Klosterweisheit

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Peter Seewald, Die Schule der Mönche

Vom Anfangen
Der alte gebückte Mönch sah mich ein wenig traurig an und sagte: „Viele Menschen haben kein Rezept. Sie wissen nicht, an was man sich halten, an wen man sich wenden könnte. Und so missachten sie Gesetze des Lebens, die man nicht ungestraft missachten kann. Wissen Sie, unser Glaube ist ja gar keine von Menschen erdachte Verordnung. Manchmal könnte es so aussehen, ich weiß. Aber ich bin heute alt genug, um mir sicher zu sein, dass es nichts anderes ist als das, was Gott selbst in die Welt gebracht hat.“ Gott verlangt nichts vom Menschen, ohne ihm zugleich die Kraft dafür zu geben. Edith Stein

Positiv denken, aber richtig
Nach Benedikt ist es das Ideal des Mönchtums, „in aller Lauterkeit sein Leben zu bewachen“. Der Ordensvater setzt dabei weniger auf den Kampf gegen die Sünde als vielmehr auf ein positives Tun. Sein Motto: „Tue das Gute und meide das Böse. Suche den Frieden und jage ihm nach.“
„Du kriegst alles, wenn du nur willst“, hat zweifellos einen größeren Reiz als der Lehrsatz: „Erlaube nie deinen Wünschen, und wären es auch nur Wünschlein, dass sie dein Herz beunruhigen.“ Selbst ein Verlangen nach Dingen, die weit in der Ferne liegen, sollte man nach den mönchischen Lebensmaximen dämpfen, denn „Menschen, die solche Sehnsüchte haben, vergeuden ihre Zeit in Zukunftsplänen und kommen niemals zum rechten Frieden“. Der Kirchenlehrer Franz von Sales geht sogar noch einen Schritt weiter: „Du sollst nicht einmal wünschen, gescheiter zu sein, als du bist“, rät er, allen Motivationsgurus zum Trotz, „stattdessen benutze das bisschen Verstand, das du hast.“

Stabilitas
Eines der bedeutendsten Schöpfungsworte aus der Schule der Mönche ist Benedikts Gelübde der Stabilitas, der Beständigkeit. Stabilitas meint zunächst das Bleiben am Ort, das Verharren in der einmal gewählten Klostergemeinschaft. Stabilitas ist die Aufforderung, Bindungen einzugehen und an ihnen festzuhalten, Aufgaben, die einem im Zusammenleben gestellt sind, auch zu- verlässig zu erfüllen. Stabilitas hat aber auch mit Zeit zu tun, mit Still-Stand, zur Ruhe kommen. Einmal einhalten. Letztlich: Zeit gewinnen..
Denn wie heißt es bereits in der Bibel: „Was nützt es euch, wenn ihr die ganze Welt gewinnt, euch selbst aber verliert?“
„Stabilitas gehört mit zum Schwersten, was man von modernen Menschen erwarten kann“, meinte der Pater, „manche empfinden sie vielleicht als Gefängnis. Sie fühlen sich eingesperrt, beeinträchtigt in ihrer Freiheit und Flexibiltät. Sie wollen keine Bindung eingehen und sich nicht festlegen. Bei uns Mönchen ist das gerade umgekehrt. In der restlosen und fraglosen Bindung sehen wir gerade das Große am Mönchtum. Durch sie bekommt unser Leben diese typische innere Kraft.“ Der Pater fuhr fort: „Und überlegen Sie doch einmal, was Sie mit der Losung der Stabilitas den Menschen zurufen können:

bleib, wenn du am liebsten vor dir selbst wegrennen willst
bleib, wenn du die Schule schmeißen willst
bleib, wenn du von deiner Liebsten genug hast
bleib, wenn dich deine Familie nervt
bleib, wenn du den Job schon hinwerfen möchtest
bleib, wenn du lebensmüde bist
bleib, wenn du dein Kind eigentlich weggeben möchtest
bleib, auch wenn du todkrank bist
bleib, wenn du nicht mehr warten willst
bleib, wenn du keine Geduld mehr hast
bleib, wenn du schon aufgeben willst.“

Ora et labora
„Nur der Mensch, der arbeitet, ist der echten Meditation fähig. Und nur der Mensch, der betet, kann bleibende Werte schaffen. Erst wo Gebet und Arbeit zusammenkommen, befindet sich der Mensch im Gleichgewicht. Und das ist die ganze Wahrheit.“ Pater John
Ora et labora – Benedikt musste auch die Arbeit in eine Balance bringen, um die dämonische Seite ihrer Energie erst gar nicht aufkommen zu lassen. „Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen“, so bestimmte er ganz eindeutig die Prioritäten. Man lasse alles stehen und liegen, wenn die Glocken den Tag mit ihren Mahnrufen .. unterbrechen. Das Wichtigste nämlich sei, sich zuallererst von der Dynamik, die von Gott ausgeht, ergreifen zu lassen und die eigene Lebensqualität zu verbessern.. Mönche fänden es in der Tat absurd, sich von der Arbeit beherrschen zu lassen. Die Freiheit der Gotteskinder einzutauschen gegen einen neuen Sklavendienst. Ein Tag bekommt eine andere Dimension, wenn man nicht blind in ihn hineinstoplert, ihn zur rechten Zeit unterbricht, rechtzeitig aufhört und gut abschließt. „Ora et labora“ seien wie „zwei Flügel, die uns zur Höhe tragen“, hat jemand formuliert, zwei Takte für den Rhytmus eines Lebens.

Pachomius: Der Ort im Kloster, wo man Gott am nächsten ist, ist nicht die Kirche, sondern. der Garten. Dort erfahren die Mönche ihr grösstes Glück.

Augustinus: Die Seele ernährt sich von dem, an dem sie sich erfreut.

Benedikt von Nursia
Sie sind dann wirklich Mönche, wenn sie wie unsere Väter und die Apostel von ihrer Hände Arbeit leben.

Lob des Leidens
„Bleibt einem nichts erspart, Pater?“ Seien Sie froh drum. Leiden ist ein Prozeß der Reifung. Wer Leiden innerlich angenommen hat, kann auch den anderen besser verstehen. Das Leid macht den Menschen wieder geschmeidig. Es bricht die Verkrustungen auf. Wer am Kreuz hängt, ist in einer Haltung, in der er beide Arme weit geöffnet hat. Sie können es an Menschen beobachten, die lange Zeit auf ihrem allzu hohen Ross saßen und plötzlich heruntergepurzelt sind. Vorher waren sie abweisend, arrogant, eingebildet. Nun sind sie in der Regel viel weniger selbstsüchtig – und stattdessen viel menschlicher, empfänglicher. Wer Leiden immer aus dem Weg gegangen ist, wird hart und selbstgerecht. Er sieht nur das eigene Verhalten, von dem er annimmt, dass es das Maß aller Dinge ist. Das Leid befreit uns von unserer Anspruchshaltung. Den Anspruch auf Wohlstand, den Anspruch auf Partnerschaft. Selbst vom Anspruch auf Glück und Gesundheit. Leid zeigt: Nichts ist einfach so vorhanden – alles ist ein Geschenk. Wir lernen, uns endlich wieder über Dinge zu freuen, die wir zuvor als so selbstverständlich vorausgesetzt und gar nicht mehr richtig geschätzt haben. Ich glaube, wir würden völlig anders leben, wenn wir uns bewusster machen würden, dass die Dinge vergänglich sind. Bis hin zum eigenen irdischen Leben, das wir ja ebenfalls einmal zurückgeben müssen. Wir würden uns nicht so klammern, weder an Menschen noch an Dinge, sondern viel gelassener und souveräner durch das Leben gehen. Und mit viel mehr Dankbarkeit, Wertschätzung und auch Freude. Anstatt immer erst im Nachhinein, also wenn es zu spät ist, die Freude zu erkennen, die wir vorher eigentlich so leicht hätten haben können.
„Klingt fast poetisch.“ Und doppelt wahr. Die radikalste Wirkung von Leid ist eben, dass es sofort, von einer Sekunde auf die andere, ein sehr scharfes Licht auf unser Leben wirft. Mit einem Male werden unsere kleinen Probleme relativiert. Wer sein Kind in der Krebsstation liegen hat, sieht schon an den Zeitschriften im Wartezimmer, mit welchem Unsinn wir den größten Teil unseres Lebens vergeuden. Mit einem Male wird deutlich, was wirklich wichtig ist im Leben. Und auf wie viele Dinge wir eigentlich verzichten könnten.

Gabriel Marcel
Einen Menschen lieben heißt,
zu ihm sagen: Du, du wirst nicht sterben.

Aus dem Buch Jesus Sirach
Wer den Vater ehrt,
erlangt Verzeihung der Sünden,
und wer seine Mutter achtet,
gleicht einem Menschen, der Schätze sammelt.

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