Das Gebet

“Voglio piangere” (Bononcini)

„Voglio piangere“ (Bononcini) Lavinia Bertotti
„Voglio piangere“ aria for Maddalena
from the oratorio La Maddalena a‘ piedi di Cristo (1690) by Giovanni Battista
Bononcini (1670-1747). Lavinia Bertotti, Maddalena with Ensemble Concerto
under Roberto Gini

Voglio piangere,
sin che frangere
possa il nodo che mi lega.
Sempre il cielo
apparve amico a‘ desiri,
a‘ sospiri d’un alma che prega.

I want to weep,
till I can break the knot
that holds me bound.
Heaven seems ever to be receptive
towards the wishes and the sighs
of a soul that prays.

A. Caldara : Maddalena ai Piadi di Cristo "Voglio piangere"

A. Caldara : Maddalena ai Piadi di Cristo „Voglio piangere“
Maria Cristina Kiehr „Sin che ridon le rose odorose“ (Bononcini)
Maria Cristina Kiehr – Agneletti : Gloria (extr. „Canta la Maddalena“)
Maria Cristina Kiehr, Caldara: In lagrime stemprato, from Maddalena
In lagrime stemprato il cor qui cade (Caldara) Maria Cristina Kiehr
Maria Kiehr, Caldara: Per Il Mar del Pianto Mio
Antonio Caldara -„Per il mar del pianto mio“(1713)
Caldara – Maddalena ai piedi di Cristo – „Pompe inutili“, M. C. Kiehr
„Caro/cara, tu mi accendi nel mio core“ (Handel’s Faramondo)

gebete

Gebete der Heiligen Hildegard
SÖREN KIERKEGAARD GEBETE
Benedikt XVI. Das Beten Jesu
DER WACHTTURM APRIL 2014 Ist Beten wichtig?
Hört jemand zu?
Warum Gott möchte, dass wir beten
Beten: Was man davon hat
Martin Luther Gebet
Hour of Power: Bobby Schuller – Die Macht des Gebets!

Joyce Meyer
Beten Sie einfacher
Nah bei Gott
Folgen Sie der Bundeslade
Kennst du das Vater-unser-Gebet? (1) – Joyce Meyer – Mit Jesus den Alltag meistern
Kennst du das Vater-unser-Gebet? (2) – Joyce Meyer – Mit Jesus den Alltag meistern

Kierkegaard, Wie werde ich ein Christ
Betend ist Kierkegaard am ehesten ganz bei sich und ganz vor Gott. Wobei das klassische kirchlich – bürgerliche Gebet ihm fremd bleibt, wenn viele Worte gemacht werden, als habe „das Gebet gleichsam Angst davor, seine Bitte nicht inständig genug vorgetragen zu haben“. Beten meint für ihn, zu hören, was Gott will; das Eigene zu vergessen, leer zu werden für Gott und seinen heiligen Willen. Dem Beten gegenüber zeigt Kierkegaard eine heilige Scheu, die ihm die kirchliche Vollmundigkeit fremd sein lässt. Sowenig sich Gott in dogmatischen Formeln oder liturgischen Floskeln fassen lässt, sondern eher in der Ferne, im Schaudern eines Abraham oder im frommen Erschrecken über tiefen Zweifel reale Gestalt gewinnt – und wenn auch nur als dunkler Schatten -, so zeigt sich Kierkegaards Frömmigkeit nicht im fromm – plaudernden Gebetston, sondern im Hören auf die Stille.
Das Christsein formt sich in ihm dadurch, dass er wenig sein will, vor Gott nichts darstellen will, nichts selbst tut. Gott handelt. Er, Sören, stimmt am Ende ein. Sein Denken, seine Schwermut, sein Kämpfen – all sein Ringen mit sich, den Menschen und mit Gott treibt ihn letztlich weg von dem Eigentlichen. Erst wenn er seinen Eigensinn unter Gottes Willen stellt, findet er Ruhe. Auch hier entleiht Kierkegaard Bilder aus mystischer Tradition. Das Wichtigste sei, „völlig Amen sagen zu können“, einzustimmen in Gottes Willen und sich des eigenen Willens zu enthalten, sich zu leeren, „dass man sich selbst vor Gott durchsichtig geworden ist in all seiner Schwachheit, aber auch in all seiner Hoffnung!“ Ein Christ zu werden, das folgt keiner Gebrauchsanweisung. Gott selbst schenkt die kostbarsten Momente, in denen sich der Mensch als heil erleben kann. Kierkegaard spricht von Kostbarkeiten, „ebenso, ja seltener noch als in der Liebe der Augenblick, da die Liebenden einander unbedingt das Ideal sind“. So kostbar, dass sich vermuten lässt, Kierkegaard selbst weiß von diesem Erleben eher nur durch die Ahnung des Geistes als durch die unmittelbare Erfahrung.

Der Unmittelbare glaubt und bildet sich ein, wenn er bete, sei die Hauptsache, worauf er besonders hinarbeiten müsse, daß Gott hört, um was er betet. Und doch ist es im ewigen Sinne der Wahrheit gerade umgekehrt: Nicht dann ist das Gebets-Verhältnis das wahre, wenn Gott hört, worum gebeten wird, sondern wenn es der Betende ist, der im Gebet verharrt, bis er der Hörende ist, welcher hört, was Gott will. Der Unmittelbare macht viele Worte und ist deshalb eigentlich fordernd, wenn er betet; der wahre Beter ist nur hörig.
Kierkegaard, Tagebücher

Das Wagnis, ein Einzelner zu sein
Leider wünscht ein Mensch im allgemeinen zu viele Dinge, lässt die Seele in jedem Windzug flattern. Aber der, der betet, weiß doch Unterschiede zu machen; er gibt nach und nach auf, was nach seinem irdischen Begriff das unbedeutendere ist, da er damit nicht recht zu Gott kommen darf; und da er nicht wagt, Gottes Güte zu verspielen, indem er immer um dies und jenes bettelt, sondern dagegen dem Begehren ob seines einzigen Wunsches desto mehr Nachdruck verleiht. Da sammelt er seine Seele Gott gegenüber auf einen Punkt seines Wunsches, und schon darin liegt für ihn eine Veredlung, die Vorbereitung zur Aufgabe aller Dinge, denn allein der kann alles aufgeben, der nur einen einzigen Wunsch hatte. So ist er vorbereitet, im Streit mit Gott gestärkt zu werden und zu siegen, denn der rechte Beter streitet im Gebet und siegt dadurch, daß Gott siegt.

Der Streit des Beters mit Gott Die innere Beziehung auf Jesu Wort aus Mk 8,35ff. kommt in den Blick: «Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s erhalten». Wie geht diese Dialektik von Verlieren und Erhalten im Streit des Gebetes vor sich? Beten heißt für Kierkegaard allem voran: Sich-ergeben, und nicht jemanden angreifen oder sich selbst verteidigen, um sich zu erhalten! Wer sich betend hingebe, der streite nicht; gebe er sich aber nicht hin, so bete er auch nicht. Ein Gebet, das keine Ergebung sei, die in dem inwendigen Menschen geschieht, kommt für Kierkegaard als Gebet gar nicht in Betracht.

Durch Schweigen lernen wir Beten. Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, sondern es heißt dahin kommen, daß man schweigt und im Schweigen verharrt, harrt, bis der Beter Gott hört. Kierkegaard

Aber woher kommt es wohl, dass menschliches Leiden verglichen mit dem der Lilie so furchtbar erscheint, wenn nicht daher, dass sie nicht sprechen kann?
Für die Lilie ist Leiden Leiden, weder mehr noch weniger.

Die Kraft des Menschen ist das Gebet. Beten ist Atemholen aus Gott; beten heißt sich Gott anvertrauen. Dietrich Bonhoeffer

Dankbarkeit sucht über der Gabe den Geber. Dietrich Bonhoeffer

Das Gebet ist kein gelegentlich anzuwendendes Mittel, nicht ein letzter Ausweg dann und wann. Es ist vielmehr ein fester Wohnsitz für das Innerste der Person. Alle Dinge haben eine Heimat: Der Vogel hat sein Nest, der Fuchs seinen Bau und die Bienen ihren Stock.
Eine Seele ohne Gebet ist eine Seele ohne Heimat.
Abraham Joshua Heschel, polnischer Rabbiner 

Wenn ein Mensch aufhört, ein Gebetsleben zu führen, dann richten jene weltlichen Dinge, die ihm nützen sollen, nur Schaden und Zerstörung an. Sadhu Sundar Singh

Das Gebet darf niemals die Arbeit im Reiche Gottes und in seiner Gemeinde verdrängen. Wenn wir Gott ernsthaft bitten, dass sein Wille auf der Erde Tat wird, dass sein Charakter in Werken offenbar wird, dass seine Herrschaft die Menschen zu Einheit, Gerechtigkeit und Liebe führen soll, so wird unser Leben Arbeit sein. Eberhard Arnold

Wenn du tust, worum Gott dich gebeten hat, tust du das Größte, was du gerade tun kannst. – Joyce

Eine neue Definition von Gebet
Betet ohne Unterlass! 1. Thessalonicher 5,17 (EU)
Haben Sie schon einmal den biblischen Ausdruck „beten ohne Unterlass“ gehört? Für viele klingt das abschreckend und unmöglich. Wie könnte jemand mit gesenktem Kopf 24 Stunden am Tag knien und beten? Wenn das Ihre Vorstellung ist, dann wird es höchste Zeit für eine neue Definition von Gebet. Viel zu oft verstehen wir Gebet als einen ganz bestimmten Ablauf, der nur möglich ist, wenn wir für uns alleine sind und den Rest der Welt ausgeschlossen haben. Aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass auch ein Gedanke, der an Gott gerichtet ist, ein stilles Gebet ist? Das stimmt! Gebet heißt Kommunikation mit Gott. Wenn die Bibel also davon spricht, dass wir „ohne Unterlass“ beten sollen, heißt das, wir sollen ständig offen sein für die Kommunikation mit Gott. Das kann eine zweistündige Gebetszeit sein oder einfach nur das Bewusstsein seiner Gegenwart während des Tages. Gott hat das Gebet nicht kompliziert gemacht. Er will, dass das Gebet ein fester Bestandteil unseres Alltags ist. Entdecken Sie heute diese neue Definition von Gebet und Sie werden die Freude erleben, ständig mit dem Gott, der Sie liebt, in Verbindung zu stehen.
Gebet: Gott, schenk mir eine neue Definition von Gebet und zeige mir, wie ich den ganzen Tag mit dir kommunizieren kann. Danke, dass du immer da bist in meinem Leben.

Sprechen Sie Gottes Wort zum Berg
Ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg hier sagt: „Heb dich empor und stürz dich ins Meer!“ und wenn er dabei in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass das, was er sagt, geschieht, wird es eintreffen. Markus 11,23 (NGÜ)
Als Jesus sagte, wir sollten dem Berg befehlen, sich hinwegzuheben und sich ins Meer zu versenken, machte er damit eine sehr radikale Aussage. Wir sprechen immer ÜBER die Berge oder Herausforderungen in unserem Leben, aber Gottes Wort sagt, wir sollen ZU ihnen sprechen. Und wenn wir das tun, müssen wir das Wort Gottes zu ihnen sprechen. In Lukas 4, als Satan Jesus in der Wüste in Versuchung führen wollte, hat Jesus auf jede seiner Versuchungen mit einem Wort aus der Bibel geantwortet. Er hat Verse zitiert, die die Lügen und Täuschungen des Teufels direkt widerlegten. Wir versuchen das oft eine Zeit lang, aber wenn wir dann nicht sofort Ergebnisse sehen, hören wir auf, unseren Problemen mit dem Wort Gottes zu begegnen und lassen stattdessen wieder unsere Gefühle sprechen. Beharrlichkeit ist ein wichtiger Schlüssel zum Sieg. Immer wieder mit Gottes Wort auf unsere Probleme und Schwierigkeiten zu antworten, ist unbedingt notwendig, um sie zu überwinden. Sie müssen wissen, was Sie glauben und entschlossen sein, bis zum Ende daran festzuhalten.
Gebet: Heiliger Geist, erinnere mich jeden Tag daran, auf die Berge in meinem Leben zu reagieren, indem ich das Wort Gottes ausspreche. Wenn ich in Gefahr stehe zu jammern und zu verzweifeln, erfülle mich mit deinem Frieden und Mut. Erinnere mich daran, deinen Willen zu verkünden und den Berg zu versetzen!
Mahalia Jackson – Lord Don’t Move The Mountain

Empfangen Sie die Kraft Gottes durch Gebet
Solange Jesus hier auf der Erde lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen seine Gebete und Bitten an den einen gerichtet, der ihn aus dem Tod befreien konnte. Und weil er große Ehrfurcht hatte vor Gott, wurde er erhört. Hebräer 5,7 (NLB)
Das Gebet ist deshalb so kraftvoll, weil es die Herzen der Menschen auf der Erde mit dem Herzen Gottes im Himmel vereint. Wenn wir beten, sind wir mit Gott verbunden und er beeinflusst unser tägliches Leben mehr als wir uns vorstellen können. Ich glaube, dass das Gebet eine der größten Mächte der Welt ist. Das klingt vielleicht ein bisschen gewagt, aber es stimmt! Das Gebet öffnet die Tür für Gottes Handeln. Es ist etwas, das wir hier auf der Erde tun können, wenn wir die Hilfe von himmlischen Mächten in unserem Leben brauchen, um uns Weisheit, Führung, Ermutigung oder ein Wunder für einen Durchbruch zu bringen. Das Gebet verbindet uns mit der Kraft Gottes – und deshalb hat es mehr Macht als alles, was wir uns vorstellen können. Sogar Jesus musste beten und diese Kraft empfangen, als er auf der Erde war. Nur Gottes Kraft kann jemandem, der nichts mit dem Leben anzufangen weiß, Frieden bringen, Freude schenken, Weisheit vermitteln, Selbstwertgefühl und Sinn geben und alle möglichen Wunder in seinem Leben bewirken. Möchten Sie diese Kraft in Ihrem eigenen Leben erfahren? Dann geben Sie dem Gebet viel Raum.
Gebet: Herr, die Macht des Gebets ist absolut faszinierend. Ich will mit dir verbunden sein und erleben, wie du in meinem Leben wirkst. Deshalb will ich beständig im Gebet bleiben.

Mein Gott, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich und ich liebe Dich. Ich bitte Dich um Verzeihung für jene, die an Dich nicht glauben, Dich nicht anbeten, auf Dich nicht hoffen und Dich nicht lieben. Heiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist, in tiefster Ehrfurcht bete ich Dich an und opfere Dir auf den kostbaren Leib und das Blut, die Seele und die Gottheit Jesu Christi, gegenwärtig in allen Tabernakeln der Erde, zur Wiedergutmachung für alle Schmähungen, Sakrilegien und Gleichgültigkeiten, durch die Er selbst beleidigt wird. Durch die unendlichen Verdienste Seines Heiligsten Herzens und des Unbefleckten Herzens Mariens bitte ich Dich um die Bekehrung der armen Sünder. Amen

Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen. Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen. Ich will dich rühmen mein Leben lang, in deinem Namen die Hände erheben. Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele, mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen. Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache. Ja, du wurdest meine Hilfe; jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel. Meine Seele hängt an dir,deine rechte Hand hält mich fest. Viele trachten mir ohne Grund nach dem Leben, aber sie müssen hinabfahren in die Tiefen der Erde. Man gibt sie der Gewalt des Schwertes preis, sie werden eine Beute der Schakale. Der König aber freue sich an Gott. Wer bei ihm schwört, darf sich rühmen. Doch allen Lügnern wird der Mund verschlossen. Psalm 63

Es darf auf der ganzen Welt niemanden geben, und mag er selbst gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der von dir fortgehen müsste, ohne Erbarmen bei dir gefunden zu haben, wenn er Erbarmen wollte. Franziskus von Assisi (1181 – 1226), Ordensgründer

Menschen der Hoffnung
Bad Boll, eine Gebetsheilanstalt? Heilung ist für Blumhardt etwas Unabsichtliches, Sekundäres. Das Primäre und eigentlich Wichtige ist der schmerzliche und befreiende Schritt der Buße, vollzogen im Vertrauen auf Gottes Vergebung. Hier entzündet sich ein geistliches Neuwerden auch bei Menschen, die in Bad Boll nicht geheilt worden sind. Alte Hoffnungsziele werden als nebensächlich erkannt. Das eigene Ich wird nicht mehr ständig umkreist, sondern wird Bestandteil der Hoffnung auf das Reich Gottes.

Das hat auch Theophil Brodersen, der jüngste Sohn Gottliebins aus ihrer Ehe mit Theodor Brodersen, erfahren. Theophil ist seit dem achten Lebensjahr völlig taub; Gebete und eine ärztliche Behandlung bleiben ohne Wirkung. Für ihn dichtet Blumhardt in Anlehnung an Psalm 62:

Sei still zu Gott, der wunderbar zu sein
Noch nicht vergessen hat.
Harr Seiner fest und glaub’s, dass Er erschein‘,
Und zeige mit der Tat,
Wie leicht Ihm’s ist, in allen Dingen
Das Herrlichste noch zu vollbringen.
Sei still zu Gott! Sei still zu Gott!
Es kommt gewiss die Zeit,
Wie sie verheißen ist.
Sie kommt, sie kommt, da sich die Herrlichkeit
In Jesu, unsrem Christ,
Noch allem Fleisch wird offenbaren,
Und dann auch du sollst Hilf‘ erfahren.
Sei still zu Gott!

Der endzeitliche und zugleich weltweite Zusammenhang, in den Blumhardt das Möttlinger und Bad Boller Geschehen stellt, wird erkennbar. Wenn sich das Wirken des Heiligen Geistes der gestalt in dem kleinen Möttlingen zeigt, dann – so Blumhardt – kann das doch nur der erste Akt sein. Er erwartete, schreibt er im Februar 1844, noch eine Ausgießung des Heiligen Geistes über die ganze Welt. „Diese muss kommen, wenn es mit unserer Christenheit anders werden soll. Ich spüre es, so ärmlich darf’s nicht fortgehen. Die ersten Gaben und Kräfte, ach! Die sollten wieder kommen! Und ich glaube, der liebe Heiland wartet nur drauf, dass wir drum bitten.“

GERHARD LOHFINK, GEGEN DIE VERHARMLOSUNG JESU
Beten als Realitätsgewinn
Greift Gott in die Welt ein? Bewirkt mein Gebet, dass er handelt? Oder handelt er nur auf die Weise, dass mich mein eigenes Gebet verändert? Es gibt wohl keinen, der die angebliche Sinnlosigkeit des Bittgebets anschaulicher und drastischer ausgemalt hat, als Bert Brecht. Im 11. Bild des Lehrstücks „Mutter Courage und ihre Kinder” will Brecht den Christen zeigen: Eure Beterei ist völlig sinnlos. Mehr noch: Eure Beterei ist gefährlich. Denn wer betet, wird genau dann, wenn er selbst handeln müsste, durch sein Beten am Handeln gehindert. Beten bringt keinen Realitätsgewinn, sondern Realitätsverlust. Wie versucht Bert Brecht das zu zeigen? Wir befinden uns im Dreißigjährigen Krieg. Im 11. Bild der „Mutter Courage” nähern sich kaiserliche Truppen tief in der Nacht der Stadt Halle. Soldaten wollen in einem Gehöft vor der Stadt eine Gruppe von Bauern dazu zwingen, dass sie den Kaiserlichen einen heimlichen Weg in die Stadt zeigen. Die Bauern bringen nichts anderes fertig, als zu jammern und zu beten:
Vater unser, der du bist im Himmel, hör unser Gebet, lass die Stadt nicht umkommen mit alle, wo drinnen sind und schlummern und ahnen nix. Erweck sie, dass sie aufstehn und gehn auf die Mauern und sehn, wie sie [die Kaiserlichen] auf sie kommen mit Spießen und Kanonen in der Nacht über die Wiesen. […]
Mach, dass der Wächter nicht schläft, sondern aufwacht, sonst ist es zu spät. Unserm Schwager steh auch bei, er ist drin mit seine vier Kinder, lass die nicht umkommen, sie sind unschuldig und wissen von nix. […]
Vater unser, hör uns, denn nur du kannst helfen, wir möchten zugrund gehen, warum, wir sind schwach und haben keine Spieß und nix und können uns nix traun und sind in deiner Hand mit unserm Vieh und dem ganzen Hof, und so auch die Stadt, sie ist auch in deiner Hand, und der Feind ist vor den Mauern mit großer Macht.
Soweit das Gebet der Bauern. Es ist natürlich eine gekonnte Persiflage vieler christlicher Gebete: „Mach, dass der Wächter nicht schläft …” „Mach, dass meinem Kind nichts passiert ist …” Wer von uns hat nicht schon ähnlich gebetet? Aber warum sollte man so nicht beten dürfen? Es ist ein Gebet voll Vertrauen in die Allmacht Gottes. Und was passiert bei Brecht? Während die Bauern in dieser Weise beten, packt sich Kattrin, die stumme und verkrüppelte Tochter der Mutter Courage, eine Trommel, steigt auf das Dach des Stalls, zieht die Leiter zu sich herauf und fängt an zu trommeln. Die Soldaten können nicht auf das Dach. Deshalb schießen sie das Mädchen vom Dach herunter. In der Stadt aber hat man ihr Trommeln gehört und schlägt Alarm. Kattrin ist tot, die Stadt wird gerettet. Nicht beten, sondern handeln! Das ist das aufrührerische Fazit dieses 11. Bildes. Beten ist Flucht vor der Realität und Flucht vor der Eigenverantwortung. Bert Brecht hat diese Parole äußerst eindrucksvoll in Szene gesetzt. Allerdings kommt ihm gar nicht in den Sinn, dass Gott durch Kattrin gehandelt haben könnte. Nimmt man Bert Brecht nämlich beim Wort, so wurde Kattrin gerade durch das Beten ihrer Mutter und der Bauern zum Handeln getrieben. Ich bin überzeugt, man könnte anhand dieser Szene von Bert Brecht eine ganze Theologie des Handelns Gottes in der Welt entwerfen. Gott handelt eben nicht so, dass wir es vorauskalkulieren können. Er ist kein Automat, in den man seine Bitte hineinwirft, auf den Knopf drückt und unten kommt die Hilfe heraus – genau in der Form, in welcher der Automat programmiert ist. Gott erhört all unsere Gebete – oft in einer fast erschreckenden Direktheit, oft aber auch diametral anders, als wir es uns ausgedacht hatten. Das Gebet der Bauern wurde ja erhört – aber auf einem anderen Weg, als sie es sich vorstellten. Dieser Weg ging sogar über ein schreckliches Opfer – über den Tod eines unschuldigen Mädchens. Und auch das führt in das Zentrum des christlichen Glaubens. Denn der Welt zu Hilfe kommen, die Welt verändern, geht in den allermeisten Fällen nicht ohne Opfer, weil die Welt zutiefst widerständig ist. Wahre Rettung und wahre Hilfe brauchen meistens das Opfer. Erlösung geschieht nicht magisch. Ich meine, dass Bert Brecht in dieser so bewegenden Szene aus der „Mutter Courage” – ohne es selbst zu wollen – etwas vom Geheimnis des Eingreifens Gottes in der Welt gezeigt hat. Gott greift ein, aber meist auf ganz anderen Wegen, als wir es uns ausrechnen. Es gibt im Leben vieler Christen die überwältigende, oft geradezu erschreckende Erfahrung, wie genau und wie überreich Gott Gebete erhört. Diese Erfahrung steht in sich. Mit ihr lässt sich nicht argumentieren, sie lässt sich nicht experimentell überprüfen, erst recht lässt sie sich nicht vermarkten. Sie kann nur immer neu von Einzelnen, von christlichen Gemeinschaften oder von der ganzen Kirche gemacht werden. Daneben aber steht – genauso erschreckend – die Erfahrung, dass Gott schweigt, dass er offenbar nicht eingreift, ja dass er scheinbar das Gegenteil des Erbetenen tut. Beide Erfahrungen können nicht gegeneinander ausgespielt werden, und derjenige, der sie beide immer wieder gemacht hat, kommt auch gar nicht auf den Gedanken, es zu tun. Denn er hat zu oft erfahren, dass Gott trotz seines Schweigens gegenwärtig ist, dass er Gebete nicht erhört und sie in anderer Weise doch erhört, dass schon der Vorgang des Bittgebets selbst zur befreienden, sinnstiftenden Veränderung der Realität werden kann.

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