs Zelten wie in vergangenen Tagen» – die Menschen haben Hiob verstanden, sie kommen jetzt zu ihm und essen Brot mit ihm und beklagen und trösten ihn, seine Brüder und Schwestern verehren ihm jeder eine Münze und einen Goldschmuck – Hiob ist gesegnet und hat alles doppelt wiederbekommen. – Das nennt man eine Wiederholung. Wie tut doch ein Gewitter so gut! Wie muß es doch selig sein, von Gott zurechtgewiesen zu werden! Während sonst ein Mensch sich so leicht verhärtet unter der Zurechtweisung: wenn Gott kommt, dann verliert er sich selbst und vergißt den Schmerz in der Liebe, die erziehen will. Wer hätte an diesen Abschluß denken können? Und doch ist kein anderer Abschluß denkbar, auch dieser ist es nicht.
Wenn alles ins Stocken geraten ist, wenn der Gedanke stillsteht, wenn die Sprache verstummt, wenn die Erklärung verzweifelt umkehrt – dann muß ein Gewitter her. Wer kann das verstehen? Und doch, wer kann etwas anderes ausdenken.
Bekam Hiob da unrecht? Ja! für ewig; denn höher kann er nicht kommen als bis vor den Richterstuhl, der ihn verurteilte. Bekam Hiob recht? Ja! für ewig, dadurch daß er unrecht bekam vor Gott. So gibt es also eine Wiederholung. Wann tritt sie ein? Ja, das ist nicht gut zu sagen in einer menschlichen Sprache. Wann trat sie für Hiob ein? Als alle denkbare menschliche Gewißheit und Wahrscheinlichkeit sie für unmöglich hielten. Nach und nach verliert er alles; hiermit verschwindet mehr und mehr die Hoffnung, indem die Wirklichkeit, weit entfernt, milder zu werden, immer strengere Behauptungen gegen ihn erhebt. Ohne Umschweife gesagt, ist alles verloren. Nur einen Ausweg wissen seine Freunde, besonders Bildad [Hiob 8], daß er, indem er sich unter die Strafe beugt, eine Wiederholung [Wiederbringung] bis zum Überfluß erhoffen dürfe. Das will Hiob nicht. Hiermit werden Knoten und Verwicklung fester angezogen und können nur durch einen Donnerschlag gelöst werden. Für mich enthält diese Erzählung einen unbeschreiblichen Trost. War es nicht doch ein Glück, daß ich nicht Ihrem bewunderten Plan folgte, der so klug war? Vielleicht ist es, menschlich gesprochen, Feigheit von mir, aber vielleicht kann die Vorsehung mir nun desto leichter zu Hilfe kommen. Nur eines bereue ich, daß ich das Mädchen nicht gebeten habe, mir meine Freiheit zu geben. Ich bin davon überzeugt, daß sie es getan hätte. Wer kann wohl eines Mädchens Großmut fassen? Und doch kann ich es nicht recht bereuen, denn ich weiß, daß ich das tat, weil ich um ihretwillen zu stolz dazu war. Wenn ich nicht
Hiob hätte! Mehr sage ich nicht, um Sie nicht mit meinem ewigen Kehrreim zu belästigen.

Ihr Ergebener

Mein stummer Mitwisser!                                          d. 31. Mai
Sie ist verheiratet; mit wem, weiß ich nicht; denn als ich das im Blatte las, wurde ich wie vom Schlage gerührt und verlor die Zeitung und habe seitdem nicht Geduld zu näherer Nachforschung gehabt. Ich bin wieder ich selbst; hier habe ich die Wiederholung; ich verstehe alles, und das Dasein kommt mir schöner vor als jemals. Es kam ja auch wie ein Gewitter, wenngleich ich es ihrer Großmut verdanke, daß es geschah. Wer es auch ist, den sie gewählt hat, ich will nicht einmal sagen: vorgezogen hat, denn an Qualität als Ehemann ist jeder mir vorzuziehen, – sie hat doch Großmut mir gegenüber bewiesen. Wäre er auch der schönste Mann auf der Welt, ein Inbegriff alles Liebenswerten, imstande, jedes Mädchen zu bezaubern, und könnte sie auch das ganze Geschlecht zur Verzweiflung bringen, indem sie ihm ihr Ja gäbe, sie hat doch großmütig gehandelt, wenn nicht durch etwas anderes, so doch dadurch, daß sie mich gänzlich vergessen hat. Was ist doch so schön wie weibliche Großmut! Laß die irdische Schönheit welken, laß ihrer Augen Glanz verlöschen, laß ihren schlanken Wuchs sich unter den Jahren beugen, laß die Locken ihre bezaubernde Macht verlieren, wenn sie verborgen werden von der demütigen Haube, laß ihren königlichen Blick, der die Welt beherrschte, mit mütterlicher Liebe nur den Kreis umschließen und bewachen, den sie umhegt – ein Mädchen, das so großmütig war, altert nie. Laß das Dasein sie belohnen, wie es dies bereits tat, laß es ihr geben, was sie mehr liebte, es gab auch mir, was ich mehr liebte – mich selbst, und gab mir dies durch ihre Großmut. Ich bin wieder ich selbst. Dieses <Selbst>, das ein anderer nicht auf der Landstraße auflesen würde, besitze ich wiederum. Die Spaltung, die in meinem Wesen war, ist aufgehoben; ich schließe mich wiederum zusammen. Die Ängste der Sympathie, die Unterstiitzung und Nahrung fanden in meinem Stolze, drängen sich nicht mehr herein, um abzusplittern und zu separieren. Ist das nicht eine Wiederholung? Bekam ich nicht alles doppelt? Bekam ich nicht mich selbst wieder, gerade so, daß ich die Bedeutung davon doppelt fühlen mußte?
Und was ist eine Wiederholung von irdischen Gütern, die gleichgültig ist gegen die Bestimmung des Geistes, im Vergleich mit einer solchen Wiederholung? Nur die Kinder bekam Hiob nicht wieder [Hiob 1, 2 und 42, 13], weil ein Menschenleben sich nicht so verdoppeln läßt. Hier ist nur des Geistes Wiederholung möglich, wenn sie auch in der Zeitlichkeit niemals so vollkommen wird wie in der Ewigkeit, die die wahre Wiederholung ist.
Ich bin wieder ich selbst; die Maschinerie ist in Bewegung gesetzt, zerhauen sind die Umschnürungen, in denen ich gefesselt war; zerbrochen ist die Zauberformel, die sich in mich eingehext hatte, so daß ich nicht zu mir selbst zurückkommen konnte. Es gibt niemanden mehr, der seine Hände gegen mich erhebt. Meine Befreiung ist sicher, ich bin zu mir selbst geboren; denn solange Ilithyia [Geburtsgöttin] ihre Hände faltet, kann die Schwangere nicht gebären. Dies ist vorbei, meine Jolle ist flott, in der nächsten Minute bin ich wieder dort, wo meiner Seele Trachten war, dort, wo die Ideen mit elementarer Gewalt brausen, wo die Gedanken lärmend aufstehen wie Nationen in der Völkerwanderung, dort, wo zu einer anderen Zeit eine Stille ist wie die tiefe Stille der Südsee, eine Stille, daß man sich selber reden hört, obwohl die Bewegung nur in unserem Inneren vorgeht; wo man jeden Augenblick das Leben einsetzt, es jeden Augenblick verliert und wieder gewinnt. Der Idee gehöre ich. Wenn sie mir winkt, dann folge ich, wenn sie mich zu sich bescheidet, dann warte ich Tage und Nächte, dann ruft mich niemand zum Mittagsmahl, dann wartet niemand mit dem Abendessen. Wenn die Idee ruft, dann verlasse ich alles, oder richtiger gesagt: ich habe nichts zum Verlassen, ich enttäusche niemanden, ich betrüge niemanden, indem ich ihr treu bin, mein Geist wird nicht betrübt dadurch, daß ich einen andern betrüben muß. Wenn ich heimkehre, dann liest niemand in meinen Mienen, niemand erforscht mein Aussehen, niemand entlockt meinem Wesen eine Erklärung, die ich selber nicht einmal geben könnte, ob ich selig bin in Freude oder niedergesunken in Not, ob ich das Leben gewonnen oder verloren habe. Der berauschende Becher wird mir wieder gereicht, ich atme bereits seinen Duft, ich vernehme bereits seine schäumende Musik – doch zuerst eine Trankspende für sie, die eine Seele erlöste, welche in der Einsamkeit der Verzweiflung saß: Gepriesen sei die weibliche Hochherzigkeit! – Es lebe der Flug des Gedankens, es lebe die Lebensgefahr im Dienste der Idee, es lebe die Not des Kampfes, es lebe der festliche Jubel des Sieges, es lebe der Tanz im Wirbel des Unendlichen, es lebe der Wellenschlag, der mich im Abgrunde birgt, es lebe der Wellenschlag, der mich emporschleudert über die Sterne!